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Der Arzneimittelverkehr des Jahres 1923.

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Der Arzneimittelverkehr des Jahres 1923.
53
11. I. HerzogsBerlin :
Der Armeimittelverkehr des Jahres 1923.
Vorgetragen in der Sitzung der Deutschen Pharmazeutischen GeselIschaft am
20. Februar 1924.
Eingegangen am 4. MCrz 1924.
Wieder ist ein Jahr abgelaufen, uber das ich hier zu berichten
habe; und wiederum habe ich von schweren Sorgen zu melden. sowohl
in unserem Vaterland wie in unserem engeren Fach.
Das verflossene Jahr stand vollig im Zeichen der sturmischen
Entwertung unserer Mark, die oft in wenigen Tagen auf einen Bruchs
tcil ihrer Geltung zuruckfiel. Es entstand dadurch eine Verwirrung,
cine Zerruttung in unserem Wirtschaftsleben, wie sie wohl uberhaupt
in neueren Zeiten noch nicht stattgefunden hat. Die einzunehmenden
Gelder waren haufig vollstandig entwertet, ehe sie noch in unsere
Hande gelangten, die eingekauften Waren waren umgekehrt wesentc
lich verteuert, ehe sie noch eintrafen, gerade der ehrliche Handel err
litt dadurch Verluste, die zeitweise einer Enteignung gleichkamen.
Das schlimmste aber war: Durch das dauernde Sorgen und Rechnen
wurden unsere besten Krafte derart in Anspruch genommen, daB uns
fur eine erspriefiliche, produktive Tatigkeit kaum Zeit und Lust
ubrigblicben.
Diese ungluckseligen Verhaltnisse werden wohl wieder am besten
durch die Preisfestsetzungen unsercr amtlichen Taxen gekennzeichnet.
Ich habe in den letzten Jahren regelmaBig solche Kurventafeln demons
striert, in denen die amtlichen Arzneimittelpreise eingezeichnet sind.
Dabei erinnere ich daran, dai3 wir es im Jahre 1920 schon als ein
ernstes Zeichen der Gefahr ansahen, als der Preis fur 1 g Cocains
hydrochlorid von rund 5 Mk. auf rund 40 Mk. emporstieg. Ich nannte
das damals ,,einen schwindelnden Preis"! Schon das nachste Jahr I921
sollte uns mit seinen steilen Kurven zeigen, d a 8 noch ganz andere
Preiserhohungen moglich waren. Darauf nahm das Jahr 1922 insofern
eine Sonderstellun ein, als ich hier infolge der ubermaoigen Steigerunj
gen den MaBstab ifer Kurventafel auf
der bisherigen GroRenverhalts
nisse reduzieren mu8te. Hatte ich das nicht getan, so hatte die
Tafel eine Hohe von 36 m erreicht, also die Hohe etwa VOA zwei iibers
einandergesetzten Berliner Mietshausern. - Aber das war alles nur
ein Vorspiel, gewissermaBen ein ,,Kinderspiel" gegen das, was das
Jahr 1923 bringen sollte. Hier muBte ich den MaBstab auf 1/17000 der
urspriinglichen Grofienverhaltnisse kurzen. Hattc ich den ersten
MaOstab beibehalten wollen (also eine Streckc von 3 cm fur 2 Mk.),
so hatte die Karte eine Hohe erreicht von nicht weniger als 25 K i 1 o z
m e t e r n , die doppelte Entfernung also von hier bis Potsdam. Diese
notwendig gewordene, gewaltige Reduktion von 25 km auf 11/, m gibt
uns in fuhlbarster, grellster Weise einen Begriff von dem wirts
schaftlichen Elend, das wir im Jahre 1923 durchschreiten mufiten.
Um diese Kurventafel des Jahres 1923 zu charakterisieren, fuhre
ich nur an, da8 der Preis fur 1 g Jod von 230 Mk. .auf 155000 Mk.
stieg, der Preis fur 10 g Phenacetin von 4iO Mk.auf 376 OOO Mk.,der
54
I. FI e r z o g 5 Berlin:
Frcis fur 1 $ Morphinhydrochlorid von 1930 Mk. auf 1429 500 Mk.
und der Prcis fur 1 g Cocainhydrochlorid von 2340 Mk. auf 1698000
>lark. Dabci ist cs augerst bcmerkenswert, da13 diese ungeheurcn
Zahlcn nicht crst am Ende des Jahres errcicht warcn, sondern bercits
nach ctwa 8 Monatcn. Noch mitten im Jahre brcchcn die Kurven,
viic Sie sehcn, plotziich ab. Das ist so zu erklaren: Das Rcichss
gesundheitsamt hat bis zum August des Jahres nicht wenigcr als
8 Taxen und 56 TaxsNachtriige herausgebracht, um den Preiserhohuns
gen mogliciist schncll zu fol en und die Apothcker tunlichst vor
Schaden zu bewahren. Jetzt a er trat eine Zeit ein, in der das vollig
unmoglich wurdc. Sie sehen aus den letzten Auslaufern der Kurven,
da13 die Erhiihungcn des letzten Monats a k i n um das Vielfache
gro13er warcn, als dic dcr vorangegangenen 7 Monate zusammen! Die
Preise, die heutc noch in Industrie und Handel festgesetzt waren,
konntcn schon morgcn nicht mehr gehalten werden, ja wenige Stunden
brachten oft wesentliche Vmwalzungen. D a muf3te denn endlich das
schon lange unhaltbar gewordene System vollig zusammenbrechen.
Die Industrie, frei von hemmenden Fcsscln, ging zur Coldwiihrung
uber; dcr pharmazeutische Grofihandel muBte folgen, um seine
Existeiiz zu bcwahren; daher entschlossen sich endlich die Behorden,
auch den Apothckcrn eine A r t van Festmarktaxe, einc Grundzahls
taxc zu geben, urn sic nicht vollig zwischen die Muhlsteinc des wirtz
schaftlichen Getricbes kommcn zu lassen. Damit hattc die Papierc
innrli auch bci uns aufgehort, ein selbstandiger Wertmesser zu sein.
Es scheint mir hier ein so wichtiger Wendepunkt in unserem
Wirtschaftsleben vorzuliegen, daf3 der Ruckblick auf die Vergangenz
heit giinzlich unfruchtbar und unbefriedigend bleibt, ohne cinen Auss
hlick auf die Zukunft. Und doch crscheint es in diesen gahrcndcn
Zeitcn fast unmoglich, etwas Bestimmtes vorauszusagen: Als wir
gemcinsam den iiberaus steilen Bcrg dicscr Preiskurvcn in die Hohe
sticgen, da hatte ich friiher gchofft, wir wurdcn diesen Weg auch
wicdcr gcmcinsam ahwarts gehen kannen. Mit anderen Worten:
Ich hatte gehofft, dic Mark wiirde wenigstens ailmahlich cinen Teil
ihrcs Wertes zuruckgewinncn. Diese Hoffnung ist langst zuschanden
geworden. Dic alte Reichsmark ist jetzt wohl endgiiltig tot, und
an ihre StclIe sind Wertmesscr wic die Rentenmark, Anweisungen USW.
getreten, dic d.as Zeichen dcs Provisoriums deutlich an sich tragen.
