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Analogieverfahren und Patentverletzung.

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1446
E p h r t h : Analogieverfahren und Pstentverletsung.
Das wesentlich neue Prinzip ist die Wirkung
Pon B o d e n g a s e n , deren Beschaffenheit teils
durrh Benutzung rein natiirlicher Einfliise, teils
durch kiinstliche Gaszusatze und gewisse regulierende Umstande zur zweckmiifligen Wirksamkeit
gebracht wird. Diese Verfahren sind den deutschen
Werkstatten fur Handwerkskunst zu Dresden durch
Patente in rnehreren Kulturstaaten geschiitzt (vgl.
Kap. 14). Es kommen die wirksamen Fakktoren
tiller bisher genannten Gaaverfahren vereint zur
Geltung, mit A u s n a h m e des nur langsam in
freier Natur und nur die Oberfliichenschichten briiunenden L i c h t e R. Dafiir werden eigenartige Wirkungen des Rodens nutzbar gemacht, die b e i g e e i g n e t e r B e s c h a f f e n h e i t des Bodens
eine' Art durchgreifender Verwesung der leicht zersetzlichen Holzbeatandteile vollhringen und das
dauernd Bestindige des Holzes in geliiuterter, altersreifer Beschaffenheit iibrig lassen, stumpf angefarbt
durch die humifizierten Anteile. Mit dem gewohnlichen unangenehmen Begriff der Verwesung d. h. mit der faulenden Zersetzung besonders bei
tierischen Resten - hat diese Holzverbriiunung
dennoch keine dhnlichkeit.
Man erzielt in vollkommenen bakterienfreien
Boden, wie Schlackenmassen, bei sonst geeigneten
Bedingungen die gleichen Erfolge. Es seien hier die
allgemeinen Grundlagen des Verfahrens erliiutert:
Das zu Rrettern oder Bohlen geschnittene Holz
wird in flachen Gruben auf der Kante liegend (in
der Liingsrichtung horizontal, nach der Bretterfliiche vertikal) in den zubereiteten Boden so eingebettet, daB es rnit Boden dauernd iiberdeckt bleibt.
Hierzu legt man flache Gruben von etwa 50 cm
Tiefe mit wasserdurchlhigem Untergrund a n und
setzt die Bretter dicht nebeneinander mit Pflocken
als Zwischenlage auf der ,,hohen Kante" liegend ein.
Das Bodenmaterial sol1 nicht tonig imd nicht
rein sandig, sondern grobkornig und ein wenig humushaltig sein. Eine KorngroBe von etwa >7 mm
ist die geeignetste, das Absieben auf Durchwurfsieben ist erforderlich. Wenn kein geeigneter Boden
zur Verfugung steht, so ist mittelkornige Kohlefeuerungs s c h 1 a c k e , die a n Stelle der Ammoniak
absorbierenden Huminstnffe etwas kohlige Reste
enthiilt, gleich gut breuchbar.
D i e s Bodenmaterial ist dauernd fur Wtasser
und Luft ziemlich d u r c h l k i g und h i l t bei ofterer
Anfeuchtung durch Regen oder BegieBung oder bei
Einfuhr von Abdampf der Dampfkessel den Boden
im richtigen MaBe feucht, ohnefliissiges'wasser lange
zuriickzuhalten. I m Wechsel der Benetxung und dea
Wasserabflusses wird reichlich Luft eingesaugt und
dauernd eine feuchte Atmosphiire im Boden erhalten. Die feuchte Bodenluft wirkt nachweisbar
oxydierend. Allein dieae Wirkung wird durch einen
liingere Zeit wirksamen Ammoniakbildner, den man
dem Boden zusetzt, sehr wesentlich unterstiitzt und
ergiinzt. In zahlreichen Versuchen h a t sich a n SteUe
der unsauberen und ungeeigneten jauchigen Ammoniakbildner ein vollkommen appetitlichm mineralisches Gemenge als weitaus am geeipetsten erwiesen. Die besten mineralischen Ammoniakbildner
enielt man durch Beimengen von Kalk und Ammoniumsalzen oder von Kalkstickstoff zu etwa je 1 bis
2% der Bodenmasse. Dieses Beimengen der Chemikalien zum Bodenmaterial geschieht zweckmiiBig
WtlCMft IYI
[.ngewSndta chemla.
durch griindliches Durcharbeiten mit Schanfeh a d
einer Unterlage von Brettern. Hknn SOU der Boden
zuniichst moglichst trocken sein, we8 die feaehten
Chemikalien zu rasch Alnmoniak idden. Fur die
Kalk-Ammoniumsulfatwirkungist es weder d i g ,
noch zweckmiiflig, den Kalk in Form des uerhiltnismiiflig teueren gebrannten oder geIbchten Kelkes
r Calcinmcaranzuwenden, sondern man kann k
bonat in Form von gemahlenem K a l b t e i n nehmen.
Die geeignetsten Matorialien sind die i i b e d l erhiiltlichen KunsMiinger ,,Rohkdhteinmehl" nnd ,,Ammoniumsulfat" (Amrnoniakdiingesalz). Wenn durch
eindringendes W w e r etwas Ammoniumsdfat g e l k t
wird und mit dem unliislichen Kalk zusammengeriit,
so setzen sich d i m in schwerliislirhen Gips (schwefelsauren Kalk) und k o h l e n s a m Ammonium (Ammoniurncarbonat) um. Daa leicht in A m m o n i a k und
Kohlenssure zerfallende Ammoniumcarbonat ist
dann die wirksame Substanz. Die dauernde langsame
und geringfiigige Neubildung von Ammoniumcarbonat am schwefelsaurem Ammonium und kohlensaurem Kalk scheint wcsentlich geeigneter fur den Verlauf der Bodenverbriiunung dea H o l m zu sein, als
daa rasch zerfallende und iiberdies teuere Ammoniumcarbonat selbst, oder als daa raxhentwickelte Ammoniak aus gebranntem Knlk und Ammoninmsalzen.
Die Wirkung ist besonders gut, wenn fur raschen AbfluB iibermiifliger Bewiisserung, fur Regulierung der
Bodenfeuclitigkeit und Bodendurchliiftung, fur langsame Bildung von Arnmoniak gesorgt und d a s
rasche Entweichen von Ammoniak
e u s d e r G r u b e g e h e m m t w i r d . Zudiesem
Zweck iiberdeckt man die zwischen und auf die
Bretter gefiillte Bodenmasse entweder mit mittelkornigem S a n d oder - um dessen spiitere Vermengung mit der von neuem zu benutzenden Bodenmaase zu vermeiden - mit mehreren Schichten von
Abfallhadern (Sackleinwand usw.).
Zu geringe und allzu reichliche B e w k e r u n g
sind tunlichst zu vermeiden. Die Versuche haben
gelehrt, daB organische Bodenarten, die s e 1b s t
teilweise oder ganz aus verwesbarer organischer
Substanz besteben, eingelegte Holzbretter geradezu
vor der Verbriiunung bewahren. So verbraunen
(verstopfen, verkohlen oder verwesen) die fein zerteilten Maasen von Laubwaldhumus, Nadelwaldhumus, Torf, Gerberlohe, Siigespiine selbst natiirlich vie1 leichter als die Bretter.
Geeignet sind, wie gesagt, nur lockere, wenig
humushaltige oder kohlige mineralische Boden, in
denen die B o d e n g a s e : W a a s e r d a m p f , L u f t ,
A m m o n i a k u n d K o h l e n s i i u r e vermutlich auch Wasserstoffsuperoxyd die gewiinschte zum
Altersgrau gebrochene Briiunung der eingebetteten
Holzmassen vollbringen.
Diem eigenartige Wirkung des Bodena ist aber
nicht durch andere Mittel ersetzbar.
[A. 151.1
Analogieverfahren und Patentverletzung.
Von Patentanwalt Dr. JULIUS
EPERAIM.
(Eingeg. 80.14. 1910.)
R u d o l f I s a y hat in einem bemerkenswertan Aufsatzel) die Frage erortert, inwieweit ein
1) Markenschutz u. Wettbewerb 8, 183.
lsld
H~~Urm
81. 6.Jahrgang.
August
Ephraim: Analo&ieverfahren und Pntentvedetsung.
Analogieverfahren eine Verletzung des alteren in
Vergleich zu stellenden Verfahrens bildet. Er kam
zu dem Schlusse, daB ein Analogieverfahren grundsatzlich n i c h t unter daa Patent auf daa altere
Vergleichsverfahren (von H e r m a n n I s a y 2)
treffend als das ,,Grundverfahren" bezeichnet) falle.
