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Chemiker und chemische Industrie in Amerika.

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AUfSatateiL
29. Jahrgang 1916.1
29
Diehl: Chemiker und chemische Industrie in Amerika.
Zeitschrift ftir angewandte Chemie
9. Band, S. 29-40
I
Aufsatzteil
1
1. Februar 1916
Chemiker und chemische Industrie in Amerika.
weiiiger darauf an, wo und wie sich jemand seine Ausbildung
geholt hat, ob er einen akademischen Grad besitzt oder nicht,
Von Dr. TH. DIEHL,Berlin-Lichterfelde.
als darauf, daB er auf seinem Posten etwas zu leisten ver(Eingeg. 31./12. 1916.)
mag. Die Vorzugsstellung des akadeniisch gebildeten CheNachdein in zwei vorhergehenden Aufsatzenl) die Lage mikers, nie wir sie in Deutschland kemen, besteht in Arneder Cheiniker und der cheiiiischen Industrie Eiiglands und riks nicht oder nur in geringem Ma13. Deswegen konnte
Eraiikreichs besproclien worden ist, erscheint es.. von Inter- auch schon 1912 festgestellt werden, daB die Vorbildung der
esse, die Verhaltnisse in Amerika im Lichte der Aufieruiigen amerikanischen Techniker im allgemeinen ganz erheblich
dortiger Fachgenossen usw. in den Kreis der Betrachtung geringer ist als bei m s . Denn in der Tat sind, wie schon
z u ziehen. Besonders n i t Riicksicht auf die Lage iiach ciem oben erwahnt, in Amerika viele in der Industrie tatige CheKriege ist eine derartige Erorterung wohl angezeigt. Anierika miker aus Volksschulen hervorgegangeii uiicl haben sich
ist das einzige industrielle Land, welches im Kriege nicht ihre Weiterbildung durch den Besuch von aberidlichen
gelitten, sondern im Gegenteil viel Geld verdient lint. Es Schulen usw. erworben, wahrend sie sich h e n Unterhalt
ist ferrier fur die Entwicklung seiner chemischeri Industrie uiid die Mittel zur Ausbildnng durch irgendeinen Nebeninsofern in eiiier giinstigeii Lage, als es iiber zahlreiche Roh- beruf verdienteii. Wurde doch Clem Verfasser mitgeteilt,
stoffe verfiigt,, und bei deren Bezug somit nicht vom Aus- daB es in Amerika Rechtsanwalte gibt, die niemnls eine
lande sbhangig ist. Der bekannte Geschaftssinn der Ameri- Hochschule gesehen hatten, sondern sich, wahrend sie Fahrkaner mird sie unter diesen Unist,anden iiach Ausgang des stulllmlrter oder ettvas anderes wareii, ihre juristischen
lirieges wahrscheinlich zu einerii erhohten Wettbewerb mit Kenntnisse in eirier cler vielen Abendschulen erworben
der europaischen Industrie veranlassen.
hiitten, um sich dann als Anwalt die praktische Routine
Wenn wir nun zunachst fragen, wie es in Ainerika n i t irii Laufe der Zeit zu erwerben. Es darf nicht Wunder nehcler Heranbildung der Cheiniker, ihrer allgemeinen Stellung men, dnB bei eineni solchen System der Chemikerstnnd in
und ihren Aussichteii in der Industrie stelit, so diirfen wir der offentlichen Meinung und in der Industrie bei weitem
zuriickgreifen auf die Eindriicke, die zahlreiche unserer nicht die Wiirdigung findet, wie in Deutschland. Ein VorVereiiismitglieder bei ihrem Besuche des Kongresses fur trag, welchen B. C. H e s s e in der Jahresversammlung
ilngewandte Chemie in Aiiierika im Jahre 1912 empfangen der American Chemical Society im April 1915 in New
haben2). M7ir wissen aus ihren Berichten, daLl fur die Er- Orleans gehalten hat, enthalt hieriiber recht wissenswerte
werbung einer hoheren Bildung in Amerika vielfach gut Mitteiluiigen. H e s s e beklagt auch, daR das amerikagesorgt ist, uncl da13 auch die aus den Volksschulen Hervor- iiische Publikum scheinbar den Industrien Amerikas viel
gehenden mehr sls in Deutschland &legenheit haben, sich zu geringes Interesse entgegenbringe und nicht wisse, welche
i n zum Teil musterhaft eingerichteten Fortbildungsschulen chemischen Kenntnisse und Erfahrungen hier erforderlich
weiter iu bilden, und zwar nicht nur durch Vortriige, sondern seien. Selbst hochgebildete Leute nnd Industrielle hatten
.auch durch praktische Ubuiigm auf natunvissenscha,ftlichen nicht iinmer jene eigentfimliche geistige Auffassungsgabe,
Sondergebieten. Derartige Einrichtungen in groaereni Um- welche ihnen gestattet, die Tvirkliche Bedeutung zu erken:fange gibt es in verschiedenen groBeren Stadten Amerikas. nen, die hinter einem chemischen Produkt liegt. Die einzige
Dazu komnit, da13 auBerclem durch offentliche Bibliotheken Ausnahme hierfiir scheinen die Teerfarben zu sein.
und solche grofler wissemchaftlicher Vereine fiir die ErEs ist bezeichnend, daB die Schriftleitung des ,,Journal
werbung weiterer Bildung gut gesorgt wird. Den Nutzen of Industrial and Engineering Chemistry" bei dem Abdruck
meiner griindlichen wissenschaftlichen Basis fur die Entwick- des H e s s e schen Vortrags ausdriicklich bemerkt, die
lung der Industrie erkennt man, wie die deutschen Teil- offentliche Erkenntnis von dem verantwortungsvollen Berufe
nehmer der Amerikareise berichten, auch vielfsch an, was des Chemikers sei erst ein Ergebnis der letzten Jahre, wahcdurch gut eingerichtete und gut geleitete Laboratorien rend man bisher den Chemiker nnr auf die Stufe eines Dromancher Universitaten und einzelner Fabriken bewiesen gisten stellte, d. h. wie W a l k e r (J. Ind. Eng. Chem. 4, 2
wird. Auch die von der American Chemica.1 Society heraus- [1912]) bedauernd feststellte, eines Mannes, der u. a. auch
:gegebenen Zeitschrifteii legen Zeugnis davon ab, daW auf dem Sodawasser ausschenkt.
