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Dr. Georg Christian Wittsteins Lebensgang

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ARCHIV DER PHARMACIE,
26. Band, 1. Heft.
A. Originalmitteilungen.
Dr. Georg Christian Wittsteins Lebensgang.
1st es schon von Interesse, den Lebensgang eines Menschen, der
die Stelle, wohin die Vorsehung ihn gesetzt hat, ganz und voll ausfllllt,
kennen zu lernen, um wie vie1 mehr ist dies der Fall bei ehem Fachgenossen, welchem vergSnnt war, lLnger als ein halbes Jahrhundert
hindurch dem Berufe zu leben und diesen durch fortwiihrende Untersuchun,qen in wissenschaftlicher Beziehung nach den verschiedensten
Richtungen zu bereichern und zu firdern.
Georg Christian W i t t s t e i n ist am 25. Januar 1810 geboren zu
Hannoversch-MUnden, dort in jener lieblichen Gegend, wo die Fltifschen
Werra und Fulda zusammentreten, urn als ,,Wesery ihren Lauf nach
Norden fortzusetzen. Sein Vater war Johann Diederich W i t t s t e i n ,
Lehrer der Mathematik an der Lateinschule zu Mnnden. Der M~LM
hatte 16 Kinder, deren siebentes unser Georg Christian war. Seine
Jugend war bei dieser Geschwistenahl gewifs eine harte. Georg, obwohl
schon in1 6. Jahre die Lateinschule besuchend, war barhguptig bis ~ l
seiner Konfirmation. Fufstouren in das 2 Meilh entfernte Kaasel durfte
er in den Ferien mit einem 5lterenBrnder nur barhtiuptig, allein jeder
mit einem Ziegenhainer Stocke (Cornus mascula) ausgertistet, machen. 1)
Seiner Schulzeit gedachte W. steta mit VergnUgen nnd unter dankbarer Anerkennung der pMagogischen Umsicht seiner Lehrer. MIlde
1) Diesem Gebote seines Vaters schrieb Georg es zu, dds er i
m hohen
Alter bei grober Hagerkeit und eingefallenen Wangen noch eein volles
starkes Kopfhaar besafs und auch sein allterer Bruder, ah dieser im
59. Lebensjahre starb, noch im vollen Besitze seines Haarschmuckes
stand, wiihrend ein jiingerer Bruder wegen mehrmaligen Erkrankens
auf kztlichen Befehl friihzeitig eine Miitze bekam und allmiihlich vollkommen kahl wurde, sodafs er friihzeitig einer Periicke bedurfte.
Arch. d. Pharm. XXVI. Bds.
1. Heft.
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Frickhinger, Dr. Georg Christian Wittsteins Lebensgang.
mit dem rechten Ernste gepart erzeugte in den Schtilern Zutrauen und
Offenheit. Henchelei war an der Schule streng verptint. Nebenlehrer
gab es nicht. Die SchUler waren ganz auf ihre eigene Kraft angewiesen;
erlaubt war nur, dah 2 Schiller zusammen arbeiteten, nicht heimlich,
sondern mit Wissen des Lehrers. Auch den Eltern und Schtilern galt
es als Ehrensache, neben dem Schulunterrichte keine Nachhilfe, keinen
Hauslehrer zu haben. Die Lernenden wurden frllhzeitig an Denken
und selbsthdiges Arbeiten gewiihnt. Fleifs, Offenheit, Wahrheitsliebe
waren die Ziele,. welche die Lehrer vorhielten, und nach welchen die
SchtLler mit Anspannung aller Kraft strebten. Eine verschwindende
Minderzahl war auf diese Weise gezwungen, sich bald von der Schule
loszultisen und einem burgerlichen Bernfe zuzuwenden. Die Mehrzahl
prosperierte aber und brachte es zu etwaa Tllchtigem. Wie ganz andera
ist es an solchen Schulen, an denen man jede freie Regung des Bindlichen Wesens unterdrilckt, Offenheit fir Frechheit ansieht und bestrait,
den Hang zum Lilgen dadurch fdrdert und ein Bevormundungssystem
auetlbt, gegen welches die elterliche Autoritiit wenig vermag. Gelernt
wurde sehr viel; die Schtiler konnten von dieser Schule weg an die
Universitiit tibertreten. Der Schulplan war aber auch ein anderer, als
der jetzige mit den ungeblihrlich langen Herbstferien. M e damalige
Gesamtferienzeit betrug 7 bis hochstens 8 Wochen im Jahre, also zueammen kaum so viel, als jetzt die Herbstferien allein in Anspruch
nehmen. Sie waren also verteilt: Ostern 2 Wochen vom Palmsonntag
ab, Pfingsten
bis 1 Woche, Hundshgsferien 2 Wochen, Michaelis
1 Woche, Weihnacht mit Neujahr I l l 2 bis 2 Wochen. Wochenfeiertage
gab es einen einzigen im Jahre: den Himmelfahrtstag, welcher fUr die
Jugend dadurch einen besonderen Reiz hatte, dafs man sich bei grauendem
Morgen nach dem iistlich belegenen Steinbruch begab, um die Sonne
anfgehen zu sehen, in der Meinung, an jedem anderen Tage sei der
Aufgang minder glbzend. Dabei fahndete man auch nach Himmelfahrtsblilmchen (Gnaphalium dioicum), welche aber in der Regel schon seit
14 Tagen zu finden waren und meist n a c h Himmelfahrt noch reichlicher gefunden wurden.
Die Lehrer waren meistens streng, und Columellae ferulae minacea
spielten eine wesentliche Rolle beim Untenicht; sie fUhrten den Haselstock als Zepter in der Hand, legten ihn selten weg und stellten sogar
an einen und den anderen besseren SchUler das Ansinnen, sie mit neuen
derartigen Stecken zu versehen, zu welcher Ehre sich die Knaben im
Frickhinger, Dr. Georg Christian Wittsteins Lebensgang.
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kindlichen Eifer herandrlngten. Die Stockschllige der verschiedenen
Lehrer gufserten eine verschiedene Wirkung. Es hing dies von der
Autoriut ab, in welche sich die Lehrer den SchUlern gegentiber zu
setzen verstanden, und die Rnaben hatten hie*
ein scharfes Versmdnis. Die SchlQe der respektiertesten Lehrer, welche diese Ztichti,gung am seltensten anwendeten, hatten die heilsamste Wirkung, die dar
Lehrer, welche sie dutzendweise herniederhageln liefsen, imponierbn
weniger. Auf Rosen gebettet waren damals demnach die Knaben nicht,
doch eines nachhaltigen Schadens dieser spartanischen Behandlung
erinnerte sich W. in keinem einzigen Falle. W i t t s t e i n , dem allerdings das Ausnlitzen der Zeit angeboren schien, erzlhlte off, dab
er und seine Mitschtiler mit Hausarbeiten niemals tiberhguft gewesen seien.
W i t t s t e i n war offenbar ein guter SchUler, allein wegen seiner
Jugend durfte er zum Bfteren nicht aufsteigen, wlhrend &liltere, an Fortschritten ihm nicht gleichstehende SchUler 'die Erlaubnis hiezu erhielten.
Das bgerte schliefslich seinen Vater, der j a selbst Lehrer an der
Anstalt war. Als an Ostern 1824 der Rektor aussprach, alle dlirften
aufsteigen, nur W i t t s t e i n wegen seiner Jugend nicht, erklhte sein
Vater, dab er das nicht dulde und seinen Sohn an eine andereAnstalt
schicken wlirde, wenn er nicht selbst Lehrer in Mtinden wlre. ,,Unter
diesen Umsthden kann ich Dich nicht fUr GBttingen (d. h. dort f U r die
Universitlt) reif werden lassen", sagte sein Vater. ,,Und Du muht
Dich fUr ein anderev Fach entscheiden; erlerne die ApothekerkunW,
setzte derselbe hinzu. Auf eine solche vollstlindige Kreuzung seiner
Pllne war Georg W i t t s t e i n nicht gefafst, am allerwenigsten w k e ihm
die Pharmacie in den Sinn gekommen. Er h h t e Philologie studieren
wollen, wozu er nach dem Urteile seiner Lehrer vonliglich befihigt
gewesen wlre. Die Worte seines Vaters hatten wie ein kaltes Sturzbad
auf den Sohn gewirkt. Da aber von einer Widerrede kein Erfolg zu
hoffen war, ergab er sich in das Unvermeidliche, und praktisch angelegt, wie er war, prtifte er von seinem Standpunkte am sofort, ob
ein Apotheker etwas Erkleckliches zu lernen habe, und wo denn dessen
Studien liegen. Das Resdtat dieser Prtifung fie1 gunstiger aus, als der
wifsbegierige JUngling vermutet hatte. Da war namentlich die Pflanzenkunde, in die er - von einem Lehrer angeregt
bereits einen Blick
gethan, welche ihm eine Menge von Wissenswertem zeigte und ihm vie1
Stoff zum Studium zu bieten schien. ttberhaupt hatte er schon das
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Frickhinger, Dr. Georg Christian Wittsteins Lebensgang.
ganze Gebiet der Naturgeschichte, welches ihm so viele Wunder zeigte,
lieb gewonnen, und e r hoffte zuversichtlich, d a h sein Interesse daran
sich in dem Mafse steigern werde, a19 e r Gelegenheit finden wUrde, in
demselben sich umzusehen.
A n Johanni (24. Juni) 1824 sollte W i t t s t e i n in die pharmac.
Lehre bei Ratsapotheker R i e p e n h a u 9 e n in Mlinden eintreten. Urn
die Zeit zwischen seiner Konfirmation (Ostern) und seinem Lehreintritt
mSglichst gut zu vem-enden , gestattete der Lehrherr dem klinftigen
Lehrling , vor- und nachmittags die Apotlieke besuchen zu dlirfen,
um dem Betriebe des ktinftigen Rerufs zuzusehen. Mit t l m Blteren
Lehrling, welcher von 6 U h r luorgens bir spiit abends im Apothekengeschlfte anwesend sein mdste, durfte
vom graueiitlen Tnge b i .
um niorgens 8 U h r botanische Exkursionen machen. F u r ihn - den
Neuling - fid die Ausbeute sehr reichlich aus; der glitige und wohlunterriciitete Provisor S t i e r e n tibernahtn die Bestimmung der gefundenen d r t e n . Das Einlegen erforderte stets eine Zeit von niehreren
Stunden.
Die Dauer der Lelire war auf 5 J a h r e festgesetzt n-orden.
W i t t s t e i n hatte einen sehr festen Schlaf, und es Iirgerte ihn nicht
wenig, d a b er des Nachts die Glocke hKufig nicht hiirte. U m jeden
Preis wollte e r diesen tiefen Schlaf mLl'sigen. Dazu bedurfte es bei
seinem festen Willen gleichwohl einer langen Zeit. Er legte sich anstatt
unter die Bettdecke auf dieselbe, um clndiirch dab Gehiirorgan flir das
Ber.iusch empfindlicher zu machen und leichter aufzuwachen. E r s t
mit dem 24. J a h r e hatte e r Uber die Schlaftrunkenheit gesiegt, erhob
sich yon da an jeden Tag f r l h 4 Uhr (in1 Hochsommer um 3 Uhr)
yon seinem Lager und behielt dieses Mittel der Zeitvermehrung bis zu
seinem hohen Alter bei. Ein Naclitsitzer ist2 e r nie geworden.