Aber zwei Wohltaten hat uns die neueste Entwicklung sichcrlich gcs
lxacht: Zunzckst scheint das Geld einc gewisse Stabilitat errcicht
zu haben. Es ,,zerrinnt" nicht mchr in unseren Handcn. Wir k6nncn
die Summen, so bcscheidcn sie auch sein mogen, wenigstens mit
Rcdacht anlegcn. Vor allem abcr sind wir erlost von den unsinnigen
Zahlen, den Miliioncn, Milliardcn, Billioncn, die uns - wir konncn
cs ruhig saqcn - formlich h a n k machten. Wir haben es wieder
gelernt, in Go!d einzunchmen, in Gold auszugeben, gewissermafien
,,in Gold zu dcnken". Das hat zweifcllos eine starke Entspannung
gcbracht. W j r Tiihlcn wieder Widcrstandskraft genug in uns, um dcn
grokrl G=fahren zu beyegnen, die uns sicherlich noch weitcrhin
bcvorstchen.
DaR solch zerriittete wirtschaftliche Verhaltnisse auch manche
Schiiden im Arzneimittelhandel herbeifuhrten, ist nur zu erklarlich.
%
Der Arzneimittelverkehr des Jahrcs 1923.
55
Vor allem ist cs der Arzneimittelhandel seitens Unberufener, ist
es der Schleichs und Kettenhandel, der wahrend des Krieges ents
stand und noch jetzt bcdenldich sein Unwesen treibt. Es ist so weit
gekommen, da8 unsere Fachzeitungen (s. Pharm. Ztg., S. 613,
1923), folgendes berichteten: Der irregulare Schleichhandel mit
Arzncimitteln macht sich gerade von Deutschland nach Landern mit
hoherer Valuta bemerkbar und hat g r o h Gefahren geschaffen.
Erstens schadigt er durch Falschungen und schlechte Imitationen
dic Verbraucher in fremden Landern und schadigt ebenso den bisher
so guten Ruf der deutschen Fabrikate. Die Grossisten der nordischen
Lander haben sich daher zusammengeschlossen und verpflichtet, die
Spezialitaten nur noch direkt von den Fabriken oder deren an5
erkannten Vertretern zu kaufen. Ja noch mchr! In Norwegen hat der
Medizinalrevisor angeordnet, dai3 bei Apothekenbesichtigungen be.
sondere Aufmerksamkeit auf die aus dem Schleichhandel kommenden
Waren gelenkt werden solle. - Um die Anschauungen, den Geist zu
beleuchten, der bei diesen wilden Handlern herrscht, darf ich Ihncn
wohl einen Fall aus meiner Praxis berichten, der mir besonders
charakteristisch erscheint:
Ein uns nahestehender Gdschaftsmann hatte einen groBeren
Posten Jodkalium zu auffallend billigem Preise gekauft, unter der
ausdriicklichen Bedingung, da8 Arzneibuchware vorl9ge. Als der
Posten ankam, wurde der Herr aber doch bedenklich und bat mich
um eine Untersuchung. Mein Verdacht muBte sich nach bestimmter
Richtung erstrecken, und zwar auf Grund folgender Vorgiinge: Seit
dem Erscheincn der Pharmacopoea Germaniae, editio altera, also
seit dem Jahre 1882 sollen wir das Jodkalium auf Gegenwart von
Rromiden und Chloriden in folgender Weise untersuchen: Man lost
0.2 g Kaliumjodid in 2 ccm Ammoniakfliissigkeit auf und setzt unter
Umschiitteln Silbernjtratlosung im Uebcrschun hinzu. Es wird dabei
angenommen, da8 sich hierbei das in Ammoniak praktisch unlosliche
Jodsilber ausscheidet, das leichter losliche Bromsilber aber und das
leichtlosliche Chlorsilber in Losung bleiben. Filtriert man daher a b
und setzt. Salpetersaure im Ueberschul3 hinzu, so wiirde nach dieser
Annahme reines Jodkalium eine fast klare Losung ergeben, wahrend
bei Gegenwart von Chloriden und Bromiden die zugesetzte Salpetera
saure durch Ausfallung des gelostcn Chlorsilbers oder Bromsilbers
eine Triibung oder gar einen Niederschlag herbeifuhren miiBte. Dess
halb verlangt unser Arzneibuch, daB das mit Salpetersaure iibers
siittigte Filtrat innerhalb 10 Min. nicht bis zur Undurchsichtigkeit
getrubt werden solle. - Ich werde das fragliche, mir damals zur
Untersuchung geschickte Jodkalium hicr auf diese Weise unters
suchen und Ihnen zeigen, da8 die salpetersaure Losung klar bleibt,
also Chloride und Bromide nicht vorhanden schcinen. (Das geschieht.)
Auf diesc Weise haben wir also seit nunmehr 40 Jahren das Jod:
kalium untersucht, immer in dem GIauben, nun fur ein in dieser
Beziehung reines Praparat biirgen zu konnen. Da teilte aber in
hochst dankenswerter Weise die Firma GroBmann, Hamburg,
(Apoth.Ztg. S. 319, 1922) mit, da8 sich im Handel ein Jodkalium
mit einem Zusatz von etwa 25 O/O Bromkalium befande, das sich trotz
dieser Falschung nach der Prufungsmethode des Arzneibuches als
56
I. H e r z o g 5 Berlin:
einwandsfrci erweisc. L n t c r anderen pruftc sofort auch Professor
R u p p , Breslau (Apoth.sZtg. S. 452, 1922), diese Fragen nach und
teiltc den Grund iiir das Versagen des Arzncibuchverfahrens mit.
Wir haben das Bromsilber als leichter loslich in Ammoniakfliissigkeit
gchalten, als es wirklich der Fall ist. (Es kommt auch in Betracht, dai3
dic an sich schon schr geringe Menge von 2 ccm Ammoniakfliissigkeit
noch sehr wcitgehend verdiinnt wird!) Vcrwendct man aber nach
R u p p mchr Ammoniakfliissigkeit, 5 ccm oder noch besser 8 ccm, so
gelingt schon bci Gegenwart von 5 Bromkalium der Nachweis dess
sclben nach der sonst gleichen Methode. Es seien deshalb jetzt von
demselben Jodkalium 0.2 g gelost in 8 ccm Ammoniakfliissigkeit. Nach
Zufugen der Silbernitratlosung und kraftigcm Schutteln (damit das
cventuell vorhandene Bromsilber auch wirklich gelost bleibt oder
gelost werde), wird jetzt filtricrt und dem Filtrat die Salpetersaure
im Ueberschu8 zugefiigt. Sic sehen sofort die starke gelb1ich:weiBe
Trubung durch Bromsilber, die jedcn Zweifcl an der Falschung aus.
schliefit. Tatsachlich crgab auch die folgende genauc Trennung der
Halogcne die Gegenwart von mchr aIs 25O/0 Bromkalium.
Ich miichte Ihnen das Ende diescs Geschehnisses, weil besonders
charakteristisch, nicht vorenthalten: Der Handler gab sofort dic
Moglichkeit der Falschung zu, wollte aber auf Abnahme der Ware
ernstlich bestehcn, wcil er ,,j a n u r A r z n e i b u c h w a r e v e r
sprochen habe und das fragliche Praparat tats
sachlich alle F o r d e r u n g e n d e r A r z n e i b u c h e s er:
f ii 11 e". (!) Erst dcr Hinweis, d a 8 dieses nicht zutrafe, weil sich an der
Spitze des ArzneibuchSArtikels die Formel KJ bcfandc, und die
Drohung mit einer Klage brachte den Herrn zur Besinnung. Aber
diescr Vorfall spricht weit iiber den Rahmen dcs einzelnen Geschehs
nisses fur die Mahnung, die schon wicderholt an dieser Stelle suss
gcsprochen wurde: Wer mit Arzneimitteln handclt, mu8 Sachkenntnis
und Verantwortungsgefuhl besitzen. Wcr beides nicht besitzt, sol1
dcm Arzncimittelhandel fernbleiben!