Gebiete der wissenschaftlichen und angewanclten Cheiiiie
In gleichem Sinne hat sich erst kiirzlich M y e r s3) ausin Amerika Tiichtiges geleistet wird. Es ist ferner in Be- gesprochen und die Frage aufgeworfen, was uberhaupt in
tracht zu ziehen, daR in Ainerika mehr als in irgendeinem Amerika ein Chemiker sei. Denn wie M y e r s berichtet,
.anderen Laiide sich reiche Manner finden, welche durch bezeichnet man mit diesem Nainen sowohl gut gebildete
gro13e Stiftungen die Lehrmittel von Universitaten er- Leute als auch solche ohne jegliche Facherziehung. M y e r s
weitern oder aber geeignete Institute griinden, uin die fuhrt z. B. an, daR in gewissen Gegenden Pennsylvaniens
,chemische Forschung im Hinblick auf eine weitere Ausdeh- und auch in vielen anderen Bezirken Amerikas ein junger
nung der chemischen Industrie Amerikas zu fordern.
Mensch, der einige Tage im Laboratorium eines Eisenwerkes
Wenn es somit in Amerika an der Moglichkeit, sich eine gearbeitet hat und nicht eiiimal eine bessere Schulbildung
:griindliche chemische Bildung an Universitaten zu enverben, besitzt, als Chemiker angesprochen wird. Haufig rechne
nicht fehlt - wenngleich sie keiiieswegs in dem Umfange man anch die Drogisten zu den Chemikern; einerlei aber, ob
vorhanden ist wie in Deutschlsnd -, so mu13 man doch ein Cheniiker etwas vorstelle oder nicht, er werde haufig
.anderemeits beriicksichtigen, da13 es Normen fiir die Erzie- weiiiger geachtet als ein Bleiarbeiter oder Mechaniker. Deshung, Berufsausbildung von jungen Leuten in Amerika nicht megen spricht M y e r s den dringenden Wunsch aus, daB
;gibt, vielmehr der Entwicklung des einzelnen und seineni man dazu gelangen moge, nur wirklich akademisch gebildete
spateren Fortkommen der weiteste Spielrsum gelassen ist. Chemiker als solche zu bezeichnen.
Was fernerhin in Ainerika zu fehlen scheint - ahnlich
Wie schon unsere Kollegen, welche im Jahre 1912 Ame-rika besucht habeii, berichten, und wie anch iieuerdings dein wie es in England fehlt -, ist die Fiihlung zwischen WissenVerfasser aus Amerilra zugegangene private Mitteilungen schaft und Industrie.
Von Interesse ist die Rede, mit der H e r t y im Oktobestatigen,
konimt es dort bei Anstellung und Fortkommen
____
ber
1915 den KongreB der American Chemical Society er1) Angew. Chem. $8, I, 309 u. 441 [1915].
2) Rassom, Angem. Chem. RG, I, 905 ff. [1913]; Benlthsen, Chem.
3 ) J. Ind. Eng. Chem. 7, 798ff. [1915].
lhdustrie 1912, 744 ff.
Angew. Chem. 1916. Aufsatzteil (I. Band) zu Nr. 9.
G
30
Diehl: Chemiker und chemische Industrie in Amerika.
offnet hat. Dieser im ,,Journal of the American Chemical
Society''4) wiedergegebene Vortrag tragt die bezeichnende
Uberschrift : ,,Zusammenwirken in chemischen Dingen"
(Cooperation in chemical matters). Der Redner wiinscht
ein derartiges Zusammenwirken der reinen und der angenandten Chemie schon auf den Universitaten; denn die
Hochschulen sollten nicht nur auf dem Gebiete der reinen
Chemie, sondern auch auf dem der aiigewandten Chemie
arbeiten und fomchen.
Man sieht aus. diesen und ahnlichen an anderer Stelle
wiedergegebenen AuBerungen amerikanischer Chemiker, daB
an den amerikanischen Hochschulen doch offenbar das Fach
der technischen Chemiker nicht zur wiinschenswerten Geltung gelangt.
H e r t y halt es fiir notig, daB Amerika der Frage eine
ernste Beachtung schenke, ob eine hinreichende Fiihlung
zwischen Hochschulen und Industrie besteht. Die Fabrikanten muDten zu cler Einsicht gebrwht werden, dafi die Aufgabe der Chemiker darin bestehe, durch wissenschaftliche
Grundlagen den rohen Empirismus, durch exakte Forschung das aufs Geradewohl Getane, durch systematisches
und auf Versuche gegriindetes Fortschreiten die jetzigen
systemlosen Arbeitsweisen zu ersetzen. Diese Bestrebungen
hatten ja seit 1913 schon gewisse Fortschritte gemacht.
Die Industrie miisse ferner uberlegen, ob sie willens sei,
ihr Interesse den Universitaten zuzuwenden und sie auch
durch Zuwendung von Mitteln, Einrichtung von Laboratorien und Bibliotheken zu unterstutzen. Auch der Einrichtung von sog. Fellowships redet H e r t y deshalb warm
das Wort.
Andererseits hatten die Universitaten zu priifen, ob sie
denn auch wirklich bei ihren Vorlesungen uber angewandte
Chemie auch vom richtigen Standpunkt ausgehen, und ob sie
in ihren Laboratorien den Studierenden genugende Anregungen zu Arbeiten auf diesem Gebiete geben konnen.
Ebenso wie von H e r t y wird auch von anderen Chemikern Alnerikas die Einrichtung sog. Fellowships empfohlen.
Es ist namentlich Professor D u n c a n 5 ) , der schon seit
langerer Zeit das Ziel verfolgt, an einzelnen Universitaten
sog. Industrial Fellowships zu fordern, und berichtet, dafi
erfolgreiche Versuche an den Universitaten von Cansas und
von Pittsburg gemacht worden sein sollen. Besonders zu erwahnen ist das mit einer Schenkung von Ill2 Mill. Dollar an
der Universitat Pittsburg in den letzten Jahreii gegriindete
Mellon-Institut, in dem sich gut ausgestattete Laboratorien
fiir etwa 70 sorgfaltig ausgewkhlte Chemiker befinden, die
dort mit finanzieller Unterstiitzung von chemischen Fabriken Untersuchungen in deren Interesse ausfuhren.
