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Die Entwicklung der praktischen Pharmazie in den letzten vierhundert Jahren.

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Neuere Forschungsergebnisse.
25. Dr. ing. H. Runne:
Die Entwicklung der praktischen Pharmazie
in den letzten vierhundert Jahren').
(Aus dem Fabrik:Lnboratoriuni d e r G e h e 8: C o., .\. G., Dresden)
Eingegangcn am 7. Februar 1931.
Wer nur eine obcrflachliche Kenntnis des Apothekerberufs hat,
neigt gewii3 der Auffassung zu, da13 es einer der konservativsten Be5
rufc sei, konservativ in dcm Sinnc, daf3 er ganz am Alten und Her:
gebrachten hange. Wenn der Laie in die Apotheken tritt, fallen ihm
die grot3cn Keihen wohlgeordncter Porzellans oder 'Holzgefafie a u f ,
die seit alters das charakteristische Bild einer Apothekc bilden, und
cr nieint, cs bleibt alles, wie cs war.
Aber dicjenigen, welchc diese Vorstellung von dem Berufe der
Apotheker haben, kenncn ihn wohl zumeist nur von a d e n . Denn
der Stand hat sehr viele Umstellungen erlebt. Ich habe bei der Her:
ausgabe des DAB. VI einigc Artikcl gelesen, die das gerade Gegen:
teil von dem besagten, dai3 unser Stand am Altcn hange und die ge:
radezu v o n einer Umwalzung durch dic erneuten Anforderungen des
DAB. VI redeten.
Es crschicn mir nun rcizvoll, doch cinmal dem nachzugehen, ob
wir e s mit cinem ruckstandigen oder fortschrittlichen Stande zu tun
haben, und es erschicn mir vielversprechcnd, durch einen Vergleich
zwischen den amtlichen Arzneibuchern ausfindig zu inachen, welchc
Vcranderungcn die Arzneibucher von Jahrhundert zu Jahrhundert
und zuletzt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in deutschcn Apothekcn her:
vorgerufen haben, und welchen Wandel die praktische Pharmazie in
der langen Zeit erfahrcn hat. Ich kann vorwegnehmen, da13 dieser
l'influ13 zu allen Zciten gro13 und oft geradezu umwalzend gewesen ist.
Wir lionnen fur unserc Untersuchung bis um 1550 zuriickgehcn.
Dcnn unscre altesten amtlichcn Arzneibucher sind noch nicht viers
hundert Jahre alt, obwohl es einen selbstandigen Apothekerstand scit
uber 700 Jahren gibt, seit jenem Zeitpunkt, als der Kaiser Friedrich
Bnrbarossa 1224 anordnetc, dat3 der Arzt nur noch die Medizin ver:
ordnen, nicht aber mehr sclbst anfertigen und dispensieren durfe.
Vor der Ilerausgabe der amtlichen Arzneibucher behalf man sich mit
Abschriftcn von Vorschriftensammlungen. unter denen das A n t i d o t a :
r i u m d e s M e s u e aus dem 10. und 11. Jahrhundert und das A n t i d o t a :
r i u m d e s N i c o l a u s P r a c p o s i t u s aus dem 12. Jahrhundert die bc:
kanntesten sind. In viele dieser Abschriften hatten sich durch Nachlassig:
keit der Abschreiber Fchler cingesehlichen. D a m kam, da8 die l'berschriften
1) Dcr Vortrag ist am
16. Oktober und 16. Dezember 1930 in der
Dresdener Pharmazeutischcn <;csellschaft gehalten und auf Vcrlangen Zuni
Druck iiberlassen.
E:ntwicklung der praktischen Pharmazie in den letzten 400 Jahren
253
einzelner Vorschriften in beiden Werken oft gleich, die einzelnen Restandteile
aber haufig verschieden waren, und wenn nun, wie das nicht zu ver:
wundern ist, der .cine Apotheker nur das eine Werk besaB, der andere
das andere, so gaben beide auf ein und dasselbe Rezept verschiedene Medi:
kamente a b ; die Folge waren haufig genug Streitigkeiten mit Arzten und
Patienten. Das waren fur die Dauer unhaltbare Zustande, und man kann es
verstehen, daB die Stadte dem ein Ende machten durch Schaffung einheit:
licher Vorschriften in besonderen Arzneibuchern. Xurnberg ging darin allen
deutschen Stadten voran; hier erschien das erste amtliche Arzneibuch in
Deutschland, das D i s e n s a t o r i u m d e s V a l e r i u s C o r d u s , im
Jahre 1546 im Druck. I u g s b u r g folgte mit seiner P h a r m a c o p o e a s i v c
m e d i c a m e n t a r i u m p r o r e p u b l i c a A u g u s t a n a im Jahre 1564.
und Koln lieB sein ,,Dispensarium" 1565 drucken.
Das waren ohne Frage MaBnahmen von einschneidenster Eedeutung fur
den Apothekerstand, und gewiB hat mancher sich nur knirschend dem Zwange
gefiigt. U n d wenn, wie es wohl vorgekommen ist, die Vorschriften nur ein;
seitig von der Arzteschaft, dem collegium medicum, gegeben wurden, ohne
daB die Apotheker an ihrem Teil befragt worden waren, so stellten sich in
der Praxis oft groBe Mangel heraus, namentlich in der Beschaffung be:
stimmter Drogen, so daB sich der Apotheker nur rnit einem quid pro quo,
d. i. mit einem ,,Ersatz", behelfen konnte.
Wo cs recht zuging, hat man bei dcr Bearbcitung der Arznei:
bucher auch die Apotheker zu den Vorarbeiten herangezogen und
sich angeben lasscn, wclches die gebrauchlichen Arzneimittel waren.
Dicser Weg wird heutc ausschlienlich beschritten, und die eine Unter:
ausschuB fur das Arzneibuch besteht heute nur aus pharmazeutisch
vorgebildeten Mitgliedern.
Wir begriiRen es heute, dal!, es ein amtliches Arzneibuch niit
Gesetzeskraft gibt, weil dadurch allein die Sicherheit dcr gleich:
ma8igen Arznciversorgung der Bevolkerung gewahrleistet ist. Mit
welchen Schwierigkeiten man aber bei der Einfuhrung der ersten
amtlichcn Arzneibucher zu kampfen hatte, das moge uns die Vor5
geschichte dcs altesten Wiencr amtlichcn Dispensierbuches vom
Jahre 1570 zcigen, ubcr die uiis S e n f e l d e r in der Einleitung zu
einern Neudruck dieses , , D i s p e n s a t o r i u m p r o P h a r m a 5
c o p o e i s V i e n n e n s i b u s i n A u s t r i a " berichtet.
Die Vorarbeiten zur Schaffung dieses Arzneibuches reichen weit zuriick.
Schon im Jahre 1454 hatte die Wiener medizinische Fakultat den Apothekern
gegenuber den IVunsch nach gleichmaBiger Dispensierung geauBert. Bei d e m
guten Verhaltnis, das damals zwischen den Wiener Arzten und Apothekern
herrschte, trafen sich diese auf einem Liebesmahle, das ihnen der Apotheker
Vincenz H a c k e n b e r g e r gab, um nach damaliger A r t die Angelegenheit
in feuchtfrohlieher Weise zu besprechen. A m Tage darauf. am 4. Februar
1454, uberbrachten die Apotheker die gemeinsam verfaBte Antwort, nach
der sie den Arzten die Ausarbeitung des Dispensatoriums uberlassen wollten.
Die Arzte erwiderten den Apothekern aber. sie sollten zuerst ein alpha:
betisches Verzeichnis aller gebrauchlichen Composita vorlegen und eiii
Register der auBergewohnlich vorkommenden Arzneien beifugen. ,,Zur
Festigung der Eintracht und Freundschaft" lud die Fakultat samtliche
Apotheker am 24. Februar zu Tisch, und diese uberreichten vier Tage darauf
in einem 12 Blatt starken Buche das verlangte Register, das nun von der
Fakultat durchgesehen wurde. Der schone Freundschaftsbund ging aber
noch im selben Jahre in die Bruche. d a mehrere Apotheker der Kurpfuscherei
bezichtigt wurden, und so kam das Dispensatorium nicht zustande. Die fol:
254
H. R u n n e
genden kriegerischen Zeiten waren der Schaffung des Arzneibuchs nicht
forderlich. Erst Ferdinand I., dem Osterreich die Grundlagen seiner Ver.
waltung verdankt, erlieR uber 100 Jahre danach eine stgatliche Apothckers
ordnung fur Wien, in der er in Punkt 20 den Gebrauch eines gemeinsamen
Dispensatoriums anordnete. Es vergingen fast zwei Jahre, bis man sich ents
schlofi, ans Werk zu gehen und die Apotheker zu schriftlichen Vorschlagen
aufzufordern. Inzwischen hatte ein Glied der Fakultat, der als Apothekens
visitator waltete, Dr. Ladislaus S t u f f , ein Dispensatorium ausgearbeitet
u n d es der Regierung vorgelegt. Er erhielt es von dieser mit dem Bemerken
zuruck, es ,,den Mitverwandten der Fakultat" zur Begutachtung vorzulegen.
Diese erklarten aber das Werk fur unverwendbar. Als Dekan der Fakultat
hatte S t u f f nun das zweifelhafte Vergnugen, bei den dreimal wochentlich
stattfindendcn Beratungen den Vorsitz zu fuhren; er war verargert und stiirte
die Arbeit durch Sticheleien. Endlich im Miirz 1570 war das Dispensatorium
fertig. Es lag handschriftlich bei der Fakultat, und (man hore!) die Apotheker
mufiten sich danach Notizen fur die Anfertigung der Arzneien machen, was
naturlich als umstandlich empfunden wurde. Das Anerbieten des Apothekers
R o b i t z , das Arzneibuch auf eigene Kosten drucken zu lassen, wurde nicht
angcnommen, und so ist es dahin gekommen, daR das Buch schlieRlich ganz
in Vergessenheit geriet und von Dr. S e n f e 1 d e r erst wieder aufgefunden
und 337 Jahre nach der Ausarbeitung dank der Opferwilligkeit des Wiener
Apotheker:Haupt:Gremiums in den Druck gegeben wurde. Ohne Frage ein
eigenartiges Geschick, das uber diesem Arzneibuch gewvaltet hat! Habent
sua fata libelli!
Die Vorgeschichte des Wiener Dispensatoriums mutet fast wie
ein Roman an. W i r konnen solche Episoden nicht weiter verfolgen.
Wenn jemand sich aber der Muhe unterziehen wiirde, die Aktcn uber
die Vorgeschichte der so zahlreichen StadtesArzneibiicher zu stus
dieren, so wiirde er gewil3 vie1 Unterhaltsames ans Licht ziehen
konnen. Ich behandle die Vorgeschichte des Wiener Dispensatoriums
deshalb so ausfuhrlich, um daran zu zeigen, d a i 3 m a n b e i d e r
Abfassung der alten Arzneibucher, wie es wohl
selbstverstandlich war, die Apotheker sclbst mit
herangezogen hat, u n d daB diese dabci ein Register
der gebrauchlichsten
Arzneimittel
angegeben
h a b c n , s o dai3 i c h a l s o s e h r w o h l b e r e c h t i g t b i n ,
m e i n c Ausfiihrungcn iiber d i e p r a k t i s c h e P h a r m a s
zie d e r e i n z e l n e n J a h r h u n d e r t e auf die a m t l i c h e n
Arzneibiicher zu stutzen.
AuBer den schon genannten StadtesPharmakopiien von h'iirnberg, Augs:
burg, Kiiln und Wien, die alle vier aus dem 16. Jahrhundert stammen, haben
noch die P h a r m a c o p o e a L o n d i n e n s i s aus dem 17. Jahrhundert
und die P h a r m a c o p o e a E d i n b u r g e n s i s vom Jahre 1722 Reriihmt:
heit erlangt. Erwahnenswert ist, daR diese Pharmakopoen besonders auf dem
Festland in immer neuen Auflagen verbreitet wurden. Der Verfasser der
2. Ausgabe der Edinburger Pharmakopoe war ubrigens ein Deutscher, namesis
B a l d i n g e r . Mit dem Sinken des Ansehens der Stadte und dem Aufstieg
der Macht der Landesfursten traten an die Stelle der StadterPharmakopiien
die L a n d e s P h a r m a k o p ii e n. Die beriihmtesten unter ihnen waren
die P h a r m a c o p o e a W i r t e m b e r g i c a , die im 18. Jahrhundert wegen
ihrer wissenschaftlichen Bedcutung weite Verbreitung gefunden hat, und die
P h a r m a c o p o e a B o r u s s i c a , deren Ausgabc vom Jahre 1799 das
Berliner Dreigestirn, H e r m b s t e d t , K 1 a p p r o t h und R o s e , Zicrden
des Apothekerstandes, hesorgt haben. Hbenso wie Kurhessen und Olden:
5
Entwicklung der praktischen Pharmazie in den letzten 400 Jahren
255
burg hat Sachsen erst im 19. Jahrhundert ein eigenes Arzneibuch bekommen;
die Ph. Saxonica von 1820 hat der Leibarzt L e o n h a r d i besorgt.
Und nun eine 'Frage: ,,Hat nicht auch der Apothekerstand ein:
ma1 die Arbeiten am Arzneibuch selbstandig in Angriff genommen?"
Die Antwort lautet: ,,Ja! In einer bedeutenden Zeit." Es ist ein
denkwiirdiges Ereignis gewesen, als der Norddeutsche Apotheker:
verein zusammen mit dem Suddeutschen und dem Usterreichischen
Apothekerverein ein g e m e i n s a m e s Arzneibuch schufen, das
unter dem Titel P h a r m a c o p o e a G e r m a n i a e im Jahre 1865
lange vor der Einigung des Reiches erschien. Aus Norddeutschland
tragt das Werk die Unterschriften von B e r g (Berlin), D a n c k :
w o r t t (Magdeburg), H i 1 d e b r a n d (Hannover), M i r u s (Jena),
aus Suddeutschland die Unterschrift von P e t t e n k o f e r (Miinchen),
R i e c k h e r (Marbach), W o 1 f r a m (Augsburg), aus Oesterreich
haben es D a u b r a w a und v o n W u r t h untcrzeichnet. Es ist ein
Zeuge einer groI3en Zeit. Und seine Bedeutung ist nicht gering gez
wesen. Das Arzneibuch ist namlich zum groaten Teil in den Text
der Pharmacopoea Germanica, editio prima, verarbeitet und damit
die Grundlage des deutschen Arzneibuchs geworden. Damit ist dem
Apothekerverein selbst das schonste Denkmal seines Wollens und
Konnens gesetzt. Fur meine Ubersicht diirfte ich das Werk ohne
weitercs als gute Fundgrube benutzen.