Hatte W. fUr gehijrigen Vorrat an Kapseln, Dliten, ausgefitterten
Holzschachteln, Tekturen, Signaturen gesorgt, die damals gebriiuchlichen
FeuerzeugglLschen frisch mit Asbest und SchwefelsLure geflillt , die
Repositorien von Staub gereinigt , den vormitagigen Kellnerdienst in
der mit der Bpotheke verbundenen Weinstube besorgt etc., so durfte
e r sich mit Lekttire beschiiftigen. Regelmlfsigen theoretischen Unterricht bekam e r nie. Dagegen stand ihm die Bibliothek des Lehrherrn
z u r freien Verftigung, und e r machte sich dies in jeder freien Viertelstunde zu nutze. I m Anfang vergriff er sich ofters. So nahni e r
schon im 1. Lehrjahre B i s c h o f s Lehrb. d. Stiichiometrie v o r , w a r
w.
Frickhinger, Ih. Georg Christian Wittsteins Lebensgang.
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aber, naclidem er gleichwohl bei seiner beispiellosen Ausdauer damit zu
Ende gekommen, so klug wie vorher. Besser ging es ihm schon mit den
damals eben erschienenen ersten B h d e n des treff lichen B u c h n e r schen
,,vollstLndigen Inbegriffs der PharmaciecL, deren Versundnis ihm
keinerlri Schwierigkeit bereitete. Das in der Ofazin aufliegende
Exemplar der Pharmacopoea Hannoverana bildete ein weiteres
Studiumsobjekt. Obgleich Wr. vor keinem lateinischen Klassiker
zurtickschreckte , machte ihm ihre Vorrede wegen ihrer eigentllmlichen
gcschraubten Satzbildnngen doch zu schaffen , und ebensowenig glatt
ginp es ab mit den im Texte unter jedem einfachen und zusammengesetzten Mittel befindlichen drei Rubriken vis, usus, dosis: denn iiber
viele darin vorkommende inedizinische termini liefs ihn nattirlich selbst
,,der g r o b h 8 c h e l l e r d in] Stich, und erst ein befreundeter Arzt half
ihm ziiin Verstlndnis derselben. Unter den vorhandenen botanischen
Werken zog ihn zunbhst ,,\V i 11d e n o w s Grundrifs der IG.tiuterkundeU
an , dessen ersch6pfende Terrninologie er vollstlndig auswendig lernte,
niit Hilfe deren er dann R o t l i s vortreffliches ,,Tentamen florae gernianicaeJ zuin Bestimnien der Pflanzen benutzen konnte.
seine .freie Zeit? war ,,alle 14 Tage der SonntagU bestimmt,
und zwar davon Irdiglich die Stunden vormittags von 9-11 uhr ,,zum
Besuche des GottesdienstesU und nachmittags von 2-8 Uhr. Vom
Frtihjalir bis zum Herbst verwendete W. diese Zeit stets zu botanischen
Exkursionen. Ausnahmsweise durfte er bei projektierten grtiberen
Gtingen schon in aller Friihe das Haus verlaasen, kehrte dann um
11 Uhr zurtick und verwendete die Zeit nachmittags zum Bestimmen
und Einlegen der getrockneten Pflanzen. HSrte W. von einer seltenen
Ptlanzenart, welche da oder dort vorkommen sollte, so befand er sich
an seinem nPchsten ,,Ausgehtagecc gewifs auf dem Wege dorthin. In
dem Rothschen Tentamen liatte W. gelesen, dafs der Betula nana
das Synonym B. braccenbergensis beigesetzt war. Er suchte sie
deswegen auf dem Brackenberge, einem bewaldeten, mit den Mauerresten eines Schlosses gekronten Htigel. Vergeblich ! Die Zwergbirke
fand sich nicht. A19 er sie aber inehrere Jahre spLter auf dem Ham
fand, klgrirte sich ihm die Sache dahin auf, dafs jenes Synonym ein
Druckfehler war und brockenbergensis heirsen sollte, da sie auf dem
Brocken vorkornmt.
Viele Zeit mufste W. als Lehrling auf das Trocknen der von den
,,Krtiuterweibern' gesammelten wildwachsenden Vegetabilien, mehr noch
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Frickhinger, Dr. Georg Christian Wittsteins Lebensgang.
auf das Abzupfen der BlLtter oder Bltiten der im Garten gebauten
offizinellen Manzen Mentha piperita und crispa, Melissa, Salvia
hortensis, der Flores Lavendulae, Verbasci etc. verwenden. Er wurde
auch selbst ausgesandt, um kurz vor der Heuernte die Samen der
Zeitlose zu samnieln oder deren tiefsteckende Wurzelknollen zu
graben. Das Anfertigen vieler Zuckerwaren, die damals in den
Apotheken gehalten wurden, blieb auch unserem W. nicht erlausen,
z. B. Ilberzuckerte Mandeln , Kubeben , Wurmsamen , Gerstenzucker
(amorpher Zucker, stark abgedampft und rasch erkutet = Bonbons in
gedrehter Form), Chokolade, Morsellen , Rotulae Menthae etc. deren
Darstellung in den Geschlftskreis des Defectarius einsclilug. Wenn
Arzneirechnungen von hoherem Betrage @is zu 2 Thdern herab) nach
Neujahr bezahlt wurden, erhielten die Kunden Morsellen , zierlich in
Schichtelchen verpackt, Raucherpulver, Raucherkemchen etc. Zuni Geschenk. In dem kalten Winter 1829 erfror sich W. bei dieser Beschaftigung , welche er in der kalten Materialkamnier vornehmen
mufste, die Finger und HSinde dergestalt, dars er nicht blok Frostbeulen
erhielt, sondern diese aufbrachen und eine Menge von offenen Wunden
und Rissen die Hande bedeckten. Trotz des dabei aufgetretenen
unertriiglichen Juckens und oft lieftiger Schmerzen durften die Obliegenheiten nicht unterbrochen werden ; der Eifer verbot ihm fiberdies,
um einen Geschlftsurlaub nachzusuchen.
Einmal wlhrend W.’s Lehrzeit kam eine Konnnission, um die
Apotheke der Revision zu unterwerfen. Eine vertrauliche Mitteilung
des Bdsenwirts verriet den1 Herrn Apotlieker R i e p e n h a u s e n spat
abends die Ankunft des Herrn Hofrats Fr. S t r o m e y e r nus Giittingen
und dessen damaligen Assirtenten Wa c k en r o d e r , nachmaligen Professors in Jena. Das geniigte, dafs alles zusamnien half, an jenem Abend
und am andern Morgen abzuwischen und zu rlisten. Man verfehlte
bei dieser Vorbereitung nicht, blaues Lackniuspapier in den spiritus
nitri dulcis zu tauchen, wobei es, mie nicht anders zu erwarten war,
rot wurde. Urn dies zu verdecken, fligte man eine kleine Portion
kohlensaures KaJi hinzu, schtittelte den Spiritus heftig damit durch und
filtrierte ihn. Die saure Reaktion hatte er verloren. Morgens 8 Uhr
erschien der Hofrat S t r o m e y e r mit W a c k e n r o d e r und einem
Famulus, L o t t m a n n , welcher einen gewaltigen Reagentienkasten mter
dem Arme trug. Fast gleichzeitig fand sich der Stadtphysikus und ein
Protokollflihrer ein. Z u den in der Offizin geprttften Prtiparnten ge-
Frickhinger, Dr. Georg Christian Wittsteins Lebensgang.
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horte richtig auch der verhLngnisvolle Spiritus nitri dulcis. S t r o r n e y e r
tauchte eigenhhdig einen Streifen Lackmuspapier in denselben und
gab - wegen der neutralen Reaktion Verdacht schlipfend - seinem
Famulus den Auftrag, einen Teil des Priiparats einzudampfen. Als
Str. denselben erblickte, sagte er: in den Spiritus ist ein kohlensaura
Alkali geworfen worden. Dagegen liefs sich nun nichts sagen, und es
scheint, dafs der Betrug in das Protokoll aufgenommen wurde. Man
hgtte freilich nicht abstumpfen und, wenn die saure Reaktion getsxlelt
worden wke, fragen sollen, wie denn das dauernd zu verhindern w b .
Eine befriedigende Antwort w b e wohl nicht erfolgt, da die A d bewalwung Uber einer Prise neutralen weinsauren Kalis noch nicht erdwht war. Neu war dem Herrn Hofrat das in dieser Feinheit erst
kurz vorher in einer Mtihle in Tirol hergestellte Ferrum alcoholisatum.
Er zeigte nicht tibel Lust, es zu verwerfen, da der Assistent bemerkt
haben wollte, es widerstehe mehr als zultksig der Einwirkung der
Sriure; schliefslich fand es aber doch Gnade vor den Richtern, und Str.
bat sich etwas davon fiir seine Sammlung am, was man stets ftir eine
Ehre hielt. Da S t r o m e y e r C h e G e r und nicht Pharmakognost war,
beging er in der Beurteilung von Droguen und galenischen Priiparaten
hier und da einen Irrtum und das Unrecht, etwas zu tadeln, waa nicht
tadelnswert war. Der dadurch Kompromittierte wagte oft nicht zu
widersprechen. A l s er aber das Sherische Ktimmellil fllr gefilscht erklgrte, rirs dem Apotheker doch die Geduld, da a in dem Laboratorium
der Apotheke selbst destilliert worden war. Im Geflihle seines Rechta
versicherte der Apotheker, dab es echt sei. Auf S t r o m e y e r s wiederholtm Zweifel sag& der Apotheker erregt: ,,Wenn Sie das behauptsn,
so mufs ich Ihre Urteile ftir wertlos erklken.' Diese Entschiedenheit
hatte den gewllnschten Erfolg. S t r o m e y e r visitierte ruhig weiter
und begab sich dann in die verschiedenen tibrigen Riiume: Materialund Kriiuterkammer, Keller, Laboratorium etc. I n letzteren wurde die
Blindheit der Fensterscheiben, welche allerdings einen hohen Grad erreicht hatte, sanft getadelt. Um 12 Uhr mittags war die Revision,
obgleich nichta Wesentliches tibergangen war, zu Ende. Der auf dime
Visitation ergangene Regierungsbescheid lautete glinstig dahin : daa
Resultat der Revision sei im ganzen ein gutes gewesen. Gastereien
fanden bei den Visitationen im Hannoverschen nicht statt; sie waren
gesetzlich verplint. Mllnden hatte und hat noch jetzt zwei Apotheken.
Die zweite Apotheke verdankte ihr Entstshen der westWisch - &an-
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Frickhinger, Dr. Georg Christian Wittsteins Lebensgang.
zosischen Zeit, in der viele derartige Apotheken infolge der Erwerbung
ekes ,,Patentau auftauchten und daher gegentiber den auf Realrecht
basierten Apotheken ,,Patent-Apotheken' Iiel'sen. Mit der Vertreibung
der Franzosen und Wiederherstellung der frtiheren hannoversclien Zus t h d e mufsten auch die Patent-Apotheken eingehen. Nur die Mtindenschr
wurde davon ausgenommen. Und warum? Weil deren Besitzer ein
Bruder des am englischen Hofe angestellten Hofpredigers war uncl dieser
solche Gunst ftir seinen Bruder zu erwirken gewufst hatte. So sehr
hatte damals einerseits die franziisische Occupation, anderseiLq die
englische Personalunion in das Herz Deutschlands hereingereicht ! Flir
die Stadt Mtinden waren zwei Apotheken zu viel, da ein Teil des
oberen Amtsbezirkes Arzte und Apotheken in Rassel aiifvachten; und im
Unteramte ein paar k t e Hausapotheken hielten. Deswegen reichte
Herr R i e p e n h a u s e n ungeachtet mehrerer frUher abgewiesener Petitionen Anderer ein Gesuch um Errichtung einer Filialapotheke in dem
zwei Stunden entfernten Stiidtchen HedemUnden ein, wurde von dem
dortigen Magistrat untersttitzt und beknm die Konzession. Dies geschah
im vierten Jahre von W.'s Lehre. W.wurde nun dazu ausersehen,
dem Verwalter der Filiale alle vierzehn Tage zu einem Ausgehtage zu
verhelfen. Den Weg dahin und zurtick legte W. stets zu Fufs zurlick,
den Rtickweg nicht selkn spiit abends bei schlechtestem Wetter, anch
mitten in der Nacht, ohne Regenschirni, der ihm nicht zur Verfiiguiig
gestellt wurde, und dessen Besitz ihni damals noch ein Luxw schien.