D u n c a n teilt naheres iiber derartige Einrichtungen
an den Universitaten von Cansas und Pittsburg mit. Die
Fabriken schlieBen mit der Universitat einen Vertrag, wonach sie ihr einen Betrag von jahrlich 5000 Dollar bezahlen.
Die Universitat stellt dafiir einen Chemiker (fellow)sowie die
Apparate und Materialien zur Verfugung. Der Fellow uberlafit seine Erfindungen und die ubrigen Resultate seiner Arbeit der Fabrik als Eigentum und erhiilt dafiir einen Gewinnanted oder eine einmalige Zahlung big zum Hochstbetrage
von 10 OOO Dollar. Es kann von einer Fabrik nicht nur ein
Chemiker, sondern auch mehrere zum Zwecke herangezogen
werden (multiple fellowship), von denen der eine als seniorfellow, die anderen als junior-fellows an den Arbeiten betedigt sind. Die Universitat zahlt aus dem ihr zur Verfugung
gestellten Betrag diesen Chemikern jahrliche Honorare,
die zwischen 500 und 2000 Dollar schwanken. Wie B a c o n
berichtet, hat die Mellon-Universitat Pittsburg in den letzten
Jahren von seiten der Industrie 55 000 Dollar erhalten.
Was nun die Lage der in der Industrie angestellten Chemiker betrifft, so ist aus den angefiihrten Mitteilungen von
R a s s o w und B e r n t h s e n bekannt, daB die angestellten Chemiker uiid Ingenieure in den meisten amerikaniwhen Fabriken kontraktlich nicht anders stehen, mie die
Arbeiter. Sie sind mit kurzer Kiindigungsfrist angestellt,
und es gibt weder Pensionsanspruche noch Unterstutzungskassen.
4) 37, 2232 ff.
5) J. of Franklin
Inst. 175, 43-57 [1913].
[angEZE'LEmie.
B a c o n macht in einem neuerdings in dem ,,JournaD
of the Franklin Institute"6) veroffentlichten Aufsatz fol-gende interessante Mitteilungen uber den Stand der che-mischen Laboratorien und Fabriken und die Beschaftigung
der Chemiker in der Industrie. Amerikanische Fabriken besaBen in der Regel keine hinreichenden Laboratorien. Um
wissenschaftliche Untersuchungen zu wiirdigen und die Zeit
und Schwierigkeit fur ihre erfolgreiche Durchfiihrung zu beurteilen, dafiir hatten die meisten amerikanischen Geschaftsleiter kein Verstandnis. Viele geschaftliche Zweige seien so
von Tradition und Vorurteil erfiillt, daB oft jungen Chemikern von ihren eigenen Arbeitern und Fabrikaufsehern absichtlich ernstliche Schwierigkeiten in den Weg gelegt wiirden, urn zu verhuten, daB die Experimente zu giinstigem
Egebnis f &en.
Ein weiterer Fehler von erheblicher Bedeutung liege.
in der Art der Organisation vieler amerikanischer Fabriken.
Wahrend die hoheren Leiter der Gesellschaft fur die Schwierigkeiten wissenschaftlicher Untersuchungen und die not-wendige Zeit zu ihrer erfolgreichen Durchfiihrung Verstand-n i s haben, sei in der eigentlichen Fabrikorganisation derChemiker doch sehr oft solchen Leuten unterstellt, die keinen
weiteren Gesichtskreis besitzen. Derartige Leute seien haufig
nur deshalb zu solchen Stellungen gelangt, weil sie die Geschicklichkeit der Sklavenaufseher besitzen. Sie gingen in
bestimmten Zwischenraumen - Wochen oder Tagen - in
der Fabrik herum, um sich die erzielten Resultate anzusehen.
Wenn d a m ein Chemiker keine besonderen Ergebnisse auf weisen kann, so wird er sehr haufig auf andere Arbeitsgebietegedrangt; es konne aber auch sein, daB er seine Arbeiten
liegen lassen mufite, um irgend etwas anderes, das gerade aufgetaucht ist und von einiger Bedeutung erscheint, aufzunehmen. Das Endresultat sei dann, daB nach vielen Versuchen, die aber alle erfolglos bleiben muBten, weil man dem
Chemiker die erforderliche Zeit nicht lie8, der Fabrikleiter.
zu dem SchluB kommt, es konne durch die Arbeiten des
betreffenden Chemikers nichts erreicht werden ; der Chemiker selbst wird dann, wenn er noch jung und unerfahren ist,.
seinen Trieb zur Forschung uberhaupt verlieren.
Ein aus neuester Zeit stammender Bericht eines Iangere.
Zeit in Amerika tatigen Chemikers bestatigt die vorstehen-.
den Angaben. Nach seiner Angabe macht man in Amerika
keinen Unterschied zwischen Beamten und Arbeitern, sondern beide-werden als auf gleichem FuBe stehend behandelt..
Der Chemiker bekommt kein Gehalt (salary), sondern seinen
Lohn (wages) ain Ende der Woche. Er hat beim Kommen~
und Gehen seine Zeitkarte zu lochen, und es wird ihm eiii.
Abzug gemacht, wenn er zu spat kommt. Da es haufig in
Amerika vorkommt, daB Fabriken bei ruhiger Zeit ganz.
oder teilweise schlieBen und ihre Arbeiter feiern lassen, so
wird hiervon auch gelegentlich der Chemiker betroffen,.
denn Kontrakte sind eine Seltenheit, und falls sie geschlossen
sind, nur kurzfristig. Es ist somit auch um die Sicherheit.
der Stellungen schlecht bestellt. Der Chemiker kann eines.
schonen Tages sich wieder auf der StraBe befinden. Wahrend
man in Deutschland dies als einen harten Schlag empfindet,.
wircl es in Amerika zu den Selbstverstandlichkeiten gerech-net, und mit Gleichmut sieht man sich dann nach einer anderen Stellung um. Auch beziiglich der Arbeitszeit kennt..
der Amerikaner keinen Unterschied zwischen geistiger und
mechanischer Arbeit ; der 9 Stundentag ist deshalb keine,
Seltenheit. Ein Laboratoriunisjunge wird dem Chemiker,
nur in den wenigsten Fallen gestellt. Ferien werden ihm
im allgemeinen nur auf die Zeit von 1-2 Wochen gewahrt.
