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Justus von Liebig und das Archiv der Pharmazie Zur Erinnerung an Liebigs Geburtstag am 12. Mai 1803

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ARCHIV DER PHARMAZIE
UND BERICHTE DER DEUTSCHEN PHARMAZEUTISCHEN CESELLSCHAFT
286./58. BAND
1953
Heft 4
Justus von Liebig und das ,,Archiv der Pharmazie"
Zur Erinnerung a n Liebigs Geburtstag am 12. Mai 1803
Von W o If g a n g 8 c h n e i d e r , Braunschweig
Das Archiv der Pharmazie, dessen 286. Band zur Zeit erscheint, hat mit seinem
ersten Band im Jahre 1822 begonnen. Der Titel lautete: ,,Archiv des Apothekervereins im nordlichen Teutschland". Als Herausgeber zeichnete Rudolph Brandes,
ein Apotheker grofiten Formates, der nicht nur einer der Begriinder des 1821 inA
Leben gerufenen Apothekervereins. war, sondern auch ein anerkannter Wissen-
Abb. 1
Justus von Liebig (ca. 1840)
schaftler, dessen vielseitige Arbeiten in seiner Apotheke zu Salzuffeln noch heute
Bewunderung erregen konnen. Mit seltener Schaffenskraft war er Organisator,
Porscher, Schriftsteller und iiber allem Apotheker. Seine Bio- und Bibliographie
umfaBt unzahlige Veroffentlichungen, h t e r und Ehrungenl). Er stand hoch iiber
dem Durchschnitt der Pharmazeuten seiner Zeit, aber nicht auf einsamer Hohe.
Denn gerade aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts sind zahlreiche ahnliche Pershlichkeiten bekannt, die die Apotheke zum Ausgang wichtiger wissenschaftlicher
Entdeckungen gemacht haben2). Diese hohe Regsamkeit ist einmal auf die besonderen Gegebenheiten des Apothekerberufes zuriickzufiihren, in dem AufArchiv 280./58. Heft 4
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Schne ider
A r d i v der
Pharmazie
geschlossenheit fur alle Zweige der Naturwissenschaften und zugleich Arbeitsmoglichkeiten in den Laboratorien vorhanden waren. Zum anderen haben die pharmazeutischen Zeitschriften eine entscheidende Rolle gespielt. Mit Gottlings ,,Almanach
oder Taschenbuch fur Scheidekiinstler und Apotheker auf das Jahr 1780" und mit
Trornnasdorffs ,,Journal der Pharmacie fur Arzte und Apotheker" (1794) hat nicht
nur die pharmazcutische Zeitschriftenliteratur begonnen, sondern auch die chemische. Es wurden die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeiten in weitere Kreise
getragen, dadurch aber zu eigenen Untersuchungen angeregt. obersetzungen auslandischer Arbeiten erschienen in reicher Fiille. Besonders war Frankreich zu Ende
des 18. Jahrhunderts in der Chemie fuhrend. Lavoisier hatte hier durch die Einfiihrung seiner messenden Methoden ein neues Zeitalter heraufgerufen. Sein Erlse
wirkte ins 19. Jahrhundert hinein, und es ist als ein Gliick zu bezeichnen, da13 dem
jungen Justus Liebig Gelegenheit geboten wurde, 1822 in Paris zu studieren, bei
Gay-Lussac, Thenard, Dulong, Petit, Laplace und Cuvier zu horen und besonders
bei dem ersteren praktisch chemisch zu arbeiten. Hier lernte Liebig die moderne
chemische Wissenschaft kennen, fur die es in der Heimat noch keine entsprechende Pflanzstatte gab. Sie zu schaffen, wurde eine seiner Lebensaufgaben.
E r machte den ersten Versuch auf pharmazeutischer Grundlage.
Der junge Liebig kannte die Pharmazie sehr gut. Nicht nur aus den erwahnten
wissenschaftlichen Leistungen ihrer wurdigsten Vertreter, auch aus der Sicht des
Alltags. Liebig war von seinem Vater in Heppenheim in die Apothekerlehre gegeben worden. E r hatte sie nach nicht ganz einem J a h r wieder verlassen. Sein
wissenschaftlicher, nach der Chemie gerichteter Drang war hier nicht befriedigt
Abb. 2
AuDenansicht des GieBener Laboratoriuins
worden. Er hatte in kurzer Zeit gelernt, was es fur ihn zu lernen gab. E r hatte dazu
erfahren, wie notwendig eine wissenschaftliche Durchdringung dieses Berufes war.