Die Grundlage zu dieser Anschauung ist die Auffaasung, daO begrifflich die Grundsatze der Aquivalenz nicht rtuf Analogieverfahren Anwendung
finden konnten. Nach R u d o 1 f I s R, y bedeutet
Aquivalenz die Erzielung gleicher Ergebnisse mit
verschiedenen Mitteln, dagegen liefere ein Analogieverfahren verschiedene Ergebnisse mit gleichen
oder ahnlichen Mitteln. Dieser Anschauung, der
auch H e r m a n n I s a y (1. c.) beitritt, ist nicht
zuzustimmen.
Der Regriff dea Andogieverfahrens ruuB in
etwas anderer Weise beatimrnt werden, als es von
R u d o 1 f I s a y geschehen ist. Unter Analogieverfahren hat man ein Verfahren zu verstehen, welches
in analoger Weise zum Grundverfahren verlkuft.
Hiervon kann man bei chernischen Verfahren nur
sprechen, wenn die aufeinander wirkenden Stoffe
bei analoger Konstitution chemisch im gleichen
Sinne wie bei dern Grundverfahren miteinander reagieren. Der c h e m i s c h e Verlauf der zu vergleichenden Verfahren ist fur den Begriff dea Analogieverfahrens beatimmend. Damit zwei Verfahren
chemisch den gleichen oder richtiger ausgesprochen
den analogen yerlauf nehmen, ist ea erforderlich,
daB die Ausgangsmaterialien in beiden Fallen analog konstituiert sind und auch in der analogen Weise
aufeinander reagieren. Die Folge kit, daO auch daa
Endprodukt analoge Konstitution in beiden Fallen
hat.
Bei diesen Erlauterungen mag ea auffallen,
daB immer der Ausdruck ,,anaiog'' gebraucht wird.
Es handelt sich aber bei der Erklarung um chemische
Gegenstiinde, fur die ein anderer Kunstauadruck
kaum zur Verfiigung steht. Der patentrechtliche
Ausdruck ,,Analogieverfahren" iat ursprunglich
der chernischen Terminologie entnommen. Entsprechend den Verschiedenheiten der Gebiete hat
dam spater der patentrechtliche Begriff erst einen
verschiedenen Inhalt erhalten.
f i r die Annahme der Analogie zweier Verfahren ist es nicht erforderlich, daB die Konstitution
der aufeinander wirkenden Stoffe vollstiindig analog ist, vielmehr geniigt ea, d a8 die aufeinander
wirkenden charakteriatischen Gruppen im Verfahren die gleiche Funktion auszuiiben vermogen.
Die Gleichheit des Reaktionsverlaufea ist nur zu
fordern, soweit die wirksamen Gruppen in Betracht
kommen. Abgesehen hiervon kann sonst verschiedenheit infolge sonst vorhandener Gruppen vorliegen.
Man wird bisweilen im wiesenschaftlichen Sinne
von einem Analogieverfahren s p mh en , wo man
patentrechtlich daa Vorliegen deaselben nicht anzunehmcmmeigt ist. Dies riihrt davon her, daB
man im- Patentwesen .oftem auf Umstande Wert
legt, die bei der wissenschaftlichen Beurteilung BUSscheiden3).
-~
2) D i m 2. 22, 1827 (1909).
E p h r a i m , Deutachea Patentrecht fiir
Chemiker 93, 49.
1447
-
Wenn man das Wesen des Analogieverfrthrens
priift, mu13 man zu dem Ergebnis gelangen, daB der
von R d o 1 f I e' a y behauptete Gegensatz zwischen Aquivalenz und AnaIogie nicht besteht. Der
analoge Verlauf der Verfahren ist dadurch bedingt,
daB die aufeinander wirkenden Stoffe in gleicher
Weise wie bei dem Grundverfahren reagieren. Fur
den Verlauf der Verfahren in dem bestimmten Sinne
macht ea also keinen Unterschied, ob der eine
Stoff oder der andere verwendet wird. In dieaem
Verfahen sind also die beiden zu vergleichenden
Stoffe einander gleichwertig. ,,Aquivalent" be deutet ,,gleichwertig". I m patentrechtlichen Sinne
(etwas abweichend von der chemischen Terminologie) ist mit dem Regriffe der Aquivalenz ,,Gleichwertigkeit hinsichtlich der Wirkung" gemeint. Die
aufeinander wirkenden Stoffe sind in der Reaktion
gleichwertig, sie haben fur die Reaktion den gleichen
Wert , als wenn der Vergleichsstoff vorliegen wiirde.
Bei einem Analogieverfahren sind die Stoffe dea
Grundverfahrens durch die Aquivalente ersetzt.
Die Bezeichnung ,,Analogieverfahren" deutet nur
darauf hin, daf3 der chemische Verlauf in beiden
Fallen analog ist. Hiernsch liegt im Analogieverfahren ein besonderer Fall der Aquivelenz vor,
w&s S e 1 i g s o h n (8 1 Kr. 11) bereits ausgedriickt
hatte.
Aquivalenz bedeutet ganz allgemein Gleichwertigkeit der Wirkung. Dagegen gibt der Begriff
des Analogieverfahrens an, in welcher Richtung
Rich die Aquivalenz erstreckt, und hebt eine besondere Art der Gleichwertigkeit hervor. Aquivalenz ist der allgemeine Fall, Analogieverfahren ein
beaonderer.
Der Unterschied zwischen Analogie und Aquivalenz kann durch folgendea Beispiel veranschaulicht werdenr). Daa D. R. P. 38 973 schiitzt ein
Verfahren zur Darstellung der Salicylrriiureester der
Phenole und Naphthole (Salole) durch Erhitzen von
Salicyleiiure und Phenol mit Phosphoroxychlorid
oder Phosphorpentachlorid. Die Wirkung dea Phosphorpentachlorids oder Phosphoroxychlorids besteht in der Herbeifiihrung einer Abspaltung von
Waaaer. In diaser Hinsicht sind die angefiihrten
Phosphorverbindungen anderen waaearentziehenden
Stoffen, wie Chlorzink UBW., aquivalent. Es liegt
aber in dem Verfahren des D. R. P. 38 973 kein
Analogieverfahren zu der vor seiner Anmeldung bekannten Einwirkung der Phenole auf Salicylsaureester vor, weil der Verlauf der Verfahren eben verschieden ist.
Die im Gegenscttz zu R u d o 1 f I s a y gegebene
Kennzeichnung der Aquivalenz ist die bisher iibIiche geweaen. 0 t t o N. W i t t , der die hhre der
ptentrechtlichen Aquivalenz fiir die Chemie besonders ausgebaut hat, schildert die Aquivalenz
gerade an Beispielen, bei denen R u d o l f I s a y
die Aquivalenz ablehnt. R u d o 1 f I s a y geht von
dem Eeispiele au8, daO ein fiir die Heratellung dea
Cyankaliums geschiitztm Verfahren auch fiir die
Herstellung von Cyannatrium verwsndbar sei, und
beatreitet hier daa Vorliegen einer dquivalenz zwischen Cyankalium und Cyannatrium. O t t o h'.
W i t t (,,Die deutsche chemische Industrie in ihren
4) E p h r a i m , Deutaches Patentrecht fk
Chemiker 112, 69.
1448
Ephmim : Analogieverfahren und
Beziehungen zum Patentwesen" 1893, 23) fiihrt
Kaliumhydroxyd und Natriumhydroxyd als Aquivalente an. E r erortert (S. 24) auch den Fall, daO
der Erfinder absichtlich Kali- und nicht Natronlauge vorschreibt, weil er damit einen ganz b t i m m ten Zweck, z. B. die Ausscheidung eines b o n d e r s
schwer loslichen Kaliumsalzea, verfolgt. ,,In einem
solchen Falle ist die Natronlauge, welche vielleicht
ein leicht liisliches und daher schwer abmcheidendes Salz liefern wiirde, der Kalilauge nicht Bqnivalents)."
Bei der Frage der Aquivalenz h at R u d o I f
I s a y augenscbeinlich den Begriff der ,,Gleichheit
der technichen Wirkung", den er als Erfordernia
der Aquivalenz aufstellt, unrichtig aufgefaBt. W i t t
erwiihnt bei der Besprechung der Aquivalenz die
Absiittigung von Bariumhydrat mit Schwefelsiiure,
Chromsaure oder Salzsaure. ,,Wenn as sich in
dem gewiihlten Beispiele bloO darum handeln
wiirde, vorhandenes Bariumhydrat zu neutralisieren und dadurch seiner alkalischen Wirkungen
zu berauben, dann kijnnten allerdings fur die
Zwecke eines solchen Patentes die drei aufgefiihrten Siiuren auch patentrechtlich einander aquivalent sein. Wenn aber bei einer anderen Erfindung
etwa durch Neutralisation von Bariumhydrat mittels Schwefelsiiure die Erzielung eines weiOen, vollig
unliislichen Niederschlages der erstrebte Zweck
wire, dann sind Salzeiiure und Chrpmeiiure der
Schwefelsaure nicht iquivalent, denn erstere eneugt
ein farblosea, leicht liisliches, letztere ein schwer
liisliches, aber tiefgelb gefarbtss Salz" (S. 26).
