close

Вход

Забыли?

вход по аккаунту

?

5839.Интерпретация немецкого художественного текста = Interpretation des deutschen kГјnstlerischen Textes учеб. РїРѕСЃРѕР±РёРµ

код для вставкиСкачать
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Министерство образования и науки Российской Федерации
Федеральное государственное автономное образовательное учреждение
высшего профессионального образования
«Северный (Арктический) федеральный университет
имени М.В. Ломоносова»
А.М. Поликарпов,
Е.В. Поликарпова
Интерпретация немецкого
художественного текста
Interpretation des deutschen
künstlerischen Textes
Допущено САФУ имени М.В. Ломоносова
в качестве учебного пособия
Архангельск
ИПЦ САФУ
2013
1
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
УДК373.167.1:811ю111
ББК 81ю2нем-922
П50
Рекомендовано к изданию редакционно-издательским советом
Северного (Арктического) федерального университета
имени М.В. Ломоносова
Рецензенты:
доктор филологических наук, профессор С.Ю. Потапова,
доктор филологических наук, профессор В.А. Собянина
П50
Поликарпов, А.М.
Интерпретация немецкого художественного текста = Interpretation
des deutschen künstlerischen Textes: учеб. пособие / А.М. Поликарпов,
Е.В. Поликарпова; Сев. (Арктич.) федер. ун-т им. М.В. Ломоносова. –
Архангельск: ИПЦ САФУ, 2013. – 115 с. – Текст нем.
ISBN 978-5-261-00860-6
Учебное пособие содержит теоретические положения по интерпретации художественного текста и стилистике немецкого языка, развернутые практические задания на основе аутентичных художественных
текстов современных немецких авторов, дополнительные материалы
(биографические справки о писателях, образцы интерпретирования
текстов).
Издание адресовано студентам, обучающимся по образовательным
программам бакалавриата и магистратуры (направления «Лингвистика», «Педагогическое образование») и специалитета (направление
«Лингвистика и межкультурная коммуникация»), а также может быть
использовано в преподавании дисциплин «Практикум по культуре речевого общения (немецкий язык)» и «Стилистика немецкого языка».
УДК 373.167.1:811ю111
ББК 81ю2нем-922
ISBN 978-5-261-00860-6
© Поликарпов А.М., Поликар пова Е.В., 2013
© Северный (Арктический)
федеральный университет
им. М.В. Ломоносова, 2013
2
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Inhalt
Kapitel 1. Theoretischer Teil....................................................................
Interpretieren, aber wie? (4) Praktische Aufgaben (14)
Kapitel 2. Literarische Texte und Aufgaben...........................................
Ingrid Kötter. Kündigungsgedanken.....................................................
21
21
Renate Holland-Moritz. Frühlingsgefühle............................................
29
Rainer Brambach. Für sechs Tassen Kaffee.........................................
39
Angelika Mechtel. Netter Nachmittag...................................................
47
Heiner Müller. Das Eiserne Kreuz........................................................
59
Wolfgang Borchert. Nachts schlafen die Ratten doch...........................
69
Johannes Bobrowski. Mäusefest............................................................
75
Klaus Stiller. Ausländer.........................................................................
84
Herbert Rosendorfer. Die springenden Alleebäume.............................
96
Bibliographie..............................................................................................
112
Aufgaben zur Textinterpretation (22). – Weiterführende Aufgaben (23). – Interpretationsvorschlag (27)
Aufgaben zur Textinterpretation (31). – Weiterführende Aufgaben (32). – Interpretationsvorschlag (37)
Aufgaben zur Textinterpretation (42). – Weiterführende Aufgaben (43). – Interpretationsvorschlag (45)
Aufgaben zur Textinterpretation (49). – Weiterführende Aufgaben (50). – Interpretationsvorschlag (57)
Aufgaben zur Textinterpretation (61). – Weiterführende Aufgaben (62). – Interpretationsvorschlag (66)
Aufgaben zur Textinterpretation (72). – Weiterführende Aufgaben (72). – Interpretationsvorschlag (73)
Aufgaben zur Textinterpretation (78). – Weiterführende Aufgaben (78). – Interpretationsvorschlag (82)
Aufgaben zur Textinterpretation (86). – Weiterführende Aufgaben (87). – Interpretationsvorschlag (95)
Aufgaben zur Textinterpretation (99). – Weiterführende Aufgaben (100). – Interpretationsvorschlag (109)
3
4
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Kapitel 1
Theoretischer Teil
Interpretieren, aber wie?
Die Arbeit am literarischen Text nimmt traditionell einen wichtigen
Platz im Unterrichtsprozess des Faches „Praktikum in der Redekultur
des Deutschen“ an philologischen Instituten und Fakultäten ein. Um
einheitliche Prämissen der Einbeziehung des literarischen Textes in den
Deutschunterricht bei seiner Interpretation zu gewähren, sollten hier
kurz die Grundlagen der Textinterpretation vorgestellt werden.
Wir gehen im Anschluss an die Meinung von E. Gončarova davon
aus, dass der literarische Text einen hohen Stellenwert im Unterrichtsprozess aufweist: a) als eine Informationsquelle über Geschichte, Kultur,
Lebensweise und Wertvorstellungen fremder Völker, deren Sprache erlernt wird; b) als eine Grundlage für die Förderung intellektueller Beziehungen, für den Austausch humanistischer Kulturgüter und somit für
die Völkerverständigung; c) als eine Basis für die Rezeption, die gleichzeitig mit zwei Medien der nationalen Mentalität und Kultur zu tun hat:
mit Literatur als einer besonderen Kunstart und Sprache als ihrem „Baustoff“ [Gončarova, S. 161].
Unter Textinterpretation versteht man im Allgemeinen „den über die
bloße Textbeschreibung hinausgehenden Versuch, Wirkungsabsichten
und (evtl. auch nicht beabsichtigte) Wirkungen eines Textes zu erschließen“ [Textinterpretation...].
Um eine „rein ästhetisch motivierte“ Interpretation des gewöhnlichen Lesers von einer fachlichen, philologisch fundierten Interpretation eines literarischen Textes im Rahmen des Fremdsprachenunterrichts
zu unterscheiden, berufen wir uns auf die Meinung von E. Gončarova,
die die Unterscheidung zwischen den oben genannten Interpretationsarten festzustellen versucht: „Das Ziel und die Folge der „rein“ ästhetisch
4
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
motivierten Erschließung eines künstlerischen Textes sind ein emotional-expressives Erlebnis, ein maximales Eindringen in die… InhaltFormbeziehungen ohne ihre bewusste Differenzierung oder analytische
„Atomisierung“. Die didaktische Textinterpretation setzt in Ergänzung
dazu die Behandlung des künstlerischen Textes als Quelle der Exemplifizierung voraus, wobei der Lerner durch den Lehrer zum sinnvollen,
wissenschaftlich fundierten und praktisch überzeugenden Umgang mit
Texten verschiedener literarischer Gattungen und Genres befähigt wird,
um letztlich eine literarische Kommunikationskompetenz ausbilden zu
können, die ein wesentliches Merkmal kultureller und fachlicher Bildung ist“ [Gončarova, S. 161].
Meistens wird die Textinterpretation auf literarische Texte angewandt, aber auch Gebrauchstexte (z. B. kommerzielle Inserate) können
durch eine Textinterpretation in ihrer Wirkung umfassend erkannt werden.
Bei einem argumentierenden Interpretieren erfolgt die Textinterpretation gewöhnlich in sechs Schritten:
1) Einleitung: Der Inhalt, Autor des Textes, das Erscheinungsjahr
und die Wirkungsabsichten des Textes werden kurz wiedergegeben;
2) Inhaltsangabe: Der Inhalt des Textes wird verkürzt wiedergegeben. Dabei wird weniger auf Details geachtet, wichtiger sind der Verlauf
der Erzählung, die wichtigsten Charaktere und die wesentlichen Ereignisse;
3) Interpretationshypothese: Sie soll das eigene Textverständnis erklären und kurz skizzieren, welches Ziel die Interpretation hat;
4) Formale Analyse: Der Text wird vor allem auf Besonderheiten der
Wortwahl, Formen des Satzbaus und der Satzverknüpfungen und auf
sprachliche Bilder hin analysiert;
5) Interpretation: Der Text wird entsprechend der Interpretationshypothese gedeutet. Wichtig sind dabei Zitate entscheidender Textstellen,
die die Hypothese belegen. Auch auf sprachliche Stilmittel soll hingewiesen werden;
6) Schluss: Der Schluss besteht meist aus einer zusammenfassenden Bewertung der eigenen Hypothese, um sie nochmals zu bekräftigen
[Textinterpretation…].
W.L. Naer betrachtet die Textinterpretation unter „semantischzentriertem“ Gesichtspunkt als eine Art analytische Tätigkeit, die das
Ziel verfolgt, sinngemäß inhaltliche Information zu explizieren. Der
Semantik wird damit Vorzug genommen, wobei der Syntaktik und der
Pragmatik, die in jedem Text ebenso vorhanden sind, eine sekundäre
5
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Rolle zugewiesen wird [Наер, S. 11]. Eine adäquate Textinterpretation
befindet sich nach der Meinung von W.L. Naer in einem Zusammenhang
mit der Adäquatheit des Verstehens. Diese Abhängigkeit kann dabei
verschieden ausgelegt werden. Einerseits wird behauptet, dass ein Text
interpretiert werden soll, um verstanden zu werden. Andererseits wird
einem richtigen Verstehen des Textes eine gute Voraussetzung für eine
fundierte Interpretation zuerkannt [ebenda].
In diesem Zusammenhang soll in Erinnerung gebracht werden, dass
das Wort „Interpretation“ im hermeneutischen Sinne ein Verfahren für
die Realisation des Verstehens darstellt. Als Hauptaufgabe der Interpretation gilt dabei: einen Gesamteindruck über das Werk in der Gesamtheit von seinen Bestandteilen zu bekommen, darunter der Komposition
[Фесенко, S. 732]. F. Schleiermacher betonte in seiner Zeit, dass die Interpretationskunst eben darin besteht, sich von der objektiven und subjektiven Seite an den Autor des Textes anzunähern, und das ist nur durch
das Verstehen der Autorensprache (von der objektiven Seite) und durch
das Wissen von Fakten aus dem inneren und äußeren Leben des Autors
(von der subjektiven Seite) möglich [ebenda, S. 733].
G. Michel weist darauf hin, dass für eine richtige Auslegung des
Textinhalts eine intuitive Rezeption nicht ausreicht. Man braucht eine
theoretisch fundierte Sprachstilanalyse, die aufschließt, „was nicht direkt im Text gesagt wird, was durch die Art der Sprachwahl an impliziten Informationen vermittelt wird“ [Michel, S. 158].
L.A. Nozdrina weist darauf hin, dass die Textinterpretation immer
auf dem Verstehen und dem Eindringen in das Wesentliche basiert. Die
Linguistin betont dabei, dass das Textverstehen nicht gleich bei allen
Interpreten sein kann. Es hängt vom Wissen des Lesers, von seiner persönlichen Erfahrung, Ansichten, Wertsystemen und von vielen anderen
Faktoren ab [Ноздрина, S. 3]. Für das Verstehen des literarischen Werkes sind nicht nur das Wissen über die Epoche, in der der Autor gelebt
und geschaffen hat, nicht nur das Wissen über die Zeit, die im Werk
beschrieben wird, nicht nur das Wissen über philosophische Ansichten
des Autors und seine literarische Neigungen wichtig, sondern vor allem
die Autorensprache, in der das Werk geschrieben ist. Die Fähigkeit, diese oder jene sprachliche Erscheinung aus dem Text zu fixieren und zu
bewerten bereichert nicht nur unseren Eindruck vom Durchgelesenen,
sondern hilft uns in das Wesen des Textes einzudringen und die Autorenintention herauszubekommen [ebenda].
Der Begriff „Textinterpretation“ bezieht sich nach E. Riesel, „auf
jegliche Erklärung geschriebener oder gesprochener Rede unter inhalt6
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
lichem und formalem Aspekt, d.h. auf das Erfassen von Thema und
Gedankeninhalt einerseits, von architektonischem Aufbau andererseits,
sowie auf die gesamte Darbietungsform in ihrer sprachlichen Ausformung“ [Riesel, 1974, S. 5]. E. Riesel betont, dass der Gegenstand der
Textinterpretation Texte verschiedener Stile sein können: Auszüge aus
den Werken der schönen Literatur, der Publizistik, der Sachprosa, der
Alltagsrede. Sie nennt zwei Typen der philologischen Textinterpretation:
die analytische und die analytisch-synthetische. Die Linguistin schlägt
vor, bei der Textinterpretation folgende vier Schritte zu berücksichtigen:
– kurze funktionale bzw. literarische Charakteristik des Textes;
– kurze Angabe des expliziten Inhalts und der implizit mitschwingenden Gedanken;
– Betrachtung der Textkomposition;
– Behandlung der sprachstilistischen Ausformung der Textkomposition [ebenda, S. 5ff.].
Dabei verbindet E. Riesel „außersprachliche Faktoren mit linguistischer Charakteristik, geht vom Einzelnen hin, vom Inhalt zur Form“
[Амзаракова, Савченко, S. 83].
I.W. Arnold charakterisierte die künstlerischen (literarischen) Texte
mit Recht als Erzähl- und Redesysteme, deren Interpretation als Festlegung der Hierarchie ihrer Bestandteile verstanden wird [Арнольд,
S. 349].
Wichtig ist für den Unterrichtsprozess im Universitätsfach „Praktikum in der Redekultur des Deutschen” die Tatsache, dass die Textinterpretation ein wichtiger Arbeitsbereich nicht nur in der Sprachwissenschaft, sondern auch in der Literaturwissenschaft ist. So wird die
Methodenlehre der Interpretation im Rahmen der Literaturwissenschaft
Hermeneutik genannt. „Neben der Hermeneutik gibt es zahlreiche weitere Methoden und Theorien zur Interpretation von Texten. Diese Methoden versuchen auf unterschiedliche Weise, den Schritt vom Text zur
Interpretation methodisch zu reglementieren. Eine methodisch gelenkte
Interpretation soll den Vorteil haben, dass sie nachvollziehbarere und
“wissenschaftlichere” Ergebnisse liefert, also das Wissen über einen
Text vermehrt und nicht nur die Meinung des Interpreten wiedergibt.
Es gibt jedoch auch Literaturwissenschaftler, die sich gegen die methodische Interpretation von Texten wenden. Die Schule des sogenannten
Close Reading lehnt jedoch nicht generell Interpretation ab, sondern will
vor allem das äußerst genaue, mikrologische Lesen fördern“ [Textinterpretation…].
7
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Die Textinterpretation kann sich als textimmanente Interpretation
auf eine Analyse auf der Basis von Inhalt und sprachlicher Gestaltung
des Texts beschränken. Sie kann aber auch psychologisches, soziokulturelles und historisches Wissen einbeziehen. Die meisten Philologen sind
darin einig, dass der literarische Text eine seelische gefühlsbegriffliche
Welterkenntnis ist, die aus einem besonderen inneren Zustand eines
Künstlers resultiert und die neben der Widerspiegelung der objektiven
Realität eine gewisse Relation dazu, eine Bewertung, beinhaltet [vgl.
Адмони, S. 120; Винокур, S. 44]. In diesem Zusammenhang scheint
es bei der Textinterpretation außerordentlich wichtig zu sein, auf den
Charakter der Erkenntniseinstellung des Autors, auf die Weltwahrnehmungsweise des Künstlers einzugehen. Denn darin besteht ein persönliches Verhalten des Künstlers zur Welt der objektiven Realität, das im
Ideengehalt des literarischen Werkes offensichtlich wird, indem entsprechende sprachliche Mittel zum Gebrauch kommen.
Außerordentlich wichtig scheint der Gedanke, dass die Wahrnehmung eines literarischen Werkes die intellektuelle Tätigkeit des Lesers
aktiviert. Desto überzeugender klingt dabei unsere These, dass eine
mentale Tätigkeit in den Mittelpunkt der Textinterpretation rücken sollte.
Es ist doch bekannt, dass mentale Tätigkeit beim Interpretieren sowohl
aus der Kodierung der Zielinformation durch den Sprechenden (Schreibenden) sowie aus der Dekodierung durch den Rezipienten resultiert,
wobei nicht nur Dekodierung der sprachlich fixierten Information zustande kommt, sondern auch Relationen zu einer bestimmten Situation
und zum Wissen entstehen. Die Textinterpretation ist somit mit Erkenntnisfaktoren (Situativität, Inaktivierung, Dynamizität und Kreativität) zu
verknüpfen, wobei diskursive Kompetenz des Interpreten an Bedeutung
bekommt. Unter der diskursiven Kompetenz versteht man um Rahmen
des modernen kognitiv-diskursiven Paradigmas das Vorhandensein von
obligatorischen Kenntnissen für die Interpretierung eines kommunikativen Aktes unter Berücksichtigung von außersprachlichen Faktoren.
Gemeint werden dabei Kenntnisse über Modelle sprachlicher Persönlichkeiten, Ereignisse, Handlungen, Prozesse, über die Umstände der
Ereignisse und Bewertungen mittels der Ereignisteilnehmer. Aufgrund
dieser Kenntnisse entstehen Kontexterwartungen bezüglich eines weiteren Narrationsverlaufs. Wichtig ist für die Interpretation der Interpret
selbst, seine Betrachtungsweise sowie die Wahl eines Modells für die
Schaffung seines eigenen Interpretationssystems, dessen Teil er selbst
ist [vgl. Бойко, 2008, S. 198].
8
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Einleuchtend scheint in diesem Zusammenhang der Begriff der Diskursinterpretation, deren Effizienz darin besteht, wie genau dasjenige,
was der Autor intendiert hat, mit demjenigen zusammenfällt, was der
Rezipient beim Durchlesen „erwirbt“ [vgl. Чернявская]. Mit anderen
Worten, beinhaltet der Terminus der Diskursinterpretation vor allem die
Erschließung eines Weltbildes des Autors durch das Heranziehen von
außersprachlichen Faktoren: pragmatischen, soziokulturellen, psychologischen etc.
Ein kognitives Herangehen an die Textinterpretation, das zur Zeit
immer mehr an Anhängern bekommt, besteht vor allem in der Dekodierung des Weltbildes, das der Autor des Werkes konstruiert. Die
Kompliziertheit des Dekodierungsprozesses erklärt sich dabei durch die
Vielschichtigkeit des Interpretationsobjektes, des literarischen Werkes.
Indem der Autor ein literarisches Werk schafft, konstruiert er eine erdichtete, poetische, fiktive Welt, in der mythische Helden oder historische Figuren wirken, die durch die Phantasiebilder des Autors zustande
kommen [Ноздрина, S. 10].
Man verwendet oft für die Bezeichnung der Autorensprache den Begriff des künstlerischen Sprachgebrauchs, indem darunter eine besondere Existenz der Sprache verstanden wird, „die sich ontologisch von der
realen, „alltäglichen“ Kommunikation unterscheidet“, was vor allem mit
der Fiktionalität der künstlerischen Rede und der damit verbundenen
Autoreferenz (Sebstbezogenheit) verbunden ist [Andreeva, 2003, S. 348].
V. Andreeva weist mit Recht darauf hin, dass sich die von der künstlerischen Rede ausgedrückten Inhalte nicht empirisch nachweisen lassen.
Der Urheber der fiktionalen Rede repräsentiert sich im Text meistens
nicht als eine reale, historisch konkrete Person, sondern als Autor, als
Schöpfer der fiktionalen Wirklichkeit. „Seine wichtigste Erscheinungsform in der Textstruktur ist der Erzähler, der als Vermittler zwischen der
fiktionalen Welt und dem Leser auftritt“ [ebenda].
Der literarische Text involviert als Mittel des Ausdrucks der weltanschaulichen Position des Autors ohne Zweifel eine subjektive Widerspiegelung von Realitätsproblemen. „Im literarischen Werk wird der Lebensstoff in ein „kleines Universum“ transformiert, das mit den Augen
des Autors gesehen wird“ [Валгина, S. 114]. Dieses „Universum“ ist
nicht nach den Gesetzen der Logik, sondern im Einvernehmen mit dem
bildlich-assoziativen Denken konstruiert. Deshalb zeichnen sich die
Sprachmittel des literarischen Textes durch Expressivität, Vielschichtigkeit und emotionelle Gerichtetheit auf die Emotionen des Lesers aus
[Яшина, S. 97].
9
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Die Spezifik des literarischen Diskurses macht die Orientierung
auf die extralinguistische Information, auf die Aufschlüsselung der inneren Welt der Persönlichkeit sowie Erschließung des Charakters der
zwischenmenschlichen Beziehungen aus. Unter diskursiv-kognitiven
Gesichtspunkten spielt die Verwendung des Begriffes „Konzept“ in der
Interpretation eine wichtige Rolle.
In der Interpretation des literarischen Textes, die einen großen Umfang von linguistischen, historischen und kulturellen Informationen beinhaltet, bekommt der Begriff des Konzeptes eine engere Auffassung
als Hauptidee des Werkes, als „Quant“ der sozialen, moralischen, ästhetischen Welt des Autors. Konzept eines literarischen Werkes ist mit dem
Ausdruck einer Autorenposition zum Beschriebenen gleichzusetzen, es
bildet ein Resultat der Autoreninterpretation der Wirklichkeit [Бойко,
2012, S. 40].
Im vorliegenden Lehrwerk werden für die Interpretation kleine epische Formen von deutschsprachigen Autoren angeboten. Deswegen ist
es wichtig, hier auf die Merkmale der kleinen Erzähltexte einzugehen.
Unter Erzählung als kleinem Erzähltext wird zum Beispiel eine epische Kurzform verstanden, deren wichtiges Charakteristikum ebenso
wie bei einer Kurzgeschichte die Mittelbarkeit der epischen Darstellung
im Unterschied zur Lyrik und Dramatik bildet. Im Folgenden werden
Merkmale genannt, die die Erzählung von anderen epischen literarischen
Formen abzugrenzen helfen: „Vom Epos und vom Roman unterscheidet
sich die Erzählung durch den geringen Umfang, die knappere Ausstattung mit Personen, den nicht so weit gespannten Handlungsrahmen und
das Fehlen komplexer Ideengebäude. Umgekehrt entwickelt sie deutlich
ausführlicher als Skizze oder Anekdote die geschilderten Handlungsgänge. Auch zu den insgesamt poetologisch näher liegenden Untergattungen Novelle und Kurzgeschichte gibt es merkliche Unterschiede: die
Erzählung kommt ohne deren strenge Komposition aus, ist also freier in
der Anlage und der Umsetzung des Erzählten. Von Märchen, Legende
und Sage hebt sich die Erzählung dadurch ab, dass sie meist einen realen
Hintergrund hat und so auf oder wirklichkeitsferne Bezüge verzichten
kann. [Literaturlexikon…, S. 124–125]
E.A. Gončarova und I.P. Šiškina betonen bei der Behandlung der
Charakteristika der epischen Werke, dass die deutsche epische Form
„Erzählung“ mit der russischen epischen Untergattung „rasskaz“ nicht
zusammenfällt. Der deutsche Terminus „Erzählung“ kann eher mit dem
russischen Terminus „povest’» in Berührung kommen. Im Zentrum einer Erzählung befinden sich ein Ereignis oder eine Kette von zusam10
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
menhängenden Ereignissen, die ein Ganzes bilden, sowie Schicksale
von mehreren Personagen, die parallel dargestellt werden und und in
der Regel kontrastieren. Möglich sind dabei eine parallele Entwicklung
von mehreren Sujetlinien, eine Darstellung von mehreren Konflikten
[Гончарова, Шишкина, S. 280].
Die Kurzgeschichte stellt m Unterschied zur Erzählung eine epische
literarische Form dar, in der „eine einzelne Episode mit wenigen oder
auch nur einer einzigen handelnden Person in knapper Form erzählt
wird“ [Literaturlexikon…, S. 219]. Der Schluss kommt in einer Kurzgeschichte oft unerwartet, auch gibt es keine Rahmenhandlung. „Gegenüber der Shortstory sind Kurzgeschichten formal und umfangsmäßig
stärker eingegrenzt“ [ebenda].
Die Untergattung „Kurzgeschichte“ kann ins Russische als „korotkij
rasskaz“ übersetzt werden. Sie konzentriert sich inhaltlich im Unterschied
zur Erzählung in der Regel auf einem Ereignis oder einer Episode, auf
einem entscheidenden Punkt im Leben einer handelnden Person (bzw.
von Personen) [Гончарова, Шишкина, S. 281]. Ein geringer Umfang der
Kurzgeschichte (eine oder zwei Seiten) erfordert eine maximale Erzählknappheit, eine Kompositionsstraffheit sowie Begrenzung der Zeit und
des Raums der Handlung und eine treffende Auswahl charakterisierender
Beschreibungsdetails [ebenda]. Wichtig ist der Hinweis darauf, dass jeder Satz einer Kurzgeschichte in der Regel eine neue, wichtige Aussage
enthalten soll, die zur Schaffung eines ganzheitlichen Bildes beitragen
kann. Dabei ist die Kurzgeschichte thematisch und in der Art der Widerspiegelung der Realität unbegrenzt. Die Kurzgeschichte kann realistisch,
teilweise utopisch, dramatisch oder lyrisch sein. Mannigfaltig und beweglich können darin die gewählte künstlerische Form und die sprachliche
Struktur realisiert werden: von einer expressiven, bildhaften Rede bis zu
einer trockenen, betont sachlichen Darstellung; von einer poetischen bis
zu einer umgangssprachlich-saloppen Redeweise [ebenda].
Die Textauswahl epischer Kurzformen für die Interpretation wird in
unserem Lehrwerk von folgenden Kriterien bestimmt, die J. Perlina erarbeitet hat:
– die für die Interpretation der Texte im Deutschunterricht unentbehrliche Kürze;
– die leicht zu handhabende Sprache;
– eine nachweisbare Komposition der Kunstform;
– typische Merkmale für die Kurzform, anhand derer man über die
Zugehörigkeit des literarischen Werkes zu einer bestimmten Textsorte
urteilen kann;
11
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
– ein für die Jugendlichen aktueller Themenkreis; – eine illokutive
sowie perlokutive Kraft des Kunstwerkes [Perlina, S. 175].
Bei der Interpretation der kurzen epischen Formen ist Folgendes zu
beachten. Für die Interpretation eines erzählenden Textes ist in der Regel
ein dreistufiger Aufbau üblich: “Die Einleitung beschreibt die wichtigsten Fakten über den Autor und die Handlung der Erzählung. Im Hauptteil geht es um die inhaltlichen, formalen, biografischen und historischen
Aspekte des Textes. Diese werden genannt, beschrieben, erläutert und
interpretiert. Der Schlussteil übernimmt die Funktion eines Fazits, also
einer wertenden Zusammenfassung“ [Textinterpretation…].
Bei der Behandlung von inhaltlichen Aspekten eines Erzähltextes
während der Interpretation ist zu beachten, dass die Handlung des vorliegenden Textes kurz wiedergegeben wird. Charaktere und deren Beziehungen sollten ausführlich erläutert werden, indem auf die einzelnen
Textpassagen inhaltlich und sprachlich eingegangen wird. Inhaltlich
kann Bezug auf die Biographie des Autors genommen werden. Deswegen werden in unserem Lehrwerk biographische Daten der Autoren der
Erzählungen angeführt. Ferner werden die Zeit und der Ort der Handlung als auch der Entstehungsgeschichte des Textes in den geschichtlichen Hintergrund gesetzt.
Eines der Hauptziele der Erzähltextinterpretation ist es, möglichst verschiedene Bedeutungsebenen aufzuschlüsseln. Eine Kurzerzählung kann
z.B. einerseits die Beschreibung eines Menschenlebens darstellen, gleichzeitig kann sie aber auch andere Bedeutungsebenen, wenn auch nicht so
viele wie ein Roman, aufweisen. Die kleinen Erzähltexte können kritische
Stellungnahmen zu politischen Ereignissen der Zeit enthalten, in der die
Handlung spielen könnte, und / oder der Zeit, in der die Texte geschrieben
bzw. publiziert wurden. Obwohl die in der Erzählung geschaffene fiktionale Welt in der Realität wirklich nicht nachweisbar ist, also zeit- und ortlos ist, „entfaltet sie sich in der Zeit und im Raum, die zusammenhängen
und als „Chronotopos“ bezeichnet werden“ [Andreeva, S. 348].
Darüber hinaus kann ein Erzähltext über Symbole und Allegorien
zahlreiche Sachverhalte ansprechen, die im Text ansonsten nur implizit
ausgedrückt werden. Das soll in der Interpretation ebenso berücksichtigt
werden.
Zu den wichtigsten formalen Merkmalen des Textes, die bei der Interpretation in erster Linie zu nennen sind, gehören die Erzählperspektive, der Aufbau der Erzählung und die sprachliche Gestaltung. Bei einer
korrekten Textinterpretation müssen die aufgestellten Behauptungen am
Text durch Zitate belegt werden.
12
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Wenn einem Text Wirkungsabsichten oder Wirkungen unterstellt
werden, die nicht nachgewiesen werden können, wird das als Eisegese
bezeichnet [Textinterpretation…].
Bei der Erzähltextinterpretation ist zu beachten, dass jeder Text Mittelpunkt von zahlreichen künstlerischen und sprachlichen Substanzen
ist, die außerhalb des Textes sowohl synchronisch als auch diachronisch
funktionieren. Zu den künstlerischen Kategorien, die in der Interpretation
zu berücksichtigen sind, zählt man zum Beispiel folgende extratextuelle
Elemente: die literarische Strömung (Richtung), das Genre, die Weltanschauung des Autors und seinen Individualstil. Als intratextuelle Elemente sind zum Beispiel das Thema, der Autor/Erzähler, die Charaktere der
handelnden Personen, die Komposition, die Idee des Werkes zu nennen
[Gučinskaja, S. 167]. Dabei ist nicht auszuschließen, dass sich extratextuelle und intratextuelle Kategorien kreuzen können, wie es zum Beispiel
der Fall mit dem Individualstil des Autors und der Gestalt des Autors /
Erzählers ist. Zusammenhänge bestehen auch zwischen dem Thema und
dem Genre, zwischen dem Thema und der literarischen Strömung, zwischen der Weltanschauung des Autors und der Idee des Werkes [op.cit.].
Zu den extratextuellen sprachlichen Elementen, die oft für den Erzähltext eine wichtige Rolle spielen können, sind zum Beispiel solche
extratextuelle Elemente zu zählen, wie „das… dem Dichter synchrone
System der Muttersprache“ und „die Sprache jener sozialen Gruppe, zu
der der Dichter gehört“ [Gučinskaja 1994: 167]. Als ein intratextuelles
sprachliches Element soll in der Textinterpretation vor allem „die im
Text gebrauchte Rede mit allen ihren Formen und Arten“ betrachtet werden [ebenda].
Man kann E. Gončarova zustimmen, indem sie sagt, dass jedes konkrete literarische Werk „ein fruchtbares, wenn auch eigentümliches Material zur Erforschung der in der realen Textwirklichkeit aktualisierten
sprachlichen Einheiten“ ist. „Im Wort des Verfassers, diesem Kunstmaterial, mit dem er im Blick auf seine künftigen Kommunikationspartner –
Leser arbeitet, ist einerseits die persönliche Sprachkultur des Dichters
eingeprägt. Andererseits widerspiegelt das poetische Wort des Künstlers
den jeweiligen gesellschaftlich-kommunikativen Zustand der betreffenden Nationalsprache, an den der Schriftsteller (auch ohne es zu wollen)
zeitlich und sozial gebunden ist” [Gončarova, S. 161].
Sehr wichtig für die bevorstehende Interpretation der kleinen epischen Textformen scheint uns der Hinweis von E. Gončarova darauf,
dass der literarische Text im Unterschied zum nichtliterarischen über
Zweidimensionalität verfügt. Dieses Merkmal ist nach der Meinung der
13
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Philologin sowohl der gesamten Textstruktur als auch ihren einzelnen
Komponenten eigen und offenbart sich in „den semantisch-semiotischen
Prozessen des doppelten Kodierung des sprachlichen Zeichens bei der
literarisch-künstlerischen Darstellung, in denen der usuelle sprachlichsemantische und der literarisch-künstlerische Kode miteinander verflochten werden [ebenda, S. 162].
Dem Textinterpreten kommt es eben darauf an, durch konkrete Textqualitäten diese zwei Kode zu entziffern, jedem einzelnen Einsatz eines Stilelements die Autorenintention, seine Kommunikationsabsicht zu
entnehmen. In diesem Zusammenhang sind für das Interpretieren solche
Begriffe vom großen Belang wie Darstellungsart, Funktionalstil, Variation von Stilfiguren, architektonischer Bau des Textes, kompositorischer
Bau des Textes, objektive Überprüfbarkeit, repräsentierte Motive, und
eigene Stellungnahme des Interpreten zum Thema, Problemen, Hauptpersonen, Charakteren und schließlich – zur Sprache.
Praktische Aufgaben
1. Darstellungsarten. Nehmen Sie folgende Information über das Wesen und das Anliegen der Darstellungsarten im Erzähltext zur Kenntnis!
In einem literarischen Text, in den Erzählungen ist in erster Linie
die Darstellungsart «Erzählen» festzustellen, die mit anderen Darstellungsarten einhergehen kann. In manchen Textteilen erfolgt ein paralleler Einsatz von zwei und mehreren Darstellungsarten gleichzeitig. Dabei
kommt einem solchen Darstellungsartwechsel eine stilistische Funktion
zu: unterschiedliche Darstellungsweise des Erzählstoffes soll zum Beispiel die qualitative Vielfalt des Denotats widerspiegeln. Es existieren
folgende Darstellungsarten: Erzählen, Berichten, Erörtern, Beschreiben.
Bei der Feststellung einer bestimmten Darstellungsart sind die Intentionen des Autors zu berücksichtigen. Die einzelnen Darstellungsarten
können:
– Aufschluss darüber geben, was geschildert wird;
– bestimmte Intentionen des Autors kundgeben, zum Teil allein durch
den Darstellungsartwechsel, weiter bekräftigt durch die Merkmale einer
konkreten Darstellungsart;
– Die Aufmerksamkeit des Lesers lenken.
2. Erörtern. Bei der Darstellungsart Erörtern wird oft neben Referat
und Vortrag zum Diskutieren gegriffen. Um erfolgreich zu diskutieren,
14
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
braucht man über eine gewisse Argumentationskunst zu verfügen. Dazu
sind viele Klischees behilflich. In einer Diskussion kann man
– A ndere höf lich z u ei ner Mei nu ngsäu ßer u ng au fforder n:
Würdest du bitte deine Meinung zu … sagen!
Äußere dich bitte zum Problem!
Mich würde deine Meinung interessieren!
Welche Ansicht vertrittst du?
– Seine Meinung äußer n:
Meiner Meinung nach … .
Ich glaube bestimmt … .
Meines Erachtens … .
Ich meine / ich glaube / ich sehe die Sache so … .
Ich bin davon fest überzeugt, … .
– Sich von a nderen Mei nu ngen d ist a n zieren / sie
ableh nen:
Nach meiner Meinung … .
Nach deiner Äußerung zu schließen … .
Ich teile deine Meinung nicht, … .
Glaubst du wirklich, dass … .
Bist du wirklich davon überzeugt, dass … .
– Eine Zustim mung äußer n:
Ich muss zugeben, dass … .
Ich stimme dem zu, dass … .
Ich vertrete auch die Meinung, dass … .
– Zwe i fel ä u ß e r n :
Ich zweifle daran, dass … .
Ich bezweifle, dass … .
Ich bin nicht sicher, ob … .
Ich bitte dich zu bedenken, dass … .
Es ist zweifelhaft, dass … .
Es ist unwahrscheinlich, dass … .
Es ist fragwürdig, dass … .
Es ist unsicher, dass … / ob … .
Es ist fraglich, dass … .
3. Argumentieren. Beim Interpretieren kommt es unentwegt auf das
Argumentieren an! Das Argumentieren ist ein komplexes kommunikatives Verfahren zur Auseinandersetzung mit Sachverhalten. Ein Sachverhalt wird dargestellt und unter verschiedenen Aspekten erläutert:
15
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
– Wahrheit / Falschheit
– Nutzen / Schaden für bestimmte Personen oder Personengruppen
– Konsequenzen, die sich aus dem Sachverhalt ergeben.
Zur Darstellung des Sachverhalts werden Verfahren angewendet, die
vorwiegend auf das Informieren gerichtet sind: Mitteilen, Feststellen,
Behaupten. Übersetzen Sie und lernen Sie die Vokabeln, die für das Argumentieren beim Interpretieren wichtig sind!
schwerwiegend
durchschlagend
hart
treffend
direkt
indirekt
vernichtend
gewagt
stichhaltig
überzeugend
beweiskräftig
richtig
sachlich
unparteiisch
schlagend
kühn
unverschämt
unüberlegt
merkwürdig
falsch
voreilig
unbewiesen
4. Schlussfolgern. Interpretieren ist ohne Schlussfolgern nicht möglich. Schlussfolgern ist ein wichtiges Kommunikationsverfahren, das gerade beim Interpretieren eine große Rolle spielt. Der grundlegende Akt
des Interpretationsprozesses besteht darin, dass mehrere Fakten zueinander in Beziehung gesetzt werden. Es entsteht ein Urteil. Der Interpretationsprozess führt zu einem Urteil, das seinen sprachlichen Ausdruck
in einer Aussage findet. Durch Überlegung kann man anstreben, die
Wahrheit eines Urteils nachzuweisen. Schlussfolgerungen treten in verschiedensten syntaktischen Strukturen auf (Satzfolge, Satzverbindung,
16
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Satzgefüge). Suchen Sie in den fertigen Interpretationsvorschlägen Belege für einen häufigen Gebrauch von Sätzen mit Konnektoren „so“, „also“, „ wenn“, „dann“!
5. Urteile. Urteile (auch Prämissen genannt) sind Ausgangspunkte
der Überlegungen, Schlussfolgerungen (auch Konklusionen genannt)
stehen am Ende. Lernen Sie die Vokabeln, die Sie als eine Art Verbindung der Konklusion mit den Prämissen beim Interpretieren benutzen
können!
Deshalb / folglich / aus diesem Grunde / daraus lassen sich folgende
Schlüsse ziehen / daraus lassen sich folgende Schlussfolgerungen ziehen /
daraus kann man schließen / daraus kann man schlussfolgern / daraus
kann man folgern / daraus kann man ableiten / ich schließe daraus … .
6. Funktionalstil. Informieren Sie sich anhand der unten angeführten Stichwörter darüber, was ein Funktionalstil in einem literarischen
Text bewirken kann! Binden Sie die einzelnen Überlegungen zu einem
Kurzvortrag zusammen!
Man nimmt Gebrauch von einem Funktionalstil.
Man nimmt Gebrauch von mehreren Funktionalstilen.
In einem literarischen Text ist vom Stil der schöngeistigen Literatur
zu sprechen, dem praktisch alle anderen Funktionalstile untergeordnet
worden sind.
Funktionalstile liefern die Charakteristik von handelnden Personen.
Funktionalstile liefern die Charakteristik der Umwelt.
Funktionalstile liefern die Charakteristik des Umfeldes.
Funktionalstile liefern die Charakteristik der Situation.
Funktionalstile liefern die Charakteristik des Ortes einer Handlung.
Die Auswahl eines bestimmten Funktionalstils, einer Kombination
unterschiedlicher Funktionalstile ist durch die Intentionen des Autors
bedingt.
Die Zahl der in einem literarischen Text verwendeten Funktionalstile
ist x-beliebig und lässt sich in Bezug auf einen konkreten Text feststellen.