Ein ahnlicher Fall beschaftigte mich iibrigens im Januar dicses
Jahrcs. Ein befrcundeter Apothekcr bekam eine Offcrte auf Santonin,
lie8 sich ein Mustcr kommen und gab es mir wieder zur Unterr
suchung. - Schon dic Signatur des Musters war iiberaus bedenklich.
Sie lautcte: , , S a n t o n i n , a l l c P r o b e n d e s A r z n e i b u c h e s
h a 1 t c n d , j e d o c h S c h m e 1 z p u n k t 183O'*. Der uberschlaue
Handler hatte ebensogut sagen konnen: Ich liefere cin Santonin, das
gar kcin Santonin ist! Denn das wichtigste Kriterium fur Identitat
und Reinhcit solchcr Stoffc ist ebcn dcr Schmelzpunkt, der bei San:
tonin bekanntlich bci 170° liegen soll. Diese Signatur also (ciners
seits , , a h Probcn des Arzneibuches haltcnd", andererseits ,,jedoch
Schmclzpunkt 183 "") ist schon allcin gcradezu ein Hohn auf jede
fachmannischc Anschauung.
Die Aufklarung des Falles war wiederum eine sehr einfache. Wic
namlich vorher ini Falle dcs Jodkaliums, so war auch hier schon e i w
Warnung in unscren Fachblattcrn crfolgt: Die Herren v. B r u c h:
h a u s e n I) und M a s s a t s c h ') hatten mitgcteilt, es befande sich in
- 1) Apoth.Ztg. S. 42.5 (1922).
2) Pharm. Ztg, S. 348 und i 6 5 ( 1 9 3 )
5
Der Arzneimittelverkehr des Jahres 1923.
5i
unserem Handel ein ,,Santonin", das neben 25 O/O reiner Substanz noch
i 5 O / 0 Artemisin besitze. Es ist das ein Stoff, der in Artemisia Cina
Berg vorkommt, daher sich auch in den Mutterlaugen des Santonins
vorfindet und der vor allem vollig unwirksam ist. Zugleich teilten die
Herren ubereinstimmend mit, daD sich das Artemisin im Gegensatz
zu Santonin nicht in Chloroform lose, sondern mit diesem eine un:
losliche MolekularlVerbindung bilde. - Auf Grund dieser Angaben
gelang mir sehr lcicht der Nachweis, daD hier dieselbe Falschung
vorlag. Durch Chloroform konnte ich sofort das Gemisch trcnnen,
und zwar einerseits in die feinen, wei8en Blattchen des Santonins, die
bald am Licht gelb werden, und andererseits in die vie1 derberen,
kurzen, weiRen Kristalle des Artemisins. Sic konnen in dicsem
Gemisch makroskopisch ohne weiteres das Artcmisin an der derben
Rristallform erkennen und durch seine Unloslichkeit in Chloroform,
scinen Schmelzpunkt (202 ") naher nachweisen.
Da ich horte, daD solches Gemisch wieder lebhaft empfohlen
wird, auch zur Herstellung van Zeltchen, so halte ich mich vers
pflichtet, auch diesen Fall gebuhrend zu kennzeichnen. Es liegt hier
ein Produkt vor, das nur den vierten Teil der wirksamen Substanz
enthalt, also nur den viertcn Teil des Wertes besitzt, und das vor
allem als Falschung vollig unzulassig fur den pharmazeutischen Gcs
brauch ist.
Tndem ich nunmehr zu den ncuen Arzneimittcln des Jahres ubers
gchc, mochtc ich folgendes vorwcgnehmen: In dcr ersten Halfte des
Jahres traten Erscheinungen von uberragender Bcdeutung nicht auf.
Man knupfte mehr an alte Probleme an und suchte diese wcitcr aus:
zuarbeiten. Die Ernte wuchs also mehr in die Brcite als in die Hohe.
Spater erschienen aber doch einige neue Mittel, die wohl Ihr ganz
bcsonderes Interesse in Anspruch nehmen werden:
Im J a h r e 1922 habe ich hier zusammenhangcnd uber das aus:
gcdehnte Gebiet des Atophans und seiner Derivate berichtet und
dabci mitgeteilt, d a 8 nicht weniger als 232 AtophanSAbkommlinge
gcnauer chemisch und pharmakologisch untcrsucht sind, abgesehen
von den vielen Derivaten, die bald nach der ersten Prufung verworfen
wurden. Damit scheint aber die Flut noch lange nicht erschopft zu
sein. Zunachst hat die Chemische Fabrik auf Actien, vorm. E. Sches
ring, das Natriumsalz ihres Atophans unter dem Namcn
Atophan zur Injcktion2)
in den Handel gebracht. Es dient zur intravenosen, bzw. intramusku:
lawn Anwendung bei Gicht usw. Demselben Zweck dient das
9 t o p h a n y 1 , eine Losung von gleichen Teilen Atophannatrium
nit Natriumsalicylat.
Ferner teilt Dr. H e n c k e 4, folgendes mit: .Das Atophan wirkt
Lkanntlich so, daD es die ausgeschiedenc Tagesmengc der Harnsaure
8)
4)
Pharm. Ztg. 1923, S. 535.
Klinische Wochenschrift S. 1490 (1923).
I. I3 e r z o g 5 Berlin:
58
steigcrt. Da nun der Anthranilsaure cine gewisse hariisauretreibende
Wirkung zukommt, hat sich die Firma Bohringer & Sohnc, Mannheims
Waldhof, entscklossen, cin Kondcnsationsprodukt bcider Stoffe unter
dem Y
I amen
A r tosin
herauszugeben. Die Anthranilsaure ist hier amidartig an die Phenyls
chinolimarbonsaure gebunden:
CO NH.C,,i&.COOH
d\/\
Dr. €3 e n c k c hat sciner Arbeit eine groIlc Reihe von Tabellcn an5
gefiigt, aus denen die Ueberlcgenheit des Artosins gegenuber dem
Atophan und dessen bisherigen Derivaten hervorgehcn soll.
Schliei3lich hat zu diesem Gegenstand Professor v. B r a u n 5,
cincn schr interessanten Beitrag geliefert:
coo1-I
(1)
COOH
(11)
COOH
111)
COOH
(IY)
Dcr Autor hatte aus a5Tetraion unc! Isatin den KQrper (I) syns
tlietisch hergestellt. Verglcicht man diesen mit dem Atophan (11), so
sieht man sofort die ubcrraschendc Aehnlichkcit. Es ist in (I) sowohl
dcr C h i n o h r i n g des Atophans vorhanden wie der Phenylrcst. Nur
ist noch in (I) durch zwei Mcthylengruppcn eine Briickc zwischen
dem asstandigen Phenylrest und dem stickstoffhaltigen Kern Re;
schlagcn, und zwar so, dafi die beiden CE-bGruppen einen ncuen
Kern bilden. - Es lag daher nahc, die zwei Korper auch in ihrer
physiologischcn Wirkung zu verglcichen. Der Erfolg war - wie
der Autor sagt - ,,verbliiffcnd". Es stelltc sich namlich hcraus, d a 8
der Kiirpcr (I) nicht wie das Atophan sclbst wirkt, sondern wie ein
sehr interessantes Dcrivat dcsselben: Ich hatte im Jahrc 1922 auch
berichtet, da8 beim Hydricren des Atophans 4 Atome Wasserstoff
in den Pyridinkern treten und so das Tctrahydroatophan (111) bilden.
In diesem Tetrahydroatophan tritt dcr harnsauretreibcnde Effekf
zuruck und cs tritt einc neue Wirkung auf, namIich cine errcgcndt
Wirkung auf das Ruckenmark, wie etwa bcim Strychnin. Es ste:It
sich nun hcraus, da13 das ncue qmthetischc Produkt v. B r a u n s (1
nicht wie das Atophaii (11) wirkt, sondern wie das Tctrahydroatc
5)
\-. R r a u n und
\1'0 1 f i'. Rcr. d. Dcutsch. Chem. Gcs. S. 3675 (1921.