Die Ausfiihrungen W i t t s stiitzten sich &usdriicklich auf die von Juristen gegebenen Definitionen der Aquivalenz. Diese sind tataiichlich, wie
W i t t auch ausdriickt, eine chemische Illustration
der von K o h 1 e r (Patentrkchtliche Forschungen,
S. 66) gegebenen Definition der Aquivalenz.
Die Frage der Aquivalenz kommt im Patentrechte nach zwei verschiedenen Richtungen in Bet m h t . Zunachst mu13 die Aquivalenz gepriift werden, wenn ea sich darum handelt, ob eine Erfindung
vorliegt. Die zweite R a g e i t , auf welche Bquivalente sich der Schutz eines Patentes erstreckt.
Ebenso handelt es sich bei den Amlogieverfahren
einmal darum, warm ein Analogie~erfahreiials patentfiihig anzuwenden ist. Fiir die R a g e der Patentverletzung entateht zuniichst die Frage, ob in
dem Analogieverfahren eine Verletzung dea Patentes, welches auf das Grundverfahren erteilt ist,
erblickt werden soll. Dieae Frage ist von R u d o 1 f
I s a y erijrtert worden. Dann entsteht die Frage,
wie weit sich ein a d ein Analogieverfahren, daa
also einem zur Zeit der Anmeldung bereits bekannten Grundverfahren analog verlauft, erteilh Patent erstreckt. Diese Frage ist von H e r m a n n
I s a y behandelt worden.
R u d o 1 f I s a y lehnt es ab, ein Patent auf
alle dem patentierten Verfahren naahgebildeten
Analogieverfahren auszudehnen, sofern nicht der
Erfinder wenigstens die Moglichkeit derartiger Analogien selbst erkannt hat. Eine derartige Beschran6) Die Ausfiihmngen W i t t s beziehen sich
auf die hquivalenz hinsichtlich der Frage, ob eine
Erfindung vorliegt, beriihren aber nicht die Frage
dea Patentschutzea.
Patentverletzung.
[
Zeltschrlit ttlr
angewandte Chemle.
kung des Patentschutzes ist aber nicht dadurch zu
begriinden, daB man zwischen Aquivalenz und Analogie unterscheidet. Nach den obigen Darlegungen
i t eine derartige Differenzierung fur die Beurteilung der Patentfiihigkeit unrichtig. Man muB sie
aber aucb fiir die Entscheidung iiber den Schutzumfang a18 unzutreffend ablehnen.
Augenscheinlich ist R u d o 1 f I s a y zu seiner
Auffassung durch eine unrichtige Auffaasung des
Erfindungsproblems gekommen. R u d o 1 f I s a y
geht davon aus, daO die Lehre von der Aquivalenz
auf der Erfahrung beruht, wonach dem Techniker
zur Erzielung eines beatimmten Erfolges steta zahlreiche verschiedene Mittel zur Verfiigung stehen.
Dagegen bestreitet R u d o l f I s a y , daO jede
h h n i s c h e Maanahme in ihrer Gesamtheit zur Erzielung vieler verschiedener Wirkungen, zur Losung zahlreicher Probleme verwendbar ware. Diese
Auffaasung steht aber mit den tatsiichlichen Verhaltnissen nicht im Einklang. Ebenso wie der Chemiker weil, daB der Ersatz einw Stoffea (oder auch
beider aufeinander wirkender Stoffe) in einem bestimmten Verfahren moglich ist, wei13 er, daB durch
diesen Ersatz eine Beeinflussung des Resultates
moglich ist. Wenn man in diesem Falle von einer
Mehrheit der Probleme sprechen will, so kann sie
der Chemiker ohne weiteres voraussagen. Weil ein
von dem Produkte des Grundverfahrens verschieden
zusammengesetzter Stoff entsteht, kann man nicht
vollige Ubereinstimmung seiner Eigenschaften mit
dem Ergebnisse dea Grundverfahrens annehmen.
Andererseita kann man aber die Entatehung eines
verschieden zusammengesetzten Stoffes voraussagen. Umgekehrt kann aber die Abweichung dea
Reaultates in bestimmter Richtung nicht prophezeiht werden, vielmehr sollte auch Gleichwertigkeit
des Erfolges angenommen werden. Aus diesem
Grunde begriindet eben, sobald ein neuer nicht
vorauszusagender technischer Effekt eintritt, derselbe die Patentfahigkeit des durch Einfiihrung der
Stoffe, die zunachst als iiquivalent anzusehen sind,
entstandenen Verfahrens. Die chemische Betrachtung, die hier allein maOgebend ist. beweist auch in
dieaer Hinsicht, daD das Analogieverfahren nur ein
besonderer Fall der Aquivalenz ist.
-Dies gilt sowohl fiir die Moglichkeit der Verwendung der dquivalente wie auch fiir die Aquivalenz des Resuhates.
Wenn man den Patentschutz auf die Aquivalente der verwendeten Mittel erstreckt, mu0 man
ihn auch auf das Analogieverfahren erstrecken.
Dies folgt daraus, d a B die Analogieverfahren patentrechtlich einen besonderen Fall der Aquivalenz darstellen, und zwar sowohl hinsichtlich der Frage der
Patentfiihigkeit wie dea Patentschutzes. Selbstverstiindlich mu0 man nur bei der Beurteilung dea
Patentachutzea einen anderen MaDstab an die
Aquivalenz legen, wie bei der Priifung auf Erfindungseigenschaft. I n Fallen, wo bei der Patenterteilung das Vorliegen einer Aquivalenz mit Riicksicht auf den erreichten neuen technischen Effekt
beatritten werden mu& kann doch noch Bquivalenz
bestehen, soweit ein Eingreifen in den Schutzumfang des alteren Patentes in Frage kommt. h t z dem kann man in einem derartigen Falle von einer
Aquivalenz der Mittel, die sich auch in der Aquivalenz der Ergebnisse bemerkbar machen wiirde,
HeitXXIII.
81m 6.Jahrgnng.
August 1910]
sprechen. Wollte man den Unterschied zwischen
Aquivalenz bei der Erfindungseigenschaft und dem
Schutzumfange in Abrede stellen, so miiBte man
die Moglichkeit von Abhangigkeitapatenten bestreiten. Die gleichen Verhiiltnisse miissen auch bei
den Ana1ogieverfahre.n beatehen, sobald man dieselben als besonderen Fall der dquivalenz ansieht.
Tatsikhlich wiirde die Anschauung R u d o 1f
I s a y s dahin fiihren, daB zwischen Analogieverfahren keine Abhiingigkeit bestehen kann. Die
prinzipielle Unabhangigkeit des Analogieverfahrens
von dem Grundverfahren ist bisher niemals behaupt e t worden. Die Folge der Anschauung R u d 0 1 f
I s a y s miiBte eine Beachrankung des Schutzea der
auf chemische Verfahren erteilten Patente sein.
Diese Beschriinkung wiirde aber zu einer auffallenden Konsequenz fiihren: In vielen Fallen kann der
Chemiker aus einem Verfahren die Moglichkeit
einer analogen Durchfiihrung fur analoge Stoffe
erkennen. Sobald kein neuer technischer Effekt
vorliegen sollte, miiBte daa Patent auf das Analogieverfahren versagt werden, weil der Sachverstandige die Moglicbkeit und Wirkung voraussagen
kann. Trotzdem wiirde aber der Schutz des auf
da3 Grundverfahren etwa erteilten Patentes sich
grundqatzlich nicht auf das Analogieverfahren erstrecken. Es sind allerdings Fiille denkbar, wo das
Patent auf Grundverfahren das Analogieverfahren
nicht umfaasen wiirde. Die p r i n z i p i e 1 1 e Ablehnung der Ausdehnung des Schutzes wiirde aber
der Lehre der Aquivalenz widersprechen.
Die Anschauung R u d o 1 f I s a y s iiber das
Erfindungsprobleni scheint in der Herstellung
einer jeden chemischen Verbindung ein gesondertes
Problem anzunehmen, wie sich aus dem von R u d o 1 f I s a y ausffhrlich behandelten Beispiele dea
Cyankaliums und Cyannatriums ergibt. R u d o 1 f
I s a y erkliirt, dal3 der Techniker nicht die Moglichkeit verschiedener Wirkungen voraussagen kann.
Dieae Verschiedenheit der Wirkungen besteht aber
nicht bei dem Analogieverfahren. Daa Kennzeichen
dea Analogieverfahrens ist die Gleichheit dee chemischen Verlaufea irn Vergleiche zum Grundverfahpen. Die Aufgabe ist in jedem Falle, eine bestimmte
Atomgruppierung im Endprodukte zu erreichen.
