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Die chemische Technologie an den Technischen Hochschulen.

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Zeitschrift fur angewandte Chemie.
1900. Heft 27.
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Die chemische Technologie an den
Technischen Hochschulen.
Von Prof. Dr. H. Ost, Hannover.
Die Ausbildung des Chemikers fur dic
Technik i s t seit 10 Jahren haufig er6rteri
worden. Man h a t sich dariiber geeinigt, dasE
d a s bisher regellose und luckenhafte chemische
Studium durch Yriifungen besser geregelt
werden miisse, sei es durch Staatspriifungen,
sei es durch erweiterte Diplom- und Doctorprufungen. Nachdem s. M. der Kaiser und die
iibrigen deutschen Fiirsten den Technischen
llochschulen d a s Promotionsrecht verliehen
haben, sind wir eifrig bemiiht, neue Vorschriften fur unsere Diplom- und Doctorpriifungen auszuarbeiten, u n d wir durfen
hoEen, ziemlich einheitliche Chemieprufungen
au fast allen deutschen Technischen Hochschulen zu erzielen. Unsere Chemiker werden
kuoftig nach friihestens 7 Semestern das
Uiplomexamen, u n d nach e t n a 9 Semestern
d a s Doctorexamen ablegen kiinnen; nur maturi
werden zu letzterem zugelassen. W i r glauben nunmehr die Staatspriifung, welche fruher
d a s Erstrebenswertheste war, v611ig entbehren
zu k6nnen.
Scheint so die Ausbildung des Chemikers
a n den Technischen Hochschulen fur die
Gegenwart befriedigend geregelt, so drohen
fur die Zukunft neue Schwierigkeiten durch
die ausserordentliche Entwicklung der chemischen Industrie. Das besondere Unterrichtsfach ,,Technische Chemie", oder wie es richtiger zu benennen ist, , , C h e m i s c h e T e c h n o l o g i e " b e d a r f e i n e r R e f o r m . Ich gestatte mir, diese These durch folgende Ausfuhrungen zur Erilrterung zu stellen.
An den alten Polytechnischen Schulen
bildete die technische Chemie den Kern des
chemischen Unterrichts. I n H a n n o v e r wurde
seit der Grbndung unserer Anstalt im J a h r e
1831 bis zum Jahre 1853 n u r ein Chemievortrag gehalten, ein 5 stundiger Jahresvortrag unter dem Namen ,,Theoretische Chemie",
daneben ein 10 stundiges Prakticum, die
,,Praktische Chemie".
D e r Vortrag war
keine theoretische Chemie im heutigen Sinne,
sondern etwa unsere technische Chemie, fur
welche das damals in vielen Auflagen verbreitete Lehrbuch der technischen Chemie
von S c h u b a r t h vorbildlich war; d a s Ziel
Ch. i%N.
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des Vortrages war die Erliiuterung der Verfahren der chemischen Gewerbe, wobei man
den Lehrstoff nach den chemischen Elementen
ordnete. H e e r e n , welcher in Hannover seit
1840 den gesammten Chemieunterricht leitete u n d ausserdem noch 5 Std. Physik und
3 Std. Mineralogie ]as, besprach z. B. beim
Kohlenstoff die Leuchtgasindustrie , beim
Aluminium die Keramik voni Porzellan bis
herab zum Ziegelstein; und im zweiten
Halbjahre im Rahmen der organischen Chemie die Gahrungsgewerbe, Farberei u n d Zeugdruck; selbst Kautschuk und Conserviren
Ton Nahrungsmitteln fioden sich im Programm.
Alles das war damals m6glich, weil die
chemischen Gewerbe der wissenschaftlichen
Behandlung noch wenig Angtiffspunkte boten.
E r s t 1853 wird fur Physik u n d Mineralogie
ein neuer Docent berufen und der Chemievortrag wird getheilt in eine 5 stiindige Vorlesung iiber ,,theoretische" und eine ebenfalls 5 stiindige iiber ,,technische" Chemie.