Auch die gesellschaftliche Stellung des Akademikers ist.
fiir denjenigen, der an deutsche Verhaltnisse gewohnt ist,.
kaum befriedigend. Wie die Fabrikleitung ihn meistens nur.
als einen besseren Arbeiter ansieht, so behandeln ihn auch
die Arbeiter selbst als ihresgleichen, was verstandlich wird,.
wenn man bedenkt, daB manche Arbeiter hinsichtlich des.
Lohnes nicht rnit einem Chemiker tauschen mochten.
Boklagt wird auch von M y e r s die Tendenz der Fabriken, an die Stelle von Chemikern weniger gebildete Leute.
zu setzen. Hierdurch leide das ganze Ansehen des Chemiker-standes, und werde die Gehaltsst,ufe der Chemiker herab-6)
195, 631 ff. [1914].
AntssWil.
99. Jahrgang 1916.
1
31
Diehl: Chemiker und chemische Industrie in Amerika.
igeclriickt. Es sei eine groBe Kurzsichtigkeit in dem Vorgehen
der Geschafiftsleiter, daR sie die Uberlegenheit des Chemikers
gegeniiber dem ungebildeten Arbeiter nicht richtig einzuschatzen wuBten.
Uber die G e h ii 1 t e r der Chemiker in amerikanischen
Fabriken hatte F r e r i c h s aus St. Louis bei der
Jubilaumsfeier des Vereins Deutscher Chemiker in New
York ini April 1912 folgende Angaben gemacht :7)
Ein guter amerikanischer Chemiker, der einen vierjahrigen Kursus absolviert hat uiid etwa einem deutschen Apotheker gleich ausgebildet ist, bekommt als A4nfangsgehalt
.60-70 Dollar monatlich und diidte sich in 8-10 Ja,hren
.auf ein Jahresgehalt voii 2000 Dollar hinaufarbeiten konnen.
H a t er 3 weitere Jahre studiert und promoviert, so kann er
ketwa 100 Dollar im Monat als Anfaiigsgchalt erhalten und
in etwa 6 Jahren auf 2000 Dollar steigen. Dies ist wolil
das hochste Gehalt fiir Laboratoriumschemiker. Gehalter
fur Betriebschemiker sind hoher und hangen ganz von der
Individualitat des Maniies ab.
D u n c a n hat angegeben, daB der Anfangsgehalt von
Chernikern in Arnerika 45-100 Dollar monatlich, im Mittel
160 Dollar betrage. Da im allgemeinen die Fabriken keinen
groBen Wert auf den akademischen Grad des anzustellenden
,Chemikers legen, so sind es auch nur Ausnahmen, wenn fur
.solche Chemiker, die z. B. den B. %-Grad besitzen (bachelor),
der sich etwa mit unsereni Verbandsexamen vergleichen
lafit, 50-75
Dollar monatlich, fur solche, welche den
Dr. phil. besitzen, 100-200 Dollar monatlich gezahlt werden.
$uf Grund iieuerer Erfahrungen wird dem Verfasser
'van einem amerikanischen Kollegen mitgeteilt, daB heutzutage ein Student einer groBen amerikanischen Universitat
dnrchschnittlich 75 Dollar monatlich erwarten kann, wenn
.er nur den B. S.-Grad besitzt, dagegen 100-125 Dollar,
gelegentlich auch noch etwas mehr, wenn er den Doktorgrad
:emorben hat. Uber das weitere Fortkommen der Fabrikchcmiker konnten verallgemeinernde Aiigabeii nicht gemacht werden, da hier sehr viel voii den besonderen U m t a n den abhangt. Es wird darauf hingewiesen, daB fur den analytischen Cheniiker die Aussichten auf gute Bezahlung im
.allgemeinen am schlechtesten sind, da seine Tiitigkeit die in
.die Augen springenden Erfolge vermissen lafit, die nun einma1 in deni Dollarland unbedingte Voraussetzung fur Ge.haltszulage sincl. Besser sollen die Chemiker irn stikltischen
nncl staatlichen Dienst bezahlt sein. Die Gehalter bei den
Untersucliungsaintern der groBen Stkdte und der einzelnen
Staaten sollen sich fur mittlere Stellungen auf 1200-1800
Dollar im Jahre, fiir gehobenere Stellungen auf 2000-2500
Dollar belaufen. Hier nird das Anfangsgehalt abliangig
geinacht von dem Ausfall von Aufnahmepriifungen. Die
bei der Bnnclesregierung beschaftigten Chemiker konnen,
falls sie his zum Abteilungschef steigen, bis zu einem Gehalt von 4000 Dollar gelangen.
DaB die Bezahlung der Chemiker auch bis in die neueste
Zcit recht viel zu wunschen ubrig lassen muB, wird durch
.die Angaben voii M y e r s s ) bestatigt, der dik Grundung
,cines Schutzverbancles der Chemiker vorschlagt, um vor
allem die Regelung der lacherlich geringen Lohne und die
Hebung der Qualitat der als Chemiker aiizustellenden L u t e
y eI
r s gibt auf Grund seiner Erfahrungen
durchzusetzen. &
als Durchschnittsgehalt f i i r untergeordnetere Stellungen
65-70 Dollar monat,lich (das ist 780-900 Dollar jahrlich),
fur leitende Stellungen 90-200 Dollar monatlich (das ist
1050-2400 Dollar jahrlich) an. ills angemessene Bezahlung fordert M y e r s fur diese Stellen in ersterem Falle
mindestens 1200-1800 Dollar, im zweiten Falle 2000 bis
5000 Dollar jahrlich. M y e r s bezeichnet es geradezu als
deinutjgend fiir Cheniiker, zu einem Gehalt arbeiten zu
miissen, das sehr haufig geringer ist, als clas eines ganz ungebildeten Arbeiters.
An dieser ungenugendeii Bezahlung der Chemiker sind
nach Ansicht M y e r s die Geschaftsleute (business men)
schuld, die die Chemikergehalter bestimmen, ohne ein ge7) Bei den hier angegebenen Zahlen darf man nicht vergessen,
d a 5 der Dollar in Amerika einen viel geringeren Wert darstellt,
als bei urn der in Mark umgerechnete Betrag.