Mit dem Riistzeug seiner Pariser Zeit glaubte er nun den Anfang machen zu konnen.
Durch Vermittlung Alexander won Humboldts als Professor nach Gieljen berufen,
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Justus vun Liebig und das ,,$rchiv der PharnzaziedL
nach vergeblichen Versuchen, dort a n der Universitat eine ,,pharmaceutisch-technische Lehranstalt" einzurichten, griff er zur Selbsthilfe und schuf in Zusammenarbeit mit einigen anderen Professoren auf eigene Kosten sein ,,chemisch-pharmaceutisches Institut". I n der Ankiindigung zur Eroffnung hieW es u. a.3):
,,Daher konnen in jetziger Zeit dem angehenden Pharmaceuten, dem technischen
Chemiker, der sich wissenschaftlich zu bilden und auch sein Fach zu vervollkommnen
strebt und streben mul3, unmoglich die Kenntnisse geniigen, welche er sich in der Officine
in den sogenannten Lehrjahren aneignet : er muB Gelegenheit haben, die Naturwissenschaften und namentlich Chemie in ihrem ganzen Umfange griindlich zu studieren, damit
er den Anforderungen entsprechen konne, die man an ihn zu machen berechtigt ist.
Diesem Bediirfnisse kam man in neurer Zeit durch die Errichtung pharmaceutischer Institute entgegen, in welclien in moglichst kurzer Zeit und in passender Reihenfolge die
clem Pharmaceuten nothigen Wissenschaften gelehrt werden sollen."
Wie hier erwahnt, existierten derartige Institute bereits, a m bekanntesten und
fur Liebig vorbildlich wurde das Erfurter. Der erwahnte Trommsdorff hatte e8 1795
begriindet und damit nach der Herausgabe seiner Zeitschrift den zweiten grol3en
Schritt zur Fortentwicklung der Pharmazie und zur Hebung ihrer Wissenschaften
getan. Auch Liebig bediente sich dieser b e i d e n Hilfsmittel.
Seine Lehrkurse liefen mit Erfolg an. Zahlreiche Pharmazeuten wurden seine
Schuler und haben seine Methoden und seinen Geist in die Apotheken und die
pharmazeutische Industrie hineingetragen. Wie sehr das GieWener Laboratorium
zu einem Mittelpunkt der wissenschaftlichen Welt wurde, bezeugt eine Briefstelle
WohZers4): ,,Gleichwie jene Zauberinsel mit dem Magnetberg, die aus weiter Ferne
alle Schiffe anzog und festhielt, so wirkt Gieden durch seinen liebenswiirdigen
Magnet auf alle durchreisenden Chemiker." Diese Wirkung Liebigs reicht bis in die
Gegenwart. Denn seine zahllosen Schiiler haben seine Unterrichtsmethode a n
anderen Instituten fortgefiihrt, und wenn in unserer pharmazeutischen Hochschulausbildung, wie in der chemischen, der Semesterplan nacheinander die qualitative,
die quantitative Analyse, dann das praparative Arbeiten als stufenweises Eindringen in den groDen Bau der chemischen Wissenschaft vorsieht, dann ist dies
letzten Endes Liebigs Methode, der die groSen Erfolge deutscher Chemiker seit
Liebig mit zu verdanken sind6).
