close

Вход

Забыли?

вход по аккаунту

?

Neue Arzneimittel des Jahres 1931.

код для вставкиСкачать
183
Neuere Forschungsergebnisse.
33. J. Herzog:
Neue Arzneimittel des Jahres 1931.
(Vorgetragen in der Sitzung der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft
zu Berlin am 19. Februar 1932 vom Verfasser.)
Eingegangen am 3. Februar 1932.
Bevor ich uber dic neuen Arzneimittel des Jahres 1931 berichte,
miichte ich mir erlauben, auf hochst wichtige Veranderungen in der
Arzneimittelbewcgung hinzuweisen, die gcrade in den letzten Jahrz
zehnten stattgefunden haben und vielleicht nicht allgemein beachtet
worden sind: Wie namlich Paul U h 1e n h u t h ') im vergangenen
Jahre ausgefuhrt hat, ist die Anzahl unserer Arzneimittel aut!err
ordentlich gro8, sehr klein dagegen die Anzahl derjenigen Mittel,
die wirklich imstande sind, eine Krankheit zu heilen. Das ware
auch - fahrt der Autor fort - ganz erklarlich, da man bis zu einer
gewissen Zeit die Ursache so vieler Krankheiten gar nicht kannte.
Man ware also iiberhaupt nicht imstande gewesen, d a s Ubel an der
Wurzel zu packen. Vielmehr ware es nur einem liicklichen Zufall
zuzuschreiben, da8 man - auf rein empirischem &ege - beispielsr
weise das Quecksilber als heilkraftig fand gegen die Syphilis und
d a s Chinin gegen die Malaria.
Einen tiefen Einschnitt nun bedeutet es in der Geschichte der
Arzneimittel, als die energisch fortschreitende organische Chemie
bcgann, pflanzliche Inhaltsstoffe zu isolieren, wie Alkaloide, Glykos
side, und als sie dann spater dazu schritt, auf s y n t h e t i s c h e m
Wege Arzneimittel darzustellen. Betrachten wir aber den groDen
Schatz von Mitteln, die die organische Chemie uns geschenkt hat, so
wird auch der spezielle Fachmann geradezu iiberrascht sein, wenn er
feststellen mu& wie verhaltnismaflig wenige dieser Mittel wirklich
der kausalen Therapie dienen. Was die Alkaloide anbetrifft, so hat
sich z. B. im vorigen Jahre v o n B r u c h h a u s e n ' ) (freilich in
anderem Zusammenhange) folgendermaflen geauflert: ,,Es gehoren
dic besten und wirksamsten Arzneimittel zur Gruppe der Alkaloide,
und wenn auch den meisten von ihnen nur eine symptomatische Win
kung zukommt, so darf man wohl sagen, da8 nicht viele Arzte auf das
Morphin und Kokain sowie die davon sich ableitenden Derivate verc
zichten mochten, wenn sie auch im groflen und ganzen nur die
Symptome einer Krankheit beeinflussen."
Nicht vie1 anders sieht es auf dem Gebiet der synthetisch hers
gestellten Arzneimittel aus. Das geht schon aus der Bezeichnung der
einzelnen Klassen hervor: Wir sehen hier die N a r k o t i k a , aIso die
fluchtigen, wie Xther, Chloroform, und die nichtfluchtigen, wie etwa
die ,,veredelten" Alkaloide. Dann folgen die bekannten S c h 1 a f E
1) Klin. Wchschr. 1931, 1154.
*) Siidd. Apoth.iZtg. 1931, 516.
184
J. H e r z o g
m i t t e 1, vom Chloralhydrat bis zu den Barbitursaurederivaten.
Dem schlienen sich die damals so epochemachenden A n t i p y r e s
t i k a an, das Azetanilid, das Phenazetin, das Antipyrin. Es folgen
die A n a s t h e t i k a , das Anasthesin, Novokain, Tutokain usw.
Nicht zu vergessen sind die a n r e g e n d e n M i t t e 1, einerseits die
Puringruppe, andererseits die Kampfcrgruppe. - GewiD sind diese
Mittel von allergrontem Wert und vom Arzt als wichtigste Hilfsmittel
uberhaupt nicht zu entbehren. Aber es tut ihrer Bedeutung gewi8
keinen Abbruch, wenn man betont, daD diese Mittel zum iiberwies
genden Teil der kausalen Therapie nicht dienen. Nur eine Sonders
klasse, auf die hier gleich eingegangen sei, macht eine Ausnahme:
W i e namlich U h 1 e n h u t h wieder ausfuhrt, wurde erst durch
die fundamentalcn Arbeiten von Robert K o c h und Louis P a s t e u r
erkannt, daR die ,,Infektionskrankheiten" durch Mikroorganismen
bedingt sind; und nun konnte man versuchen, direkt gegen die
