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Der Arzneimittelverkehr des Jahres 1924.

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216
I. F l c r i r o g
wenig SiiDhdlzsaft heraus. . Uber einc Vcrfalschung von Succus Liqui?
ritiac mit der M a s t i c o g n a , dem eingcdickten Extrakt aus der
Wurzcl von A t r a c t y 1 i s g u m m i f e r a L., der Mastixdistel, ciner
irn Mittelmecrgebiet heimischen Kornposite, schreibt C a s p a r i s
(Schweiz. ApothsZtg., 1925, 121). Er untersuchtc 37 verschicdenc
Handelssorten des Succus Liquiritiae, unter diescn Proben von
Kricgs: und dirckter Nachkricgswarcn (bis 1922). Dic Priifung ergab,
da13 nur vier Muster Masticogna ciithicltcn und zwar lcdiglich die.
wclchc ausdriicklich als vor dcm Jahrc 1923 gehandelt bezeichnct
waren, samtlichc Warc ab 1923 war unvcrfalscht, woraus zu
schlicfien ist, da13 gcgcnwartig nicht mchr zu dieser 'Vcrfalschung
gegriffen wird.
C a m p h o r a. Nachgewicsen wurdc cin Zusatz von Z u c k c r
zu 20"lo.
;c:
Diesc kleinc Bliitcnlcsc \-on Verfalschungcn und Verwcchscs
lungen zeigt uns, wie wichtig es fur den Apotheker ist, die Drogen
und bcsonders die Drogcnpulver auf Echtheif und Rcinhcit zu untcr:
suchcn.
-13. I. Herzog,
Berlin:
Der Arzneimittelverkehr des Jahres 1924.
(\;orgctiaycii
iii
dcr Sit/ung dcr Deutschcn I'harma~cutischeii Gcscllschatt
am 18. Fchruar 1025.)
Schon untcr ii u 1\ e r 1 i c h ganz vcranclertcn Verhiiltnissen kann
ich mcinen hcutigcn Bcricht beginncn: Dic Kurvcntafeln, die in den
letzten Jahren die Wand hier bcdccktcn und die trostlose Entwer:
tung, schlieBlich den Zusammenbruch unscrcr Papiermark kcniis
zeichncten, sind verschwundcn. Sic sind in den Orkus gewandert,
aus dem sie hoffcntlich nie wicdcr aufcrstehcn werden. Abcr dic
lctzten Jahre waren, wcnn auch aullcrordcntlich vcrdcrben:
bringend, so doch wirtschaftlich cbcnso intcrcssant. Es crscheint
deshalb gebotcn, wenigstcns mit kurzcn Strichen die schwercn Zciten
noch cinmal zu charakterisiercn.
Am Endc des letztcn Kricgsjahres, also vor iiunmehr bcrcita
5 Jahrcn, glaubte ich mcincn Vortrag vor Ihncn mit den Wortcn
schlicBen zu konncn: ,,Lassen Sic uns dcshalb mit wicdcrcrwachtem
Mut ncu aufzubaucn suchcn, was zcrstort ist." Mit diesen rcichlich
optimistischen Wortcn gab ich wohl die allgemcine Meinung, auch
Ihre Mcinung, wicdcr. Vom furchtbarcn Druck des Krieges gcrade
bcfrcit, ahntcn wir noch nicht, wie arm und elcnd wir in Wirklichkeit gewordcn warcn. Abcr schon nach cinem Jahr muf3te ich hochst
resigniert bekcnncn: * ,,Wcnn der furchtbare Kriegssturm auch vor:
ubergebraust ist, so bcfindcn sich die Wcllcn doch noch in starkcr
Bewegung. Und es wird auch so bald nicht Kuhc werden, weder in
unsercm Vatcrland. noch in unsercm cngeren Fach." Und nach
Ilcr :\rxn-imittclvcilichr de's .lahrcs 192.1
217
wiedcrum ciiicm Jahre bcrichtete ich: ,,Erst im Jahre 1920 sctztcn
die wirtschaftlichen Folgcn des Kriegcs mit w l l e r Wucht ein, dic
ohnchin schon so. hohen Prcisc sticgcn noch cinmal stiirmisch und
schnellten innerhalb ctwa acht Wochcn bis zum Zehnfachen in dic
Hohc." Das war dcr Beginn der eigentlichen Inflation, die sich derart
stiirmisch cntwickcltc, daf3 ich nach 2 Jahrcn sagen inu8tc: ,,Das
war im wirtschaftlichen Sinnc das Jahr 1922, das cincn klcincn Teil
der Bcvolkerung, vicllcicht nicht den bcsten, reich gcinacht, dafiir
aber dcn bcschcidcncn Wohlstnnd dcr brcitcn Alasscn elend zerstort
hat." - U n d im Jahrc 1923 crfiilltc sicli sodann das Gcschick: Alles
Vorherige war nur ein ,,Kindcrspicl" gewcscn. Jctzt brach die
dcutschc Keichswahrung cndgiiltig zusammen.
Das Jahr 1924 hat uns cndlich cin lcichtes Aufntmcii gcbracht.
Zuriickblickcnd erkcnnen wir jctzt, dai3 damals cin Aufbau noch gar
nicht moglich war, weil dcr Rodcn, auf dem wir stanclcn, auF dcm wir
aufbauen wolltcn, vie1 zu morsch und briichig gcwordcn war. Jctzt
schcincn die argstcii Triimmer hinwcggcraumt, so da13 wir nunmchr
viellcicht langsam crhoffcn konncn, was wir bercits vor 5 Jahren
crwnrtetcn.
(Es scheiiit sich iibrigcns die Allgemcinheit -- nicht nur i n
Dcutschland - iibcr die wirtschaftlichen Folgcn dcs Krieges gctauscht
zu liabcn. Dcnn nach dcr'C1icmiker:Zeitunfi 1925, S. 3, brachte dcr
,,Economist" den charaktcristischcn Satz: ,,Wcnn die Wirtschaftlcr
vor 10 Jahren gcwul3t hattcn, was jcdermann hcutc wci8, so waren
cs die wirtschaftlichen Jahrc nicht der Kricgszcit. wohl aber der
langcn Jahre nach dem Kricgc gcwcscn, die sic mit Furcht crfiillt
hat t en .")