In neuerer Zeit ist von Reichs wegen die Bearbeitung des Arzneis
buchs an e i n e r Stelle geregelt. Nach dem Erscheinen der P h n r 5
m a c o p o e a g e r m a n i c a , e d . a l t e r a , wurde vom Bundesrate
am 17. Februar 1887 e i n e s t a n d i g e K o m m i s s i o n f u r d i e
B e a r b e i t u n g n e u e r A r z n e i b u c h e r angeordnet. A n die
Stelle der standigen Kommission ist seit Inkrafttreten des Reichs:
gesetzes betr. die Bekampfung gemeingefahrlicher Krankheiten vom
30. Juni 1900 der R e i c h s g e s u n d h e i t s r a t getreten. Darin
haben die beiden Unterausschiisse, der medizinische und der phar:
mazeutische Unterausschua fur das Arzneibuch, die Aufgaben der
ehemaligen PharmakopoezKommission zu erfullen. Dai3 in diesem
AusschuD die praktische Pharmazie zur Geltung kommt, dafur
biirgen die Namen der in ihn berufenen angesehenen Vertreter der
Pharmazie. Es werden aber auch alle Angehorigen unseres Berufs
zu den Vorarbeiten aufgerufen. Denn nicht nur werden alle auf das
Arzneibuch bezuglichen Veroffentlichungen in Zeitschriften im
Reichsgesundheitsamte fortlaufend gesammelt, sondern sobald eine
Neuausgabe des Arzneibuchs geplant wird, ladt der Prasident des
Reichsgesundheitsamtes durch eine allgemeine Bekanntmachung ins:
besondere die Apotheker, Arzte, Zahnarzte, Tierarzte, Grofihandler
mit Arzneimitteln und die chemisch s pharmazeutischcn GroBindus
striellen ein, ihre Wunsche beziiglich des Arzneibuches bekanntz
zugeben. Es ist also unseren Berufsangehorigen reichlich Gelegenheit
gegeben, Mangel des geltenden Arzneibuches an geeigneter Stelle
vorzubringen und wenn sich die Bemerkungen auch nur darauf be5
ziehen, welche vcralteten Arzneimittel gestrichen und welche be7
wahrten Arzrreimittel aufgenommen werden sollten. Nach den Er:
fahrungen, die man mit dem DAB.VI gemacht hat, wird man sich
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H. K u n n e
vielleicht dazu entschlieikn miissen, schon den Entwurf eines neuen
Arzneibuchs den Fachkreisen vorzulegen, um noch rechtzeitig Vers
besserungen anzubringen, ehe das Arzneibuch in Kraft tritt.
Nach diesen Ausfuhrungen muB man den amtlichen Charakter
der Arzneibucher von den ersten Ausgaben an anerkennen. Ja, sie
sind sogar von vornherein mit Gesetzeskraft erlassen und die ein:
zelnen Vorschriften sind von dem Apotheker nicht als Kann:,
sondern als M u 13 :V o r s c h r i f t e n angesehen worden, nach denen
ersichpeinlichgerichtet hat. W i r k o n n e n a l s o d i e v e r s c h i e s
d e n e n A r z n e i b u c h e r als Kronzeugen fur d i e Labos
r a t o r i u m s t a t i g k e i t d e r A p o t h e k e r a n s e h e n , und wir
wollen nun die Arbeiten an Hand der Arzneibucher durch vier Jahr:
hunderte verfolgen.
Electuaria et Confectiones.
Die altesten Arzncibiicher sind nicht alphabetisch geordnet. Dsls
Wiener Dispensatorium, das ich zum Ausgangspunkt meiner Be:
sprechung der pharmazeutischen Arbeiten nehme, fangt mit den
Electuaria et confectiones aromaticae corrobos
r a n t e s an.
Electuarium (griech. I z k t y ~ a bcdeutet Lecksaft und
d a m pafit cs, dal3 an gleicher Stelle die Konfekte genannt werden,
die aus aromatischen Drogenpulvern mit viel Zucker gemengt be5
standen und in Form von Pulvern oder Rotulae, Tabulae oder Mor:
sellen verabreicht und als magenstarkende und verdaungsfordernde
Mittel verschrieben wurden. Die Vorschriften fur diese Praparate
sind sehr a h ; denn in den Uberschriften werden vielfach M e s u e
und N i c o 1 a u s u. a. als Urhcber genannt. Die Vorschriften ents
halten im Unterschied von unserer heutigen Kezeptur sehr viele Be:
standteile und damit man sich eine Vorstellung von der Verschreibs
weise dieser Zeit machen kann, will ich ein gar nicht allzu langes
Rezept aus dieser Zeit hicr anfuhren. Es ist uberschrieben:
D i a n t h o s , nach einer Vorschrift des N i c o l a u s . Rp. Bluten von
Rosmarin, 30 g, Veilchen, Rosen, SuRholz je 24 g, Nelken, Spik, Muskats
niisse, Galgant, Zimt. Ingwer, Zitwerwurzel, Muskatbliite, Aloeholz, Kardas
momen, Anis, Dill je 5 g, Zucker 640 g*).
Man ist erstaunt iiber die Reichhaltigkeit dieser Kezepte; nach
unseren heutigen Bcgriffen ist das Rezept uberladen. Welch fleii3igen
Gebrauch hat man jedoch von den Drogenschatzen gemacht! Man
hat sie wirklich ausgenutzt. Auslandische wie inlandische Gewurz:
drogen hat man nebeneinander in gleicher Weise herangezogen. Wie:
viel Arbeit mul3ten die Stol3er beim Pulvern der verschiedenen
Drogen erst verrichten, bis der Defektar sic mischen und verarbeiten
konnte!
Die Rezepte fur die Confectiones sind nun in der verschiedcn:
sten Weise abgewandelt. Ich ncnne von den Bestandteilen, die man
auBer den schon genannten Gewiirzdrogen haufiger findet und
deren Namen unserer Zeit fast fremd sind, folgende Drogen:
2)
Ich habe die Gewichtsangaben der alten Arzneibiicher nach den1
Dezimalgewichtssystem umgerechnet und abgerundet. (Der Verfasser.)
257
Entwicklung der praktischen Pharmazie in den letzten 400 Jahren
Spica Indica, die Wurzel von Nardostachys Jatamansi D. C.; Been album,
die Wurzel von Centaurea cerinthifolia, die im Orient beriihmt w a r; Been
rubeum, die Wurzel von Statice Limonium L.; Seseli creticum:Levisticum;
Thymbra s Satureja Thymbra; Hypocistis, das Kraut von Cytinus Hypo5
cistis; Portulaca, das Kraut von Portulaca oleracea; Buglossum. Ochsen:
zungenkraut, und Bliiten von Anchusa italica; Schoenanthum, die Bliiten
von Andropogon Schoenanthus, Kamelheu; Scordium von Teucrium
Scordium, Knob1auch:Gamander; Ammi, der Samen von Ammi copticum,
Koptische Haardolde; Scariola, die Samcn von Cichorium Intybus: Meu, die
Wurzel von Meum athamanticum, Barwurz; Scolo endria, der Wurzelstock
von Asplenium Scolopendrium, Hirschzunge; Cgamaedrys, Blatter und
Bliiten von Teucrium lucidum; Penthaphyllon, Kraut und Wurzel von Poten:
tilla reptans, Kriechender GansefuB; Chamaedrys, Blatter und Bliiten von
Teucrium lucidum; Malabathrum, Blatter von Laurus Cassia.
Diese Bliitenlese mag uns zeigen, welch gute botanische Kennts
nisse von Anfang an zur Fiihrung der Apotheke notig waren und
auch wirklich in der Zeit cines B r u n f e 1 s , R o c k und F u c h s an:
geeignet werden konnten. Wenn man es nicht wiil3te, so kame man
sofort auf den Gedanken, da8 diese Gcncration von Apothekern
nach Moglichkeit die einheimischen Drogen selbst in ihrem Arznei:
pflanzengarten zog und auf dem Hausboden trocknete, um gute Ware
zu fiihren! Da13 damals bei den vielen Drogen auch manche Vorrate
durch das Alter verdarben und bei den Kevisionen beanstandet
werden mufiten, kann man unbekummert zugeben.
Nicht alle Verordnungen werden in unserer Zeit noch Beifall finden.
Eine bedenkliche Verordnung, die in das Dispensatorium Viennense aufr
penommen war und damals noch im Ansehen stand, war ein E 1 e c t.u a r i u m
d e G e m m i s n a c h M e s u e , die neben den anerkannten Gewurzen eine
Reihe gepulverter Edelsteine enthielt: Saphir, Hyacinth, Sardus. Granat,
Smaragd und daneben Perlen, Blattgold, Blattsilber. Man schrieb damals den
Edelsteinen herzs und nervenstarkende Eigenschaften auf Grund ihres A U S ~
sehens zu und so begegnen wir diesen Zutaten auch bei anderen Arznei:
zubereitungen.
Im Dispensatorium Viennense finden sich 51 Vorschriften iibcr
Confectiones. Man sieht daran, wie beliebt damals die Konfekte
waren. Im Dispensatorium des Cordus vom Jahre 1666. also nach
dem dreifiigjahrigen Kriege, ist die Zahl dieser Vorschriften sehr
zusammengeschrumpft; vom Wiirttemberger Arzneibuch vom Jahre
1786 gilt das gleiche. Schliefilich sind sie in der Pharmacopoea
Borussica von 1799 und in den folgenden Arzneibuchern nicht mehr
vertreten. Das bedeutet aber nicht, da8 die Apotheker die Kunst
inzwischen verlernt haben. Denn manch eincr erfreut seinen
Freundeskreis zur Weihnachtszeit noch mit selbst bereiteten
Morsellen.
Condita und Conservae.
Neben dcn Confectiones werden in den Arzneibuchern des 16. tmd
Condita
sind in Zucker eingelegte Friichte, Schalen, Bliiten und Wurzeln. Z u Conr
servae wurden die frischen Krauter, wie z. B. Boratsch, Ochsenzunge, Ysop,
Mairan, Melisse, oder die frischen Bliiten, wie Malve, Salbei, Flieder,
Lavendel, Rosen und Veilchen, in der Wcise verarbeitet, d a 8 sie im steinernen
Morser mit holzernem Pistill zu einem Brei zerrieben und dann mit Zucker
17. Jahrhunderts noch C o n d i t a und C o n s e r v a e aufgefuhrt.
Archiv und Berichte 1931
17
258
H. R u n n e
im UberschuD gemischt wurden. Die genannten Arzneibucher zahlen diese
Arzneizubereitungen nur auf, ohne eine Gebrauchsanweisung anzugeben.
Nur die Pharmacopoea Borussica 1799, die sonst mit allem Herkommlichen
so leicht aufraumt, enthalt die ausfuhrliche Vorschrift, beschrieben bei der
Conserva Cochleariae und Conserva Rosarum. Spater werden auch diese
nicht mehr genannt. Die Herstellung kandierter Fruchte ist schlieBlich eine
selbstandige Industrie geworden; die medizinischen Konserven aber haben
sich nicht durchsetzen konnen.
T h e r i a c.
Wenn die meisten auch damit einverstanden sind, dal3 eine amts
lichc ArzneibuchsKommission die den siiBen Maulern so wohl mun:
denden Morsellen und kandierten Friichte aus dem Arzneibuch ver:
wiesen hat, so kann es doch gewil3 manch einer nicht verstehen, dai3
auch der einst so geriihmten Panacee, d e m T h e r i a k , dasselbe
Schicksal beschieden ist. Theriak ist ein Electuarium, das in dem
Dispensatorium Viennense in einem besonderen Abschnitt der
Electuarien, namlich den C o n f e c t i o n e s o p i a t a e , abgehandelt
wird. Es ist wohl angebracht, dan wir uns seine beriihmte Geschichte
vor Augen stellen.
K o n i e M i t h r i d a t e s E u D a t o r VI. v o n P o n t u s . Konig von
120 bis 66 q. Chr., der in standiger Furcht vor Vergiftung durch seing Ums
gebung lebte, sol1 an sich selbst und an Verbrechern pharmakologische Verr
suche mit Giften und Gegengiften gemacht und dabei die Vorschrift zum
Theriac zusammengestellt haben. Als er nach seiner Niederlage gegen P o m I
e j u s am Lykos sich hatte entleiben lassen, sol1 P o m p e j u s unter den
[interlassenen Papieren das Rezept gefunden haben, das entziffert wurde und
seitdem viel verordnet worden ist. D a m o c r a t e s , ein Leibarzt des Kaisers
N e r o . hat die Vorschrift noch um einige Bestandteile erweitert. Das
Wiener Dispensatorium fuhrt unter der Bezeichnung M i t h r i d a t i u m
D a m o c r a t i s e x G a 1 e n o 50 Bestandteile auf. Ein anderer Leibarzt des
N e r 0 , namens A n d r o m a c h u s , hat das Rezept noch verschlimmbessert
und hat namentlich noch Trochisci de Vipera, Pastillen aus Schlangenleibern.
aufgenommen. Da diese aus Italien eingefiihrt werden muRten und von den
Apotheken nicht selbst hergestellt wurden, so machten sich unsere Altvater
sehr viel Sorge daruber, ob sie trotz ihres hohen Preises auch echt seien.
Die Anfertigung des Theriak galt im 16. und 17. Jahrhundert als hohe Staatss
handlung. Die Ingredienzien muaten wochenlang \'or der Bereitung des
Theriak in unzerkleinertem Zustande ausgestellt werden. Die Herstellung
wurde feierlich auf offentlichem Markt unter Teilnahme von Vertretern der
Stadt vorgenommen. Die letzte feierliche Herstellung yon Theriak fand in
Niirnberg 1754 in der Kugelapotheke statt. Und schon im Wurttemberger
Arzneibuch von 1786 lesen wir in einer Anmerkung zu dem Electuarium
Theriacae Andromachi, das dort 70 Bestandteile enthalt, die abfallige Be$
merkung: ,,Eine Menge von Ingredienzien enthalt dieses Electuarium, aus
denen seine Wirkung nicht erschlossen oder geschatzt werden kann . .*.
Aus verschiedenen Grunden ware zu wunschen, daB seine Verwendung von
Tag zu Tag mehr und mehr aus der Mode kame." Z u jener Zeit erklarten
manche, da8 die ganze Wirkung des Theriaks nur dem Gehalt an Opium
zuzuschreiben sei.