Dieses Problem ist das gleiche beim Analogieverfahren, wie beim Grundverfahren. Die von R u d o I f I s a y angenommene Verschiedenheit der
Wirkung beateht also tatsachlich nicht. Bei der
Erorterung der Frage ist zu unterscheiden, ob ea
sich um einen zur Zeit der Fxfindung bzw. der Patentanmeldung bereits bekannten Korper handelt
oder um einen Stoff, der erst durch die Erfindung
bekannt gemacht wird. Sobald das Verfahren die
Herstellung einer schon beschriebenen chemischen
Verbindung betrifft, ist im allgemeinen nicht die
Gewinnung dieser chemischen Verbindung das zu
liisende Problem. Es handelt sich meist um die
t h r w i n d u n g bestimmter Nachteile, d. h. um die
Liisung gewiaser Aufgaben, die bei dem Verfahren
der Gewinnung entatehen. Dieae Uberwindung ist
aber allgerneiner Natur und ist nicht auf das Verfahren des einzelnen Stoffes beschrankt, sondern
findet sich auch bei den gleichartig zusammengesetzten Verbindungen. Mit Riicksicht auf die allgemeine Natur des Problems kann die Liisung
nicht auf den einzelnen Fall beschrankt sein. Es
Ch. 1910.
1449
Ephraim: Analopieverfabren und Pstentverletanng.
ist gleichgiiltig, ob der Erfinder dies klar ausgedriickt hat, da der Schutz der Erfindung sich nicht
nur darauf erstreckt. was der Erfinder klar ausgedriickt hat.
Selbat wenn bei der Herstellung eines bekannten Korpers die geatellte Aufgabe darin zu erblicken ist, daB ea sich gerade um die Gewinnung
der einzelnen Verbindungen handelt, erstreckt sich
das Problem der Erfindung weiter. Ee handelt
sich immer um die Vereinigung bestimmter Atomgruppen, deren Zusammentritt durch daa Verfahren
veranlaDt werden soll. Kennt man die Zusammensetzung der in h g e kommenden Verbindungen, so
weiB man. daB eben die besondere Atomgruppierung
in dieser Weise hervorgerufen werden 'kann. Die
gefundene Liisung stellt eine Veranschaulichung
dieaea Gedankens dar und erstreckt sich daher auf
mehr als die Darstellung einer einzelnen chemischen
Verbindung.
Wenn die Erfindung erst die Entatehung eines
bisher unbekannten Stoffes herbeifiihrt, konnte
man vielleicht an die Mehrheit von Problemen denken. Das Verfahren bedeutet aber auch in dieaem
Falle die Herbeifiihrung bestimmter Atomvereinigungen, wiihrend ein Teil der sonst noch vorhandenen Gruppen gleichsam Beiwerk ist, deasen Vorh a n d e m i n fiir den Ausdruck dea Problems und seine
Liisung nebeIlRiichlich ist. Der Chemiker denkt in
d i e m Falle gar nicht daran, welche sonstige
Gruppen mit dem a k i n von dem Verfahren beriihrten Komplex verbunden sind. Man denkt
gleichsam nicht an Cyankalium, sondern an den
Zusammentritt der Cyangruppe mit einem Metal],
und driickt diesen Gedanken aus, indem man von
der Herstellung von Cyankalium spricht. Ebenso
ist es bei einer ganzen Reihe neuer Stoffe. Das
Problem ist nicht derartig eng begrenzt, wie R u
d o l f T s a y annimmt.
Die gekennzeichnete Sachlage ist auch dann
vorhanden, wenn der Erfinder die Zusamrnensetzung der neu aufgefundenen Stoffe nicht bekannt
gegeben hat und sie vielleicht selbst nicht kennt.
Es werden nicht wenig Patente auf die Herstellung
neuer Stoffe erteilt, ohne daB die Zusammensetzung
zunachst aufgeklart werden kann. Auch in diesem
Falle ist daa Problem nicht auf die Gewinnung dea
einzelnen Stoffes gerichtet. Allerdings wird man
nicht sagen konnen, in welcher Weise die Atomgruppen aneinander treten. Das Patent und das
von ihm behandelte Problem erstreckt sich auch
nicht auf die Herstellung eines Stoffes gewisser Zusammensetzung, sondern auf die Gewinnung von
Stoffen gewisser technisch wertvoller Eigenschaften.
Die Zusammensetzung i t fur die Industrie in die-sem
Falle nebensachlich, vielmehr kommt es nur auf
die Erzielung der beatimmten Eigenschaften an.
Wenn diese Aufgabe durch Anwendung der dquivalente in dem bestimmten Verfahren auch gelost
wird, hat es fiir den Patentschutz keine Bedeutung,
ob die Produkte gleich oder verschieden zusammengeaetzt sind. Der in der Kongoentacheidung (G a
r e i s 7, 56) vom Reichsgerichte ausgeaprochene
Satz, daD das Patentgesetz nicht die Bestimmung
hat, die reine Theorie um neue Methoden zu bereichern, sondern den Zweck verfolgt, den Erfindergeist fur daa Gewerbe in nutzbringender Weise anzureizen, hat, auch in dieaer Richtung seine Geltung.
-
-
182
1460
Ephraim: Analogieverfshren und Patsntverletnung.
Es handelt sich fiir die Technik nicht darum, neue
chemisch genau erkannte Verbindungen herzustelIen, sondern Stoffe von industriellem Wert zu gewinnen.
Die Annahme R u d o 1 f I s a y s , daB es sich
bei der Darstellun,o verschieden zusammengesetzter
Stoffe notwendig urn verschiedene Probleme handelt, wird auch nicht durch die Beachrankung des
Patentschutzes auf ,,bestimmte" chemische Verfahren geatiitzt. Es liegt eben ein bestimmtes chemischea Verfahren vor, wenn man die zu verwendenden Stoffe und die charakteristischen Merkmale
der Produkte kennt. Die Forderung nach einer
strengen Handhabung der Ausnahmebestimmung
bezog sich'nur auf diese Punkte. Fiir den Chemiker sagt aber die Anfuhrung eines einzelnen
Stoffes eben mehr als in der einzelnen Hervorhebung
liegt. In diesem Falle beateht auch die Bestimmtheit des Verfahrens noch, sobald neue Stoffe verwendet werden, die unter den Begriff des angegebenen Mittels fallen.
Die Gleichheit dea gewerblichen Zweckes, dem
die Produkte dienen ktinnen, ist allerdings nicht
maBgebend. Man kann R u d o 1 f I s a y beistimmen, daO der gewerbliche Zweck nur ein nebenBiichliches Merkmal des Erfindungsbegriffes ist.
Wohl aber kommen die gewerblich wertvollen
Eigenschaften der Produkte in Betracht. Die chemischen Verbindungen sind nur nach ihrem Verhalten unter bestimmten Verhiltnissen zu unterscheiden. Zu den Kennzeichen, welche fiir die
Klassenzugehorigkeit maBgebend sind, konnen aber
auch technisch wertvolle Eigenschaften gelten. Das
Verhalten dea Methylenblaus ist z. B. ganz charakteristisch und kann auch dann zur Identifizierung
dea Stoffea und weiter der Homologen dienen, falls
daa Produkt nicht zum Farben, sondern zu medizinischen Zwecken als innerlichea Arzneimittel benutzt wird. Auch die gewerblichen Eigenschaften,
die allerdings von dem gewerblichen Zweck unterschieden sind, werden durch die besondere Atomgruppierung der Verbindung hervorgerufen. A m
diasem Grunde konnen die technischen Qualitiiten
der Erzeugniese sehr wohl fiir die Ausdehnung des
Patentschutzes auf die Analogieverfahren geltend
gemacht werden. Man wird bei der Beurteilung des
Patentschutzea davon ausgehen, daB die Erfindung
in jedem Falle einen Erfindungsgedanken verkorpert. Die Erfindung ist der konkrete Ausdruck
eines Gedankens. Als P e t e r G r i e I3 zum erstenma1 Diazoverbindungen herstellta -und den ersten
Azofarhtoff darsbllte, schuf er mehr, als die bloBe
Angabe der aufeinander wirkenden Stoffe enthielt.
Ob sich G r i e I3 selbst uber die Tragweite klar
war, kame fiir die Auslegung des etwa vorhandenen
Patentschutzes nicht in Betracht. Sobald ein
anderer Erfinder auf ein anderes Amin salpetrige
Siiure einwirken lieB und die erhaltene Diazoverbindung mit einem anderen Phenol kuppelte, benutzte er den Erfindungsgedanken von G r i e B .