Ahnlich wie i n Hannover i s t die Chemie
an der B e r l i n e r G e w e r b e a k a d e m i e behandelt worden, wo S c h u b a r t h lehrte; nach
lessen Tode 1849 zerlegte man auch d o r t den
:inen Chemievortrag unter Abtrennung einer
besonderen ,,technischen Chemie". An den
Polytechnischen Schulen zu W i e n und K a r l s r u h e wurde Yon Anfang a n , i n den 3 0 e r
m d 40 e r Jahren neben einer ,,allgemeinen
,echnischen Chemie" noch eine ,,specielle
Lechnische Chemie" gelesen. A n der altesten
:echnischen Unterrichtanstslt Deutschlands,
n P r a g , war 1856 der chemische Unterricht
n der H a n d des bekannten Technologen
B a 1 1 i n g vereinigt , welcher ,,allgemeine
2hemie" und ,,angewandte technische Chemie"
Tortrug, letztere aber bereits i n einem zweiiihrigen Cursus, unter sehr zweckmassiger
t'heilung des Stoffes i n 7 Gruppen: Agrixlturchemie, Gahrungschemie, Thonwaaren
ind Glas, Bleich- u n d FHrbekunst, Eisenliittenkunde, Zuckerfabrikation und Salzhemie. D e r zweijahrige Cursus ist auf den
lsterreichichen Technischen Hochschulen bis
ieute beibehalten worden.
Bis in die 60 er J a h r e hinein und liinger
iat an den deutschen Polytechnischen Schuen die technische Chemie im Vordergrunde
;estanden. I n den 7 0 e r J a h r e n finden wir
iberall besondere Docenten f i r reine, bez.
55
660
0 s t , Chemische Technologie an den Technischen Hochschulen.
-
organische Chemie, und seitdem wir Hochschulen geworden sind, steuern wir rnit vollen
Segeln ins Fahrwasser der Universitiiten.
Die reine Chemie fuhrt die Herrschaft, und
zwar wie an den Universitaten die organische;
die technische Chemie, dies stolze Lehrfach
der Polytechnischen Schulen, fristet meist ein
kiimmerliches Dasein. Schon iiusserlich zeigen
dies die bescheidenen Gelasse, in denen die
technische Chemie zusammengedriingt ist,
gegeniiber den grossartigen Neubauten, welche
die reine Chemie z. B. in Darmstadt und
Stuttgart erhalten hat. Und der Studirende
wird fur die ganze zweite Hiilfte seiner Studienzeit von dem organischen Laboratorium in
Anspruch genommen und hat fur die chemische
Technologie wenig Zeit und wenig Interesse.
Bekanntlich werden wir vom Auslande
beneidet um manche Vorziige unseres technischen Unterrichtswesens, um den wissenschaftlichen Geist, den wir unseren Ziiglingen
in die Praxis mitgeben. Unser grosser Lehrmeister L i e b i g hat vor 7 0 Jahren dem
deutschen Chemieunterrichte diese wissenL i e b i g,
schaftliche Richtung gegeben.
welcher selbst lange Jahre in Giessen technische Chemie vorgetragen und wie kein Anderer die Anwendungen der Chemie gefiirdert
hat, konnte 1840 sagen: ,,I& kenne viele
(der rein wissenschaftlich ausgebildeten Chemiker), welche jetzt an der Spitze von Soda-,
von Schwefelsiiure-, von Zucker-, von Blutlaugensalzfabriken, Yon Farbereien und anderen Gewerben stehen; ohne j e damit zu
thun gehabt zu haben, waren sie in der
ersten halben Stunde mit dem Fabrikationsverfahren aufs Vollkommenste vertraut, die
nlchste brachte schon eine Menge der
zweckmassigsten Verbesserungen. '' Diesen vor
60 Jahren sehr zeitgemiissen Ausspruch wollen
iibereifrige Verehrer L i e b i g 's auch heute
noch als Dogma hinstellen, aber heute trifft
er nicht mehr zu. Gegenwiirtig ist der absolvirte Hochschulchemiker nicht in der Lage,
seine Fabrikthiitigkeit mit der Einfiihrung
von Verbesserungen zu beginnen; unsere
Fabrikbetriebe, auch kleinere, sind derart
rnit wissenschaftlich durchgebildeten Methoden
und Apparaten ausgestattet, dass der Hochschulchemiker in der Fabrik zunachst selir
vie1 l e r n e n muss; selbst die Stoffe, mit
denen die Fabrik arbeitet, sind ihm oft
fremd.
