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Demokrit und die Quantenmechanik.

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Annalen der Physik. 7. Folge, Band 45, Heft 1, 1988. S. 53-60
VEB J. A. Barth, Leipzig
Demokrit und die Quantenmechanik
Von RENATEWAHSNER
Einstein-Laboratorium, AdW der DDR, Potsdam
Inhaltsubersicht. Es wirdgezeigt, daB der antike Atomismus ein auch fur die moderne Physik
fundamentales Denkprinzip begrundete, ein Prinzip, das es in seiner Newtonschen Modifizierung ermoglieht, die Bewegung und das Kontinuum physikalisch zu fassen.
Deniocrit and Quantum Mechanics
a b s t r a c t . It is shown that the antique atomisms founded a thought principle which has also
a fundamental meaning for modern physics, a principle which in its Newtonian version makes it
poseible to grasp motion and continuum physically.
Einleitung
Auf den ersten Blick scheint die it4 der Uberschrift angedeutete Verbindung recht
gewaltsani zu sein. E s liegt sogar der Einwand nahe, daD die mechanistische Vorstellung, wonach die ganze Welt aus der Bewegung kleinster unteilbarer Teilcheri erklart
werden konne, gerade durch die moderne Physik, rnithin auch durch die Quantenmechanik widerlegt sei. Und doch lesen wir bei Erwin Schrodinger, einem der Begrunder der
Quantenmechanik : Wir miissen die Entdeckung Plancks, daB die Energie nur in unteilbaren Betragen von jeweils ganz bestimmter GroDe, den Quanten, iibertragen wird, um
mehr als 2000 Jahre riiclidatieren, seitdem Einstein die Identitat von Energie und
Masse bewies. Denn seittlem ,,mussen wir uns sagen, daB die uns Iangst bekannten kleinsten Masseteilchen, die Atome oder Korpuskeln, deren Existenz heute in vielen schonen
Experimenten ganz ,handgreiflich' gezeigt wird, eben auch Energiequanten sind" [ 11.
Nach Schrodinger hat die Atomistik in ihrer heutigen Gestalt unter dem Namen ,,Quantenmechanik" durch die Entdeckungen von Planck iind Einstein ihren Denkbereich
von ,,gewohnlicher Materie" auf alle Arten von Strahlung erweitert [I] und damit die
aritike Entdeckung jetzt erst konsequent angewandt [ a ] .
Es gaben sich zwar - wie Schrodinger schreibt - die Begriinder der Wellenmechanik
,,Sur kuric Beit der siiBen Hoffnung hin, daB es ihnen gelungen sei, den Riickweg zu
einer klassischen kontinuierlichen Beschreibung der Natur zu bahnen" [ 3 ] . Doch diese
Hoffnung zerschlug sich. Dies hatte nach Schrodinger seinen Grund in der Diffizilitat,
das Kontinuum gedanklich zu fassen. Seines Erachtens ist die Moglichkeit nicht von der
Hand zu weisen, ,,daB die Schwierigkeiten, denen die Physik sich heute gegeniibersieht,
aus der Fegrifflichen Ratselhaftigkeit des Kontinuums stammen" [ 3 ] . Diese Moglichkeit
ubersehen wir im allgemeiiien, da wir uns mit dem Begriff des Kontinuums vertraut
erachten, da wir uns im Bcsitz des Kontinuums fiihlen [2]. Den Alten hingegen war die
Problematik des Kontinuums bewuIjt. Sie erfanden den Atomismus, uin ihrer Herr zu
wertlen. Die Erfindung war so genial, (la13 sie die Naturwissenschaft his heute tragt.
Schrodinger preist daher Atoine und Quanten als uralten Gegenzauber gcgen die Magie
des Kontinuums [ 3 ] .
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Es mag vielleicht verwundern, einen ,,uralten Zauber" als Fundament der modernen
Naturwissenschaft charakterisiert zu sehen. Doch liegt diese Verwunderung nicht darin
begrundet, daB man uberhaupt nicht daruber erstaunt ist, daB die Welt erkennbar ist,
daB die Bewegung in Gesetze, d.h. in stabile Beziehungen, gefaBt werden kann? Die
Erkennbarkeit der Welt ist fur einen modernen Naturwissenschaftler so selbstverstandlich, daB er gar nicht auf die Idee kommt, nach ihren Voraussetzungen zu fragen. Doch
genau diese Frage halt Schrodinger fur erforderlich, weil nur so die Schwierigkeiten der
modernen Physik verstanden und infolgedessen auch gelost werden konnen.