Ich gchc nunmehr zu den iicucn Arxnciniittcln dcs Jnhrcs 1924
ubcr:
Es ist cine bckanntc Tatsachc: Wcnn cin Arznciinittcl wirklich
cincn grol3en Erfolg erruiigcn hat, dnnn hcmiiht sich unsere Industric
mit cmsigstcm Eifer, dieaen Erfolg nuszubauen, d. h. das Mittcl mogs
lichst zu vcrbcssern und allc Miiglichkcitcn solchcr Vcrbesscrung
zu crschopfcn. So konntc ich bcispiclswcisc vor cinigcn Jahren aus.
fiihren, wie das wcit anrcjien.de, wichtipc IHcilmittcl Atophan den
Anston zu nicht wcniger als ctwa 250 atophanartisen Kiirpcrn
gegcbcn hat. Als cin weiterhin dcrart anrcgcndcs Mittcl hat sich das
Verona1 crwicscn, das bckanntlich voii 1: m i I F i s c h c r und
v. M c h r i n g in dcn Arzncischatz eingcfiihrt ist. A k i n im vers
gangcnen Jahre ist einc ganzc Kcihe Modifikationcn tlcs Vcronals
crschicnen, voii dcnen ich zucrst das
Noctal
der Firma J. D. Ricdel, A&., besprcche:
Tkkanntlich ist t l i w Vcronal cin Dcrivat tlcr Harhitursaurc:
ll\
/CO.NH\
CO.
Hic\CO. NH/
Ersctzt man die bcidcn I I der Mcthylcnyruppc durch zwci Xthyls
gruppcn, so kommt man ja zur Diathylbarbiturslurc. cbcn dem Veto:
218
I. H c r z o g
nal. Schon F i s c h e r und v. M e h r i n g versuchten Modifikationen,
indem sie z. B. statt der Athylgruppen 2 Propylgruppen einfiihrten
und so das Proponal schufen. Andere. ahnliche Modifikationen sind
noch bekannter geworden, so die Phenylathylbarbitursaure, das
,,Luminal" oder die Diallylbarbitursaure, das ,,Dial", auch ,,Curral"
genannt, und andere mehr. Ferner versuchte man durch Einfiihrung
der beruhigenden Bromkomponente das Veronal zu verstarken. So
hat S t a u d i n g e r eine Dis(brompropy1s)barbitursaure hergestellt.
sodann auch eine Brompropylathylbarbitursiure. Aber die beiden
bromhaltigen Korper cnttauschten, sie zeigten keine besondere Wirkr
samkeit. Jetzt haben die Herren B o e d e c k e r und L u d wr i g I) im
Laboiatorium der J. D. Riedel AsG. einen andercn Wcg einr
geschlagen, indem sie das Brom nicht in der gesattigten Propylgruppc
substituierten, sondern in der ungesattigtcn Propenylgruppe und vor
allem herstellten die fiBrompropenylisopropylbarbitursaurc, ebeii
das Noctal.
Hier soll nun ein bcsoiiders wirksames Schlafmittel vorliegeii,
J a s die liypnotische Wirkung des Veronals um das Vielfachc ubcrc
trifft, so da 8 0.1 g Noctal etwa den gleichen Effekt hervorruft, wic
0.5 g Veronal. Und wie somit die ungesattigte Brompropenylgruppe
pharmakologisch einen ganz andcren Effckt zeigt als die gesattigtc
Brompropylgruppe, so verhalt sie sich auch chemisch vollig verr
schieden. In der Brompropylgruppe ist namlich das Brom so lose gebunden, da13 es sich bereits in der Kalte durch Alkali leicht abspdten
lafit, wiihrend das Brom in der ungesattigtcn Brompropenylgruppe
vcrhaltnismafiig schr fest gebunden ist. Eben wegen dieser festen
Bindung nehmen auch die Autoren an, daf3 es sich hier nicht um einc
Kombination von Brom: und Barbitursaurewirkung handelt, sondern
urn den Effekt des Gesamtmolekuls. Um diese Ansicht zu stutzen,
stcllten sie eine entsprechende Chlorverbindung her (also eine Chlor:
propenylisopropylbarbitursaure) und konntcn feststellen, dai3 auch
dieser Chlorverbindung eine sehr bedeutende Wirkung zukommt.
Das Noctal bildet farblose, geruchlose Kristalle. Schmp. bei 178".
Die Propenylgruppe scheint aber allgemcin berufen zu sein, einc
wichtige Rolle in der Konfiguration des Veronals zu spielen. Dafiir
spricht das
b
All ional?)
der Firma MoffmannsLa Roche & Comp. Hier liegt eine Iso:
propylpropenylbarbiturslure vor, die (wohl iiach Art des Veramons
von Schering) mit Pyramidoncrsatz kombinicrt ist. Auch dieses
Barbitursaurederivat soll in der Wirkung das Veronal weit ubertreffen, urn etwa das 4hfache. Dcshalb enthalt eine Allionaltablette
nur 0.06 g des Barbitursaurcderivates und 0.1 g Pyramidonersatz.
Trotz dieser kleincn Dosis sollen im allqemeinen 1 bis 2 Tab!etten
zur Bekampfung von Schmcrzen und Schlaflosigkeit geniigen.
1)
2)
Klin. Wochenschr., 45 (1924).
Therapic der Gegenwart, 9'(1924).
Der Arzneimittelverkehr des Jahres 1924
219
Einc ganz andere Art der Modifikation ist im
D i a l 1oslich3)
versucht: Das Veronal zeigt bekanntlich den Mangel geringer Loslich,
keit in Wasser und damit, wie es heifit, den Mangel langsamer Re5
sorption. Im Medinal hat man dem bekanntlich abzuhelfen versucht,
indem man eines der sauren HsAtome des Veronals durch N a err
setzte, also ein Veronalnatrium schuf. Aber dieses ,,Medinas' ist fur
Injektionszwecke wenig 'geeignet, weil es alkalisch reagiert und auch
durch die Kohlensaure der Luft allmahlich zersetzt wird. Jetzt hat
die Ciba die Diallylbarbitursaure, also das Dial loslich gemacht durch
Zusatz von Monoathylharnstoff und Carbaminsaureathylester. Die
so cntstandene Losung soll vollkommcn klar, neutral, haltbar und ges
ruchlos sein.
Es mu13 iibrigcns darauf hingewiescn werden, d a 8 es durchaus
nicht ncu ist, in Wasser schwer losliche Stoffe durch Zusatz von
Urethan leichter loslich zu gestalten. Dariiber hat schon Prof. N e u I
b e r g vor langerer Zeit einc grol3ere Arbeit veroffentlicht. Auch sei
in dieser Beziehung auf das ,,Vasotonin" der Firma Teichgrabcr
hingewiesen.
Wiedcrum einen anderen Weg zur Vcrbesserung des Veronals
haben S t r a u b und R a d 4, beschritten. S t r a u b hatte die Bcobach5
tung gemacht, daR Alkaliphosphate in wasseriger Lijsung den bitteren
Geschmack mancher organischcn Verbindungen abschwiichen oder
gar aufhcben. So kann man sogar das auRerordentlich bitter
schmeckcnde Chinin durch Zusatz von Phosphaten entbittern. Jedoch
gehijrt dazu ein so groRer Zusatz dcs anorganischen Salzes, da13 das
durch das Mischprodukt unverwertbar wird. Vicl gunstiger aber liegcn
die Verhaltnisse beim Veronal. Hier geniigt schon ein Zusatz von
Trinatriumphosphat in molekularcr Menge zur maximalen Entr
bitterung.