Da am Schlusse des vierten Lehrjahres von eiiier tfbernahme
eigentlicher Laboratoriumsarbeiten durch W. iiumer noch keine Rede
war, glaubte W. einen dahin zielenden Antrag stellen zu mtissen, dem
nach einigein Bedenken auch dadurch enhprochen wurde, dais einer
der beiden Gehilfen, welche bisher in der Rezeptur und Defektur abgewechselt hatten, aus dein Geschiifte trat, der verbleibende die Rezeptur
ausschliefslich, W. die Defektur allein tibernahm und ein neuer Lehrling
an W.'s Stelle trat. W. konnte nun - der vielen lnechanischen Handarbeiten ledig - viele Zeit auf das Studium Renden, er nahm mit
Ernst auch die Sprachstudien mieder auf. Uber seine Laboratoriunisarbeiten Aihrte er regelmlil'sig ein Privattagebuch, was er auch in der
Folge so gehalten hat. Jlingeren Fachgenossen riet er stets die Fiihrung
eines Tagebuchs an als etwas, was groke praktische Vorteile gewlihre.
Einen UnglUcksfall aus jener Zeit, melcher nur an W. selbst
hinansging, mtissen wir hier zum Wohle der jlingeren und iilteren Fach-
Frickhinger, Dr. Georg Christian Wittsteins Lebensgang.
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genossen registrieren. Er ereignete sich bei der Darstellung drs oleum
Terebinthinae sulfuratum.1) W. war damit beschtiftigt, dau corpus pro
balsamo in Terpentintil zu Itisen, welche Operation wahrscheinlich wegen
Anwendung von allzuwenig LeinBl und zu grofser Erhitzung nicht rasch
yon statten ging, und erhitzte daafelbe auf offenem Kohlenfeuer so stark,
dafs der Inhalt des dreifllfsigen irdenen Topfes (Rachel) zu kochen
begann. Die DImpfe fingen Feuer, die Masse entxbdete sich ebenfalls
nnd stieg tlber. Uin nocli etwas davon zu retten, fafste W. den Topf
mit der linken Hand ain Griffe, uni ihu voin Feuer wegzubringen.
Dabei floh die brenuende Maase iiber die Hand W.’s, nnd - vielleicht
auch der Riiiner Mucius ScWola hiitte den Topf zur Erde PtUen lmsen!
Die Folgen dieser Verbrennung niachten R. furchtbare Schmerzen und
erle,@en ihm eine z e h n w g e UnthiLtigkeit auf. Die Spuren der Verbrennung der Hand nahm W. 00 Jahre spliter init ins Grab.
1) Da Verbrennungen bei der Herstellung dieses in der Veteriniirprasis in nianchen Gegenden noch hiiufig verivendeten wirksamen Pr&
parates hiiufig vorkommen, finde ich mich veranlaht, zu Nutz und
Frommen anderer noch einige Work uber dieses Praparat hier beiznsetzen. Die Verbrennung geschieht seltener beim Liisen des corpus
pro balsamo in Terpentinijl, als bei der L i j s u n g d e s S c h w e f e l s i m
Leinijl. Der sonst so umsichtige W. hatte in unbegreiflich fahrliisRiger
Weise n a c h Z u s a t z des so leicht entziindlichen Terpentinols die Erhitzun:: bis zum Kochen iiber freiem Feuer fortgesetzt. Dieses Wagestuck wird wohl seltener vorgekommen sein. Die Vorschriften geben
meistenteils ein zu hohes Verhaltnis des S. zum Leiniil an. Dabei gelatiniert die Masse und wird in Terpentind nahezu udiislich. Freies
Kohlenfeuer fordert die Arbeit. Allein man arbeite stets in einem nur
zum zehnten, hochstens acliten Teile erfiillten, mit Handhabe versehenen
irdenen Gefabe bei hellem Tageslicht, urn den Beginn des Steigens ganz
genau beobachten zu kiinnen. Sobald dieses eintritt, wird das Gefkfs
vom Feuer genommen und die heftige Einwirkung unter stetem Riihren
mit einem Holzstabe abgewartet. 1st nun bereits eine Masse entstanden,
wovon eine Probe in kaltem Terpentinol nicht vollstandig loslich erscheint, s o e r h i t z t m a n (bei 60,O S auf 300,O Oleum Lini) n o c h
e i n m a 1 m i t 100,O 0 1e u m L i n i , bis ein in kaltem Terpentinol losliches
Praparat entstanden ist. Auf d i e s e s corpus pro balsamo wird alsdann
nach einiger Abkuhlung die vorgeschriebene Menge des Terpentinols gegossen und ohne weitere E n v b u n g so lange umgeriihrt, bis die schon
braunschwarze, durchsichtige Losung entstanden ist. Wegen der Entwickelung der stinkenden Gase arbeite man womoglich unter freiem
H m e l an einem regenfreien Tsge.
10
Frickhinger, Dr. Georg Christian Wittsteins Lebensgang.
Als W. gegen das Ende seiner Lehrzeit die Erlaubnis erhielt,
grofsere Touren zu machen , war seinern Pflanzensammeleifer weitere
Nahrung geboten. Er besuchte den Sl/, Meilen von Miinden entfernten
Meifsner, wo er zu seiner grofsen Freude zum erstenmal eine
Pflanze fand, deren Artenname an die pflanzenreiche Alpenregion erinnert (Ribes alpinum L.). W. besuchte die dortigen Kohlengruben,
liberschritt die grofse Hochebene des abgestumpften Kegels, genofs vom
Schwdbenthal und der durch ihre Basaltblocke merkwlirdigen Kitzkammer-Grotte aus die priichtige Aussicht, stieg in das fruchtbare
Werrathal hinab nach Allendorf, wanderte zu der schonen Ruine des
Hanstein u. s. f. Der Meifsner birgt ein grofses Lager fossiler Brennstoffe, und zwar in allen Abstufungen YOU der reinsten Pech- und Glanzkohle bis zum bituminosen Holze. Hauptkonsument derselben war
zu j m e r Zeit Kassel, wo es damals fast kein Haus gab, welches
diese Kohlen nicht verwendet hstte, deren Geruch sich daher in allen
Strafsen bemerklich machte.
Nachdem W. im letzten Abschnitt seiner Lehrzeit die Reclite eines
Gehilfen genossen und vorn Gesinde mit den1 Titel ,,Herr W."angesprochen war, meldete er sich zur Gehilfenprlifung beim Stadtphysikus. Dieser aber erijffnete ihm, es bedUrfe deren nicht, da er ihn
seit 5 Jahren beobachtet und die Ueberzeugung gewonnen habe, dafs
W. die erforderlichen Kenntnissc. reichlich besitze. Dies wurde such
sofort schriftlicli dokumentiert.
Wenn W. auf seine lange Lehrzeit zuriicksah, gedachte er stets
mit Dank der ,,vortrefflichen Familie Riepenhausen", sowohl der lXngst
heimgegangenen Eltern, als der Sohne und Tochter.
Nach fast sechsjiihrigem Aufenthalte im Hawe R. nalim W.zu
Ostern 1830 eine Gehilfenstelle in Klausthal an, woliin er zu Fufs auf
dem Umwege Uber Hannover und Hildesheim wannderte. I n Salzgitter
besuchte er den tlichtigen Herrn, unter dessen Gehilfenzeit in MUnden
e r die Lehre begonnen hatte (Stieren). Dieser war nunmebr technischer
Direktor der dortigen chemisclien Fabrik. Sie besteht jetzt nicht mehr,
genofs aber damals eines berechtigten guten Rufes und war eine wllrdige Rivalin der Schijnebecker Fabrik. Z u ibren EigentUmlichkeiten
gehSrte, dafs die verschiedenen Operationen nicht in einem oder ein
paar groben Gebi-iuden vorgenommen wurden, sondern dafs jeder grofsere
Fabrikationszweig in einem eigenen ftir sich abgeschlossenen Hause oder
Hluschen betrieben wurde. D a gab es ein Haus, wo Knochen destilliert,
Frickhinger, Dr. Georg Christian Wittsteins Lebensgang.
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Beinschwarz und Tierole gewonnen wurden? j e eines fir kohlensaure
Magnesia, Essigsaure , Salzsaure , Bernsteinsfiure (und Bernsteinkolophonium), Aether, Jalapenharz. Diese Hauser, von denen einige
kaum niehr als Bretterbuden waren, stieken nicht dicht aneinander,
sondern es befand sich zwischen allen ein breiter freier Raum. Der
Grund zu dieser Bauweise lag wahrscheinlich in der Absicht, eine
Kollision der Arbeiten zu vermeiden und die Gefahr eines Brandes zu
mindem, da sich der Herd eines solchen leichter auf die Ursprungsstelle beschrgnken liefs.
Klausthal machte keinen ghstigeu Eindruck auf W. Die meisten
HPuser waren init Schindeln gedeckt, die Thliren niedrig, die Strafsen
unregelmfifsig, das Pflaster fehlte oder war holperig, kurzum eine echte
Bergstadt , vollstiindig offen, ohne Mauern und Ttirme. Fremdartig
Hang dem Niedersachsen W i t t s t e i n der schleppende , halb singende
obersiichsische Dialekt., ein Erbstiick der vor Jahrhunderten eingemanderten Bergleute. Abgesehen von den technischen Ausdrticken des
Berg- und Hbttenwesens, in dessen Oberharzer Zentruni sich W.nun
befand, rnthalt der dortige Dialekt noch manche andere ungewBhnliche
Bezeichnungen, z. B. Ficke fir Tasche, daher Fickengeld statt Tamhengeld. Die in den Pochwerken (,PuhrichsLL)beschIftigten Knaben, ein
mutwilliges Volk. riefen dern Fremden, wrlchen sie vergeblich angebettelt hatten, spottweise nach: ,Der Herr list Stroh in der Fick".
Rein bergmfinnischer Audrticke bedienen sich dort auch andere Gewerbsleute: Der Maurer z. B. geht nicht an die Arb't, sondern ep fihrt
an, die Leiter nennt er Fahrt, Hammer, Kelle und anderes Kandwerkszeug ,,Gezlhn'. Dieser oberharzische Bergmannsdialekt ist aber keineswegs tlber den ganzen Oberharz verbreitet. Fast in jeder der 6 Bergatiidte spricht man nnders und dann mehr dem Plattdeutschen sich
niihernd oder, wie z. B. in dem Dorfe Lerbach, ganz Plattdeutsch. D i e m
Waldarlteitrr-Dorf ist auch in anderer Hineicht merkwUrdig : Es nirnmt
in eineiii engen Thale eine LLnge von einer halben Meile ein ; die Leute
vermischen sich nicht mit der Umgebung, sondern heiraten steta unter
einander, wodurch eine gewisse Degeneration einreirst, welche sich in
der groben Verbreitung von KrBpfen, in Kakerlaken und Kretins kundgibt. Lerbach ist der Hauptsitz der Schindelmacher, und einer derselben, welcher Wihrend der westfdisch - frsnzosischen Zeit die stellvertretende Fnnktion eines Gemeindevorstands bekleidete, unterschrieb
sich zu W i t t s t e i n s Zeit ,Maire adjoint, ,,mithin auchu Schindelmacher.