So oft die Prage aufgeworfen wird, ob
unsere heutige Ausbildung der Chemiker
nicht gar zu sehr die theoretische Richtung
bevorzuge, wird laut auf die Verdienste der
Theorie um die Entwicklung der Farbstoffund Praparatenindustrie hingewiesen, worin
wir alle Nationen iiberflugelt haben. Man
[angE$z$:fLEmie.
bersieht aber bei stetem Selbstlob leicht
eine Schwlchen; auf vielen anderen Gebieten
er chemischen Industrie nehmen wir keinesregs die erste Stelle ein. I n der Sodaodustrie wandeln wir wesentlich noch in den
iahnen, welche England und Belgien vor,ezeichnet haben; die modernen Explosivtoffe sind von N o b e l und von Franzosen
rfunden; in der Industrie der Fette ist
'rankreich Meister ; die Reform der Glhrungs;ewerbe ging von P a s t e u r und H a n s e n
LUS; Gsterreich h a t die wichtigsten Einrichungen unserer Zuckerfabriken geschaffen,
ind die Vereinigten Staaten liefern Wasser;as, Feuerungsanlagen uncl neue Methoden
iir Metallurgie und Lederbereitung.
A.W. H o f m a n n , v. B a e y e r , G r a b e und
L i e b e r m a n n , E. F i s c h e r u. A. haben Unrergleichliches fiir die Farbstoffindustrie ge,chaffen, und v i d e unserer Hochschulprofesioren unterhalten noch heute enge Beziehun;en zu den Farbstofffabriken; aber wie selten
iimmt sich einer der Soda, des Cementes,
ier Thonwaaren, der Steinkohlen, der Exdosivstoffe, der Fette oder des Leders an!
Die Gerberei, welche 1897 in Deutschland
'fir 336 Mill. M. Waaren erzeugte, ist an
ceiner deutschen Hochschule durch einen
Fortrag vertreten, wie kiirzlich im Abgeirdnetenhause Dr. B e u m e r rnit Recht beclagt hat.
Die Technischen Hochschulen, deren Auf;abe die unmittelbare Fiirderung der Industrie
st, miissen sich wieder mehr um die Praxis
3er chemischen Fabriken bekiimmern, und
3as ist nur dadurch zu ermiiglichen, dass
m i t der raschen Entwicklung und Specialisirung der chemischen Industrien auch eine
Specialisirung des Hochschulunterrichts Hand
in Hand geht.
T o r 5 0 Jahren stand der chemische Techoolog der Polytechnischen Schulen in regem
Wechselverkehr mit der Praxis. H e e r e n
studirte z. B. im Auftrage der hannoverschen
Regierung die Leinenbleiche i n Irland, um
die dortigen Verfahren i n der Heimat einzufiihren ; K n a p p leistete Hervorragendes
fur die Industrie des Leders und der Thonwaaren; B a l l i n g hat das Eisenhiittenwesen,
die Giihrungsgewerbe und die Zuckerindustrie
Biihmens wirksam gefiirdert; und Lhnlich
waren B o l l e y , B i r n b a u m , K o p p u. A.
Berather verschiedener Industrien. IIeute bemuhen sich die chemischen Technologen der
deutschen Hochschulen meist vergeblich, ein
einzelnes Gebiet so eingehend zu pflegen,
dass sie auf diesem fiirdernd in die Praxis
eingreifen kiinnen ; die Nothwendigkeit, ununterbrochen die Aufmerksamkeit auf das
ganze umfangreiche Lehrgebiet zu richten,
H , ~ ~ ~ ~ ~ 0~ t~, Chemische
o i g oTechnologie
o ]
an den Technischen Hochschulen.
6
___
Iasst eine geniigende Vertiefung nicht mehr
zu. Diese Bemerkungen gelten natiirlich nicht
von einzelnen aussergewijhnlichen Miinnern,
welche unter allen lusseren Umstiinden bahnbrechend i n Wissenschaft u n d Praxis gewirkt
haben und noch wirken.
F u r den heutigen Technologen i s t d a s
Lehrgebiet vie1 zu gross geworden. Welchen
gewaltigen Umfang haben Metallurgie, Farberei, die Glhrungsgewerbe angenommen!
W i e schwillt das Beleuchtungswesen mit
seinen ganz neuen chemischen Stoffen tiiglich an! Wie complicirt sind unsere Heizanlagen mit ihren Gasfeuerungen, wie mannigfaltig die Zerkleinerungsmaschinen, die Centrifugen, die Vacuumverdampfapparate und
Destillirapparate geworden ! Umfangreiche
andere Disciplinen: Elektrochemie, Bakteriologie, Hygiene und Volkswirthschaftslehre
greifen tief in die chemische Technologie ein.