Der antiken atomistischen Methode, das Kontinuum uber Diskretheiten zu fassen,
sind nach Schrodinger zwei Prinzipien inharent : zum einen die Annahme, daB das Naturgeschehen sich verstehen laBt, zum anderen den Grundsatz, das erkennende Subjekt aus
dem angestrebteri Weltbild auszuschalten und es in die Rolle eines auBensbehenden Beobachters zuriicktreten zu lassen (Objektivierung) [I, 27.
Die Begriindung des ersten Prinzips vollzog sich mit der ifberwindung des mythologischen Weltbildes durch die ionische Naturphilosophie. Sie begrundete den Ubergang
zu einer rationalen Weltbetrachtung und damit die Basis sowohl fur die Philosophie als
auch fur die Naturwissenschaft [41. Da Schrodinger rnit der ionischen Naturphilosophie
nur die Voraussetzung fur die naturwissenschaftliche Rationalitat geschaffen sieht und
auch nur deren Entwicklung verfolgt, fehlt ihm im modernen Weltbild schlechthin das
Subjekt, das Subjekt, von dem tatsachlich nur in der Naturwissenschaft abstrahiert
wird (nicht in der Philosophie).
Das zweite Prinzip begrundete der Atomismus, indem er die ganze Welt als nur aus
Atomen urid dem Leeren bestehend betrachtete. Damit wurde das erkennende Subjekt
als reines Naturobjekt angesehen und so als Subjekt ausgeschaltet. Indem der antike
Atomismus jedoch auch die Seele atomistisch erklaren wollte, geriet er in Widerspruch
zu seinem eigenen Grundprinzip und verwickelte sioh in Paradoxa [2]. Das Fortlassen
des Erkenntnissubjekts halt Schrodinger fur einen Kunstgriff, aber fur einen Kunstgriff,
auf den nur ein Narr verzichten wurde [2].
Schrodingers Analyse der Bedeutung des antiken Atomismus fur die moderne Yhysik
fuhrt zu dem Ergebnis : Bei aller Anderung des Atombegriffs (die quantenmechanischen
Atome sind keine in ihrer Bewegung durch die Zeit verfolgbaren Individuen mehr) konlien wir des Atomismus nicht entbehren; und zwar des Atomismus nicht so sehr im
Sinne einer Theorie, die behauptet, daB die Materie aus kleinsten Teilchen besteht [3],
sondern des Atomismus als eines ,,Kunstgriffs", mit dessen Hilfe es geliiigt, die begrifflichen Schwierigkeiten des Kontinuums zu meistern. Hierbei bezeichnet Schrodiriger
mit dem Terminus ,,Kunstgriff" ein erkenntnistheoretisch begrundetes Denkprinzip.
Er bestimmt es als ein notwendiges Mittel, das unser Bild von der Welt nur dann verfalscht, wenn wir vergessen haben, da13 wir es verwandt haben, und wenn wir nicht
wissen, morin es besteht.
Die von Schrodinger als Ausgangspunkt seiner Untersuchung ausgesprochene Vermutung, daB die Naturwissenschaft nur bei den Volkern entstanden ist, die unter den
EinfluB der griechischen Denkweise gerieten [ I , 21, formuliert eine fundamentale These,
deren Beweis ein ganzes, die Naturwissenschaft wie die Philosophie einschlieBendes,
Forschungsprogramm determiniert . Im Sinne dieses Programms wird im folgenden
riaher tlargestellt, worin das vom antiken Atomismus begriindete Denkprinzip besteht.
Das Denkprinzip des antiken Atomismus
Wie gezeigt werden konnte, entwickelte der griechische Atomismus erstmals das
Prinzip einer physikalischen Darstellung der Natur ; er entwickelte es rnit seinem Grundgedanken, die ganze Welt, alles Bestehende, auf das Atom und das Leere, auf Korper
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und Raum, auf clas Sein und das Nichts zu retluzieren [5]. Mit ihrem philosophischeri
System reagierten die Atomisten auf die von ihren Vorgangern, tlen Eleaten und Herakliteern, errungene Erkenntnis, daB die Bewegung widerspruchslos nicht gedacht werden kann, also - so schlufifolgerten sie - iiberhaupt nicht gedacht werden kann. Diese
Erkenntnis schlug sich in zwei einander entgegenstehenden Standpunkten nieder. Die
Eleaken meinten, die Welt sei in W'ahrheit unbewegt und nur deshalb erkennbar, denkbar.