8 ) J. Ind. Eng. Chern. 7, 798ff. [1915].
nugendes Verstandnis fur den Wert chemischer Arbeit zu
haben. Dieses einseitige Vorgehen sei ungerecht und unbillig, weil es eine Ansnutzung der Lage der Chemiker und
eine rein kaufmiiiinische Bewertulig ihrer Leistungen darstelle. M y e r s richtet daher an die Hochschullehrer die
Aufforderung, keine solche Gleichgiiltigkeit fiir das Weiterkommen der von ihnen ausgebildeten Chemiker zu zeigen,
solidern ihren EinfluB auf die Geschiiftsleute geltend zu
machen, um die Stellung der Chemiker zu verbessern. Auch
H e s s e 9 ) ist der Ansicht, daB in Amerika bei vielen Fabrikaiiten kein Verstandnis fur die Bedeutung der Cheniiker
herrsche, und die allgemeine Bildulig der Leiter vieler chemischer Fabriken unklar und mangelhaft sei. I n Deutschland
dagegen seien sowohl'die Fabrikleiter, wie auch Bankiers und
Juristen nach ihrer ganzen Ausbilduilg imstande, Dinge voin
chemischen Gesichtspunkt aus zu erfassen und ihre Aussichten zu beurteilen. Nicht in dem Mange1 an Chemikern, in
ihrer Pahigkeit uiid Willigkeit siebt H e s s e den Grund fur
das Zuruckbleiben gewisser Industrien Amerikas, soiidern
in den Leiterri vieler industrieller Unternehmungen, welche
iiicht das geringste Verstandilis fur die Produkte ihrer Fabrik, keinerlei Interesse fur die Chernie selbst und fiir chemische Anschauungen oder eia gewisses Versthdnis fur die
groBe Miihseligkeit chemischer Untersuchungeii besitzen
und daher unfahig seien, den Wert chemischer Arbeit zu
wurdigen.
Im ubrigen spricht H e s s e auch die Chemiker selbst
nicht von aller Verantwortlichkeit fur die mangelhafte
Wiirdigung und den Skeptizismus der Kapitalisten uber den
Wert cheniischer Arbeit in den industriellen Unternehmungen frei. Dieses Urteil l a B t darauf schlieBen, daB doch
recht haufig ungiinstige Erfa.hrungen gemacht morden sein
mussen, zumal H e s s e ausdrucklich betont, Chemiker, die
als Berater in der Industrie zugezogen werden, sollten vor
allem im Auge behalten, daB ein MiBerfolg nicht nur auf
ihnen haften bliebe, sondern auf jedem Mitgliede des chgmischen Berufes, ind deshalb dazu beitmgen musse, den Tag
hinauszuschieben, wo der Chemiker die ihm gebuhrende
Stellung in der Nation erhalten wird. Die gesamten Ausfiihrungen von H e s s e , der zugleich einen Uberblick gibt
iiber dau, was in manchcn Industriezweigen Chemiker geleistet haben, machen durchaus den Eindruck einer Aufforderung nicht nur an das Publikum, soiidern auch ail die Indnstrie und die amerikanische Regierung, clie Aussichteii des
Chemikers in Zukunft zu verbessern.
Der Rnf nach einer besseren Stellung des Chemikerstancles geht durch alle die Veroffentlichungen, die in Zeitschriften oder in Privatmitteilungeli ails Amerika heruber
gekomrneri sind. Der eine erhofft die Besserung durch einen
Aufschwung der chemischen Industrie nach dem Kriege,
wobei dann clie Schattenseiten der jetzigen Berufsstellung
des Chemikers verschwindeii wurden, andere amerikanische
Chemiker, wie z. B. M y e r s setzen ihre Hoffiiungen suf
einen Schutzverband, dcr im Laufe der Jahre hoffentlich
erreichen konne, daB der Chemikerstancl mil; den besten
Berufsklassen in Wertschatzung und gerechter Gehaltsbemessung auf einer Stufe.steht. In der Tat scheint es nach
all den wiedergegebencn AuBerungeri in Amerika an einem
ZusammenschluB der a.ngest,ellt'enCheniiker zur Vertretullg
ihrer Standesinteressen zu fehlen. Es besteht zwar In Amerika eine American Chemical Society, die nach den Ifitteilungen \-on H e r t y zurzeit etwa 7000 Mitglieder zahlt, die
sowohl clen Hochschulen als auch der Industrie angehiireii.
Die American Chemical Society fa13t alles zusammen, was in
Deutschlaiid der Deutschen Chemischen Gesellschaft, dem
Verein Deutscher Chemiker, der Bunsengesellschaft und dcm
Verein zur Wahrung der Intcressen der chemischen Industrie
Deutschlands angehort. Die Tatigkeit der American Chemical Society gipfelt in der Herausgabe dreier sehr gut amgestatteter Zeitschrjften, wofur der Verein betrachtliche
Summen aufwendet l o ) , die aber auch durch eine Fiille von Inseraten eine qute Einnahmequelle da,rstellen. Eine Standesvertretunq, wie der Verein Deutscher Chemiker, ist, aber die
J. Ind. Eng. Chem. 7 , 293 119151.
Nach Baekeland (J. Ind. Eng. Chem. 7, 979 [1915]) iiber
100 000 Doll. jiihrlich.
9)
10)
6"
32
Diehl: Chemiker und chemische Industrie in Amerika.
American Chemical Society keineswegs. Deshalb wird auch
von M y e r s in seinem wiederholt erwahnten Aufsatz sehr
beklagt, daB in Amerika eine Vereinigung fehle, die dafur
eintrete, die materielle Lage des Chemikerstandes zu fordern, ihm die gebiihrende Achtung neben andereil Berufsklassen zu schaffen und sich aul3erdem init der Vermittlung
von Anstellungen fiir Chemiker beschaftige. M y e r s verweist ausdriicklich hierbei als Vorbild auf den Verein
Deutscher Chemiker, der alle diese Voraussetzungen erfulle,
und auch bei den Stellenbewerbern nur solche Chemiker
beriicksichtige, die sich uber eine geeignete Ausbildung und
uber bestandene Examen ausweisen konnen. Das letztere
verlangt M y e r s auch als Bedingung der Mitgliedschaft der
in_Amerika zu griindenden Vereinigung.