7. Stilfiguren. Analysieren Sie einige der in diesem Lehrwerk angebotenen Autorentexte in Bezug darauf, ob:
– diese Texte reich an Stilfiguren sind;
– die Stilfiguren einer Art oder doch unterschiedlich sind;
– sich diese Texte durch einen Einzeleinsatz von vorhandenen Tropen und Figuren auszeichnen und es sich in diesem Fall um punktuelle
Stilgriffe handelt;
17
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
– oder eingesetzte Stilgriffe einen globalen Charakter aufweisen,
mehrmals eingesetzt werden und somit erweiterte Stilgriffe genannt
werden können;
– ein Stilgriff in einem der zu analysierenden Texten als ein Achsenstilgriff fungiert!
8. Lexik. Verwenden Sie beim Interpretieren die kommentierende
Lexik, indem Sie zu einem Begriff weiteres einstämmiges Wort bilden!
die Metapher
die Metaphern
die Metonymie
die Metonymien
die Personifikation
die Personifikationen
das Oxymoron
die Oxymora
das Zeugma
die Zeugmas
das Epitheton
die Epitheta
die Synästhesie
die Synästhesien
metaphorisieren
metaphorische Übertragung
metonymisieren
metonymische Darstellung
personifizieren
personifizierend geschildert
ein Oxymoron
verwenden
zu einem Zeugma
greifen
mit Hilfe eines Epithetons
synästetisch ausdrücken
oxymoronisch betont
eine auf zeugmatische Art
verwirklichte Charakteristik
mit Hilfe eines Epithetons
gezeigt
per Synästhesie repräsentieren
9. Architektonischer Bau. Kommentieren Sie den architektonischen
Bau der weiter unten angeführten künstlerischen Texte! Benutzen Sie
dabei folgende Vokabeln:
der architektonische Bau des Textes / die kompositionelle Gliederung
des Textes / der kompositorische Bau des Textes / die Exposition / die
Kulmination / die Lösung der Spannung / der expositorische Teil / der
Kulminationsteil / das Gesetz der Steigerung / ganz nach dem Gesetz der
Steigerung erfolgen / die Exposition beginnt /endet mit dem Satz ... / die
Exposition beginnt / endet mit dem Wort ... / die Exposition beginnt/endet
mit der Wortverbindung … / die Kulmination beginnt mit der Szene … .
10. Überprüfbarkeit. Einem prüfenden Blick des Interpreten soll
die objektive Überprüfbarkeit des Erzählstoffes nicht entkommen. Die
Überlegungen hinsichtlich der objektiven Überprüfbarkeit beruhen auf
Erfahrungen und Vorkenntnissen der Leser. Beachten Sie dabei folgende
Momente:
Ist das Geschehen real?
Ist das Geschehen unreal?
Inwieweit sind geschilderte Umstände Phantasiebilder?
18
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Sind die Charaktere real?
Sind die Charaktere unreal?
Inwieweit sind geschilderte Charaktere Phantasiebilder?
Wie entspricht der Grad der Überprüfbarkeit den Intentionen des Autors?
11. Motiv. Ausgehend von den stichweise angeführten Qualitäten literarischer Motive versuchen Sie den Begriff „Motiv“ zu kommentieren!
Motive werden im Text in Topikketten repräsentiert.
Motive treten im Text selten als Einzelmotiv auf.
Motive verlaufen öfters parallel.
Motive offenbaren die Intentionen des Autors.
12. Mechanismus der Verzahnung von Motiven. Klären Sie den
Mechanismus der Verzahnung einzelner Motive in einem literarischen
Text ausgehend von folgenden Thesen:
– Motive verflechten sich mit anderen Motiven;
– Motive gehen in einander über;
– Motive bestimmen einander mit;
– Motive gehen miteinander einher;
– Motive verhalten sich gegensätzlich zu einander;
– Motive schließen einander aus;
– Motive ergänzen einander.
13. Eigene Stellungname. Was verstehen Sie beim Interpretieren
unter dem Begriff „eigene Stellungnahme zum Thema, zu Problemen,
Hauptpersonen, Charakteren, zur Sprache“?
14. Individualstil. Überprüfen Sie Ihre Kenntnisse über den Begriff
„Individualstil“ anhand des Kleinen Wörterbuches der Stilkunde von
Siegfried Krahl und Josef Kurz!
Individualstil: Individuelle gedanklich-sprachliche Aussageweise, individuell charakteristische Verwendungsweise gedanklich-sprachlicher
Formen. Individualstilistische Besonderheiten sind in gewissem Sinn
durchgängig, sie können in allen Kommunikationsbereichen und bei
verschiedenen Anlässen in Darlegungen, am stärksten im persönlichen
Brief, im Erlebnisbericht und vor allem in der Kunstprosa, am wenigsten
gewöhnlich in wissenschaftlichen Stilen [Krahl, Kurz, S. 61–62].
15. Individualstil von Stefan Zweig. Lesen Sie den Auszug aus
dem Vorwort zum wissenschaftlichen Artikel über den Individualstil
von Stefan Zweig! Schreiben Sie die Funktionen der einzelnen Stilgriffe
nach dem Muster heraus!
19
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Periphrase
Inversion
Prolepse
Nachtrag
Aposiopese,
Anakoluth
Zeugma
Ellipse
Kyklos
Wiederholungsfiguren
Aufzählungen
Amplifikationen
Klimax
Antiklimax
Hervorhebung eines relevanten Merkmals mittels einer
Beschreibung
Die Novellen Stefan Zweigs offenbaren mehrere Charakterzüge, die
das novellistische Schreiben von Stefan Zweig auszeichnen. Das kleine
Format einer Novelle verlangt vom Autor viel Können, um die Ereignisse diachronisch und dynamisch zu schildern. Um einen hohen Grad
der Leidenschaften anzudeuten, der alle Novellen von Stefan Zweig zur
spannenden Lektüre macht, zieht er alle Stilmittel komplex heran. Dabei setzt sich die summare Expressivität der Beschreibung einer dynamischen gefühlsvollen Situation aus der Akzentuierung per Inversion,
Prolepse oder Nachtrag, durch Abgehacktheit der Aposiopese, durch
grammatische Verwirrtheit eines Anakoluths, durch Knappheit eines
Zeugmas und einer Ellipse. Die Wiederholbarkeit eines funktionalen
oder inhaltlichen Momentes wird mit Kyklos, Wiederholungsfiguren
und Aufzählungen betont. Die Qualität einer quantitativ spürbaren Veränderung im Betragen der Hauptfiguren wird durch Amplifikationen,
Klimax und Antiklimax gezeigt.
20
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Kapitel 2
Literarische Texte
und Aufgaben
Ingrid Kötter
Ingrid Kötter wurde am 23. Juni 1934 in Hagen (Westfalen) als Ingrid
Göbel geboren. Sie ist eine bekannte deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin. Sie bekam Ausbildung zur Großhandelskauffrau. Bis 1962 war sie als
Sekretärin und Assistentin im Personalwesen von Industrieunternehmen in
Wetter und Nürnberg tätig. Sie ist verheiratet, hat zwei Töchter. 1971 schrieb
sie Kindergeschichten für das NDR-Vorschulprogramm. Seit 1972 entstanden
ihre Kinder- und Jugendhörspiele für Sender Freies Berlin und den Rias. Seit
1976 schuf Ingrid Kötter Fernsehstücke für Erwachsene und für die Kinder
(ARD und ZDF). Sie schrieb Fernsehdrehbücher, Hörspiele, Lyrik, Romane
und Kurzgeschichten. Ingrid Kötter bekam zahlreiche Auszeichnungen. Als
Jugendbuchautorin stand sie zum Beispiel auf der Auswahlliste zum Deutschen Jugendbuchpreis.
Kündigungsgedanken
Ihre Lehrzeit ist beendet, sie ist Industriekaufmann - ein sehr junger, sehr
hübscher, sehr weiblicher Industriekaufmann. In dem dunklen, häßli­chen
Büro mit dem wackeligen Schreibmaschinentisch und der altersschwachen
Schreibmaschine herrscht ihre ältere Kollegin, lässt sie nur untergeordnete
Arbeiten verrichten.
Sie trägt sich mit Kündigungsgedanken –
kündigt.
In der neuen Firma hat sie einen hellen, neuen Arbeitsplatz, eine elek­trische
Schreibmaschine und eine perfekte Vorgängerin, die ihr täglich als unerreichbares Vorbild vorgehalten wird.
Sie trägt sich mit Kündigungsgedanken –
kündigt.
21
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
In der neuen Firma hat sie einen hellen, neuen Schreibtisch mit Dreh­stuhl,
eine elektrische Schreibmaschine, ein schwarzes Telefon und einen eigenen Toilettenschlüssel. Der ältliche Chef liebt helle, neue weibliche Angestellte.
Sie trägt sich mit Kündigungsgedanken –
kündigt.
In der neuen Firma hat sie ein eigenes Vorzimmer, einen Palisanderschreibtisch, eine elektrische Schreibmaschine, ein Diktiergerät, ein weißes Telefon,
eine eigene Toilette, die Möglichkeit, Arbeitsplatzverbesserungsvorschläge
einzureichen und einen in Scheidung lebenden Chef, der in einem Wutanfall
das Telefonkabel aus der Wand reisst und das Diktiergerät zertrümmert.
Sie trägt sich mit Kündigungsgedanken –
kündigt.
Mit dem Kündigungsschreiben übergibt sie einen Arbeitsplatzverbesserungsvorschlag, den sie mit ihrem Freund, einem Studenten, ausgearbeitet
hat: “Schafft helle, freundliche Mitarbeiter und Vorgesetzte – alle Arbeitsplätze werden es euch danken!”. Ihr Chef verspricht ihr, sich zu bessern,
nimmt die Kündigung an, küsst sie und bittet sie, seine Frau zu werden.
Sie trägt sich mit Kündigungsgedanken –
kündigt
dem mittellosen Studenten die Freundschaft, heiratet Auto, Haus, kom­plette
Wohnungseinrichtung und ein fettes Bankkonto.
Ihre Berufstätigkeit ist beendet, sie ist Hausfrau – eine sehr junge, sehr hübsche, sehr weibliche Hausfrau. In der neuen, hellen, mit allen techni­schen
Erleichterungen ausgestatteten Küche herrscht ihre alte, dunkle Schwiegermutter, lässt sie nur untergeordnete Arbeiten verrichten. Täglich wird ihr ihre
perfekte Vorgängerin als unerreichbares Vorbild vor­gehalten. Ihr Mann liebt
helle, neue weibliche Angestellte. In vielen Wutanfällen zertrümmert er viel
Porzellan.
Sie trägt ... ein Kind –
kündigt nicht.
Aufgaben zur Textinterpretation
1. Bestimmen Sie die Texteigenschaften, die diese Erzählung mit der
Textsorte Lebenslauf ähnlich machen! Stellen Sie die Unterschiede zwischen einem echten Lebenslauf und dem vorliegenden Text!
2. Welche Zusammenhänge sehen Sie zwischen den biographischen
Daten der Autorin Ingrid Kötter und der Handlung der Kurzerzählung
„Kündigungsgedanken“?
22
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
3. Welche Rolle kommt den Adjektiven zu, die in dieser Geschichte
in verstärktem Maße gebraucht werden? Manche Adjektive tauchen wiederholt auf. Vergleichen Sie die Zusammenhänge in den scheinbar identischen Textepisoden! Versuchen Sie die Intention der Autors bei seinem
Einsatz von mehreren Wiederholungsfiguren zu bestimmen!
4. Decken Sie die allgemeinen und die besonderen Funktionen des
mehrfach realisierten grammatischen Parallelismus auf!
5. Wie ist der Einsatz einzelner Wiederholungsfiguren mit der Architektonik des Textes verbunden?
6. In welchem Zusammenhang steht der Inhalt des Textes mit dem
Problem der Frauenemanzipation?
7. Wie geht die Geschichte wohl weiter?
8. Was hätten Sie in der Situation der Hauptheldin der Erzählung gemacht?
Weiterführende Aufgaben
A u f g a b e 1. Lesen Sie und nehmen Sie zur Kenntnis die unten angegebene kleine theoretische Überlegung über Funktion und Arten der
Antonyme!
In dieser Erzählung kommt eine besondere Rolle dem Einsatz von
Antonymen zu. Antonyme sind sprachliche Verkörperung und somit
Widerspiegelung realer Sachverhalte. In der traditionellen Schulstilistik
verstand man unter Antonymen zwei Wörter, die das gleiche Merkmal gegensätzlich vorstellen. In der Hochschule geht man an die Antonyme mit
Oppositionstermini heran, man versteht darunter zwei einander oppositiv
entgegengesetzte Begriffe, die ein und dasselbe Merkmal polar kommentieren. Die Natur dieser Polarität ist jedoch ganz unterschiedlich. Somit ist
es möglich, unterschiedliche Klassen von Antonymen anzusetzen.
1. Es gibt polare Antonyme, die kontrastive Charakteristika ausdrücken. So sind antonymische Paare schwarz – weiß / schlecht – gut /
weit – nah / beschleunigen – verlängern.
2. Außerdem werden semantisch graduierte Antonyme ausgegliedert. Sie setzen die Existenz und das Fungieren einer Reihe von Wörtern
voraus, die Zwischencharakteristika benennen. So sind die Antonyme
reich – arm. Mit Sicherheit gehören in diese semantische Gruppe solche
Wörter wie wohlhabend / gutsituiert – Notdurft leidend. Ein anderes
Beispiel dazu wäre die semantische Gradation von jung bis alt: junge /
ältere / gealterte / bejahrte / im hohen Alter / alt / greise.
23
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
3. Es ist empfehlenswert, vom funktionalen Standpunkt euphemistische Antonyme auszugliedern. Sie sind dazu berufen, sozial Unangenehmes, Unhöfliches aus Verschönerungsgründen in milderer Form zu
präsentieren: statt dick – vollschlank als Gegencharakteristikum für
mager – dünn.
4. Nicht weniger verbreitet in der Rede sind Konversionsantonyme. Sie
sind am leichtesten als Antonyme zu akzeptieren, denn sie benennen die
direkt entgegengesetzten Eigenschaften und Handlungen: nehmen / geben.
5. Im Zusammenhang mit den Antonymen sollte man auch Enantiosemie (vom griechischen: enantios – entgegengesetzt + sema – Zeichen)
nennen. Enantiosemie weisen zum Beispiel solche Lexeme wie borgen,
die je nach dem Kontext entgegengesetzte Bedeutung enthalten können:
entweder jemandem das Geld leihen, oder das Geld bei jemandem geliehen haben. Vergleichen Sie auch: kündigen.
6. Textantonyme werden auch kontextuelle Antonyme genannt. Als
Antonyme fungieren sie bloß in einem engen Kontext, ohne im Sprachsystem als solche zu gelten: Wölfe – Schafe / kahl – wuschelköpfig. Die
Entgegensetzung dieser Begriffspaare ist autorenintentionsbedingt und
braucht daher einen näheren Kontext für das richtige Verstehen: nicht
Mutter, sondern Tochter / Sonnenschein – Mondschein / ein Jahr
lang – das ganze Leben.
7. Man spricht von einfachen Antonymen und vielschichtigen Antonymen. Die Letztgenannten kommen in einem Text entweder als mehrmals
eingesetzte identische Antonympaare oder als mehrere Antonympaare
im engen Kontextrahmen vor.
A u f g a b e 2. Führen Sie Beispiele des Einsatzes von polaren Antonymen in der Erzählung von Ingrid Kötter „Kündigungsgedanken“ an!
A u f g a b e 3. Welche Textpassagen könnten als anschaulichee Beispiele für semantisch graduierte Antonyme gelten?
A u f g a b e 4. Erläutern Sie die Begriffe „Enantiosemie“ und „enatiosemisches Wort“ am Beispiel des wiederholten Einsatzes des Verbs
„kündigen“ in der Erzählung von Ingrid Kötter „Kündigungsgedanken“!
A u f g a b e 5. Zeigen Sie anhand von Antonympaaren, die in der Erzählung von Ingrid Kötter „Kündigungsgedanken“ gebraucht werden,
den Unterschied zwischen einfachen und vielschichtigen Antonymen!
A u f g a b e 6. Welche von den unten angegebenen Funktionen der
Antonyme sind aktuell für die Antonyme in der Erzählung von Ingrid
Kötter „Kündigungsgedanken“?
24
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
– Offenbarung eines Sachverhaltswiderspruches;
– Betonung einer besonderen Rolle des behaupteten Merkmals aufgrund des Einsatzes antonymischer Paare;
– Verstärkung eines logischen Akzentes und somit der Ausgliederung des Phrasensinnkernes;
– Ausdrucksverstärkung.
A u f g a b e 7. Finden Sie in der Erzählung von Ingrid Kötter „Kündigungsgedanken“ kontextuelle Antonyme!
A u f g a b e 8. Erklären Sie die Art der Antonymie in den folgenden
Textauszügen, die dem Roman von Michael Ebstein „Neuling“ entnommen worden sind! Welche von ihnen sind: polare Antonyme / semantisch
graduierte Antonyme / euphemistische Antonyme / Konversionsantonyme / Enantiosemie – Antonyme / kontextuelle Antonyme / einfache
Antonyme / vielschichtige Antonyme.
1. «Die Folgen des nächtlichen Trinkens beschränkten sich bei Bleuel auf
ein dumpfes Gefühl im Nacken, während Artjom, der hinter ihm saß, krank aussah und beschwor, dass es ihm blendend gehe.»
2. Traum und Wirklichkeit, Mobilfunk und Wolfspelz. Bloß nicht
aufwachen!
3. «Artjom, ich weiß nicht – ich traue dir gerade nicht über den Weg. Du
kannst mir ja irgendwas erzählen, und vielleicht machst du es auch. Und du
kannst mich vor unsern Gastgebern als den letzten Trottel dastehen las­sen.»
«Oder auch als Helden.» «Ja. Ja. Aber das – »
Au f g a b e 9. Beweisen Sie, dass hier eine vielschichtige Antonymie
im Spiel ist!
«Ja, ja. Geister, Zauber, Schamanen, das kannst du hier alles noch haben.
Schön eingezäunt und unter behörd­licher Kontrolle. Anders als unsere glorreiche orthodoxe Kirche, die wieder ganz ungebremst überall herumspukt und
hemmungslos expandiert.»
Au f g a b e 10. Der Einsatz von Antonymen mit Negationswörtern
hat eine besondere Wirkung. Durch einen wiederholten Negationseinsatz wird der Eindruck ersucht, das komplette Bild des Fehlens des gesuchten Merkmals zu schaffen. Beweisen Sie, dass die innerhalb eines
engeren Kontextes wiederholt eingesetzten Antonyme mit Negation
ebenso wirken können!
«Er war morgens zur Arbeit gegangen, am frühen Abend zurückgekommen,
fast seelenruhig, keine Wut, keine Tränen, keine großen Gedanken, möglichst
auch keine kleinen. Weitermachen, als wäre nichts Besonderes geschehen.»
Au f g a b e 11. Die Palette der Charakteristika, die in Antonympaaren polar behauptende Dimensionen, Merkmale ausdrücken, ist enorm
25
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
groß: weniger oder mehr konkret, abstrakt. Beweisen Sie es an folgenden Beispielen mit Antonymen!
1. «Willkommen im Nirgendwo und Überall», sagte Hol­ger».
2. «Da stand sie, die Künstlerin, die ihn soeben eine neue Welt hatte erblicken lassen, da stand sie ihm gegenüber, so weit weg von Zuhause, so nah,
dass er sie hätte berüh­ren können, so nah, dass er, als sie hustete, den Lufthauch spürte.»
A u f g a b e 1 2. Beweisen Sie am folgenden Beispiel, dass es schwer
zu entscheiden ist, wann im Text eine polare und wann eine situationsgraduierte Antonymie vorliegt!
«Was ging hier vor sich? Bleuel angeschlagen, Bleuel gerade von der Vergangenheit eingeholt, oder vielmehr von seiner traurigen Gegenwart, Bleuel
an einem sehr schwachen Punkt, Bleuel mit Whiskyschaden: und nun sollte er
auch noch nach Sibirien geschickt werden.»
A u f g a b e 1 3. Beweisen Sie, dass dieser Satz ein gutes Beispiel für
einen synchronen Einsatz von mehreren Stilgriffen bildet:
1. «Er spendiert dir eine Bildungsreise, hatte Holger gesagt, und Bleuel
hatte geantwortet: Er spendiert mir die sinnloseste Dienstreise meines Lebens».
(Antonymie, Euphemismus, Ironie, lexikale Wiederholung und Elativgebrauch).
2. «Im Schlafzimmer roch das neue Bett nach neuem Holz, und die alte Matratze kam ihm vor wie eine riesige tote Qualle, die auf dem Laminat zerfloss.»
(Antonymie, Lexikale Wiederholung, Vergleich).
3. «Ilka im hellen Korbsessel, Ilka mit dem Spargelkochtopf, den sie unbedingt kaufen wollte, Ilka krank im Bett, Ilka gesund im Bett, acht Jahre mit
Ilka, die letzten zwei davon in dieser Wohnung, auf dieser Matratze. Was nutzte
es, die Bilder nun überdeutlich zu sehen?»
(Isokolon (grammatischer Parallelismus), Antonymie, Aufzählung,
Nachtrag).
A u f g a b e 14. Beweisen Sie, dass die Übersetzung einiger Antonympaare Translationsprobleme bereiten kann. Zeigen Sie es am nächsten Beispielsatz, den Sie übersetzen versuchen!
«Und nein, bloß nicht zu sehr im Selbstmitleid versinken, in der Wohnung
voller Ilka ohne Ilka, in der Wohnung, die ihm plötzlich unerträglich war.»
A u f g a b e 15. Erklären Sie den Mechanismus der Aufdeckung des
Sachverhaltswiderspruchs anhand folgender kontrastiver Konversionsantonyme:
«Doch wenn ihn dieser Moment so erschütterte, so erschreckte, ihn zur Flasche greifen ließ (sonst trank er nie, vielleicht mal ein Bier nach Feierabend,
aber auch das war die große Ausnahme): wer, wenn nicht er selbst, sollte denn
die Anzeige in die Zypresse gesetzt haben?»
26
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Interpretationsvorschlag
Diese Geschichte ist von einer Frau geschrieben. Die Kurzerzählung
ist einem in der postmodernen Gesellschaft immer aktuellen Thema
gewidmet – der Frauenemanzipation. Von der Feder einer Frau herausgekommen, besitzt der Ideengehalt den doppelten Aktualitäts- und Authentitätsgrad. Die Tatsache, dass sich die Frau zu solch einem Thema
aussprechen lässt, zeugt von der Aktualität der angeschnittenen Frage
und von dem Verdruss, der sich diesbezüglich in der Gesellschaft langsam kundgibt. Die modernen Frauen möchten in ihrem Tun und Umgang
zeitgemäß akzeptiert werden, eine für jeden männlichen Beamten mögliche berufliche Entwicklung mitmachen, ohne dass sie oft nur aufgrund
des Frauseins vielen Unterstellungen begegnet werden.
Am Anfang der Geschichte wird unsere Hauptheldin von der Autorin emanzipiert vorgestellt. Das gelingt der Autorin dadurch, dass sie die
Hauptheldin voll von Energie und Hoffnung zeigt, nicht zuletzt dank der
typisch männlichen grammatischen Bezeichnung: ein sehr junger, sehr
hübscher, sehr weiblicher Industriekaufmann. Damit betont die Autorin, dass die junge Frau die gleiche Anfangschance wie die Männer hat.
Einer hellen, hübschen Voraussetzung steht aber ein dunkler, häßlicher Hintergrund im Wege, geschildert in der Erzählung in der Form
einer satirischen Aufzählung der Kontrastcharakteristika, zum einen
sehr positiver, selbst auf die junge Frau zurückgehender, zum anderen –
sehr negativer, sei das die alte verbrauchte Möbel oder die menschliche
Gestalt in Person einer „älteren Kollegin, die nur untergeordnete Arbeiten verrichten lässt“.
Die Antonympaare eignen sich sehr gut dazu, das Kontrastbild auszumalen von dem, was die junge Frau von dem Leben erwartet und was
tatsächlich auf sie zukommt (jung – alt; hell – dunkel; hübsch – häßlich). Der häufige Einsatz von Antonymen unterschiedlicher Art (polarer Antonyme / semantisch graduierter Antonyme / euphemistischer Antonyme / Konversionsantonyme / Enantiosemie –Antonyme / kontextueller Antonyme / einfacher Antonyme / vielschichtiger Antonyme) wird
zum Kommentarmittel des Bestrebens seitens der Hauptheldin, für sich
etwas Besseres zu suchen und zu finden. Viele entgegengesetzte Situationen werden sprachlich durch kontextuelle Antonyme im Text hervorgehoben (alte Schreibmaschine – elektrische Schreibmaschine; keinen
eigenen Toilettenschlüssel – einen eigenen Toilettenschlüssel haben;
wackeliger Tisch – Palisandertisch). Dabei kommt den Farbadjektiven
27
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
die Rolle von Wohlstandsmarkierungszeichen zu: ein schwarzes Telefon
macht dem schicken weißen Telefon Platz.
Die graphisch stark betonte Architektonik des Textes ist zyklisch
wiederholbar, was auch in einem sehr starken Maße von dem Einsatz
des grammatischen Parallelismus bekräftigt wird. Beide Stilgriffe sollen die Zyklusnatur der zuerst positiven, sich immer bessernden Situation zeigen, schlägt sich später aber ins Entgegengesetzte um, offenbart
die Unmöglichkeit für eine Frau, auf die Dauer emanzipiert zu bleiben,
führt krass vor die Augen, dass eine Frau doch in einem ununterbrochenen Zyklus eingeschlossen wird, in dem ihre Emanzipation auswegslos
zum Ende verurteilt wird. Auf diesen Gedanken arbeiten der grammatische Parallelismus beinahe mit einer identischen lexikalen Füllung und
die dadurch bedingte, besondere Syntax: die sich immer wieder syntaktisch und lexikal wiederholbaren Spracheinheiten (Wörter, Wortverbindungen, Sätze) schlagen wie ein Hammer, bringen einen besonderen
Rhytmus ein, lassen uns als Leser zuerst die persönliche Entwicklung
der jungen Frau mit Freude begrüßen, setzen dann aber ebenso hart wie
ein Hammerschlag allen unseren Hoffnungen ein ehes Ende, lassen uns
den tiefen Lebensverdruss der in der Karriere (lies: in der Emanzipation)
gescheiterten Frau mit aufrichtigem Seufzen mitempfinden. Da fällt das
Resüme:
Ihre Berufstätigkeit ist beendet …. Sie trägt das Kind – kündigt
nicht.
Das immer wieder akkordtragende “KÜNDIGT” kommt dieses Mal
nicht.
Ist das eine Strafe für die Berechenbarkeit, was die Autorin sehr geschickt stilistisch in der Passage betont?:
Sie … kündigt dem mittellosen Studenden die Freundschaft, heiratet Auto, Haus, komplette Wohnungseinrichtung und ein fettes
Konto… .
Mittels unlogischer Verbindungen „die Freundschaft kündigen“,
„ein Auto heiraten“; „ein fettes Auto heiraten“ verbindet die Autorin den philologisch-semantischen Zwang mit einem gewissen Situationszwang, dem die Hauptheldin in ihrem Drang nach allen Bequemlichkeiten des Lebens ausgeliefert ist. Tatsächlich ist bei diesen Wortverbindungen die Verletzung der semantischen Valenz festzustellen.
Gleichzeitig empfindet man in der inneren Welt der Hauptheldin einen
Seelenkonflikt mit. Sie soll eine Wahl treffen: die Freundschaft einbüßen, mehr noch das ehemalige Leben einbüßen, dafür aber das Leben
mit allem Komfort bekommen. Die Entscheidungsqualen entkommen
28
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
dem Augenmerk des Lesers nicht. Deswegen ist beim Leser die Enttäuschung insofern größer, wenn er liest, wie die Geschichte ausläuft. Hat
unsere Hauptheldin mit der Anwesenheit der alten, dunklen Schwiegermutter gerechnet? Warum lässt die Autorin sie nicht weiter kämpfen, eine emanzipierte Entwicklung im Familienbereich durchsetzen? Besteht
die Moral der Geschichte darin, dass sie ein typisches Entwicklungsbild
aufzeigt? Geht eine solche Schicksalsentscheidung bei einer so starken
Frau auf die Dauer? Ist da noch ein positiver “Aufstand” zu denken und
also ein Happy End zu erwarten? So ist eben das Leben: mit vielen Entscheidungswegen und Konkretisierungsfragen. Das hat die Auorin richtig erkannt: in Fragen der Frauenemanzipation, von Liebesbeziehungen
kann man nie sicher urteilen und meinen. So ist eben das Leben in ihrer
Vielfalt und Unverhoffenheit.
Renate Holland-Moritz
Renate Holland-Moritz, eigentlich Renate Spangenberg (geschiedene
Kusche), wurde am 29. März 1935 als Tochter des Zangenmachers Oskar
Holland-Moritz und seiner Frau Lucie, einer Artistin des Berliner Wintergarten, in Berlin-Wedding geboren, wuchs aber im Heimatort des Vaters in
Steinbach-Hallenberg auf. Schon frühzeitig interessierte sie sich für Literatur und Film. Nach nicht abgeschlossenem Oberschulbesuch begann sie als
Volontärin und Assistentin bei verschiedenen Berliner Tageszeitungen, war
kurzzeitig Redakteurin und dann freischaffende Journalistin. Ab 1956 war
sie freiberufliche Mitarbeiterin der Satirezeitschrift „Eulenspiegel“. Seit 1960
veröffentlichte sie dort unter dem Titel „Kino-Eule“ Filmkritiken, die auf
Grund ihres Witzes und zuweilen ihrer Bissigkeit Kultstatus hatten und haben. In der DDR-Zeit konnte sie darin ihre Meinung ohne Zensureinflüsse
veröffentlichen. Renate Holland-Moritz hat eine Vielzahl satirischer Erzählungen im „Eulenspiegel“ und in 20 Büchern veröffentlicht, von denen zwei
vom DDR-Fernsehen und der DEFA auch verfilmt wurden. Drei Bücher sind
Gemeinschaftsarbeiten mit ihrem ehmaligen Ehemann, dem Schriftsteller
und Journalisten Lothar Kusche. Renate Holland-Moritz ist durch Feuilletons, Kurzgeschichten, Kinderbücher und Erzählungen bekannt. Mit «Der
Mann, der nach der Oma kam» (1972), einer Verfilmung von «Graffunda
räumt auf» (1969), hat sie neben den Fernsehzuschauern (“Florentiner 73”,
1972 nach “Durchgangszimmer”, 1967) nun auch Kinogänger erreicht. Renata Holland-Moritz gehört zu den produktivsten, vielseitigsten und bekanntesten Autoren der heiteren Erzählung. Sie ist satirische Schriftstellerin, Journalistin und Filmkritikerin.
29
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Frühlingsgefühle
„Es ist Frühling”, sagte Frau Herzlieb, und sah ihren Mann vielsagend an.
“Ich weiß”, knurrte er, „der Garten muss umgegraben werden.” Sie seufzte.
„Natürlich, Oskar. Aber wirf doch nur einmal einen Blick in die herrliche erwachende Natur. Sieh nur, wie ent­zückend sich die kleinen Gänseblümchen
auf dieser Wiese lüm­meln ...”
„Weil du gerade von Lümmeln sprichst”, unterbrach sie Herr Herzlieb, „ich
habe heute morgen Klaus-Dieters Klassenlehrer getroffen. Er sagt, der Bengel kriegt in Betragen ‘ne Vier, er hat einem Klassenkameraden Engerlinge
in die Brotbüchse getan.”
Frau Herzlieb war nicht zum Ärgern aufgelegt. „Klaus-Dieter ist eben ein
richtiger Junge. Aber sieh doch das zarte Gelb der For­sythien. Und die Kastanienknospen brechen ...”
Herr Herzlieb blieb mit einem Ruck stehen. „Gertrud”, sagte er aufgeregt,
„das Wichtigste hab’ ich dir ja noch gar nicht erzählt: Krause ist entlassen!
Er kam schon wieder besoffen zur Arbeit, und mitten in der Versammlung
musste er brechen. Stell dir das vor!”
„Danke”, sagte Frau Herzlieb und verzog das Gesicht.
Sie kamen an einem frischgepflügten Feld vorbei. „Oskar”, sagte sie versonnen, “weißt du noch, vor fünfzehn Jahren?”
„Vor fünfzehn Jahren?” fragte er verständnislos. „Vor fünfzehn Jahren haben
wir Kohldampf geschoben”.
“Das auch”, gab sie zu, “aber kannst du dich nicht an etwas an­deres erinnern? Vor fünfzehn Jahren, hier, hinter diesem Feld?”
Er überlegte. „Ich glaube, da haben wir mal Kartoffeln geklaut. Oder Rüben.”
„Aber Oskar”, sagte sie schamhaft errötend, „vor fünfzehn Jah­ren hast du hier
zum ersten Mal – ich meine, haben wir hinter dem Holunder dort drüben ...”
Er erinnerte sich dunkel. „Was sich Frauen so alles merken”, nickte er anerkennend. „Hast du übrigens die Baumschule angerufen, damit wir wenigstens in diesem Jahr die Stachelbeer­sträucher rechtzeitig kriegen?”
„Oskar”, sagte Frau Herzlieb abwesend, „wollen wir nicht wie­der einmal den
alten Weg zu dem Holunderbaum gehen?”
„Bitte”, sagte er ergeben, „es ist zwar ein Umweg, und ich wollte um sieben
die Sportnachrichten hören, aber wenn es unbedingt sein muss ...”
Als sie vor dem erinnerungsträchtigen Baum standen, bekam Frau Herzlich
feuchte Augen. Ihr Gatte pfiff das Volkslied “Weißer Holunder”.
„Weißt du noch, Oskar”, sagte sie verschmitzt, „ich hatte mein graues Frühlingskostüm an, und hinterher waren lauter Gras­flecke ...”
„Mein heller Anzug muss übrigens in die Reinigung”, fiel ihm ein. „Ich hab’
dir schon ein paarmal gesagt, dass Likörflecke drauf sind. Aber du denkst
eben an nichts.”
30
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
„Damals trugst du kurze Lederhosen”, sann Frau Herzlieb. „Du hattest, nebenbei bemerkt, ausgesprochen schöne Beine, alle Mädchen im Dorf haben
sich nach dir umgedreht”
„So”, sagte er geschmeichelt. „Du warst ja so übel auch nicht. Nee, wirklich,
‘ne richtig hübsche Deern bist du gewesen.”
„Gewesen?”
„Na, Mutti”, sagte er gemütlich und legte den Arm um ihre Hüfte, „bist doch
immer noch die Beste.”
„Damals war genau so ein Frühlingsabend wie heute”, überlegte sie. „Das
Abendrot stand am Himmel, und wir saßen unter dem Holunder. Wollen wir
uns jetzt nicht auch ein bißchen ...”
„Denk an die Grasflecke”, sagte er, „ich kann nicht nur für die Reinigung
arbeiten.”
„Wir könnten eine Zeitung unterlegen”, schlug sie vor. Umständlich breitete
er den „Freien Bauern” aus, wobei er rasch die Sportberichte überflog. Endlich saßen sie.
„Liebster”, sagte sie und legte ihren Kopf an seine Schulter, „jetzt ist es beinahe wie damals...”
Da begann es zu regnen.
Aufgaben zur Textinterpretation
1. Was bedeutet der Begriff „klingender Name“? Wie charakterisieren die „sprechenden“, „klingenden“ Namen die Haupthelden Frau
Herzlieb und Herr Herzlieb?
2. Wie ist das Motiv des Frühlings mit den Intentionen der Autorin
verbunden?
3. Informieren Sie sich über die Stilfigur “Antithese”! Welche Rolle
kommt im Text den antithetischen Passagen zu?
4. Verfolgen Sie die Verbindung der Pflanzenbezeichnungen mit den
Gemütszuständen und den Stimmungen der Hauptpersonen!
5. Ergründen Sie die Gebrauchsnuancen der Aposiopesen (Satzabbrüche)!
6. Nennen Sie die Sprachmittel des Ausdrucks des Humors und der
Satire in diesem Text!
7. Woher kommt im Text so viel Satire und Humor seitens des Autors? Versuchen Sie das anhand von Lebensdaten der Autorin zu begründen!
31
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Weiterführende Aufgaben
A u f g a b e 1. Mit welchen Sprachmitteln wird die Ironie in der analysierenden Kleinerzählung geschaffen? Vergleichen Sie Beispiele der
Ironie in der Erzählung und in den unten angegebenen Beispielen aus
den Werken der deutschen schöngeistigen Literatur! Was haben sie gemeinsam?
1. „Mister Bleuel im neunten Himmel“, entschuldigen Sie die Störung,
ging Artjom dazwischen: „Der Regen hat nachgelassen“.
2. Bei der Vorstellung, Bier zu trinken, legten Bleuels Kopfschmerzen wieder
los. Weil er nicht unhöflich sein wollte, sagte er: »Wenn, dann würde ich gern
Kwass pro­bieren. Bleuel sagte, er wisse auch nicht, wie er daraufkomme, aber
wenn er sich recht ent­sinne, sei bei Gogol oft von Kwass die Rede.
„Sieh an. So bieten unsere unsterblichen Klassiker bis heute Anregung und Instruktion, auch für den Auslän­der.“
3. Am schwarzen Wasser ragen ein paar glatte Felsen, auf denen erst
sibiri­sche Ureinwohner und ein paar Jahrtausende später russi­sche Jugendliche ihre Gravuren hinterlassen haben.
4. Ach ja, die Toilette mit Wasserspülung, in dieser Gegend durchaus
eine Errungenschaft.
A u f g a b e 2. Stellen Sie fest, aus welchen Gefühlen die Sprechenden
im dialogischen Textausschnitt einen plötzlichen Satzabbruch vornehmen könnten?
„Sascha sagt, für sein Gefühl sind die Hüter ganz zufrieden mit uns. Auch
mit dir. Und Jurij fragt dich, ob du, bevor wir aufbrechen, noch eine schorische
Legende hören möchtest.“
“Oh. Ja, gerne. Sehr gerne möchte ich das. Es ist mir eine – „
„Das dachten wir uns doch.“
A u f g a b e 3. Warum könnte man in Bezug auf die in der Kleinerzählung „Frühlingsgefühle“ gebrauchten Aposiopesen meinen, dass sie
gleichzeitig auch Euphemismen sind?
A u f g a b e 4. Womit will der Autor bzw. die Autorin das Interesse des
Lesers erwecken, indem er bzw. sie den Stilgriff „Alliteration“ benutzt?
Gebrauchen Sie bei Ihrer Antwort die unten angegebenen Beispiele aus
der deutschen schöngeistigen Literatur!
1. „Dann blickt sie vielsagend, wenn sie spricht – dann spricht sie versonnen, verschmitzt, schamhaft errötend”.
2. “Einige Male bewegten sich die Tänzerinnen so, dass klar wurde, sie stellten Tiere dar, schleichende oder sprin­gende Waldtiere, die Ak Torgu mit ihrem
Gesang und dem Zeitlupenschwung ihrer Haarpeitsche zu bannen, zu beherrschen, zu beseelen schien.“
3. “Er rückte sich damit in ein schlechtes Licht. Klar, das Ne­beneinander von
Übelkeit und Übermüdung.“
32
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
A u f g a b e 5. Welcher stilistischer Effekt vom Einsatz der verba dicendi wird in der Kleinerzählung von Renate Holland-Moritz erreicht?