Nach Meinung der Herakliteer hingegen ist die Welt in standiger Bewegung, aber geratle
tleshalb konne sie nicht erkannt, nicht getlacht, sondern nur (lurch die sinnliche JVahrnehmung adaquat reflektiert werden. Die Bewegung sollte nach rationalistisch-eleatischer wie nach empiristisch-herakliteischer Auffassung nicht gedacht werden konneii,
weiY tlas Nichtsein als nicht denkbar angesehen wurde. Denn was - wie das Nichtsein keiri Gegenstand ist, was folglich keine Bestimmung hat, kann nicht getlacht werden.
Mithin galt auch der Widerspruch, daB etwas ist und zugleich nicht ist, daB etwas indem es sich bewegt - an einem Ort ist untl zugleich nicht an ihm ist [C;], als undenkbar. Die Atomisten losten tlas von ihren Vorgangern von einander entgegengesetzten
Standpunkten aus aufgeworfene Bewegungs-, Denk- und Realitatsproblem, das der Einsicht entsprang, daB das (immer irgendwie diskontinuierliche) Denken iind die (letztlich
immer kontinuierliche) Existenzweise der Wirklichkeit riicht unmittelbar iibereinstimmen konnen. Die Atomisten liisten also ein der Grundfrage der Philosophie - die hier
erstmals explizit gestellt wurde - entspringendes Problem.
Die antiken Atomisten fanden aus den1 genannten Dilemma einen geninlen Ausweg,
indem sie mit ihrer Reduktion alles Bestehenden auf die Atome und das Leere eine Moglichkeit aufzeigten, wie nicht nur das Sein, sondern auch das Nichtsein als Gegenstancl
getlacht werden kann, mithin wie Sein untl Nichtsein zugleich als in cler Welt bestehentl
getlacht werden konnen. Die Atome reprasentieren das Sein, die Leere das Nichtsein,
wobei das Nichtsein so real ist wie das Sein. Durch diese Realitat des Nichtseins wird
das Sein ,,zerstuckelt" und kann jetzt gegensatzliche Bestimmungen haben. Es ist kontinuierlich und diskontinuierlich, unteilbar und teilbar, gleich iirid veranderlich, unentllich nnd endlich. (Zu denken, daB etwas, indem es sich bewegt, zugleich ist und nicht
ist, ist so nicht mehr ausgeschlossen.) Die erste Bestimmung betrifft jeweils das einzelne
Atom, das Atom als solches, die zweitgenannte die Atomzusammensetzung, also die
makroskopischen Korper bzw. uberhaupt die Beziehungen der Atome zueinander. DaB
es das gleiche Sein ist, dem diese verschiedenen Bestimmungen zukommen, wird dadurch
gewahrleistet, daB alle Atome gleicher Qualitat sind : Alle haben nur GroBe und Form,
zwischen ihnen gibt es nur quantitative Unterschi,ede.
Fur eine physikalische Naturdarstellung ergeben sioh aus dieser Dualisierung tler
Welt in Leeres und Volles, in reales Nichtsein und reales Sein, zwei bedeutsame Konsequenzen: zum einen, daB alle Naturvorgange in der Welt universe11 vergleichbar sinrl ;
zum anderen, daB die sinnlich wahrgenommene Vielfalt aus minimalen Voraussetzurigen
abgeleitet werden kann und sich als quantitativ bestiminbare Unterschietlenheit dnrstellt.
Die Uriveranderlichkeit der Atome gnrantiert, daB im Wechsel der Erscheinungen
stets etwas Konstantes erhalten bleibt. Sie macht so die Existenz objektiver Naturgesetze denkmoglich, objektiver Gesetze, die ja das notwendig Wiederholbare und Allgemeine erfassen. Die Atorne sind zudem die Vorstufen der phgsikalischeri GroBen, ohne
die physikalische Naturgesetze als mathematische GroBengleichungen nicht formuliert
werden kiinnen. Ebenso wie die Atome Hind die phpsikalischen (:roBen nicaht unmittelbar
sinnlich wahrnehmhar und nicht ohne Denken zu erfassen ; sie sind Gedankendinge,
Verstandesgegenstande. I n tlen Atomen ist das spater in den physikalischerl MeljgroBen
realisierte Konzept angelegt, Verschiedennrtiges beziiglich eirler Qualitat miteinander
zii vergleichen, also in dieser Hinsicht gleichzusetzen, um ihre Unterschietlenheit quan-
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titativ fassen zu konnen. Es gibt allerdings keim Methode, mit der man den primaren
Atomqualitaten einen Wert zuordnen konnte, da sie nicht meBbar sind. Dies unterscheidet die Atome von den physikalischen GroBen, womit auf die Grenzen verwiesen
ist, innerhalb derer der ursprungliche Atomismus die Physik erkenntnistheoretisch zu
begrunden vermochte.