In der Pharmacopoea Borussica erscheint das Electuarium theriaz
cale nur noch mit 14Bestandteilen, in der Ph. G. I findet man es zum
letzten Male, im wesentlichen in der Fassung des heutigen Er:
ganzungsbuches, in dem Crocus und Nelken fehlen. Wem tritt hier
Entwicklung der praktischen Pharmazie in den letzten 400 Jahren
259
nicht wiedcr der schroffe Wechsel vor Augen, da8 nach einer Zeit
des hochsten Ansehens eines Arzneimittels seine fast vollige Vers
gessenheit folgt!
Uns Angehorigen der letzten Generation hat sich das Electuarium
oder die Latwerge (ein Wort, das aus Electuarium entstanden ist)
als abfuhrende Arzneizubereitung eingepragt, da der einzige Ver:
treter der Arzneibucher fur Electuaria seit der Ph. Borussica 1799
das Electuarium e Senna oder Sennae gewesen ist. In den alteren
Arzneibuchern sind vie1 mehr Abfuhrlatwergen verzeichnet. Im Diss
pensatorium Viennense 1570 sind es 26 Vorschriften, in denen des
17. Jahrhunderts noch gegen 10. Es ist mit der Zweck meines Vor:
trages, den Wandel zu zeigen, den auch die V o r s c h r i f t e n
s e l b s t f u r d i e h e u t e n o c h o f f i z i n e l l e n P r i i p a r a t e im
Laufe der Zeit in den verschiedenen Arzneibuchern erfahren haben.
Das durfte lebhaftes Interesse finden; denn gerade darauf mu8 der
Apotheker bei jeder Neuausgabe der Arzneibucher achten, ob der
Inhalt der VorratsgefaBe nun auch erneuert werden mu8. Das be3
ruhrt ihn auch aus naheliegendem Geldinteresse. Der Vorlaufer des
Electuarium Sennae war das E 1 e c t u a r i u m 1 e n i t i v u m der alten
Arzneibucher, das dem Florentiner Arzneibuch entnommen war. Ich
fuhre die Vorschrift, die im Dispcnsatorium Viennense und im NurnG
berger Dispensatorium des 17. Jahrhunderts noch gleich ist, als Schuls
beispiel fur die Verschreibweise der damaligen Zeit an:
,,Rp. Entkernte Weintrauben 60 g, Adiant, Veilchen, geschalte Gerste
je eine Handvoll, Iujubae (Friichte von Zizyphus sativa) und Sebesten
(Fruchte von Cordia Myxa, schwarze Brustbeeren) je 20 Stuck, SuDholz
15 g, entkernte Pflaumen, Tamarinden je 24 g, Sennesblatter, Tupfelfarn je
60 g, Bingelkraut eineinhalb Hande voll. Dies sol1 in geniigend Wasser abs
gekocht, dann koliert werden und in der Kolatur lose: Mus von Cassia
Fistula, Tamarindenmus, Pflaumenmus. besten Zucker, Zucker BUS Veilchen
je 180 g, Sennespulver 100 g."
Die Wurttemberger Pharmacopoe hat die Vorschrift sehr zu:
sammengestrichen; dort lautet sie kurz und bundig:
,,R . Ausgesuchte Sennesblatter 240 g, Koriandersamen 120 g, Pflaumenr
mus 2 i f d . Zu den fein gepulverten Blattern und Samen fiige das Mus hinzu
und stelle mit genugender Menge Rosenwasser eine Latwerge her."
In der Ph. Borussica 1799 findet sich wieder eine erweiterte
Vorschrift, was immer wieder bestatigt, einem wie gro8en Wandel
im Laufe der Zeit die Arzneibuchvorschriften unterworfen gewesen
sind. Die Vorschrift der Ph. Germaniae ist wieder anders und die
der Ph. Germanica I ist wieder etwas geandert. Davon verschieden
ist wieder die jetzt .gultige im DAB. VI. die so lautet:
,,Zu bereiten aus fein gepulverten Sennesblattern 1 Tl., Zuckersirup
4 Tl., gereinigtem Tamarindenmus 5 Tl."
Lohoch.
Fast ahnIich wie die Electuarien wurden die E c 1 e g m a t a o d e r
L o h o c h genannten Praparate bereitet. Sie finden sich nur in den
alteren Arzneibuchern und sind von der Ph. Borussica an in den
bekannten Arzneibuchern nicht mehr vertreten. Der Name Eclegma
172
260
H. R u n n e
wird von bz).+m. auslcckcn abgeleitet und bcdeutet Lecksaft wie
Elcctuarium; ganz dieselbe Bedeutung hat die Bezeichnung Lohoch
odcr Loch, dic von ) i i ( p l leclcen abgeleitet wird. Die Vorschriften,
die unter dicscn hTamen angefuhrt werden, unterscheiden sich vie13
fach dadurch von den besprochcnen Electuarien, d a 8 ein Teil der
Drogen nicht mehr in Pulvcrform dem Honig zugesetzt wird, sondcrn
da13 von dcn Drogen ein wasseriger Auszug gemacht wird, der
dann eingedampft und in Honigkonsistenz verwendct wird. Ich
fuhre als Bcispiel die Vorschrift fur ,,Lo h o c h s a n u m c t
e x p e r t u m'' an:
JZp. Zimt, Ysop, SiiBholz je 15 g, Iujubae, Sebesten j e 30 Stuck, ents
kcrnte Weintrauben, Feigen, Datteln j e 60 g, Foenugraecum 20 g, Vcnushaar
eine Handvoll, Anis, Fenchel, Iriswurzel, Leinsamen, Minze j e 16 g. Koche
in 4 Pfd. Wasser, bis 2 Pfd. ubrig sind. Z u der ausgepreBten Kolatur fiigc
hinzu Zopfzucker 2 Pfd. Koche zur Honigkonsistenz. Danach streue ein dic
folgcnden feinst gcschnittenen und geriebenen Substanzen: Geschalte Zirbels
nusse 20 g, geschalte Mandeln, Lakritzensaft, Tragant, Gummi arabicum
jc 12 g, lrismehl 8 g. blische sorgfaltig, bis das Medikament weiB wird."
In dem Dispensatorium Vienncnse finden sich 8 Praparate im
Kapitel Lohoch. Man hat es hier mit den Anfangen der Emulsionen
>:u tun. Da:; wird noch deutlicher, wenn man die Vorschriften der
Ph. Edinburgcnsis unter Lohoch nahcr ansieht.
Ich greife als Beispiel die Vorschrift iiber L o h o c h c o m m u n e heraus;
das ist eine Mischung von frischem Mandelol und Altheesaft je 30 g und
Zuckcr S g. Ilas erkennt man auch aus der verbesserten Vorschrift des
L o c h s a n u m e t e x p e r t u r n in der Wiirttemberger Pharmakopoe von
1786, in dcr cs heifit: ,.Die Bcstandteile sollen gemischt werden, lange und
schnell azitiert werden, wodurch das Praparat weiB wird; dann sol1 es abb
gestcllt wcrdcn. Vorsicht, d a 8 es nicht ranzig wird."
Dic schlechte 'Haltbarkeit wird vielleicht der Grund gewcsen
sein, daD a u c h diese Praparate in Vergessenhcit geraten sind.
Succi inspissati.
Wir habcn erst wenig Arzneizubereitungen anfuhren konnen,
von denen wir sagen konnen, d a 8 sie auch in unserer Zeit noch
Geltung habcn. Das wird anders, wenn wir uns den eingedickten
Pfl anzensaften, den Succis inspissatis, zuwenden. Aber merkwurdiger:
wcise kennt das Dispensatorium Viennense noch keinen dcr jetzt
im Handel befindlichcn Succi, weder Succus Liquiritiae noch Succus
Juniperi. 'Fur Succus war damals auch noch die arabischc Bezeich:
nun Rob oder Roob im Gebrauch. Je nachdem, ob der Pflanzensaft
ohnc odcr mit Zucker eingcdampft wurde, redete man von Rob
simplex oder compositum. Man stelltc in Wien eingedickte Pflanzenc
safte von Ribes5Arten her, von Berberitze, von Maulbeerfruchten,
von Citronen, unreifen Weintrauben und Schlehenfruchten, endlich
von Quidden. Wie im einzelncn unsere Vorvater solch ein Q u i d 5
d e n m u s bcrcitet habcn, moge folgende Vorschrift aus dem Wiener
Dispensatorium zeigen:
M i v a C y t o n i o r u m a r o m a t i c a. ,,Rp. Saft von sauren Quiddcn
10 Pfd., guter alter Wcin 5 Pfd. sollen bei schwachem Feuer unter fort:
wahrendem Abschaumen auf ein Drittel eingekocht werden; die Kolatur sol1
Entwicklung der praktischen Pharmazie in den lctzten 400 Jahren
261
sich durch Absetzen klaren. Darauf fiige man dem Klaren 6 Pfd. Honig hinzu,
koche wieder unter Abschaumen und hange hinein folgende, in ein Sackchen
gebundene Gewiirze: je 6 g Zimt und Cardamomcn, 4 g Nelken, je 2 g
Ingwer, Muskatbliite, Aloeholz, Mastix, 4 g Crocus, 1 g hloschus, 4 g
Gallia moschata."
Dem Nurnberger Dispensatorium zufolge stellte man auch ein
Rob Ebulinum und Rob Sambuci her und was wir uns besonders
merken wollen, weil wir ja die Geschichte unserer Arzneibuchprapa:
rate verfolgen wollen, ein Rob Juniperi. Die allgemeine Vorschrift
fur alle diese Praparate lautete so, dai3 2 Pfd. Pflanzensaft mit f/l Pfd.
Zucker eingedampft werden sollten. In der Edinburger Pharmakopoe
kennt man Rob Juniperi noch nicht, wohl aber in der Wurttemberger
Pharmakopoe. Zum ersten Male erscheint der S u c c u s L i q u i r i c
t i a e in der Ph. Borussica, die den Succus Dauci inspissatus, den
Succus Juniperi, Succus Liquiritiae depuratus und Succus Sambuci
auffuhrt, dagcgen die ubrigen Succi nicht mehr nennt. Das hat
wieder, worauf wir ja achten wollen, groBe Vcranderungen gebracht.
Ein groBer Teil der alten VorratsgefaDe mit ihrem Inhalt muBte
weggeraumt werden, und neue kamen an ihre Stelle. Von den zuletzt
genannten 4 Praparaten haben sich bekanntlich nur zwei bis auf
unsere Zeit gchalten und bei diesen hat man wiederholt die Vors
schrift geandert.
S u c c. J u n i p e r i wurde in der Borussica wie jetzt auch ohne ZuckerS
zusatz bereitet, nach der Ph. Germaniae nahm man aber auf 12 Teile Saft
noch 1 Teil Zucker. S u c c. L i q u i r i t i a e d e p u r a t. wurde nach der Ph.
Borussica aus heinem Wasser umgelost, ebenso nach der Ph. Germaniae, aber
von der Ph. G. I an, wie jetzt noch, kalt gcliist und nach dem Filtrieren
eingedampft.
D e k o k t e u n d Infuse.
Ein besonderes Kapitel ist im Dispensatorium Viennense schon
den D e k o k t c n u n d I n f u s c n gewidmet. Die amtliche Bezeich:
nung dafiir ist Decoctio und Infusio, und da es sich dabei um Ab:
kochungen aus mehreren Drogen handelt, so wird auch die Bezeich:
nung ,,additio", Zusammenstellung, gewahlt. Allgemeine Ausfiih:
rungen werden in diesem Kapitel nicht gemacht; nur zum Schlun
einzelner Vorschriften heifit cs, da13 die Drogen geschnitten und zer:
stonen und gut gemischt werden sollten. Fast dieselben Vorschriften
wie im Wiener Arzneibuch finden sich im nachsten Jahrhundert
noch im Nurnberger Arzneibuch von 1666. Die amtliche Bezeichnung
ist jetzt Decoctum. In der Ph. Edinburgensis 1758 begegnen wir
auch der Bezeichnung Infusum. Die Vorschriften sind hier ausfuhr:
licher gehalten, und wir entnehmen daraus, daD die Dekokte beim
Eindampfen konzentriert wurden, und daiS die Infuse 4 Stunden
standen. Als Beispiel mochte ich die Vorschrift uber ein D e c o c s
t u m L i g n o r u m anfuhren.
,,Rp. Guajnkholzspane 90 g, groBe Weintrauben (ohne die kleinen) 60 g,
Wasser 8 Pfd. koche bei schwachem Feuer auf 4 Pfd. ein, fiige gegen Ende der
Abkochung 30 g Sassafrasspane, 15 g geraspeltcs SiiRholz hinzu. Die Kolatur
sol1 durch Absetzen gereinigt werden.
In den Canones generales, d. i. den Generalregeln, die dieses Arz:
neibuch merkwiirdigerweise nicht an den Anfang der Kapitel, sondern
262
H. R u n n e
an ihren SchluR setzt, wird gefordert, daB Holzer, Rinden, Wurzeln,
also alle harteren Drogen, zuerst in die Abkochung getan werden
sollen, erst gegen Ende die iibrigen Zutaten, zuletzt wurde auch das
SiiBholz zugesetzt. Die Wiirttemberger Pharmakopoe und die Preus
fiische von 1799 widmen den Dekokten und Infusen kein besonderes
Kapitel. Die Ph. Saxonica fiihrt drei Dekokte, namlich ein Decoctum
album, Lichenis Islandici und Tartari citratum, aber erst die Ph. Gerr
maniae hat wieder einen Sonderabschnitt, in dem angegeben wird. da8
ein Teil Droge 10 Teile Kolatur geben mussen. Sie fiihrt zum ersten Male
das Decoctum Sarsaparillae compositum fortius u. mitius, und das
Decoctum Zitmanni an. Das folgende Arzneibuch, die Ph. G. I, kennt
auch D e c o c t a c o n c e n t r a t a und I n f u s a c o n c e n t r a t a , bei
denen 10 Teile Auszug aus 1,5 Teile Droge gewonnen wurde, und sogar
Decocta concentratissima und Infusa concentratissima, bei denen
10 Teile Auszug aus zwei Teilen Droge gewonneo wurden. Aber man
hat die concentrata und concentratissima bald wieder fallen lassen. Im
DAB.111 erhielt der Artikel den Zusatz, da8 Decoct. Althaeae und
Seminis Lini kalt anzusetzen seien. Seit dem DAB.V wird ausdriick:
lich darauf hingewiesen, da8 Abkochungen und Aufgiisse frisch be:
reitet werden miissen, also nicht vorratig gehalten werden diirfen.