Den eben erwahnten Bestrebungen ist besondere Beachtung zu schenken in einer Zeit, in der mit den Absichten
Amerikas zu rechnen ist, seine eigene Industrie auszudehnen,
um sich in wichtigen Produkten moglichst unabhangig von
Europa zu machen. In diesem Sinne haben sich auch namhafte Chemiker Amerikas, besonders H e r t y , in seiner
wiederholt erwahnten Antrittsrede ausgesprochen und, gestiitzt auf die Erfahrungen des jetzigen Krieges, verlangt,
da13 wie auf allen anderen, so auch auf chemischem Gebiete
Amerika sich auf ein ,,Bereitsein" einrichte. Wenn man
diesen Willen zur Tat umsetzen sollte, dann diirfte es cler
Industrie Amerikas auch nicht darauf ankommen, gronere
Mittel als bisher zur Ausbildung und Heranziehung chemisch
geschulter Hilfskrafte aufzuwenden. Man wird deshalb gut
tun, rnit diesem Umstande beizeiten zu rechnen. Der Wettbewerb Amerikas auf den1 Gebiete der chemischen Indnstrie
nach dem Kriege ist jedenfalls ernster einzuschatzen, als der
Englands .
Die seitherige industrielle Entwicklung Amerikas hat
sich in erster Linie auf dem Gebiete der metallurgischen,
der mechanischen und der Textilindustrie vollzogen, wahrend
die eigentliche chemische Industrie zuruckgetreten ist und
nur die anorganische Grol3industrie im Laufe der Zeit sich
wirklich hoch entwickelt hat. Im besoiideren hat Amerika
die Farbstoffindustrie gefehlt. Es ist deshalb nicht erstaunlich, daB man sich, ahnlich wie dies ja in England geschieht,
nun gleichfalls in Amerika rnit VorschIagen beschaftigt, um
gerade nuf diesem Gebiete den Vorsprung der deutschen
Industrie einzuholen.
Wenn man sich die Griinde naher ansieht, die von den
Amerikanern fiir das Zuriickbleiben ihrer Farbstoffindustrie
angefiihrt werden, so weisen diese schon auf den Weg hin,
auf dem man eine Abhilfe erhofft. Es zeigt sich hier dasselbe
Schauspiel wie in England, daB die Inclustrie nicht aus
eigener Kraft hier helfend eintreten kann, sondern daB man
wieder die Regierung zii Hilfe ruft.
H e s s e will es den amerikanischen Chemikalienfabrikanten nicht zum Vorwurf niachen, daR sie in der Griindung
von Farbstoff-Fabriken angstlich gewesen seien, da ja die in
den meisten Laiidern gemachten Versuche, Deutschland
das Farbstoffgeschaft zu entreiBen, vergeblich gewesen
wiiren. Trotzdem riigt aber H e s s e die Gleichgiiltigkeit der
Farbstoffverbraucher, welche als die am nieisten Interessierten eigeiitlich hatten versuchen konnen, das finanzielle
Risiko, welches rnit der Griindung einer eigeneii Fsrbstoffindustrie Amerikas verkniipft ist, zu tragen. I n der Hauptsache aber sieht H e s s e das Zuruckbleiben der chemischen
Industrie Amerikas, daB sie standig mit niedrigen Tarifsatzen zu kampfeii hatte, wahrend das Material, das sie verbrauchten, in einer fur die Industrie ungiinstigen Lage gelassen wird. I m Iiiteresse eines gerechten Ausgleiches sei zu
hoffen, da13 bei einer spateren Revision des Tarifes die ainerikanischen Gesetzgeber ihre Tatigkeit am anderen Ende
' beginnen, und der KongreB zugunsten der amerikanischen
Industrie die jetzigen Tarifsatze abandern wird.
In ahnlichem Sinne hat sich auch W i 11 i a m H. N i c o 1 s n ) geaul3ert. Nach seiner Ansicht besteht das Hindernis fur die Entwicklung der ainerikanischen chemischen
Industrie, abgesehen von dem Pateiitgesetz uiid dem Mange1
eines genugenden Schutzzolls, in der Mangelhaftigkeit der
11) Vortrag VOT der Am. Association for the Advancement of
science. Chem. Techn. Journ. 1915, 235f.
[angewsndte
Zeitsohrift fiir
Chemie-
Antitrustgesetze, urn die ainerikanische Industrie gegen die
systematische Dumping-Politik des Auslandes zu schiitzen,
die mit Preisen arbeitet, melche wesentlich geringer sind als
die im Auslande gefordert werden, einzig und allein in der
Absicht, die amerikanische Industrie zu schadigen und zu
vernichten.
Die Wiinsche einer Abanderung des Patentgesetzes
haben sich inzwischen schon zu einem dem KongreB vorgelegten Gesetzesvorschlag, der sog. Paige-Bill verdichtet.
Danach sol1 fiir alle kiinftighin zu erteilenden amerikanischen
Patente auf Arzneiwaren, Arzneimittel, cheinische Produkte, f i i r medizinische Zwecke sowie alle Steinkohlenteerfarbstoffe ein Ausfiihrungszwang eingefiihrt werden ; auBer-.
dem sollen Patente auf alle diese Produkte nur insoweit erteilt werden, als sie sich auf ein bestiinmtes Herstellungs-.
verfahren beziehen. Die Paige-Bill ist von H e s s e in der
Sitzung der Rochester Section der American Chemical Society
am 4./10. 191512) auf das lebhafteste bekampft worden,.
wahrend S t o n e b r a k e r den dusfiihrungszwaiig verteidigte als wirksames Mittel gegen eine ungeaetzliche Monopolisierung von Patenten und Sperrung ganzer Arbeitsgebiete durch Trusts oder grol3ere Vereinigungen. DaB dieser
Ausfuhrungszwang sich gegen das Ausland , besonders.
Deutschland richtet, ergikt sich schon durch seine Ver-teidigung mit dem Hinweis auf das Vorgehen Englands mit.
dem Gesetz von 1007.