Indem der Atomismus Rationalismus und Empirismus (Eleaten und Herakliteer)
konstruktiv sgnthetisierte, also den rationalen Kern dieses wie jenes philosophischen
Systems heraushob und zu einem neuen Ganzen vereinigte, erzeugte er eine Grundvoraussetzuiig dafur, Einzelwissenschaft entwickeln zu konnen. Er fand die Moglichkeit,
nicht nur das Weltganze rational zu betrachten, sondern auch Teilgebiete der Welt
(rgl. Schrodingers Verstandlichkeitsannahme). Er fand mithin die Moglichkeit, die
Welt nicht nur philosophisch, sondern auch physikalisch zu denken. Denn da das Wesen
aller Erscheinungen in der Welt durch die Atome und das Leere gegeben ist, konstituiert
es sich nicht erst durch das universelle, den allgemeinen Zusammenhang herstellende,
gegenseitige Aufeinanderwirken, sondern bereits durch einige wenige Atome und den
leereri Raum, zwischen ihnen. Es wurde so die Basis fur eine Wissenschaft gegrundet,
deren Gegenstand nicht die Welt als Totum ist, sondern nur einzelne ihrer Bereiche.
Dabei mu6 grundsatzlieh jeder Bereich der Welt zum Gegenstand der Wissenschaft
merden konneii. Dies ist eine unabdingbare Voraussetzung, und sie findet in der Forderung nach universeller Vergleichbarkeit ihren Ausdruck.
Die physikbedeutsame Leistung des Atomismus zusammenfassend ergibt sich: Der
Atomismus begrundete das Prinzip des physikalischen Denkens durch die Verteilung
der nur in Einheit wirklich seienden Momente, durch die V e r t e i l u n g d e r g e g e n s a t z l i c h e n b e g r i f f l i c h e n B e s t i m m u n g e n u n d d e r e n S u b s t a n t i v i e r u n g bzw. Vertlinglichu ng. Gegensatzliche begriffliche Bestimmungen werden zu zwar zusammengehorigen, aber deutlich voneinander abgegrenzten selbstandigen Existenzen.
Durch diese Verteilung der Momente wurde auch erstmals in der Geschichte des
menschlichen Denkens die begriffliche Unterscheidung von Materie und Raum vollzogen. Sie ermoglichte die gedankliche Fassung der Bewegung, und zwar so, daB der die
Bewegung ausmachende W'iderspruch [61 in physikalischer Weise gedacht werden
konnte, also so gedacht werden konnte, daB die Bewegung meBbar und berechenbar
wurde. Ohne den Raumbegriff ware die gleichzeitige Realitat des Seienden und des
Nichtseienden nicht zu behaupten gewesen. Nun aber erschien der Raum als Bedingung
fur die Moglichkeit der Bewegung und somit zugleich als Bedingung fur die Moglichkeit
der Erkenntnis, der Erkennbarkeit, mithin der logisch widerspruchsfreien Denkbarkeit,
der Welt - und zwar einer bewegten Welt [7].
Die Erkenntnis, daf3 Begriff und Wirklichkeit nicht identisch sind, sowie die Erkenntnis der M'iderspruchlichkeit der Bewegung, bildete also die Voraussetzung, um das
physikalische Denkprinzip entwickeln zu konnen. Die atomistische Losung, die Bewegung denkbar zu machen, das Denken mit der Wirklichkeit in ifbereinstimmung zu
bringen, war die eine mogliche Losung des Bewegungs-, Denk- und Realitatsproblems.
Sie war diejenige, die die Katur als unbezweifelte Voraussetzung nahm. Sie dachte die
ganze i%7eltals Natur ; das BewuBtsein, das Erkenntnissubjekt fungiert lediglich als
i\uDerer Beobachter (vgl. Schrodingers Objektivierungsgrundsatz). Es ist dies genau der
naturwissenschaftliche Standpunkt. Die andere mogliche (und naturlich notwendige)
Losung des Problems ist die philosophische, die sich in der (ebenfalls von den Eleaten
urld Herakliteern initiierten) Geburt der Dialektik niederschlug. Der Unterschied beider
Losungen laBt sich bezogen auf den Atomismus in den Satz fassen: Es kann kein philosophisches Atom, aber es mu6 ein physikalisches Atom geben [5].