Das DAB. VI brachte endlich die Verbesserung, da8 diese Praparate
durch Mull geseiht werden miifiten, damit moglichst wenig wirksame
Stoffe durch Adsorption verloren gehen. Man sieht auch an diesen
Artikeln, da8 die Forderungen an die Apotheken im Laufe der Zeit
manchem Wandel unterworfen waren, denn ohne Frage hat man vor
Zeiten Dekokte und Infuse auf Vorrat gearbeitet, und mit Recht wird
dies hcute verworfen. Und weiter zeigt sich, da8 der Apothekerstand
dem wisscnschaftlichen Fortschritt nach Kraften Rechnung tragt und
die Forderungen der physikalischen Chemie sehr wohl berucksichtigt.
S i r u p e.
Das niichste Kapitel, das uns beschaftigt, sind die S i r u p e. Von
diesen einfachen Praparaten, meint vielleicht jemand, sei nicht vie1 zu
bemerken. Aber es steht doch andcrs. Die alten Arzneibucher waren
sehr reich an Vorschriften fur Sirupe. Das Dispensatorium Viennense
zahlt z. B. 45 verschiedene Sirupe auf, das Niirnberger Arzneibuch
100 Jahre spater 59 und das Wurttemberger wieder 100 Jahre spater
86. Die Uberschriften zu den einzelnen Sirupen geben nur immer e i n e
Droge an, wie uns das gelaufig ist, z. B. Sirupus Althaeae, Sirupus
Mannac; tatsachlich aber handelt es sich in fast allen Fiillen um ein
weitlaufiges Rezept, bei dem eine g r o h Reihe anderer Drogen mit
der besonders genannten Droge zusammen verarbeitet sind, so dai3
die Sirupe als fertige Arzneimittel abgegeben wurden, wahrend sie
heute im allgemeinen nur noch als Geschmackskorrigentien verwendet
werden. Wer in Sammlungen die iibermafiig gro8en GefaDe sieht, die
zur Aufbewahrung der Sirupe dienten, hat gewi8 haufig keine Erklas
rung dafiir gefunden, warum die GefaBe so umfangreich waren; durch
den obigen Hinweis wird dies verstandlich. Trotzdem, wie ich schon
sagte, die Zahl der Sirupe in den alten Dispensatorien groi3 war, sind die
heute im DAB.VI angefiihrten Sirupe nicht in allen alten Arzneis
Entwicklung der praktischen Pharmazie in den letzten 400 Jahren
263
buchern vertreten. Das Dispensatorium Viennense fuhrt nur zwei d a s
von auf, den Sirupus de Glycyrrhiza und den Sirupus de Mentha; das
Dispensatorium des Cordus von 1666 kennt funf von den heute ge:
brauchlichen Sirupen. Sir. de Althaea, Sir. de Cinnamomo, Sir. de
Manna, Sir. de Mentha und Sir. Rubi Idaei. Die Ph. Wirtembergica
1786 kennt von den im DAB.VI genannten Sirupen aus Drogen alle
bis auf Sir. Ipecacuanhae, Sir. Senegae und Sir. Sennae. Die Ph.
Borussica enthalt aufier diesen drei Sirupen auch den Sir. Menthae
piperitae und den Sir. Rhamni catharticae nicht. Dagegen findet sich
Sir. Ipecacuanhae und Sir. Senegae in der Ph. Germaniae. Es sol1 nun
einmal gezeigt werden, welche Zusammensetzung die einzelnen Prapa:
rate in den verschiedenen Jahrhunderten gehabt haben, weil man
daran am besten erkennen kann, welche auffallende Veranderung die
einzelnen Vorschriften im Laufe der Zeit durchgemacht haben. Ich
greife der Kurze wegen nur ein Beispiel heraus: den Sirupus Althaeae.
Im Dispensatorium des Cordus 1666 hei13t die Vorschrift uber S i r .
A1 t h a e a e :
.,Rp. Rote Kichern 15 g, Eibischwurzeln 30 g. Queckenwurzel, Spargel,
wurzel, geschaltes SiiDholz, gereinigte Weintrauben je 8 g. Spitzen von Eibisch,
Malve, Wandkraut, Gunreben, Ehrenpreis, Bibernell, Wegerich, Mauerrauten.
Venushaar je eine Hand voll. Koche sie mit 3 Pfd. Wasser, bis ein Drittel
verkocht ist, dann werden 2 Pfd. Zucker zugesetzt und zur Sirupkonsistenz
verkocht."a)
Man neigt dazu, uber solch eine umstandliche Vorschrift den Kopf
zu schutteln. Wenn man die Vorschrift genau uberdenkt, findet man
sehr viele Drogen darin, die die Wirkung der Eibischwurzel kraftig
unterstutzen; aber es will fast des Guten zu vie1 scheinen und der Vers
schreibweise hat man denn auch den Vorwurf der Polypragmasie geS
macht. Doch wird man zugeben mussen. dal3 die botanischen Kennt:
nisse unserer Vorvater hier recht gute Verwertung gefunden haben.
Doch zur Sache zuruck. Wie sah die Vorschrift 100 Jahre spater aus?
Die Ph. Edinburgensis 1758 hat sie schon vereinfacht; sie lautet:
,,Rp. Eibischwurzel 90 g, Quellwasser 180 g. Koche bis ein Drittel vers
dampft ist und fuge gegen Ende der Abkochung 30 g SiiDholz, 15 g Widerton4)
hinzu. Die Colatur reinige durch Absetzenlassen und fuge 6 Pfd. weiBen Zucker
hinzu. Koche auf schwachem Feuer unter kraftigem Ruhren bis zum Sirup ein."
Die Wurttemberger Pharmakopoe hat dagegen die erstgenannte
Vorschrift beibehalten. In der Ph. Borussica 1799 ist die Vorschrift
schon allein auf Rad. Althaeae eingeschrankt; sie lautet:
,,Rp. Geschalte Eibischwurzel 120 g, gewohnliches Wasser 3 Pfd. Koche,
bis da8 810 g iibrig sind. In der kolierten Abkochung liise 4 Pfd. weiDen
Zucker; lasse den Sirup einmal aufkochen."
Die Ph. Germaniae nahm eine grundlegende Anderung bei der
Bereitung des Sirups vor; sie lie13 ein Teil zerschnittene Eibisch.
wurzel zwei Stunden mit 20 Teile k a l t e m Wasser mazerieren,
dann ohne Auspressen kolieren und auf 16 Teile Auszug 24 Teile
Zucker nehmen. Die nachste Anderung brachte die Ph. G. 11, indem
3)
Wandkraut. Parietaria; Gunreben, Hedera terrestris; Mauerraute,
Adianthus albus.
') Widerton, Trichomanes (Polytrichum officin.).
264
H. K u n n e
sie die Mazeration unter gcringem Alkoholzusatz vornehmen und
auf drei Stunden ausdehnen lie& Das DAB. V I endlich schreibt vor,
dafi die Eibischwurzel auf dem Filter mit der Mazerationsflussigkeit
ubergossen und das ablaufende Filtrat eine Stunde lang wiederholt
aufs Filter zuruckgegossen wird. Man sieht auch hieran, dais die
Apotheker nicht beim Althergebrachtcn stehen bleiben, sondern wo
es angebracht ist, Verbesserungen aufgrcifen und durchfiihren, wenn
man auch das urspriingliche Verfahren ganz verlassen m u 6
Julep.
Eine Bezeichnung fur bestimmte gesiinte Arzneien, die nur bis vor
150 Jahren in den Arzneibiichern angetroffen wird und die uns heute ganz
unbekannt geworden ist, ist das J u 1 e p o d e r J u 1 a p i u m. Das Wort ist
persischen Ursprungs und heiRt wdrtlich Rosenwasser. Es hat sich dann in
den Arzneibiichern fur versuBte aromatische Wasser eingebiirgert und ist im
Dispensatorium Viennense die Bezeichnung fur ein zuckerhaltiges Rosenr
und Veilchcnwasser. In diesem Sinne wird Julep auch im h'urnberger DisG
pensatorium von 1666 gebraucht. Im erweiterten Sinne verwendet das
Wurttcmberger Arzneibuch Julapium fur Mixturen und Tranklein. z. B.
kommt darin ein Julapium e Camphora acetosum vor, und wir erfahren, daR
e t a a 2 bis 4 g Julapium den ,,Wassern" und Emulsionen zugesetzt wurden.
Oxymel.
Bin Kapitel, das uns im Unterschied von Julep noch ganz gelaufig ist,
sind die S a u e r h o n i g e. Ich brauche dies Kapitel nicht ausfuhrlicher zu
behandeln. Ich will daraus nur ein Stuck hervorheben, das die Vorbereitung
zur Herstellung von Oxymel Scillae betrifft und das man als historisches
Dokument festhalten muR. Wir lesen uber die Vorbehandlung von Bulbus
Scillae im Dispensatorium Viennense namlich folgendes: ,,Die von den
Hauten gesauberte Meerzwiebel wird mit einem holzernen Messer in Scheiben
oder Streifen geschnitten. Die Teile werden mit einer holzernen Nadel auf
einen Faden gereiht und damit sie sich nicht beruhren, mit maRigem
Zwischenraum aufgehangt und im Schatten 40 Tage lang getrocknet."
01ea.
Wir wenden uns nun den fetten Ulen, Salben und Pflastern ZU.
Die Wiener Apotheker des 16. Jahrhunderts verwendeten das U1 aus
suDen und bitteren Mandeln, Leinsamenol, I,orbeerol, Olivenol,
MuskatnulSoI, Rizinusol, Sesamol. Zum Teil mufiten sie die Ule selbst
pressen; nur Olivenol und Lorbeerfett kam aus Italicn, Muskatnufiol
im OberfluO aus Indien. In dem Nurnberger Dispensatorium 1666
wird auch WalnuiS: und Mohnol genannt; in der Edinburger Pharma:
kopiie wird noch fettes Senfol aufgefuhrt; in der Wurttemberger
Pharmakopoe finden wir 01. ex fructu Cacao seu Butyrum Cacao. Alle
bisher genannten Ole fiihrt die sachsische Pharmakopoe. Die Ph.
Germaniae bereichert den Bcstand um Krotonol, Kokosol und Leber:
tran. Erdnunol ist vom DAB.V und Pfirsichol vom DAR.VI aufge:
nommen. Im ganzen sind 12 fette Ole im geltenden Arzneibuch
vertreten.
AuiSer diescn gepreaten Ulen gibt es noch eine groOe Anzahl
per infusionem gewonnener fetter Ule. Ich greife nur einige heraus,
Entwicklung der praktischen Pharmazie in den letzten 400 Jahren
265
z. B. Oleum chamaemelinum (Kamillenol), Oleum Liliorum alborum
(Weifililienol), Oleum e Lumbricis (Rcgenwurmol , Oleum Hypcrici,
Oleum de Piperibus, Oleum rosaceum (Rosenol , Oleum violatum
(Veilchenol) und sogar ein Oleum vulpinum, das durch Verkochen
eines Fuchses in Ul gewonnen war. Alle die genannten Ole haben
den Vorzug, ihren Namen nicht umsonst zu tragen, sondern lege artis
aus den vorgeschriebenen Ausgangsstoffen bereitet zu sein. Um die
Ole mit den wirksamen Stoffen der Drogen moglichst anzureichern,
war in vielen Fallen ein Verfahren ausgebildet worden, das ich am
besten durch das Beispiel 0 1 e u m r o s a c e u m erlautern kann:
1
,,Nimm 120 g Blatter von noch nicht ganz aufgebluhten Rosen. die im
Marmor:Morser zerstoflen werden, und 2 Pfd. Olivenol. Der Ansatz sol1
drei Stunden in einem doppelten GefaB gekocht werden, dann sieben Tage
im GlasgefaBe in die Sonne gesetzt werden. Es wird das 01 abgeprefit, ihm
andere zerstoBene Rosenblatter zugefugt; der Ansatz wird wiederum gekocht
und sieben Tage in die Sonne gestellt. In derselben Weise werden nach der
Pressung nochmal andere zerstofiene Rosenblatter hinzugegeben, 30 Tage
wird das 01 der Sonne ausgesetzt, danach in doppeltem GefaDe gekocht. das
01 ausgepreBt, koliert und aufbewahrt."
Wahrend wir gewohnlich das Losungsmittel wechseln, um die
wirksamen Stoffe anzureichern, wird hier die Droge gewechselt. In
andercn Vorschriften entzieht man den Drogen die Extraktivstoffe
durch einen Zusatz von Wein, der schliel3lich wieder weggekocht
wurde. Die Ulabkochungen wurden in doppelten GefaBen vorgenomr
men, bei denen also zwei GefaBc ineinander gesteckt waren. um ein
Anbrennen zu verhindern. Die so bereiteten Ule wurden vielfach
zu Klistieren verwendet. Die Vorschriften werden noch im Wurttems
berger Arzneibuch ausfuhrlich behandelt. Dann ist es plotzlich fast
aus damit. Die Pharm. Borussica gibt nur noch wenig Vorschriften
hierfiir an. Und seit Jahren fuhren die deutschen Arzneibucher nur
noch ein gekochtes U1: das 01. Hyoscyami. Aber hier bestatigt sich
auch, was ich schon wiederholt hervorgehoben habe: Die jetzige
Vorschrift ist gegenuber der ursprunglichen ganz schroff geandert.
Wahrend 01. Hyoscyami bis einschliefllich zur Geltungsdauer des
Wiirttemberger Arzneibuchs ein gepreotes Ul aus den Samen war,
ist es seit der Ph. Borussica 1799 ein gekochtes 01 aus den Blattern.
Und ohne kleinere Anderungen ist es in der Ph. G. I1 und im DAB. V
wieder nicht abgegangen; ein gutes Zeichen fur das Bestreben, zu vers
bessern, wo und wann man es fur notig erkennt.
U n g u e n t a.