Letzterer hatte eben in dem bestimmten Verfahren
einen Gedanken verkorpert. Dieaer Gedanke konnte
dann auch vorliegen, wenn ein neues Verfahren
dem grundlegenden von P e t e r G r i e D angegebenen analog nachgebildet wiire. Bei der Erorterung
dea Schutzea kornmt nur in Frage, ob die etwaige
Verletzung den Erfindungsgedanken des alteren
csn:A%Yc&c.
Patentea enthalt. In dieaer Weise miiisen stets
verschiedene Gegenstiinde verglichen werden, urn
ihre patentrechtlichen Beziehungen festzustellen.
Wenn man fur das Analogieverfahren eine Ausnahme machen wollte, so wiirde man gerade bei
denjenigen Verfahren, die dem Bekannten analog
sind, andere Regeln als sonst bei der Beurteilung
von Verletzungen anwenden wollen. Man miiBte
erklaren, daB, sobald ein Verfahren zu einem geschiitzten analog verlauft, die Ermittlung des Gedankeninhaltes im Analogieverfahren fiir die Featstellung einer Patentverletzung bedeutungslos sei.
Es wiirde also des Analogieverfahren eine patentrechtliche Ausnahmestellung erhalten. Es ist aber
wohl nicht zu beatreiten, daB jede technische
Schopfung nach gewissen gleichbleibenden Grundsatzen beurteilt werden muB, weil eben Erfindungen
eine eigentiimliche einheitliche Klasse von Geisteaschopfungen sind. Der Erfindungsbegriff und der
Begriff des Patentschutzea miissen als einheitliche
Normen angesehen werden, die jede fiir sich festatehenden Grundsiitzen unterliegen. Man kann
nicht erklaren, daB man je nach der Art der Erfindung verschiedene Prinzipien anzuwenden hat.
Das Grundverfahren hat selbstverstindlich wie alle
Erfindungen einen gedanklichen Inhalt, den e8
nicht dadurch verlieren kann, daB ein Analogieverfahren denkbar ist. Nach diesem gedanklichen
Inhalt ist der Schutzinhalt des Grundpatentes zu
beurteilen. Aber auch das analog verlaufende Verfahren muB einen gedanklichen Inhalt haben, dessen
Ermittlung rnoglich sein muB. Man konnte ja sonst
uberhaupt nicht fatstellen, daB es sich um Analogieverfahren handelt. Auch der Umstand, daI3
man fur die Entscheidung, ob ein Verfahren als
Analogieverfahren anzusehen istj auf den- verkorperten Inhalt eingehen mu& zeigt, daB Analogieverfahren ebenso zu beurteilen sind, wie d l e anderen
technischen Schiipfungen. Nur dann, w e m die
Analogieverfahren nach ihrer beaonderen Natur
den allgemeinen Grundsiitzen nicht untergeordnet
werden konnten, wiirde man fiir dime Klasse eine
Sonderstellung einraumen konnen. Technische Erfindungen einerseits, Werke der Tonkunst andererseita sind beispielsweise Geistesschopfungen, die
nicht nach gleichen Gesichtspunkten beurteilt werden konnen. Nine ahnliche Unterscheidung kann
aber zwischen Analogieverfahren und Grundverfahren als Angehorige der gleichen Gruppe von Geisteaschopfungen nicht gemacht werden.
11.
Die zweite Frage bei Analogieverfahren bezieht sich darauf, inwieweit sich der Schutz eines
Patentea, welches auf ein Analogieverfahren erteilt
ist, erstrecken kann. Diese Frage ist von H e r m a n n I s a y 6 ) eriirtert worden. H. I s a y unterscheidet zwei Gruppen von Analogieverfahren: Bei
der ersten Gruppe liegt das Neue in den Ausgangsstoffen. Es besteht ein Patent auf ein Verfahren
zur Herstellung eines Farbstoffes aus diazotierter
P,-h'aphthylamin-al-sulfosiiure mit P,-Naphthylamin-a,-sulfosaure mit P-Naphthol. Ein anderer
stellt durch Verbindung desselben Diazokorpers
rnit 8-Naphthylamin einen neuen Farbstoff her.
6)
Dieae Z. X I , 1827 (1909).
*,.
XMlLli,Jahrgang.
August ,s,,,~
1451
Ephrsim: Analogieverfnhren und Petentverletaung.
Bei der zweiten Gruppe ist das Verfahren
eeibst neu gewesen: Es besteht ein Patent auf ein
Verfahreu zur Herstellung von /?-Naphthylaminsulfosam aus &Naphtholmonosulfosaure durch Erhihen mit Ammoniak unter Druck. Ein anderer
stellt 80 @-Naphthylamindisulfosiiureaus 8-Naphtholdisulfosaure durch Einwirkung von Ammoniak
her.
Ein grundlegender Unterschied bei der Beurteilnng beider G ~ p p e nkann nicht anerkannt werden. In jedem Falle handelt ea sich um die Rage
der Ermittlung des Erfindungsgedankens. Hierzu
miissen die gleichen Mittel benutzt werden, die
~iteteAnwendung zu finden haben: Der Stand der
Technik zur Zeit der Anmeldung und der Urnfang
des vom Erfinder in der Patentschrift Kiedergelegten. Beide anerkannten Hilfemittel sind bei jeder
Beurteilung einer Erfindung anzuwenden. Wenn
man von einem einheitlichen Begriff der Erfindung
susgeht, muB man auch bei Analogieerfindungen
die anerkannten Mittel der Priifung anwenden.
Eine Untemcheidung wegen der Art der Erfindung
ist durchaus nicht begriindet. Man h a t nur zwischen der Beurteilung hinsichtlich der Erfindungseigenschaft und des Schutzumfangea zu unterscheiden.
H. I s a y bespricht Beispiele, in welcher Weise
daa Reichsgericht die Erfindungen der ersten Gruppe
hinsichtlich der Patentfiihigkeit beurteilt hat. Bei
dem Kongorotpatent 28 7537) wurde der urnfassende Patentanspruch, der allgemein die Kombination von Tetrazodiphenylsalzen mit ah oder /?-Naphthylamin schiitzte, aufrecht erhalten. H. I s a y
leitet aw der Entacheidung den Grundmtz ab, d a B
WEM ein bekanntes Verfahren, auf einen neuen
Ausgangsstoff angewendet, ein neuea wertvollea
Resultat enielt, dem Erfinder die Anwendung dea
Verfahrens auf diesen Ausgangestoff ganz allgemein
vorbehalten sei, auch wenn des Verfahren zahlreiche
Ausfiihrungen habe, die von dem Erfinder im einzelnen noch nicht durchforscht. und deren Reaultate
daher noch ungewil3 sind.
Bei der Beurteilung dieaer Entscheidung ist
zu beachten, daB ea sich nicht um den Schutzumfang der Erfindung handelte, sondern um die
Festatellnng der, Merkmale der Erfindung. Es ist
hierbei in erster Linie zu beriicksichtigen, daD die
Gruppe der Diphenylverbindungen zum ersten
Male zur Herstellung von Farbstoffen benutzt worden ist. (G a r e i s , Entscheid. 1.64.) Diese C l ~ p p e
ergeb ein neuea unerwartetes Resultat. Man konnte
m a r t e n , daO diesea neue Resultat eben durch die
Anwendung der bisher noch nicht vemendeten
Gruppe von Stoffen erreicht werden wiirde. Mit
Riiokaicht hierauf wurde der Patentanspnich aufm h t erhalten. Daa Reichsgericht spricht in seiner
Entacheidung iiber die Aufrechterhaltung des Patentea davon, daB das Patentamt den Urnfang dea
Patentes etwm weiter gezogen habe. als er vermutlich nach dem Stande der Industrie zur Zeit der
Urteilefiillung gezogen sein wiirde. Dieaer Satz ist
ellerdings nicht vollkommen klar. Die allgemeine
Fmung ,,Tetrazoverbindungen der Diphenylreihe"
wiire mit Riicksicht auf das neue Resultat,, das
7 ) G a r e i s , Entacheidungen in Patentaachen
7, 47ff.
augenscheinlich der zurn ersten Male verwendeten
Gruppe zu verdanken ist, vollkommen berechtigt
gewesen. Das Patent enthalt aber gar keine derartig allgemeine Fassung, sondern spricht nur von
den Tetrazosalzen dea Diphenyls. Hierunter sind
nur Abkommlinge des Kohlenwasseretoffee CeH,
CeHS,nicht etwa der Homologe zu verstehen. Dies
diirfte die spiitere Erteilung d& Patentes 36 616 auf
die Verwendung der Tetrazoderivate dea Tolidins,
Abkommling des niichst hoheren Homologen
CeH,( CH,) .C&( CH,) ergeben. Die Faseung dea
Anspruches vom Patente 28 753 erstreckt sich also
nicht einmal auf alle Abkommlinge der Diphenylg r u p p e , ist also in dieaer Hinsicht nicht einmal
weitgehend. Dagegen ware vielleicht eine Angabe
iiber die Bedeutung der weiteren bei den Analogen
des Benzidins vorhandenen Gruppen in der Stellung
zu den Tetrazogruppen angebracht gewesen. Man
hatte den EinfluB der weiteren Gruppen bzw. ihrer
Stellung fiir die Gewinnung der substantiven Eigenschaften noch nicht erkannt. Sonst wire wohl nach
dieaer Richtung eine Einschrankung vorgenommen
worden.