Auf Grund diescr Tatsachen habcn die Elberfeldcr Farhens
fabriken Linter dcm Namen
P a r a 11 o v a 1
ciicses inolekulare Mischprodukt von Verona1 und Trinatriumphosr
phat in den Handel gebracht. Das Praparat zeigt beim Liisen in
Wasser cin sehr interessantes Verhalten. Es bildct sich namlich
'Jeronalnatrium, also Medinal einerseits, andererseits Dinatriumphosr
phat. Dadurch cntstehen zwci wichtige Vorziige: 1. Das Paranoval
lost sich so leicht in Wasscr wie das Mcdinal, denn es bildet sich ja
in dieses um. 2. Die Losung ist entbittert. Aber noch ein dritter
Vorteil gescllt sich dazu: Wahrend dcs Krieges wurde namlich fests
gestellt, daf3 die Einnahme von Phosphaten eine korperliche und
geistige Belebung herbeifiihrt. Daraufhin wurdc bekanntlich das
.,Recresal" in den Arzneischatz eingefiihrt, im wesentlichen ein
Mononatriumphosphat. Und das nahestehende Dinatriumphosphat
entsteht hier ja als Nebenprodukt und soll zwar nicht ausreichen, urn
8)
4)
Klin. Wochenschr., 1923 (1924).
Deutsche Mcdizin. Wochenschr., 11 (19%).
220
I. H e r z o g
die Schlafwirkung des Veronals zu hcmmen, soll aber imstandc sein,
nach dem Erwachen der Patientcn die narkotischen Ncbenwirkungen
dcs Veronals zu verscheuchen.
Am SchluR dieser Klasse von Arzneimitteln mul3 ieh noch iibcr
cine sehr interessante Modifikation dcs Veronals bcrichten, uber das
Indonal,
das von Professor B u r g i 5 , eingefuhrt ist. Dieser Autor ist ja be.
kannt durch seine Kombinationstheorie, nach der gewisse Arznei:
mittel, zugleich dargcrcicht, sich in ihrer Wirkung nicht addicren, sons
dcrn ,,potcnzieren". Jetzt habcn B ii r g i und seine Schiiler zu solchcr
Verstarkung, Potenzicrung von Schlafmitteln Cannabis indica heran:
gezogen, das bekanntlich bei den Orientalen als GenuRmittel
(,,Haschisch") vie1 gcbraucht wird. Bei dcr Wirkung des Haschisch
mu13 man nach B u r g i zwei Phasen streng unterscheiden: 1. Eincn
starken Kauschzustand, in dem die Funktionen des Groljgchirns
machtig angeregt werden. 2. Die darauf folgcnde Narkose. Aber beide
Wirkungen konnc man bisher pharmakologisch nicht ausbcuten. Die
crstc anregcnde Wirkung nicht, wcil sic zu machtig sei und von dem
Schlafzustand abgelost wcrde; die zweite narkotische Wirkung nicht.
weil ihr cben der Rauschzustand vorangche. Jetzt haben B ii r g i und
seine Sehiiler Cannabis indica mit Schlafmitteln kombinicrt und sagcn
aus, da13 nach Eingabe diescr Kombinationen die Rauschwirkung des
Cannabis ganz fortfalle, dic Wirkung des Schlafmittcls aber auRer:
ordeitlich gcstcigert, also wieder ,,potcnziert" wiirde.
Nach vielen Vcrsuchcn wurde die gceignctste Mischung V O ~
Cannabis und Verona1 fcstgestellt, die nunmehr von Dr. F r c s e n i us.
Frankfurt am Main, untcr dem Namcn ,,Indonal" in den Handcl pe:
bracht wird. In diesein Mittcl konnte durch die Kombination dic
ubliche Vcronaldosis von 0.5 g auf cin Drittcl herabgedruckt werden.
also auf 0.16 g. AuRcrdem soll das Haschisch cine angcnehme Nach:
wirkung sichcrn.
Ubrigens ist auch das bckanntc, altbcwahrte Adalin modifiziert
worden, indcm man in die freie Amidogruppc cinen Acctylrest ein:
gefiihrt hat. Dicses Acetyladalin oder Acetylbromdiathylacctyl~
carbamid wird von den Elberfelder Farbenfabriken untcr dem Namen
'
A b a s i n ")
in den Handcl gcbracht. Es soll durch den cingefugten Acetylrest
eine bessere Lijslichkcit, damit bessere Rcsorbierbarkcit besitzen, so
daB 0.25 g Abasin etwa 0.5 g Adalin ersetzen sollen.
Nunmehr mochte ich iiber eine Arbcit von Dr. M c n d e l .
Essen'), berichten. Wohl liegt diese Arbeit schon etwa 2 Jahrc ZU:
ruck, aber ich glaubc sic erwahnen zu miissen, wcil crstens vcrschie:
dene Arzte auf ihren Inhalt zuriickgekommcn sind, wcil die Arbeit
zweitens dic A r z n e i f o r m anbetrifft, fur die der Apotheker doch
-6)
6)
7)
Deutschc Med. \Vochenschr., 45 (1924).
Med. Klinik, 28 (1924).
Munch. Med. Wochenschr.. 1594 (1922).
Dcr Arzncimittclvcrkehr des Jahres 1924
22 I
mit in crster Reihe zustandig ist. M e n d c 1 fiihrte namlich folgendes
aus: Allgemein wird beim Einnehmen von Medikamentcn nur in
Betracht gezogen, daR sic im Magendarmkanal zur Resorption ge:
langcn. Dabei lehrcn doch viclc Erfahrungcn des taglichen Lebens
wic der Pharmakologie, daI3 starkwirkcnde Stoffc schon nach lans
gerem Verwcilen im Munde sehr kraftigc Wirkungcn entfalten konncn.
So ist z. B. allgemein bckannt, dai3 alkoholischc Gctranke, langsam
uber die Zungc gcschliirft, besondcrs schnclle und starkc Alkohol:
vergiftungen herbeifuhren. Ebenso wciB man, da13 Rauchcr, die die
Zigarrcn ,,kaucn", bcsondcrs leicht Nicotipvcrgiftungen erleiden.
Andrcrseits soll cs in der Therapie bekannt sein, da13 Cocain bei
Mundopcrationen oft ganz unerwartete und hcftige Vergiftungss
erschcinungen erzcugt, wahrcnd cs im Bereich dcs Rachcns und Kehls
kopfes in wcit grijI3ercn Dosen ganz gefahrlos angcwcndct wcxlcn
hnnn.