B e i d c n S a 1 b e n wiederholt sich in noch groaerem MaBe, was
wir bisher schon feststellen konnten, daf3 alles im Flu8 ist und dafi
zahlreiche Anderungen besonders in den letzten Jahrzehnten vorges
nommen worden sind. Wenn man eine Liste der in alter Zeit ges
brauchlichen Salben mit einer solchen unserer letzten Arzneibucher
vergleicht, wird man finden, daB von den alten Vorschriften nur
wenige auf unsere Zeit vererbt sind. Ich will die Listen hier nicht
im einzelnen besprechen. Heute ist die Herstellung einer Salbe eine
im allgemeinen leicht von der Hand gehcnde Arbeit. Das war bis
266
H. R u n n e
um 1800 nicht der Fall, vielmehr gehorte die Salbenherstellung zu
einet der umstandlichsten und zeitraubendsten Arbeiten. Das gilt
besonders von den zahlreichen Krautersalben, bei denen eine Anzahl
frischer oder mit Wein benetzter trockener Drogen eine Zeitlang mit
01 verkocht werden mufiten, bis alle Feuchtigkeit verjagt war, um
dann zu Salben weiterverarbeitet zu werden. Man hat beim Lesen
dieser Vorschriften einen Eindruck von der hohen Aufgabe, deren
sich der Apotheker mit wahrer Kunstfertigkeit entledigen mufite,
wenn er die vielen Bestandteile zu einer Salbe vereinigte. Zum Be5
weise fiihre ich die Vorschrift uber U n g u e n t u m D i a 1 t h e a e
c o m p o s i t u m an, die ich einmal daraufhin zu priifen bitte. Die
Vorschrift lautet:
,,Nimm 1 Pfd. Eibischwurzel, je % Pfd. Leinsamen und Bockshornsamen,
90 g Meerzwiebel. Die Wurzeln und Samen sollen gut zerstoDen drei Tage
in 3% Pfd. Wasser mazeriert werden. Darauf soll der Ansatz gekocht wers
den, bis er Schleimdicke annimmt, er soll durch ein dunnes Leinen koliert
und abgepreBt werden. Darauf soll 1 Pfd. dieses Schleims mit 2 Pfd. Olivenr
ol gekocht werden, bis der Schleim verkocht ist, dann soll ?4 Pfd. Wachs,
je 4 g Terpentin, Galbanum, Epheugummi oder Epheusaft zugefugt werden;
endlich werden je 90 g gut verriebenes Kolophonium und reines weiBes Harz
hineingetan. Alles wird fleiBig geruhrt, damit es im Kessel fliissig wird, vom
Feuer entfernt und nach dem Erkalten ins StandgefaB gebracht."
Solcher Beispiele gibt es in den Arzneibuchern von 1550 bis
1800 noch sehr viele. Wir ersehen daraus die groi3e Arbeitslast, die
die Apotheken zu bewaltigen hatten, und sind immer wieder aufs
neue erstaunt uber die Gewandtheit, mit der die alten Betriebe ihre
Aufgabc erledigten. - Dan in den altesten Arzneibiichern auch schon
Chemikalien in Salben verarbeitet wurden, 1aDt sich vielfach belegen.
Ich fuhre als Beispiel U n g u e n t u m e P o m p h o l y g e an, eine
Zinksalbe aus dem Dispensatorium Viennense:
,,Nimm je 90 g Bleiglatte und BleiweiB, 45 g Zinkoxyd, 30 g Schwefelblei,
12 g Schwefelantimon, 8 g Weihrauch, 2 Pfd. rosenolhaltiges 01, 240 g weiBes
Wachs und 1 Pfd. PreBsaft vom Nachtschatten. Der Ansatz soll bis Zuni
Verdunsten des Saftes gekocht, und die Salbe dann im Bleimorser kunst;
gerecht gemacht werden."
Eine solche Salbe, die 25% Chemikalienpulver enthielt, im Morser
fein zu verreiben, diirfte keine Kleinigkeit gewesen sein, und mancher
Chef wird seinem Defektar das Leben damit erschwert haben, weil
scine Anforderungen an die Verreibung der Salbe nur schwer erfullt
werden konnten. Der heutige Apotheker, der diese Schwierigkciten
mit seiner maschinellen Einrichtung viel besser iiberwinden kann,
sehnt keineswegs die Zeit herbei, in der so umstandliche und iibcrs
ladene Vorschriften ausgefuhrt werden muaten. Wir haben uns an
die vereinfachten Vorschriften gewohnt, die wenig Bestandteile ent:
halten. Diese Vorschriften sind seit der Ph. Borussica in Aufnahme
gckommen, die in der Vorrede schreibt, daB mit dem Bestande an
vielen vorratigen Arzneipraparaten in den Apotheken aufgeriiumt
sei, die viel Material verschlingen und dabei wenig vorkamen. Dabei
verfolgte man allerdings die Absicht, die Klagen der Apotheker zum
Schweigen zu bringen, da8 wegen dieser kostspieligen Vorrate die
Taxe nicht herabgesetzt werden konne. Man entwertete aber durch
diese drakonische Mafinahme die ganzen Vorrate zum Schaden der
Entwicklung der praktischen Pharmazie in den letzten 400 Jahren
267
Apothekenbesitzer und zwang sie zu einer volligen Umstellung. Statt
der 39 Salben des Dispensatorium Viennense enthalt die Ph. Borussica
nur noch 18 Salben. Die neue Vorschrift fur U n g u e n t u m 2 i n c i
lautet nun kurz:
,,Nimm 30 g weides Zinkoxyd und 240 g Wachssalbe. Es sol1 aufs feinste
gemischt werden."
Auch diese Vorschrift ist noch wiederholt geandert. 1865 anderte
man die Mengenverhaltnisse, 1872 nahm man Ungt. rosatum dazu,
1882 kam Adeps suillus an die Reihe, seit dem DAI3.W nimmt man
Benzoeschmalz. Die Salbengrundlagen wurden bis zur Geltung der
Ph. G.1 nicht geandert; also auch nicht in der Ph. Saxonica; in der
'Hauptsache verwendete man Gemenge von Ul und Wachs als Grunds
lage, daneben auch Schweineschmalz, Gansefett, Huhnerfett, Talg,
Butter, Wollfett. Erst seit Einfuhrung der Ph. G. I1 wurden viele
Salben mit Ungt. Paraffini bereitet; im DAB.IV wurde Wollfett be5
liebt, im DAB.V Vaseline. Man findet bald die eine, bald die andere
Salbengrundlage und hat noch groBe Untersuchungen daruber zu err
warten, welches wohl die geeignetste Salbengrundlage im einzelnen
Falle ist.
E m p 1 a s t r a.
Eine ungewohnlich groi3e Tatigkeit entfalteten die alten Apos
theken auf dem Gebiete der Herstellung von P f l a s t e r n . Das ers
kennen wir an der groflen Zahl von Vorschriften, die uns die alten
Arzneibucher uberliefert haben; das Dispensatorium Viennense ents
halt 15, das Dispensatorium des Cordus von 1666 sogar 28. Wir ents
nehmen das mit Rdcht auch noch fur die Mitte des vorigen Jahrr
hunderts einem Ausspruche des alten Fr. M o h r , der erklarte, daB
man die Tiichtigkeit eines Defektars am besten an seiner Geschicks
lichkeit beim Pflasterkochen erkennen konne. DaB die Apotheker
des 16. Jahrhunderts sehr gute Praktiker waren und die Pflaster mit
allen Handgriffen genau wie wir kochten, mag uns eine ausfuhrliche
Vorschrift zur Bereitung von E m p 1 a s t r u m o x y c r o c e u m im
Wiener Dispensatorium zeigen. Es heifit dort:
,,Nimm Schiffspech, Safran und Kolophonium, je 120 g, Terpentin, Gal5
banum, Ammoniacum, Myrrhe. Mastix und Olibanum, je 40 g. Galbanum
und Ammoniacum werden eine Nacht in Essig mazeriert, am nachsten Tage
auf dem Feuer verfliissigt und koliert. Darauf kocht man, um einen Teil des
Essigs zu verjagen. Dann fugt man koliertes Schiffspech hinzu; wenn dieses
verflussigt ist, Wachs; wenn auch das verfliissigt ist, Kolophonium, darauf
Terpentin. Eine Zeitlang hinterher gibt man Mastix, Weihrauch, Myrrhe,
feinst gepulvert, hinzu, immer mit dem Spate1 ruhrend. Die gekochte Masse
giel3e man in kaltes Wasser, nimmt sie mit den Handen heraus, und driicke
sie aus, und mische sie auf der Marmorplatte, die mit Lorbeerol eingefettet
ist, mit Crocuspulver und bilde daraus langliche Rollen."
Genau so sollen wir nach DAB.VI auch heute noch verfahren,
erst die schwer schmelzbaren Bestandteile schmelzen, dann die
leichter schmelzbaren zufugen und zuletzt die Pulver einsieben. Damit
wir uns eine Vorstellung davon machen konen, wie die bekanntesten
Pflaster zu den einzelnen Zeiten bereitet wurden, will ich die Vors
schriften fur Empl. Diachylon und Empl. adhaesivum aus den einr
268
H. R u n n e
zelncn Arzncibuchern hier anfuhren. Die Vorschrift uber B 1 e i :
p f 1 a s t e r lautet im Dispensatorium Viennense:
,,Nimm je 1 Pfd. Schleim von Bockshornklee, Leinsamenschleim, Eibisch:
schleim, 3 Pfd. klares, altes 01 und 1% Pfd. Uleiglatte. Kochc kunstgerecht
zu Pflaster." Ll'egen der Zumischung der drei Pflanzensafte fiihrte das Hlei:
pflaster bekanntlich den Namen Diachylonpflaster; dcr Name bedeutet nichts
andcres als ,,mit Pflanzensaften". Genau wie eben angegeben lautet die Vors
schrift im Dispcnsatorium des Cordus von 1666. Dagegen ist sie schon ver:
einfacht in der Ph. Edinburgensis, wo es heifit: ,,Nimm 3 Pfd. Blciglatte und
6 Pfd. Olivenol." Die Ph. Borussica spart noch etwas Olivenijl, gibt abcr den
Wink, zur Pflasterbildung warmes Wasser zuzufugen. Genau so verfahrt die
Ph. Saxonica. Die Ph. Germaniae verbessert die Vorschrift, indem sie gleiche
Teile Bleiglatte, Oliveniil und Schweineschmalz nehmen 1IBt. Das DAB. V
ersetzte das Oliveniil durch Lrdnulliil, und so ist die Vorschrift in das
DAB. VI ubernommen.
Ich will nun noch die Vorschriften uber das Heftpflaster, E m p 1.
a d h a e s i v u m , besprechen. Eine bcsondere Vorschrift iiber ein
Empl. adhaesivum habe ich im Wiener Dispensatorium und bei
Cordus vergebens gesucht; sic ist dort nicht zu finden, weil man
damals cinc iibergrone Zahl von Bestandteilcn den Pflastern ein:
vcrleibte. In der Ph. Edinburgensis von 1758 findet sich folgende
Vorschrift:
,,Nimm 2 Pfd. Bleipflaster und 1 Pfd. Burgunderpech. Sic sollen zugleich
verfliissigt werden zu Pflaster." In der Ph. Borussica 1799 findet sich die
gleiche Vorschrift. Die Ph. Germaniae setzte den Gehalt an Kolophonium
herab, indem vorgeschrieben wurde, da8 auf 6 Teile Blcipflastcr 1 Teil
Kolophonium kommen sollte. Die Ph. G. I ging mit dem Gehalt an Kolo;
phonium noch weiter herunter und setzte noch Hammeltalg hinzu. Diese
Pflaster hatten den Nachteil, da8 sie sich, fertig gestrichen, ohne eine
Zwischenlage von Wachss oder Paraffinpapier nicht aufbewahren lieBen.
Diesen Nachteil besafien die mit der Pflastermasse der Ph. G. I1 gestrichenen
deutschen Ieftpflaster nicht mehr. Die Vorschrift ist auch heutc noch an:
crkannt und findet sich auch im DAB.VI, nach dessen Angabe auf 100 Teile
Bleipflaster jc 10 Teile gelbes Wachs, Dammar und Kolophonium und 1 Tcil
Terpentin genommen werden sollen. Man hatte die Vorschrift in] DAB. IV
abgeandert, aber ist dann wieder zu der bewahrten altcn Vorschrift zuriicks
gekehrt.
Fur dicse A r t gestrichener Pflaster war eine Zeitlang der Name
S p a r a d r a p gcbrauchlich, der aus dem lat. spargcrc, ausbrciten,
und dem franziisischen drap, Stoff, gebildet ist. Wenn jetzt auch das
Streichen der Pflaster fast ausschlieDlich in Fabriken betrieben wird,
so mu13 man doch festhalten, da13 diese Arbeiten neben dem Kochen
dcr Pflastcr ursprunglich im Apothekenlaboratorium ailsgefiihrt
worden sind, und dai3 die Apotheke die Mutter dieser Industrie ist.
Es ist weiter zu beachten, dais die einst so beliebten Pflaster durch
die in Amerika aufgekommenen K a u t s c h u k p f 1 a s t e r (Collem:
plastra) verdrangt worden sind, die den Vorzug bcsscrcr Klebkraft
haben, so dai3 der Verband durch Wasser und Rewegung nicht so
leicht gelockert werden kann. Die Vorschriften fur die Kautschuks
pflaster warcn schon in das DAB.V aufgenommen, sind aber im
DAB.VI schon wieder geandert. Auf keinem Gebiete hat dns Apo:
thekenlaboratorium so schwere EinbuRen (im Sinnc meincs Vortrages
Entwicklung der praktischen Pharmazic in den letzten 400 Jahren
269
Veranderungen) erlitten, als auf dem der Pflastcrbercitung. Wir
wissen, daD die Ph. Borussica die Geschicke der Apotheke auch in
diesem Fallc stark beeinflul3t hat, indem eine groBe Reihe der altcn
Vorschriften seit dieser Zeit nicht mehr in den Arzneibuchern
erscheint.
P i 1 u 1 a e.
Der einschneidende EinfIuf3 der Ph. Borussica zeigt sich auch
sonst noch. Der Charakter der alten Dispensatorien ist mehr der
von Vorschriftenbuchern oder Rezeptsammlungen, die dem Arzt das
Rezeptschreiben erleichterten, da dieser nur die Uberschrift anzugeben
brauchte, wahrend der Apotheker nach den Angaben im Arzneibuch
das Rezept zusammenstellte. Die neueren Arzneibucher wollcn da:
gegen A r b e i t s v o r s c h r i f t e n fur die Verarbeitung der Drogen
und die Herstellung von chemischen Praparaten geben, die der Apo:
theker vorratig halt, um daraus nach Bedarf auf Verordnung des
Arztes die Arznei zu mischen. Diese Umstellung der Arzneibucher
setzt mit der Ph. Borussica ein. Man kann das besondcrs an dem
Kapitel uber die Pillen feststellen, an den anderen Kapiteln wieder:
holt sich das. In dem Dispensatorium Viennense sind 27 regelrechtc
Pillenrezeptc angegeben, im Dispensatorium des Cordus von 1666 im
ganzen 17, in der Edinburger Pharmakopoe von 1758 noch 18, in der
Ph. Borussica dagegen nur 1, in der Ph. Saxonica gar keine. Das war
denn doch zu wenig, aber in den folgenden Arzneibuchern ist man
uber 4 nicht mehr hinausgekommen. Das hat scinen Grund also nicht
darin, dafi Pillenreze te fruhzeitig auDer Gebrauch gekommen waren.