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Frickhinger, Dr. Georg Christian Wittsteins Lebensgang.
Die Klausthaler Apofheke, die einzige in einer Stadt von damah
11 000 Seelen, war ein frequentes Geschiift. in welcher aufser deni
Vorstande Herrn R e t h e 2 Geliilfen und 2 Lehrlinpe sich in die GeschLifte teilten. Dabei fehlte es niclit an freier Zeit ftir W., teils die
Gegend mit ihren Pflanzen- und Mineralschtitzeii genau kennen zu lernen,
teils d i m h SelbsLstudium sich Kenntnisse namentlich in der MineralChemie anzueignen. Auf letztere rerlegte sich K. namentlich von da an,
wo e r sich durch seine iiberm%Csig anrtrcngenden Fufstouren im narze
den Typhus zugezogen, welcher ihn zwei volle Monate aufs Krankenlager warf und hierauf noch einen gsnzcn Monat zur Rekonvalesxenz
kostete. ?Vieder genesen besctir%nkte sich I\-. darauf, in die Bergwerke
hinabzusteigen unrl die tiefr Wasscrstrecke zii Schiff zu befaliren. Aaf
Nachiiiitta~sspsziersringen dnrcliwsntlerte er die Pochwerke untl r e r weilte zu verscliiedenen Mallen in dcr Frankenscharnei* Silberlilitte, uni
der Sclieidung des Bleies roni Silbtx nuf den) Treibherde beizun-ohnen.
W. beobachtete bei dieser Gelegenlieit , tlafs die danials iiber tliesen
Prozefs kursierenden Abbiltlungen fdsch sind, in denen die Flamiiie tles
Brennniaterials iiber die Fliclie dzs Her&, rielmehr des darauf befindlichen fltissigen Metalls sicli Iiinzieliend
Iieint. Dies ist verlrelirt:
denn wiire es s o , \n miirtlc j n der 1ml)siclitigtc~Prozefs der Oxydation
des Bleies rtickglngig werden. vielnidir gar nicht eintreten. Der Treibherd erhiilt vielmehr die zur Sclinielzung des Metalls erforderliche Hitzc.
durch 2 Flaninienfeuer znr Rechten lint1 Linken des Herds, v o n d i e s eni
s e l b s t d u r c h scliwaches. dliiines M a u c r w e r k g e t r e n n t .
Das Brennrnaterial besteht in BUndeln von Tmnenzweigen, und der
Abzug der Verbrennungsgase findet unniittdhar durch den Schornstein
statt. Zwischen den beitlen Feuern \-or dem Ofen stelit ein Arbeiter.
welcher das enhtandene gescholzene Bleioayd (Lithargyrum) in die
immer mehr vertieften Einsclinitte der Ofenwand ablaufen lLiht, sodafs
schliefslich neben ihm ein Haufen von erstarrter Glltte sich ansammelt.
Wenn d l e s Blei orydiert und abgeflossen i s t , erscheint tlas zurtickgebliebene Silber mit blendendem Glanze, welcher als 8 i l b e r b 1i c 1;
bezeichnet wird, obgleich e r kein voriibergehender ist und sich erhalten
wiirde, wenn man ihni Zeit dazu liefw. Uin aber das edle Metal1 so
raach als miiglich vom Herde zu entfernen, n i r d die grofse Hsube,
womit e r bis jetzt verschlossen w z r , aufgezogen und von oben heifses
Wasser auf das geschmolzene Silber gegossen, wodurch es erstarrt untl
nun in Einem S a c k als Platte herausgenommen werden kann. Ganz
Prickhinger, Dr. Georg Christian Wittsteins Lebensgang.
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frpi von Blei ist dasselbe aber noch nicht; die weitere Rriniguug
geschieht nicht in der SilberhUtte, sondern im Klausthalpr MUnzgebiiude,
inti zwar in Kapellen, welche aus ausgelaugter Holzasche gefertigt sind,
unter der Muffel. Bei diesein Proxesse zeigt die Fllche des fllidsigen
Silbers die Farben des Regenbogens, und der Rest iles Bleies zieht sich
in die Kapelle ein.
Zu W.’s chemisclien Kenntnissen wurde die Grundlage erst in
Klausthal gelegt. h u f der einen Seite hstte er Gelegenheit, praktisch
von Hiittenleuten zu sehen und zu lernen, mas vielen nicht gegonnt ist,
auf der anderen Seite stand ihm die Benutzung der gut ausgestatteten
Bihliothek der Apotlieke offen. Am ineisten beschlftigte ihn daa Studium
der danialv neuesten Auflage von B e r z e l i u s ’ Chemie. Die bloke
LektUre dieses umfmgreichen Werkes befriedigte W,nicht. Er versprach
sich mehr Erfolg von einem schriftlichen Auszuge, und bald hatte der
rastlose Jiingling das VergnUgen, das B e r z e 1i u s sche Lehrbuch in
4 kleinfingerdicken Oktavheften in1 Auszug zu besitzen. Um neben der
Theorie auch in der Praxis vonuschreiten, schaffte er sich von seinem
inageren Gehilfensaliir die eben erst erschienene 2. Auflage von
Heinrich R o s e s analytischer Cheniie an, dann einen Reagentienkasten
mit den zur Analyse notigen Utensilien. Und nun benutzte W. alle
freie Zeit, bei schlechtenl Wetter den ganzen Ausgehtag, um die von
seinein Kollegen gemachten Mischungen zu analysieren wid xu entrltseln.
Er ruhte nicht, bis er auf Grund der Anweisungen von Heinrich R o s e
zusnmmengesetzte Gemenge aller Art zu zerlegen gelernt hatte.
Nach zweijiihrigem hufenthalte in Klausthal suchte und fand W.
in1 Herbst 1832 eine Gehilfenstelle in Gtistrow in Mecklenburg bei
Apotheker H o 1b r a n d t. Auf der Reise dorthin besuchte er Hamburg,
dessen SehenswUrdiges ihn 8 Tage fesselte. In Gtistrow herrschte
damals die Cholera, wodurch W. Tag und Nacht sehr beschaftigt war,
bis die Epidemie nach 2 Monaten erlosch. M e Apothekenrevision
braclite ihin eine improvisierte PrUfung durch den Physikus , welcher
eingehende Kenntnisse in Chemie und den Ubrigen naturwissenschaftlichen
Flchern hatte. Im Sommer lernte er hier die Sumpf- und Meerstrandsfiora kennen und freute sich tiber die Auffhdung ihm bisher ganz fremder
Pdanzenarten , z. B. Stratiotes aloldes , Vallisneria spiralis, Hottonia
palnstris, Hydrocharis morsus ranae, Utricularia-, Potamogeton-, CarexArten. W i tt s t e i n wagte sich nun auch an Kryptogamen, welche nach
W a l l r o t h s Flora cryptog. Germaniae zu bestimmen ihm vie1 MUhe
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Frickhinger, l)r. Georg Christian Wittsteins Lebensgang.
machta. In GUstrow nahm W. Unterricht in der englischen Sprache
und hatte bereits in einem Vierteljahre so vie1 Kenntnisse sich angeeignet,
als zum VerstLndnis der wissenschaftlichen Zeitschriften notwendig war.
Z u Ostern 1834 nahm W. die Stelle eines Rezeptars in der Ratsapotheks zu Hannover an, einem grofsem Geschtifte, in welchem 4 Gehilfen und 4 Lehrlinge beschIftigt waren und alle vollauf zu thnn
hatten. Da gab es keine Naclit, in welcher der Jourhabende ungest6rt
blieb. Der damalige Verwalter der Ratsapotheke war Herr B o ssell.
Grorses Interesse nahm W. an den Unternehmungen, welche ein industrieller Kopf, E g e st o r f , zum Wohle seiner Mitblirger ins Leben
rief. Der Familie E g e s t o r f verdankte damals die Stadt Hannover
ihren industriellen Aufschwung. Das Vorkommen mehrerer halophiler
Pflanzen an einem beschrhkten Orte der Umgebung, wie Glaux maritima,
Salsola- und Salicornia-Arten, lieken auf ein kleines Salzlager schliersen;
die angestellten Bohrungen bestatigten die Vermutung und E g e s t o r f
errichtete daselbst eine Saline. In der Eilenweide , einem schiinen
Buchenwdde, welcher die Stadt in einem weiten Bogen umgibt, fand
W. za seiner Freude mehrere interessante Pflanzen, wie Ilex Aquifolium
und Pyrola umbellata.
Nach der Hannoverschen Apothekerordnung wurde kein Pharmaceut
vor Vollendung des 25. Jahres zum Staatsexamen zugelassen. Univeraitgtsstudien waren nicht ausdrticklich verlangt. Da W. alle forinellen
Vorbedingungen erfUllt hatte, wartete er nur den 25. Januar 1835 ab,
um sich zur Prtifung anzumelden. Der danialige Chef des Medizinalwesens und der pharmaceutischen Examinationskommission , OberMedizinalrat L o d e m a n n, bei welchem W. den ersten Besuch machte,
um zur Priifung zugelassen zu werden, entgegnete nach AnhGrung von
W.’s Anliegen, er sehe gern, dais der Kandidat wenigstens ein halbes
J a h r auf einer Universitat gewesen sei, weil nicht in jeder Apotheke
Gelegenheit und Zeit zur griindlichen Aneignung der n6tigen naturwissenschaftlichen Kenntnisse zu finden sei. Nachdem W. schiichtern
die Hoffnung ausgesprochen hatte, er diirfte vielleicht doch geniigen,
stellte er sich auch den beiden anderen Priifungskommissionsmitgliedern,
Hofapotheker B r a n d e und Bergkommisslr G r u n e r , Vorstand der
s. g. privilegierten Apotheke, vor. Bald begann die Prtifung in der
Hofapotheke mit der Darstellung eines PrLparates und zweier qualitativen Analysen, worunter eine organische. Herr B r a n d e war hiebei
bestiindig zugegen. Weitere Aufgaben bestanden in schriftlichen Berichten
Frickhinger, Dr. Georg Christian \Vittsteins Lebensgang.
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fiber jede clieser Analyeen und einer schriftlichen Ausarheitung liber die
Salze im allgemeinen und die Schwefelsalze im besonderen. Dann
folgte als Schlubakt die mlindliche Prtifung im Hause des Herrn
G r u n e r. Dieser priifte aus der Pharmakognosie und Botanik, B r a n d e
aus der reinen und pharmaceutischen Chemie, L o d e m a n n liefs eidge
Artikel aus der Pharmakopoe libersetzen und fragte nach der Dosenlehre beztiglich mehrerer heroischer Medikamente. Die Fragen waren
sgmtlich deutlich gestellt und waren besonders aufs Praktische gerichtet.
Nach Beendigung der miindlichen Prlifung, welche dritthalb Stunden
gedauert hatte, mufste W. abtreten. Nach einer Viertelstunde murde
er herbeigerufen und ihm verktindigt, 'dafs er bestanden sei, und nach
Erlegung der schon bereit gehaltenen 20 Thaler durfte sich mr. entfernen. Er hatte die I. Note bekommen, wodurch er nicht nur did
Erlaubnis erhalten hatte, einer Apotheke vorzustehen, sondern such
Lehrlinge zu halten und gerichtliche chemische Untersuchungen und
botanische Bestimmungen vorzunehmen.