R. WAHSNER,Demokrit und die Quantenmechanik
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Die Grenze des antiken Atomismus
Die atomistische Konzeption machte die Bewegung physikalisch denkbar, konnte
aber keinen notwendigen Zusammenhang zwischen diesem Denkprinzip und der sinnlichen Wahrnehmung begrunden. Oder anders gesagt : Der antike Atomismus erfand das
Prinzip physikalischen Denkens, das Prinzip der physikalischen Sinnlichkeit vermochte
er jedoch nicht zu begrunden [5]. Hierfur war eine Modifizierung des Atomismus erforderlich.
I n der ursprunglichen Atomistik wird das Atom seinem eigentlichen Begriffe nach
als absolutes Individuum unterstellt . Auf der Grundlage der Vereinzelung des Korpers
kann die Physik aber nicht hinreichend erkenntnistheoretisch fundiert werden, d. h.
nicht in einer Weise, in der Theorie und Messuiig miteinander verkniipft werden. Die
Grenze der Atomistik entspringt daraus, daB sie die Mannigfaltigkeit der Welt, das
Werdeii und Vergehen, durch Eigenschafteri erklaren will, die einem einzelnen Korper,
die dem Atom als einzelnem zugeschrieben werden konnen.
Die Isolierung des physikalischen Korpers als Atom wurde aufgehoben durch den
p hysik alisc h e n (nicht den mechanizistischen) Kraftbegriff, durch die physikalischen
Wechselwirkungsgesetze. Der physikalische Kraftbegriff unterstellt die Wirkungsfahigkeit der Naturkorper. Er unterstellt sie, da ihm clas Konzept inharent ist, daB die Korper Kraft ausiiben, indem sie sich aufeinander beziehen, besser : sich zueinander verhalten, also nichts streng Isoliertes, nichts weseritlich Einzelnes sintl. Auf dem Fundament der in den seit der Antike vergangenen Jahrhunderten erarbeiteten Voraussetzungen - die insbesondere mit der Ausbildung der experimentellen Methode verknupft
waren -- entwickelte Newton diese sich iiber den Standpunkt de$ antiken Atomismus
erhebenda Konzeption, indem er mit der klassischeb Mechanik die erste physikalische
Dynamik ausarbeitete. Vor allem indem er den Begriff der Gravitation im Rahmen seiner
physikalischen Theorie diskutierte, kam er zu dem Resultat, daB die Kraft, mit der die
Korper aufeinander einwirken, nicht als inharente, als priinare Atomeigenschaft angesehen werden kann, also nicht als Eigenschaft, die einem Korper als einzelnein zugeschrieben werden kann. Dies schloB er aus der Einsicht, daB die Korper nicht an sich,
sondern nur gegeneinander schwer sind. Zu ihr war er durch sein mathematisch formuliertes und auf experimentellem Wege gewonnenes Gravitationsgesetz gelangt, nachdem
er sich mehrfach vergeblich bemuht hatte, durch sog. Bthermodelle die Gravitation aus
primairen, aus individuellen Atomeigenschaften abzuleiten. Newton bestimmte daher
die Gravitation und andere physikalische Krifte bzw. dynamische Wechselwirkungen
als a k t i v e P r i n z i p i e n . I n der Konsequenz erkannte er, daB die Physik zwar passiver
Prinzipien bedarf, daB sie aber nur auf passiven Prinzipien (nur auf primaren Atomeigenschaften) nicht errichtet werden kann, sondern auch aktiver, also physikalischer Wechselwirkungsprinzipien bedarf [81. Der Begriff ,,physikalische Erklarung" anderte sich
damit grundlegend, wurde erstmals identisch mit ,,wissenschaftlicher resp. einzelwissenschaftlicher Erklarung", wahrend ihm vorher noch die Bedeutung von ,,naturphilosophische Erklarung" anhaftete [ 91.