M c n d c 1 wcist nun erstens darauf hin, deTJ iiach seiner Mcinung
die Aufnahmefahigkeit fur Mcdikamentc im Mundc am starksten auf
der Schleimhaut des Zungcnruckens stattfindet, die ja auch das
Hauptorgan fur den Gcschmacksinn bildet. Zweitcns nber meint cr,
dai3 nicht allc Medikamcnte auf dicsc Wcise gleich gut resorbiert
werden, sondcrn ganz bevorzugt die lipoidloslichcn. weil dicse be:
sondcrs lcich: die Plasmahaut durchdringcn und tlann dirckt in die
Blutbahn gclangen. Als wichtigcs Beispicl dafiir halt M e n d e 1 das
Nitroglycerin, cin ,Lipoid crsten Ranges, das ein ganz ausgczeichnetcs
Mittel gegen Angina scin soll, abcr nur dann, wcnn man cs in spiris
tuoscr Losung, auf Zuckcr getraufclt, im Mundc zergchen laat. Da:
gegcn soll es, direkt in den Magcn gcfiihrt, viillig vcrsagcn, schon
weil cs sofort durch die Mngcnsafte gespaltcn wcrdc.
Wic das Nitroglycerin, so liist M e n d e 1 auch andcre wichtigc
lipoidlosliche Stoffe, wic Schlafmittel, Alkaloidc, Strophanthin usw.,
in Weingeist auf und applizicrtc sie zuniichst durch Aufstreichen auf
die Zunge. Diesc Anwcndung nennt er die perlinguale bnd sagt, da!3
sic in vielen Fiillen die vicl umstandlichcrc subcutane, intramuskulare,
ja evtl. auch die intravenose Injcktion ersetzen konne.
Endlich sagt M e n d c l , daf3 man auf dicsc Wcise auch nicht:
lipoidlosliche Stoffe applizieren konne, indeni man sic in dem lipoid:
loslichcn Weingeist. lose und auf diesc Weise durch die Membran
leichter hindurchfiihre. Auch KohlcnsCure begiinstige den Durchs
gang der Medikamcntc. Aus letzterem Grund hat nun M e n d c l
die hiesige Apotheke des Herrn Dr. S i 1 t e n veranlafit, die
PerlingualsTablctten
hcrzustellen. Es sind das kleinc Tabletten, die ncben der wirksamen
Substanz Natron und Saurc cnthalten, so daI3 sic, flach der Zungc
anliegend, in dcr Mundflussigkeit unter Kohlensaureentwicklung lang:
sam zcrgehen konnen. Ich zeige hier solche Tabletten mit Kodein,
Atropin, Nitroglycerin. Der Vorteil soll also der scin, daR das
Medikament, schnell in die Blutbahn gelangend, schon in der ctwa
halben iiblichen Dosis wirkt und nicht im Magen zcrsetzt wird.
Ich bin mir wohl bewuRt, daR Sic manches gegcn diese An:
schauungen eirwenden werdcn. Vor allem werden Sie sagcn, dd3 auf
22.2
I. H e r z o g
diese Weise die Medikamente q u a n t i t a t i v doch nicht vom
Munde her aufgenommen werden, daB vielmehr der Mundspeichel
stets einen gewissen Anteil in dcn Magen spiilen wird. Aber manches
Anregende scheint mir doch in dem Gedanken enthalten zu sain.
Auch erwahnte ich die Methode, weil sie, wie schon kurz in der vors
jahrigen Diskussion gestreift wurde, fur die Darreichung des Insulins
empfohlen wird. Die Arzte bcrichten namlich ubereinstimmend, dan
die Zuckerkranken mit der Dauer der Behandlung immer empfinds
licher werden gegen die Applikation der ,,Spritzen". Deshalb wurde
voriibergehend versucht, das Insulin stomachal zu verabreichen.
Dieses Verfahren muBte scheitcrn. Denn, wie im vorigen Jahre suss
fiihrlich besprochen, haben ja die kanadischen Forscher B a n t i n g
und B e s t ihren groBen Erfolg gerade dadurch errungen, daB sie vor
Isolierung des Insulins aus der Pankreasdruse erst die Verdauungb
fermente der Driisc zerstorten. Taten sie das nicht, so wurde das
Insulin von diesen Verdauungsfermenten zersetzt. Das mu8 naturlich
auch geschehen, wenn man das fertige Insulin in den Magen der
Kranken bringt. Deshalb empfahl M e n d e 1 schon friiher, das Insulin
perlingual anzuwenden. Dieser Vorschlag hat bisher nicht den Beifall
der Arzte gefunden. M e n d e 1 kam aber in allerletzter Zeit nwhS
mals darauf zurucks) und sagt, daD nach seinen neuesten Erfahrungen
das ,,Insulingual'" doch in gewissen Fallen mit Nutzen verwendet
werden konne. ' Freilich empfiehlt er fur diesen Zweck, die Tabletten
in die Oberflache der Zunge ,,einzumassieren".
Ubrigens wird das Insulin neuerdings auch auf dem Wege der
lnhalation angewendet (s. z. B. Klin. Wochenschr. 1925, S. 71).
Unter der Bezeichnung
Jobramag
ist ein neues Jodpraparat erschienen, eingefiihrt von Herrn Professor
W o 1f f e n s t e i n 9, hergestellt von der Firma Albert Mendel,
A.sG., Berlin. Es ist wohl das erste Jodpraparat, das zugleich auch
Brom enthalt; und zwar sind die beiden Halogene in demselben Verr
haltnis vorhanden wie in natiirlichen Quellen, d. h. auf 1 Teil Jod
kommen 2'/2 Teile Brom. Die absoluten Halogenmengen sind gering:
Jede Tablette enthalt nur 0.01 g Jod und 0.025.g Brom. Aber es
wird hinzugesetzt, es sei in letzter Zeit nachgewiesen, da8 das Jod
in weit kleineren Dosen als den allgemein angewendeten wirkt. Das
Jod ist hier zum Teil als halogenwasserstoffsaures Salz vorhanden,
zum Teil locker an EiweiD gebunden.
Aufgefuhrt seien ferner die Mittel
s a 1y r S a n
'01,
ein Anlagerungsprodukt von Quecksilberacetat an Salicylallylamido~
essigsaures Natrium, hergestellt von den Hochster Farbwerken,
hauptsachlich empfohlen gegen Syphilis.
-
8)
9)
10)
Klin. Wochenschr. 2341 (1924).
Deutsche Med. Wochenschr. 14 (1924).
A4rch.d. Pharm. 71 (1924).
Der Armeimittelverkehr des Jahres 1924
223
Dann
T r i p h a 1,
ein Goldpraparat (aurothiobenzimidazolcarbonsaures Natrium),
ebenfalls hergestellt von den Hochster Farbwerken, empfohlen gegen
tuberkulose Erkrankungen.