Neben dieser Unterrichtstatigkeit widmete sich Liebig nun auch der Redaktionstatigkeit. Wie sein Institut erst der Pharmazie galt, dann dieser entwuchs und
schlieRlich der reinen Chemie diente, RO erging es Liebig mit den Zeitschriften. Er
grundete kein neues Blatt, sondern er gesellte sich 1831 dem ,,Magazin fur Pharmacie" bei, das, von Hunle 1823 begriindet, jetzt unter Geiger erschien. Unter der
Redaktion von Geiger und Liebig erhielt es den erweiterten Titel ,,Magazin fur
Pharmacie in Verbindung mit einer Experimentalkritik". Schon ein Jahr spater
wurde es mit dem Archiv des Apothekervereins zusammengefiigt zu den ,,Annalen
der Pharmacie", die 1832 als 1. Band unter der Redaktion von Brandes, Geiger
und Liebig erschienen. Diese Vereinigung dauerte drei Jahre und brachte 12 Bande
der Zeitschrift. Vom 11. Band a n ging noch das Trommsdorffsche Journal in ihr
auf. Ab 1835 erschien das Archiv des Apothekervereins wieder selbstandig, jetzt
,,Archiv der Pharmazie" genannt. Die Annalon der Pharmacie gingen ihren Weg
12*
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Schneider
Archiv der
Pharmazie
wciter, sie wurden 1840 in ,,Annalen der Pharmacie und Chemie" umgenannt und
hei Wen seit 1874, nach demTode Lieln'gs, ,,Justus vonLiebigs Annalen der Chemie" *).
Von besonderem Interesse fur uns sind nun die Jahre 1832-1834. Hier war
Liebiy Mitredakteur des Archivs. Denn obwohl von 1835 a n der Titel des Archivs
geandert, auch eine neue Bandzahlung 81s 2.Reihe eingefiihrt wurde, so bilden doch
die ersten 12 Bande der ,,Annalen der Pharmacie" gleichzeitig den 40. his 50. Band
des Archivs des Apothckervereins und auch die gleichen Bande des ,,Archiv der
Pharmazie" in seiner Gesamtzahlung, die ab 1890
als die allein maWgebliche
weitergefuhrt wurde5").
Es sol1 nun untersucht
werden, welchen EinfluO
Liebiy auf die Gestaltung
des ,,Archivs der Pharmazie" (Band 40-50) ausgeiibt hat.
Das Archiv war zunachst als Organ des
Apothekervereins gegriindet. Neben wissenschaftlichen Mitteilungen nahmen daher Vereinsangelegenheiten einen lireiten
Raum ein. Sie wurden
zum Teil in einem besonderen, dem Archiv beigefdgten Blatt, ,,Pharmaceutische Zeitung" genannt, belrannt gegeben.
Schon 1822 erschien hiervon eine Nummer 1 ; eine
endgiiltige Form erhielt
sie al, 1827. I n diesem
Jahre der Neugestaltung
hie13 es im Vorworts):
,,Die
pharmaceutische
Zeitung ist als eine BegleiAbb. 3
tung unsers Archivs anTitelblatt ,,Annnlen der Pharmacic" 1832
zusehen, welches durch
diese Einrichtung der Parmaoie als Wissenschaft in ihrem ganzen Umfange gewidmet ldeiben wird."
*) Heute lieraucrgegeben von Heinrich W k l a n d , Adolf Winzdaus und Richard K u h .
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So finden sich in den folgenden Banden des ,,Archivs" keine Vereinsmitteilungen
mehr, sondern nur noch wissenschaftliche Notizen, teils als Originalmitteilungen,
teils als Ubersetzungen auslandischer Arbeiten, ferner Buchbesprechungen, Kritiken
usw. Diese Form bieten auch die ,,Annalen der Pharmacie". Der wissenschaft,liche
Stoff erscheint jetzt in Abteilungen gegliedert, und zwar z. B. im 1. Heft des
1. Bandes (1832): 1. Abt.: Physik, Chemie und pharmaceutische Chemie insbesondere. 2. Abt. : Naturgeschichte und Pharmakognosie. 3. Abt. : Physiologie,
Toxycologie und Therapie. Gelegentlich findet sich in den folgenden Heften eine
Abteilung Literatur und Kritik'), Miscellens), Pharmaceutische Gerat~chaften~),
a b Band VIII ganze Hefte als ,,Bericht iiber Entdeckungen und Erweiterungen
im Gebiete der Pharmacie('1O).