Was können die verba dicendi überhaupt in einem literarischen Text bewirken, wenn ein Schallsprecher, ein Stotterer, ein Lauthals oder ein
leise und nicht verbindlich sprechender Held im literarischen Werk „das
Sagen hat“?
Er knurrt, unterbricht sie, fragt verständnislos, er erinnert sich dunkel.
A u f g a b e 6. Was wollte die Autorin Renate Holland-Moritz in ihrer
Kurzgeschichte „Frühlingsgefühle“ erreichen, indem sie mehrmals die
Wörter paronymisch gebrauchen ließ und unterschiedliche Auslegung
eines und desselben Wortes den beiden Haupthelden in den Mund legte?
„… Sieh nur, wie ent­zückend sich die kleinen Gänseblümchen auf dieser
Wiese lüm­meln ...”
„Weil du gerade von Lümmeln sprichst”, unterbrach sie Herr Herzlieb, „ich
habe heute morgen Klaus-Dieters Klassenlehrer getroffen. Er sagt, der Bengel
kriegt in Betragen ‘ne Vier, er hat einem Klassenkameraden Engerlinge in die
Brotbüchse getan.”
A u f g a b e 7. Welcher Art Paronymie begegnet man im folgenden Gedicht „Trichter“ von Christian Morgenstern, das dem Genre „Konkrete
Poesie“ gehört, wenn man die Form des Gedichtes bedenkt?
Die Trichter
Zwei Trichter wandeln durch die Nacht.
Durch ihres Rumpfs verengten Schacht
fließt weißes Mondlicht
still und heiter
auf ihren
Waldweg
u.s.
w.
A u f g a b e 8 . Ordnen Sie die unten aufgezählten Paronyme je nach
der Art der Bildung den Oberbegriffen zu! Die Paronymbildungsarten
sind unter dem Regal zu wählen!
Mangel – Mängel; eisig – eisern;
erstaunt – erstaunlich; vorkommen – Vorkommnis;
gewöhnlich – gewohnt; Bodenschätze – Schatz – Schätzung;
Wort – Wörter – Worte; Für eine Flotte nicht flott;
Singular- oder Pluralform / semantisch nuancierte gleichstämmige
Gebrauchsweisen / gleichstämmige Wörter / Wörter, die sich semantisch
33
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
voneinander unterscheiden, was besonders anschaulich aus der Pluralform ersichtlich wird / homonymische Dubletten.
A u f g a b e 9. Bestimmen Sie, welches von diesen zwei Paronymdubletten ein Basiswort ist?
1. Advokat – Schand­vokat (плохой адвокат)
2. Rechtsanwalt – Linkanwalt (плохой адвокат)
3. einen Professor insultieren – einen Professor konsultieren
4. nichtdestoweniger – nichtdestotrotz
5. der Mercedes – der Trabcedes (медленный автомобиль)
6. Leidenschaften – Freudenschaften
7. Nächstenliebe – Fernstenliebe
8. Mozart – Motzart
9. die deutsche Wirtschaft, die deutsche Verwirrschaft
10. heroische Taten – heroinische Taten
11. Achillesferse – Achillesverse schreiben
A u f g a b e 10. Erklären Sie, mit welchen sprachlichen Mitteln das paronymische Wortspiel im Gedicht „Lichtung“ von Ernst Jandl entsteht!
Ernst Jandl
Lichtung
manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht
verwechsern.
werch ein illtum!
A u f g a b e 11. Kommentieren Sie die Möglichkeit eines paronymischen Gebrauchs in der Politik zum Schaffen eines kritischen Charakteristikums anhand folgender Beispiele!
Standpunkt der Genossen – Stehpunkt der Genossen
Auswahl der Besten – Auswahl der Bestien
A u f g a b e 1 2. Oft wird die Paronymie mittels Buchstaben- und Silbenverschiebungen gebaut. Das Schema der Buchstaben- und Silbenvertauschungen ist sehr unterschiedlich. Beweisen Sie es an folgenden
Paronymen!
a) Berlin erleben – Berliner Leben
b) Nie wieder sollst du von mir ein Kalauer hören, und wenn du
lauerst, bist du kahl!
c) Kunst ist ein Zufall, aber sie fällt nicht jedem zu.
34
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
A u f g a b e 1 3. Welcher wortbildender Effekt liegt den unten angeführten Paronymen zugrunde?
1. Berlin ­– ist die Stadt der Warenhäuser: hier war’ n Haus, hier war’
n Haus, und da war’ n Haus.
2. Belletriste: Belle warste, triste biste
(Belle ist ein Mädchenname; warste = war es du; triste = trist bist du
triste = langweilig)
3. Nachteile – Nacht-eile
4. Tunichtsgute – Tunichtsböse
5. der mieseste Antrop – der Misantrop
A u f g a b e 14. Vielen Kinderversen ist Paronymie nicht fremd. Worauf beruht in diesem Fall die paronymische Gebrauchsweise?
„Wurm du!“
„Sulzhuhn!“
„Ungezogener Lumpenschuft“
„Du kannst nicht husten“
„Hund“
„rund“
„wund“
„Bund“
„Uhuuu!“
„Warm da!“
„Salzhuhn!“
„Angezogener Lampenschaft“
„Da kannst nicht hasten“
„Rand“
„rand“
„Wand“
„Band!“
„Ahaaa!“
A u f g a b e 1 5. Was ist das Prinzip der Paronymbildung in den folgenden Paaren?
Nacktbar – Nachtbar
Journaille – Journalist-Kanalja
Diletalent – Diletant-Talent
Akademokrat – Akademiker-Demokrat
Väterchen Prost – Väterchen Frost
ein hysterischer Roman – ein historischer Roman A u f g a b e 16. Welchen anderen Stilgriffen ähnlich sind folgende Paronyme entstanden?
– еin Paar paarte sich;
– ein Buch buchen;
– Die Vegetation vegetierte aufs wunderbarste.
– Und wieder schluchzen die Schluchzer.
A u f g a b e 17. Das Wort “Brechen” ist bei Frau Herzlieb – Knospenbrechen, bei dem Gatten – ein Verb mit der Bedeutung “kotzen” (anders
synonymisch: “rückwärtsfrühstücken). Das Feld wird bei der Frau mit
35
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
der ersten Liebesbeziehung assoziiert, der Ehegatte verbindet damit eine
“Bestellung der Stachelbeersträucher”. Dieser Stilgriff, bei dem ein- und
derselbe Sachverhalt von unterschiedlichen Personen anders verstanden
bzw. ausgelegt wird, heißt Konversion. Lesen Sie den unten angegebenen Textausschnitt und beweisen Sie, dass in diesem Beleg eine Konversion vorhanden ist!
„Weißt du noch, Oskar”, sagte sie verschmitzt, „ich hatte mein graues Frühlingskostüm an, und hinterher waren lauter Gras­flecke ...”
„Mein heller Anzug muss übrigens in die Reinigung”, fiel ihm ein.
A u f g a b e 18. Die Helden der Erzählung sprechen oft sozusagen „an
einander vorbei“. Die Autoren der konkreten Poesie liefern genügend
Beispiele von solchen Texten. Unten wird ein Beispiel vom Komiker Loriot angeführt:
Deutsch für Ausländer
Sie: Wir besitzen ein Kraftfahrzeug. Mein Mann fährt mit der Bahn ins Büro.
Er: Ich bin 37 Jahre alt und wiege 81 Kilo.
Sie: Viktor ist 5 Jahre älter und ein Kilo schwerer. Sein Zug fährt morgens
um 7 Uhr 36.
Er: Mein Onkel wiegt 79 Kilo. Sein Zug fährt um 6 Uhr 45.
Sie: Mein Mann ist festangestellt. Er arbeitet bis 17 Uhr 30.
Er: Ich habe drei Cousinen. Sie wiegen zusammen 234 Kilo … –
Was hat dieses Gedicht intentionsmäßig mit den Stilgriffeffekten in
der Erzählung von Renate Holland-Moritz gemeinsam?
A u f g a b e 1 9. Die Reihe der Verben und verbalen Wendungen, die
wir der Kurzerzählung von Renate Holland-Moritz entnehmen, zeigt
deutlich ein emotionelles Aufwachen des Haupthelden, charakterisiert
betont durch diese Anreihung eine graduierte Aufmilderung des sonst
gefühlslosen Helden:
bleibt mit einem Ruck stehen, überlegt, nickt anerkennend, sagt
ergeben, sagt gemütlich und legt den Arm um ihre Hüfte …
Beantworten Sie die Frage: nach welchem Prinzip (Klimax, Antiklimax) erfolgt die Gradation in zwei nächsten Beispielen aus den Werken
der schöngeistigen Literatur?
1. Die Frau, die Stimme, die überschrittene Schwelle – was für ein Fest im
Leben!
2. “Ihm blieben nur drei Tage. Nicht einmal ganze drei Tage, Mittwoch früh
ging sein Flug. Was gestern zu dieser Stunde noch ein Trost gewesen war,
fühlte sich nun an wie sein Hinrichtungstermin. Was konnte man in drei Tagen
erreichen? Du hast deine Chance gehabt, Bleuel“.
36
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Interpretationsvorschlag
Wenn von der Feder einer Autorin eine Liebesgeschichte herauskommt, dann hat man in der Regel eine emotionsreiche Darstellung eines großen Gefühls, das wie bekannt die Berge versetzen und die Meere
umleiten vermag. Eine solche Geschichte erwartet man, wenn man von
dem Titel der Erzählung “Frühlingsgefühle” ausgeht.
Der Frühling bedeutet das Erwachen der Natur, das Knospen- und
Seelenaufbrechen, Aufregung und flammende Liebe. Das alles empfindet unsere Hauptheldin, deren vielsprechender klingender Name – Frau
Herzlieb ist. Der Name charakterisiert symbolisch-metonymisch ihren
seelischen Zustand. Sie sieht, erlebt, bewundert den Frühling, was die
Autorin sehr geschickt verbal unterstreicht. So werden die Handlungen
und das Äußere der Frau von einer Reihe thematisch zusammengehörender lexikalischer Einheiten beschrieben. Wenn sie blickt, dann blickt sie
vielsagend, wenn sie spricht – dann spricht sie versonnen, verschmitzt,
schamhaft errötend.
Der zweite Hauptheld ist ihr Gatte, dessen Familienname ironisch zu
verstehen ist und emphatisch implizit den Gegenpol von dem Gemüht
der gefühlsreichen Frau andeutet. Zynisch klingt sein Familienname
rückblickend auf seine Art, die entgegengebrachte Liebe zu verkennen,
abzustoßen. Deswegen spricht die Frau nach dem mehrmaligen gescheiterten Versuch, die Liebeserinnerungen bei ihrem Mann zu erwecken,
abwesend, bekommt feuchte Augen. Sie ist nicht zum Ärger aufgelegt, sie denkt an den Frühling und möchte wie alle in der Lenzzeit
die Liebe erleben, wenigstens die Liebeserinnerungen aus ihrer Jugend
wieder ins Leben rufen. Bei ihrem Mann soll Frau Herzlieb sie förmlich wachrütteln, ihm sie buchstäblich erdrücken. Um das zu betonen,
bringt die Autorin krasse Kontrastbilder. Mittels verba dicendi zeigt Renate Holland-Moritz die entgegengesetzten Reaktionen des Ehegatten,
dem anscheinend alles Lebendige, Liebevolle für ewig entzogen ist. Er
knurrt, unterbricht sie, fragt verständnislos, er erinnert sich dunkel.
Alle emotionsbeladenen Episoden, - wie Renate Moritz sehr geschickt ausdrückt hat - “erinnerungsträchtige” Situationen macht der
Ehegatte, ein förmlicher Bauklotz, durch grobe Erwiderung, eine banale
Alltagsbemerkung zunichte. So spricht Frau Herzlieb darüber, wie sich
Gänseblümchen auf der Wiese lümmeln. Der Gatte zerstört die zarte
Semantik des sprachlichen Gebrauchs (die Blumen lümmeln sich), er gebraucht das «zarte» Verb grob substantivisch, entstellt die Fantasiewelt
der Ehegattin, was die Autorin sehr geschickt durch den Einsatz paronymischer Dubletten auf wortspielerische Weise betont.
37
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Immer wieder versucht Frau Herzlieb den Ehemann aus seiner Grobheit der Liebe zuzuwenden. Und immer wieder widerfährt ihr eine grobe Liebesverkennung entgegen.
Durch den Einsatz von Paronymie, Doppelsinn, Emphase entsteht
ein sehr feines Wortspiel, das auf der Zusammenjochung von zwei unterschiedlichen Reaktionen auf ein Bezugswort basiert: das Wort “Brechen” ist bei Frau Herzlieb – Knospenbrechen, bei dem Gatten – ein grob
klingendes Verb mit der Bedeutung “kotzen”, “rückwärtsfrühstücken”.
Das Feld wird bei der Frau mit der ersten Liebesbeziehung assoziiert,
der Ehegatte verbindet damit “Bestellung der Stachelbeersträucher”.
Die Frau möchte die Liebe immer noch im Herzen austragen, für den
Mann ist alles schon gewesen, was er auch unbedachterweise der Frau
in einer seiner Repliken unmittelbar sagt: “Nee, wirklich, ‘ne richtig
hübsche Deern bist du gewesen.”
Auf einen Moment scheint die Frau ihn doch aus seinem liebeslosen Gemüht rausgebracht zu haben. Das kostet sie eine große Mühe.
Sie verzieht das Gesicht, sagt abwesend, sagt versonnen, schlägt vor,
legt ihren Kopf an seine Schulter. Die Reihe der Verben und verbalen
Wendungen zeigt, dass sie um ihn kämpft, mal vergebens, mal wieder
mit Liebe ihm entgegenhandelnd. Mal gelingt es ihr. Er wird weicher. Er
bleibt mit einem Ruck stehen, er überlegt, nickt anerkennend, sagt
ergeben, sagt gemütlich und legt den Arm um ihre Hüfte, breitet die
Zeitung auf, um sich mit der Frau drauf zu setzen, wie es früher einmal
war.
Dabei denkt er aber an die Grasflecken, überfliegt schnell die Sportberichte, bemerkt ganz nebenbei, dass er nicht für die Reinigung arbeiten
möchte. Am Ende sehen wir das sichere deutlich ausgedrückte Resümee
der Autorin fallen. Sie lässt den Regen kommen. Sind das die Tränen der
Frau, die das Scheitern des Versuches beweinen, ihren Mann zur Liebe
zu bekennen? Oder soll der Regen kommen, weil die Autorin deutlich
sieht, dass aus diesem Versuch nichts Vernünftiges herauskommt, damit sich die Hauptheldin nicht weiter mit dem Bestreben plagt, etwas
zum Leben zu rufen, was längst verstorben ist? Die Erzählung wirkt
mit einer ständig vor die Augen geführten Emphase in Verkörperung
des Familiennamens Herzlieb wie ein Appel: hüten Sie sich vor dem
Liebestod, kämpfen Sie um das große Gefühl der Liebe, geben Sie die
Hoffnung nicht auf, die Liebe für immer zu behalten. Werden Sie nicht
zum Ehegatten Herzlieb, bei dem dieser Familienname das Entgegengesetzte bedeutet: Herztod! Lassen Sie jeden Frühling den echten Frühling
sein, den Lenz ihrer Liebe!
38
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Rainer Brambach
(1917–1983)
Rainer Brambach wurde am 22.1.1917 in Basel als Sohn einer Bernerin und
eines deutschen Emigranten aus Köln geboren, besuchte in Basel die Primärund Sekundarschule und begann vierzehnjährig eine Lehre als Maler. Er unternahm ausgedehnte Wanderungen durch Frankreich, Deutschland und Österreich. Wegen der großen Arbeitslosigkeit ging Brambach 1939 nach Stuttgart,
wo er im Betrieb Mercedes-Benz als Fabrikmaler eingestellt wurde. Noch im
selben Jahr wurde er zur Wehrmacht eingezogen, doch es gelang ihm bald, in
die Schweiz zu desertieren, wo man ihn vorübergehend internierte. Abgesehen von den wenigen Monaten vor Kriegsbeginn und der Zeit seiner Reisen
verbrachte er sein Leben in Basel, wo er in der literarisch traditionsreichen
St. Alban-Vorstadt ansässig war. Nachdem er als Laufbursche, Torfstecher,
Steinmetz und Werbetexter gearbeitet hatte, ergriff er schließlich aus Neigung
den Beruf des Gärtners und Gartenbauarbeiters. Um 1947 setzte Brambachs
literarische Tätigkeit ein. Die ersten sieben Gedichte erschienen zu seinem 30.
Geburtsjahr als Privatdruck in 50 Exemplaren. 1954 wurden Gedichte von ihm
in den «Akzenten» veröffentlicht. Sein Gesamtwerk umfasst wenig mehr als
150 Gedichte, die in 12 Sprachen übersetzt wurden, und rund zwei Dutzend
Kurzgeschichten. Er schrieb zahlreiche Beiträge für Zeitschriften, Zeitungen
und Anthologien. Seine Rundfunkbeiträge aus dem Jahr 1958, die posthum
veröffentlicht wurden, gelten als seine einzigen poetologischen Äußerungen.
Seit Anfang der sechziger Jahre widmete sich Brambach vorwiegend seiner
schriftstellerischen Tätigkeit und arbeitete nur noch zeitweise im Landschaftsund Gartenbau.
Brambach verarbeitet in allen Gedichten seine Beobachtungen, seine Erlebnisse und Wahrnehmungen – so lautet der Titel eines Prosabändchens von 1961.
Seine Sprache verzichtet auf alles Manierliche. Sie gibt sich bewusst reduziert
und verhalten, will mitteilen. Auch die schlichte Prosa Brambachs, die immer
wieder mit Robert Walsers verglichen wurde, lebt vom genügsamen Ausdruck.
«Für sechs Tassen Kaffe» (1972) heißt die Geschichtensammlung, in der er
scheinbar belanglose Begebenheiten aufgreift. Er schreibt unsimental und ohne
Pathos über Menschen, die vom Leben benachteiligt sind und in den Randzonen der Gesellschaft ihre Existenz fristen. Ganz undramatisch stellt er die
Verlassenheit, die Traurigkeit und Verzweiflung, aber auch die kleinen Freuden
der Menschen dar.
Für sechs Tassen Kaffee
An “Fußball spielen verboten” und “Hunde sind an der Leine zu führen”
vorbei kommt Wenzel frühmorgens durch den Stadtpark. Er ist unterwegs zu
Krebs, der seinen Ausschank, eine giftgrün gestrichene Bretterbude, am Platz
vor dem Hauptportal hat. Wenzel hat, wie so viele Nächte im Hochsommer,
39
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
unter einem Gebüsch im Park geschlafen. Er muss jetzt einen Kaffee haben.
Er braucht dringend einen starken Schwarzen, ungezuckert versteht sich. Ein
Gewitter hat ihn im Schlaf überrascht, er ist nass bis auf die Haut und möchte
wieder ins Lot kommen.
Krebs wird mit sich reden lassen. “Krebs muss mit sich reden lassen”, denkt
Wenzel, während er unversehens auf etwas Weiches tritt. Er bleibt stehen,
guckt nach unten, und seine Augen werden groß. Was denn? Er ist nicht in
einen Hundedreck getreten, wie schon oft, nein, da liegt dicht ne­ben dem Rasenbord, das den Weg säumt, eine braunlederne Brieftasche. Wenzel bückt
sich, steckt das Leder flugs ein, verschwindet hinter einer Sträuchergruppe in
Deckung. Er kommt kurz darauf wieder hervor und geht weiter. Wie ein Mann,
der nur rasch mal abseits ein kleines Geschäft verrich­ten musste, geht Wenzel
weiter durch den Park zu Krebs.
“Morgen, Krebs”, sagt Wenzel. “Ziemlich frisch heute, was?” Krebs kommt
vom Ausguss her an die Theke. Er trock­net sich die Hände an der Schürze ab.
“Wie wär’s mit einem Kaffee?”.
Krebs lässt sich Zeit. Er mustert Wenzel ausgiebig.
“Wie wär’s”, wiederholt Wenzel.
“Geld”, sagt Krebs. Das Wort fällt wie ein Hammer. „Du Rabe schuldest mir
sechs Tassen Kaffee. Damit hat sich’s”.
Wenzel schiebt seinen zerbeulten Filz ins Genick. Er schaut über den Platz
auf das Reiterstandbild, er betrachtet ein paar Tauben, die kopfnickend herum trippeln, und ver­folgt den Bus, der eben mit sanftem Gebrumm wegfährt.
Wenzel wendet sich wieder Krebs zu: “Geld? Wenn’s weiter nichts ist! Sag mal
Krebs, du nimmst doch auch ausländi­sches Geld, nicht wahr?”.
Krebs greift nach einem Lappen. Er wischt ausholend die Theke blank:
“Kommt darauf an. Find’ ich doch neulich abends beim Kassasturz eine türkische Lira im Fach. Wieso? denk ich. War ja gar kein Türke da. War am Vormittag
ein Makkaroni da, der seine Zeche mit vierhundert Lire in Münzen bezahlt hat.
Na, ich musste allerhand Kundschaft bedienen, und da hat mir dieser Gauner in
der Eile das tür­kische Scherflein angedreht.”
“Pech”, sagt Wenzel. “Aber wenn ich nun einen Hundert­dollarschein in der
Tasche hätte?”
Krebs hält inne: “Einen was?”
“Du hast richtig gehört: Einen Hundertdollarschein.”
“Oh, du verdammter Aufschneider!”, lacht Krebs. Er geht zur Kaffeemaschine, nimmt eine Tasse vom Gestell, lässt sie bis zum Rand volllaufen, kommt
zurück und stellt die Tasse samt einem Untersatz vor Wenzel hin auf die Theke.
“Heiß! Verbrenn` dir den Lügenschnabel nicht!” sagt Krebs.
Wenzel schiebt die Zuckerbüchse spielerisch hin und her. Er nimmt einen
Löffel aus dem Besteckkasten und schlägt ihn leicht an die Tasse. “Wenn ich
nun Glück gehabt hätte? Wenn mir ein hübscher grüner Schein in die Tasche
gewandert wäre... Was meinst du?”
Krebs schweigt. Er schaut Wenzel an.
“Nun?” drängt Wenzel.
Krebs schweigt noch immer, aber Wenzel spürt, der Budi­ker überlegt sich
die Antwort sorgfältig.
40
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
“Angenommen”, sagt Krebs endlich, “angenommen, du hast hundert Dollar
in der Tasche, so könnte ich sie dir nicht wechseln. Hundert Dollar sind viel
Geld, auch für’ n Mann wie ich. Mächtig viel Zaster ist das. Ungefähr das Vierfache in unserer Währung.”
“Ich müsste also zur Bank gehen.”
Krebs nickt: “Du musstest versuchen...”
“Versuchen?” unterbricht Wenzel. “Wieso versuchen?”
Jetzt lächelt Krebs. Er rümpft seine fleischige Nase, er zeigt seinen Goldzahn, er kratzt sich hinterm Ohr: “Hast du in letzter Zeit mal in einen Spiegel
gesehen, Wenzel?”
Nein, Wenzel hat sich seit Tagen in keine Spiegel gesehen. Wozu auch. Er
kennt seine Visage.
“Gar nicht so einfach für dich, einen Hundertdollarschein zu wechseln”, sagt
Krebs. “Es könnte doch sein, der Beamte am Schalter nimmt dich ein wenig unter die Lupe. Wie? Er könnte sich fragen: Woher, hat dieser Landstörzer da hundert Dollar? Einmal misstrauisch geworden, winkt er womöglich der Polizei...”
Wenzel hat seinen Kaffee vergessen. Er muss rasch einen Schluck nehmen.
Krebs hat völlig recht. Wie sieht er denn aus! Sein Anzug ist sein Schlafanzug,
sein Sonntagsanzug und Werktagskleid in einem.
“Na, schön”, sagt Wenzel. “War ja alles nur ein Spaß, nicht wahr?”
Krebs lächelt noch immer.
“Ich schulde dir sieben Tassen Kaffee.”
“Sechs”, sagt Krebs. “Diese da schenk’ ich dir.”
“Du kriegst dein Geld. Morgen oder übermorgen zahle ich.”
“Sicher”, sagt Krebs. “Lass dir Zeit.”
Wenzel dreht sich um. Er will über den Platz. Wohin denn, wohin, ach irgendwohin! Er ist so verdammt mutlos plötzlich.
“Du, Wenzel, hör mal” ruft Krebs. “Seit wann trinkst du den Kaffee gezuckert?”
Wenzel kommt an die Theke zurück. “Gezuckert? Wieso? Hab’ ich Zucker
genommen?”
“Gib den Schein her”, sagt Krebs leise. “Gib ihn her, ich wechsle ihn für dich.
Komm gegen fünf herum wieder vorbei. Um diese Zeit ist wenig Betrieb hier.”
“Gut”, sagt Wenzel ergeben, aber wie er um fünf über den Platz zurückkommt,
da klingelt die Ladenkasse dauernd im Ausschank. Eine lange Zeile Bierflaschen steht auf der Theke. Krebs ist in großer Form, er schenkt ein, kassiert und
unterhält sich zwischendurch mit der Kundschaft. “Da haben Sie recht”, sagt er
zu einem hageren Griesgram. “Butter­milch ist noch immer das Beste für einen
vom Saufen entzündeten Magen. Kennen sie übrigens die Geschichte von den
beiden Fröschen? Nicht? Also: Zwei Frösche fielen in einen Milcheimer. Der eine Frosch versuchte verzweifelt an den glatten Wänden hochzukommen. Dabei
wurde er schließlich so müde, dass er versank. Der andere Frosch hingegen
paddelte ruhig im Kreis herum, immer im Kreis herum. Am nächsten Morgen
fand ihn der Bauer. Der Frosch saß auf einer Insel aus Butter. Wie ist’s, wollen
Sie noch eine Flasche Bier?”
Der Griesgram blickt sauer. Ein rauhes Gelächter erhebt sich. Krebs strahlt.
Er versteht es, seine Gäste bei Laune zu halten.
41
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Inzwischen hat sich Wenzel im Schatten der Rückwand auf eine umgestülpte Kiste gesetzt. Er hört Krebs drinnen wirt­schaften, hört das Gezisch der Kaffeemaschine und undeut­lich das Gebabbel der Trinker. Er geht erst wieder nach
vorne, nachdem es still geworden ist.
“Komm nur her”, sagt Krebs, “Die Blase ist abgezogen”. Wenzel greift nach
dem Glas voll Zahnstocher, das auf der Theke steht. Er nimmt ein Hölzchen
heraus und steckt es in den Mundwinkel.
“Was hat der Herr den ganzen Tag über getrieben”, will Krebs wissen.
“Ich saß am Fluss. Die Wolken zogen, die Mücken tanzten, und die Frösche
sprangen.”
“Na, so ein Leben möchte ich auch haben”, sagt Krebs. Er wendet sich zur
Kasse, drückt auf den Knopf, die Schublade schießt heraus. Krebs zählt drei
Zehnmarkscheine, einen Fünfer, ein Zweimarkstück und eine Anzahl kleiner
Münzen vor Wenzel hin.
“Zehn Dollar gleich zweiundvierzig Mark, abzüglich drei Mark für die sechs
Tassen Kaffee”, sagt Krebs.
Wenzel steht da. Er betrachtet das Geld. Worauf wartet er noch?
“Stimmt was nicht?” fragt Krebs.
“Zehn”, sagt Wenzel. “Zehn? Ich habe dir hundert gegeben.”
“Hundert? Du spinnst wohl! Zehn hast du mir gegeben.”
“Also hör mal, Krebs...” Wenzel schweigt. Eine rundli­che Frau ist hinzugekommen.
“Sie wünschen?” fragt Krebs.
“Geben Sie mir ein Eis”, sagt die Frau
“Tut mir leid, bin ausverkauft.”
Wenzel und Krebs warten, bis die Frau außer Hörweite ist.
“Also hör mal, Krebs, damit wirst du es nicht weit brin­gen...”
“So. Was soll das heißen? Du willst mich erpressen, wie? Nimm dein Geld
und lass dich hier nie wieder...” Krebs schweigt. Ein Mann steht an der Theke.
“Sie wünschen?”
“Einen Espresso”, sagt der Mann.
Wenzel versucht das Geld einzustecken. Seine Hände zittern, er muss sich
Zeit lassen, seine Hände zittern wie nie zuvor. Der Mann am Ende der Theke
schaut neugierig her­über.
“Sie wünschen? Bitte schön, Sie wünschen?”
Wenzel schaut hoch. Er steht in einer Drogerie”. Die Augen des jungen Drogisten, der vor ihm steht, funkeln belustigt hinter der Brille.
“Eine Flasche Benzin”, sagt Wenzel. “Benzin. Gerne. Aber wir führen nur
Reinbenzin.” “Egal”, sagt Wenzel, “...wenn’s nur brennt.”
Aufgaben zur Textinterpretation
1. Warum nennt der Autor die Haupthelden nur beim Familiennamen?
2. Wozu gebraucht der Autor sehr viele deutsche und internationale
Geldbezeichnungen, darunter auch sehr oft in der Umgangssprache?
42
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
3. Welche Rolle kommt der direkten Rede zu?
4. Mit welchen Sprachmitteln gelingt es dem Autor, einerseits die
Ungemütlichkeit um den Wenzel herum zu zeigen, andererseits den
Wunsch nach Wärme und Kaffee bei ihm zu betonen?
5. Wofür dient der metonymisch gefasste Ausgleich “für 6 Tassen
Kaffee”?
Weiterführende Aufgaben
A u f g a b e 1. Rainer Brambach, der Autor der Kleinerzählung „Für 6
Tassen Kaffee“ arbeitet geschickt mit den Farbadjektiven. Er gebraucht
sie sehr angebracht als Epitheta. Ein Epitheton ist ein stark aussagekräftiges Charakteristikum, meist adjektivisch oder adverbial ausgedrückt.
Beweisen Sie es am unten angegebenen Textauszug mit dem metaphorischen Einsatz des Farbadjektivs giftgrün!
„Er ist unterwegs zu Krebs, der seinen Ausschank, eine giftgrün gestrichene Bretterbude, am Platz vor dem Hauptportal hat“.
A u f g a b e 2. In dieser Szene hat sich Krebs deutlich auf Wenzels
Geld abgesehen. Wie macht das der Autor ersichtlich? Mit welchen
Sprachmitteln beschreibt der Autor im unten angegebenen Textbeispiel,
dass einer der Haupthelden (Krebs) die ungewünschte Szene der Entgeltung verzögern möchte?
“Oh, du verdammter Aufschneider!”, lacht Krebs. Er geht zur Kaffeemaschine, nimmt eine Tasse vom Gestell, lässt sie bis zum Rand volllaufen, kommt
zurück und stellt die Tasse samt einem Untersatz vor Wenzel hin auf die Theke.
“Heiß! Verbrenn` dir den Lügenschnabel nicht!” sagt Krebs.
A u f g a b e 3 . Welche Synonyme zum Wort „Visage“ kennen Sie? Wie
sind sie nach dem Stilregister „salopp / umgangssprachlich / normalsprachlich / gehoben“ anzuordnen?
Vergleichen Sie dabei das entsprechende Zitat aus der Kleinerzählung!
“Nein, Wenzel hat sich seit Tagen in keine Spiegel gesehen. Wozu auch. Er
kennt seine Visage.“
A u f g a b e 4.
Mit welchen sprachlichen Mitteln drückt der Autor in dieser Textpassage die Aufregung des Haupthelden aus?
Wenzel hat seinen Kaffee vergessen. Er muss rasch einen Schluck nehmen.
Krebs hat völlig recht. Wie sieht er denn aus! Sein Anzug ist sein Schlafanzug,
sein Sonntagsanzug und Werktagskleid in einem.
Benutzen Sie bei der Antwort auf die Frage folgende Vokabeln:
– die Gedanken fahren Karussel;
43
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
– hastig durch den Kopf gehen;
– in Aufregung an Kaffeschluck denken;
– sich selbst kritisch einschätzen;
– mit Verdruss feststellen sollen.
A u f g a b e 5. Was meinte Krebs, indem er Folgendes periphrastisch
sagte:
“Komm nur her”, sagt Krebs, “Die Blase ist abgezogen”.
A u f g a b e 6. Wie gelingt es dem Autor im unten angegebenen Textfragment die unzähligen Arbeitsgänge des Ausschankbesitzers metonymisch zu kommentieren?
“Sie wünschen? Bitte schön, Sie wünschen?”
A u f g a b e 7. Erläutern Sie, wie die Tatsache des Erwerbs von Benzin
bei uns metonymisch Vorstellung von der Möglichkeit eines In-BrandSetzens hervorruft?
“Eine Flasche Benzin”, sagt Wenzel.
“Benzin. Gerne. Aber wir führen nur Reinbenzin.”
“Egal”, sagt Wenzel, “...wenn’s nur brennt.”
A u f g a b e 8. Erklären Sie den Mechanismus der metonymischen
Übertragung am metaphorisch-metonymischen Ersatz der Gestalt des
Haupthelden durch die Vorstellung von einem Automaten!
Bleuel hatte das Gefühl, dass nicht er selbst redete, son­dern ein kleiner,
überdrehter Automat aus ihm sprach. ... Wieder übernahm der Automat: »Hast
du eigentlich auch so einen Quatsch, den ich dir anhängen kann?«
A u f g a b e 9. Kommentieren Sie, was eine metonymische Übertragung in einem literarischen Werk bewirken kann anhand des nächsten
Textauszuges!
“Er durfte seine ersten Schritte ins Land der Schoren tun, und sollte ihn
sein Körper dabei im Stich lassen, so würde ihn gefälligst seine entzückte
Seele weitertragen“.
A u f g a b e 10. Beweisen Sie, dass die fett angesetzten Gebrauchsweisen metonymische Beschreibungen sind!
„Ich habe nur zweihundert Gramm bestellt. Dafür kann man hier schon als
Weichei vermöbelt werden. Von blut­jungen Kellnerinnen in weißen Miniröckchen.“
„Es ist noch nicht mal Abend.“
A u f g a b e 11. Beweisen Sie anhand der fett angesetzten Substantive,
die von einem Adjektiv abgeleitet worden sind, dass sie metonymische
Übertragungen sind!
1. „Sonja.“ Ein angedeuteter Knicks. Dann die Dunkelhaarige: „Natalja.”
Und die Beseelte: „Ljuba.“
44
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
2. “Neben ihr eine kompaktere Dunkelhaarige mit tapfe­rem schneeweißem Lächeln und prächtigem Dekollete.“
A u f g a b e 1 2. Die Erzählung „Für 6 Tassen Kaffee“ von Rainer
Brambach begann mit dem Satz: An “Fußball spielen verboten” und
“Hunde sind an der Leine zu führen” vorbei kommt Wenzel frühmorgens durch den Stadtpark. Beide in Anführungszeichen gesetzten
Phrasen sind nichts Weiteres als verbaler metonymischer Ersatz erstens –
der Wörter „Slogan“ , oder „Spruch“ , womöglich – „Schild“; zweitens
metonymische verbal gefasste Andeutung an die Mentalität in Form der
Vorschriften, an die sich die Bevölkerung strikt anhalten soll. Lesen Sie
das unten angegebene Textfragment und stellen Sie fest, welche Rolle
den in Anführungszeichen angebrachten Slogans zukommt! Was sind
Denotate dieser Metonyme?
Aber säuberlich gerahmt und dicht an dicht reihten sich über der Oberkante des Lederstreifens die Originalgrafiken sämtlicher Werbeplakate der
Versandhausgeschichte. Am Anfang stand der Spruch „So modern!“, steil
gestrichelt, in dunkelroter Schrift über einer adrett gezeichneten vierköpfigen
Familie auf Pastellgrund. Ende der Sechziger wechselte man zum defensiven
„Mir gefällt‘s!“, dazu das Foto einer mütterlichen Brünetten mit auberginefarbener Turmfrisur. Am dauerhaftesten hielt sich der Slogan „Die Mode, die ich
mag!“, zu immer neuen Motiven, unterbrochen von einer Phase „Genau das
suche ich!“ um 1980. Gegenwärtig war man, nach ein paar Jahren des vom
Patriarchen wohl halb resigniert durchgewinkten „My way of fashion!“, einmal
mehr zu „Die Mode, die ich mag!“ zurückgekehrt. Nur mitte an der Rückwand
hingen keine Plakate, dort wachte ein großes Ölportrait des Gründervaters über
Fenglers Schreibtisch.
A u f g a b e 1 3. Welches geläufige metonymische Übertragungsmodell ist im folgenden Satz festzustellen?
„Die Kunstdrucke aus Ilkas Besitz waren auf dem Müll gelandet, und einen
davon, an der Wand überm Esstisch, hatte er auch schon ersetzt, durch einen
späten, pastellenen Matisse.“
Interpretationsvorschlag
Zwei Welten sind in dieser Erzählung von Rainer Brambach vorgestellt. Auf einer Seite empfinden wir die Kälte, die Unbehagenheit einer
vagabundierten Lebensweise des Haupthelden Wenzel. Auf der anderen
Seite ist ein wohlsituierter Ausschankbesitzer, der fast wie es in einem
Märchen immer der Fall ist, reich und geizig bis aufs äußerste ist. Und
wer tut wem was an? Natürlich nimmt der Reiche dem Armen das letzte Hab und Gut weg, das zufälligerweise in seine Hände kommt. Die
45
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
beiden Charakteristika der Haupthelden sollen sprachlich konträr zum
Ausdruck gebracht werden. So ist es auch: Wenzels Beschreibung ist ein
klägliches Bild, dass sich dazu noch durch das Unwetter verschlechtert.
Das Einzige, was ihm gut machen kann, ist eine Tasse heißen ungezuckerten Kaffee. Der Vagabund hängt sogar in diesem kleinen Vorhaben
von dem reichen Krebs ab. Sein Name verpflichtet ihn Wenzel wie mit
einer Krebsschere fest zu halten, zu entscheiden, ob er ihm was gönnt
oder nicht.
Der Autor charakterisiert Krebs entsprechend seinem klingenden
Namen durch die ständige Gelderwähnung in seiner Umgebung. So lässt
der Autor seine Gold- und Geldhabgier glänzend durch das Geld vorstellen. So oder anders, ab und zu, aber ziemlich häufig springt Krebs
irgendwelche Geldbezeichnung von der Zunge ab, sei das ein Hundertdollarschein, türkische, italjenische Lira oder andere thematisch nahe
liegende Bezeichnungen (Währung, Zaster, türkische Scherflein). So
dass die Wortverbindung 6 Tassen Kaffee von uns, den Lesern, bald
als Geldaquivalent verstanden wird. In der Situation, in der das Geld organisch empfunden wird – in einer Verkaufsbude, in einem Ausschank
beginnt Wenzels Geld ein Zeichen des Kontrastbildes zu sein. Um dieses
Geld herum dreht sich vieles, was dem obdachlosen Wenzel ein unerreichbarer Schatz zu sein scheint: die Möglichkeit gut zu essen, sogar
andere essen zu lassen, natürlich gegen Entgelt, etwas im Besitz haben
(Theke, Kundschaft). Dabei ist das Geschäft gut. Ständig klingelt die
Ladenkasse, Krebs kassiert und unermüdlich schenkt ein und kassiert
wieder. Äußerst gereizt ist Wenzel in Erwartung seines umgetauschten
Geldes, dazu hört er noch die Ladenkasse dauernd klingeln und den
Krebs kassieren. Desto weniger – sogar verschwindend klein – scheint
sowohl dem Wenzel selbst, als auch dem Leser die Summe, die Krebs
Wenzel betrügerisch gibt. Denn man kann sich gut vorstellen, was für
Pläne und Hoffnungen Wenzel mit der gefundenen Summe verbunden
hatte, als er das Geld gefunden hatte. Deswegen gibt es nur einen Ausweg für Wenzel, den uns der Autor mit dem Satz “wen’s nur brennt”
deutlich andeutet. Eine Rache hat sich Wenzel ausgedacht. Ob er sich
wirklich an Krebs für den Betrug rächen wird, das steht offen. Aber
der Autor schafft so deutlich die beiden Porträts von Wenzel und Krebs,
dass man die Brandsetzung beinahe nicht ausschließen kann. Krebs ist
durch und durch geizig, gibt von seinem Reichtum nie was ab. Wenzel
hat Stolz, den man bis zu einem bestimmten Grade nicht verletzen soll.