Daa Reichsgericht hat, wie auch H. I s a y
noch ausdriicklich hervorhebt, in einem spiiteren
Urteile (3./1.1900. Blatt fiir Patent-, Muster-und
Zeichenwesen 1900, 367) die in der Kongoentacheidung vertretene Anschauung iiber die allgemeine
Faseung dea Patentampruches fiir zutreffend erkliirt, ,,da der iiberraachende Erfolg des Kongoroh
eine Anzeige dafiir bot, daS der in dem Patent be.
schriebene Weg einen gewerblichen Fortschritt eroffne." Fiir die Fassung dea Anspruchs und seine
Aufrechterhaltung war natiirlich nicht der wirtschaftliche Erfolg des Kongorots maBgebend. Man
wird die Ausfiihrung der Entacheidung dahin auslegen miissen, daD die Eneugung substantiver
Baumwollfarbstoffe iiberraachend war, und daS
dieser Erfolg augenscheinlich von der Verwendung
der Tetrazodiphenylsalze herriihrt. Der Grundgedanke der Entscheidung des Reichsgerichts ware
dann d6r folgende: Wenn durch die Einfithnrng
einea Abkommlinga einer bisher zu dem fraglichen
Zwecke noch nicht benutzten G N P ~ein neuer
iiberraschender Erfolg 'erreicht wird, kann als Merkma1 der Erfiidung die Verwendung der Abkommlinge der gesamten G ~ p angegeben
p
werden, weil
der iiberraschende Erfolg augenscheinlich von der
Verwendung der Gruppe herriihrt. Dieser Grundsatz hat auch fiir Analogieverfahren Geltung. Weil
ein iiberraachender Erfolg, der von der bekannten
Technik vollkommen abweicht, vorliegt, kann die
Art der zu verwendenden Mittel (die zu benutzenden
Stoffe) durch den Erfolg mit bestimmt werden.
Wenn man weiB, zu welcher Gruppe von Korpern
die verwendeten Verbindungen gehoren, kann man
bei der Eigenart des Erfolges sofort bestimmen,
ob die aus der Korperklasse ausgewahlten Vertreter zu dem Resultate gehoren, also den Kennzeichen der Erfindung entsprechen. Diese Anwendung des Erfolges zur Begriffsbestimrnung des Mittels ist nur dann anwendbar, wenn der Erfolg von
den bisher erreichten Wirkungen in besonders
wharfer Weise unterschieden ist. Entsprechend
diesen Grundsiitzen des Reichsgerichts sollen im
Falle des Kongopatentes alle Tetrazoderivate dea
Diphenyls, welche bei der Kupplung mit Naphthyl-
.
182.
1452
Ephraim: Analogieverfahren und Patentverletaung.
amin substantive Baumwollfarbstoffe liefern, als
Kennzeichen der Erfindung bzw. des Patentas
gelten.
Die Entscheidung yom 3./1. 1900 iiber die
teilweise Michtigkeitaerklarung dea D. R. P. 83 572
(3.f. P. 1900, 366) hat, worauf daa Reichsgericht
b o n d e r s Gewicht legt. den aus AniaB des Kongopatentes ausgedriickten, oben erorterten Grundaatzen nicht widersprochen. Der Patentanspruch 1
lautete: ,,Verfahren zur Darstellung von sekundaren
Disazofarlxstoffen, welche al-P,-Xaphthylaminsulfosaure in Mittelstellung enthalten, darin bestehend,
daB Disazokorper mit jener Saure verbunden, die
entstehenden Amidoazosulfosliuren weiter diazotiert und mit Phenolen oder Aminen verbunden
werden." Dieser Patentanspruch wurde vernichtet,
und daa Patent auf den Inhalt des Anspruchea 2,
der die verschiedenen verwendbaren Stoffe einzeln
anfiihrt, beschrankt. Die Klagerin hatte geltend
gemacht, daB der erste Anspruch nur einen abstrakten Gedanken enthiilt, deesen gewerbliche Verwertbarkeit in dieser Allgemeinheit nicht dargetan sei,
und in einer Regel hingestellt werde, die keineswegs immer zutreffe. In dieser Ausfuhrung, der sich
beide Instanzen angeschlossen haben, muB man
beaonderes Gewicht darauf legen, daB der Erfolg
des Verfahrens i n d e r b e a n s p r u c h t e n A 1 1 g e m e i n h e i t nicht dargetan sei. Man kann der
Patentschrift nicht niit Riicksicht a d die Zahl der
mitgeteilten Beispiele und ihrer typischen Stellung
in den Untergruppen der beanspruchten Klaasen
entnehmen, daB wirklich alle Vertreter der angefiihrten Verbindungsklassen geeignet sind, die Wirkung des Verfahrens zu liefern. Der in der Klage
erbrachte Xachweis, daD die im ersten Patentanspruche aufgestellte Regel nicht immer zutrifft, ist
daher auch fur die Entscheidung von besonderer
Eedeutung. Weil die Wirkung, welche durch die
Verwendung der beanspruchten Korperklasse in
dem Analogieverfahren erreicht wird, in ihrer Art
nicht so grundlegend ist, urn als sicheres Kennzeichen der Unterscheidung zu gelten, muO man fur
die Charakterisierung der beanspruchten Mittel genauere Merkmale fordern. Bei der grundlegenden
Wirkung des Kongoverfahreris konnte man von der
natiirlich vorhandenen gradweisen Abstufung dea
Resultates absehen, d a man immer noch daa Eintreten des Erfolges erkennen konnte. Dies ist aber
bei dem D. R. P. 83 572 nicht der Fall, und deshalb
kann der Patentschutz nur insoweit beansprucht
werden, ,,ah die Durchfiihrbarkeit und die Erzielung eines besonderen Whnischen Fortschritts in
den Patentschriften offenbart worden sein." I n
diesem Sinne befindet sich das Reichsgericht in
voller Ubereinstimmung mit den Grundsatzen der
Kongoentacheidung. Es wird vom Reichsgericht
fiir den vorliegenden Fall eben erklart, daB der Erfolg nicht so charakteristisch ist, um mit zur Kennzeichnung der Mittel verwendet zu werden. Man
kann daher H. I s a y nicht zustimmen, daB der in
der Kongorotentscheidung aufgestellte Grundsatz
ebgeandert worden sei. Es ist dies um so weniger
der Fall, als es sich bei der Entscheidung nicht um
die &age dea Schutzumfangea dea Patentes handelte.
Die Einschrinkung dee Patentes erkliirt zuniichst
noch nicht, ob die Benutzung eines Stoffes, der den
im aufrechterhaltenen Patentanspruche 2 nament-
lich angefiihrten Verbindungen analog ist. als Verletzung anzusehen ist. Es wird vielmehr nur erklart,
welche M e r k m a 1 e zur Kennzeichnung der Erfindung benutzt werden sollen. DaB rnit einer derartigen Entscheidung unter Umstanden eine Angabe
iiber den Schutzumfang gemacht wird, kommt fiir
die grundsiitzliche Beurteilung der Nichtigkeitserkliirung nicht in Betracht.
Die Verhaltnisse der von H. I s a y aufgestellten
zweiten Gruppe der Analogieverfahren liegen genau
so wie bei den besprochenen Gruppen. Man kann
davon absehen, daB die von H. I s a y getroffene
Gruppeneinteilung entsprechend den obigen Ausfiihrungen nicht anzuerkennen ist. Das Reichsgericht
hat bei der Beurteilung der Analogieverfahren nur
diejenigen Grundsiitze gehandhabt, die steta bei der
Priifung der Zuliissigkeit von Merkmalen d e r Patentanspriiche angewendet d e n . Die oben betonte Einheitlichkeit des Erfindungsbegriffes ist
von dem Reichsgericht steta anerkannt worden
(z. B. bei der Frage der S c h u t z f i k e i t von Zusatzerfindungen) und aucb in den vorliegenden Fallen
gewahrt worden.
Es ist allerdings H. I s a y darin beizustimmen,
daO die Praxis des Patentamtes in der Behandlung
der Analogieerfindungen wiederholt geschwankt
hat. W i t t h a t sich zweifellos ein bleibendes Verdienst d-urch die wissenschaftliche Aufdeckung
dieser Widerspriiche erworben. Die damaligen Entscheidungen des Patentamtea sind unter diesen Umstanden natiirlich rnit groDer Vorsicht zu verwerten.