Seit Jahren hatte W. aus dem verbreiteten Buchnerschen Repertorium fUr Pharmacie von dem Bestehen des ,,pharmaceutischen Institutsl) in Miinchen" Kenntnis gehabt. Dorthin stand sein Sinn. Er
hegte ernstlich den Wunsch, diesem wold renommierten Institut eine
Zeit lang als Mitglied anzugehtiren. Um dem Schanplatze seiner klinftigen Thiitigkeit unter B u c h n e r s Leitung nfiher zu kommen, nahm W.
zn Ostern 1835 eine Gehilfenstelle in der Engelapotheke des Herrn
K l a t t e n h o f in Frankfurt a. M. an, wo er den Sommer tlber blieb
und im Oktober nach Miinchen zog. Diese weite Reise machte W. zu
Fufs iiber Darmstadt, Mannheim, Schwetzingen, Heidelberg, Stuttgart,
Ulm, Augsburg, teilweise bei schlechtem Wetter. Die Aufnahme,
welche W. bei Herrn Hofrat Dr. Andr. B n c h n e r und bei dessen
altestem Sohne Ludwig Andreas,2) weIcher sich zungchst der Pharmacie gewidmet und eben erst das Apotheker - Staatsexamen gemacht
hatte und sich von da ab dem ;Studinm der Medizin widmete, fand,
war eine sehr freundliche, j a herzliche. W, lernte bei dieser GeIegen1) Gegriindet von Hofrat und Profeasor Dr. Andreas B u c h n e r , dem
verdienten Vater des noch an der UniversitAt Miinchen rastlos wirkenden
Ober-Medizinalrats Professor Dr. Ludwig B u c h n e r .
a) Der eben genannte Ordinarius und jetzt nahezu Senior der medizinischen Fakultat Ober -Medizinalrat Dr. Ludwig Andr. B u c h n e r in
Miinchen.
IG
Prickhinger, Dr. Georg Christian Witteteins Lebensgang.
heit den auf der Durchreise begriffenen schwedischen Professor D a hls t r S m aus Stockholm kennen. Herr Professor B u c h n e r erkundigte
sich nach W.'s biaherigem Studiengange. Er gab seine Freude dartiber
zu erkennen, dafs 'VV., ohne vorher eine Universitiit besucht zu haben,
die Staatsprtifung fir Hannover abgelegt habe, und setzte hinzu ,,urn
SO mehr", da er aus W.'s erst jetzt erfolgendem Ubertritt zur Universitlt folgere, d d s es diesem nm weitere Ausbildnng und Erwerbung
wissenschaftlicher Kenntnisse ernstlich zu thun sei. Als Herr Professor
B u c h n e r im Laufe des Gespriichs erfahren hatte, d a b W. ein eifriger
Botaniker sei, erbot er sich in seiner Herzcnsgtlte, W. an einem der
niichsten Abende bei iteni Professor der Botanik , Herrh Hofrat
v. M a r t i u s , einzuflihren, melclie Mitteilung W. mit grSBtem Danke
entgegennahm. Bei der Iiiiinatrikulation war in jener Zeit neben dem
Rector magnificus stets ein hoher Polizeibeaniter (1835 Herr v. B r a u n m l l h l ) zugegen, welcher trotz der Einrede des humanen Rektors
Dr. W i e d e m a n n inanrhen jungen Mann als der Demagogie verdlchtig
ausschlofs ! W.inskribierte sich auf Chemie. Pharmacie und Repetitorien
fir d l e Teile der Chemie und Phamiacie bei B u c h n e r , medizinische
Botnnik bei M a r t i u s , Physik hei S i b e r , Mineralogie bei F u c h H
und Zoologie bei W a g n e r . W. war ohne jedes VermSgen von zu
Haus; er muhte daher stets mit Mangel kLmpfen, da sein Wissensdurst
ihm manche Ausgabe auferlegte, welche er nur dadurch bestreiten
konnte, d a b er sich jeden Luxus versa@, j a es oft an dem fehlen
lassen mufste, was andre zu des Leibes und Lebens Nahrung fir geradezu
unentbehrlich ansahen. Z u Herrn Hofrat B u ch n e r hatte W. sofort ein
solches Zutrauen gefafst, d a b er keinen Augenblick zSgerte, ihrn seine
bedenkliche pekuniiire Lage zu gestehen. B u ch II e r wUrdigte dieselbe
vollkommen, er sprach W. Mut, zu, liefs dieseu in seine Inskriptiondifte
einschreiben, verzichtete auf jegliches Honorar und gestattete W., wiihrend
der Freistunden sich im chemischen Laboratorium init wissenschaftlichen
Untersuchungen zu beschatigen. So war W. in der Lage, die vom
Hofrat M a r t i u s aus Brasilien mitgebrachte und ihm zur chemischen
Untersuchung llberlassene W u n e l yon Aristolocliia antihysterics analytisch
vorzunehmen. Hofrat B u c h n e r , der Sohn eines MUnchener K~nstggrtners, war ein Mann von umfassendem Wissen, ein Pharmacie-Professor,
wie er sein soll. Aus der praktischen Schule der Pharmacie hervorgegangen, auch ein Jahr lang Zligling des pharmaceutischen Institut.8
von T r o l n m s d o r f f in Erfurt, wurde er baldvorstand des allgemeinen
Frickbinger, Dr. Georg Christian Wittsteins Lebensgang.
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Krankenhauses in MUnchen und im Jahre 1818 ah Professer der Pharmacie nach Landshut berufen. Im J a k e 1826 siedelte er mit der Universitlt nach MUnchen Uber, war bald ein hervorragendes Mitglied der
medizinischen FakuIMt, hL&g Dekan derselben, Senator and 1842/43
Rector magnificus der Universiat. Von unverwelklichem Ruhme sind
xwei Werke dieses Gelehrten: daa Repertorium fUr die Pharmacie und
der Inbegriff der Pharmacie in ihren Grundlehren und praktischen
Teilen. In der Redaktion des ersteren wurde Herr Hofrat B u c h n e r
bald von seinem Sohne, dem hochverdienten dermaligen Ober-Medizinalrat und Professor der Pharmacie, sowie von W i t t s t e i n iinterstlitzt.
Vom 45. Band an enthllt jeder Band Originalaufsltze von W i t t s t e i n
oder Vbersetzungen desselben aus andern Fachschriften, den 80. Band
hat L. A. B u c h n e r mit W. zusammen, den 90. Band, den lOO., 110.
und ein Generalregister fiber die 100 Bihde W ' i t t s t e i n d e i n herausgegeben. Sptiter hat L. A. B u c h n e r daa neue Repertorium in vergrofsertem Format noch lange fortgesetzt , bis dessen zunehmende
Berufsaufgaben, das Wachsen der Universit4i.t und der Schtilenahl, die
Xenge der gerichtlichen chemischen Untersuchungen RLr mehrere Regierungsbezirke ihn die Zeit nicht mehr finden liefsen, die Redaktionsgeschae fortzufUhren.
,,Der Inbegriff der Pharmacie' wurde von B u c h n e r sen. anfangs
der zwanziger Jahre begonnen, ist aber wegen tfberhlufung desselben
mit amtlichen Arbeiten unvollendet geblieben. Die B n c h n e r s gewandter Feder unmittelbar entsprossenen BLnde sind von klsssischem
Wert und zeugen von grofser Fachliebe und trefflicher Stylistik.
Gehen wir in dieser Skizze von dem rein theoretischen Gebiete
auf das praktische Uber, so begegnen wir gleichfalls einer FUle hervorragender Leistungen B u c h n e r s , von denen aber manche nicht so, wie
sie es verdienen, gewlirdigt worden sind. Daran ist aber nur B.'s
grofse Bescheidenheit schuld. Eine neue Beobachtung oder Entdeckung
gehiirig auszunutzen, sein Prioriatsrecht gegen unberechtigte Anspriiche
andrer geltend zu machen oder sich gar vonudrilngen, lag ihm volls t h d i g fern. Ein paar schlagende FWe magen hervorgehoben werden:
B u c h n e r ist der Entdecker des Salicins, nicht der Franzose Leronx;
B u c h n e r , nicht R e i c h e n b a c h , ist der Entdecker des Paraftha;
B u c h n e r (nicht B r a n d e s oder R e d t e n b a c h e r ) ist der Entdecker
dea Acrole'ins (9. W i t t s t e i n s Vierteuahrsschr. f. prakt. Pharmacie
Bd. XV. S. 444). Nicht blob L i e b i g , sondern auch B u c h n e r
Arch. a. P h . XXYI. Bde. I. Heft.
2
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Frickhinger, Dr. Georg Chriitian Wittsteins Lebensgang.
hatte das Brom bereits fix und fertig im Schranke stehen, als B a1 a r d
die Welt damit Uberraschte und den Ruhm der Entdeckung allein
davontrug.
Unter den studierenden Pharmaceuten hatte sich auf B u c h n e r s
und seines damaligen Assistenten H e r b e r g e r s Anrearrung seit mehreren
Jahren ein wissenschaftlicher Verein - der erste derartige auf Universitiiten - gebildet, welcher wSchentlich ein- bis zweimal in dem
freundlichen Buchnerschen Hause (Karlstrafse No. 40) zusammenkam. Die Mitglieder: denen sich W. sofort anschlok, wechselten mit
intindlichen und schriftlichen Vortriigen ab. Eine Geschiiftsordnung
sorgte fUr ptlnktliche Befolgung der Shtuten, und es herrschte vieie
Jahre hindurch ein reger , wisuenschaftlicher Eifer. Selbst Preisfragen
wurden gegeben. Die. fUr das Studieqjahr 1835/36 gegebene lautete:
,,Versuche tlbw die Einwirkung von Ammoniak und Ammoniaksalzen
auf unlSsliche Oxyde und Salze-. W. war schnell entschlossen, sich zu
beteiligen - dank der Munifizenz B u c h n e r s , dessen Laboratoriurii
xu wissenschaftlichen Arbeiten benutzen zu diirfen. Bei der Schlursfeier des Studienjahres seitens des Vereins studierender Pharmaceuten
erlebte W. die doppelte Freude, dafs voin Ehrenvorstande des V e r e b ,
Herrn Hofrat B u c h n e r , .\V i t t s t e i n s Bearbeitung der Preis zuerkannt wurde, und dafs dieser die Ehre hatte, einige Frlichte seiner
tibrigen wissenschaftlichen ThAtigkeit vortragen zu dllrfen.
Da W. nicht einmal zur Bestreitung seiner auf das Kotwendigste
eingeschrhkten Lebsucht ei’ne Unterstiitzung von zu Hans zu erwarten
hatte, legte er sich auf das Docieren und Unkrrichten solcher jungen
Leute, die vor dem Examen standen und sich noch nicht feat genug
fUhlten, um mit Selbstvertrauen der Approbation entgegenzugehen. Doch
die dringendsten Sorgen waren liberwunden, a h W. am 1.Januar 183i
von Herrn Hofrat B u c h n e r mit der Stelle des Assistenten und PrLiparators am pharmaceutiuchen Institut betraut wurde. Vorher hatte er
noch einen Anfall der Cholera durchzumachen, welche asiatische Geifsel
im Spgtherbst 18d6 der Stadt Mtinchen ihren ersten Besuch abstattete.
Die Doppelstellung als Assistent und Priiparator gab stets vollauf Beschtiftigung; fatal war nur, dafs der Geschgftsgang der kleinen chemischen
Fabrik auch in der Lehr-Ferienzeit keine mehrtQige Pause gestattete.