Er lässt sich so etwas nicht gefallen. Er ist obdachlos, aber besitzt Menschenwürde und will sie auf keinen Fall einbüßen.
46
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Angelika Mechtel
(1943–1993)
Angelika Mechtel wurde am 26.8.1943 als Tochter der Schauspielerin Gisela Ose und des Journalisten Walter Mechtel in Dresden geboren. 1945 flüchtete
die Familie in den Westen. In Bad Godesberg verbrachte Angelika Mechtel ihre
Kindheit. Nachdem ihr Vater 1950 aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt war, zog die Familie nach München, 1957 nach Würzburg, wo Angelika Mechtel das Realgymnasium der Ursulinen besuchte. Bevor sie die Abiturprüfung machen konnte, brach sie 1962 die Schule ab, weil sie schwanger war.
Sie heiratete den Publizisten Wolfgang Eiler und brachte im selben Jahr ihre
Tochter Anke zur Welt. Ihre zweite Tochter, Silke, wurde 1965 geboren. 1985
ließ sich Angelika Mechtel scheiden; seit 1981 lebte sie mit dem Schriftsteller
Gerd E. Hoffmann zusammen.
Bereits während der Schulzeit veröffentlichte sie Gedichte und Kurzgeschichten in Tageszeitungen. Nach der Schulausbildung arbeitete sie zeitweise
als Fabrikarbeiterin, Zimmermädchen und kaufmännische Angestellte. Seit
1983 lebte sie als freie Schriftstellerin in Köln.
Sie wirkte in vielen Genres und schrieb Romane, Gedichte, Erzählungen,
Reportagen, Kinderbücher, Hörspiele und Drehbücher zu Fernsehfilmen. 1963
erschien ihr erster Gedichtband Gegen Eis und Flut. Ihren ersten größeren Erfolg hatte sie 1968 mit dem Erzählband Die feinen Totengräber. 1975 begann
sie, für Kinder zu schreiben.
An die Öffentlichkeit trat Angelika Mechtel erstmals mit den Lyrikbändchen «Gegen Eis und Flut» (1963) und «Lachschärfe» (1965). Beide enthalten
stimmungsvolle, naturverbundene Gedichte. Die 1978 entstandene Lyrik zeigt
deutlich eine Veränderung zur Alltagssprache. Sie hat die Zerstörung menschlicher Beziehungen in der Großstadt zum Thema. Die Beschreibung alltäglicher Lebensläufe und damit verbundene Sozialkritik prägen die zahlreichen
Hörspiele, Reportagen und Kurzgeschichten der Jahre davor.
Angelika Mechtel wurde zusammen mit Günther Wahlraff in die «Dortmunder Gruppe 61» geholt. 1968 erschienen die Erzählungen des Bandes «die
feinen Totengräber», 1970 folgte ihr erster Roman «Kaputte Spiele». 1972 erschien ihr Roman «Friss Vogel», in dem Angelika Mechtel die skandalösen
Vorgänge hinter den Kulissen des Fernsehens schildert.
Mitte der siebziger Jahre stellt Angelika Mechtel die Frau betonter in den
Mittelpunkt ihres Schreibens. So ist der Roman «Die Blindgängerin» (1974)
praktisch die Beschreibung einer Frau auf der Suche nach ihrer Identität. 1976
kamen die Erzählungen «Die Träume der Füchsin» heraus, in denen sich Angelika Mechtel mit verschiedenen Lebenssituationen von Frauen auseinandersetzte, mit ihren Ängsten und Verzweiflungen, ihrer Abhängigkeit oder auch
mit ihrer Hilflosigkeit, sich davon zu befreien.
Mit großem Erfolg schrieb Angelika Mechtel seit Mitte der siebziger Jahre
Kinder- und Jugendbücher. In den achtziger Jahren erschienen ihre Romane
47
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
«die andere Hälfte der Welt oder Frühstücksgespräche mit Paula» (1980), «Gott
und die Liedermacherin» (1983).
Auf dem Schriftstellerkongress in Mainz vom 11. bis 13. März 1983 wurde
sie in den Bundesvorstand des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) gewählt,
dem sie bis April 1984 angehörte. 1989 trat sie wegen der ihrer Meinung nach
halbherzigen Haltung des Verbandes im Fall Salman Rushdie aus dem VS aus.
Von 1983 bis 1991 war Mechtel außerdem Vizepräsidentin des westdeutschen PEN-Zentrums; für den Internationalen PEN war sie Beauftragte für das
Writers-in-Prison-Committee.
1987 erkrankte Angelika Mechtel an Brustkrebs und erlitt 1993 einen
Rückfall, der sie zwang, ihr Engagement für verfolgte Schriftsteller in aller
Welt aufzugeben. Nach ihrem Tod wurden auf ihren Wunsch ihre sterblichen
Reste verbrannt und die Asche im Frühjahr 2000 dort, wo sie zuletzt gelebt
hatte – in der Bucht von Boquerón in Puerto Rico – ausgestreut.
Netter Nachmittag
Ich gehe hin, und er steht schon an der Tür, nachmittags um fünf zum Tee.
„Gnädige Frau“, sagt er und küsst mir mit feuchten Lippen die Hand. „Ich
habe Ihren Artikel gelesen“, sagt er. Er findet ihn exzellent. Ich mache eine
Handbewegung und stimme ihm zu. Dann hilft er mir aus dem Mantel, hängt
ihn auf und geht voraus zu Torte und Tee, dickbäuchig, aber in guter Position. Alt, aber noch frisch wie ein junger, meint er und setzt sich neben mich
auf die Couch.
Er könne was für mich tun, sagt er und legt mir die Hand auf die Schulter. So
hingelehnt ans Sofa, den Oberkörper schräg zum Unterkörper, lächelt er mir zu.
Er schätzt mich, sagt er.
Mit seiner Vergangenheit ist er zufrieden, auch mit seiner Zukunft. Zwei
Weltkriege hat er überstanden und eine Ehe, sagt er. Er ser­viert immer den
gleichen Kuchen, wenn er einlädt. Er hat drei Woh­nungen: eine in der Stadt,
eine auf dem Land und eine am Lago Maggiore.
Er hat das Leben gemeistert.
Artig trinke ich meinen Tee und nehme die Zigarette, die er mir anbietet.
Gehe auf das Gespräch ein, das er führen will. So ist eben einer, der groß
geworden ist. Unverbraucht, denkt er, anders als unser Jahrhundert.
Er vergisst nicht, höflich zu sein.
Das gehört dazu.
Beim Abschied der Griff zum Mantel und zu den Haaren: Die ge­hören doch
raus aus dem Mantelkragen, sagt er. Und zur Hand, um die feuchten Lippen zu
postieren. Das tut er alles mit der Selbstverständlichkeit derer, die was besitzen.
Du solltest nicht diese Handbewegung machen, wenn er sagt, er fände ihn
exzellent. Anstelle der Hand zum Handkuss gibst du ihm einen Schlag, nicht
übertrieben scharf, nur ganz leicht, und dann dein Gelächter.
48
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Den Artikel findest du schlecht.
Torte, sagst du, isst du grundsätzlich nicht und statt Tee verlangst du Kaffee.
Er stellt dir heißes Wasser und Nesscafe zur Verfügung. Du nimmst nicht nur
einen Löffel Kaffeepulver in die Tasse, du nimmst: zwei, schraubst das Glas
wieder fest zu und stellst es mitten auf den Tisch, so, dass er sich aufrichten
muss, wenn er es mit seinen Händen erreichen will.
Noch hockt er schräg auf der Couch, den Oberkörper schräg abge­winkelt.
Du lässt ihn fallen, wenn er deine Schulter fassen will. Du machst ihm Platz.
Weiche Landung, sagst du: Glückauf, und greifst nach der vollen Packung
Zigaretten mit der Sicherheit jener, die nichts besitzen.
Er besitzt Einfluss, das weißt du.
Ich könnte was für Sie tun, sagt er, und du lachst. Du hörst nicht mehr auf zu
lachen. Vor Vergnügen schlägst du mit der flachen Hand auf den Tisch. Die
Füße könntest du drauflegen.
Oder ihn durchs Dachfenster auf die Straße transportieren, sieben Etagen
abwärts ohne Lift, unten die Feldherrnhalle. Von der entgegengesetzten
Seite marschierte Hitler mal an. Glückab. Den kann­te er, und nachher war
er auch gleich wieder da.
„Zwei Weltkriege?“, fragst du ihn.
Kein Schrapnell hat ihn erwischt.
Glück muss der Mensch haben.
„Ich bin Augenzeuge unseres Jahrhunderts“, sagt er.
„Unseres?“, sagst du, nimmst deinen Mantel, gehst und denkst: Den habe
ich fertiggemacht, dem habe ich seine Heuchelei vor den Latz geknallt, der
ist erledigt.
Aber er sieht frisch an der Tür und hat ein verbindliches Lächeln im Gesicht.
Jetzt beklatscht er noch deinen Abgang.
Bravo, sagt er: Ein ganz neuer Stil.
Du bist verblüfft, weil du kein Kraut mehr weißt, das gegen ihn wächst,
nimmst den Aufzug ins Parterre, gehst Richtung Feld­herrnhalle und fragst
dich, warum du Angst hast.
Du hast dir in den Mantel helfen lassen, hast ihm das Glas Nescafe zugeschoben, das heiße Wasser gereicht, hast um eine Zigarette ge­beten und dir
Feuer geben lassen. Du hast dich angepasst, warst empfänglich.
Du fragst dich, warum du Angst hast?
Abends rufe ich ihn an und danke für den netten Nachmittag.
Aufgaben zur Textinterpretation
1. Stellen Sie das Porträt der beiden Haupthelden auf!
2. In welchem Zusammenhang steht der Titel des Textes mit dem Inhalt?
49
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
3. Veranschaulichen Sie die Ausdrucksmöglichkeiten der antithetischen Darstellung am Kontrastbild des Realen und des Imaginären!
4. Verbinden Sie die Tatsachen aus dem Lebenslauf der Autorin und
ihrer Karriere mit den Überlegungen der Hauptheldin hinsichtlich der
Lage und der Entwicklung der Frau in der Gesellschaft!
5. Verfolgen Sie den anaphorischen Gebrauch der pronominalen Formen unter Berücksichtigung des Inhalts!
Weiterführende Aufgaben
A u f g a b e 1. Nehmen Sie folgende theoretische Überlegung über das
funktional-stilistische Potenzial der Antithese als Stilgriff zur Kenntnis!
Die Analyse der Fälle des Einsatzes des Stilgriffes Antithese in
mehreren Literaturwerken lässt die Vielfalt der einzelnen Gebrauchsweisen auf eine Klassifikation führen und macht die Herausgliederung
bestimmter Typen von diesem Stilgriff möglich. So wird Antithese oberbegrifflich den weiteren Unterarten der Antithese gegenübergestellt:
1) Antithese, die auf Entgegensetzung systemhafter Antonyme gebaut
wird; 2) Antithese, die auf Entgegensetzung kontextueller Antonyme gebaut wird; 3) kompositorische Antithese; 4) architektonische Antithese;
5) situative Antithese; 6) Konzeptantithese; 7) konversative Antithese;
8) parodoxale Antithese 9) psychologische Antithese.
A u f g a b e 2. Ausgehend von der Definition jeder einzelnen Unterart
der Antithese bestimmen Sie, welche Art Antithese von Angelika Mechtel in ihrer Erzählung „Netter Nachmittag“ vorgezogen wird?
A u f g a b e 3. Nehmen Sie folgende theoretische Überlegung über das
funktional-stilistische Potenzial der summaren Expressivität der Verzahnung des Stilgriffs Antithese mit anderen Stilgriffen zur Kenntnis!
Die Antithese ist ein gutes Beispiel für Überschneidung der Wirkungskraft mehrerer Stilgriffe, die aber nicht nur distant fungieren, sondern in einem Sprachelement, sei das ein Wort, eine Wortverbindung
oder gar ein Satz, zusammenwirken. Die Expressivität des Audrucks
setzt sich in diesem Fall summar aus dem Expressivpotenzial jedes einzelnen Stilmittels zusammen. In der Linguistik spricht man vom Prinzip
des Zusammenwirkens, dass darin besteht, dass die Tropen einander benutzen, miteinander zusammenfallen, sich überlagern, sich verzahnen,
sich konzentrieren. Geläufig ist die Meinung, dass es rückläufige, konvergente Tropen gibt, die eine summare Expression haben.
50
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Den Gedanken, wie ein Tropus oder eine Stilfigur eine andere benutzen kann, hat am besten J.M. Skrebnev ausgedrückt: „Die Stilgriffe beziehen sich zueinander kompliziert: sie können zusammenfallen und einander ähneln, ein Stilgriff kann sich zum anderen wie Durchsetzungsmöglichkeit verhalten und dabei seine Selbständigkeit und Spezifik
nicht einbüßen [Skrebnev, S. 176]. Veranschaulichen wir es am Stilgriff
Antithese. Im folgenden Beispiel verhalten sich die gegenübergestellten
Elemente zueinander wie Paronyme, d.h. gleich- oder ähnlich lautende
Wörter: Ich wollte nicht anbieten, sondern ... gebeten sein. Man spricht
in diesem Fall von einer Antithese, die auf Paronymie gebaut ist.
A u f g a b e 4. Beweisen Sie, dass das nächste Beispiel die Konzentration von drei Stilgriffen (Antithese / Zeugma / Nachtrag ) darstellt:
“Mit ihr war’s nun zu Ende – aber nicht mit mir ...” (Zweig, S. 214).
A u f g a b e 5. Vergleichen Sie Ihr Kommentar mit dem unten angegeben Kommentar des Stileffektes der summaren Expessivität des Satzes
aus der vorausgehenden Übung!
Eine Antithese manifestiert sich im zeugmatisch zusammengezogenen Satz. Es ist ein grammatisches Zeugma, das sich leicht in zwei vollständige Strukturen rekonstruieren lässt:
Mit ihr war’s nun zu Ende – aber es war nicht mit mir zu Ende.
Der Stilgriff Antithese ist in diesem Satz vom Stilgriff Nachtrag belastet: aber nicht mit mir ... , dessen Anliegen ist es, dank der Herausstellung nach rechts eine Pointierung zu erreichen, hier: ein besonderes
inhaltliches Moment zu betonen, dass der Arzt weiter handeln soll (sein
Versprechen halten, das Geheimnis zu hüten).
A u f g a b e 6. Ein Beispiel einer glänzenden Periphrase antithetischen
Charakters begleitet von Anapher, Metapher und Epitheton bildet folgender Satz:
„Immer wieder hob, immer wieder senkte sich der Pflug in die schwarzflutende
Scholle, und ich fühlte alle Qual des besiegten Elements, fühlte alle Lust der
irdischen Kraft in diesem funkelnden Spiel.“ (Zweig, S. 169)
Schreiben Sie konkrete Textstellen als Belege des Einsatzes eines
Stilgriffes in die rechte Spalte der unten angegebenen Tabelle heraus!
Periphrase
Antithese
Anapher
Epitheton
Metapher
51
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
A u f g a b e 7. Im nächsten Beispiel sind außer Antithese, Konversion
noch Ironie, Metonymie, Aufzählung, Aposiopese und Nachtrag im Spiel.
“Ich musste eine Bewegung gemacht haben, denn er unterbrach sich: „Ach,
Sie protestieren ... ich verstehe, Sie sind begeistert von Indien, von den Tempeln
und den Palmenbäumen, von der ganzen Romantik einer Zweimonatsreise ...
ja so sind sie zauberhaft, die Tropen, wenn man sie in der Eisenbahn, im Auto,
in der Rikscha durchstreift.“ (Zweig, S. 177)
Schreiben Sie konkrete Textstellen als Belege des Einsatzes eines
Stilgriffes in die rechte Spalte der unten angegebenen Tabelle heraus!
situative Antithese
Konversion
Metonymie
Ironie
Aufzählung
Aposiopese
Nachtrag
A u f g a b e 8. Stilgriff “Konversion“ geht ziemlich oft mit dem Stilgriff Antithese einher: er eignet sich als ein sehr aussagekräftiges Mittel
der Betonung zweier oder sogar mehrerer unterschiedlicher Sinne, Erläuterungen, sprachlich verkörpert in einem und demselben Formativ.
So wird zum Beispiel im unten angegebenen Satz eine und dieselbe Bewegung von den Gesprächspartnern unterschiedlich ganz antithetisch
interpretiert.
„Es war ... ja. Es war, als ob einer einem nachrennt, um ihn zu warnen vor
einem Mörder, und der andere hält ihn selbst für den Mörder, und so rennt er
weiter in sein Verderben ... sie sah nur den Amokläufer in mir, der sie verfolgte.“
(Zweig, S. 198)
Beweisen Sie, dass die Verzahnung des Stilgriffs Antithese mit dem
Stilgriff Konversion hier als Kommentar eines gedanklich-situativen
Missverständnisses auftritt!
A u f g a b e 9. Unten angegebene Sätze sind auf der Expressivität gebaut, die von zwei Stilgriffen geschaffen wird. Ordnen Sie diese Sätze
den richtigen Stillgriffkombinationen zu!
1. „Diese Tote, ich spüre sie, und ich weiß, was sie von mir will.“ (Zweig,
S. 223)
2. „Es gibt Möglichkeiten, wo es nicht untersagt, vielmehr geboten ist.“
(Zweig, S. 184)
a) Litotes und Antithese
b) Antithese und Personifikation
52
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
A u f g a b e 10. Man spricht von der Existenz einer inhaltlichen Antithese. Für eine solche öfters zweigliedrige Antithese ist typisch, dass
ein Teil der vermittelten Information direkt im Text vorhanden ist und
der andere Teil der binar inhaltlich entgegengesetzten Information in der
Vorkenntnis des Lesers zu erwarten ist.
Ordnen Sie Beispiele der im Text gebrauchten Antithesen den richtigen Interpretationskommentaren zu!
„Reden dummes Zeug mit uns, als ob Die Kinder fühlen sich um ihre Kindwir Kinder wären, und ich bin doch heit beraubt. Die Kinder sind keine
schon 13 Jahre.“ (Zweig, S. 123)
Kinder mehr. Diese Behauptung wird
„Sie haben ihre Spiele verloren und
ihr Lachen, die Augen sind ohne
den munteren unbesorgten Schein.“
(Zweig, S. 34)
„Drei Jahre nie begleitet, seit ein paar
Monaten auf einmal jeden Tag? War er
je nett zu dir und zu mir? Jetzt um uns
herum gewesen …„ (Zweig, S. 24)
„Aber warum weint sie? Ich hab’ immer geglaubt, es muss so schön sein,
wenn man verliebt ist“ (Zweig, S. 24)
„Am nächsten Morgen reden sie nicht
wieder davon, aber die Gedanken das
Gleiche umkreisen / gehen aneinander
vorbei / ... weichen sich aus. Dann begegnen sich unwirkürlich ihre Blicke.“
verkörpert in mehreren auf einer situativen Antithese gebauten Sätzen. Die
Kinder sollen spielen und lachen, und
unsere Mädchen …
In Form von inhaltlichen Antithesen lassen sich folgende Situationen beschreiben wie weit verbreiteten Fälle, in denen
die Kinder dagegen streiken, dass sie
von den Erwachsenen als Kleinkinder
behandelt werden und dass ihr GenugGroß-Sein wenig akzeptiert wird.
Antithetisch wundern wir uns darüber,
dass die Liebe Unglück bringen und
somit einen Grund zum Weinen bieten
kann.
Antithese wird zum Handlungsprinzip
der Mädchen, die mit ihren „Recherchen der Situation“ nicht auffallen
wollen.
Antithetisch wird der plötzliche Umschlag im Umgehen mit anderen Personen betont.
(Zweig, S. 26)
A u f g a b e 11. Prägen Sie sich die Bestimmung des Stilgriffs „Zeugma“ ein!
Zeugma – ist eine Stilfigur, die aus zwei oder mehreren syntaktisch
gleichartigen oder ähnlichen Ergänzungen zu einem Wort besteht, wobei
eine Ergänzung semantisch zu dem Wort passend ist, die andere (oder
die anderen) damit unvereinbar ist (sind). Erläutern Sie den zeugmati-
53
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
schen stilistischen Effekt anhand dieser Sätze aus der Kleinerzählung
von Angelika Mechtel „Netter Nachmittag“!
1. Mit seiner Vergangenheit ist er zufrieden, auch mit seiner Zukunft.
2. Zwei Weltkriege hat er überstanden und eine Ehe, sagt er.
3. Er hat drei Woh­nungen: eine in der Stadt, eine auf dem Land und eine am
Lago Maggiore.
4. Beim Abschied der Griff zum Mantel und zu den Haaren: Die ge­hören
doch raus aus dem Mantelkragen, sagt er.
A u f g a b e 1 2. Die Mehrdeutigkeit der Wörter und ihre unterschiedliche Kombinierbarkeit werden in einem zeugmatisch gebildeten Satz ausgenutzt, um humoristische und ironische Wirkung zu erzielen. Beweisen
Sie es folgenden Beispielen von Zeugmas!
1. Er spricht über fremde Sprachen und andere Leute.
2. Künstler, Musiker und Dichterfürsten schreiend nach Lorbeer und nach
Würsten.
3. Mit Fantasievorstellungen und Sportschuhen erwanderte er die Alpen.
4. Es roch nach Seife und Unglauben.
A u f g a b e 1 3. Was erzielt hier die Periphrase „die feuchten Lippen
postieren“ statt „einen Handkuss geben“?
Er griff zur Hand, um die feuchten Lippen zu postieren.
A u f g a b e 14. Nehmen Sie die folgende Definition des Stilgriffes
„Nachtrag“ zur Hand und beweisen Sie anhand dessen, dass der nächste
Satz einen Nachtrag hat!
Nachtrag: Form des additiven Anschlusses; nachträgliches Anfügen
eines Redeteils an einen bereits abgeschlossenen Satz.
1. Ich gehe hin, und er steht schon an der Tür, nachmittags um fünf zum Tee.
2. Alkohol war diesmal natürlich nicht im Spiel. Ihm setzte ein Alptraum zu,
den er gehabt hatte, ein Ilka-Alptraum.
3. Nun brauchte er vor allem Geduld. Geduld auch mit sich selbst. Und
De­mut. Und Zutrauen.
A u f g a b e 1 5. Beweisen Sie an folgenden nachtragträchtigen Sätzen,
dass ein Nachtrag der nachdrücklichen Betonung einer Aussage, seiner
Ausrahmung und Isolierung dient!
1. Er auf Artjom angewiesen, immer mit dem Dolmetscher schräg hinter
sich, unfähig, ihn jemals abzu­schütteln. Dumm und ohnmächtig.
2. Von der uhrlosen Tochter er­hielt dann jeder drei Stoffstreifen, einen roten,
zwei weiße.
3. Was für ein Glück! Auf dem Weg zu sein. Auf dem Wasserweg.
4. Wieder ein Fluss. Nach Tom und Mundybasch nun Mras-Su.
A u f g a b e 16. Nachtrag geht oft mit anderen Stilgriffen einher. Beweisen Sie, dass die links in der Tabelle angeführten Sätze Stilgriffkomplexe bilden und somit summare Expression aufweisen!
54
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Die Welt, in der Ak Torgus Ahnen lebten,
seit Jahr­hunderten, Jahrtausenden.
Zugleich fand er es dumm, so zu denken, dumm und schwächlich.
Als sie dann – und er wusste nicht,
woher sie ge­
kommen war, aus dem
Nichts.
Bläuel lächelte. „Ein Abschiedsessen“
Gewagt, gewagt – die Zunge klebte
ihm im Mund –, er musste an die staubigen Tafelschwämme aus Schulzeiten denken. Und an Holger.
Er rückte sich damit in ein schlechtes
Licht. Klar, das Ne­
beneinander von
Übelkeit und Übermüdung.
Nachtrag / Gradation / Wiederholungsfigur Konkretio
Nachtrag / lexikale Wiederholung /
Wiederholungsfigur Konkretio
Nachtrag / Paranthese / Anakoluth
Nachtrag / Äußerste Isolierung / Ellipse
Nachtrag / Prolepsa / Paranthese / Äußerste Isolierung / lexikale Wiederholung
Nachtrag / Äußerste Isolierung / Alliteration
A u f g a b e 17. Die Paarformeln, anders genannt auch Zwillingsformeln,
können zweierlei Art sein: komplementärer (ergänzender) Natur oder adversativ einander entgegengesetzt. Beispiele für die ersten: mit Kind und Kegel /
mit Hab und Gut / mit Recht und Fug. Eine adversative Zwillingsformel
bildet zum Beispiel die Wendung: weder Fisch noch Fleisch.
Es fällt auf, dass den Paarformeln oft ein Merkmal haftet, und zwar
das Vorhandensein eines alliterativen Effekts. Viele Autoren denken sich
eigene Zwillingsformeln aus, die unbedingt etwas ständig Wiederholbares oder Entgegengesetztes kommentieren. Zeigen Sie es an folgenden
Autorenpaarformeln!
1. Dann hilft er mir aus dem Mantel, hängt ihn auf und geht voraus zu Torte
und Tee.
2. Ja, sie war grau und rau und alles andere als der Nabel der Welt
3. Wie oft hatten sie in den letzten Monaten telefoniert? Dreimal. Knapp
und kalt.
4. In der Garnisonsstadt K. im Gouvernement; aber nein: K. war keine
Garni­sonsstadt, K. war selbst Sitz eines Gouverneurs, so stellten es die Unterlagen klar. Und der Fluss, an dem die Stadt lag, hieß Tom, war aber weiblich.
Bleuel fielen fast die Augen zu. Er hatte seinem Kopf erlaubt, sich doch leicht
gegen die getafelte Wand zu lehnen, ließ Garnison und Gouverneur im Dimmer versinken und sah wieder die Libelle vor sich.
5. Er rückte sich damit in ein schlechtes Licht. Klar, das Ne­beneinander von
Übelkeit und Übermüdung.
A u f g a b e 18. Eine Antithese ist Gegenüberstellung von Wörtern,
Phrasen oder ganzen Sätzen mit entgegengesetzter oder zumindest kontrastierender Bedeutung in syntaktisch paralleler Position. Beweisen Sie
es am folgenden Textauszug!
Dann hilft er mir aus dem Mantel, hängt ihn auf und geht voraus zu Torte und
Tee, dickbäuchig, aber in guter Position. Alt, aber noch frisch wie ein Junger.
55
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
A u f g a b e 1 9. Was bewirkt in der Erzählung der häufige Griff des
Autors zur Wiedergabe der fremden Rede?
1. Er könne was für mich tun, sagt er und legt mir die Hand auf die Schulter.
2. Er schätzt mich, sagt er.
3. „Gnädige Frau“, sagt er und küsst mir mit feuchten Lippen die Hand.
4. „Ich habe Ihren Artikel gelesen“, sagt er.
A u f g a b e 21. Kommentieren Sie das Wesen des Stilgriffs Antithese
anhand dieser dem Original entnommenen antithetischen Sätze!
Stattgefundene Handlungen
Imaginäre Handlungen
„Ich habe Ihren Artikel gelesen“, sagt er. Den Artikel findest du schlecht.
Er findet ihn exzellent. Ich mache eine
Handbewegung und stimme ihm zu.
Artig trinke ich meinen Tee …
Torte, sagst du, isst du grundsätzlich
nicht und statt Tee verlangst du Kaffee.
Du nimmst nur einen Löffel Kaffeepul- Du nimmst nicht nur einen Löffel Kaffeever in die Tasse
pulver in die Tasse, du nimmst: zwei …
Er stellt dir heißes Wasser und Nes- Du schraubst das Glas wieder fest zu
cafe zur Verfügung. Du hast ihm das und stellst es mitten auf den Tisch, so,
Glas Nescafe zugeschoben, das heiße dass er sich aufrichten muss, wenn er
Wasser gereicht …
es mit seinen Händen erreichen will.
küsst mir mit feuchten Lippen die Hand Anstelle der Hand zum Handkuss
gibst du ihm einen Schlag
Noch hockt er schräg auf der Couch, Du lässt ihn fallen, wenn er deine
den Oberkörper schräg abge­winkelt.
Schulter fassen will. Du machst ihm
Platz.
Das tut er alles mit der Selbstverständ- … mit der Sicherheit jener, die nichts
lichkeit derer, die was besitzen.
besitzen.
greifst nach der vollen Packung Zigaretten mit der Sicherheit jener, die
nichts besitzen
Ich könnte was für Sie tun, sagt er, … … und du lachst. Du hörst nicht mehr
auf zu lachen. Vor Vergnügen schlägst
du mit der flachen Hand auf den Tisch.
Die Füße könntest du drauflegen.
Du hast dich angepasst, warst emp- Oder ihn durchs Dachfenster auf die
fänglich.
Straße transportieren, sieben Etagen
abwärts ohne Lift, unten die Feldherrnhalle
Abends rufe ich ihn an und danke für Den habe ich fertiggemacht, dem habe
den netten Nachmittag.
ich seine Heuchelei vor den Latz geknallt, der ist erledigt.
hast um eine Zigarette ge­beten
56
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
A u f g a b e 2 2. Beweisen Sie, dass der Autor absichtlich beim wiederholten Einsatz des Pronomens „unsere“ zwei unterschiedliche Sinne
nach dem Prinzip des Stilgriffs Enatiosemie entstehen lässt! Erläutern
Sie den summaren expressiven Effekt beim Einsatz gleichzeitig mehrerer Stilgriffe: lexikaler Wiederholung / Ironie / Enatiosemie!
„Ich bin Augenzeuge unseres Jahrhunderts“, sagt er.
„Unseres?“, sagst du.
Interpretationsvorschlag
Angelika Mechtel ist 1943 in Dresden geboren, arbeitete zeitweise als
Fabrikarbeiterin, Zimmermädchen und kaufmännische Angestellte. Die
Liste der in der Biographie genannten Berufsfelder bestätigt die reiche
Lebenserfahrung der Autorin. Das entkommt nicht den Lesern bei der
Bekanntschaft mit ihrem Schaffen. Unter ihren Werken sind Erzählungen, Romane, Hörspiele, Gedichte und Drehbücher zu nennen. Das Genre der Kurzerzählung fordert der Autorin die Kürze und die Schärfe des
Ausdrucks ab, setzt eine sorgfältige Lexikauswahl voraus, die zusammen
mit der präzisen Syntax ermöglicht, den Hauptgedanken aufzudecken, im
kleinformatigen Text eine bestimmte Lebenssituation mit all den Kollisionen und Lebensverwicklungen sprachlich meisterhaft darzustellen.
So ist die Kurzgeschichte von Angelika Mechtel «Netter Nachmittag». Selbst der Titel lässt den Leser etwas Angenehmes vermuten,
was einer am Nachmittag erleben kann. Es kommt die Stimmung des
Nachmittags, der Tageszeit heran, an der der größte Teil der Tagesarbeit,
wenn nicht die ganze Arbeit erledigt ist. Unwillkürlich werden immer
aktueller die Gedanken von einem Feierabend, einer Erholung, etwas
Angenehmen. Desto schwerer, ungewollter ist für die Hauptheldin die
Notwendigkeit den dickbäuchigen, alten Mann zu besuchen. Der Besuch muss stattfinden. «Muss ist eine harte Nuss», besagt die deutsche
Redensart. Aber bei solchen Situationen darf eine junge Frau wenigstens
in Gedanken den Verdruss, wenn nicht Ärger an der Situation, selbst an
diesem Mann, an seiner Wohnung, an seinen Manieren auslassen.
Die Autorin setzt die architektonische Antithese ein, um die Konfliktsituation zuerst anzudeuten, dann aber in der Dynamik zu verfolgen. Es geht um eine junge Frau, die bei einem wohlsituierten Mann zu
Besuch ist, von dem sie eine Art Rezension erhalten soll. Das Letzte ist
der Grund, warum sie diesen Termin nicht ausfallen lässt, obwohl dieser
Mann ihr äußerst unangenehm ist.
57
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Unter vielen Möglichkeiten, das oben Geschilderte zu zeigen, wählt
Angelika Mechtel das Prinzip der antithetischen Darstellung. Die wirklichen Handlungen entsprechen dem Etikettsbetragen, das jedem Menschen in einer entwickelten Gesellschaft von Kindheit an beigebracht
wird. Der andere Pol der Handlungen der jungen Frau ist unhöflich, beinahe frech und dreist. Zum Glück sind das die Gedanken und nicht die
wahren Handlungen. Wenigstens in ihren inneren Gedanken drückt die
junge Frau ihren Protest aus. Sie ist diesem Mann gegenüber äußerst aggressiv, ja sogar unhöflich, aber aufrichtig. Mit Genuss nimmt sie diesem
Mann in ihren Gedanken alles weg, was er ihr vorspielen möchte, aber in
der Tat nicht hat. Sie sieht ihn dickbäuchig. Er möchte sich aber noch in
guter Position sehen und zeigen. Sie nimmt ihm weitere Illusionen weg,
indem sie ihn alt einschätzt, obwohl er sich gern noch frisch wie einen
jungen Mann sieht und zeigen möchte. Alles, was ihm positiv zu sein
scheint, ist der jungen Frau widerlich. Er ist stolz auf seinen Humor, auf
seine Wohnungen. Sie bedauert sarkastisch vernichtend, dass er zwei
Kriege überstanden hat, ohne dass ihn ein Schrapnell erwischt hat. Sie
sieht ihn gern durch das Dachfenster auf die Straße sieben Etagen ohne
Lift runterfallen mit zynischem «Glückab» als Verwünschungsformel.
Es kommt uns vor, als ob hier der ganze Ärger zum Ausdruck gebracht wird, den die Autorin Angelika Mechtel auf die Welt und auf die
wohlsituierten Menschen angesammelt hat in der Zeit, als sie noch als
Zimmermädchen, Fabrikarbeiterin und kaufmännische Angestellte garbeitet hat. Das äußert sich in der inneren Aggressivität der jungen Frau
diesem Mann gegenüber. Die junge Frau gehört zu denen, die die Fähigkeiten und Möglichkeiten nicht nach dem Lebensniveau und nach dem
Wohlstand beurteilen, sondern richtig nach dem Können und Tun eines
Menschen urteilen. In dieser Hinsicht hält sie von diesem Mann nicht
viel übrig. Sie würde im Leben an ihm lieber einfach vorbei gekommen,
wenn sie von ihm in einer bestimmten Angelegenheit nicht abhängig
sein würde. Die Tatsache, dass der Gastgeber die Situation ausnutzt, um
der jungen Frau den Hof zu machen, wohlwissend, dass sie auf diesen
Besuch angewiesen ist, mehr noch auf seine Einschätzung (Rezension,
Empfehlung) angewiesen ist, macht diese junge Frau erbost, äußerst
verdrießlich. Deswegen sehen die in ihrer Fantasie ausgemalten Gegenhandlungen so aggressiv und feindlich aus. Sie ist auf die Heuchelei und
Unterwürfigkeit bei diesem Besuch angewiesen. Desto verwegener, unerwarteter und aufdringlich frecher sind ihre vorstellbaren Handlungen,
die sie sich aus Rache an diesem Mann in aller Detailliertheit in ihrem
Kopf ausdenkt. Je mehr sie sich an den Mann anpassen muss, desto fre58
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
cher wird ihr imaginäres Betragen. Die vorgestellten dreisten Handlungen sind dem wirklichen Benehmen entgegengesetzt, das ins normale
Betragensbild passt.
Der Autorin ist gelungen, die Antipathie, sogar den Hass gegen den
Mann bei uns, den Lesern zu erwecken. Mit Leid lesen wir den letzten
Absatz der Erzählung, der uns zeigt, dass aus inneren Protestgedanken
der jungen Dame nichts herausgekommen ist, dass sie gezwungen ist,
sich an die Anstandsregeln zu halten. Das heißt: dem verhassten Mann
ihr in den Mantel helfen lassen, abends anzurufen und sich bei ihm für
den netten Nachmittag höflich zu bedanken.
Es ist nichts gegen die Regel vorgefallen. Aber wir, Leser, wissen
mehr, als dieser mit sich selbst zufriedener Mann. Wir wissen gut, was
für ein Gewitter von Protesten, von Aggressivität, Verachtung und Ärger er bei dieser jungen hübschen Frau hervorgerufen hat. Die Autorin
ließ sie mit Sicherheit jener, die nichts besitzen, alles umgekehrt machen,
ihn zum Fallen bringen, was nicht nur physisch-körperlich verstanden
werden soll, sondern auch metaphorisch: ihn in seinem „stinksicheren“
Leben fallen lassen, damit er vor seiner Wohlsituiertheit nicht protzt.
Der Leser empfindet die ganze Palette von Gefühlen, die die junge Frau erlebt. Zusammen mit der Hauptheldin empfinden wir diese
emotional-expressiven Gegenpole, die sowohl sprachlich durch die erweiterte Antithese betont werden, als auch architektonisch entsprechend
der Exposition, Kulmination und Lösung der Spannung hervorgehoben
werden.
Heiner Müller
(1929–1995)
Heiner Müller wurde am 9. Januar 1929 in Eppendorf bei Chemnitz geboren; er besuchte das Gymnasium, wurde noch 1945 zum Reichsarbeiterdienst
eingezogen, geriet in die Gefangenschaft und legte 1949 das Abitur ab. Danach
arbeitete er als Angestellter im Landratsamt Waren/Mecklenburg, in einer Bücherei und als Journalist. 1954/55 wirkte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter
beim Schriftstellerverband der DDR, war dann 1957/58 Redakteur der Monatszeitschrift «Junge Kunst», ab 1958 Mitarbeiter des Maxim-Gorki-Theaters, von
1970 bis 1976 Dramaturg beim «Berliner Ensemble», danach künstlerischer
Berater der «Volksbühne». Seit 1959 arbeitet er als freier Autor.
1979 erhielt Müller den Müllheimer Dramatikerpreis, 1985 den GeorgBüchner-Preis und 1986 den Hörspielpreis der Kriegsblinden sowie den Nationalpreis Erster Klasse der DDR. Obwohl Müllers Werke nur in niedrigen
59
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Auflagen verbreitet sind, die Bühnen seine Stücke nur zögernd aufgreifen und
viele seiner Arbeiten in der DDR heftig kritisiert wurden, gilt er bei manchen
Kritikern als der bedeutendste deutschsprachige Theaterautor der Gegenwart.
Die bedeutendsten Theaterstücke von Heiner Müller sind: «die Schlacht Szenen aus Deutschland (1951), «Die Umsiedlerin oder das Leben auf dem
Lande» (1956-61), «Der Lohndrücker» (1956), «Der Bau» (1963/64), «Horazier» (1968), «Germania Tod in Berlin» (1956,1971). Heiner Müller zielt in seiner dramatischen Arbeit auf eine neuartige ‚Zuschaukunst‘, die ein Primat des
Ästhetischen vor dem Sozialen, des Besonderen vor dem Nachahmbaren, der
Routine vor dem Experiment beenden und die politische Qualität und Funktion
der Bühne wider einen oberflächlichen Konsensus der Identifikation potenzieren soll. Das Drama soll nach H. Müller nicht nur aktuelle soziale Prozesse
darstellen, es soll sich selbst als ein Lern- und Fortschrittsprozess vorführen.