Mit besonderem Nachdruclr hat H e r t y sich in seiner
schon wiederholt genamiten Antrittsrede in der American
Chemical Society ausgesprochen. Er bezeichnet als unheilvoll
fur die Entwicklung cler Industrie einerseits die amerikanische Patentgesetzgebung und andererseit,s die Zollverhaltnisse. Der jetzigen Patentgesetzgebung bringe man im
amerikanischen Volke nur geringes Verstandnis fiir den
Zweck und den Wert der P a t e n k als eineii Teil des National-.
vermogens entgegen; darum begegne man auch nur zu oft:
der kurzsichtigen Politik, der Entnahme von Patenten aus
deni Wege zu gehen. Es koiine fur den KongreB keine
Schwierigkeiten bieten, das Patentgesetz und das damit im
Zusamiiienhaiig stehende Gericht.sverfahren derartig zu ver-.
bessern, da13 das amerikanische Volk niehr Interesse f i i r
Patente zeige.
Sodann wiinscht aber H e r t y auch eiii Zusammenwirken der Industrie rnit cler Regierimg durch eine angemessenere Tarifgesetzgebung. Das Aufhoreii des Importes
gewisser Cheniika'lien aus Deutschland wahrend des Krieges.
habe gezeigt, daB in der inclustriellen Kette Amerikas
inehrere schwache Glieder seien. Zu ihrer Starkung miiI3te
eine Zeitlang ein besserer Schutz gewahrt werden, urn
Kapital und Wissenschaft zu einigen unter dem ubermaI3igen und nicht richtigeii Druck einer ,,unfairen" ( !),
Fremdeneinmischung. Am deutlichsten spreche hierfiir
die Farbstoffindustrie. Wenn es sich im Vergleich zu an-.
deren Industrien auch um keinen allzugroBen Wert hmdele,
so sei doch der Verbrauch der Produkte ein sehr weit.
verzweigter;uiid es hingen an ihm die Interessen so vieler
Arbeiter, dal3 etwas zur Hilfe geschehen miisse. Der Erfolg,
der deutschen Farbstoffindustrie sei nicht allein deni engen
Zusamnienarbeiten der Industrie und der Universitiiten zu
verdanken, sondern auch ziim Teile der giinst'igen Gesetzgebung. Die erstaunliche Tatsache, daB in Amerika sich eine
Farbstoffindustrie, trotz Vorhandenseins der Rohstoffe,.
tiichtiger Chemiker und Na,chfrage nach den Endprodukten
nicht so hatte entwickeln konnen um der jetzigen Krisis
standzuhalten, uni in Zukunft der dringenden Nachfmge zu
genugen, sieht H e r t y darin, dal3 die Kapitalisten unter
den gegeiiwlrtigen Bedingungen Aufwendung von Geld f u r
diese Industrie nicht fur rentabel halten. I m Hinblick suf die
jetzigen Zollverhaltnisse seien sie dainit im Recht, weil clie
Gefahr einer auBerordentlichen Preiswerferei durch Deutschland in dem Wettbewerb nach dem Krieg voraussichtlich zu fiirchten sei. Die allererste Voraussetzung f i i r die.
billige Entwicldung der Farbstoffindustrie in Amerika sei
12) J. Ind. Eng. Chem. 7, 963ff. [1915]. Ein naheres Eingehen auf diese sehr lehrreichen Abhandlungen wiirde den Rahmen
des vorliegenden Aufsatzes uberschreiten. Im iibrigen scheint dimh
den Staatsvertrag mit Amerika von 1909 der MaBregel die Spitze
gegen Deutschland bereits abgebrochen.
Aufaabteil.
29. Jahrgang I916.l
der Erla13 einer ,,anti-dumping clause" durch den Senat und
eine Revision der Zolle auf Farbstoffe. Ein AusschuB, den
die New Pork Section zur Untersuchung der Frage gebildet
hatte, hat einstimmig den BeschluB gefaI3t :
,,Es hat sich in den vergangenen 30 Jahren entschieden
erwiesen, daS der gegenwartige Satz von 30% fiir Farbstoffenicht geniigt, die chemische Farbstoffindustrie zu einer
der Nachfrage entsprechenden Ausdehnung zu veranlassen.
Es sollten daher alle Anilin-, Alizarin-, Anthracen- und
Indigofarbstoffe, insofern sie ganz oder zum Teil Steinkohlenteerabkommlinge sind, gleichmaBig mit 30% voni Wert und
auIJerdem 71/2 Cts. pro Pfund verzollt werden; alle anderen Teerprodukte, die keine Farbstoffe und Arzneimittel
sind, rnit 15% vom Wert und init 33/, Ct,s. pro Pfuncl.
Wenn dies geschieht, dann werden die Kapitalisten nicht
mehr so zuriickhaltend bleiben, und die Farbstoffindustrie
Amerikas wird d a m in angemessenein Umfang zu Clem
Konsum stehen."
Die Bestrebungen, die Entwicklung einer Farbstoffindustrie durch ZollmaBregeln zu unterstutze.n, treten aber
auch noch von anderer Seite auf. Man vergleiche z. B. den
Bericht des Handelssekretars R e d f i e 1 d (Angew. Chem.
28, 111, 637 [1915]), sowie den Vortrag von S t o n e
(Angew. Chem. 28, 111, 645 19151) in der Sitzung der
American Chemical Society13).
Interesse verdient an dieser Stelle n0c.h eino von der
,,Frankfurter Zeitung" wiedergegebene AuBening aus dem
leitenden Fachblatt der amerikanischen Seidenindustrie.
Es heifit dort: Eine geistige Hochstleistung, wie die chemische Farbstoffindustrie Deutschlands, das Werk zweier
Generationen wissenschaftlich herangebildeter Pachleute,
konnen wir nicht einfach abklatschen, sellxt nicht unter dem
Druck der Not durch Geldniittel, guten Willeri oder alle erdenkliche schat*zbare Neigung hierfur. Wissenschaftliche
Forschungsarbeit im Verein init technischer Leistungsfahigkeit der hochsten Art hat Deutschlands Uberlegenheit auf
diesem Gebiete geschaffen, und es wird ein neues und fachmaiinisch ausgebildetesr Geschlecht in unsereni Lande sowie
weitere 30 Jahre kosten, um Ergebnisse zu erzielen, die einen
Wettbewerb einigermal3en ermoglichen. Die Zeitschrift
bezeichnet es daher als unmoglich, daIJ man abwarten konne,
bis die chemischen Werke in der Lage seien, das Becliirfnis
des amerikanischen Marktes zu clecken, uiid da8 ohrie ausreichende balclige Versorguiig fiirchterliches Unheil eintreten mu& das Hunderttausende von Arbeiterri brotlos
mache. Eine Besserung konne nur dann eintreten, weliii
die Regierung in Washington schleunigst eingreife und
Schritte unternehme, urn die Rechte Amerikas durch
Yerschiffung von Nichtbannware nach Deutschland uncl
durch Einfuhr der f i i r Amerika erforderlichen Waren aus
Deutschland zu sichern, uni die Rader in den Fa.brikeri
der amerikanischen Fabrikanten weiterhufen zu la.ssen und
die Wohlfahrt von Hunderttausenden anie.rikanischer
Burger zu sichern.