In der That war W. wilhrend der 12 Jahre seines Verharrens in dieber
Stellung nur einigemill.j e ein paar Tage abwesend gewesen, wenn ihni
gegliickt war, einen ttichtigen unter den Pharmaceuten, welche zu ihrer
Fiickhinger, Dr. Georg Christian Wittsteins Lebenagang.
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husbildung im Laboratorium arbeitehn , zur Vertretung zu gewinnen.
h u f der andern Seite waren dies die Jahre, in welchen W. bei seinem
aukerordentlichen Fleifse in der Praxis und in neuen Untersuchungen
qeradezu Erstaunliches leistete. Die damals in der Darstellung chemischphmmaceutischer PrZparate von ihm gemachten zahlreichen Erfahmngen
hat W'. in seiner ,,PrSparatenkundelLzum Gemeingute Aller gemacht,
rind gewifti kann man lieute dem Pharmaceuten, der das pharmaceutkche
Laboratorium noch hocli hlilt , kein besseres Handbuch fur das Laboratorium empfehlen. Alle guten Ratschliige und Winke, welche W. fir
die Darstellung cliemischer PrIp'arate gibt, sind von ihm geprtlft und
Iiewiihrt gefunden , viele von ihni selbst entdeckt. Ungeachtet dieser
anhnltenden und vielfiltigen Beschiifiigungen wufste W. doch immer SO
viele Zeit zu ertibrigen , um rein wissenschaftlich - praktische Arbeiten
.iuszufUhren , welclie tlann , wenn sie zu einem befriedigenden Resultate
flihrten, im Repertoriuiii fir die Pharmacie veroffentlicht wurden. Unter
d e r m dehnte FV. die Versuche Uber das Verhalten des Ammoniaks
xu unloslichen Osydeii iind Salzen nocli auf viele andre Verbindungen
&us. Diese und sonstige wissenscliaftliche Arbeiten flthrten ihn zu ver4tieclenen kleiuen Entdeckungen, z. B. iiber die Ursache des abweiclienden Verhaltenu des Natronsalpeters und des lialisalpeters zu
konzentrirter Schwefdsiiure. J n , W. war damals nahe daran, (i Jahre vor
U1 aur,, das Ruthenium zu entdecken. In der chemisch-pharmaceutischen
Saiiimlung .befand sich niilnlicli eine Quantitlit .,schwammiges PlatinU,
welches fdr Waserstoff keine ZUndfiihigkeit besafs. Hofrat B u c h n e r
iibergab ihni dasselbe zur niiheren Ermittelung der Ursache dieses abweichenden Verhaltens. W. kochte es mit Salpeterslnre und erliielt
rine gelbliche Liisung , welche beim Verdunsten und Erhitzen einen
m e t a l l i s ch g l I n z e n d e 11 R U c k s t a n d lieferte. Leider unterblieb
(lainah die nlhere Untersuchung, weil B u c h n e r sie sich selbst vorbehalten hatte , aber wegen vordringlicherer GeschLfte nicht dazu kam.
Als im Jahre 1844 C l a u s die Zahl der Elemente durch das Ruthenium
verniehrt hatte , erinnerte sich W. jenes fraglichen Platins, und bei
Vergleichung der Eigenschaften desselben glaubte er sich Ubeneugt
halten zu dUrfen, dab er Ruthenium vor sich gehabt habe.
I m Jahre 1840 erwarb sich W. die philosophische. DoktorwUrde
riiit der Inauguralclirsertation Uber den roten Farbstoff des Cactus
Opuntia und des Coccus Cacti. Bald darauf erkrankte W. am Schleimfieber, an welchem er 3 Wocheu darniederlag.
3.
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Frickhinger, Dr. Georg Christian Wittateins Lebensgang.
Um diese Zeit h g er an, die umfangreiche Histaria naturalis des
C. P l i n i u s S e c u n d u s ins Deutsche zu iiberseteen. Die Erfahrungen,
welche eD dabei machte, waren nicht eben ermutigend. Der Botaniker
v o n M a r t i n s zwar, welcher von seinem Vorhaben gehart hatte,
tiubeqte sich e&eut dartiber und riet ihm, das fertig Gewordene den1
Philologen T h i e r s c h zur Beurteilung vorzulegen. Als W. dem Herru
Hofrat T h i e r s c h die ersten 8 Biicher vorlegte , fragte ihn diescr , wo
er seine philosophischen Studien gemacht habe. W.'s Antwort, CY sei
dies bis ins 15. Lebeq'ahr im Gymnasium und nachher privatim geschehen , befriedigte Herrn Hofrat T h i e r s c h offenbar nicht. Nacli
Verlauf einiger Tage erhielt W. dm vorgelegte Heft mit der Ubersetzung der 8 BUcher und dem Bescheid zuriiek, Th. habe wegen deu
begonnenen Semesters keine Zeit, die Uebersetzung niiher zu prtifen.
W. liefs sich durch diesen Mikerfolg nicht irre machen, sondern fulir
mit der Ubersetzung fort, begleitete diese fortlaufend mit Anmerkungen,
erg6tzte und belehrh sich an dem klassischen Kompilahr P l i n i u s und
hatte endlich nach 40 Jahren (1882) die fieude, die ganze 'Ubersetzung
im Verlage von S c h r a m n i 6 G e f s n e r in Leipzig erscheinen mi
sehen.
Nachdem sich W. aus den friiheren klrglichen pekunigren Verhlltnissen durch Fleifs und wohlbemessene Sparsamkeit herausgearbeitet und
eine feste Existenz gegriindet hatte, schlofs er im Jahre 184'2 den
Bund der Ehe mit Louise Charlotte Sophie, Tochter des Landschaftsmalers und ehemaligen Offiziers P. B e r k a n in Gtistrow (MecklenburgSchwerin), geboren am 2. September 1816 oder 1817 zu GIlstrow.
W. mag seine Erkorene im Jahre 1832 kennen gelernt und 10 Jahre
lang still im H e n e n getragen haben, wie es eineni ehrenwerten und
ernsten JUnglinge ziemt, und trat dantl erst hervor, als er sich soweit
emporgearbeitet hatte , d d s er eine Familie zuversichtlich erniihren
konnte und unbesorgt in die Zukunft sehen durfte. Dieaer Ehe e n b
sprofsten 2 Knaben, von welchen der Utere in zartem Kindesalter starb,
der jlingere - Armin, geboren 13. Juli 1846 - aber zu seiner Eltern
Freude sich ktirperlich und geistig trefflich entwickelte. Den Grund
zu seiner wissenschaftlichen Ausbildung legte er auf den UniversitZLten
zu MUnchen,,Berlin und Leipzig. Urspriinglich wollte er sich der
reinen Mathematik widmen, ging jedoch bald zur Astronomie Uber und
hat in der Eigenschaft eines Astronomen in den Jahren 1874 und 1875
die denkwlirdige Expedition der deutschen Kreuzerfregatta ,,Qazelleu
Frickhinger, Dr. Georg Christian Wittsteins Lebensgang.
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nach Kerguelen-Land zur Beobachtung des Venusvorlibergangs begleitet.
Spater gab er sich einer schon frlih erwachbn Neigung zn historischen
Forschuugen hin und betrachtet noch g e g e n w w g dieses Feld wissenxchaftlicher Thgtigkeit als sein eigentliches. Ein 8ffentliches Amt bekleidete
Dr. A r m i n W i t t s t e i n nur einmal in den Jahren 1876 und 1877
in der Eigenscliaft eines Assistenten der 4. Abteilung der Hamburger
Deutschen Reewarte. Arbeiten hat er mehrere vertiffentlicht, zum @ W n
Teile in den einschliigigen Fachschrifkn; sie fallen in die Gebiete der
Mathematik, Astronomie und fachgeschichtlichen Forschung , wobei in
letzterer Hinsicht die, orienhlisch - philologische Richtung vorherrscht.
Der Ychreiber clieqer Blltter kannte zwar das Leben und Streben
G. C . W i t t s t e i n s ziemlich genau; gleichwohl w k e es ihm nicht
moglich gewesen, so eingehend namentlich Uber die Jugendzeit des
Verewigten zu berichtan, I&te ihm nicht Herr Dr. Armin W i t t s t e i - n
Einsiclit in eine Autobiographie seines seligen Vaters gestattet. Die
treff liche Frau Dr. L o u i s e W i t t s t e i n segnete das Zeitliche am 80. Dezember 1877 nach 35jiihriger glUcklicher Ehe.
Nach dieser Abschweifung zu den dem Verewigtsn teuern Anqhorigen kehren wir zu ihm selbst, zurlick.
Ris zu Anfang der 40 er Jahre hatten W.'s literarische Erzeugnisse teils FrUchte praktischer Beobachtungen, teils wissenschaftliche chemische
Untersuchungen , teils ubersetzungen und AuezUge aus Journalen in pinzelnen AufsLtzen bestanden, welche fast ausnahmslos im B u c h n e r when Repertorium erschienen waren. Auf Anregung des Herrn Hofrat
U u c h n e r ging W. zu selbstiindigen gr8keren Werken tiber. Er trat
an eine ,,vergleichende Uhersicht der neuesten Arzneitmen der grtifseren
deutschen Staaten (fkerreich, Bayern, WUrttemberg, Baden, Kurhessen,
Sachsen, Hannover, Pre&en)u heran, welche unter dem Titel ,Anneitaxe der cleutschen StaatenK in grofs Quart, 95 Seiten umfassend, im
dahre 1843 im Verlage bei J. L. S c h r a g in Ntirnberg erachien.
Sachdem der Anstob zu graberen Werken gegeben war, folgte schon
im J a k e 1844 die schon oben erwshnte Quintessenz seiner praktischen
Erfahrungen unter d e n Titel ,Anleitung zur Darstellung und prtlffing
chemischer und pharmaceutischer PrilpadteU,durch Hofrat B u c h n e r d t
einem empfehlenden Vorworte eingeleitet, im Verlage von J. P a l m in
Mlinclien. Das Werk ist 40 Bogen stmk, hat 4 Auflagen (1844, 1858,
1865 und 1866) erlebt und ist nicht blofs durch ganz Deutschland verbreitet, sondern auch in mehrere fremde Sprachen Ubersetzt worden.
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Frickhinger, Dr. Georg Christian Wittsteine Lebensgang.
I m J ahre 1846 begann W. sein drittes selbstiindiges (und umfangreichwtes).
W e r k zu schreiben. Die Anregung dazu ging von eineni etymologischchemischen Nomenklator aus, welchen der Apotheker Dr. S c l i m i d t in
Sondeburg (auf der Insel Alsen) heftweise lierauspegeben hatte, dereia
erstes 1839 und fdnftes (zugleich letztes) 1845 erschienen war.
W.’s W e r k sollte gleichsain die Forhetzung dieser Hefte nacli einent
verilnderten und erweiterten Plane, ein abgerundetes G a m e hilden. in
welchem sich alle bis zum Schlusse des Jiihres 1845 und zuni Teil auclt
noch spiiter in die Cheinie eiiigetlilwten und sonstigen mit der Chemir
in naher Beziehung stehenden Namen vereinig-t finden. Aul%crdeiit
sollte es dau Vorkommen, die Bildung, Darstellung, Eigenschaften.
chemische Zusammensetzung, Litrrntur untl Synonyme der abgehandelten
Stoffe enthalten. W i t t s t e i n gab ihm daher den Titel ,,VollstBntliw.
etymologisch-chemisches Handwiirterbucli niit Beriicksichtigung der G
schichte und Literatur tler Cliemip.