Heiner Müller ist auch durch seine Kurzprosa bekannt.
1990 veranstaltete die Stadt Frankfurt am Main das Festival Experimenta
zu Ehren Heiner Müllers.
Am 30. Dezember 1995 verstarb Heiner Müller in Berlin an Lungenkrebs.
Sein Grab befindet sich auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte.
Das Eiserne Kreuz
Im April 1945 beschloss in Stargard in Mecklenburg ein Papierhändler, seine Frau, seine vierzehnjährige Tochter und sich selbst zu erschießen. Er
hatte durch Kunden von Hitlers Hochzeit und Selbstmord gehört.
Im ersten Weltkrieg Reserveoffizier, besaß er noch einen Revolver, auch
zehn Schuss Munition.
Als seine Frau mir dem Abendessen aus der Küche kam, stand er am Tisch
und reinigte die Waffe. Er trug das Eiserne Kreuz am Rockaufschlag, wie
sonst nur an Festtagen.
Der Führer habe den Freitod gewählt, erklärte er auf ihre Frage, und er halte
ihm die Treue. Ob sie, seine Ehefrau bereit sei, ihm auch hierin zu folgen.
Bei der Tochter zweifle er nicht, dass sie einen ehrenvollen Tod durch die
Hand ihres Vaters einem ehrlosen Leben vorziehe.
Er rief sie. Sie enttäuschte ihn nicht.
Ohne die Antwort der Frau abzuwarten, forderte er beide auf, ihre Mäntel
anzuziehen, da er, um Aufsehen zu ver­meiden, sie an einen geeigneten Ort
außerhalb der Stadt führen werde. Sie gehorchten. Er lud dann den Revolver, ließ sich von der Tochter in den Mantel helfen, schloss die Wohnung ab
und warf den Schlüssel durch die Briefkastenöffnung.
Es regnete, als sie durch die verdunkelten Straßen aus der Stadt gingen, der
Mann voraus, ohne sich nach den Frauen umzusehen, die ihm mit Abstand
folgten. Er hörte ihre Schritte auf dem Asphalt.
Nachdem er die Straße verlassen und den Fußweg zum Bu­chenwald eingeschlagen hatte, wandte er sich über die Schulter zurück und trieb zur Eile.
60
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Bei dem über der baumlosen Ebene stärker aufkommenden Nachtwind, auf
dem regennassen Boden, machten ihre Schritte kein Ge­räusch.
Er schrie ihnen zu, sie sollen vorangehen. Ihnen folgend, wusste er nicht:
hatte er Angst, sie könnten ihm davonlau­fen, oder wünschte er, selbst davonzulaufen. Es dauerte nicht lange, und sie waren weit voraus. Als er sie
nicht mehr sehen konnte, war ihm klar, dass er zu viel Angst hat­te, um einfach wegzulaufen, und er wünschte sehr, sie tä­ten es. Er blieb stehen und
ließ sein Wasser. Den Revolver trug er in der Hosentasche, er spürte ihn kalt
durch den dünnen Stoff. Als er schneller ging, um die Frauen einzu­holen,
schlug die Waffe bei jedem Schritt an sein Bein. Er ging langsamer. Aber als
er in die Tasche griff, um den Re­volver wegzuwerfen, sah er seine Frau und
die Tochter. Sie standen mitten auf dem Weg und warteten auf ihn.
Er hatte es im Wald machen wollen, aber die Gefahr, dass die Schüsse gehört wurden, war hier nicht größer.
Als er den Revolver in die Hand nahm und entsicherte, fiel die Frau ihm um
den Hals, schluchzend. Sie war schwer, und er hatte Mühe, sie abzuschütteln. Er traf auf die Toch­ter zu, die ihn starr ansah, hielt ihr den Revolver an
die Schläfe und drückte mit geschlossenen Augen ab. Er hatte gehofft, der
Schuss würde nicht losgehen, aber er hörte ihn und sah, wie das Mädchen
schwankte und fiel.
Die Frau zitterte und schrie. Er musste sie festhalten. Erst nach dem dritten
Schuss wurde sie still.
Er war allein.
Da war niemand, der ihm befahl, die Mündung des Revol­vers an die eigene
Schläfe zu setzen. Die Toten sahen ihn nicht, niemand sah ihn. Das Stück
war aus, der Vorhang gefallen. Er konnte gehen und sich abschminken.
Er steckte den Revolver ein und beugte sich über seine Tochter. Dann fing
er an zu laufen.
Er lief den Weg zurück bis zur Straße und noch ein Stück die Straße entlang,
aber nicht auf die Stadt zu, sondern westwärts. Dann ließ er sich am Straßenrand nieder, den Rücken an einen Baum gelehnt, und überdachte seine
La­ge, schwer atmend. Er fand, sie war nicht ohne Hoffnung.
Er musste nur weiterlaufen, immer nach Westen, und die nächsten Ortschaften meiden. Irgendwo konnte er dann untertauchen, in einer größeren
Stadt am besten, unter fremdem Namen, ein unbekannter Flüchtling, durch­
schnittlich und arbeitsam.
Er warf den Revolver in den Straßengraben und stand auf. Im Gehen fiel
ihm ein, dass er vergessen hatte, das Eiserne Kreuz wegzuwerfen. Er tat es.
Aufgaben zur Textinterpretation
1. Setzen Sie die Leitmotive der Erzählung an! Welche Topikketten
ergeben sich dabei?
61
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
2. Informieren Sie sich, was eine Präsupposition ist! Bringen Sie Beispiele aus dem Text!
3. Den Beschreibungen der Naturbilder kommt in der Erzählung eine
große Rolle zu. Veranschaulichen Sie es und erklären Sie die Autorenintention!
4. Wie wird in diesem Text die nazistische Ideologie entlarvt?
5. Warum vergleicht der Autor das Geschilderte mit einem Theater?
Weiterführende Aufgaben
A u f g a b e 1. Welche faktuelle Information ist den folgenden Textfragmenten zu entnehmen? Mit welchen Präsuppositionen arbeitet der
Autor geschickt, um den Leser kurzformatig mit dem Ort und der Zeit
der Handlung vertraut zu machen? Benutzen Sie bei der Ausführung der
Aufgabe folgende Wortgruppen!
Meiner Meinung nach … Ich meine …
Ich glaube bestimmt … Ich sehe die Sache so …
Meines Erachtens … Ich bin fest davon überzeugt …
1. Im April 1945 beschloss in Stargard in Mecklenburg ein Papierhändler, seine Frau, seine vierzehnjährige Tochter und sich selbst zu erschießen.
Er hatte durch Kunden von Hitlers Hochzeit und Selbstmord gehört.
2. Im ersten Weltkrieg Reserveoffizier, besaß er noch einen Revolver, auch
zehn Schuss Munition.
A u f g a b e 2. Prägen Sie sich die Definition des Stilgriffs Litites ein!
Litotes, auch Untertreibung: verneinende Periphrase mit verstärkt
positiver Aussageabsicht: Das ist nicht übel = das ist sehr gut. Das ist
nicht neu = das ist alt [Kleines Wörterbuch..., S. 161].
A u f g a b e 3. Vergleichen Sie die oben angegebene Definition des
Stilgriffes Litotes mit der aus der Kleinen Enzyklopädie! Was haben
beide Definitionen gemeinsam? Welche von beiden scheint Ihnen in Bezug auf das Wesen dieses Stilgriffes überzeugender zu sein?
Litotes, eine abgeschwächte positive Behauptung, die auf zwei Verneinungen basiert ist: Keine unschöne Frau [Kleine Enzyklopädie…,
S. 464].
A u f g a b e 4. Kommentieren Sie den Mechanismus der litotischen
Darstellung in den unten angegebenen Gebrauchsweisen anhand der implizit oder explizit vorhandenen Verneinungen!
Kein häßliches Gesicht / nicht grenzenlos / nicht ohne Interesse /
nicht ohne Zucker / kein Blödrian.
62
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Benutzen Sie bei der Ausführung der Aufgabe folgende Schemata:
kein(e) + implizites Merkmal
nicht + nicht
kein(e) + unnicht + -los
A u f g a b e 5. Der Zeitungstext liefert gute Beispiele von litotischen
Behauptungen, die sich aber auf den ersten Blick gar nicht als solche
leicht erkennen lassen. Nicht zuletzt weil eine der obligatorischen Verneinungen implizit vorhanden ist. Zeigen Sie es an folgenden litotischen
Gebrauchsweisen!
Ja, sie war grau und rau und alles andere als der Nabel der Welt.
A u f g a b e 6. Kontrollieren Sie die Ausführung der Aufgabe 5 anhand
der angeführten Kommentare!
Ja, sie war grau und rau und alles andere als der Nabel der Welt.
In diesem Satz kann die Wortgruppe „Nabel der Welt“ als „auffallend, im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit“; d.h. als „nicht
bescheiden sein“ kommentiert werden. Im ersten Teil des Satzes wird
behauptet, das eine(r) „alles andere“ als „nicht bescheiden“ ist. Rein mathematisch haben wir es mit der Behauptung „nicht unbescheiden sein“
zu tun. Zweimal Minus macht als Ergebnis einen Plus aus. Somit ist das
eine Litotes, mittels derer jemand als bescheiden vorgestellt wird. In der
vorliegenden Litotes werden beide Verneinungen explizit ausgedrückt:
Alles andere – nicht so
„Nabel der Welt“ – nicht bescheiden sein
(nicht + nicht bescheiden sein = bescheiden sein)
A u f g a b e 7. Kommentieren Sie den Mechanismus der Entstehung
einer litotischen Behauptung im unten angeführten Satz, wenn „kein“
eine explizite Verneinung und Vertun „Fehler“ bedeutet. Übersetzen Sie
den Satz und beweisen Sie, dass er von einer Litotes belastet worden ist.
Es gab kein Vertun: Matthias Bleuel war unsterblich verliebt.
A u f g a b e 8. Auf welchem Schema basiert die Litotes in folgenden
Wortgruppen?
kein(e) + implizites Merkmal (kein hässliches (nicht schönes) Gesicht)
1. Was Musik anging, war er kein Experte, beileibe nicht, aber auch kein
Banause.
2. Unwillkürlich hatte er seine eigene Stimme zu einem Flüstern gesenkt.
Artjom hatte ihn trotzdem verstan­den: »Kehlkopfgesang. An sich keine Seltenheit hier.«
3. Den anderen Zuschauern war keine Irritation anzumerken; es sollte wohl
so sein. Dass er den Gesang schön fand, hätte Bleuel nicht be­haupten können.
63
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
4. Was ihn erschauern ließ, war aber auch kein reiner Abscheu.
A u f g a b e 9. In der Erzählung Heiner Müllers „Das Eiserne Kreuz“
grenzt das Geschilderte beinahe an Paradoxie: so unnatürlich und sinnlos ist das Vergehen des Vaters seiner Familie gegenüber. Sind Sie damit
einverstanden, wenn Stilgriff Paradoxon folgenderweise definiert wird:
Paradoxon, das; die Paradoxie – einander ausschließende Sachverhalte
[Kleines Wörterbuch…, S. 261].
A u f g a b e 10. Was ist paradoxal an dieser Meinung?
Man sollte auf den Gegenverkehr achten, gerade weil es kaum welchen gab!
A u f g a b e 11. Prägen Sie sich die Definition des Stilgriffs Vergleich ein!
Vergleich, der: bildhafte Verwendung der Sprache, wobei zwei oder
mehrere unterschiedlichen Gegenstände, Handlungen, Situationen aufgrund ähnlicher Eigenschaften und Merkmale miteinander gleichgesetzt
werden, in der Regel explizit mittels der Vergleichspartikel [Kleines
Wörterbuch…, S. 276].
A u f g a b e 1 2. Klären Sie den Mechanismus der Wirkung des Stilgriffs
vergleich anhand folgender Gebrauchsweisen.
1. Er dachte an Stuttgart. An die Art, wie viele Stuttgarter über Stuttgart redeten: ein irgendwie verklemmter, vorgeschobener, tiefen Zweifel ka­schierender
Stolz. Dagegen die unerschütterliche Gewiss­heit der Münchner – nicht zu fassen,
wie oft sie, egal, worum es in einem Gespräch ging, »München« sagten. München, München, wie ein magisches Wort, von dem sie sich Kraft versprachen.
2. Im Schlafzimmer roch das neue Bett nach neuem Holz, und die alte Matratze kam ihm vor wie eine riesige tote Qualle, die auf dem Laminat zerfloss.
3. Der Quellbach tänzelte durch ein Bett aus dunklen, flach gewaschenen
Steinen, und Bleuel fühlte sich wie im Märchenwald.
4. Der Grabhügel. Gekrönt von einem monströsen Gipfelkreuz, das glänzte
wie in Alufolie eingeschlagen und an beiden Balken so viele spit­zige Fortsätze trug, als wäre es dafür gebaut, den felsigen Fabeltieren nebenan die
Schädel einzuschlagen.
5. Nach wie vor zurückhaltender Bartwuchs und nach wie vor nicht viel grau.
Mattias Bleuel, ein so gut wie unbeschriebenes Blatt.
6. Er lauschte ihr wie einer Offenbarung.
7. Doch es war nichts Blauschillerndes zu sehen, höchstens das wehende
Halstuch einer kriegerisch geschminkten Dame, die am Arm eines schmächtigen Herrn einer Kirche, so knallbunt und schwellend wie eine Vergnügungsparkkulisse, entgegen rauschte.
A u f g a b e 1 3. Prägen Sie sich die Definition des Stilgriffes Gleichnis ein!
Gleichnis ist ein mehrschichtiger Vergleich [Kleines Wörterbuch…, S. 276]
In dem zu interpretierenden Text der Erzählung „Das eiserne Kreuz“
von Heiner Müller hat ein mehrschichtiger Vergleich mit der abgeschlos-
64
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
senen Theatervorstellung Platz (Das Stück war aus, der Vorhang gefallen. Er konnte gehen und sich abschminken).
Im Roman von Michael Ebmayer geht es um eine Frau. Ausgehend
von der Definition des Stilgriffes Gleichnis kommentieren Sie das folgende Beispiel des Gleichniseinsatzes! Gehen Sie dabei davon aus, dass
als Objekt des Vergleiches kein Tier, sondern eine Frau ist!
Das ferne Heulen wieder, zum Abschluss, und der langsamer werdende Rhythmus der Laute, als bremste die Wölfin, unaufhaltsam durch
die Nacht streifend, ihre Schritte, weil sie ihr Lager oder ihren Wachplatz er­reichte.
A u f g a b e 14. Prägen Sie sich die Definition des Stilgriffes Metapher ein! Metapher ist ein bildlicher Ausdruck, der durch Bezeichnungsübertragung zwischen ähnlichen Gegenständen oder Erscheinungen
(aufgrund ähnlicher oder gleicher Bedeutungsmerkmale oder Funktion)
hervorgerufen wird: das Gold ihrer Haare; seidene Stimme [Kleines
Wörterbuch…, S. 166].
A u f g a b e 1 5. Kommentieren Sie die Funktion und das Wesen des
Einsatzes von Verbmetaphern in den folgenden Sätzen aus dem Roman
von Michael Ebmayer „Neuling“!
1. Der Kahn arbeitete sich stromaufwärts durch mäßig ruhiges, schwarz
blaues Wasser, und von jedem Spritzer in sein Gesicht oder auf seine Hände
fühlte Bleuel sich gesegnet.
2. Die Quellen selbst konnte er nicht sehen, sie lagen im Dickicht verborgen.
Ihr Wasser schoss als schmaler, heller Schwall unter den Zweigen einer Fichte
hervor, die sich gegen den Hang stemmte und voller Stofffetzen hing, und
sprang drei Steinstufen herab, um sich auf dem ebenen vordersten Uferstreifen in einen Fächer emsiger Rinnsale zu verwandeln.
A u f g a b e 16. Prägen Sie sich die Definition des Stilgriffes Personifikation ein! Personifikation,die: das Behandeln der Wörter, die Nichlebewesen bezeichnen als Lebewesen und umgekehrt [Kleines Wörterbuch…, S. 276].
A u f g a b e 17. Zeigen Sie an folgenden Beispielen aus der schöngeistigen Prosa, warum der Stilgriff Personifikation auch einen synonymischen Terminus hat: Verlebendigung!
1. Allein sein mit den Gesichtern der Taiga. Er hatte wieder eins gefunden.
Ein Gesicht in einem Stamm. Grob und lang. Tiefer hinein ins Grün. Kein steiniger Weg. Ein zweites Baumgesicht. Rundlicher als das erste und mit grimmig
verzogenem Mund.
2. Allein sein mit der Stimme in seinem Kopf, mit dem Was­ser, den Bäumen,
dem Nebel, das wünschte er sich. Allein sein mit den Gesichtern der Taiga.
65
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
3. Als er endlich den Blick wieder hob, sah er, nicht mehr allzu weit entfernt und umgeben von Farnwiese und Ge­hölz, eine Reihe von Felstürmen
in den milchigen Him­mel ragen. Entweder die Ruine einer zyklopischen Burg
oder das Profil eines schlafenden Drachen konnte man, fand er, darin erkennen.
4. Bleuel fühlte sich wie im Märchenwald. Der bemooste, glucksende Pfad,
das Di­ckicht ringsum, die beseelten Silhouetten der Bäume, die, so kam es ihm
vor, jeden Augenblick aus ihrer Starre er­wachen konnten.
5. Als käme es der Stadt verdächtig vor, wenn jemand, der nicht zufällig hier
lebte, sich für sie interessierte.
6. Alles, was Bleuel von Kemerowo bisher zu sehen bekommen hatte, ein
„Ich weiß, ich bin nichts Beson­deres aus …“ .
7. Und dann hatte er sich über die Matratze gebeugt. Fleckig. Matratzen
wurden fleckig, großfleckig, selbst in einem recht sauberen Haushalt, die Flecken schlichen sich ein und verheimlichten ihre Herkunft.
A u f g a b e 18. Vergessen bitte Sie nicht, dass die Personifikation
(auch Personifizierung genannt) nach zwei Richtungen verläuft:
a) Ein Nichtlebewesen wird als ein Lebewesen vorgestellt;
b) Ein Lebewesen wird als ein Nichtlebewesen vorgestellt.
Die zweite Unterart der Personifizierung tritt seltener auf, ist jedoch
nicht auszuschließen, wie im Roman von M. Ebmayer „Neuling“. Dass
dieser Stilgriff absichtlich mehrmals in einem engeren Kontext auf eine
und dieselbe personifizierende Weise mit der Autorenintention eingesetzt
wird, wird aus mehreren Beispielen ersichtlich, in denen der Hauptheld
mehrmals einen Irrweg oder ein Irrtum genannt wird. Beweisen Sie,
dass es in allen unten angeführten Beispielen tatsächlich um eine Unterart der Personifikation (ein Lebewesen als ein Nichtlebewesen) geht!
1. „Matthias, du bist ein einziger Irrweg.“ Was man so sagte im Zorn. Aber
wenn man danach nichts mehr sagte, oder zumindest nichts Wesentliches,
dann waren es eben diese Worte, die blieben, die das Resümee bildeten.
2. Der einzige Irrweg hatte alleine weitergelebt und den Lebensraum so
belassen, als wäre man zu zweit geblieben. Er war morgens zur Arbeit gegangen, am frühen Abend zurückgekommen, fast seelenruhig, keine Wut, keine
Tränen, keine großen Gedanken, möglichst auch keine kleinen. Weiter machen,
als wäre nichts Besonderes geschehen.
3. „Ein Irrtum, Matthias. Wir waren ein Irrtum. Punkt. Und jetzt sind wir geschiedene Leute. Das ist dir bewusst, oder?“
Interpretationsvorschlag
Selbst der Titel der Erzählung von Heiner Müller lässt sofort das
Thema erraten: es ist mit dem Krieg verbunden. Die Lektüre lässt es
66
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
konkretisieren: es geht nicht nur um den Krieg allein, sondern um die
verheerenden Auswirkungen der Kriegsumstände auf die Menschenpsyche, gezeigt am Beispiel einer durchschnittlichen deutschen Familie in
den letzten Kriegstagen des Aprils 1945. Zu den vielen in der Erzählung
angeschnittenen Problemen gehören unter anderem: der deutsche Fanatismus, die Aufrichtigkeit der Verfechtung der Hitlerschen Ideologie
seitens der einfachen Bürger, die schädliche Auswirkung der Kriegsverhältnisse auf die menschliche Psyche, die Mentalität einer deutschen
Familie unter dem Einfluss des National-Sozialismus und viele andere.
Der Autor führt die Leser sehr geschickt praktisch mit zwei Absätzen in die Geschichte ein. Als Meister der Präsuppositionen vermochte
er mit 2-3 Sätzen das soziale und familiäre Umfeld des Haupthelden zu
charakterisieren. Durch den Gebrauch vieler Wörter, die “militärisch”
abgefärbt sind (Weltkrieg, Reserveoffizier, Revolver, eine Schuss
Munition, Waffe, Eisernes Kreuz) gelingt es dem Autor das Vorhandensein einer kriegsbedingten Gefahr für die Familie zu betonen, als
ob man sie plötzlich an die vordere Frontlinie versetzt hat. Durch die
Wahl des Konjunktivs in der Passage des Kommentars der Geschehnisse mit Hitler, klingt alles pathetisch und doppelt heroisch einladend
zum In-den-Tod-Folgen. Darauf arbeiten auch die antonymischen Paare
(Hochzeit und Selbstmord; ein ehrenvoller Mord gleicht einem erfreulichen Lebensbeginn wie die Hochzeit). Ein anderes antonymisches Paar
“ehrenvoller Tod” und “ehrloses Leben” wirkt noch kräftiger durch den
Gebrauch von zwei entgegengesetzten Begriffen (einmal: ehrenvoll –
ehrlos, zum anderen: Tod – Leben). Am Anfang der Geschichte zeigt
uns der Autor den Haupthelden als einen fanatischen Anhänger des National-Sozialismus, der bereit ist, dem Führer mit der ganzen Familie in
den Tod zu folgen. Dem erwähnten Eisernen Kreuz kommt dabei eine
große Rolle zu: das ist einerseits Hackenkreuz – Symbol des Hitlerismus, andererseits ist das eine Art Auszeichnung, die ihren Inhaber zu
neuen Siegen aufruft. Tatsächlich gleicht die Bereitschaft, sich und seine
Familienangehörigen zu töten, einer Heldentat.
Die Position des Autors diesem Vorhaben gegenüber zeigt sich reichlich in der Naturbeschreibung. Der Autor lässt die Natur sich aufregen
und dann mittrauern. So könnte man das Syntagma “Es regnete” als
Tränen deuten. Das Fragment der Naturbeschreibung “stärker über der
baumlosen Ebene aufkommender Nachtwind und regennasser Boden”
lassen den Leser verstehen, dass die Schritte von den zum Tod verurteilten Frauen geräuschlos sind. Als ob auf solche Weise die Natur ihnen die
Fluchtchance geben möchte.
67
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Die Verachtung dem Haupthelden gegenüber bringt der Autor mehrmals zum Vorschein. Er nennt ihn einen Angsthasen, ohne beim Namen
zu nennen, einfach durch Beschreibung seiner inneren Gedanken. Er
beschreibt ihn seine Notdurft verrichtend, was auch typisch für das Benehmen eines Menschen in der Angstsituation ist, schildert seinen Gedankengang, wobei sehr oft das Wort Angst fällt. Die Frau und Tochter
sind von dem Autor stärker als der Hauptheld selbst konzipiert. Die beiden hatten eine Möglichkeit gehabt, wegzulaufen, haben sie aber nicht
ausgenutzt. Die Tochter gab zudem gar keinen Widerstand. Bis zur Mitte
der Erzählung lässt uns der Autor an die Aufrichtigkeit der Verfechtung der Hitlerschen Ideologie seitens des Haupthelden glauben. Nur das
Einige verriet schon seine ideologische Schwäche: der Autor schildert
so ganz nebenbei ein sehr wichtiges Detail: “die Waffe schlug ihm bei
jedem Schritt an sein Bein” (Während er den Frauen in der Hoffnung
folgte, dass sie weglaufen). Die Waffe als Symbol der Macht und Gehorsamkeit schlug auf ihn wie ein Besinnungssignal, damit er von seinem
grausamen Vorhaben nicht abgeht.
Nach der schrecklichen Szene der Ermordung der Frau und der Tochter erwartet man von so einem “starken Verfechter der Hitlerideologie”
ebenso entscheidende Schritte. Auf einmal zeigt uns der Autor durch
den starken Einsatz der Theaterlexik (Das Stück war aus, der Vorhang
gefallen, Er konnte gehen und sich abschminken), dass das alles bloß
vorgespielt wurde und auf keiner echten Ideologie basiert.
Der Gebrauch einer Litotes (Er fand, dass seine Lage nicht ohne
Hoffnung ist) weist darauf hin, dass der Hauptheld die letzte Spur von
der Menschlichkeit und Anstand verloren hat, was den Wert der Hitlerschen Ideologie fragwürdig macht. Das ist eine scharfe Kritik an dieser
Ideologie, die solche Taten, Vergehen, eigentlich Verbrechen emporbringt. Als größte Verachtung einer solchen Ideologie lässt der Autor
den Haupthelden das Eiserne Kreuz wegwerfen, wie ein sinnloses Ding.
Es bedeutet nichts mehr ebenso, wie diese Ideologie keinen Wert mehr
erbringt. Das Hitlerregime hat nicht nur die ganze Welt erschüttert, sondern auch bumerangweise das Sakramentale auf dem deutschen Boden
zerstört, sogar getötet – die Familie, die Seele. Die menschensfremde
Hitlersche Ideologie, an der der Autor eine scharfe Kritik ausgeübt hat,
führt nirgendswohin, wie unseren Haupthelden, der anscheinend dank
der Hitlerschen Ideologie alles entbehren musste, was einen Menschen
zum Bürger macht: einen Namen, eine Anschrift, eine Familie und Familienangehörigen, sowie auch Seele, Anstand, Ehre und Verstand:
Er musste nur weiterlaufen …. Irgendwo konnte er dann untertauchen, … unter fremdem Namen, durchschnittlich und arbeitsam.
68
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Was ist ein Mensch ohne Namen, dazu noch ganz durchschnittlich?
Ohne Familie ? Ohne Geschichte? Er hat natürlich eine Geschichte – sogar eine Familiengeschichte. Aber wir wissen wohl, welche. Und er wird
es auch nicht den Menschen erzählen wollen bzw. erzählen können.
Die Moral der Geschichte: National-Sozialismus ist eine Ideologie,
die aus einem Menschen mit viel Würde ein Nichts macht, ein Monstrum erzieht, das dazu fähig ist, einen Mord an seiner Familie auszuüben.
Was bleibt als Lösung und Rettung unserem Haupthelden übrig? Nichts
wie das Wegwerfen dieser Ideologie. Genauso wie der Hauptheld sein
Eisernes Kreuz am Ende der Erzählung wegwirft.
Wolfgang Borchert
(1921–1947)
Wolfgang Borchert, geboren am 20.5.1921 in Hamburg als Sohn eines
Lehrers und einer Schriftstellerin, besuchte die Oberrealschule in HamburgEppendorf bis zum Abschluss der Obersekunda, nahm dann eine Buchhändlerlehre auf und war danach für kurze Zeit als Schauspieler in Lüneburg tätig.
Als 20-Jähriger wurde er eingezogen. 1941 an der Ostfront verwundet, wurde er verdächtigt, sich die Verwundung selbst beigefügt zu haben, und in ein
Nürnberger Gefängnis eingeliefert. Er verbrachte die Kriegszeit größtenteils
im Lazarett oder – der Wehrkraftzersetzung beschuldigt – in Gefängnissen
und Strafbataillonen. Nach Kriegsende versuchte sich Borchert als Schauspieler und Kabarettist. Er arbeitete einige Wochen lang als Regieassistent, indes
zwang ihn die im Krieg erworbene, durch die lange Zeit geförderte Krankheit
bald vollends nieder. Auch ein durch Freunde ermöglichter Aufenthalt in einem Schweizer Sanatorium vermochte keine Heilung mehr zu bringen. Am
20.11.1947 starb er im Clara-Spital in Basel.
Wolfgang Borchert ist ein Repräsentant der “Trümmerliteratur” in Deutschland nach 1945. Seine Kurzgeschichten-Sammlungen (“Die Hundeblume”,
1947; “An diesem Dienstag”, 1947), sein Drama “Draußen vor der Tür” (1947)
sowie seine Gedichte “Laterne, Mond und Sterne” (1946) handeln von eigenem
Erleben: dem Krieg, seinen Schrecken und der Heimkehr in ein neues Elend.
Sein schmales dichterisches Werk entstand zwischen 1945 und 1947. Als
Pazifist fand Borchert ein besonderes Echo in den 50er Jahren.
Nachts schlafen die Ratten doch
Das hohle Fenster in der vereinsamten Mauer gähnte blaurot voll früher
Abendsonne. Staubgewölke flimmerten zwischen den steilgereckten Schornsteinresten. Die Schuttwüste döste.
69
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Er hatte die Augen zu. Mit einmal wurde es noch dunkler. Er merkte, dass
jemand gekommen war und nun vor ihm stand, dunkel, leise. Jetzt haben sie
mich! dachte er. Aber als er ein bisschen blinzelte, sah er nur zwei etwas ärmlich
behoste Beine. Die standen ziemlich krumm vor ihm, dass er zwischen ihnen
hindurchsehen konnte. Er riskierte ein kleines Geblinzel an den Hosenbeinen
hoch und erkannte einen älteren Mann. Der hatte ein Messer und einen Korb in
der Hand. Und etwas Erde an den Fingerspitzen.
Du schläfst hier wohl, was? fragte der Mann und sah von oben auf das Haargestrüpp herunter. Jürgen blinzelte zwi­schen den Beinen des Mannes hindurch
in die Sonne und sagte: Nein, ich schlafe nicht. Ich muss hier aufpassen. Der
Mann nickte: So, dafür hast du wohl den großen Stock da? Ja, ant­wortete Jürgen mutig und hielt den Stock fest.
Worauf passt du denn auf?
Das kann ich nicht sagen. Er hielt die Hände fest um den Stock.
Wohl auf Geld, was? Der Mann setzte den Korb ab und wischte das Messer
an seinem Hosenboden hin und her.
Nein, auf Geld überhaupt nicht, sagte Jürgen verächtlich. Auf ganz etwas
anderes.
Na, was denn?
Ich kann es nicht sagen. Was anderes eben.
Na, denn nicht. Dann sage ich dir natürlich auch nicht, was ich hier im Korb
habe. Der Mann stieß mit dem Fuß an den Korb und klappte das Messer zu.
Pah, kann mir denken, was in dem Korb ist, meinte Jürgen geringschätzig,
Kaninchenfutter.
Donnerwetter, ja! sagte der Mann verwundert, bist ja ein fixer Kerl. Wie alt
bist du denn?
Neun.
Oha, denk mal an, neun also. Dann weißt du ja auch, wie­viel drei mal neun
sind, wie?
Klar, sagte Jürgen, und um Zeit zu gewinnen, sagte er noch: Das ist ja ganz
leicht. Und er sah durch die Beine des Mannes hindurch. Dreimal neun, nicht?
fragte er noch mal, siebenundzwanzig. Das wusste ich gleich.
Stimmt, sagte der Mann, und genau soviel Kaninchen habe ich.
Jürgen machte einen runden Mund: Siebenundzwanzig?
Du kannst sie sehen. Viele sind noch ganz jung. Willst du?
Ich kann doch nicht. Ich muss doch aufpassen, sagte Jürgen unsicher.
Immerzu? fragte der Mann, nachts auch?
Nachts auch. Immerzu. Immer. Jürgen sah an den krummen Beinen hoch.
Seit Sonnabend schon, flüsterte er.
Aber gehst du denn gar nicht nach Hause? Du musst doch essen.
Jürgen hob einen Stein hoch. Da lag ein halbes Brot. Und eine Blechschachtel.
Du rauchst? fragte der Mann, hast du denn eine Pfeife?
Jürgen fasste seinen Stock fest an und sagte zaghaft: Ich drehe. Pfeife mag
ich nicht.
Schade, der Mann bückte sich zu seinem Korb, die Kanin­chen hättest du
ruhig mal ansehen können. Vor allem die Jun­gen. Vielleicht hättest du dir eines
ausgesucht. Aber du kannst hier ja nicht weg.
70
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Nein, sagte Jürgen traurig, nein nein.
Der Mann nahm den Korb hoch und richtete sich auf. Na ja, wenn du hierbleiben musst – schade. Und er drehte sich um. Wenn du mich nicht verrätst,
sagte Jürgen da schnell, es ist wegen der Ratten.
Die krummen Beine kamen einen Schritt zurück: Wegen der Ratten?
Ja, die essen doch von Toten. Von Menschen. Da leben sie doch von.
Wer sagt das?
Unser Lehrer.
Und du passt nun auf die Ratten auf? fragte der Mann.
Auf die doch nicht! Und dann sagte er ganz leise: Mein Bruder, der liegt
nämlich da unten. Da. Jürgen zeigte mit dem Stock auf die zusammengesackten Mauern. Unser Haus kriegte eine Bombe. Mit einmal war das Licht weg im
Keller. Und er auch. Wir haben noch gerufen. Er war viel kleiner als ich. Erst vier.
Er muss hier ja noch sein. Er ist doch viel kleiner als ich.
Der Mann sah von oben auf das Haargestrüpp. Aber dann sagte er plötzlich:
Ja, hat euer Lehrer euch denn nicht gesagt, dass die Ratten nachts schlafen?
Nein, flüsterte Jürgen und sah mit einmal ganz müde aus, das hat er nicht
gesagt.
Na, sagte der Mann, das ist aber ein Lehrer, wenn er das nicht mal weiß.
Nachts schlafen die Ratten doch. Nachts kannst du ruhig nach Hause gehen.
Nachts schlafen sie immer. Wenn es dunkel wird, schon.
Jürgen machte mit seinem Stock kleine Kuhlen in den Schutt. Lauter kleine
Betten sind das, dachte er, alles kleine Betten. Da sagte der Mann (und seine
krummen Beine waren ganz unruhig dabei): Weißt du was? Jetzt füttere ich
schnell meine Kaninchen, und wenn es dunkel wird, hole ich dich ab. Viel­leicht
kann ich eins mitbringen. Ein kleines oder, was meinst du?
Jürgen machte kleine Kuhlen in den Schutt. Lauter kleine Kaninchen. Weiße, graue, weißgraue. Ich weiß nicht, sagte er leise und sah auf die krummen
Beine, wenn sie wirklich nachts schlafen. Der Mann stieg über die Mauerreste
weg auf die Straße. Natürlich, sagte er von da, euer Lehrer soll einpacken, wenn
er das nicht mal weiß.
Da stand Jürgen auf und fragte: Wenn ich eins kriegen kann? Ein weißes
vielleicht?
Ich will mal versuchen, rief der Mann schon im Weggehen, aber du musst
hier so lange warten. Ich gehe dann mit dir nach Hause, weißt du? Ich muss
deinem Vater doch sagen, wie so ein Kaninchenstall gebaut wird. Denn das
müsst ihr ja wissen.
Ja, rief Jürgen, ich warte. Ich muss ja noch aufpassen, bis es dunkel wird.
Ich warte bestimmt. Und er rief: Wir haben auch noch Bretter zu Hause. Kistenbretter, rief er.
Aber das hörte der Mann schon nicht mehr. Er lief mit seinen krummen Beinen auf die Sonne zu. Die war schon rot vom Abend und Jürgen konnte sehen,
wie sie durch die Beine hin­durch schien, so krumm waren sie. Und der Korb
schwenkte aufgeregt hin und her. Kaninchenfutter war da drin. Grünes Kaninchenfutter, das war etwas grau vom Schutt.
71
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Aufgaben zur Textinterpretation
1. Welche Rolle spielen die Farbenbezeichnungen im Text?
2. Wie gebraucht der Autor den Stilgriff “Metonymie” für die Charakteristik der Hauptpersonen?
3. Was betont der Hang zum Umgangssprachlichen?
4. Sprechen Sie über den Ideengehalt der Erzählung!
5. Warum zählt man diese Erzählung zur “Trümmerliteratur”?
Weiterführende Aufgaben
A u f g a b e 1. Vergleichen Sie einige unten angeführte Definitionen
miteinander! Wie betonen sie das Wesen dieses Stilgriffes?
Metonymie, die: bildlicher Ausdruck, der durch Bezeichnungsübertragung zwischen Dingen und Erscheinungen zustande kommt, die in
einem äußeren (räumlichen, ursächlichen, zeitlichen) Zusammenhang
stehen [Kleines Wörterbuch…, S. 167]. Metonymie. Auf semantischer
Kontiguität beruhender Ersatz [Eroms, S. 183].
A u f g a b e 2. Klären Sie den Mechanismus der metonymischen Bedeutungsübertragung in den folgenden Wortgruppen und Sätzen, indem
Sie sie dem entsprechenden Typ der Metonymie zuordnen!
Ich wollte nur ein Gläschen trinken.
Das kann man schon bei Goethe lesen.
Da müssen die anderen den Kopf hinhalten.
Washington hat sich noch nicht dazu geäußert.
Du bist Deutschland!
Wir sind Papst!
Fremder Menschen Zungen … .
räumlicher Zusammenhang zeitlicher Zusammenhang
ursächlicher Zusammenhang numerisch verwandter Zusammenhang
A u f g a b e 3. Begründen Sie, dass die links und rechts angeführten
Definitionen das Gleiche bestimmen: und zwar einen und den gleichen
Typ der metonymischen Übertragung erläutern!
quasioffizielle Verlautbarungen
pars-pro-toto
totum pro parte
Wahl eines numerisch Verwandten Begriffes
Hauptstadt eines Landes statt Regierung
Teil für das Ganze der
das Ganze für einen Teil
Wahl des Oberbegriffs statt des Unterbegriffs
72
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
auf semantischer Kontinuität
beruhender Ersatz
lexikalische oder lexikalisierte
Metonymie
Synekdoche
auf einer Assoziation beruhender Ersatz
eine im Verlaufe der historischen Entwicklung
zum Bedeutungswandel führende Metonymie
Vertauschung und Bezeichnung zwischen
dem Ganzen und einem Teil
A u f g a b e 4. Klären Sie den Mechanismus der metonymischen Bedeutungsübertragung in den folgenden Wortgruppen und Sätzen!
statt Sprache
statt der Slogan nach der Wahl Kardinal
Ratzingers zum Papst im Jahre 2005
Kiel
statt Schiff
das ganze Haus
statt alle Bewohner des Hauses
Er liest Goethe
statt Er liest Goethes Werke
einen Bissen essen
statt eine Mahlzeit einnehmen
Kopf und Kragen auf’s Spiel set- statt alles auf’s Spiel setzen
zen
Washington hat sich noch nicht statt Die Regierung der Vereinigten Staadazu geäußert.
ten mit Sitz in Washington hat sich
noch nicht dazu geäußert.
Da müssen die anderen den Kopf statt Da müssen die anderen mit ihrer
hinhalten.
ganzen Person geradestehen.
Dickhäuter
statt Elefant
Vierbeiner
statt Tier
Zweibeiner
statt Mensch
Fremder Menschen Zungen
Wir sind Papst!