E i n Mann kann d a s alles nicht mehr iibersehen, geschweige beherrschen, und wenn e r
es kiinnte, nicht in einem 5stiindigen Jahresvortrage lehren. U n d der Studirende ist
nicht i m Stande, wiihrend einer 4jiihrigen
Studienzeit in alle diese Gebiete rnit Verstandniss auch nur oberflbhlich einzudringen.
Man h a l t heute i n Deutschland die chemische Technologie fiir ein Nebenfach und
glaubt, es geniige, dem Studirenden in einem
zusammenfassenden Vortrage einen :,kurzen
Uberblick" iiber das gauze Gebiet der chemischen Industrien zu geben. Verf. i s t friiher
selbst dieserAnsicht gewesen und h a t 1 3 J a h r e
lang i n diesem Sinne gelehrt und auch ein
kurzes zusammenfassendes Lehrbuch der technischen Chemie geschrieben. Aber der encyklopidische Vortrag i s t von J a h r zu J a h r
schwieriger und heute fast unmiiglich geworden. Man versuche, den Inhalt jenes
Lehrbuches in einem 5stiindigen Jahresvortrage d e n Studirenden mitzutheilen; es geht
nicht, und kiirzt man noch weiter,.. so wird
der Vortrag popular. E i n kurzer Uberblick
iiber sammtliche chemische Industrien hat
nur noch Werth fiir Nichtfachchemiker; der
Chemiker dagegen, welcher die Principien
der wichtigsten Industrien bereits in den
Vortragen iiber reine Chemie kennen gelerot
hat, will, wenn er chemische Technologie
hijrt, tiefer eindringen und will sich specialisiren. Die vielen Fabrikantensiihne, welche
bei uns studiren, sind enttauscht, dass sie
gar so wenig oder nichts von ihrer Industrie
zu h6ren bekommen, und Alle m8chten
Einiges specieller, Anderes gar nicht hiiren;
und so ist es gekommen, dass der chemische
Technolog eine Industrie nach der anderen
aus seinem Programm streichen muss. So
wiinschenswerth die Zusammenfassung des
661
___
Lehrstoffs fir den Unterricht ist, zwingender
noch i s t fiir die chemische Technologie die
Nothwendigkeit des Specialisirens.
Die reine Chemie befindet sich iibrigens
i n ganz ahnlicher Lage. Schon ]angst i s t
e i n Chemieprofessor nicht mehr i m Stande,
die gauze wissenschaftliche Chemie zu iibersehen, u n d so ist der Universitatsprofessor
d e r Chemie i n Deutschland Specialist in d e r
organischen Chemie geworden. Die Erfahrungen eines W 8 h l e r i n der Mineralchemie
sind unseren Universitiiten verloren gegangen
und leben n u r a n einzelnen Bergakademien
u n d TechnischenHochschulen noch fort. V a n ' t
H o f f u n d Dr. B i j t t i n g e r sind wiederholt
dafiir eingetreten, dass an den Universitaten
neue Ordinarien fiir unorganische Chemie
errichtet werden miiesen; aber mit selbstiindigen Laboratorien, denn die heutigen Abtheilungsvorstlnde fiir unorganische Chemie
kiinnen i h r Lehrgebiet gegeniiber der organischen Chemie nicht geniigend zur Geltung
bringen. Pflege man a n den Universitaten
die reine Chemie, unorganische, organische
u n d physikalische; dagegen an den Technischen Hochschulen insonderheit die chemische Technologie, so dass sie wieder in
die Lage versetzt wird, unmittelbare Fiirderin
der chemischen Industrie zu werden.
Man glaube nicht, diese unmittelbare
Fijrderung der chemischen Industrie durch
Berufung von Fachmlnnern aus der Praxis
auf die heutigen Lehrstiihle der chemischen
Technologie erreichen zu kijnnen. Nimmt es
der Mann a u s der Praxis ernst rnit seinem
umfangreichen Lehrgebiete, so wird sich
d a s Band, welches i h n an seine Specialindustrie anfaogs kniipft, bald lockern, wie
Beispiele aus der Gegenwart beweisen; wogegen
friiher Technologen wie B o l l e y , B a l l i n g ,
K n a p p , H e e r e n u. A., die entweder gar
nicht oder nur kurze Zeit i n d e r Praxis
gestanden haben, als Docenten verdienstvolle Fiirderer verschiedener Industriezweige
geworden sind, und zwar hiiufig ganz anderer,
als derjenigen ihrer friiheren Fabrikthatigkeit.