Acidolamin,
ein Priiparat dcr A.:G. fur Anilin:Fabrikation, eine Kombination von
Hexamethylentctramin mit Acidol. Es ist namlich erwicsen, dalS
Hexamethylentetramin nur in saurer Losung wirkt, weil es nur so
Formaldehyd abspaltct. Um nun in den Harnwegen die entsprechendc
Aciditat herzustcllen, sol1 durch diese Tabletten das Hexamethylen
zugleich mit dem bckannten Acidol eingegcben werden.
Reargon,
ein Silberpraparat der Chemischen Fabrik C. A. F. Kahlbaum. Es
ist das eine Kombination von Silbergelatose mit Glucosiden der
Antrachinonrcihe. Die Glucoside sollen dabei cine wcitgehcndc
Tiefcnwirkung verbiirgen und zugleich eine Anasthesic der Schlcim:
haut, so daB die Anwendung grol3ercr Silbermengen bei der Applika:
tion moglich wird. Das Mittel wird deshalb zu Abortiv=Kuren
dcr Gonorrhoc cmDfohlen; es hat eine einheitliche Beurteilung scitens
der Arzte noch nicht gefunden.
Ganz bcsondcrs grofi war im vergangenen Jahr der Wcttbewerb
unter neuen
Wismutpraparaten
gegen Syphilis, von denen ich hier eine g a m e Reihe zur Ansicht
stellen kann.
Unter den Desinfektionsmitteln zur Wundbehandlung wird jetzt
eine Klasse vie1 genannt, die auch in chemischer Beziehung sehr inter:
essant ist, namlich die Klassc der Chlorylamide. Speziell kommen
hier in Betracht die Amide aromatischer Sulfosauren, in deren NHv
Gruppe 1 oder 2 H durch C1 ersetzt sind. Ieh besprach hier schon im
Jahre 1922 das Natriumsalz des p = Toluolsulfonchloramids (I):
Es wird von der Chemischen Fabrik Heyden, Radebeul, unter dem
Namen Chloramin in den Handel gebracht, unter dem Namen
Mianin von der SaccharinsGesellschaft und neuerdings auch unter
d e r Bezeichnung Aktivin, von der Firma Pyrgos, Radebeul. Schon aus
dieser regen Konkurrenz kann man schlielJen, welche Bedeutung
diesem Mittel beigemessen wird. Die Bedeutung liegt darin, da6 das
Salz ungemein bestandig ist, so sehr, daB es sich aus siedendem
,Wasser unzersetzt umkristallisieren
lafit. Treten aber oxydations:
fahige Korpcr dazu, wird es sofort hydrolytisch gcspalten und gibt
dann nach D o b b e r t i n den desinfizierenden Sauerstoff ab:
224
1. H e r z o g
Jetzt hat C 1 a a 13 'I) auf diesem Gebiete weitergcarbcitet. Er
fiihrt aus, daR es Chlorylamide gibt, in die man noch ein zweites Chlor
einfuhren kann, daR diese Korper im allgemeinen noch bestandiger
sind und zudem durch Einfiihrung negativer Gruppen in ihrer Be.
standigkeit crhoht wcrden. In diesem Sinne stellte er das Natriums
salz dcr pnichlorursulfaminbenzoesaure (Ill) her:
cias unter dem Namen Pantosept von dcr Puntoscpt-Geselischaft,
G. m. b. H. in Ehrenstein (Wiirttemberg), in den Handel gebracht
wird. In dicscm Pantosept wird bci der hydrolytischen Spaltuni; das
gesamte Chlor in Form der unterchlorigen Saurc nach folgeiider
Glcichung abgespaltcn (IV):
lliid diesc beiden Molckiilc HOCl zcrfallen dann bekanntlich
nach c k r Formel
2 HOCi
HsO -1- 0
+ CL,
so da13 hier cin schr bcdeutender Bffckt erziclt wird.
D o b b e r t i n hat das Pant'osept klinisch gepruft und be5
zeichnet es als ein geradezu idealcs Antisepticum in dcr Wunds
behandlung, das in Substanz unbegrenzt haltbar ist, in Losung
mindestcns vier Wochen lang, das aullerdem ungiftig, reizlos und von
weitaus griji3crcr Dcsinfektionskraft ist als dic bishcr iiblichcn Mittel.
wic Kresole, Carbolsaure, Sublimat.
Im Jahre 1923 berichtete ich hicr iibcr tlas Mittcl dcr Elberfridcr
Farbenf abriken
,,B a y e r 205".
Ubcr die Zusammcnsctzung konnte ich weniy aussayen, da sich dic
Fabrik in Rucksicht auf die Konkurrcnz dcs Auslandes auf dic An:
aaben beschrankt hattc, ,,das Mittel stellt cine komplizidrt zusammen:
gesctztc organischc Verbindung dar, dic wcder Quecksilber, noch
Arsen, noch Antimon oder sonstigc therapeutisch wirksamc
anorganische Stoffe enthalt, und gehijrt zu ciner neuen Gruppe von
Heilmitteln, die zahllose Verbindungsmiiglichkcitcn g:stattet
...
Jetzt ist dcr Schleicr dcs Gchcimnisses wcitgchcnd gcluftet, und zwnr
durch einen Vortrag. tlcn Hcrr Dr. 1-1e y m a n n I?), cin Angchorigei
der Farbenfabriken, vor dcr I-Iauptvcrsammlung des Vercin:
deutschcr Chemiker in Rostock gehalten hat. Schon die Vor:
geschichte diescs Vortrages ist schr intcrcssant:
Im Fcbruar 1024 hattcn F o u r n c ;Iu und drci franzijsischc Mit:
arbciter in den ,,Annales de l'lnstitut Pastcur" cine ausfiihrlicht
Arbcit vcrijffentlicht, in dcr sic ihrc mutmnlllichc I\lcinung iibcr dic
.&'
11)
12)
L'harm. Ztg. 453 (1923).
Zcitschr. f. sngcv. Chrmic 58.5 (1024).
22.5
Dcr Arzneirnittc.l\crkchr des Jahres 1024
Zusammensetzung und Formel dcs Mittcls wicdergabcn. J3e y m a n n
lehnt es ab, eine Antwort cjarauf zu geben, ob die von F o u r n e a u
angegebene Formel die richtige ist, er beschrankt sich vielmehr darauf,
sein Bedauern daruber auszusprechen, dal3 dic franziisischcn Eorscher
uherhaupt dic Aufgabc in Angriff genommcn haben. Denn crstens
ware es richtig gewcscn, wenn das Praparat noch in aller Ruhe vom
Erfinder weiter hatte bearbeitet werden kiinnen, zumal cs sich gewiB
um kein indiffercntes Mittel handle. Sodann solle man sich doch
allgemein hutcn, der Industric, die mit griil3tem Opfermut an solche
Aufgaben hcrantratc, die Arbcit durch derartige Einmischungen zu
verleiden. Hatte doch auch hier in einem gewissen Moment die
Leitung dcr Farbciifabriken vor der crnstlichen Frage gestandcn, oh
sie es ubcrhaupt noch vcrantworten kiinne, wciterhin Muhe, Zcit und
Geld an die schcinbar unfruchtbare Aufgnbe zu verweiiden!