Zugleich d s synoptischr
Encyklopiidie der gesamten Chemieu. Das Werli erschien ,oleichfallk
heftweise und so beispiellos rasch, ditfs die beiden Bgnde, aus welche~i
es besteht, und von denen der erste (A-L) 926 iind der zireitv
(M-Z) 992 eng gedruckte Seiten in Lcxikon-Oktav enth!ilt, schon aiii
Schlusse des Jahres 1847 fertig vorlagen. Ini J a h r e 1849 folgte dann
ein ersteu, 1853 ein zweites und 1858 ein drittes ErgLnzungsheft tlazir.
Es hiitte nun in derselben Weise bis in die neuevte Zeit fortgesetzt LU
werden verdient; doch darliber hat der Autor ‘allein nicht zu entscheiden, wenn e r nicht nuf eigenes Risiko handeln will, sondern das
lie@ wesentlich in der E r w Q u n g des Verlegers, und von diesem ist,
keine weitere Anregung awgegangen. Dafs es ein zeitgemases und in
seiner Ausflihrung nicht verfehltes Unternehmen w a r , geht wohl i
m
unzweideutigsten aus niehreren Snerkennuiigsschreibeii hervor, aelclie
W. in Bezug aut‘ die -4warbeitung dieses Werkes von den ersten
Repriisentanten des Fschs, wie B e r z e l i u s , W o h l e r , L i e b i g .
H e i n r . R o s e und andern. erliielt. Da dieve Arbeit dein Verfasser
die Fehler und Miingel d r r zusainiiiengestoppelten c h e m i s c h e it
No m e n k l a t u r recht ftihlbar niachte, so legte W. im J a h r e 1849 seinr
Ideen zu einer Reform auf diesem Gebiete in einer kleinen Schrift
nieder , welche betitelt w a r : ,,Die chemische Nomenklatur von deiu
gegenwbtigen Standpunkte der Wissenschaft aus beurteilt, nebst Vorschliigen zu einer mtiglicht einfachen und konsequenten Durchftlhrung
denelbenu. Die schwierige Materie fie1 aber auf keinen gllnstiqen
(A-
Frickhinger, Dr. Georg Christian Wittsteins Lebensgang.
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Boden; L i e b i g selbst, welchen W. bei einem Besuche in Giefsen uni
win Urtheil dartlber bat, gab ihm die Antwort: ,,I& bin froh, wenn
ich keine neuen Namen zu machen braucheU. Das war kurz, aber
deutlich, und 18st den gordischen Knoten nicht, j a zerhaut ihn nicht
rinmal. Zur Bezeichnung neuer, von ihm entdeckter KSrper F30riff
Liebig die Namen entweder geradezu aus der LuftU (ipsissima verba,
siehe Annalen der Chemie und Pharmacie X. 12) oder er zog einen
Philologen zu Rat, der eben nicht auch Chemiker sein konnte.
Unterdessen setzte W. seine etymologiscben Studien auch im
Gebiete der Pflanzenkunde eifrig fort und als Frucht derselben erscbien
im .Jahre 185'2 :,W.'s etymologisch-botanischesHandwSrterbuchU,enthaltend
die genaue Ableitung und ErklLrung der Namen siimtlicher botanischer
Gattungen, Untergattungen und ihrer Synonyme. Wenn das Werk auch
kein F'iasko gemacht hat, weil ihm an Vollstiindigkeit und Grthdlichkeit weder vorher noch nachher etwnr i4hnliches an die Seite gestellt
werden konnte, so haben doch weder Verfasser noch Verleger dabei
Seide gesponnen: der Absatz war ein sehr miikiger, da sich allzu
wenige fir Etymologie interessieren.
Das chemische HandwSrterbuch hatte noch einige andere literarische
E'rodukte im Gefolge. Bei der Ausarbeitung jenes Werkea machte
dem Verfasser der Mange1 von Generalregistern zu einigen Zeitschriften
vie1 zu schaffen; denn nm nichts zu Ubersehen, war W. genStigt, dievelben Band fir Band durchzugehen, so u. a. da.9 S c h w e i g g e r s c h e
.Journal. Daraus entstand dann 1548 dns ,,Autoren- und Sachregister
zii siimtlichen 69 BLnden des 8 c h w e i g g e r when Jonrnals fUr Chemie
und Physik (JahrgLnge 1811--1833)LL.
Hierdurch , sowie durch Herstellung der Special- und Generalregister zum B u c h n erschen hpertorium, hatte W. eine solche Routine
in derartigen Beschiiftigungen sich erworben, dafs ihm sptIter die Aus.
arbeitung von zwei anderen Generalregistern Ubertragen wurde, niimlich
im Jahre 1860 zu den - 131 Btinde umfassenden - Jahrglngen
1822 bis 18.57 des A r c h i v s d e r P h a r m a c i e , ferner 1861 zii den
100 Biinde umfassenden JahrgLngen 1832 bis 1856 der A n n a l e n d e r
C h e m i e u n d P h a r m a c i e , wozu daun noch in demselben Jahre eines
Uber die 16 BZinde der folgenden 4 Jahrgiinge 1857 bis 1860 inkl.
der h n n a l e n kam. Die Anfertigung eines Registers erscheint von
der Ferne aus gesehen eine sehr einfache Arbeit, welche hqch&m
ein gewisses Mnh von Geduld und Ansdauer in Anspnich nphme. I n
'24
Frickhinger, Dr. Georg Christian Wittsteins Lebensgang.
der That reichen aber diese schitzbaren Eigenschaften noch lange nicht
hin, ein g u t e s Register zu liefern. Haupterfordernis ist vielmehr,
d a b man mit dem betreffenden Fache vollkommen vertraut sei, und
dafs, bevor man Hand ans Werk legt, ein durchgreifender, gleichflirmig
durchdachter Plan fertig sei, damit keine Inkonsequenzen , Wiederholungen, Widersprtiche mit unterlaufen, wovon leider manche Register
wimmeln.
Das Jahr 1848 griff auch in W.'s eigene Angelegenheiten ein.
Herr Hofrat B u c h n e r Ubergab sein unter W.'s Leitung 11 Jahre
hindurch gestandenes Privatlaboratorium , das zuletzt die Natur einer
kleinen chemischen Fabrik angenommen hatte, seinem jtingsten Sohne
ah Eigentum. Wittstein behielt vorllufig nur noch die Assistenz am
pharmaceutischen Institut der Universiat , verliek aber auch diese
Stelle infolge eines vorteilhaft scheinenden Anerbietens' von Ansbach,
woselbst an der neu organisierten Kreislandwirtschafts- und Gewerbeschule das Lehratnt fUr Chemie , Naturgeschichte , Technologie und
Landwirhchaft zu besetzen war. I m Herbst 1851 siedelte W. nach
Ansbach Hber. Gleichzeitig reifte in W. der Plan, eine eigene
pharmaceutische Zeitschrift herauszugeben, welche von Neujahr 1852
an unter dem Titel ,Vierteljahrsschrift der praktischen Pharmaciey
erschien und nach 22 Jahren (1852 bis 1873) wieder aufgegeben
wurde. Ob W. mit der Griindung dieser Zeitschrift in der Periode, da
er sicli durch das Lehramt von der praktischen Pharmacie und
pharniaceutischen Chemie doch entfernen murste, und da um jene Zeit
mehrere neue pharmaceutische Zeitschriften auftauchten, einen guten
Griff gethan habe, mag dahingestellt bleiben. Besser getroffen war
gewifs flir seine SchHler in Ambach, Uberhaupt fir Realschulen, die,
Herausgabe seines ,,Grundrisses der Chemie' im Jahre 1851/52, welcher
im Jahre 1868 eine zweite Auflage erlebte.
Da die Erwartungen, welche W. von der Ansbacher Stelle hegte,
ausblieben, sein Wirkungskreis daselbst ihm zu beschrknkt erschien,
gemachte Versprechungen ihm nicht erftillt worden seien, auch der
Jahresgehalt in Ansbach nur 800 Gulden betrug, gab W. diese Stelle
nach 2 Jahren wieder auf und kehrte im Herbst 1853 nach MUnchen
zurtick. Erleichtert wurde dieser Schritt durch eine kleine Erbschaft,
die einzige in seinem Leben, welche W. gemacht und ihn in den Stand
gesetzt hat, auf eigene Kosten in Mtinchen ein Privatlaboratorium zu
errichten, welchea teils zur Ausfihrung chemischer Untersuchungen aller
Frickhinger, Dr. Georg Christian Wittsteins Lehensgang.
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Art im Auftrage von Privatpersonen und Behiirden, teils zur Ausbildung junger Leute - Pharmaceuten und Nichtpharmaceuten - in
der chemischen Analyse dienen sollte. Z u letzterem Zwecke arbeitete W.
nach H. Roses Methode eine leicht fafdiche Anleitung aus, welche unter
dem Titel .Anleitung zu qualitativen chemisch; andytischen UntersuchungenK im Buchhandel erschienen ist. Die Zahl der Eleven wuchs
bald und machte eine Erweiterung der Lokalittiten niitig. Das Institut
ging im J a k e ,1879, also nach 2GjBhrigem Bestehen, in andre
Hlnde Uber.
Die Beschwerlichkeit, ein solches Institut in Mietwohnungen unterzubringen und zu betreiben, die Scheu der Hausbesitzer, ein chemisches
1Jaboratorium im Hause zu haben, und infolgedessen die Forderung hoher
Mietegelder, liefsen W. die Erwerbung eines eigenen Hauses ernstlich ins
Auge fassen. D?e Realisierung dimes Planes gelang aber erst im Jahre
1858; die Einrichtung koskte Zeit, und die Eroffnung der Anstalt in
dem eigenen H a w e konnte erst im September 1859 erfolgen.
Seit der RUckkehr aus Ansbach war es endlich auch W. vergonnt,
grohere Herbstferientouren zur Erholung und zur Befriedigung seiner
WXsbegierde zu machen. Den ersten ausgiebigen Gebrauch davon
machte W.im Jahre 1856, wo er die damals zum zweiten Mall) in Wien
stattgefundene Versammlung deutscher Naturforscher und &te
besuchte, in der chemischen Sektion einiges Neue ffber China-Alkaloi’de
vortrug und den Glanzpunkt der Wiener Versammlung, die Sommeringfahrt, mitmachte. Auf dem Wege nach Wien liielt er sich 2 Tage lang
in Passau auf und widmete seine gauze Aufmerksamkeit der bekannten
Emcheinung, dafs die drei sich hier vereinigenden FlUsse Inn, Donau
und Ilz einen auffallendeii Unterschied in der Farbe ihres Wassers darbieten. W a r e n d das Wasser des Inn hell blaugriln, die Donau
schmutzig blaugrlin erscheint, sieht das Wasser der Ilz tief braun Bus.
H a t inan die Hlnde in das Wasser dieser Fltlsse und ahmt die Bewegung derselben beim Waschen nach, so bemerkt man sofort, dass das
Wasser des Inn hart, das der Donau weicher und das der Ilz aehr
weich ist. Diese Wahrnehmungen veranlafsten W., ihren Ursachen
nlher nachzuforschen: was im Laufe der folgenden beiden Jahre geschab.
Der sehr umfangreiche Bericht W.’shieruber ist unter dem Titel .Beobach1) Die erstma18 in Wien abgehaltene Naturforscherversammlung fand
im Jahre 1832 statt.