Die unmittelbare Pflege der chemischen
Industrien in Deutschland i s t grijsstentheils
in die H a u d e von F a c h s c h u l e n ubergeTangen, welche seit 2 0 Jahren fiir Zuckerindustrie, fir Brauerei und Brennerei, fiir
Flrberei, Lederfabrikation und Keramik entstanden sind. Diese z. Th. auf Kosten der
betreffenden Industrien errichteten Fach~ c h u l e nwollen keineswegs bloss mittlere und
hiihere Techniker ausbilden, sondern auch
ihren aufstrebenden Industrien den dringend
begehrten wissenschaftlichen R a t h ertheilen.
Bier sehen wir Manner von rein wissenschaftlicher Vorbildung bald i n innigster Wechsel55 *
662
O s t , Chemische Technologie an den Technischen Hochschulen.
__________
mirkung m i t ihrer Specialindustrie stehen
und wir sehen, wie diese Industrien durch
i b r Eingreifen einen gewaltigen Aufschwung
nehmen.
Diese sich rasch vermehrenden
Fachschulen geben zu denken; fahren die
Technischen Hochschulen fort, sich u m die
chemischen Industrien nicht zu kiimmern,
so kijnnen ihnen i n diesen Fachscbulen Hhnliche Nebenbuhler erwachsen, wie einst den
Universitiiten in den Polytechnischen Schulen
erwachsen sind.
Irn J a h r e 1888 fand im preussischen
Cultusministerium eine Conferenz statt, zur
Berathung eines Antrages hervorragender
Iodustrieller, an der Technischen Hochschule
Charlottenburg eine Farbereischule zu errichten. D e r Antrag wurde abgelehnt, aber
unter Zustimmung der Regierungsvertreter
wurden u. a. folgende Satze angenommen:
,,Die Technische Hochschule h a t dafur
zu sorgen, a) dass i u ihren technologischen
Vortragen auch die Firbereicbemie ausreichend
beriicksichtigt werde, b) dass in ihren Laboratorien denjenigen Studirenden, die in die
betreffenden Fabrikationszweige iibertreten
wollen, i m .7. u n d 8. Semester Gelegenheit
zu solcben Ubungen gegeben wird, welche
i m Kleinen ohne fabrikmissige Einrichtungen ausftthrbar sind." Diese S h e deektn
sich v611ig mit den Wiinschen dieser Abhandlung, insonderheit auch hinsichtlich des
Maasses des Specialisirens in den letzten
Semestern. Aber e i n Professor der chemischen
Tecbnologie kann das nicht leisten, i n den
Vortriigen vielleicht, aber nicht in den Ubungen, und d e r Schwerpunkt liegt i m Laboratorium. W a s der Fiirberei recht ist, ist
den anderen chemischen Industrien billig;
man finde den Mann, der heute g l e i c h z e i t i g brauchbare Practica iiber Farbereichemie, Zuckerchemie, Beleuchtungschemie,
Keramik und Gerberei abzuhalten im Stande
i s t ! Die Specialisten an den Pachschulen
kijnnen das besser, so lange die Technischen
Hochschulen keine Speciallaboratorien fur
die einzelnen Industriegruppen besitzen.
Trotz des Siechthums der chemischen
Technologie in den letzten Jabrzehnten, u n d
trotz der ausgesprochenen Abneigung insonderheit der Technischen Bochschulen selbst,
diesen Unterrichtszweig der Neuzeit entsprzchend umzugestalten, ist unter dem Zwange
der Verhiiltnisse mancher Schritt nach vorwarts gethan. a b e r a l l b a t dieAuftheilung des
Unterrichtsfaches ,,technische Chemie" begonnen. A n den drei preussischen Hochschulen besteht zwar noch officiell die Professur f i r technische Chemie, aber an allen
dreien ist die Metallurgie davon abgetrennt
u n d anderen Docenten ubertragen, in Berlin
ran,,%
- -
Zeitsclirift far
w l d t e Clirmin.
such Zuckerindustrie u n d Gahrungsgewerbe.