Ebenso interessant ist die Entstehungsgeschichte des Mittels,
uber die 1-1c y m a n n folgcndes berichtet: E h r 1 i c h hatte im Kampf
gegen die Trypanosomenkrankheiten das sogenannte ,,Trypanrot" eins
gcfuhrt. Es ist dicses das Natriumsalz der ~~Benzidinmonosulfosaurc:
d isa zo binapht hyliimin di sulf osaurc (I):
/soy€I
\--s
/
-
JN-h
I
I
I.
\(
'\/\NH,
I
) ,ha.,
,,\,lSOdhn
XkL#('\'
I
SOqNa,,,,,,
'
(
/
,SO,Nn
Durch den Erfolg cliescs Stoffes sahen sich fraiizosische Forscher
am Pasteurschen lnstitut veranlafit, auf diesem Gebiet weiters
marbeiten, um eventuell noch wirksamcre Farbstoffc kennenzulernen.
Die dazu niitigen Farbstoffc erbaten sic sich von den Elberfelder
Farbenfabriken (es war noch weit vor dem Weltkriegc), und erhiclten
dicselben auch. Als nun im Jahre 1913 wieder ein Angehoriger der
Farbenfabriken zu Dr. H c y m a n n kam und im Namen der frans
zosischen Herren um neue Farbstoffe bat, wurde dieser etwas
ungeduldig uber die ,,unproduktive Arbeit" und fragte, ob die Farbs
stoffe denn uberhaupt eine pralitischc Bedeutung gewinnen konnten.
Die Antwort lautetc: Dic Wirkung ware schon ganz gut, aber man
kiinne doch den Menschen nicht blau farbcn. In diesem Augenblick
kam H e y m a n n zu dem grundlegenden Gedanken, und er ants
wortete: .,Wenn das das einzige Hindernis ist, dann wcrden wir
Ihnen ma1 Produkte herstellen, die nicht farben und doch vielleicht
dasselbc Icisteu wie die Farbstoffc." Die tlherlegung H e y m a n n s
war dabci folgende: Wenn Farbstoffc dadurch therapeutisch wirkcn,
dal3 sie, das Gcwebe der tierischen Organe anfarbend, dort auf:
despeichert werden, so konnte man vielleicht denselben Effekt
arreichen. wenn man chemisch iihnlich gebaute Verbindungen an5
wendet, die ebcnfalls an dem Gewebe hsften, aber nicht fiirben. Mit
der Darstellung solchcr Stoffc war der Autor gerade beschiiftigt. Er
fuhrte deshalb die sogcnannte MsSaure, die vielfach zur Hexstellung
von Farbstoffen verwendet wird (eine I . A m i n ~ N a p b t h o l r ~ & d i s ~ f o z
.Gum) in die Aminobenzoylverbindung iiber und verlwnd zwei der
Archiv und Reriehlr 1925.
15
226
I. H e r z o g
entstandenen Kom lexe (da sie an sich wenig substantiven Charakter
haben). Das gesc ah aber jetzt nicht durch farbengebende Azos
verbindungen, wie beim Trypanrot, sondern durch Phosgen, so daIS
nunmehr das folgende u n g e f li r b t e Harnstoffderivat entstand (11):
1
NI1
-
I
co-
NH
I
A
1 1
'\/
If.
I
co
I
OH NH
'
I
S();$[ " ' ,.,'..
\/\SO,H
SO3fJ..
*".. ,,'\\,.
"'
',5O.;l I
Dicscr Korper zeigte cine gcwjsse, aber noch nicht gciiiigendc
Wirkung gegen Trypanosomen. Immerhin war cr das erste Glied aus
der unerschopflichen Reihe der aromatischcn Harnstoffsulfosluren.
Und jetzt wurde jahrelang, oft unter Oberwindung groaer experi:
menteller Schwierigkeiten, auf diesem Gebietc weitergcarbeitct, bis
endlich als vorlaufig letztes Glied der Kctte das Mittel ,.Bayer 205"
gefunden wurde.
In feiner Ironic stellt abcr H e y in a n 11 nun nicht ,,Baycr 205"
vor uris hin. sqndern den Korper. den F o u r n e a u dafiir halt (HI):
S0::Sil
so:, xa
--:,
..
i
,,CO--KI!-- :/
\--
.
>-.
/
-
SO+a
>-
,.'C:O--Nt1 - .
. N f l - / T
111.
/'
co
LJ'
\.N H -.,'
/
\
Cl i:{
(:H:$
- . \
\
.,,'
\CC?
-
XI1
\ .
--<
'
'\co-NH--(
'. ---S03Na
''~,
~ , ,
/'
S02N"-j
w:iN?i
Es ist, wie Sie sehen, ein zunachst recht unheinilich aussehende
Gebilde. Es hat auch tatsaclilich ein Molekulargewicht van uber 140
(erinnert ubrigens in seinem Aufbau an den der Polypeptide). Abe
bei naherem Zusehen lost sich die Formel leicht auf, und wir er
kennen dann, da13. hier gegenuber dem Korper (11) nur ein fort
geschritteneres Glied aus der Reihc der aromatischen Hamstoffsulfc
Der Arzneimittelverkehr des Jahres 1924
777
d
I
sauren vorliegt. Die Substam, in Form des neutralen Natriumsalzes,'
ist farblos, fast geschmacklos und lost sich leicht in Wasser.
H e y m a n n berichtet, da8 der chemotherapeutische Quotient
dieser Verbindung gana aufierordentlich giinstig ware: Schon der
160. Teil der vertraglichen Dosis vermag eine Naganamaus endgiiltig
zu heilen. H e y m a n n fugt aber hinzu, da8 bei den chemol
therapeutischen Arbeiten mit diesen Korpern alle Analogieschliisse
im Stich lieBen, daB alles ,,anders kam, als man dachte", da8 die Be5
ziehungen zwischen chemischer Konstitution und pharmakologischer
Wirkung sich als immer dunkler erwiesen. Man brauche nur die
Stellung einer Sulfogruppe im Korper I11 verandern oder die Methylgruppe im Toluylrest entfernen oder diesen Toluylsaurerest in der
Stellung zu vertauschen mit dem Renzoylrest - und sofort sinke der
therapeutische Effekt auf eine praktisch nicht mehr verwertbare
Groi5e zuriick. Es komme dam, da8 der chemotherapeutischc
Quotient, auf den es doch hier in erster Reihe ankomme, sich bei
diesem Mittel nicht als ein einheitlicher Wertmesser zeige. Denn kleine
Tiere, wic Mause, vertragen es besser als groBe Tiere und Menschen.