Es ist nun interessant zu sehen, daB Karl Marx in seiner Dissertation ,,Differem der
demokratischen und epikureischen Naturphilosophie", indem er die Frage diskutierte,
wie eine Philosophie beschaffen sein muB, die die Kluft zwischen Philosophie und Wirklichkeit aufhebt, indem er die Frage diskutierte, wie theoretische Prinzipien objektiv
werden konnen, zu einem analogen Ergebnis kam [ 101. Marx beendete seine Arbeit niit
der Erkenntnis, daB nicht die Einzelheit in der Natur der Dinge herrscht, und daB daher
alle wahre und wirkliche Wissenschaft aufgehoben wird, legt man d&sPrinzip des isolierten Iridividuums zugrunde oder faljt man das SelbstbewuBtsein (das Menschenbild)
nur unter der Form der Einzelheit [Ill. Marx fant-l also in den beiden von ihm analysierten atomistischen Systemen n i c e die philosophische Konzeption, die er gesucht hatte :
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Die epikureische Variante des Atomismus ermoglicht zwar die Freiheit des Individuums
(des Menschen oder des Atoms), ist aber, da sie auf dem Prinzip des isolierten Indivichums errichtet ist, ganz subjektiv. Demgegenuber ist der demokritische Atomismus
objektiv, 1aBt aber keinerlei Freiheit zu. Eine Philosophie, die sich verwirklichen will,
tiad sich aber - erkannte Marx - nicht damit begniigen, die Welt zu kritisieren, sondern mu13 danach zielen, sie zu verandern. Dazu bedarf es objektiver Gesetze, miissen
das Wesen und das Allgemeine objektiv sein. Mit Demokrit wollte Marx die r e a l e n
Moglichkeiten der Welt erkunden, da nur aus ihnen die reale Notwendigkeit folge. Er
schluBfolgerte : Notwendig ist eine Philosophie, in der der Mensch so konzipiert ist, daB
sein SelbstbewuBtsein eine selbstandige Natur ertragt. E r fragte daher: Wie mu13 das
Menschenbild gefaBt werden, daB nicht unter der Form der Einzelheit formuliert wird P
Die Antwort hierauf umfaBt das gesamte Lebenswerk von Marx. I m Verlauf seiner
Forschungen erkannte er, daB das menschliche Wesen nicht ein fiir allemal gegeben ist,
sondern daB es im ProzeB der Aneignung der Natur durch den Menschen, also im ProzeB
der menschlichen Arbeit (der realen Wechselwirkung zwischen Mensch und Natur) hervorgebracht wird. Die Einsicht, daB der Mensch aus diesem Grunde nicht als isoliertes
Individuum gefaBt werden kann, formulierte Marx erstmalig 1844 in den Pariser Manuskripten. Ihren klassischen Ausdruck fand sie jedoch ein Jahr spater in der sechsten
Feuerbachthese in den bekannten Worten: ,,Das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum. I n seiner Wirklichkeit ist es das ensemble
der gesellschaftlichen Verhaltnisse" [121.
Was Marx mit dieser Bestimmung meint, geht einher mit der schon erwahnten, auf
der Basis der Newtonschen Gravitationstheorie moglichen Einsicht, daB die Korper
nicht an sich, sondern nur gegeneinander schwer sind. Die Schwere ist in der klassischen
Mechanik eine Eigenschaft, die erst durch das Verhalten der Korper zueinander konstituiert wird, die es auBerhalb ihres Verhaltnisses nicht gibt. (Sie ist in diesem Sinne eine
Systemeigenschaft oder ein Systemeffekt.) Diese begriffliche Bestimmung ist - wie gesagt - die notwendige Modifikation des antiken Atomismus, in dem die Schwere als
Eigenschaft eines einzelnen Atoms konzipiert wird.
Dennoch gibt es schon in der antiken Atomistik eine Vorform der notwendigen Modifikation - und zwar bei Epikur, der den demokritischen Atomismus durch den Gedanken der Systemeigenschaft verandert. Epikur konzipiert die Atomzusammensetzung
(den makroskopischen Korper) so, daB sie als ein Ganzes mehr als die Summe ihrer Teile,
der einzelnen Atome, ist. Damit existiert fur ihn nicht nur das Wesen, sondern auch die
Erscheinung real.
Fur Demokrit trifft das nicht zu. Fur ihn ist die Zusammensetzung identisch mit der
Summe der Teile. Sie verkorpert ebenso wie das einzelne Atom das Wesen - ausgedriickt in den sog. primaren Qualitaten, von denen die sekundaren Qualitaten unterschieden sind. Letztere sind nach Demokrit den Dingen selbst nicht eigen, sondern sie
ergeben sich aus der Wahrnehmung. Doch er erklart nicht, wie oder warum aus den
Atomeigenschaften z. R. die Wahrnehmung ,,rot" entsteht, sondern er behauptet nur,
daB es so ist. Im Subjekt vollzieht sich seines Erachtens dieser ProzeB - irgendwie.
Zwischen Denken und sinnlicher Wahrnehmung bleibt so ein unvermittelter Bruch. Die
Erscheinung ist nur subjektiver Schein.
Bei Epikur hingegen wird die Erscheinung, werden die sekundaren Qualitaten durch
das Konzept, daB das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist, zu etwas Objektivem,
mithin zu etwas der physikalischen Erforschung im Prinzip Zuganglichem. Die sekundaren Qualitaten entstehen nicht erst durch die Wahrnehmung, sondern durch die Zusammensetzung. n u n sind aber die Atome als solche nicht wahrnehmbar, sie sind
Gedankenobjekte. Die Vermittlung zwischen Wesen und Erscheinung und zwischen
Erscheinung und Wahrnehmung kann Epikur, nicht erklaren. ,,Irgendwie" vollzieht sich
rler ubergang vom Denkbaren zum Wahrnehmbaren.