Diese zutreffende duPJeriing sowie einige weitere &Titteilungen in clen Tagesblattern lassen ersehen, daB man in
amerikanischen Icreisen doch skeptiach gegeii clie Moglichkeit ist, selbst unter dem Schutz erhohter Zolle die anierikanische Farbstoffindustrie auf die Hohe derjenigen Deutschlands zu bringen. Man wircl aber nicht aus dem Auge
verlieren diirfen, daIJ die Bestrebungen zur Erhohung der
Zolle bei der Regierung in Amerika auf Entgegenkominen
rechnen konnen, und dafi voraussichtlich die Einfuhr von
deutschen Farbstoffen nach Amerika durch ZollmaIJregeln
zuguiisten der dortigen Industrie eine Erschwerung erfnhren
wird. Eine andere Frage ist die, ob die cheinischen Fabriken
in ihrer Leist,ungsfahigkeit niit der deutschen Farbstoffiiidustrie in erfolgreichen Wettbewerb treten Bonnen, mid
ob Amerika selbst in der Lage ist, die Chemiker zii stellen,
welche geeignet sind, der Industrie zur Bliite zu verhelfen.
Die Gefahr, da13 deutsche Chemilrer sich bereit finden lassen
werden, ihr Gliick in der amerikanischen Industrie und irn
besonderen in der Farbstoffindustrie zu suchen, erscheint
nach dem was vorstehend iiber die Lage des Chemikerstandeq in der amerikanischen Iiidustrie niitgeteilt wurde,
13)
33
Dupont: Die Fabrikation der synthetischen Riechstoffe in der franzosischen Industrie.
J. Ind. Eng. Chem. 7, 991 [1915].
an und fur sich iucht allzu groR. Wenn auch Deutschland
rnit Amerika keinen Krieg fiihrt wie rnit England, so ist doch
das Verhalten Amerikas in dem Weltkrieg alles andere als
deutschfreundlich gewesen nnd wird auf die kiinftigen Beziehungen beider Lander nicht ohne EinfluB bleiben. Ein
deutscher Chemiker wird sich daher selbst bei verlockenden
Versprechungen aus Amerika kiinftighin sehr uberlegen, o b
er ihnen folgt. Die deutschen Chemiker sollten iiberhaupt
nicht notig haben, im Auslande Stellungen zu suchen, und
was Deutschlands Industrie dazu beitragen kann, um einer
solchen Abwanderung vorzubeugen, darauf ist bereits in
friiheren dufsatzen des Verfassers hingewiesen worden. Was
im besonderen Amerika betrifft, so haben die deutschen
Chemiker nicht den allermindesten Grund, im Dienst der
amerikanischen Industrie dieser zu der ,,preparedness" zit
verhelfen, nach der H e r t y so sehr verlangt. Wir konnen
stolz daraiif sein, daB nir sie, wie der Krieg schlagend
bewiesen hat, auf chemischem Gebiet bereits besitzen. Die
Stimmen aus dem Auslande sollten nun aber eiiie Mahnung
fur den Chemiker und die chemische Industrie sein, dieses
Vorbereitetseiii im 0 i g e n e n Lande rnit allen Kraften
weiter auszubauen zuin Wohl der Volkswirtschaft und zum
[A. 155.1
Schutze unseres Vaterlandes.
Stimmen des Auslandes
uber die eigene und die doutsche Industrie.
D i e F s b r i k a t i o n der s y n t h e t i s c h e n R i e c h s t o f f e
i n der f r n n z o s i s c h e n I n d u s t r i e .
Von
JUSTINDUPOKT.
(SchluB von S. 28.)
Kann man dasselbe auch in technischer Eeziehung sagen ?
Ich komme jetzt zum Hohepuiikt meiner Ausfiihrungen, und
es scheint wohl der richtige Augenblick gekommen zu
sein, urn einen kurzen uberblick uber die haupts%chlichsten
synthetischen Riechstoffe iind ihre Darstellungsmethoden
zu geben. In der folgenden Tabelle habe ich die Riechstoffe
nach der Natur ihrer Ausgangsmaterialien zusammengestellt. Sie zerfallen in zwei grol3e Abteilungen. Die eine
leitet sich von den I ~ o h l e n w a s s e r s t o f f e nu n d
P h e n o l e n d e s S t e i n k o h l e n t e e r s ab, die anderen werden a u s d e n a t h e r i s c h e n 0 1 e n gewonnen. Aufier den Ausgangsmaterialien enthalt die Tabelle
soweit vie moglich clie angewandten Reaktionen sowie die
Zwischenprodukte. Die synthetischen Eiechstoffe selbst
sind fett gedruckt.
1. D e r i v a t e d e s B e n z o l s .
Acetylchloricl
Acetophenon
Alurniniurnchlorid
o-Anisidin + Guajacol
}
- Vanillin
Brom
+ Phenyllitliylalkohol
Magnesium
Cl~lorhydrindes Glykols
Salicylsiuremethyl-,
Phenylither
isobutyl-, amyl- 11.
A1kslischmelze
Anisol + Acebylanisol
11. D e r i v a t e d e s T o l u o l s .
Benzylalkohol
I
+ ChIor = I
B&nz~chloiid
\
I
f Beuzylester der Ameisensiiure,
Essigsiure, Benzoesiiure,Zimt-
Zimtaldehrd I Zimtsiureme-
Benzaldehyd
I
Benzoesaure
j Ester der
1 Benzoesiiure
aceton
dcetylchlorid
Aluminiumch!orid IJ' illethylacetophenon.
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