Die wichtigste Abteilung ist in allen Heften die erste. Hier hat Liebig selbst eine
ganze Reihe eigener Arbeiten veroffentlicht, durch die diese Zeitschrift augenblicklich zu einer der wichtigsten in der Welt wurde. So erschienen 1832 seine Arbeiten
mit der Entdeckung des Chlorals und des Chloroforms (das er Chlorkohlenstoff
nannte"), im 111. Band die ,,Untersuchungen iiber das Radikal der Benzoesaure"l2), gemeinsam mit WohZer, in der erstmalig vom ,,Benzoyl" gesprochen
wurde, dessen Name spater erhalten blieb, wie auch das ,,Athyl", als die Radikaltheorie ihren Zweck erfiillt hatte und anderen Anschauungen weichen muote. Zahlreich sind ferner Liebigs analytische Arbeiten. An ihnen ist zu erkenncn, was Liebig
unter ,,Experimentalkritik" verstand. E r lie13 in seinem Laboratorium Arbeiten,
die der Redaktion zur Veroffentlichung angeboten waren, nachpriifen und fiigte
im Annalenheft dann seine Bemerkungen hinzu. Sie waren oft in scharfem Tone
gehalten. So hatte z. B. M . S. Baup ,,Uber die Chinasaure und einige ihrer Verbindungen" ge~chriebenl~).
Liebig fiigte ein Kapitel ,,Uber die Zusammensetzung
der Chinasaure" an1*). Er schrieb u. a. :
,,Bei eorstehender ikbeit von Baup ist, wie bei den meisten Untersuchungen der
franzosischen Chemiker, das Detail der Analysen giinzlich iibergangen, so d a l man zur
Beurtheilung derselben keinen Anhaltspunkt hat. Der Zweck einer Untersuchung ist
keineswegs, an die Stelle einer Meinung eine andere zu setzen, sondern er umfalt das
Wesen und Verhalten einer Verbindung, oder einer Erscheinung in ein klares unzweideutiges Licht zu stellen, die Beweise, daB es aus keinem andern Gesichtspunkte betrachtet werden kann, liefern die begleitenden Versuche. Die Angabe der theoretischen
Resultate allein driickt nichts weiter als die Ansicht des Experimentators aus, sie ist
immer nur ein einseitiges Urtheil, welches noch bestritten werden kann. Diese Betrachtungen miissen aich einem jeden beim Durchlesen der Abhandlung von Baup aufdriingen;
weder die Methoden der Analysen der Salze, noch die Art,wie er das Krystallwasser bei
den meisten zu bestimmen im Stande war, sind angegeben . . .
Bei einem so gewissenhaften Experimentator, wie Baup, vermiBt man in einer so umfassendenArbeit die Beantwortung dieser und iihnlicher Fragen mit um so groBerem Bedauern.
Ich habe die Zusammensetzung der Chinasiiure, so wie sie in dem bei 100 bis 120"
getrockneten Kalksalze enthalten ist, bestimmt . .
Als Nachtrag zu einer Arbeit von W . C. Zeiae ,,Ueber das Mercaptan"15) schrieb
Liebig's) : ,,Ich glaube Herrn Zeise darauf aufmerksam machen zu miissen, wie sehr seine
gediegenen und meisterhaften Untersucliungen durch das Ausspinnen und Beschreiben
von Versuchen, die kein Resultat gegeben haben, an Interesse verlieren. Man denke sich
jede chemische Verbindung auf die niimliche Art behandelt und die colossalste Geduld
wird die Flucht ergreifen."
."
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Archiv der
Pharrnazie
S e h n eid er
Dieser schonungslosen Offenheit Liebigs stand ein anderes Faktum gegeniiber,
das folgende Zeilen aus seiner Feder belegen sollenl').
,,Errata, keine Druckfehler.
Uiibereiner hat
. den Beweis gefuhrt, daB die Magnesia alba, welche von den Herausgebern des ,Magazins der Pharmecie' als elsen so zweckmiilig wie der kohlensaure Kalk
zur Scheidung des Eisens von Manganoxydul vorgeschlagen wurde, diesen Zweck nicht
erfiillt, indem sie des Manganoxydul ebenialls niederschliigt. Der angefiihrte Artikel in
dem ,Magazin' ist von Liebig verfaBt, und die Versuche sind von Leuten unter seinen
Augen ausgnfuhrt, die sonst alles Vertraurn verdienen, nichts destoweniger ist es unrichtig und Dobereiner hat Recht
Dobereiner glaubt, daB nur ein besondcrer Umstand an dieser Abweichung schuld sey,
und daB wir ihn belehren mochten, wenn er sich vielleicht geirrt haben sollte; er hat
uns eine Lehre gegeben, die Friichte tragen 8011, niimlich die, sich nie wieder fremder
Brillen zu bedienen.'6
,,Ueber das Verhalten der Ameisensaure zum Quecksilberoxyd. Meine Bemerkungen
in diesen Annalen B. I. p. 284 haben Herrn Professor Gobel veranlabt, seine Versuche
iiber die Existenz eines lrrystallisirbaren ameisensauren Quecksilbersalzes nochmals aufzeigt er:
zunehmen. In diesen Versuchen
Im Gegensatz zu den Versuchen von Gobel habe ich angegeben, daB
Es bedarf nur einer fliichtigen Verglcichung, um zu sehen, daB ich aus meinen Versuchen keinen Irrthum zuruckzunehmen habe, sie siud zu einfach a h da13 eine Tiiuschung
hierbei moglich wiire; allein der SchluB, den ich daraus gezogen habe: daD niimlich kein
ameisensaures Quecksilbersalz in darstellbarer Form existiere, ist vollkommen falsch.