Interpretationsvorschlag
Wolfgang Borchert ist durch seinen Hang zur Antikriegsproblematik
bekannt. In seinen Werken versuchte er klar zu machen, wie negativ
sich der Krieg auf die Menschen auswirkt, wie der Krieg die Menschenseelen, die menschlichen Beziehungen und selbst die Natur ruiniert. In
jedem einzelnen Werk gelang es ihm, das Kriegsthema unterschiedlich
aufzudecken.
So zeigt er in seiner Erzählung «Nachts schlafen die Ratten doch»
eine verheerende Rolle des Krieges am Beispiel eines Jungen. Für ihn
scheint die ganze gewöhnliche Welt zusammengebrochen zu sein, weil
sein kleiner Bruder durch einen Bombenangriff tödlich verunglückt
73
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
unter Schutt begraben liegt. Der Junge kann den verfrühten Tod seines Bruders nicht akzeptieren. In seiner psychisch kranken Phantasie
versucht er seinen verstorbenen Bruder noch zu beschützen. Deswegen
steht er mit einem Vorrat an Lebensmitteln neben dem “Grab” die Wache und passt auf die Ratten auf.
Er sieht seinen Bruder immer noch Angst vor den Ratten habend. Er
möchte den kleinen Bruder nicht tot sehen, sondern lebendig haben, in
einem gemütlichen Kinderbett schlafen sehen. Das zeigt Wolfgang Borchert sehr deutlich, indem er den Jungen lauter Kinderbetten mit einem
Stock auf dem Schutt malen lässt.
In einer menschlichen Krise, sei das zum Beispiel eine Kriegssituation,
ist es sehr wichtig, dass die Menschen zueinander finden und einander beistehen. Das ist ein Konzept der Erzählung, die Hauptidee des Werkes, die
konkret an der Episode gezeigt wird, in der ein wildfremder alter Mann die
Situation mit dem Jungen richtig erkannt hat und ihn zu betreuen versucht.
Am Anfang der Erzählung erfahren wir noch gar nichts über die
Haupthelden. Deswegen führt Wolfgang Borchert die Hauptpersonen
metonymisch ein (der alte Mann wird als ein paar krumme Beine vorgestellt und der Junge – als ein Haargestrüpp). Die Ersterwähnung des
alten Mannes birgt eine gewisse Gefahr: der Autor malt alles dunkel
aus (plötzlich ist noch dunkler geworden). Ein Messer in der Hand eines
unbekannten Menschen macht jedem Angst.
Der Anfang der Geschichte verspricht nichts Positives: durch Seme
‘Einsamkeit’ und ‘Leere’ in den Bedeutungen der Wörter und Wortverbindungen (Schuttwüste, in der vereinsamten Mauer, zwischen den steilgereckten Schornsteinresten), schildert uns der Autor den Seelenzustand
des Jungen, der losgelöst von der ganzen Welt hier in seinem Unglück die
Wache hält. Deswegen lässt der Autor ihn nicht allein, versucht klar zu
machen, dass die Erwachsenengeneration für das Anzetteln des Krieges
verantwortlich ist und diesen Fehler gutzumachen hat. Zum Beispiel indem man der jüngeren Generation aus der Patsche hilft. Aber jedesmal,
wenn seitens der Haupthelden eine wichtige Entscheidung kommen soll
(etwa: soll ich mithelfen für den alten Mann und ob der Junge auftaut,
nach seinem Schmerz zum Leben erwacht), werden die beiden metonymisch vorgestellt (krumme Beine, Haargestrüpp). Diese durch Metonymie errungene Anonymität der Charaktere der Haupthelden schafft eine
gewisse Spannung in der Erzählung, lässt den Leser mitfühlen und der
Entscheidungsspannung ausgehen: positiv oder negativ?
Aber durch die krummen Beine scheint die Sonne, die die dunklen
Farben der Beschreibung am Anfang der Erzählung verdrängt. Verglei74
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
chen sie das Farbenspiel in den Anfangsepisoden: zuerst dominierten
die dunklen Töne (durch den Gebrauch der Adjektive grau, dunkel und
durch entsprechende Substantive Schutt, Staubgewölke). Am Ende tritt
die graue Farbe als Kaninchenfarbeerwähnung zurück: der Junge wird
dem Mann folgen, der ihm graue und weiße Kaninchen zeigen und zum
Spielen geben wird. Zuerst wird grau genannt, dann wird als bruchandeutende weitere Entwicklung weiß genannt. Zuletzt bringt Wolfgang
Borchert sogar die frischeste und die lebendigste Farbe der Natur – grün,
die endgültig in der Erzählung als die Farbe des ewigen Lebens behauptet wird (vgl. die Deutung des Tannenbaumes in der Weltliteratur).
Wie kam es dazu, dass der Junge zum Leben gerufen wurde? Dass
in einem kleinen «Erwachsenen» mit einer kriegskranken Psyche doch
ein Kind zum Vorschein kam, verdankt man der List des alten Mannes.
Er lockte aus diesem kleinen «Erwachsenen» das Kind teils durch seine
aufrichtige Anteilnahme heraus (er konnte weggehen, geht aber nicht,
bis er seinen Wunsch durchgesetzt hat), teils durch eine angeborene Pädagogik, die Fähigkeit, schnell auf die umgangssprachliche Redeweise
umzusteigen. Der alte Mann spricht das neunjährige Kind mit den einfachsten Umgangsformen an. Mit einer dem Kindesalter entsprechenden
Manier der Fragestellung provoziert er immer wieder, dass der Junge
die Schrecken der gegenwärtigen Situation vergisst, einen Wunsch zeigt,
sich trotzt alledem dem Leben zuzuwenden.
Diese Geschichte erschüttert den Leser. Eine zeitgetreue Schilderung
der Situation versetzt den Leser in diese graue Trümmerzeit, lässt die
Schrecken des Krieges miterleben. Es gibt Tausende Sujets und Motive,
die mit dem Thema «Krieg» verbunden sind. Am tiefsten rührt aber
einen die Szenen, in der die Kinder dem Unglück, der Gefahr und dem
Elend ausgesetzt sind. Sie sind harmlos und stehen den Schrecken des
Lebens ungeholfen entgegen. Es gelang dem Autor, ein Mitgefühl beim
Leser zu erwecken, den Wunsch zu helfen, die Menschen von neuen
Kriegen abzubringen. Als Erwachsene möchte man den Schwachen beistehen und das Böse abwehren.
Johannes Bobrowski
(1917–1965)
Johannes Bobrowski wuchs in Litauen auf und studierte Kunstgeschichte in
Berlin. Dort kam er mit der Bekennenden Kirche und deren christlich motiviertem Widerstand gegen den Faschismus in Kontakt. 1939 wurde er zur Wehrmacht einberufen. Er geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Die in dieser
75
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Zeit entstandenen Landschaftsgedichte erschienen 1943/1944 in der Zeitschrift
«Das innere Reich». Aus der Gefangenschaft entlassen, ging Bobrowski nach
Berlin (Ost) und wurde dort Lektor. In seinen Dichtungen befasst er sich “mit
dem Verhältnis der Deutschen zu ihren östlichen Nachbarvölkern” (vgl. die Gedichtbände «Sarmatische Zeit», 1961; «Schattenland Ströme», 1961; die Romane «Levins Mühle», 1964; «Litauische Klaviere», 1966; die Erzählsammlungen
«Boehlendorff und andere Erzählungen»,1965; «Mäusefest und andere Erzählungen», 1965. “Ich nenne also”, erklärt Bobrowski, “Verschuldungen der Deutschen und ich versuche, Neigungen zu erwecken zu den Litauern, Russen und
Polen». In der ehemaligen DDR galt Bobrowski als “Bekenner zum Arbeiter- und
Bauernstaat”. Die damalige Kritik in der Bundesrepublik Deutschland hingegen
betonte, Bobrowski zeige sich in seinem Schreiben frei von jeder Ideologie.
In Bobrowskis späterer Prosa ist ein befremdender Kontrast zwischen dem
Spielerisch-Manierlichen der Erzählung und dem Ernst des gewählten Themas
zu beobachten. Bobrowski wurde mit hohen Literaturpreisen ausgezeichnet.
Sein Werk hat internationales Ansehen erlangt.
Mäusefest
Moise Trumpeter sitzt auf dem Stühlchen in der Ladenecke. Der Laden ist
klein, und er ist leer. Wahrscheinlich weil die Sonne, die immer hereinkommt,
Platz braucht und der Mond auch. Der kommt auch immer herein, wenn er
vorbeigeht. Der Mond also auch. Er ist hereingekommen, der Mond, zur Tür,
herein, die Ladenklingel hat sich nur einmal und ganz leise nur gerührt, aber
vielleicht gar nicht, weil der Mond hereinkam, sondern weil die Mäuschen so
laufen und herumtanzen auf den dünnen Dielenbrettern. Der Mond ist also
gekommen, und Moise hat Guten Abend, Mond! gesagt, und nun sehen sie
beide den Mäuschen zu.
Das ist aber auch jeden Tag anders mit den Mäusen, mal tanzen sie so und mal
so, und alles mit vier Beinen, einem spitzen Kopf und einem dünnen Schwänzchen.
Aber lieber Mond, sagt Moise, das ist längst nicht alles, da haben sie noch
so ein Körperchen, und was da alles drin ist! Aber das kannst du vielleicht
nicht verstehen, und außerdem ist es gar nicht jeden Tag anders, sondern
immer ganz genau dasselbe, und das, denk ich, ist gerade so sehr verwunderlich. Es wird schon eher so sein, dass du jeden Tag anders bist, obwohl
du doch immer durch die gleiche Tür kommst und es immer dunkel ist, bevor
du hier Platz genommen hast. Aber nun sei mal still und pass gut auf.
Siehst du, es ist immer dasselbe.
Moise hat eine Brotrinde vor seine Füße fallen lassen, da huschen die Mäuschen näher, ein Streckchen um das andere, einige richten sich sogar auf und
schnuppern ein bisschen in die Luft. Siehst du, so ist es. Immer dasselbe.
Da sitzen die beiden Alten und freuen sich und hören zuerst gar nicht, dass
die Ladentür aufgegangen ist. Nur die Mäuse haben‘s gleich gehört und sind
fort, ganz fort und so schnell, dass man nicht sagen kann, wohin sie gelaufen
sind.
76
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
In der Tür steht ein Soldat, ein Deutscher. Moise hat gute Augen, er sieht:
ein junger Mensch, so ein Schuljunge, der eigentlich gar nicht weiß, was er
hier wollte, jetzt, wo er in der Tür steht. Mal sehen, wie das Judenvolk haust,
wird er sich draußen gedacht haben. Aber jetzt sitzt da der alte Jude auf
seinem Stühlchen, und der Laden ist heiß vom Mondlicht. Wenn Se mechten
hereintreten, Herr Leitnantleben, sagt Moise.
Der Junge schließt die Tür. Er wundert sich gar nicht, dass der Jude Deutsch
kann, er stehe so da, und als Moise sich erhebt und sagt: Kommen Se man,
andern Stuhl hab ich nicht, sagt er: Danke, ich kann stehen, aber er macht
ein paar Schritte, bis in die Mitte des Ladens, und dann noch drei Schritte
auf den Stuhl zu. Und da Moise noch einmal zum Sitzen auffordert, setzt
er sich auch. Jetzt sind Se mal ganz still, sagt Moise und lehnt sich an die
Wand.
Die Brotrinde liegt noch immer da, und, siehst du, da kommen auch die
Mäuse wieder. Wie vorher, gar nicht ein bisschen langsamer, genau wie
vorher, ein Stückchen, noch ein Stückchen, mit Aufrichten und Schnuppern
und einem ganz winzigen Schnaufer, den nur Moise hört und vielleicht der
Mond auch. Ganz genau wie vorher.
Und nun haben sie die Rinde wiedergefunden. Ein Mäusefest, in kleinem
Rahmen, versteht sich, nichts Besonderes, aber auch nicht ganz alltäglich.
Da sitzt man und sieht zu. Der Krieg ist schon ein paar Tage alt. Das Land
heißt Polen. Es ist ganz flach und sandig. Die Straßen sind schlecht, und es
gibt viele Kinder hier. Was soll man da noch reden? Die Deutschen sind gekommen, unzählig viele, einer sitzt hier im Judenladen, ein ganz Junger, ein
Milchbart. Er hat eine Mutter in Deutschland und einen Vater, auch noch in
Deutschland, und zwei kleine Schwestern. Nun kommt man also in der Welt
herum, wird er denken. Jetzt ist man in Polen, und später vielleicht fährt man
nach England, und dieses Polen hier ist ganz polnisch.
Der alte Jude lehnt an der Wand. Die Mäuse sind noch immer um ihre Rinde versammelt. Wenn sie noch kleiner geworden ist, wird eine ältere Mäusemutter sie mit nach Hause nehmen, und die andern Mäuschen werden
hinterherlaufen.
Weißt du, sagt der Mond zu Moise, ich muss noch ein bisschen weiter.
Und Moise weiß schon, dass es dem Mond unbehaglich ist, weil dieser
Deutsche da herumsitzt. Was will er denn bloß? Also sagt Moise nur: Bleib
du noch ein Weilchen.
Aber dafür erhebt sich der Soldat jetzt. Die Mäuse laufen davon, man weiß
gar nicht, wohin sie alle so schnell ver­schwinden können. Er überlegt, ob er
auf Wiedersehen sagen soll, bleibt also einen Augenblick noch im Laden
stehen und geht dann einfach hinaus.
Moise sagt nichts, er wartet, dass der Mond zu sprechen anfängt. Die Mäuse sind fort, verschwunden. Mäuse können das.
Das war ein Deutscher, sagt der Mond, du weißt doch, was mit diesen Deutschen ist. Und weil Moise noch immer so wie vorher an der Wand lehnt und
gar nichts sagt, fährt er dringlicher fort: Weglaufen willst du nicht, verste-
77
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
cken willst du dich nicht, ach Moise. Das war ein Deutscher, das hast du
doch gesehen. Sag mir bloß nicht, der Junge ist keiner, oder jedenfalls kein
Schlimmer. Das macht jetzt keinen Unterschied mehr. Wenn sie über Polen
gekommen sind, wie wird es mit deinen Leuten gehen?
Ich hab gehört, sagt Moise.
Es ist jetzt ganz weiß im Laden. Das Licht füllt den Raum bis an die Tür in
der Rückwand. Wo Moise lehnt, ganz weiß, dass man denkt, er werde immer
mehr eins mit der Wand. Mit jedem Wort, das er sagt.
Ich weiß, sagt Moise, da hast du ganz recht, ich werde Ärger kriegen mit
meinem Gott.
Aufgaben zur Textinterpretation
1. Was ist ein Symbol? Welche Rolle spielt die Symbolik im Text?
2. Finden Sie paronymische Bezeichnungen! Welche Autorenintention verbirgt sich hinter ihrem Gebrauch?
3. Erläutern Sie die Begriffe: Exposition, Kulmination und Lösung
der Spannung am Beispiel dieser Erzählung!
4. Charakterisieren Sie den Haupthelden Moise Trumpeter ausgehend
von seiner Umgebung: Mond, Mäuse!
5. Wie wird die Judenproblematik in der Geschichte aufgedeckt?
Weiterführende Aufgaben
A u f g a b e 1. Übersetzen Sie ins Deutsche den Text über unsere Auslegung des Stilgriffes Paronymie ins Deutsche!
Под паронимией, вслед за А.Н. Колесниковым, будем понимать
такое явление в речи, когда два слова, в какой-то мере сходно звучащие, но имеющие разное значение, ошибочно употребляются одно вместо другого. Проблема паронимии возникает как следствие
преднамеренного сближения (каламбура) или непреднамеренного
смешивания (речевой ошибки) паронимов в речи. Незначительные
звуковые различия паронимии обуславливают затруднения в их
усвоении в детском возрасте. Смысловая близость паронимичных
образований ведет к речевым ошибкам. Неправильное употребление одного слова, близкого по звучанию, вместо другого, происходит чаще всего с малознакомыми словами, или определяется
некомпетентностью говорящего в той среде деятельности, откуда
взято слово. В результате паронимами считают и однокоренные
78
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
этимологически близкие пары слов, рассматриваемые в теории
перевода как одна из групп «ложных друзей переводчика» (типа:
чувственный – чувствительный / гуманный – гуманистический /
главный – заглавный), и явные речевые ошибки, возникающие
спонтанно в потоке речи под влиянием самых различных языковых
и внеязыковых факторов.
Один музыковед во время лекции о творчестве П.И. Чайковского, рассказывая о том, что его очень почитали своим вниманием
женщины, сказал «И женщины затрепыхались», явно желая сказать «затрепетали». Немного иными, но также ошибочными являются паронимичные употребления типа: бульиный курьон (куриный бульон), канная маша (манная каша).
Паронимы возникают не только как речевые ошибки.
В 60-70 гг. в советском языкознании сложилось понимание паронимов как однокоренных слов, близких по звучанию, но разных по значению или частично совпадающих в своем значении,
принадлежащих к одной части речи (А.Н. Гвоздев, М.В. Панов,
Д.Э. Розенталь, М.А. Теленкова).
A u f g a b e 2. Ausgehend von zwei Grundklassen der paronymischen
Bildungen (fehlerhaften Gebrauchsweisen und stilistischen Paronymen)
ordnen Sie die unten angeführten paronymischen Paare dem entsprechenden Typ zu! Benutzen Sie bei der Erklärung folgende Wörter und
Wortgruppen:
dieses Wort / diese Wortverbindung / zur Gruppe gehören / wie ein
Sprachfehler entstehen / vom gleichen Wortstamm sein / eine und dieselbe (ähnliche) Wurzel haben / aus folgendem Grund geschehen / geht auf
(Akk.) zurück / mit Absicht wählen / ein Wortspiel entsteht.
Berichtigung
Режиком заножу
Antisemiting
drucken
канная маша
Bandithyramben
fordern
Flughafen
Berechtigung
ножиком зарежу
Antisemit + Meeting
drücken
манная каша
дифирамбы бандитам
fördern
Fluchthafen
Sind die oben in der Tabelle angeführten Paronyme
а) gleichstämmige Paronyme, die in der Sprache parallel existieren?
в) Paronyme, die als Sprachfehler entstehen?
79
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
с) oder extra zum stilistischen Zweck als Sprachspiel gebrauchte Paronyme?
A u f g a b e 3. Analysieren Sie die Paronyme, die auf einen und denselben Stamm zurückzuführen sind! Welche von ihnen:
– sind unterschiedliche grammatische Formen eines und desselben
Wortes?
– sind gleichstämmige Wörter und gehören zu unterschiedlichen
Wortarten?
– weisen die lautliche Ähnlichkeit auf, sind jedoch unterschiedlicher
Bedeutung?
Mangel – Mängel / eisig – eisern / erstaunt – erstaunlich / vorkommen – Vorkommnis / gewöhnnt – gewohnt / Bodenschätze – Schatz –
Schätzung / Wort – Wörter – Worte / Für eine Flotte nicht flott.
A u f g a b e 4. Stellen Sie in den folgenden Sätzen die paronymischen
Paare fest! Welche von ihnen sind fehlerhafte tautologische Fälle und
welche von ihnen sind stilistisch interessante Gebrauchsweisen?
еin Paar paarte sich
ein Buch buchen
Die Vegetation vegetierte aufs wunderbarste.
Und wieder schluchzen die Schluchzer.
A u f g a b e 5. Bestimmen Sie, welches Wort aus dem angeführten paronymischen Paar als Basisvariante für die Bildung der paronymischen
Dublette aufzufassen ist. Übersetzen Sie die Paronyme!
Advokat
Linksanwalt
einen Professor konsultieren
Nichtdestotrotz
Mercedes
Leidenschaften
Nächstenliebe
Mozart
die deutsche Verwirrschaft
heroische Taten
Achillesferse
Schand­vokat
Rechtsanwalt
einen Professor insultieren
Nichtdestoweniger
Trabcedes
Freudenschaften
Fernstenliebe
Motzart
Die deutsche Wirtschaft
heroinische Taten
Achillesverse schreiben
A u f g a b e 6. Ordnen Sie die Paronyme ihren Basiswörtern so zu,
dass ein paronymisches Paar entsteht!
80
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Nacktbar
Journalja
Akademokrat
Diletalent
Väterchen Prost
ein hysterischer Roman
Diletant-Talent
Väterchen Frost
ein historischer Roman
Akademiker-Demokrat
Journalist-Kanalja
Nachtbar
A u f g a b e 7. Die Paronymie baut ihre Expressivität oft auf der Zusammenführung grammatisch homonymen Wörter auf, die sich zueinander wie grammatische Homonyme verhalten, die Lautidentität aufweisen, grammatisch doch unterschiedliche Bedeutung und Funktion
haben. Stellen Sie solche Paronyme fest!
Die Liebe glaubt, hofft, bindet alles, kurz die Liebe ist alles!
Aber der Pfarrer hat nicht gesagt: “Die Liebe isst alles!”
A u f g a b e 8. Die Paronymie ist oft ein Element des Sprachspiels in
den Kindertexten und Kinderreimen. Stellen Sie in den unten angeführten Kleintexten die paronymischen Paare fest! Welche Rolle spielen diese Paronyme?
Sieben kleine Bären
Gingen trippel-trappel.
(Die goldene..., S. 93)
Dann nimmt er seinen Teddi
Und macht ihn pitsche patsche naß.
(Die goldene..., S. 80)
A u f g a b e 9. Die Paronymie benutzt sehr oft den Reim. Setzen Sie in
den unten angeführten Reimrätseln die paronymischen Paare an! Wie
wird in jedem einzelnen Fall konkret der paronymische Effekt erreicht?
Der Himmel ist blau, der Fuchs ist sch ... .
Der Fisch ist stumm. Die Gans ist d ... .
Das Fleisch ist zart, das Brot ist h ... .
Der Schnee ist weiß, der Dampf ist h ... .
Der Weg ist weit, der Fluss ist b ... .
Da sitzt im Grase ein kleiner H ... .
Der Daumen ist klein, die Dame ist f ... .
Da spielt im Wind ein kleines K ... .
Da ist ein Loch, da geht’s in ein Haus,
da wohnt eine niedliche graue M ... .
(Die goldene..., S. 67)
A u f g a b e 10. Erklären Sie, wie folgende Paronyme in der Politik als
kritische Bemerkungen gebraucht werden können?
Standpunkt der Genossen – Stehpunkt der Genossen
Auswahl der Besten – Auswahl der Bestien
81
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
A u f g a b e 11. Die Paronyme werden häufig in den Werbeslogans gebraucht. Sie fallen durch ihre Ungewöhnlichkeit und Originalität auf.
Was wird von einem Werbe-Paronym erwartet?
Preise für die Reise / Sternbier für Sterntrinker
(Spiegel, 2003, № 10, S.75).
A u f g a b e 1 2. Als einen besonderen expressiven Griff benutzt die
Paronymie die Buchstaben- und Silbenvertauschungen. Das Schema solcher Wortbildungstransformationen ist vielfältig. Beweisen Sie es am
folgenden Gedicht, das der konkreten Poesie angehört!
Bribbel, brobbel, brubbel, brabbel,
Brabbelberta, halt den Schnabel!
Brabbelberta, gib doch Ruh!
Mach den Brabbelschnabel zu!
(James Krüss)
Interpretationsvorschlag
Die Erzählung von Johannes Bobrowski «Mäusefest» ist dem Thema des Krieges gewidmet. Dieses Thema wird viel in der Weltliteratur
angesprochen, jedes Mal auf eine andere Art. So ist es auch in dieser
Geschichte, die in Form eines Selbstgesprächs mitgeteilt wird und eigentlich eine Art psychologischer Überlegung darstellt.
Ein alter Mann, wie es in seinem hohen Alter üblich ist, spricht laut
mit sich selbst, redet mit den Gegenständen der lebenden und der nichtlebenden Natur (mit den Mäusen, mit dem Mond), führt den deutschen
Soldaten, der plötzlich in sein Haus kommt, in sein Leben ein, behandelt ihn wie seinen Gast und nicht wie einen Kriegsgegner, der den Tod
bringt. Dieses Moment ist am wichtigsten. Denn der Alte ist Jude von
der Nationalität, und wie Millionen Juden im zweiten Weltkrieg, war
er in dieser Situation einer großen Lebensgefahr ausgesetzt. Das betont
der Autor sehr geschickt paronymisch, indem er den alten Mann den
Soldaten mit “Herrn Leitnantleben” anreden lässt. Die paronymische
Gebrauchsweise des gemeinten “Herr Leutnant” klingt wie “Leiter am
Leben”. Wir haben eine paronymische Umschreibung für eine Person,
von der das Leben abhängt, die einen am Leben lässt, durch das Leben
leitet. In dieser Situation konnte, sollte sogar der deutsche Soldat den
alten Juden erschießen, was für diesen Krieg eine historisch nachgewiesene Wirklichkeit war. Der Soldat tat es aber nicht. Geschieht es, weil
er zu jung ist? Der Autor betont das sehr deutlich. Dafür macht er den
82
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Leser mit den Familienverhältnissen des jungen Soldaten bekannt, legt
dem Alten die Beschreibung des Soldaten in den Mund in Form von
Überlegungen, Gedanken, die bei dem alten Mann beinahe laut für sich
hin ausgesprochen wurden. Ein Wort “Milchbart” reicht, um das Porträt
des deutschen Soldaten umzureißen, der in das Haus des alten Juden
gekommenen ist.
Das hohe weise Alter des Moise Trumpeters und das junge Alter des
deutschen Soldaten sind einander entgegengesetzt. Im ersten Fall haben
wir es mit einem sehr erfahrenen Mann zu tun, den altersmäßig alle
unbedeutenden, im Maßstab des Lebens unwichtigen Dinge nicht interessieren. Er hat ein ereignis- und erfahrungsreiches Leben hinter sich. Er
ist mit seiner Lebensweisheit weit über den Kriegsängsten um das Leben
und das Essen. Er ist praktisch schon mit der Natur vereint: seine nächsten Freunde sind eben solche Naturwesen wie er selbst einer ist: Sonne,
Mond, Mäuse. Dazu hat der Autor einen passenden Namen für seinen
Haupthelden herausgesucht: Moise. Er ist schon eins mit der Natur, zum
Beispiel in Verkörperung von Mäusen (beachten Sie die paronymische
Wirkung von Moise und Mäuse). Darauf arbeiten auch alle Episoden
mit der Beschreibung der Mäusespiele, als ob der alte Mann das Spiel
der Enkelkinder liebevoll beobachtet. Seine Familie ist der Mond, die
Mäuse. Er nimmt sofort auch seinen Gast – den deutschen Soldaten – in
seine Familie auf. Das scheinen sogar die Mäuse empfunden zu haben.
Sie sind kurz darauf wieder gekommen und der Soldat konnte ihrem
Lebenshausen zuschauen. Deswegen konnte der Soldat nichts Brutales
dem alten Mann antun. Das war natürlich ungewöhnlich für die Kriegssituation.
So ist aber die Intention des Autors gewesen, den alten Moise Trumpeter als einen Trompeter darzustellen, der immer vor den anderen geht
und laut den Beginn eines bahnbrechenden Auftritts oder gar einer Attacke verkündigt. Der Paronymie kommt in der Erzählung überhaupt eine
sehr große Rolle zu. Die Handlungen des alten Moise sind paronymisch
nicht nur mit einem Trompeter zu vergleichen, sondern auch mit den Taten eines biblischen Propheten Moses gleich zu setzen. Beide schlugen
weit- und hellsehend etwas Neues, wofür sie vom Gott Ärger bekamen
(sehen Sie es am Ende der Erzählung). Beide aber brachten neue helle
Hoffnungen, schwer ertragene, aber solche, die mit der Hoffnung und
Erlösung, Hilfe verbunden sind. Das gebrachte Opfer lohnt sich. Der
Soldat ist in dieser Situation nicht zu einem Mörder geworden. Das ist
wichtig. Das Menschliche hat das Bestialische besiegt.
83
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Klaus Stiller
Klaus Stiller, geboren am 15.4.1941 in Augsburg als Sohn eines Landarztes,
wuchs katholisch auf und besuchte das Realgymnasium in Augsburg, anschließend das Musische Gymnasium in Lauingen (an der Donau), wo er 1961 das
Abitur ablegte. Er studierte dann von 1961 bis 1968 Germanistik und Romanistik in München, Grenoble und Berlin. Von 1963 bis 1970 lebte er in Berlin.
1963/64 war er Teilnehmer des Kreises um Walter Höllerer am Literarischen
Colloquium Berlin. Es folgten je einjährige Aufenthalte in Schwaben und
Frankfurt am Main, wo er zeitweise als Verlagslektor tätig war. Nach dem Abschluss seines Studiums war Stiller freier Schriftsteller und lieferte Beiträge zu
Literaturzeitschriften und für Rundfunkanstalten. 1971 war er für kurze Zeit
Lektor beim Melzer-Verlag; ab 1981 war er Literaturredakteur beim Berliner
RIAS. Von 1977 bis 1979 amtierte er als zweiter Vorsitzender des Schriftstellerverbandes (Landesverband Berlin). Seit 1978 unternahm er mehrere Reisen
in die Sowjetunion, in die USA und nach Italien.
Klaus Stiller ist einer der Hauptvertreter der deutschsprachigen Dokumentarliteratur der Siebzigerjahre. Anliegen seiner experimentellen, häufig auch
satirischen Texte ist Gesellschaftskritik mittels Sprachkritik. Neben seinen
Prosawerken hat Stiller auch Hörspiele und zahlreiche Radio-Features verfasst.
Klaus Stiller, der Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland und des Verbandes Deutscher Schriftsteller ist, wurde 1977 mit dem Förderpreis zum Hermann-Hesse-Preis ausgezeichnet.
Stiller ist einer der wenigen Schriftsteller, die sich durchgehend des Mittels der
Satire und der Parodie bedienen. In seiner ersten Veröffentlichung, dem Erzählband
«Die Absperrung» (1966), persifliert Stiller das Beamten- und Formeldeutsch, die
Inhumanität und Gewalt einer depersonalisierten, verordneten Sprache. Faschistoides Terrain von gestern und heute legte Stiller in seiner bisher besten Satire frei,
dem «Tagebuch eines Wehbischofs» (1972). In seinen vier «Italienischen Novellen»
mit dem Buchtitel «Die Faschisten» interessiert Stiller vor allem die Frage: Wie und
aus welchen Auffassungen und Gedanken heraus ist der Faschismus entstanden?
1980 erscheint Stiller erster Roman «Weihnachten. Als wir Kinder den Krieg verloren», ein autobiographisch gefärbter Prosatext. In dem Roman «Das heilige Jahr.
Wie die Westheimerer den Winter vergaßen» (1986) führt Stiller seine autobiographischen Spurensuche in literarisch abgeschwächter Form weiter.
Ausländer
Die Leute behaupten, die Ausländer seien an allem schuld. Dabei vergessen
sie leicht, dass sie selber Ausländer sind. Genau betrach­tet sind nämlich alle
Menschen Ausländer, sogar die Einheimi­schen. So ist die Zahl der Ausländer stets identisch der Zahl der Weltbevölkerung. Das heißt: Mit zunehmender Weltbevölkerung gibt es immer mehr Ausländer. Wir können die Ausländer grob in zwei Kategorien einteilen, näm­lich die im Ausland befindlichen ˗
84
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
diese bilden die Mehrheit und die zu uns ins Land gekommenen, ˗ eine
verschwindende Minder­heit. Während jene in der Regel weniger störend
wirken, besitzen diese die unangenehme Eigenschaft, durch ihre Andersartigkeit so­fort aufzufallen. Dabei ist es weniger der fremde Pass, der sie
zu den Ausländern stempelt, als vielmehr ihre seltsame Sprechweise, ihre
auffällige Kleidung, ihr ungewöhnliches Aussehen und die urkomischen Bewegungen des Kopfes und der Gliedmaßen.
Der unter lauter Einheimische geratene Ausländer wird zunächst auf Herz
und Nieren geprüft. „Woher stammst du?” lautet die erste Frage. Und hat er
diese getreulich beantwortet, weiß jeder Ein­heimische ziemlich rasch, wen
er da vor sich hat. Denn bekanntlich gibt es unter den Ausländern wiederum
die tollsten Unterschiede. Es gibt solche und solche, unsympathische und
etwas weniger unsympathische Ausländer. Mit steigender Entfernung ver­
mindert sich im Normalfall die Antipathie. Am schlimmsten sind meistens
die allernächsten Nachbarn. Besonders dreiste Einheimische preschen mit
ihrer Frage auch direkt vor, so als wollten sie den jeweiligen Ausländer an
Ort und Stelle festnageln oder, besser gesagt, aufspießen wie einen beson­
ders rasch raren Schmetterling. „Sie sind doch ein Eskimo!” rufen sie ihm
entgegen und sind dann sehr beleidigt, wenn sich das Opfer als Japaner
entpuppt. Ein echter Einheimischer freilich gibt nicht auf und fängt mit dem
Ausländer zu streiten an: „Sie sehen aber aus wie ein Eskimo” – „Nein”, sagt
der Japaner höflich, aber bestimmt, „das ist ein Riesenunterschied” – “Ach
was!” erregt sich der Ein­heimische, “das können Sie überhaupt nicht beurteilen; für mich sind und bleiben Sie ein Eskimo!”
Ist der Ausländer von den Einheimischen erst einmal richtig lokali­siert und
katalogisiert, muss er sich für sein Hiersein verantworten. Früher kam er als
Tourist relativ ungeschoren davon. Die Ein­heimischen beruhigten sich bei
dem Gedanken, dass sich jeder aus­ländische Tourist über kurz oder lang
ohnehin aus dem Staub machen werde, spätestens, wenn ihm das Geld
ausginge. Seit man jedoch erfahren hat, dass ein paar Ausländer als Touristen ein-, dann aber überhaupt nicht mehr ausreisen, wächst die Angst,
am Ende selber zum Ausländer zu werden, ohne je ins Ausland gefah­ren zu
sein. Der wahre Einheimische traut den in ihren Heimat­ländern zurückgebliebenen Ausländern zwar ebenso wenig, aber sie sind wenigstens dort, wo
er sie haben will, im Ausland. „Wo kämen wir denn hin”, ruft er, „wenn kein
Ausländer mehr im Aus­land wohnen will!”
Leider lässt es sich nicht vermeiden, dass man auf Auslandsreisen dauernd
Ausländern begegnet, und zwar in solcher Überzahl, dass man sich plötzlich
selber wie ein Ausländer vorkommt unter all jenen ausländischen Einheimischen beziehungsweise einheimi­schen Ausländern. Diese haben meist
auch noch die Frechheit ihr Ausländertum glattweg zu leugnen, indem sie
sich als die wahren Einheimischen aufspielen, ganz vergessend, dass sie
noch gestern, als sie bei uns sein durften, eben weiter nichts als Ausländer
ge­wesen sind, und zwar meist von der übelsten Sorte. Jedenfalls füh­ren
sie sich auf, als wollten sie einem endlich mal zeigen, was Aus­ländersein
bedeutet. Der Trick ist aber zu durchsichtig, um nicht sofort durchschaut
zu werden. Haben doch die in ihrem Heimat­land verbliebenen Ausländer
85
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
lediglich den Spieß umgedreht um nun in aller Ruhe die Vorteile ihrer eigenen Ansässigkeit zu ge­nießen oder gar sich für die mannigfaltige Unbill zu
rächen, die sie als Ausländer im Ausland, das heißt bei uns, so oft und bitter
hatten erdulden müssen.
Wie aber soll sich der im Ausland plötzlich selber zum Ausländer gewordene ehemalige Einheimische verhalten? Soll er sich wie ein Chamäleon
der einheimischen Art anpassen, um vielleicht eines fernen Tages selber
als Einheimischer anerkannt zu werden? Oder soll er gar die erdrückende
Oberzahl jener ausländischen Einheimi­schen von seiner fremden Eigenart
überzeugen, sie gleichsam zu sich bekehren?
Da hilft kein Patentrezept. Es nützt nämlich überhaupt nichts, wenn der
ehemalige Einheimische plötzlich beteuert, er sei bereits als Kleinkind ausländerfreundlich gewesen, habe bei sich daheim alle Ausländer stets wie
seinesgleichen behandelt und eigentlich schon immer unter der ungerechten, törichten, altmodischen Unterschei­dung zwischen Einheimischen und
Ausländern gelitten, auch im eigenen Heimatland, wo er ja nun wirklich weithin sichtbar als Ein­heimischer erkennbar gewesen sei, und wo ihm dieses
Recht niemand habe strittig machen wollen. Ja, mehrmals habe er sogar
Ausländer zu sich nach Hause eingeladen, speziell an Weihnach­ten. Doch
doch, die Ausländer seien immer seine besten Freunde und ihm auch daheim im Grunde viel lieber gewesen als die über­heblichen Einheimischen,
deren Ausländerfeindlichkeit er seit eh und je getadelt habe.
Umsonst! Seine Lippenbekenntnisse verhallen wie alle tönernen Worte in
der schweigsamen Runde der einheimischen Ausländer, die selber heilfroh
sind, endlich wieder einem Ausländer gegenüber zu sitzen, denn erst vor
dem Hintergrund seiner gegenwärtigen Fremdheit kommt ihre eigene Hiesigkeit so richtig zu Glanz und Geltung.
Denn – Ausländer wird man nicht, Ausländer ist man. Entweder als Fremder
unter lauter Hiesigen, oder als Hiesiger unter lauter Fremden.
Auch die immer nieder angebotenen Rezepte zur Lösung des Aus­
länderproblems blieben bislang wirkungslos. So erklärte ein be­rühmter Diktator sinngemäß: „Ausländerprobleme löst man nicht, man stellt sie auf den
Kopf.” – Ein alter Taschenspielertrick, mit dem er nur wenig erreichte. Denn
es gelang zwar, ein paar Tausend Ausländer zu Einheimischen umzupolen.
Doch gleichzeitig wur­den ebensoviele Einheimische zu Ausländern. Und die
Ausländer blieben – wenngleich in veränderter Gestalt – weiterhin vorhan­
den. Ein paar Jahre später wurde jener Diktator öffentlich aufge­hängt mit
dem Köpf nach unten – von Einheimischen.
Aufgaben zur Textinterpretation
1. Informieren Sie sich über das Wesen der Stilfiguren Oxymoron
und Chiasmus! Finden Sie sie im Text! Unterscheiden Sie die allgemeinen und die besonderen Funktionen dieser Stilfiguren!
86
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
2. Wie geht der Autor an das aktuelle Problem des Ausländerhasses
heran?
3. Bestimmen Sie die Darstellungsarten, die in dem Text zum Vorschein kommen!
4. Mit welchen Sprachmitteln wird der Stilzug “Volkstümlichkeit”
betont?
5. Charakterisieren Sie die Syntax des Textes! Warum greift der Autor zu komplizierten syntaktischen Konstruktionen?
Weiterführende Aufgaben
A u f g a b e 1. Der Stilgriff «Chiasmus» gehört zu solchen Erscheinungen, deren Stilpotenzial leicht zu erfassen ist und sich gleichzeitig schwer
definieren lässt. Deswegen wird Chiasmus in der Linguistik unterschiedlich gedeutet. Bei der Einschätzung der linguistisch-stilistischen Natur
der chiastischen Bildungen von den deutschen und russischen Sprachforschern fällt auf, dass diese Stilfigur mit dem griechischen Buchstaben
“X” verglichen wird. Die grafische Darstellung dieses Buchstabens betont eine für diesen Stilgriff typische Elementenüberkreuzung. Terminologisch kommt das zum Ausdruck in den Bezeichnungen des Chiasmus
als Kreuzstellung [Krahl, Kurz, S. 45], überkreuzte Wortumstellung
[Hirte, S. 113], Kreuzfigur [Riesel, 1963, S. 335]. Aufgrund der Kreuznatur wird Chiasmus zu den Gegenüberstellungsfiguren zugezählt.