Der Arzneimittelvcrkehr dcs Jahres 1923.
59
phan (111). Es wird deshalb als wertvolles, selbstandiges Heilmittel
gegen Liihmungserscheinungen, Tabes usw. untcr dem Namen
Tetrophan
von dcr AktienpGescIlscheft I. D. Riedel in den I-Iandel gcbracht.
Abcr diese Arbeit sollte noch weitere Ueberraschungen bringen:
Der Autor sagte sich, daB die neue crregende Wirkung des Tetras
hydroatophans durch Hydrierung des Pyridinringes entstanden sei.
Dieser Pyridinring im gleichwirkenden Tetrophan (I) ist noch uns
gesattigt. Es lag daher die Hoffnung vor, dal3 dic Wirkung des Tetros
phans noch verstarkt wiirde, wenn auch hier eine Hydrierung des
Pyridinringes vorgenommen ware. Die Hydrierung gelang, cs ents
stand das TetrahydrosTetrophan (IV). Aber der Effekt war genau
der umgekehrte, wie erhofft. Die erregende Wirkung war nicht vers
starkt, sondern abgeschwacht. ,,Das mutet", sagt der Autor, ,,vors
laufig genau so widerspruchsvoll an wie so vieles aus dem Gebiet der
Beziehungen zwischen chemischer Konstitution und physiologischer
Wirkung."
Sodann habe ich uber das neue Heilmittel
K r e s i v a 1e,
der Bayers Farbenfabriken, Leverkusen, zu berichten: Die'Begrundung,
unter dcr das Mittel herausgegeben wurde, wird wohl allen pharmas
zeutischen Chemikern eine gewisse Uebcrraschung geboten habcn.
Es ist namlich in allen Lehrbuchern angegeben, da8 das Buchenteer.
Kreosot als Hauptbestandteile Guajacol und Kreosol enthalte, au8ers
dern in kleinen Mengen Kresole und andere Phenole. Es ist deshalb
auch der angebliche Hauptbestandteil des Kreosots, das Guajacol,
als selbstandiges Hcilmittel auBerordentlich vie1 gegen Tuberkulose
vcrwendet worden. Jetzt aber sol1 im analytischen Laboratorium
der Bayers Farbenfabriken festgestellt sein, da8 das Guajacol als
Bestandteil im Kreosot weit zuriicktratc, nur zu 20-24 O/O vorhanden
sci; auch die Kreosole scien nur zu 30-34O/0 zugegen; dagegen biIden
die Hauptmenge mit rund 40 O/O K r e s o 1 e , also das Gemisch, das in
unserem Cresolum crudum und im Trikresol vorhanden ist. Wenn
- wie anzunehmen - es sich bestatigt, da8 die BuchenteersKreosotc
ganz allgemein so zusammengesetzt sind, so beweist diese Tatsache
wicder, wie ziihe sich auch durch die bcsten Bucher gewisse IrrG
tumer fortschleppen, weil die Verfasser einfach nicht imstsnde sind,
allc ihre Angaben selbst nachzuprufen. - Jedenfalls machten sich
Bayers Farbenfabriken die neue Entdeckung zunutze. Sie sagten
sich: Da das Kreosot therapeutisch so wertvoll ist, wird das auch
wohl bei dem Hauptbestandtcil, den Kresolen, in derselben Rich5
tung der Fall sein. Sie entgifteten deshalb moglichst die Kresole,
indem sie dieselben mit Schwefelsaure behandelten, und banden die
cntstandenen Kresolsuifosauren an das an sich entziindungwidrig
">
Munch. MediLin. Wochenschr. S. 846 (1923).
I. H e r z o g :Berlin:
60
wirkende Calcium. Es cntstand so das ,,Kresival Baycr", das in
einem Sirup nebcn aromatischen Bestandteilen 6 O/O krcsolsulfosaures
Calcium enthdt. - Das Mittcl sol1 in der T a t stark roborierendc und
cspektorierende Eigenschaften besitzen.
Es wird Sic wohI ferner intercssiercn, da13 ein Stoff, dcr in
Technik und Industrie bcreits eine weitgehende Verwendung findet,
jetzt unter Umstandcn berufen scheint, auch in der Medizin eine
wichtige RolIe zu spielen. G a u s s und W i e 1a n d ') teilen namlich
folgendes mit: Sie unterscheiden bei den Narkosemitteln einerseits
die lipoidloslichen, eigentlichen Narcotica wie Chloroform, Aether,
anderscits das wasscrlosliche Stickoxydul. Die lipoidloslichen, eigent:
lichen Narcotica sollen die Funktionen aller Zcllen lahmen und daher
auf alle Lebewesen wirkcn, sei es, daB diese an der Luft leben oder
nicht. Das wasserloslichc Stickoxydul dagegen wirkt auf anaerobe
Wescn, wie den Spulwurm, nicht ein, auch wird seine Wirkung auf
hijhere Lebewesen durch Zutritt von Sauerstoff aufgehoben. Daher
wird angenommen, daB Stickoxydul dadurch betaubt, daI3 cs die
Saucrstoffaufnahme oder Sauerstoffverwertung stort.
Dic Autorcn glaubten nun weitcrhin den Effekt des Stickoxyduls
dadurch erklarcn zu konnen, daB es sich sehr leicht in Wasser lost,
sich dahcr in kurzester Zeit im Blut und den Gcwcben ansammelt
und als i n d i f t c r e n t c s G a s dcr Oxydation hinderlich ist. Um
die Richtigket dicser Hypothese zu priifen, beschlossen sic, ein G a s
zur Narkosc zu versuchen, das noch leichter in Wasser loslich ist,
und wahlten dazu (uberraschenderweise) das Acetylen.
Nach der ausfiihrlichen Arbcit scheint der Plan vijllig gelungen
zu sein. Die Verfasscr berichtcn, daB Acetylen qualitativ so wirke
wie Stickoxydul, aber quantitativ sehr vie1 starker, was bci seiner
hhhcrcn Loslichkeit in Wasscr auch ganz erklarlich ware. Dic
stCrkere Wirkung soll sich dadurch zeigen, da8 Acctylen crstens in
geringerer Konzentration angewendet wcrden kann, daB zweitens
urtd vor allem der Effekt durch Sauerstoffzufuhr nicht aufgehoben
wird, so daB das Mittel auch fur Narkosen von langerer Dauer verr
wendct werdcn kann.
Zunachst muBte das Rohprodukt von dem hochgiftigen Phosphors
wasserstoff und dem mindestcns sehr belastigendcn Schwefclwassers
stoff befreit werden. Die Firma Bohringer Sohn, NiedersIngelheim,
hat sich dieser Aufgabe untcrzogcn und bringt das gcreinigte G a s
unter dem Namen
Narcylen
in den Handel.
Der Geruch soll zwar eigenartig, aber nicht dirckt
unangcnehm sein, kann aui3erdcm ,,durch Beimengung geeigneter
Duftstoffe weitgehend iiberdeckt werden". Dcr Gcschmack ist
,,hitter, wircl abcr beirn Atmcn mit geschlosscnem Munde kaum
cmpfunden". Auch die Feucrgefahrlichkcit bei dcr Anwendung ist
fcstgcstcllt. Sic soll nicht gr6l3er als bei Aether sein. Das G a s wird
--___
7)
lilinisclic Woclienschr., S. 113 (1923).
Der Arzneimittelverkehr des Jahres 1923.
61
in besonders dazu konstruierten Apparaten mit Sauerstoff gemischt
und so zur Einatmung vorbereitet.