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Frickhinger, Dr. Georp; Christian Wittsteins Lebensgang.
tungen und Betrachtungen tiber die Farbe des W u s e r s U zuerst in den
Sitzungsberichten der Mtinchener Akademie der Wissenschaften vom
10. November 1860 crschienen untl dnnn nuch in verschiedene Zeitschriften , unter andern in W.'s Vierteljahrsschrift f i r praktische
Pharmacie, Bd. S. 8. 342. Ilbergegangen. Die Hauptergebnisse sind
von dlgemeinem Znteresse untl lnssen sich k u m e t m in folqeiide SNze
znsammenfassen :
1. Daa reinr VTa.swr ist nicht f'vblos. sondern ins Blaiit.
neigend.1)
2. Die minernlischen Stoffe. welrhe in Brunnen-. Quell- und
Fliifswassern enthnlten sintl , veriintlern die Fnrbe desselhen
nicht.
3. Die verwhictlenen Fnrben welche tliese Gewiisser neiccn.
rUhren vielinehr r o n a11f g e 1 iis t e n organischen Stoffen h w .
4. Diese or,rranirche Materie befindet sich in Aufliisung durch
Hilfe von Slkali. ist, in I V a s e r tief b r a u s c h w a r z . in verdtlnnter LHsung brain his gelh rind ZehFrt mi den soqenannten
HumussZiiren.
5. Die Quailtieit c1t.r :uifgrliisten orgniiischen Materie h%n@
lediglich r o n der Qiinntitiit des rorliandenen Alkalis ab.
6. .Te aeniger or,rrnnische Suhstanz dnq TVasser enthglt. um SO
neniger u-eieht seine Farbe von tler hlauen ah. Nit der
Zunnhmp tler orcanischett Suhstnnz ceht tfic blaue Farhr.
.
*) Zu diesem Schlusse war iibrigem schon einige Jahre friiher Herr
Geheimrat Dr. I-. B u n s e n tlurch einen optischen Versuch gelangt, deidarin bestand, rlnh er gliinzendc weibe Gegenstindc nuf weiBem Gruntlc
tlurch eine Wasserschicht yon 2 Meter Dicke, in einer inwenrlig geschwlirzten Riihre enthalten, heobschtete. Dns Gleiche fand statt bei
(iegenetinden, welche nur durch Sonnenlicht, welches durch eine solche
Schicht gegangen war, beleuchtet wurden (Annal. d. Chemie u. Pharmacie
TXmL 44). Jedermann kann diene Beobachtung in den groben, mit
weifsen Porzellanplatten nusgelegten Radew-mnen des Schlosses xi1
(hstein machen. Steht in diesen Wnnnen das an fremden Stoffen sehr
arme Thermalwasser 1 m bis 1,5 m hoch, so erscheint es Terwaschen
himmelblau. In grofsen Stldten sind jetzt Bassins, dereu Sohle aus
weifsen Porzellanplatten auf schiefer Ebene gepflastert ist , zuni
Schwimmen eingerichtet. Tm Maximiliansbade in Miinchen erscheint das
auf 220 C:. erwiirmte Radewnsser, welches durch Pumpen aus der nberhyerischcn ?Ilolasac. qt?.cchiilift wiul, blah mcergiin.
Prickhinger, Dr. Georg Christian Wittsteins Lebensgang.
%7
allmlhlich in die grUne und aus dieser, indem das Blaue
immer mehr zurlickgedrlngt wird, in die gelbe bis braune
tiber.
i . Wiihrend jedes Wmser die eine Bedingung seiner (von der
natlirlichen blauen) abweichenden Fbbung, die Humussiiure,
stets reichlich vorfindet, ist die nndere Bedingung, dm Alkali,
in sehr ungleicheni Grade verteilt; die an (freiem) Alkali
lirmsten Wmser niihern sich daher auch am meisten der
blauen Farbe; erst init' der Zunahnie des Alkalis und der
dadurch brwirkten Bunahme von aufgelaster Humusslurp
nimmt das Wasser eine grUne, gelbe biq braune Farbe an.
8. Folglich, kann man sagen, ist die Natur des von dem Wasser
beriihrten Gesteins einzig und nllein marsgebend fir die Farbe
des Wassers.
9. Periodische Andernngen in der Farbe eines und desselben
Wa.qsers sind nicht Folge eines wecliselnden Oehaltes an
organkcher Subatanz , sondern riihren von atmosphgrischen
EinflUssen (z. B. bewiilktem Himmel) her.
10. Alr allgemeine Regel gilt, darv ein Waqser uni so weicher ist,
je mehr e3 sicli der braunen, und um so hlrter, j e mehr es
sich der blauen Parbe nghert; die U m h e liegt aber nicht in
einem griifseren oder geringeren Gehnlte an organischer
Substanz, sondern in einem grBfseren oder geringeren Gehalte
an Alkali, von welcheni erst wiederum der Gehalt an
organischer Substanz abhlngt.
Day llngere Verweilen bei dieser Frage, welcher W. 2 Jahre
hindurch seine volle Aufinerksanikeit widmete, mag eben hierdurch
~nt.9chuldigt werden.
Nun moge es mir nodl gestattet win, W.'a Werke, von welchen
noch nicht die Rede war, anzuftihren.
In den sechziger Jahren sintl noch drei selbstlndige Werke von W.
erschienen, und zwar im Jahre 1882 ,,Widerlegung der chemischen
Typenlehreii. W. glaubte, ,,dafs dieses Schriftchen sein Ziel nicht
verfehlt habeu. Ich bezweifle dies, docli ich vermeide, mich hiertlber
zu lukern, da auch ich seiner allerdings nur persiinlich gelufserten Kritik
und seinem Tadel nicht entgangen bin, weil ich in den splteren Auflagen meines ,Katechismus der Sttichiometrie' der neueren chemischen
A4nschnuungsmeisebis auf einen gcwissen Grad Rechnung getr'zgen habe.
28
Frickhinger, Dr. Georg Christian Wittsteins Lebensgang.
Durch das zweite dieser Werke, das im Jahre 1866 bei C.H. B e c k
in Ntirdlingen erschienene ,,Taschenbuch der Geheimmittellehre", hat
sich W., der ein schonungsloser Gegner der ganzen GeheimmittelSchwindelei war, ein grofses Verdienst erworben. Dime ,,kritische
Ubersicht aller bis jetzt untersuchten Geheimmittel, zunLchst flir h z t e
und Apotheker, dann zur Belehrung und Warnung fir jedermam", in
welcher er wiederholt und schonungslos der Freibeuterei aller Qeheimmittelfabrikanten und deren Helfershelfer riicksichblos zu Leibe geht,
hat 4 Auflagen (1866, 1867, 1870 und 1875) erlebt.
Das dritte im Jahre 1868 erschienene Werk: ,,Anleitung zur
chemischen Analyse yon Pflanzen und Pflanzenteilen auf ihre organischen
Bestandteile*, sollte einem fUhlbaren BedUrfnis abhelfen und dlirfte, da
ihm eine langjlhrige eigene Erfahrung zu Grunde liegt, niclits weniger
a15 eine wertlose Anleitung sein. Sie ist vom Freiherrn Ferd.
y o n Mliller,l) Professor der Botanik und Direktor des botanischen
G artens zu Melbourne in SUdaustralien, ins Englische Ubersetzt rind
mit Zusiitzen vermehrt 1878 daselbst im Druck erschienen.
Die Verlagsbuchliandlung der beiden letztgenannten Werke
(C. H. B e c k in Nordlingen) wiinschte die Zahl popnlarer Taschenbticher
UUI einige vermehrt zu selien, und so entstand das yon W i t t s t e i n im
J a h r e 1878 verfafste ,,Tuchenbuch der Nahrungs- und Genufsmittellehre. Mit besonderer Berticksichtigung des Verderbnisses , der Vcrunreinigungen und Yerfilschungen nach eigenen Erfahrungen fur jederniann leicht fablich dargestellt" ; ferner das ,,Taschenbuch der ChemikalienLehre. Fkr das hludiche Leben, sowie f&r kiinstlerische und gewerbliche Beschtiftigungen aller Art praktisch und leicht fablich bearbeitet" .
Endlich hatte Wit t s t e i n auf den Wunsch des VerlagsbuchhBndlen
E. T r e w e n d t in Breslau die Auarbeitung eines .Handworterbuches
der Pharmakognosie des Pflanzenreichs" Ubernommen, und auch in hohem
Alter das Versprechen punktlicher Abliefernng des Manuskripts stramm
eingeltist. Das Werk hat in der Mitte des Jahres 1883 die Presse
r'e w e n d t erschienenen ,,Encyverlassen und bildet einen Teil der bei '!l
kloptidie der Naturwissenscliaften".
l) Von Freih. v o n M u l l e r Tvurde W i t t 8 t e i n zu Ehren eine von
jenem in Australien entdeckte Pflanze aus der Familie der Vaccinieae
nit dem Namen Wittsteinia vacciniacea belegt. Sie ist der einzige
Reprasentant dieser FamiIie in Australien und kommt auch dort nur
selten vor (Journal of Botany LV, Juli 1867 S. -202).
Priifung des Quecksilberoxydes a d Chloridgehalt.
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Seit 4 Jahren hatte sich W. von jeder aktiven Beteiligung an der
Wissenschaft zurlickgezogen, seinem auch im Alter nicht geminderten
Wissensdurste aber keine ZUgel angelegt. Die mit den zunehmenden
Jahren keineswegs geminderte Sehkraft hinderte ihn nicht, seinem regen
Geiste stets neue Nahrung zuzufllhren. Er las auch jetzt noch mit
Vorliebe ernste Abhandlungen Uber allgemein Wissenswertes und benUtzt8
dazu die reiche Bibliothek der gutlichen Mtinchener Gesellschaft
,,Museumu. Dabei genUgte er seiner Liebe zur Musik, indem er sich
auf seinem Pianino klassische Musikstlicke vortragen lie&. Seine durch
Anstrengung, Erfrieren und allerlei Ungemach steifgewordenen Finger
konnten trotz unziihliger Versuche die Gelenkigkeit nicht mehr erlangen,
seinem Drange zur Musik personlich und aktiv nachzugehen.
I m Sommer 1887 raubte ihm ein Hirnschlag plotzlich die Besinnung, welche nicht wiederkehrte. Acht Tage schlng sein krgftiges
Herz noch fort, bis es endlich am 2. Juni still stand und der Verg8nglichkeit den Tribut zollte.
Ein grofser Kreis dankbarer SchUler widmet ihm ein treues Andenken. Die Pharmacie betrauert im Tode W i t t s t e i n s den Verlust
eines redlichen Forschers und unermlldlichen Forderers !
Nordlingen, Oktober 1887.
Fr i ck h i n g er.
Priifnng des Qneeksilberoxydes anf Chloridgehalt.
Von Th. F e l s , Miinster in Westfalen.
Auf Seite 357 des vorigen Jahrgangs der Pharmaceutischen Zeitung
teilte B. Fi s c h e r Berlin unter Wissenschaftliche Mitteilungen , Beit a g e zur Kritik der Pharmacopoea Germanica II' iiber Hydrargynun
oxydatum via huniida praeparatnm mit : Pharmacopoea hiitte zweckm&ig setzen konnen, dafs die salpetersaure Losung des Quecksilberoxydes durch Silbernitrat ,,in d e r K L l t e ' L nur opalisirend getriibt
werde, und zwar darum, weil die Losung des Quecksilberoxydes in der
Regel durch ErwLrmen unterstiitzt werde und d a m nach HinzufUgen
von Silbernitrat sich leicht ziemliche Mengen von Chlor der Wahrnehmung entziehen konnten, da das Silberchlorid in Mercnrinitratlosung
beim ErwLrmen bekanntlich leicht loslich sei. Allein auch in der
Kgte entziehen sich ganz erhebliche Mengen Chlor der Wahrnehmung.
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