In Dresden, wo man noch vor 25 Jahren
mit 2 Chemieprofessuren auskommen zu kiinnen glaubte, h a t man 2 neue Ordinariate fiir
Farbstoffe und Fiirberei, sowie fiir Nahrungsmittelchemie u n d Hygiene rnit zugehkenden
Laboratorien errichtet; u n d ein fiinfter Docent
liest seit Kurzem iiber Mortel, Glas und
Thonwaaren. Das kleine Braunschweig h a t
bei der Neuorganisation i m vorigen Jahre
4 Ordinarien fur Chemie erhalten, und zwar
a) fur reine unorganische, organische und
Farbstoffchemie, b) fur physikalische, Elektrochemie u n d unorganische chemische Technologie, c) f i r Zucker u n d Gahrungsgewerbe,
d) fur pharmaceutische u n d Nahrungsmittelchemie. An anderen Technischen Hochschulen,
wo d i e g a m e chemische Technologie noch
yon Einem gelehrt wird, ist d e r Vortrag in
mehrere Einzelvortrige aufgelijst worden,
so dass wenigstens d i e Studirenden sich
specialisiren kiinnen. F u r die neu erstandene
Elektrochemie, einschliesslich der technischen,
sind neue Lehrstuhle u n d Laboratorien errichtet worden; und die Nothwendigkeit des
Specialisirens des Nahrungsmittelchemikers
in seinen letzten Semestern ist durch ein
Staatsexamen anerkannt worden.
Mebr als in Deutschland ist aber auf
d e n schweizerischen Polytechnikum i n Zurich
geschehen. Dort wirken 6 Ordinarien fur
Chemie in reich ausgestatteten Laboratorien,
u n d durch d i e Wahlfacher der Pzufungen i s t
den Studirenden die Mijglichkeit einer mannigfachen Specialisirung gegeben. W i r miissen
bekennen, dass Deutschland trotz des Glnnzes
vieler seiner Laboratorien Ziirich gegeniiber
nicht auf der Hijhe der Zeit s t e h t ; es fehlt
unseren Laboratorien d i e heute nothweodige
Gliederung.
Man beschreite nun den bereits betretenen
Weg zielbewusster u n d beschleunige die
Schritte. W a s friiher, a l s wir studirten,
d a s Beste war, kann nicht fiir immer das
Beste bleiben. D i e iiberlebte allgemeine
chemische Technologie (,, technische Chemie")
lasse man da, wo eie noch besteht, allmiiblich eingehen und mache eine neue Professur,
etwa f u r d i e ,,unorganische chemiscbe Grossindustrie" daraus, welche sich auf die Technologie der Mineralsauren, der Soda, der
Kalisalze, Kunstdiinger, Mijrtel und Cement,
nebet Heizstoffen uud Feuerungsanlagen beschrankt. Diese Gebiete sind a m besteu
geeignet, den Studirenden aus dem Laboratorium i n den Fabrikbetrieb einzufiihren.
Besondere Aufmerksamkeit muss dem Apparatenwesen zugewendet werden, welches dem
heutigen Chemiker bei seinem E i n t r i t t in
die F a b r i k ein schwer entwirrbares Chaos
,,f~~fg"",".o;9nn]
0 s t , Chemische Technologie an den Technischen Hochschulen.
i s t ; in Skizzir- und Zeicheniibungen muss
der Chemie Studirende lernen, nach Modellen
Skizzen anzufertigen und technische Zeichnungen wenigstens zu lesen, damit er sich
epater mit seinem Iogenieur verstandigen
kann. Dieses Lehrfach ,,unorganiscEe chemische Grossindustrie" rniisste an allen Technischen Hochschulen vertreten sein. Ausserdem errichte man eine Reihe von Specialprofessuren fur diejenigen chemischen Iodustrien, welche auf einem eigenartigen Boden
stehen, so z. B. fiir
1. Metallurgie und Hiittenkunde,
2. E Ie ktrochemie,
3. Keramik und Glas,
4. Heizung und Beleuchtung,
5. Zuckerindustrie und Gahrungsgewerbe,
6. Nahrungsmittel und Hygiene,
7. Farbstoffe u n d Farberei,
8. Gerberei,
soweit sic noch nicht vorhanden sind; natiirlich auf jeder Technischen Hochschule nur
einzelne dieser Specialprofessuren, unter Beriicksichtigung des iirtlichen Bedarfs; aber
j ede mit sel bstandigem Unterrichtslaboratorium fiir Versuche i m Kleinen ausgestattet.