P
Von allgemeinem nteresse ist gewiB der Hinweis darauf, daR fur Pillen
auch die Bezeichnung Catapotia gebraucht wurde, vom griech. xa:am':tov,
die Pille. Ebenso werden wir gewiD gern davon Kenntnis nehmen, da8 sich
in den Sammlungen auch Rezepte von M e s u e , Nicolaus M y r e p s u s und
R h a s e s finden, was zeigt, daR die Pille eine alte Arzneiform ist.
Ich will aus dem Dispensatorium Vienncnse ein Rezept uber
P i l u l a e s i n e q u i b u s e s s c n o l o anfuhren, um daran als an
einem T y p die Verschreibweise der Pillen der Zeit vor 300 Jahren
zu zeigen.
Die Vorschrift heist: ,,Nimm beste gewaschene Aloe, 56 g, funferlei
Myrobalanen, Rhabarber, Mastix, Rosen, Stiefmutterchen. Sennesblatter,
Larchenschwamm, Thimseyden (Cuscuta Epithymum), j e 4 g. Scammonium:
harz 26 g. Verteile das letzte im PreRsaft von Fenchel und fuge dann das
ubrige hinzu, so daR es eine Pillenmasse wird."
Wertvoll sind die verschiedenen Vorschriften fur uns unter
anderem deswegen, weil wir daraus entnehmen kiinnen, wie dic Alten
ihre Pillenmasse angcstofien haben:
Sie verwendeten dazu Malvasierwein oder Rosenwasser, Fenchelwasser
oder PreBsafte von Pflanzen, wie Fenchel, Wermut, Sellerie, Knoblauch,
Endivie, Erdrauch oder Honig oder Sirupe. In einem Rezept des Nicolaus
M y r e p s u s finden wir sogar Tragantschleim als Bindemittel angegeben.
Allgemeine Bemerkungen uber die bei der Herstellung von Pillen zugelassenen Bindemittel finden sich erst in den neueren Arzneibuchern vom
DAB. 111 ab. In diesem wird vorgeschriebcn, daR gleiche Teile SuRholzpulver
und gereinigter SuDholzsaft zum AnstoBen der Pillen genommen werden
sollen mit oder ohne Zusatz eines Gemisches von 1 Teil Glycerin und
2 Teilen Wasser. Das ist so geblieben bis zum DAB. VI, in dem Hefeextrakt
270
H. R u n n e
als sehr wertvolles Bindemittel hinzugekommen ist. Hierdurch erreicht man
hekanntlich einen leichten Zerfall der Pillen und verhindert ihr Harts und
Unloslichwerden.
Fur Liebhaber von Feinheiten mochte ich hier zwei Bemerkungen
anfiigen. In der Ph. Edinburgensis fand ich, &A die GefaDe, in denen
die Pillenmasse aufbewahrt wurde, innen mit dem Saft, der zum An:
stonen der Pillen diente, oder mit dem darin enthaltenen atherischen
Ole bestrichen wurde, wohl um die Masse frisch zu halten oder frisch
erscheinen zu lassen. Und die zweite Notiz. In den alten Pillen:
rczepten sucht man fast vergeblich nach Angaben uber das Ubers
ziehen der Pillen; ich fand cine einzige Notiz hieruber in der Ph.
Wirtembergica, wo es heifit, daA die Pilulae polychrestae mit Blatts
silber zu iiberziehen sind. FaOt man in der Geschichte der Pillen
die Hauptveranderungen zusammen, die ich ja in meinem Vortrage
besonders hervorheben will, so sicht man, da8 seit der Einfuhrung
der Ph. Borussica mit der ganzen Herrlichkeit der alten Vorschriften
fur Pillenmassen aufgeraumt worden ist, und dai3 zuletzt der Phar:
mazie noch ein schoner Erfolg beschieden ist durch Schaffung . von
leicht zerfallbnren Pillenmassen.
In den Fallen, die bisher zur Sprache gekommen sind, konnten
wir nachweisen, daR die Vorschriften der Arzneibucher vielfach auf
die Kompositionen arabischer Arzte zuruckzufuhren sind, unter dercn
Namen sie zum Teil erscheinen. Jetzt andert sich das Bild. Es kam
eine medizinische Schulc auf, die sich in bewui3ten Gegensatz zu der
arabischen Schulmeinung stellte. Ihr Begriinder war P a r a c e 1 s u s
(Theophrastus B o m b a s t u s von Hohenheim), der den Gedanken
vertrat, man solle die Patienten nicht mit Arzneien behandeln, die eine
Unmenge von angehauften Drogen nach arabischen Vorschriften e n t
hielten, sondern man sollc gegen jede Krankheit ihr spezifisches
Gegenmittel verordnen. 'Fur unsere Betrachtung und damit fur die
Entwicklung, die die Pharmazie genommen hat, ist die weitere Forde:
rung des P a r a c e 1 s u s wichtig geworden, daR man die Drogen nicht
als solche verordnen solle, sondern daB man ihnen die Q u i n t a
e s s e n t i a entziehen, also einen Auszug bereiten miisse, der, wenn
er auch nur den 20. Teil der Ausgangsdroge betruge, doch zwanzigmal
so wirksam sei als sein geringes Gewicht. Diese Arbeitsvorschrift
hat ja schliefllieh dazu gefiihrt, daA man die wirksamen Bestandteile
vieler Drogen isolierte. Aber zur Zeit der Herrschaft dcr J a t r o 5
c h e m i e begnugte man sich damit, nicht weitcr zu gehen als bis zur
Herstellung von Arzneipraparaten.
Es hat lange gedauert, bis die nach diesem Prinzip hergestellten
Praparate, wie Tinkturen, Elixiere, Essenzen, Extrakte und Destillate,
Anerkennung durch Aufnahme in die amtlichen Dispensatoricn
fanden. Das Dispensatorium Viennense enthalt davon nichts als ein
Aqua Vitae; das Dispensatorium des Cordus h a t erstmals in der AUSI
gabe von 1666 den veranderten Verhaltnissen Rechnung getragen und
darum habe ich gerade diese Ausgabe fur meinen Vortrag herans
gezogen, um daran die gewaltigen Anderungen zu zeigen, die die
Arzneibiicher durch Aufnahme dieser neuen Kapitel erfahren haben,
und damit gleichzeitig die Apothekenbetriebe.
Entwicklung der praktischen Pharmazie in den letzten 400 Jahren
271
T i n c t u r a e.
Das Dispensatorium des Cordus von 1666 fuhrt 10 T i n k t u r e n
auf. Wenn ich die Namen der Tinkturen angebe, wird man den Eini
druck gewinnen, daB man in dcr Auswahl noch sehr unbeholfen war.
Denn eine Tinct. Coralliorum, Tinct. Mastis, Tinct. Tartari, Tinct.
Sulphuris, Tinct. Rosarum hatte wenig bleibenden Wert und nur die
Tinct. Aurantiorum corticis hat die Zeiten iiberdauert. In der Pharm.
Edinburgensis kommen vie1 mehr bekannte Namen vor, und man hat
durchaus den Eindruck, da8 man damals im rechten Fahrwasser war.
Ich brauche nur etliche zu nennen, wie z. B. Tinct. aromatica, Tinct.
jalapae, Tinct. Ipecacuanhae, Tinct. Myrrhae, Tinct. Opii, Tinct. Rhei,
Tinct. Sennae comp., Tinct. ad stomachicos, damit man an dem Klang
der Namen erkennt, dal3 die Pharmakopoe einen ganz neuzeitlichen
Inhalt hat. Die Zahl der Vorschriftcn uber Tinkturen ist in den fols
genden Arzneibiichern betrachtlich. Die Ph. Wirtembergica fuhrt 43
an, die Ph. Borussica 34 und DAB.VI sogar 41. Eine Reihe beliebter
Tinkturen erscheint erst urn 1820 in-der Ph. Saxonica, wie z. B. Tinct.
nucis vomicae, Tinct. Rhei vinosa, oder Tinct. Valerian. oder ist erst
durch die Aufnahme in die Pharm. Germaniae, das vom Apothekervers
ein herausgegebene Arzneibuch, offizinell geworden, darunter Tinct.
Chinae, Tinct. Jodi und Tinct. Valerian. aetherea. Noch junger ist die
Tinct. Gallarum, die erstmalig in der Ph. G.1 steht, und die Tinct.
Strophanthi, die im DAB.111 zum ersten Male erscheint. Die Tinct.
Ipecacuanhae hat das Geschick getroffen, im DAB.111 und IV gel
strichen zu sein. Die kiirzeste Lebensgeschichte besitzt die Tinct.
Tormentillae, denn sie ist erst durch das DAB.VI zu Ehren ges
kommen. Auch bei der Bereitung der Tinkturen ist nicht alles beim
Alten geblieben. Auch hier ist von einem bestimmten Zeitpunkte
eine einschneidende Anderung eingetreten. Die alteren Arzneibucher
schrieben f u r d i e H e r s t e l l u n g d e r T i n k t u r e n d a s D i g e e
r i e r e n vor. In der Ph. Borussica wurden auBer den durch Digestion
gewonnenen Tinkturen schon sechs mazeriert. Mazeration war in der
Ph. G. I nur bei 2 Tinkturen zugelassen, der Tinct. Belladonnae und
Tinct. Calami. Seit der Giiltigkeit der Ph. G. I1 ist die Digestion aufi
gegeben und n u r M a z e r a t i o n bei 15O zugelassen. Der Grund
hierfur ist der. dal3 die bei Zimmertemperatur angesetzten Tinkturen
cbenfalls vollwertig sind und noch den Vorzug haben, bei der Aufs
bewahrung nicht nachzutruben. Uber d i e L a n g e d e r Z e i t , d i e
e i n A n s a t z s t e h e n m u l3 t e, enthalt die Ph. Edinburg. in jeder
Tinkturenvorschrift Sonderangaben; die Digestion ging 2, 3, 4 und bei
Tinct. Myrrhae 6 Tage. Die Ph. Borussica schrieb meist 3 Tage vor,
aber die Tinct. Castorei aetherea wurde 8 Tage mazeriert. Die Ph.
Saxonica lieB gewohnlich 8 Tage digerieren. Uber die Zeitdauer der
Ansatze traf die Ph. G. I1 eine allgemeine Bestimmung, indem 7 Tage
festgesetzt wurden. Der Termin ist nun im DAB.VI auf 10 Tage
ausgedehnt.
Die AnsatzgefaDe wurden bei der Digestion bei 35 bis 400 mit einer Blase
verschlossen, in die mit einer Nadel Locher gestochen waren. Die Ph. Ger:
maniae lieD zu, daD der verdunstete Teil ersetzt wurde, die Ph. G . I hat aber
den Ersatz der verdunsteten Menge ausdrucklich verboten.
272
1%. R u n n e
So hat auch dieses Kapitel eine bedeutsame Geschichte und fesselt
uns durch die verschiedentlich getroff enen Anderungen in den amt:
lichen Bestimmungen.
E 1 i x i e r.
Von gleichem Alter mie die Tinkturen sind die E 1i x i e r e , sie
stammen also trotz ihres arabischen Namens nicht aus der arabischen
Medizin. Den Namen leiten einige von dem arabischen eksir oder
iksir = Stein, mit dem Artikcl el ab, so dafl die cigentliche Bedeutung
,,Der Stein der Weisen" und ein Elixier gleichsam ein Universalmittel
ist. Ohne Zweifel standen die Elixiere in noch hoherem Ansehen als
die Tinkturen. Das Dispensatorium des Cordus von 1666 fiihrt
9 Elixiere an. Wir wollen daran einmal kennenlerncn, was eigentlich
die Elixiere von den Tinkturen unterschied. Das E 1 i x i r C i n n a 5
ni o m i war ein durch Digcrieren gewonnener spirituoser Zimtauszug,
dcr mit Elaeosaccharum Cinnamomi gesiifit war. Das E 1 i x i T C: i t r i
war ein Destillat des spirituosen Auszuges von Zitronenschale, das
mit Syrupus Citri gcsul3t war. Das E 1 i x i r J u n i p e r i n u m war ein
Dcstillat cines spirituosen Auszuges von Wacholderbeeren, in dem eins
gedickter Wacholder: und Quiddensaft, dazu Zuckcr gelost war. Dic
bisher bcsprochenen Beispiele zeigen uns, dai3 die Elixiere sich von
den Tinkturen durch bestimmte Zusatze, wie z. B. Zucker oder
Extrakte, unterschieden. Andere Unterschiede bestanden, wie beim
E 1 i x i r P e s t i 1 e n t i a 1 e in Zusatzen von Losungen des Schwefels
in Bernsteinol, beim E l i x i r P r o p r i e t a t i s und E l i x i r V i t r i .
o 1 i in Zusatzen von Sauren, namlich von verdiinnter Schwefelsaurc,
damals Spiritus Vitrioli genannt. In einigen Fallen setzte man den
Elixieren Alkalien, wie Pottasche hinzu. Die Elixiere kann man danach
allgemein als fertige Medizinen ansehen. Wir fuhren im DAB. VI
noch zwei Elixiere und wollen einmal sehen, welche Anderungen die
Vorschriften fur diese Elixiere bis auf unsere Zeit durchgemacht
haben.
Der Vorlaufer des E 1 i x i r A u r a n t i o r. c o m p. war in der Ph. Wirtem5
bergica das Elixir Balsamicum Stomachicum temperatum Hoffmanni. Es wurde
nach folgender Vorschrift bereitet: ,,Nimm je 30 g Wermutextrakt, Kardos
benediktenextrakt, Tausendguldenkrautextrakt, Enzianextrakt, 120 g bittere
Pomeranzcnschalen; ubergicfie das Ganze mit 720 g bestem C'ngarwein und
60 g Pomeranzenspiritus. Nach dreitagigem Digeriercn filtrieren und ab:
fullen." Die Ph. Borussica hat die Vorschrift fur das Elixier an mehreren Stellen
geiindert; wir lesen dort: ,,h'imm 120 g Pomeranzenschalen, je 60 g unreife
L'omeranzenfruchte und Zimt, 30 g Kal. carbonic. und 1440 g Malagawcin.