Zum SchluD seines Vortrages ging H e y m a n n noch wirklich
auf das Mittel ,,Bayer 205" ein. Er bestatigte, da8 es ein sicheres
Meilmittel gegen die Schlafkrankheit ware, und es nur noch eine Frage
der Organisation sei, wann diese Krankheit verschwandc; aunerdein
hatte es schon wichtige Dienste geleistet im Kampf gegen Tier?
seuchen. Als Humanmittel werde es jetzt ,,Germanin" genannt
werden und hoffentlich dem deutschen Namen Ehre machen.
Der Name von F o u r n e a u ist ubrigens noch in einer anderen
hrigelegenheit genannt worden: Das ,,Pharmazcutische Versandc
haus, G. m. b. H., Berlin NW7", brachte ein organisches Arsenl
praparat unter dem Namen S t o v a r s o 1 in den Handel, dessen wirkr
samer Bestandteil eine von F o u r n e a u in volliger Reinheit hers
gestellte 4~0xy&acetyiaminosphenylarsinsaure sein soll, ein Korper
also, der dem Arsacetin nahesteht. Die Nachricht erregte em gel
wisses Aufsehen, weil erstens das Mittel nicht wie die meisten anderep
Antisyphilitica e i n g e s p r i t z t , sondern nach Anweisung franzijsis
scher Arzte e i n g e n o m m e n werden soll; weil zweitens das Medis
kament nicht nur h e i 1e n d gegen Syphilis wirken soll, sondern auch
v o r b e u g e n d , da es eine besondere Schutzwirkung entfalte. Noch
grofier wurde das Aufsehen, als die Hochster Farbwerke mitteilten,
ebenderselbe Stoff ware schon V O ~E h r 1i c h im Jahre 1909 hers
gestellt worden, wurde auch von ihnen unter der Rezeichnung
Spirocid
abgegeben, aber nur auf besonderes Verlangen. Zu einer allgemeinen
Ausgabe hatten sie sich nicht entschlie8en konnen, da E h r 1i c h '
sehr unangenehme Nebenwirkungen des Mittels (Nervenstorungen)
beobachtet hatte. - Es entstand ein ziemlich lebhafter Streit, zumal
von einer Seite behauptet wurde, nur dem deutschen Praparat kamen
die Nebenwirkungen zu, da es chemisch nicht ganz rein wiire. +Das
franzosische Mittel aber ware vollig frei von Verunreinigungen' und
daher Nebenwirkungen. Gegen diesen Angriff auf die Reinheit ihres
Praparates wehrten sich die Hochster Farbwerke natiirlich lebhaft. I i'
228
1.
Herzog
Jetat ist die= Frtrge in ruhigere Bahnen gelenkt. Auch das Spirocid
wird nunmehr ohne die bisherigen Beschrankungen herausgegeben..
Die deutsahen Arzte prufen, ob Spirocid und Stovarsol classelbe
leisten. Dann wird es sich.auch zugleich herausstellen, ob es ein Verr
dienst der franzhsischen Arzte war, auf die innerliche Darreichung
dieses Mittels hingewiescn zu haben, das ohne ihren Hinweis wold
der Vergessenheit anheimgefallen ware. - An sich haben die Phenyk
srsinsauren auch einen sehr wichtigcn Vortcil vor den Arsenobenzolen
(also Salvarsanen), da sic nicht durch den Sauerstoff der Luft ovydiert
m d dadurch giftiger werden.
Auf dem Gebiet der Anaesthetica sind zwei ncue wichtige Err
scheinungen zu verzeichnen, das T u t o c a i n der Elberfelder Farbens
fabriken und das P s i c a i n der Firma E. Merck, Darmstadt. Zuerat
sei das
T u t o c a i 11
besprochen: Bei der Synthese der Anaesthetica geht man schon
lan e vom Vorbild dcs Cocains aus, indem man es nachzuahmen
sue t, aber so, da8 man nur die s ezifisch wirksamen Gruppen zu
erhalten sucht, das uberflussig Ersc einendc fortlaat und das Game
mijglichst vereinfacht. Das Vorbild bleibt also das Cocain (I):
%
K
H2C
~
(SH --- 6 H . COO(:H:;
I
N.CHS
I.
1 . 4
Hz
*tCH . 0 . CO . (:,;ii,
,I
H--CH,
Als ein Beispiel geringfugiger Vcriindetung sei das auch synthes
tisch hergestellte Tropacocain envahnt, das sich vom Cocain nur
durch das FeMen det methylierten Carboxylgruppe unterscheidet.
Vid weitgehender sind die Vereinfachungen bei anderen
Anaesthetica, die auf die Grundlage von einfachen Benzo€derivaten
zuriickgefiihrt sind. Ich nenne hier nur das Anasthcsin vnn R i t s c r t.
den einfachen pAminobcnzoesiiureiithylcster (11):
ri.
’
NK,,
COOC,,11~
. .-/
\\
und das Novocain von E i n h o r n (111):
111.
NH2<->0
. OCH? -- CHz . N(C2H5)Z.
In diese Mlasse gehort das neue Anaestheticum Tutocain (V).
Wir sehen hier denselben psPiminebenzoylrest, den wir im Anasthe:
sin (11) und im Novocain (111) gesehen haben. Nur ist hier dic
pAminobenzoesaure verestert mit dem sekundaren Rutylalkohol,
der in Figur (IV)dargestent ist:
CH3
CHS
I
IV.
I d * 0*
W*OH
HEH
1
CH,
V.
I
co/\--/
-- ‘%N~
HC . CH2 * N(CkId 2
I
CWB
D e r Arzneimittclverkehr des Jahres 1924
229
Auikdaxn ist ein H der benachbarten Methykngrupye substi3
tuiert durch den Dimethylaminomethylrest (also einen ganz iihnltchen
Rest, wie wir ihn oben in der Seitenkette des Novocains gesehen
haben). Das Ganze bildet demnach ein pAminnbcnzoylsasdimeth&
amino+methylsy~Butanol. Das salzsaurc Salz dieser Base ist das
Tutocain. Die medizinischen Autoren berichten von auDerordent5
lichen Vorziigen diescs Mittcls. So fuhren S e i f f e r t und
A n t h o 11 Is) etwa folgendcs aus: Sic ziehen vor allem das Cocain
und das Novocain in Bctracht. Das Cocain hatte sicher zwei Mangel;
es ware ziemlich giftig und auch verhaltnismiii3ig recht kostspielig.
hber es ware noch immcr unentbehrlich als Oberflachenanaesthetis
cum. Andcrerscits ware das Novocain sehr bewahrt, aber nur zur
Infiltrations, und Leitungsanasthesic. Es ware daher schan wertvoll,
ein Universalmittel zu besitzen, das die Vorzuge des Cocains und des
Novocains in sich vereinigt. Ein solches UniversalrAnaesthcticum
glauben die Autoren im allgemeinen im Tutocain gefunden zu liaben.