Stellen Sie in den folgenden chiastischen Gebrauchsweisen die Wortpaare fest, die Träger dieser Elementenüberkreuzung sind!
1. Doch in dieses Sibirien sollte er ja anscheinend gar nicht geschickt werden. Sondern in eine Art russisches Ruhrgebiet, wo die Kumpel mit fataler Regelmäßigkeit zu Dutzenden oder Hunderten in einstürzenden Schachten umkamen. Und ihm fiel ein, dass die Gegend, in der er den Großteil seiner Jugend
verbracht hatte, Badisch Sibirien genannt wurde.
2. Da man nicht weiß, was ein Ja zu Europa bedeutet, weiß man auch nicht,
was ein Nein zur Verfassung bedeutet.
3. Würde unsere Kultur es dann ermöglichen, nicht nur dem Leben Jahre
hinzufügen, sondern auch den Jahren Leben?
A u f g a b e 2. Kompaktstellung oder Distanzstellung entgegengesetzter Paarelemente im Satz erleichtern oder erschweren die Feststellung
eines Chiasmus im Satz. Zeigen Sie das Behauptete am Beispiel von
zwei unten angeführten Belegen!
1. Distanter Chiasmus.
„Robert of Paris“ ist ein feingliedriger Mensch, ein Künstler – aber kein Gaukler. Er ist auch keiner, der einfach nur Friseur genannt werden sollte, obwohl
87
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
das offiziell seinen Beruf bezeichnet. Nun will er aufhören, er hat es sich selbst
versprochen. Zurück in den Süden zieht es ihn hin. Dort, wo er aufbrach, die
Welt zu erobern, dort soll es auch zu Ende gehen. Nach Süden, also, „Robert
of Paris“, der Künstler tritt ab, bevor man ihn doch noch zum Gaukler macht.
2. Kompakter Chiasmus.
„Genie ist Fleiß”. Gewiss. Ich weiß. Doch trotzdem: nie ist Fleiß Genie!
Arno Holz
[Kleine Enzyklopädie…, S. 45].
A u f g a b e 3. Als Hauptmerkmal einer chiastischen Konstruktion gilt
das Vorhandensein einer Überkreuzung der Elemente, die Wörter, Wortverbindungen oder Sätze. Syntaktisch sind die chiastischen Bildungen
auch unterschiedlich charakterisiert: in Kreuzform einander gegenübergestellt werden können sowohl Wörter, Wortverbindungen und Sätze,
als auch die Teile einer Periode oder gar einer transphrastischen Ganzheit. Die syntaktische Kreuzstellung geht meistens mit der semantischen
Gegenüberstellung einher. Je nach dem, welcher Ausdruckstyp der Entgegensetzung (grammatischer, lexikalischer oder gemischter) in jedem
konkreten Fall dominiert, lassen sich unterschiedliche Chiasmusarten
herausgliedern.
Stellen Sie fest, ob es in den unten angeführten Beispielen Wörter,
Wortverbindungen, Sätze, Teile einer Periode oder gar einer transphrastischen Ganzheit einander in Kreuzform (auf chiastische Weise) entgegengesetzt worden sind?
1. Ist es mit Europa wirklich so, wie Bismarck es für Deutschland formulierte:
Man müsse Deutschland nur erst einmal in den Sattel setzen, reiten werde
es dann schon allmählich lernen. Nach dem unerwartet deutlichen Ausgang
des französischen Referendums möchte man Bismarckschen Satz so umformulieren: Wie könnte Europa reiten, da niemand es in den Sattel gehoben hat?
2. Benedicere heiße ja „das gute Wort sagen“, und Benedikt könne gewiss ein Papst sein, der mit seinem Wort Gutes bewirke.
3. Inzwischen ist Gott nur noch ein Gleichnis für die Unmöglichkeit, aus dem
Nichts ein Etwas zu gewinnen und sich mit diesem Etwas so lange zu ernähren, bis es zurück ins Nichts geht – von komplett gestrichenen Pausen im
Existenzkampf ganz zu schweigen.
4. „Wir versammeln uns, um an Jesus Christus zu glauben“, spricht die Prinzessin und bezieht damit so deutlich Stellung, wie sie es sich von Katholiken
wünscht: „Wir müssen wissen, was wir sind, denn auch die anderen wissen sehr genau, was sie sind.“
5. Vor zehn Jahren schrieb ich in einem Leitartikel: „Ihr habt die Pflicht, die
Nacht für die Bevölkerung taghell zu machen, nicht aber ihren Tag in eine
finstere Nacht zu verwandeln ... „
A u f g a b e 4. Wenig beleuchtet werden in der Linguistik distributive
Charakteristika der chiastischen Bildungen. Allgemein bekannt bleibt
88
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
die Beobachtung, dass sich Chiasmus als Pointierungsmittel sehr gut
eignet (Siegfried Krahl). Elise Riesel setzt zwei große Gruppen von den
Chiasmen an: satirische und lyrische [Riesel, 1963, S. 336]. Dabei ist
Chiasmus in der Alltagsrede kaum zu begegnen, sein hauptsächlicher
Anwendungsbereich ist die schöngeistige Literatur. Elise Riesel weist
auf die Vielfalt der Formen und Funktionen von Chiasmus hin: “Einen
bestimmten stilistischen Ausdruckswert des Chiasmus verallgemeinernd anzugeben, ist kaum möglich. Seine inhaltliche und emotionale
Funktion lässt sich nur im jeweiligen Kontext nachzuweisen” [op.cit].
Welche Funktionen kommen dem Chiasmus in den unten angeführten
Belegen zu?
1. Es ist viel Gutes und viel Neues in diesem Buch.
Aber das Gute ist nicht neu und das Neue ist nicht gut.
G.E. Lessing
[Kleine Enzyklopädie…, S. 12].
2. formulierter Titel “Filmtiere und Tierfilme”
3. Fischer Fritz fischt frische Fische. Frische Fische fischt Fischer Fritz.
A u f g a b e 5. Die sogenannten grammatischen Chiasmen sind nicht
rein grammatisch. Diese verallgemeinernde Bezeichnung betont das
Fehlen der lexikalen Identität der Elemente der semantischen Gegenüberstellung in einer chiastisch gebauten Äußerung. Die jedem Chiasmus haftende Entgegensetzung soll mehr grammatisch betont werden
als lexikal, und zwar durch invertierte Wortfolge. Zeigen Sie es an folgenden Beispielen!
1. Welch ein wohlgepaartes Paar! Beide sind dem Monde gleich;
Adelheid durch Unbestand und durch Hörner Adelreich.
Ephraim Moses Kuh
[Kleine Enzyklopädie…, S. 106].
2. Michel! Wird dein Glaube schwächer oder stärker dein Appetit?
Heinrich Heine
[Kleine Enzyklopädie…, S. 51].
A u f g a b e 6. In dem unten angeführten Beispiel liegt der syntaktische Akzent auf den funktional adäquaten Satzgliedern beider Teile
der chiastischen Äußerung. Diese Satzglieder werden damit zum syntaktischen Kern einer chiastischen Gebenüberstellung. Die semantische
Gegenüberstellung erfolgt durch eine sorgfältige Auswahl der lexikalischen Einheiten. Eben in den Chiasmen mit der nicht adäquaten lexikalen Füllung der semantischen Gegenüberstellung gibt es in der Regel
zwei oder sogar mehrere antonymische Paare (nicht weniger als zwei).
Dabei kommt jedem antonymischen Paar eine bestimmte Rolle zu. Ein
89
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Paar “hält” den Rahmen der syntaktischen Kreuzstellung “zusammen”,
indem es das Gesprächsthema lexikal einführt, beibehält oder andeutet.
Das andere antonymische Paar ist der rhematische Kern dieser chiastischen Äußerung, enthält solche funktional-inhaltlichen Momente wie
“eigentliche Mitteilung”, “Behauptung”, “Schlussfolgerung” und von
vielen Sprachforschern als wichtiges Merkmal angesetzte “Lehrhaftigkeit”, “Warnung” und “Empfehlung”. Beweisen Sie das Gesagte am folgenden Beispiel:
1. Die Bewegungen der Himmelskörper sind übersichtlicher geworden,
Immer noch unberechenbar sind den Völkern die Bewegungen ihrer Herrscher.
Bertold Brecht
[Kleine Enzyklopädie…, S. 173].
A u f g a b e 7. Der didaktische Charakter der chiastischen Bildungen,
der von vielen Sprachwissenschaftlern betont wird, fällt auf eine sehr
geschickte Weise mit der Lehrhaftigkeit der geflügelten Worte zusammen. Daher ist der Chiasmus ein beliebtes Ausdrucksmittel bei vielen
Autoren, die Chiasmen gebrauchen als
a) Sentenzen und Aphorismen; f) treffende Ratschläge;
b) Sprichwörtliches; g) Vorworte, Vorreden oder Epiloge;
c) Sprüche; h) Epigramme;
d) Grabschriften; i) Fabeln.
e) Merksprüche;
Verfolgen Sie das Gesagte an folgenden Beispielen!
1. Lernen ohne eigenes Nachdenken führt zum Nichtwissen;
Nachdenken ohne Lernen birgt in sich Gefahr.
Konfuzius
[Kleine Enzyklopädie…, S. 134].
2. Ein Mensch bemerkt mit bitterm Zorn, dass keine Rose ohne Dorn.
Doch muss ihn noch viel mehr erbosen, dass sehr viel Dornen ohne Rosen.
3. Begriffe ohne Erfahrung sind leer;
Erfahrung ohne Begriffe ist blind.
Eugen Roth
[Kleine Enzyklopädie…, S. 361].
Immanuel Kant
[Kleine Enzyklopädie…, S. 134].
4. Wer nicht den Mut hat traurig zu sein, wenn ihm traurig zu Mut ist, der hat
auch nichts vom Sonnenschein, wenn ihm gut ist.
Arno Holz
[Kleine Enzyklopädie…, S. 45].
90
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
5. Klaus: Mein Werkchen kommt im Druck heraus
Doch meinen Namen lass’ ich aus.
Artist: Lass’ deinen Namen drucken, Klaus.
Und lass’ dein Werkchen aus.
Johann Christoph Friedrich Haug
[Kleine Enzyklopädie…, S. 249]
6. Sie haben recht? Herr Splitterrichter, dass alle Dichter Narren sind.
Doch schließ ich ebenso geschwind: da Sie, mein Herr, kein Dichter sind,
So sind nicht alle Narren Dichter.
Peter Wilhelm Hensler
[Kleine Enzyklopädie…, S. 156].
7. Der Unglückliche
Die schrecklichste von allen Strafen fühlt Edo stets, der gute Mann,
Weil er, solang er isst, nicht schlafen, solang er schläft, nicht essen kann.
Friedrich Christoph
[Kleine Enzyklopädie…, S. 260]
8. Die Esel und die Nachtigallen
Es gibt die Esel, welche wollen, dass Nachtigallen hin und her
Des Müllers Säcke tragen sollen. Ob recht? Fällt mir zu sagen schwer.
Das weiß ich: Nachtigallen wollen nicht, dass die Esel singen.
Gottfried August Bürger
[Kleine Enzyklopädie…, S. 180].
A u f g a b e 8. Stellen Sie fest, wie oft es vorkommt, dass die sich gegenübergestellten Elemente einander konnotativ diametral entgegengesetzt sind. Das nähere Herangehen an die chiastischen Bildungen zeigt
zum Beispiel, dass die antithetischen Elemente semantisch, syntaktisch
und morphologisch gegenseitig umkehrbar sind, dass Chiasmus meistens mit dem Wortspiel einhergeht, wobei dem Doppelsinn, Wortverdrehungen und Reimspiel eine sehr große Rolle zukommt. Kommentieren
Sie, worauf das Wortspiel in den nächsten Beispielen beruht!
1. Fünf Stunden lang mich ergeben in euren Meistergesang?
Verzeiht! Kurz ist das Leben, und diese Kunst – zu lang.
Paul Heyse
[Kleine Enzyklopädie…, S. 30].
2. Wie doch bei Menschen und bei Tieren – so schön die Kunst gebildet hat:
Im Walde geht der Bär auf Vieren, auf Zweien in der Stadt!
Johann Wilhelm Ludwig Gleim
[Kleine Enzyklopädie…, S. 100].
A u f g a b e 9. Weitere Komplizen bereitet uns die Bekanntschaft
mit dem Stilgriff Chiasmus in Fragen der Abgrenzung von den Stilerscheinungen, die ihre Expressivität ähnlich wie Chiasmus auch auf der
Gegenüberstellung aufbauen. Zum Beispiel, von der Antithese. Georg
91
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Michel und Elise Riesel zählen sowohl den Chiasmus als auch die Antithese zu den Gegenüberstellungsfiguren. Eine Reihe von Autoren konkretisieren den Mechanismus der Kreuzstellung in einer chiasmischen
Konstruktion: “Die Kreuzstellung hat mehr oder weniger antithetischen
Charakter” [Krahl, Kurz, 1973, S. 45]. E. Riesel unterscheidet Chiasmus
und Antithese nach dem Wirkungsprinzip. Sie kommentiert Chiasmus
wie Vereinigung von zwei Antithesen, wobei die zweite Antithese den
entgegengesetzten Inhalt trägt. Daher kann man nach E. Riesel von dem
Übergang einer Antithese in einen Chiasmus sprechen [Riesel, 1963, S.
335]. Zeigen Sie das Behauptete am Beispiel der unten angeführten antithetischen und gleichzeitig chiastischen Bildungen!
1. Zwar beendigt ist der Krieg, doch die Kriegsgerichte bleiben.
Heinrich Heine
[Kleine Enzyklopädie…, S. 30].
2. Der Kampf um die Messbarkeit des Himmels ist gewonnen durch Zweifel;
Durch Gläubigkeit muss der Kampf der römischen Hausfrau um Milch
immer aufs neue verloren gehen.
Bertold Brecht
[Kleine Enzyklopädie…, S. 173].
3. Denn was ich Hyperbeln nannte im Scherz,
das sind in Wahrheit – Verkleinerungen.
Johann Christoph Friedrich Haug
[Kleine Enzyklopädie…, S. 258].
A u f g a b e 10. Chiastische Bildungen mit der identischen lexikalen
Füllung bilden die größte Chiasmengruppe. Dank der krass zum Ausdruck kommenden syntaktischen Elementenüberkreuzung, die dazu
noch vom identischen lexikalen Plan betont wird, präsentiert dieser Typ
der Chiasmen am häufigsten in der speziellen Literatur diesen Stilgriff.
Der Kreuzstellungsgebrauch von zwei oder mehreren Paaren der lexikal
identischen Strukturen fällt als eine durchsichtige expressive Intention
sofort auf. Solche Chiasmen sind lakonisch, semantisch kompakt, eignen
sich aufgrund solcher Merkmale sehr gut zum Betiteln und Beschriften
von Büchern, Filmen, bis hin zu den Bezeichnungen der wissenschaftlichen Werke. So wirkt zum die Bezeichnung des Sammelbandes «Grenzfelder und Grenzen der Felder” chiastisch [Fleischer, Michel 1977: 174].
Warum greifen gern zu so einem Chiasmus Schriftsteller und Wissenschaftler? Erläutern Sie es am unten angegebenen Beispiel!
Morgen auf unserer Literaturseite: Harald Hartung: Gedankenflucht. Florian Borchmeyer: Fluchtgedanken.
Louis Fürnberg
[Kleine Enzyklopädie…, S. 377].
92
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
A u f g a b e 11. Chiastische Sprichwörter und Aphorismen tragen einen stark ausgeprägten panchronischen Charakter. Mit Sicherheit behaupten solche Äußerungen die ewige Kraft von positiven Dingen und
Situationen, die panchronische Geltung bestimmter Werte. Beweisen Sie
es an folgenden Beispielen, die von Angelius Silesius stammen, einem
weltbekannten Meister des chiastischen Wortspiels!
1. Zeit ist wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit
so du nur selber nicht machst einen Unterschied.
2. Man weiß nicht, was man ist.
Ich weiß nicht, was ich bin; ich bin nicht, was ich weiß.
Ein Ding und nicht ein Ding,
Ein Stüpfchen und ein Kreis
3. Ich bin wie Gott.
Und Gott wie ich.
Ich bin so groß als Gott, er ist als ich so klein;
Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein
Angelius Silesius
[Kleine Enzyklopädie…, S. 377].
A u f g a b e 1 3. Chiasmen unterscheiden sich voneinander nicht nur
funktional-stilistisch, sondern auch in starkem Maße in den syntaktisch
festgelegten Grenzen. Als größte chiasmisch gebaute Einheit betrachtet
man die Antimethabole. Darunter versteht man syntaktisch komplizierte
Chiasmen, in denen sich die oft wiederholbaren lexikalischen Elemente
einander syntaktisch gegenübergestellt werden. In einer Antimethabole
werden nicht nur die Antithesen betont, sondern auf der Basis mehr als
einer Äußerung erfolgt die semantische Gegenüberstellung in der Kombination mit der syntaktischen Gleichheit (mit dem grammatischen Parallelismus) [Fleischer, Michel 1977: 174]. Der expositorische Teil kann
einen beliebigen Satztyp aufweisen, stellt eine Situation vor. Weiterhin
wird die diametral entgegengesetzte Situation chiastisch geschildert, indem gleichzeitig der Moralsatz, Schlussfolgerung und damit die Intention ausgesagt wird. Kommentieren Sie die erwähnten Charakteristiken
der Antimetabole am folgenden Chiasmus!
Wussten Sie schon, dass öffentliche Kritik mit einer neuen Jacke vergleichbar ist? Wem sie gefällt, dem passt sie oft nicht und wem sie passt,
dem gefällt sie meistens nicht [Fleischer, Michel, S. 174].
A u f g a b e 14. Ein besonderer antimethabolischer Rhythmus wird
von unterschiedlichen Sprachmitteln unterstützt. Ein beliebtes Mittel
dafür ist die Wortart-Wechsel (Konversion). Gleichstämmige Wörter
unterschiedlicher Wortarten wechseln einander ab, führen neue Charakteristiken ein. Geben Sie an, welche Sprachelemente (Wörter unter-
93
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
schiedlicher Wortarten, Suffixe, Präfixe, Verneinungen) oft als Konversionsmittel auftreten!
1. Es ist Abend. Vorbei gleiten zwei Faltboote, darinnen zwei nackte junge
Männer. Nebeneinander rudernd sprechen sie. Sprechend rudern sie nebeneinander.
Bertold Brecht
[Kleine Enzyklopädie…, S. 141]
2. Urteilskraft
Es gibt dreierlei Arten Leser: eine, die оhne Urteil genießt,
Eine dritte, die ohne zu genießen urteilt,
Die mittlere, die genießend urteilt und urteilend genießt;
Diese reproduziert eigentlich ein Kunstwerk auf’s neue.
Johann Wolfgang von Gоеthe
[Kleine Enzyklopädie…, S. 141]
A u f g a b e 1 5. Die Antimetabolen haben in der Regel einen kommentierenden Charakter, gleichen dem Wesen nach einem sich ruhig verlaufenden Selbstgespräch. Zeigen Sie es am unten angeführten antimetabolischen Chiasmus!
Herr Proudhon genießt das Unglück auf eigentümliche Art verkannt
zu werden. In Frankreich hat er das Recht, ein schlechter Ökonom zu
sein, weil man ihn für einen tüchtigen deutschen Philosophen hält; in
Deutschland dagegen darf er ein schlechter Philosoph sein, weil er für
einen der stärksten französischen Ökonomen gilt. In unserer Doppeleigenschaft als Deutscher und Ökonom sehen wir uns veranlasst, gegen
diesen doppelten Irrtum Protest einzulegen [zit. nach: Fleischer, Michel,
S. 174].
A u f g a b e 16. Vergleichen Sie Ihr Kommentar in der vorhergehenden
Übung mit unserem Kommentarvorschlag! Fallen unsere Argumente
mit Ihren zusammen? Wer hat mehr Recht?
Die dem Kommentar inne liegenden Detailliertheit, Logik, Thematreue kommen dank der Wiederholung einer und derselben lexikalischen
Einheit bzw. Einheiten (schlecht / Ökonom), gleichstämmiger Wörter (
Frankreich / französisch / Deutschland / deutsch), antonymischer Paare
(schlecht – tüchtig / schlecht – stark), was alles in einem einen klaren
Hinweis auf die Intention des Autors gibt: eben die quantitative Überlegenheit des Gebrauchs des Wortes “schlecht” betont in den antonymischen Paaren die Negativität der Charakteristik, die am Ende der Äußerung deutlich deklariert wird mit dem Moralsatz „In unserer Doppeleigenschaft als Deutscher und Ökonom sehen wir uns veranlasst, gegen
diesen doppelten Irrtum Protest einzulegen“.
94
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Interpretationsvorschlag
Die Erzählung von Klaus Stiller “Ausländer” ist einem der aktuellsten Probleme im heutigen Deutschland gewidmet - “Ausländerfeindlichkeit”. Dabei steht es nicht direkt, sondern wird implizit angedeutet, erläutert und sogar auf eine künstlerische Art in mehreren Episoden gezeigt. Der Autor ist selbst oft im Ausland gewesen und hat öfter
schon ein “Ausländerkostüm” von beiden Seiten anprobieren können. Im
französischen Grenoble studierend konnte er sich genug als Ausländer
empfinden. Ebenso gut kann er dank scharfer Beobachtungsgabe alle
Für- und Gegengründe des Ausländertums selbst in Deutschland präzise
notieren und literarisch bearbeiten. Deutschland ist ein von Ausländern
dicht besiedeltes Land. Russlanddeutsche, Juden, Türken, Italiener, Kurden kommen nach Deutschland, um dort ihre zweite Heimat zu haben.
Viele von ihnen bleiben dort auf die Dauer, ziehen die Kinder groß, was
das Zurückkehren in die historische Heimat sehr erschwert. Das exotische Betragen und die Exotik des Äußeren werden von den Deutschen
geduldet, solange sie nicht stören, sei das in Form der Konkurrenz auf
dem Arbeitsmarkt oder durch die viel zu ungewöhnliche Lebensweise.
Klaus Stiller versucht auf eine satirische Weise die Menschen zur
Kulantheit den Ausländern gegenüber zu erziehen. Behilflich sind dabei
hyberbolische Annahmen kosmopolitischen Charakters, dass wir alle
Ausländer sind. Das Wortspiel, das auf der ständigen Wiederholung oxymoronisch und chiastisch gebildeter Wortverbindungen basiert, betont
die Relativität der Qualität “Ausländer sein”. Jedem intelligenten Menschen ist klar, dass die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Nationen, die
friedliche Zusammenarbeit von verschiedenen Ländern und Völkern zu
einem sehr großen gegenseitigen kulturell-ökonomischen Bereichern
führen kann.
Desto mehr steht im Kontrast dazu die Episode über die aufdringliche
Frage, die einen Japaner und einen Eskimo gleichsetzt. Wie grob, ungeduldig und äußerst beleidigend verfährt man oft einem Ausländer gegenüber. Auf welch einem unbedachten, unernsten Grund entstehen oft
Missverständnisse, Kollisionen zwischen den Ausländern und den Einheimischen. Der ständige Wortwechsel von “Einheimische Ausländer”
auf “Ausländische Einheimische” deckt die Dialektik dieses Problems
auf: wir sind alle gleich. Gleich lebensberechtigt, gleich glücksberechtigt, letzten Endes intelligenzgleichberechtigt. Man muss sich bloß ein
bisschen anstrengen, den anderen gegenüber kulant zu sein. Immer wieder betont der Autor diese kosmopolitische Behauptung, auch stilistisch
95
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
sehr schön durch Synonyme, natürlich auch in Form von zwei oxymoronischen Bildungen, die einander chiastisch entgegengesetzt werden:
“Entweder Fremder unter lauter Hiesigen oder als Hiesiger unter
lauter Fremden”. Klaus Stiller zeigt auch ironisch-satirisch mittels der
Hyperbolik eine unkluge Erwartung, dass sich das Problem von alleine
lösen kann. Eine gewisse Warnung kommt am Ende der Erzählung in
Form einer Hindeutung, was einem widerfahren kann, wenn er ein richtiges Problem übersieht. Ein Diktator, der die Ausländerprobleme nicht
lösen wollte, sondern sie bloß auf den Kopf stellte, wurde hingerichtet:
ein paar Jahre später wurde er öffentlich aufgehängt, mit dem Kopf
nach unten – von Einheimischen.
Zum dritten Mal innerhalb einer kurzen Erzählung kleidet der Autor seine Aussageintention oxymoronisch-chiasmisch, um durch diese
erweiterte Stilfigurkombination das Wichtigste zu betonen: es gibt ein
Ausländerproblem, das auf keinen Fall zum “Ausländerhaß” automatisch abgestempelt werden soll. Und dieses Problem wartet auf eine kluge intelligente (sprich: kulante) Lösung.
Herbert Rosendorfer
(1934–2012)
Herbert Rosendorfer, geboren am 19.2.1934 in Bozen, kam 1939 nach München. Von 1943 bis 1948 hielt er sich in Kitzbühel auf und kehrte dann zurück
nach München. Nach dem Abitur besuchte er zunächst ein Jahr die Kunstakademie, bevor er 1955 zum Jurastudium an die Universität München überwechselte. 1963 legte Rosendorfer sein zweites juristishes Staatsexamen ab; 1965/66
ging er als Assestor und Staatsanwalt zunächst nach Bayreuth, später wieder
nach München. Seit 1967 arbeitete er dort als Amtsrichter, seit 1986 auch als
Lehrbeauftragter für Bayerische Gegenwartsliteratur an der Universität München. Ab 1993 war er Richter am Oberlandesgericht Naumburg. 1990 wurde er
von der Ludwig-Maximilians-Universität München zum Honorarprofessor für
Bayerische Literaturgeschichte ernannt. Seit seiner Pensionierung 1997 lebte
er in Eppan in Südtirol.
Herbert Rosendorfer hat ein äußerst umfangreiches Opus geschaffen, das
neben Romanen und Erzählungen auch Theaterstücke, Fernsehspiele, historische Werke, Abhandlungen zur Musik, Reiseführer, Libretti sowie Kompositionen und Gemälde (vorwiegend Zeichnungen und Aquarelle) umfasst. Seine
Texte sind zum großen Teil der phantastischen Literatur zuzurechnen. Er beherrschte auch die realistische und historische Erzählung, die bei ihm häufig
satirische bis groteske Züge trägt. So erfand er zum Beispiel – gemeinsam mit
dem Pianisten Karl Betz von der Universität Würzburg – den Komponisten
96
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Otto Jägermeier, der Eingang in verschiedene Musiklexika fand. Seine juristische Ausbildung und seine Erfahrungen in juristischen Berufen zeigen sich
in Werken wie „Ballmanns Leiden oder Lehrbuch für Konkursrecht“ und „Die
Donnerstage des Oberstaatsanwalts“, die den juristischen Alltag mit satirischen Seitenhieben beschreiben.
Zu seinen bedeutendsten Werken gehören die Romane “Der Ruinenmeister” (1969), “Deutsche Suite” (1972), “Staphanie und das vorige Leben” (1977),
“Das Messingherz” (1979), “Ballmans Leiden” (1981), “Briefe in die chinesische Vergangenheit” (1983), “Die Nacht von Amazonen” (1989), “Die Goldenen Heiligen” (1992).
Neben Romanen, Erzählungen, Theaterstücken, Hör- und Fernsehspielen
umfasst Rosendorfers Werk auch wissenschaftliche Beiträge und Esseys zum
Zeitgeschehen, zur Kultur, Kunst und Musik.
Rosendorfer war Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste
und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Er erhielt
1977 den Tukan-Preis, 1991 den Ernst-Hoferichter-Preis, 1992 den Oberbayerischen Kulturpreis, 1999 den Jean-Paul-Preis, 2000 den Deutschen Fantasypreis, 2005 den Literaturpreis der Stadt München und 2010 für sein Lebenswerk
die Corine (Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten). Rosendorfer war
Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse (seit 2000), des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst Erster Klasse und des Bayerischen Verdienstordens (seit 2004).
Am 20. September 2012 starb Rosendorfer im Alter von 78 Jahren nach
langer Krankheit.
Heute gilt Herbert Rosendorfer als einer der einfallreichsten und vielseitigsten Autoren der Gegenwartsliteratur.
Die springenden Alleebäume
Jahr für Jahr geben die deutschen Autofahrerclubs und ver­wandte Institutionen ein Bulletin heraus, das die erschreckende Statistik der im letzten Jahr
durch Alleebäume getöte­ten Autofahrer enthält. Dreitausend heißt es, sollen
es jähr­lich sein. Es wäre zu einfach, diesen Problemkreis mit der Meinung
des Amtsgerichtsrates Wegscheider abzutun, der dazu sagte: “Ich bin seit
Jahren Richter in Straßenverkehrssa­chen. Mir ist noch kein Fall einer Kollision Autofahrer ˗ Al­leebaum vorgekommen, in dem nicht ein Versagen, meist
zu hohe Geschwindigkeit, seitens des Autofahrers vorgelegt hat. Ich halte”,
fuhr Amtsgerichtsrat Wegscheider fort, “den Alleebaum für eine bessere Institution zur Dezimierung von Verkehrsrowdies als z. B. unbeteiligte fremde
Autos.”
Die Berufserfahrung des Herrn Amtsgerichtsrates Wegscheider in Ehren ˗
aber so einfach ist die Sache nicht. Es hegt jetzt neuerdings eine ausgezeichnete und umfassende Studie aus dem Institut des weltberühmten Professors Ygdrasilovič vor, die sich eingehend mit dem Verhalten des deutschen Al­leebaumes befasst.
97
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Der deutsche Alleebaum, zu diesem Schluss kommt die er­wähnte Studie,
ist bösartig.
Es ist Nacht. Gemütlich tuckert ein Sportwagen mit 120 oder 140 km/h auf
einer Landstraße dahin. Der Fahrer däm­mert, weil eine nächtliche Fahrt
auf einer Landstraße lang­weilig ist, im Halbschlaf. Der Alleebaum aber, der
Allee­baum ist hellwach. Genüßlich – wir wissen es ja nicht genau, können
ihn nicht fragen, aber alles deutet daraufhin, daß es genüßlich von ihm ist ˗
genüßlich lässt der Alleebaum den Wagen herankommen, dann . . . ein
Sprung von nicht mehr als einem Meter in die Fahrbahn des Wagens. Der
Mann am Steuer, der obendrein halb schläft, kann natürlich nicht mehr ausweichen, es kracht, Blech fliegt herum, viel­leicht brennt es ein wenig. Behutsam klaubt ˗ hoffen wir es – Sankt Christopherus den zerquetschten Fahrer
aus den Trümmern und führt ihn in eine möglicherweise bessere Welt. Der
Alleebaum, dem ja in der Regel außer ein paar Kratzern in der Rinde nichts
passieren kann, rauscht hämisch mit den Blättern.
Es ist ganz merkwürdig, dass die Alleebäume – wenn man der YgdrasilovičStudie glauben darf – übermüdete, schla­fende oder betrunkene Autofahrer
offenbar von weitem schon erkennen. Mit ganz besonderer Vorliebe springen die Alleebäume solchen Fahrern in den Weg, die ja viel langsamer
reagieren als andere, also gegen die Tücken der Allee­bäume so gut wie
wehrlos sind. Möglicherweise senden Alleebäume radarartige Strahlen aus,
wie Fledermäuse. Wie das vor sich geht, ist noch nicht geklärt. Dass die
Alleebäume fast ausschließlich nachts den Autofahrern in den Weg springen, erklärt sich ganz einfach aus der angeborenen Tucke der Bäume. Wie
raffiniert sie dazu noch sind, erhellt aus der Tat­sache, dass drei Viertel aller
Fälle, in denen Alleebäume sich Autos in den Weg stellen, bei Regen geschehen. Da das Auto nach dem Zusammenstoß oft zu brennen anfängt,
wählen die Alleebäume für ihre Überfälle gern feuchtes Wetter, wo sie selber
nass sind, und so der Brand nicht auf sie übergreifen kann.
Es ist ein Fall bekanntgeworden, wo ein Alleebaum in ei­ner besonders gefährlichen Kurve hinter einem Gasthaus, das für sein gutes Bier bekannt ist,
Posto gefasst hatte, offenbar weil er wusste, dass ihm hier die wehrlosen,
angetrunkenen Autofahrer in die Falle gingen, ohne dass er selber sich groß
anzustrengen brauchte. Allein während eines Erntedankfestes überfiel dieser Baum dreiundzwanzig Autos. Bekannt ist auch der behördlich überhaupt
nicht genehmigte – Zuzug von Alleebäumen während des Oktoberfestes in
das Stadtgebiet von München. Zwar konnte man die sehr geschickten Bäume noch nie auf ihrem ungesetzlichen Marsch ertappen, aber wie anders
soll die Häufung von Auffahrunfällen auf Bäumen während des Oktoberfestes sonst erklärlich sein?
Ein besonders krasser und dreister Fall von Heimtücke ei­nes Alleebaumes
ereignete sich in der Nähe von Kulmbach. Ein Autofahrer hatte friedlich in
einem Landgasthaus seine vierundzwanzig Halbe Eisbock getrunken und
sich dann auf die Heimfahrt gemacht. Auf schnurgerader Strecke sprang
ihm, wie nicht anders zu erwarten, ein Alleebaum in den Fahrweg. Der Au-
98
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
tofahrer konnte aber gerade noch bremsen und kam wenige Zentimeter vor
dem Baum zum Stehen. Verschreckt und voll Furcht wendete der Autofahrer
sofort und wollte zurück in die Gastwirtschaft flüchten. Der Allee­baum folgte ihm aber, überholte ihn, unbemerkt sogar, und stellte sich im umzäunten Parkplatz des Landgasthauses dem Autofahrer genau in den Weg, als
dieser eben in die Einfahrt einbiegen wollte. Es kam zum Zusammenstoß,
der Fahrer wurde aus seinem Wagen geschleudert, blieb aber nahezu un­
verletzt. Mit Recht glaubte sich der arme Kerl nun von allen Furien gehetzt
und wollte nach Hause rennen, um sich in Si­cherheit zu bringen. Da stellte
sich ihm der Alleebaum ein: drittes Mal in den Weg. Mit schwerer Gehirnerschütterung musste der Mann ins Krankenhaus gebracht werden. Bei die­
sem Verbrechen muss sogar ein anderer Alleebaum Schmiere gestanden
haben, der der Funkstreife, die kam, um den Baum dingfest zu machen, in
den Weg sprang. Im allgemei­nen trauen sich die Alleebäume sonst nicht,
Funkstreifenwa­gen, die Feuerwehr und ähnliche Fahrzeuge, selbst wenn
diese sehr schnell fahren, zu belästigen; wahrscheinlich, weil sie letzten
Endes bei diesen Fahrzeugen den kürzeren ziehen, es würde nämlich in
der Regel dann das Abholzen verfügt. Auch vor allen Schienenfahrzeugen
haben Alleebäume einen heillosen Respekt.
So gibt uns die gründliche, wenngleich traurige Studie des Professors
Ygdrasilovič die Gewissheit, dass es nicht falsch ist, wenn die deutschen
Autofahrervereinigungen kein ande­res Mittel mehr sehen, als die restlose
Ausrottung der Allee­bäume zu verlangen. Keinesfalls dürfen wir es bei der
leicht­fertigen, ja zynischen und herzlosen Meinung des eingangsgenannten
Amtsgerichtsrates Wegscheider bewenden lassen, der gesagt haben soll:
“Was? Dreitausend in einem Jahr? Das sind ja fast zehn am Tag. Da werde
ich in Zukunft mich mit der freudigen Gewissheit in der Früh aus dem Bett
erheben können, dass es, wenn ich heute wieder schlafen gehe, dank der
Alleebäume zehn Verkehrsrowdies weniger gibt.”
Aufgaben zur Textinterpretation
1. In welchen Teilen des Textes gebraucht der Autor die Darstellungsarten: Beschreiben, Erzählen, Erörtern und Berichten? Wozu dient der
ständige Wechsel von Darstellungsarten?
2. Informieren Sie sich über das Wesen und Funktionen der Stilfigur
Periphrase! Zeigen Sie die Vorteile der periphrastischen Gebrauchsweise!
3. Stellen Sie die lexikalischen Reihen zum Kanzleistil, zum Stil der
Wissenschaft, zum publizistischen Stil auf!
4. Klären Sie den Unterschied zwischen dem punktuellen und dem
erweiterten (globalen) Gebrauch einer Stilfigur!
5. Warum nennt man diese Geschichte eine satirische Erzählung?
99
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Weiterführende Aufgaben
Aufgabe 1. Nehmen Sie die Information über den Stilgriff Periphrase
und über die stilistische Methode des Umschreibens zur Kenntnis!
Das Umschreiben ist bei Herbert Rosendorfer eine besonders häufige
Stilform. Es ersetzt die normative Bezeichnung einer Person, eines Gegenstandes, einer Erscheinung durch andere Worte. Es sagt sie anders,
es periphrasiert sie. Für den literarischen Text erklärt sich die Häufigkeit
des Vorkommens einer Periphrase aus dem Bestreben des Schriftstellers
nach künstlerischem Ausdruck. Am häufigsten knüpft die Umschreibung an einem bestimmten Merkmal an, das einer Person, einem Gegenstand oder einer Erscheinung innewohnt. Am ausdrucksvollsten sind
die stilistischen Umschreibungen. Im Gegenteil zu den lexikalischen Periphrasen betonen sie nicht die üblichen, für alle Sprecher der jeweiligen
Sprache gut bekannten Merkmale, sondern setzen die charakterisierenden Akzente mittels des periphrasierenden Ausdrucks laut der Autorenintention so, wie es dem Autor gerecht ist. Erwähnenswert ist in diesem
Zusammenhang der Periphrasen-Roman von Herbert Rosendorfer „Die
Briefe in die chinesische Vergangenheit“.
A u f g a b e 2. Entnehmen Sie den oben angegebenen Überlegungen
die einzelnen Funktionen einer umschreibenden Periphrase!
Die Periphrase ist …
A u f g a b e 3. Herbert Rosendorfer braucht eine besondere Art des
Lesers. Denn sein Leser soll bei der Lektüre ständig ein wachendes Auge haben. Jedes Wort wiegt viel, ist geladen mit Zusatzinformationen
und kann sich einfach zu einem Rätsel ausarten, das gelöst werden soll.
Dieser Moment – Akzeptanz einer neu entstandenen Spracheinheit, die
dazu noch ziemlich intensiv sprachlich in einer ganzen Reihe weiterer
Gebrauchsweisen variabel benutzt wird – zieht den Leser in seinen Bann
und lässt ihn sich weiter in die Lektüre vertiefen und somit seine philologische Neugier an neuen Passagen mit dem Aha-Erlebnis löschen.
Warum trifft diese Überlegung voll und ganz auf Rosendorfsche Periphrasen zu?
A u f g a b e 4. Nehmen Sie die Information über das epidigmatische
Prinzip der periphrastischer Darstellung in den Kurzerzählungen von
Herbert Rosendorfer zur Hand!