Herr Professor Goehel, dessen Versuche ich nacli seiner Angabe wiederholt und vollkommen richtig gefunden habe, hat sich fur meinen Angriff auf eine fur die Wissenschaft
sehr erspriealiche Weise geracht. Ich betraclite seine neuen Versuche ah ganz neue Entdeckungen, sie haben denselhen Werth und werden ein noch erhohetes Interesse erregen.
Mochte es ihm gelingen, seine analytischen Arbeiten mit eben soviel Gluck gegen jeden
Angriff zu behaupten.'"*)
Diese Abschnitte zeigen, dab Liebig sich nicht scheute, eine scharfe Selbstkritik
in die offentlichkeit zu tragen.
..
'
.. .
...
...
...
Was veranlal3te nun Liebig zu diesen Polemiken?
Die Vermutung, daS sich in den Kritiken des jungen, ungemohnlich erfolgreichen
Chemikers eine gewisse Arroganz ausdriicke, ist nicht berechtigt. Kritik war f u r
Liebig ein Mittel, die Chemie zur echten Wissenschaft zu lautern. Rie vereinigte
sich zu diesem Ziele mit seiner wissenschaftlichen Methode, die darin bestand, auch
die organische Stoffwelt quantitativ zu durchdringen, wie es mit der anorganischen
schon weitgehend gelungen war. ,,Der Weg zu organischen Untersuchungen lrann
kein anderer als der analytische seyn; nur die Elementaranalyse kann dem Gange
Sicherheit, kann den Folgerungen und Schliissen Festigkeit geben")lg. Dies schrieb
Liebig 1834, als er das Problem bereits gelost hatte. I m Jahre 1831 hatte er , , u l w r
einen neuen Apparat zur Analyse organischer Korper und iiber die Zusammensetzung einiger organischer Substanzen" berichtet20). Uurch fast geringfiigige Verbesserungen der bisher geiibten Methoden21) hatte er erreicht, dalj die organische
Elementaranalyse zu einem Hilfsmittel wurde, das schnell und zuverlassig arbeitete.
Die meisterhafte Beherrschung dieser Metliode gab Liebig das Ubergewicht iiher
die zeitgenossischen Chemiker und damit das Recht zur Kritik, da er nicht nur
bemangelte, sondcrn besscr machte. Dieser Fortschritt Liebigs spiegelt sich in den
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ersten Annalenbanden wider und damit im ,,Archiv der Pharmazie", das somit
Schauplatz eines besonders wichtigen Momentes in der Entwicklung der organischen Chemie wurde. Liebigs Arbeit iiber die Elementaranalyse erschien zwar in
,,PoggendorffsAnnalen"20), die Anwendung dieser Kunst aber in immer zahlreicheren
Fallen ist in unseren Zeitschriftenbanden zu verfolgen.
Liebigs Kritik ist zweifellos von hohem erzieherischem Wert gewesen. Man muBte
vorsichtig sein, wenn man diesem Redakteur eine Arbeit zur Veroffentlichung
schickte. Erschien sie ohne Erganzungen, so hatte man eine Priifung bestanden.