Es hatte auRerdem vor Cocain den Vorteil der Billigkeit und des
Fehlens toxischer Nebenwirkungen, vor Novocain den Vortcil, daf3
es die doppeltc. untcr Umstanden die vicrfache Wirkung besaBc. Zu
erwahncn ist noch, da8 sich nach dcn vorliegenden Angaben das
Mittel in wasscriger Losung ohne Schadcn stcrilisieren lafit. Die
Haltbarkcit dcr Lijsung wird freilich von einer Seitc bestrittcn (siehe
S c h o n f e 1d e r, Munch Med. Wochenschr. 1924, S. 1321). Schon
nach mehr als acht Tagcn soll nach diescr Notiz die Liisung an Wirkc
sumkeit verliercn.
Das Tutocain bildct wcifie, fcine Nadeln, die in Wasser bis ISo/o
loslich sind. Wegen der beiden asymmetrischcn Kohlcnstoffatomc
sind zwei Racemverbindungen vorauszusehen. Das Tutocain soll
eines diescr Kacemate sein,
Einen ganz anderen Wcg hat W i 1 1 s t a t t e r cingeschlagcn bei
Schaffung des neucn Anaesthcticums
P s i c a i nl').
W i 11 s t a t t c r hat sich auf dicsem Gebiet nur mit Korperii be.
schaftigt, die die !%ruktuTformel des Cocains besitzen. Aber er hat
die ungemein schwicrigcn Verhaltnisse der Raumisomerie in Betracht
gezogen, hat eine Reihe solcher stereoisomcrcr Cocaine hergestellt und
diese dann auf ihre pharmakologischc Wirkung untersuchen lassen.
Im Verlauf der Arbeit ist W i 1 1s t a t t c r zur Erkenntnis ges
kommen, da8 die Mittel dcs Hochschullaboratoriums fur diesen
Zweck nicht ausrcichen, weil cr von den einzdncn Isomercn nur w
geringc Mengcn crhielt. Er vcrband sich deshalb mit den Herren
Dr. W o l f e s und Dr. M a d c r vom Laboratorium der Firma
E. Mcrck, Darmstadt, und hat dort die Arbeiten weitergefuhrt.
Das Cocain besitzt zunachst vier asymmetrische Kohlenstoff5
dome, dic in der obigen Formel (I) mit * versehenen vier C, von denen
einerseits die Isomeric der Cocaine bcdingt ist. AuBerdem abw
licgt bei den Ekgoninen, Cocainen usw. noch einc andere Raurnisomeric
1s)
14)
Dcutschc Med. Wochenschr. 17 (1924).
Munch. Med. Wochenschr. 26 (1Y24).
230
Der Artneimittelverkehr des Jahres 1924
vor, eine CisrTransrIsomerie, darauf beruhend, daI3 z. B. beim Ekgonin
die O H ~ G r u p p e(die; j a beim Cocain benzoyliert ist) eine venchiedene
Stellun zu den iibrigen Segmenten des Molekiils einnehmen kann
(Figur I und VIJ):
'I
I?
CI&
v*-
c M,
Ci I
I
CH-COOH
I
N . CHs 0 1 1 . CH
I
CH
i
CH,
CH:!
vll*
CH -
I
N . CHB
I
--CH
-
CH .COOH
I
13 . C . n~
- --
&Id2
Demnach existieren bei den Ekgoninen, Cocainen zwei Reihen.
die Normalreihe und die Pseudoreihe, eben beruhend auf der Cis5
TranssIsomerie,
Es sind ,nllnmehr im ganzen drei CocainrSynthesen ausgeiiihrt.
Bei jeder derselben entstchen zwei racemische Alkdoide. Zunachst
spaltete W i 11s t a tt e r das eine Racemat in seine optischen Anti:
p;odea, also in 1: und d:Cocain. Das so entstandene 1:Cocain erwies
sidh als identisch mit dcm Blattercocain. Hicr liegen also Aka5
h i d e der Notmaireihc vor. - Sodann gelang auch dic Spaltung
des zweiten Racemates. Es stellte sich heraus, daB hicr Produkte der
Yseudoreihe vorliegen.
Diese scchs. Cocaine, also ein fur so k h e Zwecke wohl ganz einzigs
qti ge s Materiat, gab W i 11s t a t t c r an den verstorbenen Pharmakos
lo en G o t t 1 i e b 'mr vergleichendcn Untersuchung. Und dieser
er lartc als den wertvollsten diescr Korper die rechtsdrehende Base
der Pseudoreihe: Erstens ware diese Psi:Basc die wirksamste; mit den
peripherefi Nervcnelementen in direkten Kontakt gebracht, wirke sic
etwa doppelt so stark als das Blattercocain. Zweitens werde dic Psis
Base im Stoffwechscl schnell abgebaut, also entgiftet. Daher kame
ts, dai3 bei subcutaner lnjektion ein Tier von der Pseudobase etwa
die doppelte Menge vertrage als vom Blattercocain. Drittens erzeuge
die Psi:Basc im Beginn der Wirkung nicht die Euphoric des Blatters
cocains und konne daher, wie es scheint, nicht zu mil%rauchlicher
Verwendung fiihren.
Wcgen dieser Vorziige hat sich die Firma E. Mcrck, Darmstaur,
entschlosscn, diese rechtsdrehende Base der Pseudoreihe in den
Arzneischatz einzufuhren, und zwar in der Form des gut kristallisie:
rciiden saurFn weinsauren Salzes, untcr dein schon genannten Namen
,,Psikain". Das Psikain bildet ein mikrokristallines Pulvcr; seine
wasserige Losung 1aBt sich, wie die des Tutocains. ebenfalls ohnc
Schaden sterilisicrcn.
W i 11 s t a t t c r eriiincrt in seiner letzten einschlagigen Arbcit
daran, daB es F r i e d r i c 11 W ii h 1 e r war, dcr im Jahre 1860 iiber
das kristallisiertc Alkaloid aus den Cocablattcrn berichtetc. Mit den1
vollstandigen kiinstlichen Aufbau des Cocains ware also ein Kapitcl
chemischer Arbeit von mehr als 60 Jahren zum AbschluB gebracht.
W e r diescs Kapitcl chemischcr Arbeit ubcrschaut, wird es nur mit
grofSter Bewunderung fur W i 11s t a t t c r und die andcren Manner
tun, dic an dicwr Aufeabc mitgcarbeitet habcu.
f
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