Dass die wissenschaftliche Richtung des
Chemiestudiums durch diese Specialisirung
untergraben werde, ist eine grundlose Befiirchtung. Ware d a s zu befiirchten, so
wiirde ich meine Vorechllige nicht machen.
Der Studirende kann auf jedem Gebiete der
reinen oder technischen Chemie wissenschaftlich forschen, wenn e r richtig angeleitet
wird. Es kommt n u r auf das ,,Wie" an.
Die ersten 6 Studiensemester wiirden nach
wie vor der reinen Chemie mit ihren Hiilfswissenschaften gewidmet sein, von d a a b
aber h l t t e der Studirende die W a h l unter
mehreren Specialflchern. Wie j e t z t schon
der Nahrungsmittelchemiker wahrend dreier
Semester ein Laboratorium fur Nahrungsmittelchemie besuchen muss, leider meist
ausserhalb der Technischen Hochschulen ; wie
der Elektrochemiker seine Diplom- oder
Doctorarbeit in einem elektrochemischen Laboratorium anfertigt, so wiirde auch der Keramiker, der Glhrungschemiker, d e r zukiinftige Lederfabrikant wissenschaftliche Fragen
aus diesen Gebieten praktisch bearbeiten
k8nnen. Die Themata a u s der speculativen
organischen Chemie sind gewiss nicht fur alle
chemische Industrien das beste Ausbildungsmittel; u n d an den Technisshen Hochschulen
sollten in erster Linie die ungezahlten Fragen,
iiber welche die verschiedenen Industrien
wissenschaftliche Auskunft wiinschen, beantwortet werden.
Man glaubt noch heute, jeden Chemiker
zu einem Univers:dchemiker machen zu kiin-
663
Den. I n Deutschland miichte man Jedem
die gleiche Aiisbildung in der reinen Wissenschaft zu Theil werden lassen und verliert
dabei die Fiihlung m i t dem frischen Quell
der Praxis; an Osterreichs Technischen Hochschulen zwingt man alle Studirenden i m
dritten und vierten Studienjabre in Vortragen
und Ubungeu durch sammtliche Industrien
hindurcb, auf Kosten des chemischen Denkens.
Wollen wir denkende Chemiker ausbilden,
welche den verschiedenen Anforderungen der
Technik gewachsen sind, so bleibt nichts
iibrig, als in den letzten Semestern zu specialiren und dem Studirenden fiir die Hauptpriifung unter mehreren Specialfichern die
W a h l zu lassen.
Bei der Neuregelung der Diplompriifungen, mit welcher die Technischen Hochschulen
beschlftigt sind, werden die Bau- und Maschineningenieure und die Architekten den
Grundsatz, fiir die Hauptpriifung mehrere
Facher zur W a h l zu stellen, i n weitestem
Maasse zum Ausdruck bringen. Die Chemieabtheilungen wollen und kiinnen das gegenw l r t i g nicht oder nur in bescheidenem Maasse
(fiir Nahrungsmittelchemiker und Elektrochemiker); sie werden aber in naher Zukunft
ebenfalls auf diesen Weg gedrangt werden.
Die Strahlen mineralischer Lichtsauger als
Heil- und Entseuchungsmittel.
Von Dr. Carl Roth, Berlin.
Vor etwa einem halben J a h r e nahm ich
auf lrztliche Anordnung hin gegen ein
chronisches Driisenleiden elektrische Lichtbader. D a s Licht wurde in Gestalt iirtlicher Bestrahlungen i n der Weise angewandt,
dass die von einer Bogenlichtlampe ausgehenden Strahlen zuviirderst von einem
parabolischen Spiegel durch einen Vorhang
von blauem Glas und dann auf die iiber der
erkrankten Drtisenregion gelegene Hautoberflache geworfen wurden. Obwohl eine deutliche Besserung meines Leidens eintrat, war
sie dennoch nicht so nachhaltig, u m mich
nicht zum Nachdenken uber die Frage anzuregen, ob u n d wie es miiglich sei, s t a t t
von der Hautoberflache, von innen her auf
die durch einen natiirlichen Canal zuglngliche
Driise durch Licht einzuwirkm.
Ohne mich nun m i t der mir durch ein
eigenes Leiden gewordenen Anregung und der
Thatsache meiner vollkommenen Heilung, wie
ich glaube, als Folge der technischen Durchfiihrung meines Gedankens, hier weiter zu
befassen, will ich gleich dazu iibergehen, die
A r t meines Vorgehens zu beschreiben. Hierzii
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