Liebig hat selbst den Sinn seiner Kritik und das Wesen seiner Redaktionstatigkeit
in einem der Annalen-Archivbande beschrieben22):
,,Es ist ein undankbar und widriges Geschiift, eine wissenschaftliche Arbeit der Kritik
zu unterwerfen. Diese Arbeiten werden nicht unternommen des pecuniiiren Gewinnes
Der einzige und hochste Lohn dafiir ist, sich der Wahrheit am meisten gewegen
niihert zu haben; er liegt allein in der Anerkennung des redlichen Willens, des reinsten
Strebens.
Nicht Jedermann fiihlt sich zu der Priifung berufen, wie weit dieser Zweck bei irgend
einer Arbeit dieser Art erreicht worden ist: was bei dem Einen als Kleinlichkeitssinn,
als Liebe zum Streit, als Neid und Verkleinerungssucht ausgelegt werden konnte, ist
bei dem Andern eine iibernommene Pflicht, welcher nachzukommen die Ehre der Wissenschaft und das Vertmuen erheischt, was man in ihn gesetzt hat. Ich weid nun nicht,
wem diese Pflicht mehr obliegt als den Redactoren von Zeitachriften, die als Schildwachen
ausgestellt sind, um das Gute so wie die Fehler zu signalisiren. Erfiillen sie diesen Beruf
als Organe der offentlichen Meinung nicht, so kann man wohl fragen, aus welchem Grunde
sie sich an ihre Spitze stellen; der Abdruck und die Correctur der zugesendeten Abhandlungen kann unmoglich ihre Bestimmung seyn, denn dazu gehort weder Muth noch
Selbstverleugnung, noch Kenntnisse oder ausgebreitete Erfahrungen.
Man fragt mich nach dem Nutzen dieser herben und riicksichtslosen Kritik ? Man sagt
mir: ist nicht jedes Handbuch der Richterstuhl dieser Arbeiten? Diem Ansicht ist falsch:
die chemische Literatur ist nicht in den Handbiichern, sie ist in den Journalen enthalten;
in den ersteren entscheidet die Ansicht eines Individuums und das Urteil ist ohne Appel,
aber die Journale stehen der Vertheidigung, sie stehen der Rechtfertigung offen; indem
sich hier nothwendig die Ansichten ausgleichen miissen, sind wir dem gemeinschaftlichen
Ziele niiher gekommen. Wie kann man blind gegen diese Kritiken, wie kann man verblendet iiber ihren Nutzen seyn. Die deutsche Literatur in der Chemie, dieses in Schmutz
und Unrath verkiimmerte Kind, der Verachtung aller Einsichtsvollen, der Verachtung des
Auslandes preisgegeben, ist in wenigen Jahren durch reine und gesunde Nahrung zu einem
Riesen emporgewachsen. In einem Theile des Auslandes, wo die Chemie zu einer Zeit auf
der hochsten Stufe stand, ist jetzt die deutsche Literatur der MaBstab des Verdienstes
geworden; der Sitz der offentlichen Meinung ist nicht in diesem Lande, er ist in DeutschNicht jedes Auge ist fur starkes Licht empfilnglich, aber die,
land, wohin er gehort
welche die Fiihigkeit haben zu sehen, werden der Kritik an dieser Veriinderung einen Antheil zuerkennen."
. ..
.. .
E s war Liebigs Anteil, wobei nicht vergessen sei, daB auBer Geiger auch Brandes
ihm als Redakteur zur Seite stand. Aus nachster Nahe wurde dieser Zeuge der
Entwicklung, a n der er selbst wachsen muBte. Brandes als Redakteur des neuen
,,Archivs der Pharmazie", das seit 1835 wieder als selbstandige Zeitschrift des
Apothekervereins in Norddeutschland erschien, war ein anderer geworden, als der
Herausgeber der ersten Bande nach 1822. Damals war er ein Wegbereiter gewesen,
der in zehn Jahren mit der Form und Gestaltung der neuen Zeitschrift gerungen
172
Sehneider
Armiv der
Pharmazie
hatte. Die drei Jahre der Zusammenarbeit mit Liebig waren ein Feuer der Lauterung gewesen, gleichzeitig Tage des Anbruchs einer neuen Epoche der Chemie.
Eine Trennung war unvermeidlich. Denn Liebigs Weg ging weiter ins Neuland
hinaus und entfernte sich von den Forderungen der Pharmazie, die seWhaft ihrer
Pflicht zu genugen hat. ,,Im Interesse des Ganzen" erfolgte die Trennung, wie
Brundes 1842 schrieb") ,,indem die Annalen nun umfassend der Chemie sich zuwenden konnten und das Archiv : der Pharmacie".