R. WAHSNER,
Demokrit und die Qnantenmechanik
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Letztlich lost Epikur das offene Erkenntnisproblem also ebensowenig wie Demokrit.
Das tlemokritische System hat aber den Vorzug, daB die geschilderte, fur die Physik so
fruchtbare Weise, das Kontinuum und die Bewegung begrifflich zu fassen, das Sein als
widerspruchlich zu denken, nur auf seiner Basis moglich ist, nicht auf der des epikureischen Systems [lo]. Denn nur im demokritischen System gehoren sowohl Atom als auch
Atoinzusammensetzung zum ,,Reiche" des Wesens, werden die gegensatzlichen begrifflichen Momente auf ein Sein gleicher Ordnung verteilt, wahrend sie im epikureischen
System in Wesen und Erscheinung aufgespalten werden - und die Widerspriichlichkeit
des Seins, dessen, was ist, also des Wesens, sich nicht denken IaBt.
Epikur versuchte als erster Mange1 des atomistischen Systems durch das Prinzip,
daB ilas Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist, zu beseitigen. Jedoch gelang es erst
Newton, den Atomismus i n einer wissenschaftlich konstruktiven Weise durch dieses
Prinzip zu modifizieren resp. Demokrit und Epikur wissenschaftlich konstruktiv zu
synthetisieren.
Der Gleichlauf der Newtonschen Modifikation des Atomismus bei der Regriindung
der lrlassischen Mechanik mit der Ausbildung tler Marxschen Philosophie und Gesellschaftstheorie bietet den Ansatz, um die Grundlage einer jeden Wissenschaft zu begreifen : Eine Wissenschaft kann nicht begriindet wertlen, konzipiert sie ihren Gegenstand
als vereinzeltes Individuum. Eine Wissenschaft kann nur auf dem Prinzip des gesellschaftlichen oder kollektiven Individuums l) begrundet werden.
Naturlich hat Marx nicht in physikalischer Richtung gedacht. Doch bedenkt man,
daB er eine Wissenschaft von der Gesellschaft eben erst dadurch begrunden konnte, daO
er riicht mehr das vereinzelte Individuum oder den abstrakten Menschen, sondern das
Konkretum ,,menschliche Gattung" als Untersuchungsobjekt bestimmte, so sieht man
den in seiner Dissertation gezogenen SchluIj auch in der Begrundung einer Einzelwissenschaft, der Gesellschaftswissenschaften, realisiert. Jener SchluB impliziert, daB es eine
unabdingbare Voraussetzung fur die Begrundung einer jeden Wissenschaft, mithin ein
typisches Kennzeichen von Wissenschaft als solcher ist, ihre Untersuchungsobjekte nicht
als gegeberie Individualgegenstande zu unterstellen, sondern sie als Ganzheiten, als
gegenstandliche Verhdtnisse, als Systeme zu bestiminen (was allerdings vor-theoretisch
nicht moglich ist, sondern immer erst auf der Basis der jeweiligen Theorie).
Gelegentlich vorgebrachte Behauptungen, mit der sog. Systerntheorie beganne eine
neue Epoche der Wissenschaft, weil jetzt nicht mehr (wie angeblich in cler klassischen
Physik) das Individuum das Untersuchungsobjekt sei, sondern das System, entbehren
sornit jeder Grundlage. Sie beweisen nur, daB ihre Vertreter weder richtig auf die Physik
gesehen, noch Marx ernsthaft gelesen haben.
SchliiDbemerkung
Dlemokrit begriindete mit seinem Atomismus ein wichtiges, bis heute nicht revitliertes
Prinzip der Physik. Insofern auch die Quanteiimechanik auf diesem Pririzip beruht,
kann man Demokrit als den Mitbegriintler der Quantenmechanik ansehen. Seine Entdeckurig oder Erfindung ist aber auch von einer ebenso groOen Bedeutung fur eine Feltltheorie wie die Allgemeine Relativitatstheorie, in der die Existenz von Feldquanteri,
Gravitonen, sehr problematisch ist. Sie rnanifestiert sich hier in der nach wie vor existiereiiden Dualitat von Raum uiid Materie. 2, Xicht in tler Zerteilurig des Raumes und der
Zeit in Raum- und Zeitkorpuskeln beweist sich das atoniistische Denkprinzip, sondern
in der Verteilung der begrifflichen Momentc hei der physikalischen Fassnng der Bewegung [131.
l) Die Termini ,,gesellschaftlich" und ,,kollektiv" sind hier nicht lediglich in ihrer gesellschaftswissenschaftlichcn Bedeutung gemeint, sondcrn als allgemeincr Clegensatz zii ,,vereinzelt".