Es sind im ganzen 220 Narkosen auf diesc Weise ausgcfuhrt,
zum.Tei1 an Aerzten, die sich im Interesse dcr Sache dazu zur Ver:
fugung stellten. Die Dauer der Narkoscn betrug 3 Minuten bis
uber 2 Stunden, die Konzentration des Acetylens betrug 15-90 O/O.
Ueber die Erfolge wird berichtet: Die Patienten schlafen sehr schnell,
meist in 1-2 Minuten ein ohne die bekannten subjektiven Beschwer-c
den. Das Erwachen geht ebenso schncll vor sich, der Gesamtzustand
der Patienten ist ungleich besser als nach Aether und Chloroform.
Die Gefahrlichkeit der Methode, wenn uberhaupt von einer solchen
gesprochen werden kann, ist wesentlich geringer als mit den Narc03
ticis. Kreislauf und Atmung werden namlich nicht beruhrt.
Die Verfasser betonen nochmals, dafi sie zwischen den lipoids
loslichen Narcoticis unterscheiden, dcm Chloroform, Aether, Chlor:
athyl und den b e t a u b e n d e n Gasen: Stickoxydul und Ac'etylen,
H e x e t on.
In einer Arbeit der Deutschen Medizin. Wochenschrift *) wird
folgendes mitgeteilt: Bei Kollapszustanden sol1 das wichtigstc Mittel
der Campher sein, dem aber doch manche Mange1 anhaften. Zus
nachst ist er in Wasser wenig loslich, ca. 1 : 800.") Wohl lost er sich
reichlich genug in fetten Oelen; aber aus diesen ist er schlecht resor:
bierbar, er bildet in der Form des Campheroles im Organismus ein
Depot, von dem man nicht weifi, wann und wieviel davon in bes
stimmter Zeit wirklich aufgenommen wird. Schliefilich kommt dazu,
daf3 der Campher bald nach der Resorption in ein unwirksames
Paarungs rodukt, die Camphoglucuronsaure ubergefuhrt wird. Es
ist desha b schon lange als erstrebenswertes Ziel erschienen, ein dem
Campher gleichwirkendes Mittel zu finden, das in w a s s e r i g e r
L o s u n g gut resorbierbar und fur intramusculare und intravenose
Zufuhrung geeignet ist. Jetzt haben sich Mitglieder der Universitat
Heidelberg und Pharmakologen der Farbenfabriken Bayer zusammen:
getan, um unter den Isomeren und Verwandten des Camphers nach
einem geeigneten Campherersatz zu suchen. Zunachst haben sie
dabei eine Reihe von interessanten GesetzmaBigkeiten auf dem
Gebiet der Beziehungen zwischen chemischer Konstitution und
physiologischer Wirkung gefunden. Sie stellten namlich zuerst durch
Tierversuche fest, daf3 die so charakteristische Kohlenstoffbriicke
des Camphers (I) durchaus nicht notig ist zur Erhaltung der Campher:
wirkung. Das sieht man z. B. am Tetrahydrocarvon (11), dem n6ch
eine sehr gute Campherwirkung zukommt. Auch das Fehlen der
Methylgruppe in Stellung 2 ist nicht nachteilig; das beweist das wirk:
Endlich bleibt auch die
same 5slsopropyl~cyclohexanon (111).
P
8 ) R. G o t t l i e h , S c h u l e m a n n , K r e h l und F r a n z , Deutsch.
Med. Wschr., S. 1433 (1923).
B) Die Angahen ubcr das MaB der Wasserloslichkeit schwanken nicht
unbcdeutend.
I. H e r z o g I Berlin:
62
typische Wirkung bestehen, wenn man in das Ringsystem eine
Doppelbindung einfugt; diesbezuglich sei auf das 5dSOpFOpy~~
A s2.3~cyclohexenon (IV) hingewiesen.
CH3
I
CHZ-C----CO
I CH,&-CH,I
I
CHf--CH
-CHz
(1)
CH2
CH3
CH-CO
CHZ-
CH - -CHz
I
I
CH
CHB CH3
n
(11)
I
CH, - CHZ-
I
CH2-CH
-40
-CH,
I
CH
C H ~ C H ,
(111)
Dagegen wird die Campherwirkung aurgehoben oder abgcs
schwiicht oder sogar invertiert, wcnn etwa der Isopropylrest fehlt und
Mcthylgruppen dafur eingefuhrt werden. Ucberhaupt ist der Isor
propylrest in Stellung V mafigebend. Will man die Campher5
'wirkung nicht aufheben, darf man dieses Radikal weder in seiner
Stellung verandern, noch durch einen anderen Rest ersetzen, auch
nicht durch den normalen Propylrest. - Die Auslese unter diesen
Korpern lief3 schliel3lich als den gceignetsten erkennen das
3~Methyl~5zisopropyl~~~2.3~cyclohexenon
(V), ein synthetisch zugangs
liches Produkt, das G o t t 1 i e b schon fruher bcschrieben und das
jetzt unter dem Namen ,,Hexeton" von den Farbenfabriken Bayer
in den Handel gebracht wird.
Hexeton stellt eine wasserldare, schwach gelbstichige Flussigkeit
dar, von charakteristischem Geruch und bitterem Geschmack. Wohl
ist dcr Korper in Wasser nicht leicht loslich. Aber das entscheir
dende ist: Wahrend Campher sich in 25 O/oiger Natriumsalicylatlosung
nur zu lo/"lost, findet diese Losung bei Hexeton spielend leicht in
zehnfacher Konzentration statt. Gibt man zu dieser konzentrierten
Hexctonlosung Wasser hinzu, so scheidet sich wohl das Hexeton
zum Teil in Tropfchen aus, die sich aber wieder bei weiterem Wasser.
zusatz losen. Man kann deshalb einer R i n g e r s oder Kochsalzs
losung die zur Injektion notwendige Hexetonmenge so zufugen, dafi
man dieses Hexeton in Natriumsalicylatlosung (25 O/O) lost und die
Losung im Strahl aus eincr Spritze zufugt. Es findct so keine Auss
scheidung statt.
Zunachst zeigte sich bei Tierversuchen, dai3 dsls Hcxeton dem
Campher qualitativ ebenburtig ist, ihm aber quantitativ zwciz bis
vicrmal iiberlegen. Sodann ist das n c ~ i eMittel seit eir?em halben
Der Arzneimittelverkehr des Jahres 1923.
63
Jahre in der Heidclberger Medizinischen Klinik erprobt. Die Aerzte
bezeichnen es als ein geradczu ,,hervorragendes" Arzneimittel, das
sie stets statt des Camphers anwenden. Sie wollen nur noch ab5
warten, ob es auch geniigend nachhaltig wirkt.
Sodann sind zu erwahnen: Das
B i 1i v a 1
der Firma Bohringer Sohn, Nieder:Ingelheim.
Die Pillen enthalten
Lecithincholsaure, die dazu bestimmt ist, der Galle bei langerer
Verabreichung ihre normale, steinlosende Eigenschaft wieder:
zugeben (L e p e h n e , Deutsch. Med. Wschr. S. 878, 1923).
Dicodid,
.ein neuer Codeinabkommling, der sich als Dihydrocodeinon kenn:
zeichnet. Das Mittel, hergestellt von der Firma Knoll & Comp., Lud:
wigshafen, kommt als Bitartrat und Hydrochlorid in den Handel.
Es sol1 als schmerzstillendes Mittel und als Hustenmittel in Betracht
kommen, unterliegt aber (s. Pharm. Ztg. S. 613, 1923) betreffs der
Abgabe ungefahr den einschrankenden %edingungen, die fur Morphin:
salze festgcsetzt sind. Literatur: Munch. Mcd. Wschr. Nr. 13 (1923).