Nach genugendem Digerieren prcsse aus und like in dem PreRsaft je 30 g WerS
mutextrakt, Cascarillextrakt, Enzianextrakt und Fieberkleextrakt, d a m fiige
eine Losung von 7.5 g Zitroneniil in 60 g Hoffmannstropfen." Nach und nach
ist die Vorschrift immer mehr zusammengestrichen. Die Ph. Germaniae lief3
die unreifen Pomeranzenfruchte weg. Die Ph. Germanica I1 strich das
Zitroneniil mitsamt den Hoffmannstropfen und das DAB. V I entfernte das
Cascarillextrakt, vermehrte aber die Menge der Pomeranzenschalen erheblich.
Wie ist es nun dem E l i x i r e S u c c o L i q u i r i t i a e ergangen?
In der Ph. Wirtembergica finden wir eine sehr prunkvolle Vorschrift
unter Elixir pectorale Reg. Daniae. Man staune: ,.Nimm 90 g Engelwurz, 15 g
273
Entwicklung der praktischen Pharmazie in den letzten 400 Jahren
'
Liebstockel, 45 g romische Kamillen, 240 g Anis, 150 g Fenchel, 12 g Muskats
bluten, j e 30 g Muskatniisse und Myrrhe, 540 g Holzasche. GieDe uber die
geschnittenen und zerriebenen Stoffe im GlasgefaB 1440 g Spiritus und 720 g
Quellwasser und digeriere drei Tage. Dann fuge 360 g Chlorammonium hinzu
und destilliere bei schwachem Feuer unter guter Dichtung der Verbindungsi
stellen bis auf etwa 360 g Ruckstand ab. Das Destillat giel3e iiber eine Losung
von 150 g spanischen Lakritzen in 360 g Fenchelwasser. Digeriere 8 Tage mit
8 g Safrsn. danach filtriere und stelle es hin." Diese Vorschrift ist in der
niichternen Zeit der Ph. Borussica 1799 auf folgende Formel gebracht: ,,Lose
60 g gereinigten Lakritzensaft in 180 g Fenchelwasser, koliere und fiige 180 g
Anistropfen und 30 g safranhaltige Opiumtinktur hinzu." Die Ph. Germaniae
hat nur den dritten Teil der Anistropfen zugelassen und die Opiumtinktur
ganz gestrichen. Und im DAB. VI ist folgende Zusammensetzung fur das
Brustelixier vorgeschrieben: ,.Gereinigter SuBholzsaft 40 Teile, Wasser
120 Teile, Ammoniakflussigkeit 6 Teile. Anisol 1 Teil. Weingeist 32 Teile.
Von einer solchen Vielgestaltigkeit der Vorschriften in den vers
schiedenen Arzneibiichern diirfte im allgemeinen wenig bekannt sein.
Man muB erstaunt sein, daB die Arzneibuchkommission soviel Kleins
arbeit zur Sichtung der Vorschriften leisten mu& Aber sie hat doch
vie1 Verstandnis bei dieser Arbeit bewiesen, indem sie das Wichtige
behalten und die Ausschmiickungen beschnitten hat.
E s s e n z en.
Aus der Bliitezeit der Pharmazie und der Laboratoriumstatigkeit
stammen die E s s e n z e n. Wie der Name sagt, enthalten diese Pras
parate nur den wesentlichen Anteil der Drogen. Es sind Ausziige aus
Vegetabilien, mit denen die Paracelsusjunger nur die wirksamen An$
teile der Drogen verabfolgen wollten. Wir finden die Essenzen noch
nicht in dem Dispensatorium Viennense; das Dispensatorium des
Ccrdus von 1666 enthalt drei Essenzen, zwei davon sind Vorschriften
fur AmbraSMoschusessenz, die wir noch im Erganzungsbuch V wiederr
finden, eine, die Essentia Satyri, ein Aphrodisiacum. Wahrend die
Ph. Wirtembergica von 1786 sogar 70 Vorschriften iiber Essenzen ges
sammelt hat, enthalten die spateren Arzneibiicher dariiber iiberhaupt
keinen Abschnitt. Das kommt wohl daher, daf3 die vielfach vers
schwenderische Zusammensetzung der Essenzen spater keinen An$
klang mehr gefunden hat.
Die Vorschriften tragen vielfach die Namen verdienter Arzte, wie die
Essentia alexipharmaca S t a h l i i , Essentia antiarthritica J. M. H o f f m a n n i ,
Essentia balsamica F r i d e r i c i H o f f m a n n i , Essentia balsamica
G m e 1 i n i , Essentia carminativa W e d e 1 i i , Essentia Chinae composita
H e 1 w i g , Essentia stomachica polychresta G u n d e 1 s h e i m e r i.
Sie sind beredte Zeugen einer kunstvollen Verschreibweise der
Arzneien und bezeugen die grof3e Vertrautheit der Arzte jener Zeit
mit dem Arzneischatze, der ihnen uneingeschrankt zur Verfiigung
stand. Sie haben zu einem spirituosen Ansatze zugleich Vertreter der
Wurzeldrogen, der Rinden, Blatter, Bliiten und Fruchte herangezogen
und mufiten uber die gegenseitige Vertraglichkeit dieser Drogen wohl
Bescheid wissen und zugleich der Wirkung und dem Geschmack Rechs
nung tragen.
Archiv und Bexichte 1831
18
2 74
H. R u n n e
Aus dieser Periode stammt auch eine Vorschrift fur ein Kosmetikum unter
der Bezeichnung E s s e n t i a B e n z o e s c o m p o s i t a , die Benzoe, Styrax,
und Perubalsam enthalt, und von der es heifit, daD sie ein unschuldiges Schons
heitsmittel sei, das man in Wasser giefie, wodurch dieses milchig werdc, und
das man auf die Haut auftrage, um diese lieblich glanzend und weich zu eri
halten. Heute beherrschen die Essenzen den Markt der Parfdms, und man
hort bis auf die Essentia Tamarindorum fast nichts mehr von ihnen auf
arzneilichem Gebiet.
S p i r i t u o s a m e d i c a t a.
Es mogen nun die S p i r i t u o s a m e d i c a t a , arzneiliche Spiri:
tuosen, folgen, die nach dem DAB. V I als wesentlichen Bestandteil
Weingeist enthalten. Sie waren in alter Zeit hauptsachlich Destillate
spirituoser Pflanzenausztige. Hier mag uns besonders das Arzneibuchs
alter der heute noch gebrauchlichen arzneilichen Spirituosen beschaf:
tigen. Das Dispcnsatorium des Cordus erwahnt 1666 den Spiritus
Cochleariae, Spiritus Juniperi, Spiritus Lavendulae florum; die Ph.
Edinburg. von 1758 fuhrt ferner den Spiritus Rorismarini und den
Spiritus vini camphoratus auf, die Ph. Borussica 1799 bringt dcn
Spiritus Angelicae comp., Spiritus Formicarum, Spiritus saponatus;
die Ph. Germaniae hat diese Vorschriftensammlung mit dem Spiritus
3lclissae compositus und dcm Spiritus Sinapis bereichert; in der Ph.
G . 1 lesen wir vom Spir. Menthae crispae Anglicus und vom Spir.
Plenth. piperitae Anglicus, in der Ph. G. I1 vom Spiritus vini Cognac,
im DAB. I11 vom Spiritus saponatocamphoratus; im DAB. V kam
der Spiritus saponis kalini hinzu und endlich brachte das DAB. VI
den Spirit. russicus. Wir begegnen in diesem Abschnitt auch ches
rnischen Spirituspraparaten. Von diesen hat sich der Spiritus aethereus
und Spiritus Aetheris nitrosi bis auf die heutige Zeit unter den Arzneis
buchpraparaten gehalten. Die Anderungcn, die an den urspriinglichen
Vorschriften vorgenommen sind, und die uns zeigen, dai3 unser Stand
nicht allcs beim Alten belafit, sondern gern Verbesserungen anbringt,
wollen wir einmal an den Vorschriften fur S p i r i t . A n g e l i c a e
c o m p. verfolgen.
Die Ph. Borussica 1799 schrieb vor: ,,Nimm 360 g Engelwurz, 180 g
Lachenknoblauch, je 90 g Baldrianwurzel und Wacholderbeeren, 2160 g
Spiritus und geniigend Wasser; destilliere 2160 g a b und lose darin 45 g
Kampfer." Nach DAB. VI wird der Angelikaspiritus nicht mehr durch
Destillation gewonnen, sondern durch Losen der entsprechenden Ole
in Spiritus. Die Fassung ist folgende: ,,3.2 Teile Angelikaol, 0 8 Teile
Baldrianol, 1 Teii Wacholderol und 20 Teile Kampfer werden in 725 Teilen
Weingeist gelost; die Losung wird mit dem Wasser gemischt, die Mischung
kraftig geschuttelt und nach mehrtagigem Stehen filtriert."
E x t r a k t e.
Eine Neuerung im Arzneischatze, die wir ebenfalls der Schule
des Paracelsus verdanken, sind unsere E x t r a k t e. Wie ich eben
ausfiihrte, war es die Forderung des Paracelsus, nicht die Drogc als
solchc zu verabfolgen, sondern nur ihren wescntlichen Inhalt. Dazu
stellte er Auszuge mit bestimmten Losungsmitteln her. Beim AbS
treiben der Losungsmittel blieb das Extrahierte zuriick. Wir wollen
Entwicklung der praktischen Pharmazie in den letzten 400 Jahren
275
nun die urspriinglichen Arbeitsmethoden zur Herstellung der
Extrakte an der Hand unserer alten Arzneibiicher kennenlernen.
In dem Dispensatorium Viennense sucht man noch vergeblich nach
einer Vorschrift fur ein Extrakt. In der Ausgabe des Dispensatorium
des Cordus von 1666 stehen schon 18 spirituose und sechs wasserige
Extrakte neben einer Reihe zusammengesetzter Extrakte.
Unter den spirituosen Extrakten werden z. B. anfgezahlt: Extractum
Absinthii. Angelicae. Calami, Colocynthidis, Sennae, Gentianae, Liquiritiae,
Rhabarbari; unter den wasserigen Extr. Cardui benedicti.
Bei den s p i r i t u o s e n Extrakten lautete die Vorschrift so, daO
die Droge 3 bis 4 Tage lang mit Spiritus iibergossen an einem warmen
Orte stehen gelassen wurde, dcr Auszug danach abgezogen und die
Droge noch mehrmals mit Spiritus ausgezogen wurde, bis der An5
satz ungefarbt blieb. Die Droge wurde zuletzt ausgeprent, die Ausz
ziige wurdcn vereinigt und der Spiritus unter Wiedergewinnung abs
destilliert, bis ein Extrakt von Honigkonsistenz zuriickblieb. Ein Jahrs
hundert spater finden wir sowohl in der Edinburger wic in der
Wiirttemberger Pharmakopoe eine Anderung in der Bereitung der
weingeistigen Extrakte, indem die Droge zunachst mit Spiritus
extrahiert und nach dieser Extraktion noch mit Wasser ausgezogen
wurde. So wurde nach jener Pharmakopoe Extr. Jalappae, nach
dieser z. B. Extr. Angelicae und Extr. Colocynthidis hergestellt. Die
Pht Borussica hat an dieser Arbeitsweise wieder eine Anderung vors
genommen, indem sie Spiritus und Wasser miteinander vermengte
und die Extraktion mit schwacherem Spiritus, namlich weniger als
25%igem, vornahm. Der Spiritusgehalt des Menstrums ist aber seit
der Ph. Germaniae wieder erhoht. DAB. VI 1aBt die Progen zweimal
mit dem WeingeistsWassergemisch in der Kalte ausziehen und z. B.
bei Extr. Absinthii und Calami die EiweiBstoffe durch Erhitzen auf
dem Dampfbade abscheiden oder ohne vorhergehendes Erhitzen noch
2 Tage lang absetzen, ehe der Auszug eingedickt wird.
Ein Teil der Extrakte wird mit verdiinntem Alkohol gewonnen; das ist
der Fall bei Extr. Belladonnae, Extr. Chinae spirituos., Extr. Colocynthidis,
Extr. Hyoscyami, Extr. Strychni. Andere werden mit 36%igem Alkohol her9
gestellt, z. B. Extr. Calami und Extr. Rhei, und eins, Extr. Absinthii, mit
18%igem Alkohol.
Man sieht also auch hier, wie die Apotheker der verschiedenen
Jahrhunderte ihre Aufgabe auf verschiedene Weise gelost haben und
wie wechselvoll die Geschichte einer einzigen Arzneiform gewesen ist.
Was nun die w a s s e r i g e n Extrakte betrifft, so stellten die
Alten diese Extrakte auch aus f r i s c h e n Pflanzen her, was jetzt
offiziell ganz abgekommen ist.
C o r d u s verwendet zu Extractum Chalybis einen ausgepreilten und
gereinigten Sauerampfersaft, der dann mit eingedickt wird. 100 Jahre spater
beschreibt die Ph. Edinburg. ein E x t r a c t u m P 1 a n t a g i n i s , das aus
frischem Succus nach Stehenlassen und Filtrieren oder nach Zusatz von EiweiD
bereitet war. Frische PElanzen verwendeten die Ph. Wirtemb., Ph. Borussica
und Ph. Saxonica zu Extractum Aconiti, Belladonnae und Hyoscyami. Das ist
276
H. R u n n e
nun auch geandert. Denn Extr. Aconiti wurde in der Ph. Germaniae aus der
Tubera Aconiti gemacht, und das DAB.V ging zur Herstellung von Bellag
donna5 und Bilsenkrautextrakt aus getrockneten Blattern uber.