GO
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Die Bedeutung des newtonisch modifizierten Atomismus fur die Physik ergibt sich
aus seiner genialen Losung eines erkenntnistheoretischen Problems. Freilich d a d man
nicht vergessen, daB dies eine Losung fur die Physik ist, eine Losung, die zur Metaphysik fiihrt, wenn man die physikalischen Atome (das Elementare einer jeden physikalischen Theorie) a1s an sich bestehende letzte Wesenheiten ausgibt. Die Philosophie
muB den Status der physikalischen Atome erklaren, ohne selbst Atome zu unterstellen.
Wenn Demokrits groBe Leistung bislang nicht gebuhrend gewurdigt wurde, so wird
dies wohl denselben Grund haben, wie ihn Schrodinger fur den Verlust der alten atomistischen Schriften sieht : Die Berichte sind sparlich, ,,nicht so sehr, weil es so lange her
ist, sondern wohl deshalb, weil ihre Ansichten sich weniger leicht als etwa die des Plat0
und Aristoteles einfugen lieden in die kulturelle Atmosphare, in deren Obhut die alten
Texte standen" [3].
Literaturvcrzcichnis
[1] SCHRODINCER,
E. : Was ist ein Naturgesetz ? Beitrage zum naturwissenschaftlichen Weltbild.
Miinchen, Wien: R. Oldenburg 1962.
[2] SCHRODINCER,
E. : Die Natur und die Griechen. Wien: Paul Zsolnay 1955.
[3] SCHRODINCER,
E. : Naturwissenschaft und Humanismus. Wien: Franz Deuticke 1951.
[4] WAEISNER,
R. : Mensch und Kosmos - die copernicanische Wende. Berlin: Akademie-Verlag
1978.
[5] WAHSNER,
R. : Das Aktive und das Passive. Zur erkenntnistheoretischen Begrundung der Physik durch den Atomismus - dargestellt an Newton und Kant. Berlin: Akademie-Verlag 1981.
[6] HECEL,G. W. F.: Wissenschaft der Logik. Zweiter Teil. Leipzig: Verlag Felix Meiner 1951.
[7] WAHSNER,
R.; GRIESE,A.: Raum, Zeit und Gesetz. In: GRIESE,A.; LAITKO,H. (Hrsg.):
Gesetz - Erkenntnis - Handeln. Berlin: Dietz Verlag 1972.
[8] NEWTON,
I. : Opticks. Dover: DoveP Publications, Inc. 1952. Query 31.
[9] v. BORZESZKOWSKI,
H.-H.; WAHSNER,
R.: Newton und Voltaire. Zur Begrundung und Interpretation der klassischen Mechanik. Berlin : Akademie-Verlag 1980.
[lo] WAHSNER,R.: Nicht die Einzelheit herrscht in der Natur der Dinge. Zum Wissenschaftsprinzip
des kollektiven Individuums. PRE-EL 87-03.
[11] MARX,K. : Differenz der demokritkchen und epikureischen Naturphilosophie. In: M a x , K.;
Engels, F. : Werke. Erganzungsband. Erster Teil. Berlin: Dietz Verlag 1968.
[l2] MARX,K.: Thesen uber Feuerbach. In: Marx, K.; Engels, I?.: Werke. Bd. 3. Berlin: Dietz
Verlag 1958.
[13] EINSTEIN,A. : Ather und Relativitatstheorie. Berlin : Springer-Verlag 1920.
H.-H.; WAHSNER,
R.: Dt. Zs. Phil. 30 (1982) 634.
1141 v. BORZESZKOWSKI,
Bei der Redaktion eingegangen am 11. November 1986.
Anschr. d. Verf. : Prof. Dr. R. WAESNER
Einstein-Laboratorium der
Akademie der Wissenschaften der DDR
Rosa-Luxemburg-Str. 17a
Po tsdam
DDR-1590
2 ) Explizit formulierte Einstein diese Einsicht in seiner Leidener Rede im Jahre 1920. In ihr
brachte er erstmals seine Erkenntnis zum Susdruek, darj die Allgemeine Relativitatstheorie den
Raum nicht vollig dynamisiert hatte. In diesem Zusammenhang betonte er, ,,daB neben den beobachtbaren Objekten noch ein anderes, nicht wahrnehmbares Ding als real angesehen werden muB"
[13].
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