Nndisan,
rin neues Wismutpraparat der Firma Kalle & Comp., Biebrich am
Rhein, bestimmt zum Gebrauch gegen Syphilis. Es ist ein Kaliums
salz der Bismutylweinsaure, das mit hochdispersem kolloidalem
Wismuthhydroxyd gesattigt ist. M ii 11 e r , B 1a s s und K r a t z
e i s e n (Munch. Med. Wschr. S. 625, 1923) bcrichten von hervor:
ragenden Erfolgcn.
Normacol
der Chemischen Fabrik C. A. F. Kahlbaum, Berlin :Adlershof
(Vierteljahrsschr. f. prakt. Pharm. S. 146, 1923) ist ein Abfuhrmittel,
d a s auf ahnlicher Grundlage wie das Regulin :H e 1 f e n b e r g aufs
gebaut ist. Es enthalt Phytomucin, einen unloslichen Pflanzen:
schleim von hoher Quellbarkeit als Hauptbestandteil mit geringen
Mengen Rhamnus Frangula.
Somnifen
der Firma HoffmannSLa Roche & Comp., A..G., in Basel (Viertels
jahrsschr. f. prakt. Pharm. S. 141, 1923) ist ein Schlafmittel, eine
Losung der Diathylaminsalze der Diathyl: und Isopropylpropenyls
Barbitursaure.
Tenophosphan
ist ein Phosphormittel gegcn Rhachitis und ahnliche Krankheiten,
wird von den CassellasWerken hergestellt (siehe B 1u m , Munch.
Med. Wschr. S. 1087, 1923) und steilt eine dimethylamidomethyl:
phenylphosphinige Saurc dar, bzw. deren Salz.
I. H e r z o g I Berlin:
64
Sodann habe ich das
Eatan
dcr EatinonGGesellschaft, Miinchen, zu erwahnen, das gerade in SiiJ:
deutschland in stcigcndem Maf3e gcgen Tuberkulose Verwendung
findet: Dr. H a f f (Med. Klinik, Nr. 25, 1921) baute tierisches
EiweiB, Blut und blutbildende Organe bis zu den Aminosauren ab
und verabfolgte diese Hydrolysatc an Kranke mit allgemeiner Tuber:
bulosc. Der Erfolg soll sehr gut gewesen sein. Als cr aber das Mittel
an Kranke mit Knochcntuberkulose gab, warcn die Erfolge weniger
zufriedenstellend. Deshalb gab er den bisherigen Hydrolysaten
solche aus Knochcn: und Gelenkgewebe hinzu und berichtet jetzt
von auffallenden Besscrungen gerade bei Erkrankungen der Knochcn:
tubcrkulose. Auf Grund dieser Erfahrungen entschloB sich dcr
Autor, die Darstellung auf eine breitere Grundlage zu stellen und
die Hydrolysate aus tierischem EiweiB und den wichtigsten tierischen
Organeii in entsprcchcnder ,,biologischer Proportion" zu bereiten.
Dieses Gemisch von scheinbar spezifisch wirkenden Aminosauren
kommt unter dem Namen Eatan in den Handel und soll imstande
sein, eine crhebliche Besscrung des Allgemeinbefinciens herbeis
zufiihren.
Bisher wurden an dicscr Stelle im allgcmcinen nur Arzneimittel
besprochen, die vom chemischen oder botanischen Staiidpunkt Inter:
esse boten; dagegen traten die organotherapeutischen Praparate in
den Hintergrund. Heute mu8 davon eine Ausnahme geinacht werden,
weil ein Organpraparat von ganz uberragender Bedeutung erschienen
ist, das
I n s u I i n. ' 0 )
U e b e r d i e E n t s t e h u n g d e s M i t t e l s : Der Auss
gangspunkt aller Arbeiten, die in folgerichtiger Entwicklung
zur Auffindung des Mittels Insulin fiihrten, ist das Experiment
zweier deutscher Aerzte. V o n M e h r i n g und M i n k o w s k i
entferntcn namlich bei einem Hunde die Pankreasdruse und ers
zeugten dadurch bei ihm schweren Diabetes mit allen dieser Krank:
heit cigenen Merkmalen. Dadurch wurdc der wichtigste Zusammenr
hang klargelegt: Es ist die innersckretorische Tatigkeit des Pankreas,
welche fur den normalen Abbau dcs Zuckers zu sorgen hat; fehlt
diese Tatigkcit, tritt Zuckerharnruhr ein. Umgekehrt wurde bald
fcstgestellt, da8 bei Diabetikern tatsachlich eine Veranderung, Vers
kiimmerung des Pankrcas eingctreten ist, aber nicht ctwa der ge:
samten Driisc, sondern bcstimmter, fest umrisscncr Particn, die man
nach dcm Entdecker, Dr. L a n g e r h a n s , die ,,Langerhansschen
Inseln" ncnnt. Diese Inseln verkiimmern nicht nur bei Zucker:
10)
Litcratur: M i n k o w s k i , Deutschc Mcd. Wochenschr., S. 1108
(1923). - E r k l e n t z , cbenda, S. 1073. - G r a f c , cbenda, S. 1141. K r o g h , cbcnda, S. 1321. - V a h l c n , cbenda, S. 1332. - N e u b c r q ,
G o t t s c h a l k u. S t r a u s s , ebenda, S 1407. - v. N o o r d e n u. I s a u k ,
Klin. Wochcnschr., S. 1968 (1923).
Der Arzneimittelverkehr des Jahres 1923.
65
kranken, sondern sie nehmen auch an Zahl ab. In ihnen wird also
das Produkt gebildet, das fiir die normale Verwertung des Zuckers
im Organismus notwendig ist.
Es lag nahe, daB sich bald deutsche Forscher bemiihten, nunmehr
aus dem Pankreas den wirksamen Stoff zu isolieren. Am niichsten
von ihnen ist wohl Professor Z u e 1 z e r , Berlin, zum Ziele gelangt.
Er hatte offenbar schon im Jahre 1909 das wirksame Hormon in
Hiinden. Wenigstens gelang es ihm mit seinem Praparat damals
schon, beim diabetischen Hund den Zucker von 7.8 O/O. auf 1.1 "/o
lierabzudrucken und bei Patienten Zucker, Aceton und Acetessigs
saure aus dem Harn verschwinden zu lassen. Aber das Praparat war
erstens nicht haltbar, zweitens nicht frei von bedrohlidhen Nebens
erscheinungen. Die notwendigen Arbeiten zur Verbesserung des
Mittels wurden dann durch den Krieg unterbrochen. Und SO bleibt
es zu beklagen, daB Z u e l z e r und die anderen deutschen Aerzte
um den Preis ihrer Arbeit kamen und auslandischen Aerzten die
Vorhand lassen mufiten.
Es gelang namlich zwei jungen kanadischeii Forschera, B a n r
t i n g und B e s t , in dern Physiologischen Institut der Universitat
Toronto, das Problem weitgehend der Losung zuzufiihren. Es
war beobachtet worden, daf3 nach Unterbindung des Pankreass
ausfiihrungsganges die drusigen Teile sehr vie1 schneller verkitmmern,
a h die Inseln. In diesem Punkte setzten die beiden Forscher
zielbewuBt ein. Sie sagten sich, daf3 die Zerstorung der
driisigen Teile aufierordentlich wichtig sei, weil diese mit ihren
Verdauungsfermenten weitgehend das Hormon gefahrden miifiten.