Sehr oft benutzt Herbert Rosendorfer metonymische Umschreibungen. Statt ‚Europäer’ gebraucht Herbert Rosendorfer das Substantiv
‚Großnase’. Da der Autor diese Bezeichnung dem Haupthelden in den
100
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Mund legt, schafft er gleichzeitig sein Redeporträt und weist auf eine
lockere unaufdringliche Weise auf ethnische Unterschiede hin. Denn
ferner werden diese Bezeichnungen als Komponenten der Komposita
epidigmatisch gebraucht, d.h. ungeachtet dessen, dass sie in der Sprache in der Form nicht existiert haben, werden sie nach einem allgemeingeläufigen Sprachmodell dekliniert, konjugiert etc.: Großnasensprache /
Großnasenhäuser / großnäsisch / Großnäsin.
A u f g a b e 5. Wohlwissend, was das Gesetz des epidigmatischen Umschreibens bei Herbert Rosendorfer bedeutet, erklären Sie die Bedeutung folgender Komposita, die seinem Roman entnommen sind!
Großnasensprache
Großnasenhäuser
großnäsisch
Großnäsin
A u f g a b e 6. Der Autor-Leser-Dialog in Form eines Ein- und Dekodierungsspieles wird noch interessanter, wenn man den Fällen der Mehrdeutigkeit nachgeht und als Leser selbst über kontextuelle Bedeutung
mehrdeutiger Periphrase entscheiden soll
Bedeutet z.B. großnäsisch wie es im modernen Deutsch der Fall ist
„hochnäsisch sein“, oder heißt es in der Rosendorferschen Sprache „einem Europäer gehörend (für ihn typisch sein)“?
A u f g a b e 7. Prägen Sie sich die Erklärung der Entstehung des Effektes der doppelten Okkasionalität bei den Periphrasen von Herbert Rosendorfer ein!
Der Reiz der periphrastischen Darstellung von Herbert Rosendorfer hat auch einen anderen Grund: die Periphrase ist bei ihm doppelt
okkasionell. Zum Einen ist sie schon im Moment ihrer Entstehung als
Stilgriff eines bestimmten Autors okkasionell. Zum anderen gebraucht
der Autor diese Umschreibung auf so eine ungewöhnliche Art, dass sie
an ihrer Ungewöhnlichkeit zunimmt und doppelt okkasionell wirkt. So
sind die sogenannten Fest-des-Friedens-Periphrasen. Dank meisterhafter Verwendung von ihnen im Roman „Die Briefe in die chinesische
Vergangenheit“ werden dem Leser zwei Kulturwelten auf einmal öffnet
und viel Landeskundliches verraten. Jedem Deutschen ist wohl die Atmosphäre des weihnachtlichen Tumults, aber auch angenehmer Freude
zu Weihnachten – etwa Bescherung, Advent, Heiliger Abend – bekannt.
Statt des assoziationsträchtigen Substantivs Weihnachten benutzt der
Autor reichlich die Wortfügungen mit der Komponente Fest des Friedens binnen eines kurzen Kontextes so häufig, dass am Ende einer Pas-
101
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
sage sogar bei einem ausländischen Leser der landeskundlich adäquate Eindruck von deutschen Weihnachten entsteht, und zwar: deutsche
Weihnachten haben etwas Sakramentales an sich, aber auch viel Stress
und Hektik. Das wird mit jedem Jahr durch Werbung, Kauf- und Verkaufsdrang immer mehr übertrieben.
A u f g a b e 8. Übersetzen Sie ins Russische folgende Periphrasen!
die Fest des Friedens-Gänse
die Fest des Friedens-Karpfen
die Fest des Friedens-Stimmung
die Fest des Friedens-Bescherung
die Fest des Friedens-Zeit
das Fest des Friedens-Gebäck
A u f g a b e 9. Es ist bekannt, dass Herbert Rosendorfer beim Schaffen
von Periphrasen an die Spracheigenschaften und Sprachbesonderheiten
des Deutschen und des Chinesischen bedacht war. Beweisen Sie es an
folgenden Gebrauchsweisen!
Leder-etui (Lederkoffer)
Ko-feng (Lederkoffer)
A-tao (das Auto)
An-tsu-Kleidung (Anzug).
A u f g a b e 10 . Um das Chinesische sehr echt sprachlich im Roman
spüren zu lassen, hat Herbert Rosendorfer viel Zeit in chinesischen Bibliotheken verbracht, um sich in den Klang der exotischen Sprache einzuhören. Es ist ihm gelungen, das Exotische des Chinesischen mit dem Reiz
seiner Muttersprache zu verbinden. Als Ergebnis sind einmalige phonetische Periphrasen entstanden. Eine linguistische Beobachtungsgabe zeigt
Herbert Rosendorfer, indem er die Forderung des Chinesischen nach Einsilbigkeit mit dem Trend zu Komposita im Deutschen verbindet.
Erkennt Sie in den chinesisch adaptierten Periphrasen das richtige
Denotat! Ordnet Sie Periphrasen ihren Denotaten zu!
Hem-Hem
An-tsu
Leder-etui
Min-chen
Lu-wing Ma-ksi-mai-lan
Te-lei-fong
Sao-na
I-sal
München
Telefon
Sauna
der Fluss Isar
Hemd
Anzug
Ludwig Maximilian
Koffer
102
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
A u f g a b e 11. Rein periphrastischer Natur sind die denotativen Umschreibungen, die – wie es einer Periphrase definitionsmäßig zusteht –
etwas mit der Hervorhebung des relevanten Merkmals benennen. Das
Prinzip der Doppel-Okkasionalität wirkt auch im Falle dieser Periphrasenart, und zwar: so eine Periphrase artet sich zu einem regelrechten
Rätsel aus.
Ordnen Sie die umschreibende Periphrase dem richtigen Denotat zu!
Zum Beispiel:
die Geh-Strasse – тротуар.
das Rüben-Gerät
die Krug-Dienerin
das Wohn-Gerät
die Kugel-Welt-Modell
die Stein-Strasse
die Geh-Strasse
der Eisen-Wagen
der Schwitzkeller
das Augen-Gestell
die Eisen-Wagen-Strassen
der Eisenweg der rollenden Häuser
schwarze, dehnbare Fußschläuche;
verschnürte Lederkästchen
die Fußlederkästchen
die Schlauch-Haut
глобус
телефон
железная дорога
телефон
рельсы
асфальт
официантка
трамвай
сауна в подвале
очки
тротуар
ботинки
носки
ботинки со шнуровкой
костюм
A u f g a b e 1 2. Übersetzen Sie ins Russiche den folgenden Auszug
aus dem Roman von Herbert Rosendorf „Die Briefe in die chinesische
Vergangenheit“! Was fällt beim Übersetzen besonders schwer?
Er hat mir eins seiner Zimmer eingeräumt. In ihm fühlte ich mich, obwohl es
für unsere Begriffe so klein ist wie die Bude eines Bettlers, schon einigermaßen
heimisch, vor allem deswegen, weil ich hier meine gewohnten Kleider trage,
während ich drаußen in einer dieser scheußlichen grauen Schlauch-Häute herumlaufen muss, die sie An-tsu nennen. Diese qualvolle An-tsu-Kleidung besteht aus einer komplizierten Vielfalt von Einzelheiten. Einige weiße Schläuche
trägt man darunter, zwei schwarze Schläuche an den Füssen, dann kommt eine
graue Hose, dann eine dünne Acke mit unzähligen Knöpfen. Diese Dünn-Acke
(sie heisst – ich habe das aber möglicherweise nicht richtig verstanden – „Hemhem“) stopft man in die Hose hinein. (Rosendorfer, S. 124)
A u f g a b e 1 3. Die nächste Art der umschreibenden Darstellung bildet bei Herbert Rosendorfer die Rätsel-Periphrase. Das Genre des Rät-
103
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
sels erlaubt dem Autor neue Akzente in scheinbar alt bekannten Dingen, Situationen zu setzen. Die Periphrase dient dabei zum Beispiel der
Kritik an moderner Kleidung, die dem Haupthelden ganz fremd und
unbequem vorkommt, denn er ist weite, nicht eng am Körper liegende Kleidung gewohnt. Deswegen benennt Kao-tai Socken als schwarze, dehnbare Fußschläuche; Herrenschuhe – Fußlederkästchen und verschnürte Lederkästchen. Diese Periphrasen brauchen für ihr richtiges
Verstehen einen näheren Kontext. Je mehr solche periphrastischen Beschreibungen konzentriert aufzufinden sind, desto schneller kommt man
zum Aufschluss, welches Kleidungsstück gemeint wird, und desto mehr
Vergnügen empfindet man beim Erraten des Rätsels in einem Textteil.
Die Lösungen werden natürlich im Roman wie in einem richtigen Rätsel
nicht angegeben. Der Leser soll sie erraten und daran den zusätzlichen
Spaß an der Lektüre bekommen.
1. eine Porzellanquelle, mit deren Hilfe sie hinwegspülen, was der
Körper von sich gibt;
2. es gibt eine eigene Schrift für Musik, die aus einem Gewirr von
Punkten besteht und für mich selbstverständlich völlig unentzifferbar
ist;
3. Sie hat mir eines dieser seltsamen viereckigen Lederetuis geliehen –
die Ko-feng heißen-, ohne die die Großnasen nie zu verreisen pflegen;
4. Der Mond wird noch sehr oft wechseln;
5. das Land, wo man lächelt;
6. in der Sprache der Menschen von Min-chen;
7. die Fern-Blick-Maschine
Notenschrift / Wasserklosett / in einigen Monaten / Fernseher / /
China / auf Bairisch / Koffer.
A u f g a b e 14. Einige periphrastische Umschreibungen werden nur
im engeren Kontext verständlich. Überzeugen Sie sich darin beim Übersetzen folgender fettgedruckter Umschreibungen!
Auch der Turm ist ganz aus dem Stein-Brei gegossen.
In einem der Läden, die Bücher verkaufen, habe ich eine Sammlung
von Gedichten aus dem Reich der Mitte gefunden in Übersetzung in
die Sprache der Menschen von Min-chen.
A u f g a b e 1 5. Die Rätselperiphrasen von H. Rosendorfer sind
manchmal enorm großformatig und dennoch amüsant. Solche erweiterten Periphrasen sind Beschreibungen von Situationen. Die Leser können
das Denotat schon nach dem ersten Satz erraten und verfolgen ferner die
periphrastische Erörterung der schon angedeuteten Situation mit.
104
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Erraten Sie die denotative Situation folgender periphrastischen Beschreibung!
Dass sie dennoch und immer noch an Dämonen glauben ist mir auch klar.
Selbst Herr Shi-Shmi glaubt an sie. Er bringt ständig kleine Brandopfer dar. Die
Brandopfer bestehen aus kleinen weißen Röllchen, die er in den Mund steckt
und anzündet wie ein Feuerschlucker. Aber die Röllchen brennen nicht, sie
glimmen nur, rauchen und stinken ziemlich. Es muss also kultische Handlung
sein. Herr Shi-Shmi beweist übrigens eine halbbrecherische und schon geradezu asketische Fertigkeit im Darbringen dieser Brandopfer. Bis das Röllchen
an seinen Mund herangekommen ist, behält er es im Mund. Erst wenn es so
klein ist wie mein kleinstes Fingerglied, hört er damit auf. Dann scheint auch der
Zauber (eine Bann-Beschwörung), an die er ziemlich fest glaubt, verflogen zu
sein, denn den Rest des Röllchen wirft er achtlos weg. Etwa alle halbe Stunde
bringt Herr Shi-Shmi so ein Rauchopfer dar. Nie vergisst er es. Er führt stets ein
Päckchen mit solchen Röllchen mit sich, und in der Wohnung bewahrt er einen
größeren Vorrat auf (Rosendorfer, S. 206)
A u f g a b e 16. Während des Lesens entsteht beim Leser der Wunsch,
zur Periphrase als Stilfigur zu greifen, etwas auf Rosendorfersche Art periphrastisch zu verkleiden, was die anderen entziffern sollen. Denken Sie
sich die periphrastische Umschreibung für das Wort „Fernseher“ aus!
A u f g a b e 17. Vergleichen Sie von Ihnen ausgedachte periphrastische
Umschreibung für das Wort „Fernseher“ mit den Vorschlägen Ihrer Mitstudenten! Welche relevante Merkmale wurden zugrunde der Periphrasen gelegt?
A u f g a b e 18. Als Vorschlag periphrastischer Umschreibungen für
das Wort „Fernseher“ sind bestimmt interessante Periphrasen entstanden. Wir können vermuten, mal zu ernste, mal ausgekünstelte, natürlich
auch kluge Umschreibungen. Aber in keiner davon wird garantiert das
für Rosendorfersche Haupthelden typische „naive“ Beschreiben vorkommen. Der Mentalität nach passt zu dem Haupthelden mehr ein einfaches Umschreiben mit dem Akzent auf Kulturdifferenzen.
Die Periphrase bei Herbert Rosendorfer ist kompakt, verrät eine „naive“ Vorstellung des Menschen aus einer anderen Zeit, technisch gesehen
aus einer anderen Epoche.
Beweisen Sie das Gesagte, ausgehend von dieser Autorenperiphrase
aus dem Roman von Herbert Rosendorfer „Die Briefe in die chinesische
Vergangenheit“!
Die Fern-Blick-Maschine ist ein mäßig großer Schrein, der vorn so etwas
wie ein Fenster hat. Irgendwo gibt es ein Gremium, das in der Lage ist, Bilder,
die leben, durch die Luft zu schleudern. Die Bilder werden von dem Mechanismus in der Fern-Blick-Maschine aufgefangen und wiedergegeben, sofern man
105
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
auf einen Knopf drückt und die Maschine nicht kaputt ist. Es ist keine Zauberei,
wenngleich aufs erste Hinsehen so wirkt (Rosendorfer, S. 221).
A u f g a b e 1 9. Herbert Rosendorfer gelingt es, bei der Periphrasierung landeskundliche Informationen zu berücksichtigen. Er vermag sogar die kleinsten pragmatischen Nuancen mit Sozialkritik zu vereinen.
Zum Beispiel wird im unten angegebenen Textauszug die bürokratische
Rolle des Passes oder Personalausweises nicht nur angedeutet, sondern
auch verspottet.
Mit welchen sprachlichen Mitteln gelingt es Herbert Rosendorfer?
Jede Großnase muss ein bestimmtes, nur ihr gehöriges, sie persönlich betreffendes kleines Papier-Büchlein haben, und wenn es geht, mit sich führen. In
ihm sind alle möglichen Angaben über den Inhaber vermerkt, auch ein kleines
Bild ist eingeheftet. Diese Papierbüchlein sind ungeheuer wichtig, so wichtig,
dass sie quasi die Hälfte der Person bilden. Verstehe: die Großnasen bestehen
aus zwei Hälften: die eine Hälfte ist der lebendige Mensch aus Fleisch und Blut,
die andere Hälfte das Papierbüchlein (Rosendorfer, S. 225).
A u f g a b e 2 0. Die Dekodierung der Umschreibungen fällt für gegenständliche Denonate relativ leicht. Die Periphrasierung phraseologisch
gebundener Sätze wie auch deren Verstehen verlangt dem Leser eine
größere Denkbemühung ab, erzeugt daher einen größeren stilistischen
Effekt. Jedem Deutschlerner kommt die Art und Weise der periphrastischen Verkleidung des umgangsprachlichen Phraseologismus „Das ist
mir Wurst!“ recht amüsant vor.
Erklären Sie, warum Herbert Rosendorfer diese umgangssprachliche
Redensart noch in Klammern zu kommentieren braucht?
Herr Jü-len-tzu sagte, dass sei ihm „ein mit gehacktem Fleisch gefüllter
Rindsdarm“ (das ist ein Grossnasenausdruck und bedeutet: es ist mir völlig
gleichgültig) (Rosendorfer, S. 119)
A u f g a b e 21. Eine weitere besondere Periphrasen-Art bei Herbert
Rosendorfer ist die formatige Situationsperiphrase. Zur Entschlüsselung
des Denotates so einer Umschreibung braucht man eine transphrastische
Ganzheit. Raten Sie, um welches Denotat es in den folgenden situativen
Periphrasen handelt, die von Herbert Rosendorfer perfekt humorvoll erstellt worden sind.
1. Man sperrte deinen Freund in eine Gefängniszelle. Vorher musste ich
einige wohl rituelle Zeremonien über mich ergehen lassen. Ich musste meine
Finger in schwarze Tusche tauchen und dann ein Papier berühren. Vermutlich
Dämonen-Abwehr. Dann kam ich in einen Raum, in dem ein Scherge mit einem
unverständlichen Gerät hantierte, das kleine Blitze von sich gab. Ich musste
mich auf einen bestimmten Hocker setzen, einmal geradeaus, einmal links, einmal rechts schauen. Jedesmal blitzte es im Kasten. es geschah mir aber nichts.
106
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Vielleicht handelte es sich um einen Reinigungszauber. Zur Vorsicht verbeugte
ich mich vor dem Blitzkästchen dreimal mit einer Zwei-Drittel-Verbeugung (Ro-
sendorfer, S. 134)
2. Jede Großnase muss ein bestimmtes, nur ihr gehöriges, sie persönlich
betreffendes kleines Papier-Büchlein haben, und wenn es geht, mit sich fuhren. In ihm sind alle möglichen Angaben über den Inhaber vermerkt, auch ein
kleines Bild ist eingeheftet. Diese Papierbüchlein sind ungeheuer wichtig, so
wichtig, dass sie quasi die Hälfte der Person bilden. Verstehe: die Großnasen
bestehen aus zwei Hälften: die eine Hälfte ist der lebendige Mensch aus Fleisch
und Blut, die andere Hälfte das Papierbüchlein (Rosendorfer, S. 115)
A u f g a b e 2 2. Herbert Rosendorfer hat sich als Meister der sogenannten Höflichkeitsperiphrasen erwiesen. Sie sind Wiederspiegelungen
des orientalischen Etiketts, laut dem man sich selbst erniedrigen und
die anderen dagegen erhöhen soll. So wendet sich Kao-tai, der Obermandarin in seiner Zeitheimat – was einer sehr hohen sozialen Stellung
im tausendjahrealten China entspricht – in einer sich selbst kleinkriegenden vernichtenden Manier übertrieben hochachtungsvoll an seinen
Gastgeber mit Worten, die praktisch nichts anderes als eine Höflichkeitsperiphrase sind. Zum Beispiel sagt Kao-tai anstatt „ich bin anwesend“:
„ich beflecke die makellose Erscheinung des großen Dichters mit meiner
Gegenwart“.
Illustrieren Sie den Wirkungsmechanismus einer Höflichkeitsperiphrase an der folgenden Passage aus dem Roman von Herbert Rosendorfer „Die Briefe in die chinesische Vergangenheit“!
Er wendete sich an seinen Lehrer: „Allerhöchstwürdiger Freund! Sowie
Meister der historischen Wissenschaften! Mächtiger Gebieter über eine unabsehbare Schar gelehriger und folgsamer Schüler, die an der ohne Zweifel überaus bedeutenden Gelehrten-Akademie von Min-chen zu deinen nicht genug
zu preisenden Füßen sitzen sowie deine bedeutungsschweren Worte von den
wohlgeformten Lippen saugen. Herr dieser köstlichen Wohnung und nicht zuletzt überaus edler Gastgeber und unschätzbarer und geliebter Freund, erlaube
mir, dass ich unwürdiger und außerdem höhere Zusammenhänge zu erfassen
unfähiger Schmutz-Wurm einige Bedenken vorbringe, die natürlich deinen erhabenen und unanfechtbaren Argumenten gegenüber ohne jede Hoffnung unterlegen sind“ (Rosendorfer, S. 124).
A u f g a b e 2 3. Der Periphrase mit einem noch größeren Übertreibungsgrad begegnen wir bei Herbert Rosendorfer in den sogenannten
„Ad absurdum-Umschreibungen“. Das reale Geschehen wird darin
vom Autor mit Absicht derart entstellt, dass ganze Passagen mit einem
Schmunzeln gelesen werden können. Das wird aus dem nächsten Romanfragment ersichtlich, das eigentlich die Beschreibung eines Konzertbesuches aus der Perspektive von Kao-tai darstellt.
107
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Warum lässt sich so eine Periphrase mit dem Stilgriff ad absurdum
gleichsetzen?
Wir setzten uns also. Das Orchester wird geleitet von einem Musik-Meister.
Während der Musikmeister ein kleines Podest betrat, klatschten die Großnasen
wie wild in ihre Hände. Meister verbeugte sich artig, dann drehte er sich ganz
unhöflich dem Publikum zu und drohte den Musikern mit einem Stock. Sie ließen es sich ohne weiteres gesagt sein und begannen zu spielen. Offenbar sind
die Musiker so undiszipliniert, dass der Musikmeister die ganze Zeit über, und
manchmal sogar sehr wild fuchtelnd mit dem Stock drohen musste, damit sie
nicht zu spielen aufhörten (Rosendorfer, S. 208)
A u f g a b e 2 4. Bei Peltzer finden wir interessante Worte, die als Motto zum Schaffen von Herbert Rosendorfer dienen könnten: „Worte sind
Luft, aber die Luft wird zu Wind und macht die Schiffe segeln“ [Peltzer,
1974, S. 811]. Veranschaulichen Sie die Richtigkeit dieser Meinung bezogen auf die Periphrasenvielfalt von Herbert Rosendorfer.
A u f g a b e 2 5. Lesen Sie und übersetzen Sie folgende Periphrasen.
Aus dem Text wird meistens ersichtlich, um welche Gegenstände, Handlungen und Situationen es geht. Das erübrigt aber bei weitem nicht die
Periphrasen. Warum sind die Periphrasen doch nicht weg zu denken?
Was macht sie so wünschenswert?
1. „Unter Anrufung versteht man hier keine kultische Handlung, sondern
den Vorgang, dass man zu dem Rüben-Gerät Te-lei-fong greift und mit einem
fernen Menschen zu sprechen versucht.“ (Rosendorfer, S. 147)
Alle setzten sich, der Richter auch. Neben ihm saß eine junge Dame mit
mürrischem Gesicht. Das sei eine untergeordnete Gehilfin des Richters, die
sehr schnell schreiben könne und das Wichtigste von dem aufzuschreiben versuche, was der Richter und die Fürsprecher sagen (Rosendorfer, S. 172)
2. Das eigentliche Zahlungsmittel hier sind Zettel. Du erinnerst dich an die
zwei – wie ich meinte – grüne Briefe, die Herr Shi-Shmi jener Dame gab, die sich
über mich beklagte. Das waren keine Briefe, sondern das war Geld. Geld in Papierform, (…). Es gibt grüne, braune und blaue Scheine (Rosendorfer, S. 147)
3. Dass A-Tao-Wägen an Kreuzwegen anhalten, wenn eine dort aufgestellte Leuchte rotes Licht zeigt, und erst weiterfahren, wenn das rote Licht durch
grünes Licht ersetzt wird, ist keine Sitte, sondern ein willkürlich eingeführtes
Gesetz (Rosendorfer, S. 182)
A u f g a b e 2 6. Nehmen Sie folgende Schlussbemerkungen bezüglich
der Rosendorferschen Periphrasenwelt zur Kenntnis und setzen Sie sich
mit dieser Meinung auseinander!
Herbert Rodendorfer nimmt aktiv Gebrauch von einfachen Wörtern,
weiß sie richtig und originell einzusetzen, scheut sich nicht davor, Stilgriffe konzentrierterweise anzuwenden, verwendet übliche Wörter und
Wendungen originell und untraditionell. Sein Roman „Die Briefe in die
108
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
chinesische Vergangenheit“ ist eine unikale erweiterte Periphrasierung
einer fremden und zugleich einheimischen Kultur.
Die Bekanntschaft mit der Exotik der anderen Kultur mittels periphrastischer Betrachtung gestattet kritisches Auseinandersetzen mit der
eigenen Kultur. Als einzelne Periphrasenarten benutzt H. Rosendorfer
epidigmatische (neu entstandene, nach alten Sprachmodellen aufgebaute) Periphrasen, phonetische Periphrasen (einsilbige und zusammengesetzte), freie und phraseologisch gebundene Rätselperiphrasen, Höflichkeitsperiphrasen, erweiterte Periphrasen.
Herbert Rosendorfer entwickelt dank periphrastischer Darstellung
eigene originelle Ein- und Dekodierungsregeln, nach denen der Leser
seine Werke nicht einfach lesen, sondern entziffern muss und kann. Das
macht Rosendorfers Werke noch interessanter und begehrter, besonders
für Stilistikfreunde.
Interpretationsvorschlag
Herbert Rosendorfer ist ein zeitgenössischer deutscher Schriftsteller,
der in Bayern beheimatet ist und dadurch bekannt ist, dass er seine reichlich von der Natur gegebenen Talente und mehrere Berufe sehr geschickt
auszunutzen weiß, indem er als Richter und freistehender Schriftsteller
verschiedene Gebiete seiner Tätigkeit in seinеn Werken zu vereinen vermag. Als ein guter Nachweis dieser seiner Fähigkeit kann die Erzählung
«Die springenden Alleebäume» dienen.
Hier kommen auf seine sehr raffinierte Weise die Elemente unterschiedlicher Darstellungsarten zusammen, vor allem aber werden das
Beschreiben und das Erörtern aktualisiert. Dem Wechsel von unterschiedlichen Darstellungsarten innerhalb einer Kurzgeschichte kommt
eine wichtige Rolle zu. So wird zum Beispiel von einer beschreibenden
Passage auf das beihnahe juristische Erörtern umgestiegen, um von der
Exposition auf die Kulmination zu kommen. Der expositorische Teil nähert sich einer harmlosen Konstatierung der statistischen Tatsache, dass
sehr viele Autofahrer durch Alleebäume getötet werden. Die Situation
wird vom Amtsgerichtsrat Wegschneider ganz einfach zur Kenntnis genommen und abgetan. Selbst der klingende Name Wegschneider (scheidet alle Probleme einfach weg) zeigt eine der geläufigen Stellungnahmen
zum Problem. Dabei wird betont, dass dieser Mann in der Funktion eines
Amtsgerichtsrates in Ehren ist. Ein Gerichtsbeamter sollte doch wissen,
dass die Alleebäume keinen angreifen können. Der Autor räumt aber den
109
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Phantasieelementen ein bisschen Platz ein, wobei er diesen Beamten sich
nicht einfach über eine solche Problemstellung wundern lässt, sondern
ihn die Tatsache und dabei doch auf eine interessante Schlußfolgerung
kommen lässt: “Der Alleebaum ist eine bessere Institution zur Dezimierung von Verkehrsrowdies als z.B. unbeteiligte fremde Autos”. Hiermit
setzt der Autor den Personifikationsakzent für diese Erzählung. Die Verlebendigung der Alleebäume wird zur Hauptstilfigur dieser Erzählung.
So gelingt es dem Autor die allgemeine Aufmerksamkeit auf den sich
immer gefährlicher werdenden stärkeren Alkoholgebrauch am Steuerrad zu lenken. Die soziale Kritik an den eigentlich schuldtragenden Verkehrsrowdies wird auf eine übertriebene Weise ausgeübt. Dabei wird der
Stilgriff «ad absurdum» benutzt. Äußerst übertrieben wird die Situation
um den deutschen Alleebaum zugespitzt, alles wird umgekehrt dargestellt, damit der Leser eben durch das Irreale, Unwahrscheinliche auf eine normale Einschätzung des Falls kommt. Der Autor macht das beinahe
genial: mit viel Ironie, an manchen Stellen mit richtiger Verachtung den
betrunkenen Fahrern gegenüber lässt er den Alleebaum lebendig gegen
diese Trunkbolde handeln.
In der umgangssprachlich gefassten Passage: “Es ist Nacht … .”
scheint der Autor auf den ersten Blick Mitleid mit den verünglückten
Fahrern zu haben. Selbst das Umgangssprachliche soll uns persönlicher
ansprechen, in das Private Menschliche versetzen und den Hass gegen
den Alleebaum bewirken. Der Sarkasmus des Autors kommt trotzdem
mehrmals zum Vorschein: “behutsam klaubt – hoffen wir es – Sankt
Christoferus den zerquetschten Fahrer aus den Trümmern und führt ihn
in möglicherweise bessere Welt”.
Um die kritisch in der deutschen Gesellschaft werdende Situation
betreffs “Angeheitert sein und sich ans Lenkrad ‘ran machen” zu veranschaulichen, verlebendigt Herbert Rosendorfer den Alleebaum beinahe
auf eine unmögliche Weise. Die Personifizierung der Naturerscheinungen, darunter auch von den Blumen und anderen Pflanzen, ist in der
Weltliteratur ein verbreitetes Stilmittel. Dass aber ein Alleebaum ständig
mal mit dem Tier, mal mit dem Rowdy gleichgesetzt wird, von den Sympathisanten und von den Feinden als ein Lebewesen durch und durch
akzeptiert wird, entspricht der Autorenintention. Laut dessen soll mittels
der erweiterten Personifikation die äußerst bis ad absurdum geführte
Übertreibung die Unnormalität eines solchen Inkriminierens zeigen.
Der Autor versucht uns auch darauf aufmerksam zu machen, dass
wir sehr oft die Schuld den anderen in die Schuhe schieben statt uns
selbst gegenüber kritisch zu verhalten. Als Übertreibungsmittel benutzt
110
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Herbert Rosendorfer weiterhin abwechselnd mal den wissenschftlichen
Stil, mal das Kanzleideutsch. So gibt er durch den Gebrauch des wissenschaftlichen Stils der Tatsache einen bestimmten fundierten Grad
bei, der uns gestattet, stärker an das Behauptete über den Alleebaum zu
glauben. Wissenschaftlich wirken einige lexikalische Einheiten (Studie,
Institut, Professor, selbst sein Name ist wie alles Wissenschaftliche für
einen «normalen» Menschen schlecht zu verstehen: z.B. Jgdrasilovič).
Die Passage “Es ist ganz merkwürdig …” gleicht einer wissenschaftlichen Erörterung des Betragens der Vertreter der Faunawelt, die sich
an die Lebensverhältnisse mit allen instinkttreibenden Kräften anpassen
(sie springen in den Weg, senden radarartige Strahlen, haben angeborene
Tücke, wählen ein bestimmtes Wetter).
Das Kanzleideutsch ist in der Erzählung in mehreren Passagen beauftragt, das Verhältnis der offiziellen Behörden dem Alleebaum wie einem Verbrecher gegenüber zu zeigen. Das offizielle Deutsch, gezeigt am
Nominalstil, an einer komplizierten Syntax, eignet sich sehr gut dazu,
den gefährlichen Maßstab des Falles anzugeben, wenn man sich schon
mit diesem Problem auf der staatlichen (lies auch: polizeilichen Ebene) beschäftigt. Nach dem Prinzip einer Akkumulation werden immer
weitere Passagen als Belege für das verbrecherische Betragen der Alleebäume auf gekettelt, wobei das Unnormale an der Schilderung der Tatsachen parallel steigt. Das Letzte hilft dem Leser, das personifizierend
Übertriebene in der Erzählung richtig einzuschätzen.
111
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Bibliographie
Russischsprachige Literatur
Адмони В.Г. Система форм речевого высказывания. СПб. Наука, 1994.
151 с.
Амзаракова И.П., Савченко В.А. Стилистика: выразительные средства
немецкого языка: учеб. пособие. Абакан: Изд-во ХГУ, 2009. 139 с.
Арнольд И.В. Стилистика. Современный английский язык: учебник
для вузов. М.: Флинта, 2010. 383 с.
Бойко Г.И. Когнитивно-дискурсивный аспект интерпретации художественного текста // Слово, высказывание, текст в когнитивном, прагматическом и культурологическом аспектах: сб. ст. участников IV Междунар.
науч. конф. (Челябинск 25–26 апреля 2008 г.). Челябинск: ЧГУ: Рекпол,
2008. Т. 1. 617 с.
Бойко Г.И. Художественный дискурс: когнитивные и концептуальные
аспекты: (на материале немецкого языка) // Иностранные языки в высшей
школе. 2012. № 1. С. 39–42.
Валгина Н.С. Теория текста: учеб. пособие для вузов. М.: Логос, 2003.
278 с.
Винокур Г.О. О языке художественной литературы. М.: Высш. шк.,
1991.
Гончарова Е.А., Шишкина И.П. Интерпретация текста. Немецкий
язык: учеб. пособие для пед. вузов. М.: Высш. шк., 2005. 365 с.
Наер В.Л. Семантические и прагматические аспекты анализа текста //
Вестник МГЛУ. 2010. № 17. С. 9–21.
Ноздрина Л.А. Интерпретация художественного текста. Поэтика
грамматических категорий. М.: Дрофа, 2009.
Фесенко Э.Я. Теория литературы: учеб. пособие для вузов. М.: Академический проект: Фонд «Мир», 2008. 784 с.
Чернявская Е.С. Реализация ценностного потенциала авторской парадигмы в немецкоязычном нарративном дискурсе: автореф. дис. ... канд.
филол. наук. М., 2005. 22 с.
Яшина Е.А. Языковые средства создания алогизма в художественном
тексте // Филологические науки. 2009. № 4. С. 97–106.
112
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Deutschsprachige Literatur
Andreeva V. Die Schule der interdisziplinären Textinterpretation an der
Russischen Pädagogischen Universität „A-Herzen“ // Tagungsband der XX.
Germanistenkonferenz des DAAD in Russland an der Staatlichen Pomoren
Universität: „Germanistik – wohin?”. Archangelsk, 2003. S. 345–355.
Autorenlesungen. Bd. 1. Ausgewählt und kommentiert von H.L. Arnold.
Bonn: Inter Nationes, 1997.
Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart: Metzlerische Verlagsbuchhandlung, 1989.
Deutschland erzählt von Arthur Schnitzler bis Uwe Johnson. Stuttgart: Fischer Taschenbuch Verlag, 1998.
Eroms Hans-Werner. Stil und Stilistik. Eine Einführung. Belin: Erich
Schmidt Verlag, 2008.
Fleischer W., Michel G. Stilistik der deutschen Gegenwartssprache. Leipzig: Bibliographisches Institut, 1977.
Gončarova E. Die sprachliche Gestaltung literarischer Texte als eine der
Grundrichtungen ihrer Interpretation im Fremdsprachenunterricht // Das Wort.
1994. S.161–166.
Gučinskaja N. Interpretation künstlerischer Texte als interdisziplinäres
Problem // Das Wort. 1994. S.167–173.
Hartmann A., Leroy R. (Hrsg.) Nirgend ein Ort. Deutschsprachige Kurzprosa seit 1968. München: Hueber Verlag, 1987.
Hirte W. Besser schreiben. Leipzig: Bibliographisches Institut, 1967.
Kleine Enzyklopädie „Deutsche Sprache“. Leipzig: Bibliographisches Institut, 1983.
Kleines Wörterbuch sprachwissenschaftlicher Termini. Leipzig: Bibliographisches Institut,1981.
Krahl S., Kurz J. Kleines Wörterbuch der Stilkunde Leipzig: Bibliographisches Institut, 1970.
Krusche D. Aufschluss. Kurze deutsche Prosa im Unterricht Deutsch als
Fremdsprache. Bonn: Inter Nationes, 1999.
Literaturlexikon: Daten, Fakten und Zusammenhänge / Wieland Zirbs
(Hrsg.). Berlin: Cornelsen Scriptor, 1998.
Martini F. Deutsche Literaturgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. – Stuttgart: Kröner Verlag, 1991.
Meyers Taschenlexikon in einem Band. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich:
Taschenbuchverlag, 1995.
Michel G. Stilistische Textanalyse: eine Einführung / Hrsg. von Karl-Heinz
Sicht und Christine Keßler; Georg Michel. Frankfurt am Main: Lang, 2001.
Moser D.-R. (Hrsg.) Neues Handbuch der deutschsprachigen Literatur seit
1945. München: Nymphenburger, 1990.
Perlina J. Einige Probleme der Textauswahl sowie der Textinterpretation
beim „Analytischen Lesen“ // Das Wort. 1994. S.174–177.
113
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Riesel E. Stilistik der deutschen Sprache. 2. Aufl. M.: Verlag Hochschule,
1963.
Riesel E. Theorie und Praxis der linguostilistischen Textinterpretation. M.:
Verlag Hochschule, 1974.
Rosendorfer H. Die Briefe in die chinesische Vergangenheit. München:
Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, 2005. Skrebnev J.M. Stilistik der englischen Sprache. Leipzig: Verlag Enzyklopädie, 1968.
Textinterpretation. WikipediA. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Textinterpretation (дата обращения: 14.05.2012).
Wipert G. von. Deutsches Dichterlexikon. Biographisch-bibliographisches
Handbuch zur deutschen Literaturgeschichte. Stuttgart: Kröner Verlag, 1988.
Textquellen
Bobrowski, Johannes. Die Erzählungen. Vermischte Prosa und Selbsterzeugnisse. Anstalt: Deutscher Verlag 1987. S. 325.
Borchert, Wolfgang. Nachts schlafen die Ratten doch // Satirische Texte.
Stuttgart: Fink-Verlag 1995. S. 4.
Brambach, Reiner. Für sechs Tassen Kaffee // Satirische Texte. Stuttgart:
Fink-Verlag 1995. S. 40.
Die Goldene Brücke. Stuttgart: Fischer Taschenbuch Verlag, 1996.
Holland-Moritz, Renate. Frühlingsgefühle // Satirische Texte. Stuttgart:
Fink-Verlag 1995. S. 12.
Jandl, Ernst. Lichtung // Kopferman, Thomas. Konkrete Poesie. Fundamentalpoetik und Textpraxis einer Neo-Avantgarde. Lang, Frankfurt/Main, Bern
1981. S. 35.
Kötter, Ingrid. Kündigungsgedanken // Satirische Texte. Stuttgart: FinkVerlag 1995.
Loriot. Deutsch für Ausländer // Satirische Texte. Stuttgart: Fink-Verlag
1995. S. 6.
Mechtel, Angelika. Netter Nachmittag // Satirische Texte. Stuttgart: FinkVerlag 1995. S. 17.
Morgenstern, Christian. Die Trichter // Kopferman, Thomas. Konkrete Poesie. Fundamentalpoetik und Textpraxis einer Neo-Avantgarde. Lang, Frankfurt/Main, Bern 1981. S. 30.
Müller, Heiner. Das eiserne Kreuz // Satirische Texte. Stuttgart: Fink-Verlag
1995. S. 8.
Rosendorfer, Herbert. Erzählerisches Werk. München Nymphenburger
Verlag 1978. S. 120.
Spiegel. 2003. № 10.
Stiller, Klaus. Ausländer. Deutschland erzählt von Arthur Schnitzler bis
Uwe Johnson. Stuttgart: Fischer Taschenbuch Verlag 1998. S. 170.
Zweig S. Novellen. M.: Verlag für Fremdsprachige Literatur, 1959.
114
Copyright ОАО «ЦКБ «БИБКОМ» & ООО «Aгентство Kнига-Cервис»
Учебное издание
Поликарпов Александр Михайлович,
Поликарпова Елена Вакифовна
Интерпретация немецкого
художественного текста
Учебное пособие
На немецком языке
Редактор Т.Ю. Ирмияева
Оригинал-макет и дизайн обложки М.В. Гришенковой
Подписано в печать 17.12.2013. Формат 60×84/16.
Усл. печ. л. 6,7. Тираж 100 экз. Заказ № 1053
Издательско-полиграфический центр имени В.Н. Булатова
ФГАОУ ВПО САФУ
163060, г. Архангельск, ул. Урицкого, д. 56
115
Документ
Категория
Без категории
Просмотров
1 005
Размер файла
1 094 Кб
Теги
deutsche, 5839, kгјnstlerischen, interpretation, texten, текст, немецкого, интерпретация, художественной, рїрѕсѓрѕр, учеб, рёрµ, des
1/--страниц
Пожаловаться на содержимое документа