Daa Patentamt hatte zu jener Zeit noch keine Einheitlichkeit der Anschauungen gewonnen. Sobald
ein neues Arbeitagebiet erfinderisch erschloasen
wird, muB sich ein derartiges Schwanken zeigen.
Erst wenn eine groBere Zahl von.Fiillen der Priifung unterliegt, und auch die Ubersicht des Gebietes
in wissenschaftlich-technischer Hinsicht moglich ist,
kann man dann zu einer Einheitlichkeit und Stetigkeit der Entacheidungen gelangen. Auch in dem
Nachweise der Erfindungseigenschaft hat man seit
der Friihzeit des deutschen Patentwesens Fortschritte gemacht. Diesen Verhaltnissen ist gleichfalls bei der Beurteilung der einzelnen Falle Rechnung zu tragen.
Von besonderer Bedeutung ist die Entscheidung des Reichsgerichta iiber das D. R. P. 40954,
weil bei dieser die Frage des Schutzumfanges der
Analogieverfahren neben der Frage der PatentEiihigkeit erortert wurdes).
Das D. R. P. 40954 schiitzt ,,daa Verfahren,
das Zwischenprodukt aus 1 Mol. Tetrazodiphenylsalz und 1 Mol. aromatischer Amido- oder R'aphtholsulfosaure mit 1 Mol. von Amiden oder Phenolen
bzw. deren Sulfosauren zu kombinieren". Unter den
im Patentanspruche namentlich angefiihrten verwendbaren Kaphtholsulfosauren ist die &Naphtholdisulfosaure genannt.
Von dieser Verbindung gibt es zwei isomere
Formen, die P-Naphthol-y-disulfoaaure und die p Kaphtholdisulfosaure R. Daa Patent wurde vom
Reichsgerichte entsprechend dem Klageantrage
dahin eingeachriinkt, daD ini Patentanspruche s t a t t
fl-Naphtholdisulfosaure zu lesen ist ,,P-Saphtholdisulfosaure R."
8)
G a r e i s , Entscheidungen 8, 2.
Heft-1.81. 5.Jahrgang.
Au at 19,0]
Ephraim: Analogieverfahren und Patentverlstsung.
Die Griinde der Entscheidung stehen im vollliomnienen Einklang mit der ohen besprochenen
Entscheidung in Sachen des D. R. P. 83 572. Die
Reschrankung des Patentes erfolgte aus dem Grunde,
weil das Patent nach den Erteilungsakten nur auf
die vom Anmelder ausdriicklich beschriebenen Anaendungsfalle des allgemeinen Gedankens gewahrt
werden sollte. Hierin lag nicht etwa eine Fehlentecheidung des Patentamtas. Daa angemeldete
Verfahren wurde als ein Analogieverfahren angesehen, das nur mit Riicksicht auf den erreichten
technischen Effekt als patentfahig anpsehen werden konnte. Wire der technische Effekt durch die
Verwendung von V e r b i n d u n g s g r u p p e n
erreicht worden, so ware hierauf das Patent erteilt
worden. Das Patentamt nahm aher (mit Recht)
an, daB die besonderen Eigenschaften der erhaltenen
Farbstoffe, niimlich in] Seifenbade auf Baumwolle
zu flrben, nicht durch alle Repriisentanten der zunachst angefiihrten Korperklassen hervorgerufen
wird. AlsErfindungist aber indemvorliegendenFalle
nur daa beRtimmte Verfahren zur Erzeugung von
auf Baumwolle im Seifenbade f a r b e n d e n A z o f a r b s t o f f e n angesehen worden. Unter diesen Umstiinden konnten im Patentanspruche nur diejenigen Stoffe angefiihrt werden,
duroh deren Benutzung man daa gekennzeichnete
ResuI'tat auch wirklich erhalt. Man wiirde sonat
f i b die unverwendbaren Stoffe zu dem Ergebnis gelangen, daB man wegen der Erreichung des technischen Effektes das Patent erteilt, aber tatsachlich
nicht in der Lage ist, mit den im Patentanspruche
angefiihrten Mitteln zu dem patentbegriindenden
technischen Effekten xu gelangen. Das Patentamt
war deher bei der Patenterteilung mit der getroffenen Beschrankung ini Recht. Ebenso richtig entschied aber das Reichsgericht, als der klare Nachweis erbracht wurde. daB die vom Patentamte bei
der Patenterteilung vorgenommene Beschrankung
des Anspruches noch nicht geniigend weit ging.
Das Reichsgericht hat in seiner Entscheidung
(G a r e i s , 8, 23) angefiihrt, daB die Anwendung
der allgemeinen Idee des D. R. P. 40 964 auf im
Patentanspruche nicht namentlich angefiihrte Verbindungen Gemeingut geworden sei. ,,Die Sache
konnte nur anders liegen beziiglich solcher mit den
von der Sichtigkeitsbeklagten genannten Homologen oder isomeren Verbindungen, welche sich,
wie zur Zeit der Patenterteilung bekannt war, in
der hier in Rede stehenden Beziehung gerade so
verhalten wie die genaiinten Verbindungen." Es
ist H. I s a y vollkommen darin beizupflichten,
daB dieser Satz a u k o r d e n t l i c h anfechtbar ist.
Die Beschrankung auf die namentlich angefiihrten Verbindungen bei der Patenterteilung
muBte erfolgen, weil als Merkmal der Erfindung
nur daajenige angefiillrt werden kann, waa in der
urspriinglichen Beachreibung offenbart ist. Unter
den Angaben der urspriinglichen Anrneldung mu&
ten diejenigen Verbindungen ausgewahlt werden,
welche den technischen Effekt lieferten. Wenn
auch zur Zeit der Patenterteilung, aber nach der
Anmeldung weitere geeignete Vertreter der Kurperklassen bekannt geworden wiiren, so hatte ihre
Anfiihrung im Patentanspruche unterbleiben
rniissen. H i e r n i i t w a r e a b e r i i b e r d i e
Frage, ob diese unerwiihnt geblie-
1453
b e n e n J7e r b i n d u n g e n u n t e r d e n S c h u t z
des P a t e n t e s fielen, noch n i c h t e n t s c h i e d e n w o r d e n. Es besteht ein anerkannter Unterschied zwischen der Fassung des Patentanspruchs im Erteilungsverfahren oder zur C h r a k terisierung der Erfindung und seiner Auslegung bei
der Beatimmung des Schutzumfanges. Daa Reichsgericht fiihrte weiter aus: ,,Es wiirde ein Widerspruch in sich sein, die Patenterteilung zu beachriinken auf die genannten Verbindungen und doch
wieder neue Erfindungen dritter Personen, welche
auf der Bahn des von der Xichtigkeitaheklagteen offenbarten allgemeinen Verfahrens, aber auBerhalb
jener von der Nichtigkeitsbeklagten ' in ihrem Patentanspruch genannten Verbindungen gemacht
sind, abhangig zu erkliiren von dem Patente der
Nichtigkeitsbeklagten." Dieaer Widerspruch besteht tatsiichlich nicht, wie das Reichsgericht auch
in spateren Entscheidungeii erkannt hat. Die Anfiihrungen im Patentanspruche sind auf diejenigen
Mittel zu bachranken, welche 1. zu dem behaupteten Erfolge fiihren und 2. in der urspriinglichen
Anmeldung angegeben worden sind. E s i R t a b e r
damit noch nicht ausgesprochen,
daR e i n a n d e r e s M i t t e l , d a s d e n E r folg liefert, aber in der urspriinglichen Anmeldung unerwiihnt blieb
u n d aus d i e s e m G r u n d e i n dem Ans p r 11 c h e k e i n e Auf n a h m e f i n d e n k o n n t e ,
auBerhalb des Patentbereiches liegt!
Bei dem Patentamte war urspriinglich angemeldet ein Sicherheitssprengstoff aua Ammoniumnitrat, Naphthalin und Bichromaten. Daa erteilte
Patent nannte als Merkmal statt dea speziellen Begriffes ,,Naphthalin" den allgemeineren K l m e n begriff ,,Kohlenstofftrager". Das Reichsgericht beschrankt daa Patent Wider auf ,,Saphthalin", sprach
aber deutlich aus, daB der vom Saphthalin sonst
vollkommen verschiedene Kohlenstofftriiger , , H a d '
trotz der getroffenen Baschrankung unter daa Patent falle. Nicht die technologische Gleichwertigkeit der verschiedenen Sprengstoffe war hierbei,
wie R. I s a y anfiihrt, fiir daa Reichsgericht ma&
gebend. Die Entacheidung IiiDt vielmehr dariiber
keinen Zweifel, da5 ausschlieBlich die Gleichartigkeit der Wirkung des Bichromatzusatzea in beiden
Fallen ausschlaggebend war.