Deshalb unterbanden sie zunachst den Ausfiihrungsgang des
Pankreas und gewannen erst nach weitest gehender Verkummerung
der driisigen Teile aus dem Ruckstand das Hormon, das, frei oder
nahezu frei von Verdauungsfermenten, besonders wirksam ist. Spater
wurde das Produkt durch FiiIlunaen mit Alkohol und ilhnlichen
Mitteln weitgehend gereinigt; schlieBlich gelang es nach Hinzuziehung
des Chemikers C o 11i p , die dem Praparat noch anhaftenden Nebenr
wirkungen so zu beseitigen, da8 das Mittel nunmehr den englischen
und amerikanischen Aerzten ubergeben werden konnte, und zwar
unter dem Namen Insulin, weil eben hergestellt aus den Inseln des
Pankreas.
U e b e r d i e W i r k u n g d e s I n s u l i n s : Die genauere
Resprechung der Insulinwirkung wird naturgemaB nur die
A erzte interessieren. Aber vom pharmazeutischen und allgemeins
naturwissenschaftlichen Standpunkt ist doch wohl fur uns folgendes
von Belang: Zunachst, wo ist der Angriffspunkt des Insulins zu
suchen? K r o g h sagt ganz allgemein: ,,Das Insulin ist uberall im
Blut vorhanden, wird an die Gewebe abgegeben und bewfrkt in den
Zellen eine erste Umwandlung des Zuckers, die fur den weiteren
Umsatz eine notwendige Bedingung ist." - V o n N o o r d e n driickt
schon seine Meinung nach bestimmter Richtung aus. Er meint ahnr
lich wie B a n t i n g : ,,Der Angriffspunkt des Insulins liegt in der
Leber. Es macht vor allem die Glucogenbildung wieder moglich und
sorgt fur eine Fixierung des gebildeten Glucogens, ahnlich wie
5
66
I. H e r z o g Berlin:
5
insulinartige Stoffe, die auch in den Pflanzen gefunden wurden, dort
die Starke vor dcm vorzeitigen Zerfall schutzen." - Einen sehr
interessanten Beitrag dazu bringt N e u b e r g. Dicser Autor hat
bekanntlich den Kohlenhydratumsatz in Piizen und Bakterien weit:
gehend aufgeklart und festgestellt, da13 z. B. bei der geistigen Garung,
die normalerweise Aethylalkohoi ergibt, stets die Stufe des Acetalde
hyds durchlaufen wird. Es gelang ihm, diesen Aldehyd durch
schwefligsaure Alkalien ,,abzufangen". Spater hat N e u b e r g gea
funden, da8 auch die Zellcn warmbliitiger Tiere im Kohlenhydrats
umsatz Acetaldehyd erzeugen. Er stelIte das dadurch fest, da13 er
frisch herausgenommene Leber von Meersehweinchen im Brut5
schrank behandelte. Er konnte dann dureh Zusatz von Calcium5
sulfit den Acetaldehyd wieder ,,abfangen". Jetzt hat er das letzte
Experiment wiederholt, nur so, dai3 er den Lcberbrei in zwei gleiche
Portionen teilte und dem einen Teil Insulin zufugte, dem aiidcrn
nicht. Nach der Behandlung im Brutschrank konnte er nachweisen,
dai3 in dem mit Insulin behandelten Teil sehr vie1 mchr Aldehyd geS
bildet war. Er sieht darin den Beweis, ,,dai3 Insulin in die abbauena
den Zellenvorgange eingreift".
Von Ticrexpcrimenten wird Sie folgendes interessieren: Spritzt
man einem gesunden Kaninchen Insulin ein, so sinkt der Gehalt an
Blutzucker. Wird die Dosis vergrofiert, so kann der Blutzucker
vollig verschwinden, und das Tier kommt in Lebcnsgefahr. Man
kann es aber noch retten, wenn man ihm zeitig genug Glucose zus
fuhrt. Derartige uberstarke Wirkungen konnen auch bei mit Insulin
behandelten Diabetikern eintreten, so da13 schon von verschiedenen
Seiten vorgeschlagen wurde, die Patienten sollten stets Glucose
in Tabletten oder Schokoladc bei sich fuhren, um gegen solche Ge:
fahren geriistet zu sein.
Die einschlagige Hauptfrage aber ist, was man sich vom Insulin
fur die Therapie verspricht. Zunachst ist diesbezuglich betont, da8
hier keine eigentliche Heilmethode des Diabetes vorliegen konne,
weil die anatomischc Schadigung des Pankreas nicht mehr ruckgangig
gemacht werden konne. Es lage vielmehr eine Substitutions5
Therapie vor, bei der, analoQ wie bei Thyreoidin, dcm Korper das not5
wendige, auf natiirlichem Wcge nicht mehr gelieferte Hormon zuges
fiihrt werde. Demnach konne das Insulin nur so lange helfen, als es
gegeben werde. Allmahlich werden doch aber Stimmen laut, die von
einer imrnerhin lingeren Wirkung berichtcn. So sagt Professor
E r k 1 e n t z : ,,Bei langerer Insdinbehandlung wird die Toleranz
fur Kohlenhydratc gesteigert, so daB man die Menge des Insulins
vermindern und fur Tage sogar aussetzen kann. Es scheint sich hier
urn eine physiologische Schonung der erkrankten Organe und urn
Kegenerationsvorgange zu handeln." - Und Professor v. N o o r d e n,
Frankfurt a. M., berichtet auf Grund von 50 mit Insulin behandelten
Diabetesfallen: ,,Es ist noch nicht entschieden, ob durch Insulin5
behandlung die Toleranz fur Kohlenhydrate auch nachwirkend geb
steigert werden kann, ohne da8 Insulin weiter verabfolgt wird;
immerhin haben wir einzelne leichtere Falle gesehen, bei denen dieses
dcr Fall war, und andcrc schwerere Falle, wo die Halfte oder gar ein
Der Arzneimittelverkehr des Jahres 1923.
67
Drittel der fruheren Gaben genugten, um die erzielte Wirkung zu
sichern." - Alle diese Fragen sind wohl noch in der Schwebe. Aber
nach der Literatur scheint schon jetzt unbestritten zu sein, da8
Insulin auf zwei Anwendungsgebieten von unschatzbarem Werte ist:
Erstens beim DiabetessKoma, dern Zusammenbruch der Zuckers
kranken, wo das Mittel lebensrettend oder mindestens lebensverlans
gernd wirken soll; zweitens bei Bchandlung von Diabetikern mit
chirurgischen Komplikationen.
D i e Q u e l l e n des I n s u l i n s u n d d i e A r t d e r H e r a u s z
g a b e d e s M i t t e 1 s: Das Hormon findet sich nicht nur in den Orgas
nen hoherer Wirbeltiere, sondern z. B. auch in denen von Fischen. So
ist es (sogar in besonderer Reinheit) aus bestimmten Teilen des
Knorpelfisches isoliert worden. Auch aus Pflanzen ist es offenbar
hcrstellbar, was ja ganz erklarlich ist, da diese ebenfalls Zucker in
ihrem Stoffwechsel verwerten. Darauf ist es jedenfalls zurucks
zufuhren, da8 ein deutscher Forscher, Professor V a h 1 e n , erst aus
Pankreas, dann aus der Hefe einen dem Insulin ahnlich wirkenden
Stoff isolierte, den er ,,Metabolin" nannte. - Eine sehr interessante
Bemerkung macht hierzu M i n k o w s k i. Er meint, die Hoffnung
vGre vielleicht nicht unbegrundet, dan das Insulin einmal rein und
synthetisch hergestellt werdcn konnte, wie es beim Adrenalin ges
gluckt ist, dem Antipodeu des Insulins.
Praktisch liegt jedenfalls die Angelegenheit so: Zuerst im gro8en
wurde das Mittel hergestellt von der amerikanischen Firma Ili
Lilly & Comp., Indianapolis, und der englischen Firma Allen & Hans
burys, London. Es wurde dort eine klinische Einheit festgesetzt.