E s kann hier nicht weiter auf die Bedeutung Liebigs fur die Wissenschaft und
die Menschheit eingegangen werden24); auch UeWe sich fur die Beziehungen Liebiys
zur Pharmazie noch manches anfiihren26). Doch durfte gerade die Beschrankung
auf die wenigen Ereignisse, die sich aus dem engen Blick auf Liebigs Zeitschrift
und das damit verbundene Archiv der Pharmazie ergaben, besonders eindringlich
zeigen, wie vielseitig die Wirkung dieses grol3en Mannes war, der vor 150 Jahren
geboren wurde und dessen Taten noch immer die Gegenwart verpflichten, dankbar
seiner zu gedenken.
Anmerkungen, Literatur und Quellennaeliweise
( 1 ) Archiv der Pharmacie 87, 167-206 (1844).
(2) Es sei hier nur an Friedrich Wilhelm Serturner oder a n Heinrich Emanuel iMerck erinnert.
(3) Zit. nach Kurt Brand, Der EinfluB von Juatua von Liebig auf die Entwicklung der pharmazeutischen Chemie. Arch. Pharmaz. 269, 480 (1931).
(4) Briefwechsel Liebig- W6hler Bd. 1 S . 270.
( 5 ) Nach R. Winderlich in 0.Bugge, Das Buch der groom Chemiker. Verlag Chemie GmbH.,
1930, Bd. 2, S. 24.
(5a)Diese Regelung ist den Archivredakteuren E . Schmidt und H. Beckurts zu verdankcn.
Vgl. W . Schneider, Pharmaz. Ztg.-Nachr. 87, 300 (1951).
(0) Pharmaceutische Zeitung 1827, Nr. 1, S. 2.
(7) A. 7 (Arch. Pharm. 46) 221 u. f. (1833).
(8) A. 4 (Arch. Pharm. 43) 124 u. f. (1832).
(9) A . 5 (Arch. Pharm.44) 112 u . f . (1833).
(10) A. 8 (Arch. Pharm. 47) 113-350) (1833).
( 1 1 ) A. 1 (Arch. Pharm. 40) 131-132, 182-230 (1832).
(12) A. 3 (Arch. Pharm. 42) 249-282 (1832).
(12) A. 3 (Arch. Pharm. 42) 249-282) (1832).
(13) A. 6 (Arch. Pharm. 45) 1-14 (1833).
(14) A. 6 (Arch. Pharm. 45) (14-21 (1833).
(15) A. 11 (Arch. Pharm. 49) 1-10 (1834).
(16) A. 11 (Arch. Pharm. 49) 13 u. f . (1834).
(17) A. 1 (Arch. Pharm. 40) 242 (1832).
(18) A. 3 (Arch. Pharm. 42) 207-209 (1832).
(19) A. 10 (Arch. Pharm. 48) 2 (1834).
(20) Poggendorffs Annalen 31, 1-43 (1831).
(21) Schon Lavoisier hatte organische Analysen durchgefuhrt. Verbesserte Verfahren nach
G a y - h s a c und Thenard, dann besonders Berzelius. An letzteren knupfte Liebig an und
verbesserte den Apparat durch den mehrfach geteilten Kohlenofen, durch die bajonettformige Spitze des Verbrennungsrohres und durch den Kaliapparat. Vgl. Winderliclb
a. a. 0. S. 8-10.
(22) A. 10 (Arch. Pharm. 48) 315-317 (1834).
(23) Archiv der Pharmacie 82, 133 (1842).
(24) Zusammenfassende Darstellungen R. Winderlich a. a. 0.; R. Blunck, Justus von Liebig.
Hamburg 1946.
(25) Kurt Brand, Arch. Pharmaz. 269, 477-506 (1931. A . Eberhard, Liebig als Apothekenvisitator und die nachfolgende Neuorganisation des Besichtigungswesens im ehemaligen
GroBherzogtum Hessen. Die Vortrage der Hrtuptversammlung in Miinchen. Gesellschaft
fur Gesch. d. Pharmazic. 1938. S. 99-107.
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