Bisher ist die Frage erortert worden, wie die
Patentampruche bei Analogieverfahren zu fassen
sind. Enteprechend den letzten Darlegungen iet
hiervon zu unterscheiden, wie der Schutz von Patenten auf Analogieverfahren auszulegen ist, wann
also eine Verletzung eines Patentes auf Analogieverfahren vorliegt.
Bei der Entscheidung dieser Prage ist davon
auszugehen, daB nur ein einheitlicher Erfindungsbegriff besteht, und daa Gesetz nur eine einzige Art
von Patenten kennt. E i n P a t e n t a u f e i n
A n a l o g i e v e r f a h r e n i s t g e n a u so auazulegen wie j e d e s a n d e r e Patent.
Dementsprechend ist jedes Verfahren eine Verletzung, wenn seine Kennzeichen im Kreise des Erfindungsgedankens dea Patentes liegen. Dies kt
dann anzunehnien. wenn die folgenden zwei Bedingungen erfiillt sind: Erstens mu13 das angewendete Mittel in den Klassenbegriff der geachiitzten
Mittel fallen und zweitens der mit dem angewende-
ten Mittel erreichte Effekt demjenigen entaprechen,
welcher ah patentbegriindend fiir das geschiitzte
Verfahren angesehen wurde.
Uber die erste Bedingung fiir die Annahme
einer Patentverletzung ist wohl nichts weiter zu
sagen. Es wird ja nicht die Erreichung eines Resultates bei Erfinddngen der chemischen Industrie
gachiitzt, sandern nur das Mittel hierzu. Daher
kann es keine Patentverletzung damtellen, wenn
der gleiche Erfolg mit einem anderen Mittel erreicht wird,. sobald das neue Mittel nicht den
Kennzeichen dea geachiitzten Mittels entspricht.
Die zweite Bedingung ist, d a5 mit dem neuen
Mittel auch die Art dea Erfolges, der nach dem
Patente erreicht wird, erzielt wird. Wie das Reichsgericht in seiner Entscheidung vom 20./3. 1889
(Kongoentscheidung) und vom 3./1. 1900 (D. R. P.
83 572) ausfiihrte, wird bei den Analogieverfahren
der techniwhe Erfolg zur Abgrenzung der Erfindung herangezogen. Das Grundverfahren erzielt
mit einem beatimmten Mittel eine bestimmte Wirkung. Daa Analogieverfahren erreicht mit einem
anscheinend aquivalenten Mittel eine andere Wirkung. Hiernach mu5 der Schutz .des Analogieverfahrens sich so weit erstrecken, wie mit den
iiquivalenten Mitteln eine iiquivalente Wirkung erzielt wird. Fiir das Analogieverfahren fehlt die
Eigenart des verwendeten Mittels. Die Patenterteilung erfolgte nur mit Riicksicht auf die Erzielung der eigenartigen Wirkung. Die Folge hiervon
ist, da13 der Patentschutz sich nur so weit erstreckt,
wie der eigenartige Erfolg vorliegt. Fehlt der eigenartige Erfolg, so mu13 angenommen werden, daO
nicht daa geschiitzte Verfahren angewendet ist. Es
ist in diesem Falle nicht daa Kennzeichen der Erfindung bzw. des Mittels vorhanden, und daher
kann auch nicht der Schutzbereich des Patentes
daa Mittel dea verletzenden Verfahrens umfassen.
Sobald aber die Wirkung dea neuen Verfahrens zu
der gleichen Klasse gehort wie bei dem geschiitzten
Verfahren, liegt ein Eingriff in das iiltere Patent vor.
Die Entscheidung iiber den Schutz von Patenten a d Analogieverfahren erfolgt also in gleicher
Weise wie bei anderen Patenten. Hiernach erkennt
man auch den Einflu5, welchen die Art des technischen Effektes fiir das Patent auf das Analogieverfahren hat. M i t R i i c k s i c h t a u f d i e
Bedeutung des technischen Effekt e s k a n n a u c h das P a t e n t a u f e i n A n a logieverfahren ein grundlegendes
P i o n i e r p a t e n t s e i n. Dementsprechend
kann auch bei Analogieverfahren der Schutzbereich
einen weiten Umfang heben, wenn das geachiitzte
analoge Mittel einer g r o h n Gruppe entspricht, und
der Erfolg grundlegender Artist, also auch eine umfaasende Kennzeichnung enthiilt.
Den entwickelten Darlegungen entspricht eine
( a h d i n g s nicht vom Reichsgerichte, sondern vom
Patentarnte getroffene) Entscheidung. Piach dem
Kongopatente mit Benzidin wurde ein analoges
Verfaliren unter Verwendung von Tolidin, das
nachst hohere Homologe, angemeldet. Daa Verfahren lieferte einen substantiven Farbstoff, entsprach also der Effelrtkennzeichnung des Kongofarbstoffas. Die Patentfiihigkeit des neuen Far&
stoffes folgte daraus, daO er siiureecht war, wiihrend
Kongerot den Xachteil der Siiureunechtheit besa0.
Das Patentamt wies auniichst das Patent zuriick
und erteilte ea erst, als die Anmeldung zum Zusatze
des Kongoprttentes gemecht war. Entsprechend
der damaligen Anschauung des Patentamtea d
e
von Zusatzpatenten eine geringere Fkfindungseigenschaft gefordert als von selbstandigen Patenten.
Die Patenterteilung konnte natiirlich nur unter der
Annahme des Zusatzverhiiltnisses erfolgen, setzte
also eine A b h a n g i g k e i t vom Hauptpatente
voraus. Dieselbe besteht aus dem Grunde, weil der
vom jiingeren Verfahren benutzte Stoff der gleichen
Korpergruppe angehort und den analogen Effekt
gibt. Da der von dem Kongopatente erreichte
technische Effekt ,mndlegend war, umfa5t das Patent auch das Produkt aus Tolidin, obgleich hierbei
ein neuer technischer Effekt von gleichfalls grundlegender Bedeutung geschaffen wurde. Es liegt
hier der Fall vor, da5 zwei Analogiepatente Pionierverfahren darstellen. Daa Kongopatent schuf die
Gruppe der substantiven Baumwollfarbstoffe, das
Benzopurpurinpatent diejenigen der Gruppe der
substantiven s a u r e e c h t e n Baumwollfarbstoffe.
Unter Beriicksichtigung des technischen Effektes als Mittel zur Abgrenxung der Erfindung
ergibt sich auch die Richtigkeit der reichsgerichtlichen Entscheidung hinsichtlich des Schutzumfanges des D. R. P. 40 954. Mit Hilfe von P-Nephthol-)J-disulfosaure gelingt es im Verfahren' dea
D. R. P. 40 954 n i c h t , einen brauchbaren Baumwollfarbstoff henustellen, der die Pflanzenfaser im
Seifenbade direkt farbt. Aus diesem Grunde kann
das Verfahren, mit @-Naphthol disulfosiiure einen
Farbstoff zu erhalten, nicht im Erfindungsgedanken
des D. R. P. 40 954 liegen. Der Schutz des Patentea
40 954 erstreckt sich nur so weit, wie der technische
m e k t erreicht wird. Fehlt derselbe bei einem
Korper, welcher der Gruppe der nach D. R. P. 40 954
angewendeten Stoffe angehort, so wiirde in dieaem
E'alle nur die Anwendung der zur Zeit der Anmeldung des D. R. P. 40954 bereits bekannten Verfahren vorliegen.
Die vorstehenden Darlegungen fiihren also zu
den Schliissen: Die Verletzung von Patenten durch
Analogieverfahren ist in gleicher Weise zu beurteilen, wie jede Verletzung eines Patentas, indem
ermittelt wird, ob das Analogieverfahren den Erfindungsgedanken benutzt. Die gleichen Grundslitze gelten fiir Patente auf Verfahren, welche zu
einem bereits bekannten analog verlaufen. zur Annahme einer Verletzung ist notwendig, daB das
neue Verfahren nicht n u Stoffe benutzt, welche
der masse der im geachiitzten Verfahren angewendeten entsprechen; es mu0 vielmehr auch die nach
dem geschiitzten Verfahren erreichte Wirkung eintreten.
[A. 98.1
-11
Der Patentschutz fur Verfahren, deren
Neuheit im Arbeitsmittel liegt 1).
Von Patentanwalt Dr. W. KARSTEN
in Berlin(Eingeg. L.6. 1910.)
Nach dem deutachen Patentgesetz sollen gem i 8 4 l Patente fiir neue Erfindnngen erteilt wer1) Vortrag gehalten in der Sitzung des Markischen Bezirksvereins am 26./5. 1910.
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