Diejenigen wasserigen Extrakte, die aus g e t r o c k n e t e n Pflans
Zen hergestellt wurden, wurden nach C o r d u s durch Abkochen ges
wonnen. Die Edinburger Pharmakopoe erweiterte die Vorschrift
dahin, daf3 bei der Abkochung das Wasser wiederholt erneuert werden
solle, worauf der Auszug durch ein wollenes Tuch koliert werden
muBte. Die Wiirttemberger Pharmakopoe schreibt davon abweichend
vor, daf3 das Kraut mit der sechsfachen Menge Wasser zunachst an
einer warmen Stelle mazeriert werden solle, worauf der Auszug
schwach aufgekocht, ausgeprefit, koliert und endlich eingedampft
wurde. Sie macht den Zusatz, dai3 solche Krauter, die nicht nur gums
mose, sondern auch harzige Bestandteile enthalten, wie Absinth,
Tausendgiildenkraut, Kardobenediktenkraut und Erdrauch, mit W a s
ser unter Zusatz von 15% Alkohol ausgezogen werden sollten. Fur
die vorhergehende Mazeration hat sich die Ph. Borussica nicht einr
gesetzt, sondern sie laf3t die Pflanzen mit der achtfachen Menge
Wasser iibergieBen, 4; Stunde lang kochen, dann auspressen, den
Riickstand nochmal mit der vierfachen Menge Wasser kochen und
die vereinigten Ausziige nach dem Erkalten absetzen und dann eins
dampfen. So wird Extr. Absinthii, Cardui benedicti, Centaurii, Chinae,
Gentianae und Rhei hergestellt. Aber die spateren Arzneibucher,
auch die Ph. Saxonica, haben das preuBische Verfahren nicht iibkrs
nommen. Die Ph. Germaniae hat die Mazeration bei 10 bis 20° und
die Digestion bei 35 bis 40° wieder eingefiihrt; sie hat weiter die Auss
zuge zunachst auf ein Drittel eingedampft und erst dann absetzen
lassen, um die Extrakte besser zu reinigen. Diesen Angaben sind die
spiiteren Arzneibiicher im wesentlichen gefolgt. Auch das DAB. VI
kennt durch Mazeration gewonnene Extrakte, wie Extr. Gentianae
und Opii; heif3 angesetzt und unter Digestion bei 35 bis 40° stehen
gelassen wird Extr. Cardui benedicti und Extr. Trifolii fibrini. Die
Auszuge werden dann im Vakuum konzentriert und zum besseren
Absetzen noch mit Weingeist versetzt, um erst nach 2 Tage langem
Stehen eingedampft zu werden.
Die besondere Neuerung des DAB.VI besteht in der Einfiihrung
des Verdampfens der Extrakte im luftverdunnten
R a u m e , was der Giite der Extrakte zugute kommt. da dabei eine
Zersetzung der Ausziige kaum eintritt. In der Zeit, in der die Extrakte
in den Apotheken in offenen Schalen eingedampft wurden, waren sie
lange Zeit zu hohen Tcmperaturen ausgesetzt und wenn man die
Zeit auch durch Riihren abgekiirzt hat, so wurde doch dabei kraftig
Luft in die Ausziige eingeriihrt, wodurch Zersetzungen noch befors
dert wurden. Das Eindampfen im luftverdiinnten Raume geht aber
bei niedriger Temperatur vor sich, und die Zeit des Eindampfens ist
abgekiirzt, da der Auszug sich in standiger Wallung bcfindet. Die
deutsche Apotheke erfullt damit die Forderung des Tages, die
Extraktstoffe der Drogen, die ja hochempfindliche hochmolekulare
Entwicklung der praktischen Pharmazie in den letzten 400 Jahren
277
Substanzen sind, wie die Glykoside und Alkaloide, unter grofitmog.
lichster Schonung zu gewinnen. Was die H a l t b a r k e i t der
Extrakte betrifft, so ist diese bei flussigen oder dickten Extrakten
nur schwer oder kaum zu erreichen. Man ist deshalb seit dex Ph. Geri
maniae dazu ubergegangen, T r o c k e n e x t r a k t e herzustellen und
hat ihre Zahl standig vermehrt. Es sind Bestrebungen im Gange, die
dicked Extrakte abzuschaffen und ganz durch trockene Extrakte zu
ersetzen.
Erwahnt sei, daD das DAB.VI nur noch ein dunnes Extrakt kennt. das
Extr. Filicis, wahrend es friiher deren mehrere gab; das dunne Extrakt trug
die Bezeichnung Mellago, z. B. Mellago Graminis und Mellago Taraxaci. Die
Ph. Borussica bezeichnete sie im guten Latein als Extracta liquida, was wohl
formenschoner klingt als Extracta tenuia der spateren Pharmakopoen.
Ich konnte lhnen zahlreiche Beispiele dafur angeben, wie die Vors
schriften der einzelnen Extrakte selbst in den verschiedenen Jahrs
hunderten geandert sind; ich will mich aber auf ein Beispiel bei
schranken und wahle hierzu E x t r. 0 p i i.
Das Dispensatorium des Cordus von 1666 gibt dafur an, man solle 180 g
Opiumstiicke mit 90 g Rosenessig befeuchten und in einer eisernen Schala
auftrocknen; das so behandelte Opium solle mit 1080 g Rosenessig auf dem
Sandbade, also unfer Erhitzen, gelost werden, unter Auspressen koliert und
koaguliert werden; darauf solle es mit Spiritus Sambuci gelost, mit EiweiD
geklart und endlich zum dicken Extrakt eingedampft werden, passend fur
Pillenmassen. Die Ph. Wirtemb. 1786 schrieb vor. das 120 g b a t e s Opium.
fein geschnitten, in 1440 g Wasser gelost werde, das mit 180 g Citronensaft
angesauert sei (also ein saurer Auszug wie bei C o r d u s ) , und der Auszug
danach filtriert und eingedickt werde. Die Ph. Borussica von 1799 stellte den
Auszug von 180 g Opium mit 720 g Wasser durch Digerieren, also in der
Warme, her. Die Ph. Germaniae, deren Vorschriften sehr haufig noch fur die
neuere Zeit maBgebend sind, schrieb vor, da8 1 Teil Opium unter Mazerieren
zunachst mit 4 Teilen, dann nochmals mit 3 Teilen Wasser ausgezogen werde
und schliefilich ein Trockenextrakt hergestellt werde. Von der Ph. G. I1 an
wurde das Verhaltnis zwischen Droge und Extraktionsmittel um ein geringes
geandert (2 Teile Opium 10 bzw. 5 Teile Aqua) und von dem DAB. V
an wurde Milchzucker zum Einstellen des Trockenpraparates verwendet.
Auch die Geschichte der Vorschrift zu diesem Praparate ist also sehr wechsel.
voll gewesen.
+
F l u i d e x t r a k t e.
Fur die fortgesetzten Anderungen der Vorschriften hat man
letzten Endes den Grund darin zu suchen, da8 man diese nicht ges
dankenlos aus einem Jahrhundert ins andere ubernommen, sondern
bei der praktischen Ausfuhrung immer wieder durchdacht hat. Da.
durch ist man darauf gekommen, Verbesserungen vorzunehmen. Aber
diese konnen, wie wir wissen, immer nur Schritt fur Schritt durch.
gefuhrt werden und bedurfen einer langen Reihe von Versuchen und
Einzelbeobachtungen in verschiedenen Jahren und an verschiedenen
Stellen, bis sie auch amtlich eingefiihrt werden konnen. So hat man
auch nicht erst in unserer Zeit den groDen Mange1 erkannt, der darin
besteht, da8 die Extrakte beim Eindicken von vornherein zu hohen
Temperaturen ausgesetzt wurden oder zu lange Zeit mit der Luft in
2i8
H. R u n n e
Beriihrupg kamen. Es veranIaf3te dies schon vor iiber 100 Jahren die
Apotheker darauf zu sinnen, wie man direkt aus der Droge k o n s
z e n t r ie r t e Auszuge herstellen konne, die keiner Veranderung
durch Erhitzen unterlagen. Ich erinnere daran, da8 zu jener Zeit in
deutschen Apotheken viele Versuche mit der Realschen Presse ges
macht wurden, die urspunglich in zylindrischer Form, spatcr in
konischer Form wie unsere jetzigen Perkolatoren angefcrtigt wurden
und in dencn die Droge mit einem Schraubendeckel festgeprefit war,
urn u n t e r D r u c k mit einem Extraktionsmittel ausgezogen zu
werden. Die Flisser trugen im Deckel ein oft 10 m langes Rohr, in
das das Losungsmittel bis oben in den Trichter gefiillt wurde, um
unter Druck zu extrahieren. Von den von mir herangezogenen Arznei:
biichern erwahnt ailein die Ph. Saxonica Reals Methode und bemerkt,
daD die nach diesem Verfahrcn hergestellten Extrakte infolge dcr
Erhaltung des urspriinglichen Geruchs und Geschmacks ganz hervors
ragend sind; deswegen sei zu wunschen, daD die Extrakte moglichst
nach dieser Methode bereitet wiirden. Noch abgekurzter arbeite man
aber mit Hilfe der Rommershausenschen Luftpumpe. Die Realschc
Einrichtung zeigte im Laufe der Zeit aber den Obelstand, dafi die
Tiisser nicht dicht schlossen, und das stand der Einfiihrung des Ver:
fahrens entgegcn. Da kam im Jahre 1833 der franziisische Apotheker
B o u 1 1a y 9 auf den genialen Einfall, in offenen GefaBen, also ohne
Druck, zu arbeiten. Von ihm riihrt die bei dcr Perkolation jetzt allges
mein eingefiihrte Vorrichtung her, die Droge mit dem Extraktions
mittel in eineni konischen GefaD zu ubergieDen, so daD die Fliissigkeit
cin paar Finger breit iiber dcr Droge steht, und in die Fliissigkeit
ein mit der Offnung nach unten gerichtetes GefaB tauchen zu lassen,
das nur so vie1 Fliissigkeit nachfliefien lafit, als am PcrkolatorausfluO
abtropft. G u i 11e r m o n d beschrieb die Methode 1836 im Journ. de
Pharm. und die Apotheker D e h a m e l und P r o e t e r fiihrten sie
1838 in den Vereinigten Staaten von Nordamerika ein. Dem gliicks
lichen Umstand, dafi P r o c t e r die amerikanische Pharmakopoe von
1840 zu bearbeiten hatte, ist es zu danken, daB das Verfahren in
dieses Arzneibuch aufgenommen wurde und seit 1850 umfassende
Anwendung fand. Und Deutschland? B r a n d e s hatte zwar ,,iiber
die Vorteile der Deplacierungsmethode bei Bereitung der offizinellen
Extrakte" schon 1836 auf der Naturforscherversammlung in Jena vors
getragen. Wir fiihren die Fluidextrakte in den Arzneibuchcrn aber
erst seit der Ausgabe des DAB.111 im Jahre 1890. Ich brauche auf
die Methode 'selbst nicht naher einzugehen und will nur darauf hins
weisen, daf3 auch sie im Laufe der Zeit gegeniiber den Angaben des
DAB. 111 eine grof3e Zahl Anderungen erfahren hat. DAB. I11 unters
schied zwei Perkolationsmethoden, je nachdem, ob mit oder ohne
Glyzerin gearbeitet wurde: diese Unterschcidung ist spater fallen
gelassen. DAB. 111 lie8 vielfach grob gepulverte Droge zur Extraktion
verwenden, aber da der Feinheitsgrad der Droge fur die Ausbeute
eine groDe Rolle spielt, so anderte DAB. IV dies bei Extr. Condurango
fluid. und Extr. Hydrastis fluid. ab und schrieb hierfiir mittelfein gcs
v)
Pharmaz. Zentralh. 1884, 299.
Entwicklung der praktischen Pharmazie in den letzten 400 Jahren
275,
pulverte Drogen vor. Nach Angabe des DAB.111 lie6 man die mit
dem Losungsmittel befeuchtete Droge zunachst 2 bis 3 Stunden in
einem geschlosseaen GefaBe stehen, das DAB. V schrieb dafiir
12 Stunden vor. Ebenso lieD man die im Perkolator verpackte Droge
nach Vorschrift des DAB. I11 nur 24 Stunden mit dem Losungsmittel
iibergossen stehen, wahrend DAB. V hierfiir 48 Stunden verlangtc.
Das hat man getan, weil die Durchdringung der Zellwande und die
Quellung der Inhaltsstoff e in gewissen Fallen nur langsam verlauft.
Darin hat von vornherein eine grofie Mannigfaltigkeit bestanden, daB
man j c nach der Natur der Droge mit verschieden zusammen:
gesetzten Extraktionsmitteln perkoliert hat; man arbeitet in dem
einen Falle mit einem WasserZAlkohoLGlyzeringemisch, in anderen
Fallen mit Alkohol verschiedener Gradigkeit (mit 18 %igem,
22.5%igem, 27%igem, 30%igem, 60%igem oder 90%igem Alkohol).
Man hat bei Extr. 'Hydrastis fluid. die urspriingliche Vorschrift, die
nur verdiinnten Alkohol verwendete, nicht beibehalten konnen, son:
dern wegen des Riickganges des Alkaloidgehaltes zum Spiritus vini
rectificatus iibergehen miissen. Die bedeutsamste Verbesserung hat
nun das DAB. VI gebracht durch Aufnahme dcr R e p e r c o 1a t i o n.
Dieses Verfahren ist an sich nicht neu; es stammt von Dr. S q u i b b
in Brooklyn, der dieses Verfahren fur die fabrikmaBige Gewinnung
von Fluidextrakten urn die Mitte des vorigen Jahrhunderts ausge:
arbcitet hat. Er perkolierte das ganzc Drogenquantum nicht auf eins
mal, sondern teilte dieses in mehrere Haufen ein. Davon nahm er
zunachst Haufen Nr. 1 und erhielt daraus einen Vorlauf I und eincn
Nachlauf I. Dieser Nachlauf I diente zum Durchtranken und Perko:
lieren von Haufen Nr. 2, woraus ein Vorlauf I1 und Nachlauf I1 ge:
wonnen wurde. Der Haufen Nr. 3 wurde mit Nachlauf I1 perkoliert.
In dieser Weise wurde stets erst der Nachlauf der vorhergehenden
Partie zur Befeuchtung und Verdrangung in der folgenden Partie verl
hraucht, so da8 am Schlufi nur sehr wenig Nachlauf zum Eindampfen
iibrigblieb. Das war ein groDer Gewinn. Denn ein solches Fluids
extrakt verdient das Pradikat, da8 es unter der schonendsten Be:
handlung hergestellt ist. Das Verdrangungsverfahren wird in der
Zukunft noch mehr Feld gewinnen, trotzdem man drei Fluidextrakte,
die das DAB. V neu aufgenommen hatte, namlich Extr. Cascara
Sagrada fluid., Extr. Granati fluidum, und Extr. Simarubae fluid.
wieder gestrichen hat. Man macht zwar gegen die Fluidextrakte
geltend, dal3 sie sich in ihrcr Zusammensetzung wahrend der Auf:
bewahrung verandern, weil sie noch nach Wochen absetzen und im
fliissigen Medium Zersetzungen vor sich gehen. Aber ich wiirde es
beklagen, wenn die Mannigfaltigkeit der Arzneiformen immer mehr
verringert wiirde und nur noch Trockenextrakte vor den Augen der
strengen Wissenschaftler geduldet wiirden; das wiirde wohl bald zur
Tablette fuhren.
(Fortsetzung folgt.)
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