Darunter versteht man ein Drittel derjenigen Menge, die bei einem
2 k schweren Kaninchen, das 24 Std. ohne Nahrung ist, den Bluts
zuc er innerhalb 4 Std. um die Halfte (von 0.09 auf 0.045 O/O) herabs
setzt. Das Mittel kommt grontenteils in 5sccmsAmpullen in den
Handel, hauptsachlich in den Konzentrationen 10 Einheiten pro
1 ccm und 20 Einheiten pro 1 ccm, so daiS dann jede Ampulle ins5
gesamt 50 oder 100 Einheiten enthalt. Auch eine hollandische Firma
stellt das Mittel her. Ferner haben sich bereits deutsche Firmen
an dem Wettbewerb beteiligt. Nach den Zeitungsnachrichten haben
die Hochster Farbwerke und Bayers Farbenfabriken schon das Mittel
herausgebracht, in Vorbereitung ist es (soweit mir bekannt) bei
E. Merck, Darmstadt, Chemische Fabrik auf Aktien, vorm. Schering,
C. A. F. Kahlbaum, Adlershof. Letztere Tatsachen sind offenbar auf
folgendes zuruckzufuhren: Urn eine Diskreditierung des Insulins
durch mangelhafte Darstellung oder falsche Abgabe moglichst zu
verhindern, hat die Universitat Toronto ein Patent auf ihr Vers
fahren in verschiedenen Landern genommen und zugleich in diesen
Landern Komitees gebildet, die eine gewisse Kontrolle ausuben sollen.
Auch in Deutschland ist ein solches Komitee gebildet, unter dem
Vorsitz von Professor M i n k o w s ki. Die amerikanischen Aerzte
sind nun ihren deutschen Kollegen in der uneigennutzigsten Weise
entgegengekommen und haben ihnen, ohne Anspruch auf Gegens
leistung, genaue Mitteilungen iiber olle Verbesserungen des Hersteb
lungsverfahrens zugehen lassen, mit dem Anheimgeben, geeignet err
a
5.
68
I. H e r z o g r Berlin:
scheinende deutsche Fabriken zur Selbstherstellung anzuregen: Das
ist offenbar gesch'ehen. Es liegt hier ein Akt der Uneigenniitzigkeit
vor, wie er auf dem Gebiet des Arzneimittelwesens wohl nur sehr
selten beobachtet werden konnte.
Aus dieser Literatur geht wohl zur Genuge hervor, welche runds
legende Bedeutung diese Arbeiten fur die medizinische F o r s c u n.g
besitzen. Die thcrapeutischen Erfolge, so glanzend sie auch sein
mogen, werden sich endgiiltig wohl erst spater abschatzen lassen.
Und somit mag uns das Inhlin auch zum Schluf3 unserer heutigen
Betrachtungen hinuberleiten: Wir sahen, wie das Fundament zu
diesen Forschungen in Deutschland gelegt wurde, wie das Mittel
dann in wcitgehend vervollkommneter Gestalt zu uns zuriickkam,
und wie sofort deutschc Aerzte sich in unverminderter Arbeitsfreude
beeiltcn, das Problem weiter zu losen. Aehnliche Erscheinungen der
Arbeitsgemeinschaft Iiegen auch auf anderen Gebieten vor. Es
scheint somit, daB wenigstens auf wissenschaftlichem Gebiet - das
politische geht uns hier nichts an - die Zusammenarbeit der Volker
wicder beginnt.
f
*
+
*
Herr E. R o s t fiihrte im AnschluB an obigen Vortrag aus: D i c o s
d i d sei einopiat, das nach wissenschaftlichen Ueberlegungen und praks
tischen Erfahrungen in den Grundwirkungen wie Morphin bzw. EukodaI.
wirken miisse; das Reichsgesundheitsamt habe infolgedessen schleuc
nigst die Unterstellung auch des Dicodids unter den Apothekenc und
den jedesmaligen Rezeptzwang veranla8t. Nun sei es Sache der
Aerzte, das neue Mittel nur unter strenger Prufung des Falles, des
Erfolges und dcr Moglichkeit, ob etwaige Schadenwirkungen (Ans
gewohnung, Mifibrauch) eintreten konnen, anzuwenden. Dazu bedurfe
es aber einer Aufklarung seitens der Fachpresse. Die medizinischen,
aber auch die pharmazeutischen Zeitungen konnen das Interesse der
Allgemeinheit wahrnehmen, indem sie bei der Besprechung des
Mittels nicht nur erortern, ob es sich wie Morphin anwenden la8t
und Vorziige, wie Fehlen der Obstipation, aufweist, sondern auch ob
etwa Anzeichen fur den Eintritt einer Euphorie und Angewohnung
bestehen und damit der Ausgangspunkt fur eine neue ,,Sucht" gegeben
sei; das gehore zur vollstandigen Charakterisierung eines derartigen
neuen Mittels. Wenn medizinische Zeitungen die trotz gunstiger
Wirkungen des Dicodids von Z i e g 1 e r , W e h 1 und besonders von
H c c h t , der das Mittel gerade auf die Erzeugung einer Euphorie
und Angewohnung mit Toleranzerhohung klinischcexperimentell unters
suchte, mitgeteilten Befurchtungen unerwahnt lassen, so konne dies
als moglicherweise gefahrbringend nicht gutgeheiBen werden. Gerade
weil dcr praktische Arzt die freie Verfiigung iiber derartige MitteI
habe und haben solle, so musse er auch durch die Fachpresse iiber
alle Wirkungen, auch die unerwunschten, aufgekllrt werden. Gegen
die Anwendung des Dicodids in geeigneten Fallen und in geeigneter
Dosis (niemals dem Kranken oder dem Pflegepersonal die Dicodida
spritze iiberlassenl) spreche Redner damit ebensowenig etwas, wie er
das in der ,,Medizin. Klinik", S. 1345 (1923) getan habe.
Der Arzneimittelverkehr des Jahres 1923.
69
Gerade beim Dicodid, aber auch bei cincm stark wirkenden
Schlafmittel, werde neuerdings bei den Hinweisen in einer arztlichen
Zeitung bzw. in Anzeigen unterlassen, die therapeutische Gewichts:
menge anzugeben. Auch in dieser Richtung konne die Fachpresse
mithelfen, die Leser zu unterrichten. Der Arzt mu8 in seinen Zeit:
schriften h e n , da8 die anzuwendcnde Dosis Dicodid 0.01 g in Sub:
stanz, aber nicht ,,l Tablette", bzw. 0.015 g Dicodid in Losung, aber
nicht ,,1 Ampulle" ist, und ebenso, welche Substanzmenge an reiner
Alkylbarbitursaure in 1 Tablette enthalten ist, die er - und nicht
verordnet.
die Fabrik
Die Aerzte sollen und miisscn auch fernerhin, objektiv .unterrichtet
und vollstandig unbeeinfluijt, diejenigcn Arzneimittel verordnen, die
dem Kranken am schnellsten helfen, ohne ihm im Augenblick oder fur
die Zukunft zu schaden; in ihr Recht, stark wirkende Arzneimittel
zu verordnen, sol1 auch nicht im geringsten eingegriffen werden. In
der Fachpresse und moglichst auch in der Fabrikreklame mu8 aber
eine genaue Charakterisierung der Mittel erfolgen, damit sich zum
Morphinismus nicht ein Eukodalismus und Dicodidismus gesellt. Nur
so kann der Arzt den bei ihm Hilfe suchenden Patienten nach dem
Grundsatz behandeln: Nil nocere!
-
.
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