Krankheitscrreger vorzugehen und damit die Krankheit selbst zu verr
nichten oder gar zu verhuten. Daraus entstanden zwei Arten von
k a u s a l e r Thera ie: Die Immunotherapie, die z. B. die Sera in
sich schlient, und ie Chemotherapie, die bekanntlich wieder zu ches
mischen Mitteln greift.
Demselben Zweck, also Heilmittel im engeren, eigentlichen
Sinnc des Wortes zu sein, dienen sodann die in den letzten Jahrcn
mit lebhaftestem Interesse bearbeitetcn Vitamine, die naturlichen so5
wohl wie die kunstlich bereiteten.
Und endlich traten in den Vordergrund des Interesses die Hors
mone. So entstand also die Substitutionstherapie, deren glanzendste
Vertreter das Adrenalin, das Insulin, die Hypophysenpraparate, die
Keimdrusenpraparate sind.
Uberblicken wir dicse fortschreitende Reihe von Arzneimitteln,
so finden wir wohl folgendes:
Gerade in den letzten Jahrzehnten ist die Ursache so vieler
Krankheiten erkannt, und die Therapie wird mehr eine kausale. Zus
gleich entstehen immer mehr Heilmittel, die (wie die Vitamine, die
Hormone) nicht korperfremd sind, sondern auch im normalen Korper
kreisen bzw. kreisen mussen. Und so nahert sich wohl die Therapie
der sogenannten ,.Schulmedizin" immer mehr derjenigen des ,,Naturr
heilverfahrens"; nur ist sie entstanden auf exakter wissenschaftlicher
Grundlage und hervorgegangen aus hohen wissenschaftliehen
Leistungen.
Gestatten Sie mir nun, zu berichten, was das Jahr 1931 auf diesen
cinzelnen Gebieten geleistet hat, zunachst auf dem Gebiet der syns
thetischen Chemie.
Als erstes Mittel dieser Art mochte ich das Uroselektan bes
sprechen, weil mir die Geschichte der Synthese dieses Mittels ganz
besonders interessant erscheint. Schon im Jahre 1928 konnte ich a n
dieser Stelle folgendes berichten: Die Autoren A. B i n z und
C. R a t h s, gingen von der Uberzeugung aus, da8 man in der Chemie
der organischen Arsenverbindungen nicht uber das hinausgekommen
a
s)
Siehe Klin. Wchschr. 1930, 2297.
Neue Arzneimittel des Jahres 1931
185
ware, was Paul E h r 1 i c h und seine Mitarbeiter vorgezeichnet
hatten. Das lage - meinen die Autoren - daran. daB man das
Arsen immer wieder an den Benzolkern gebunden habe, der doch an
sich (wie man wisse) infektiose Erkrankungen nicht beeinflusse. Dai
gegen wisse man doch vom Chinin her, dafi cin Ringsystem, das
neben Knhlenstoff noch Stickstoff besitze, schon an sich ein
Chemotherapeutikum darstellen kann. Deshalb beschlossen die
Autoren den Versuch, das Arsen an heterozyklische Ringe, wie
Pyridin oder Chinolin, zu binden. Im ubrigen wollten sie ungefahr
dem Schema E h r 1 i c h s folgen, nur dessen Mittel durch ihre Modis
fikation noch zu iibertreffen suchen.
Die Synthesen gelangen trotz mannigfacher Schwierigkeiten. Es
wurde eine groBe Reihe von Produkten hergestellt, von denen ich nur
zwei bezeichnende Beispiele anfuhre:
Das Praparat (I) ist analog zusammengesetzt der Grundsubstanz
des Atoxyls, das Praparat (11) zeigt unverkennbar den Typus des
Salvarsans.
Die Autoren stellten damaIs einen ausfuhrlichen Bericht uber die
physiologische Wirkung der vielen neuen Mittel in Aussicht. Da
aber bis heute ein solcher allgem.einer Bericht nicht erschienen ist,
mu13 man annehmen, dafi die einschlagigen t h e r a p e u t i s c h e n
Hoffnungen - vorlaufig wenigstens - sich nicht erfullt haben.
Jednch in einer bcstimmten Richtung hatten die Autoren damals
sehon weitergearbeitet: Sie haben nicht nur den Arsensaurerest,
sondern auch Jod in den stickstoffhaltigen Ring eingefiigt und unter
anderem das Natriumsalz des 2sOxy5sjodrpyridins (I) hergestellt,
das sich gegen gewisse Streptokokkenerkrankungen als wirksam
erwies und deshalb unter dem Namen ,,Selectan" in die tierarztliche
Praxis eingefuhrt wurde.
Und nun beginnt das Neue der Arbeit: Die Autoren stellten fest,
dafi diese Verbindung (I), die in 2 s Stellung Sauerstoff enthalt, in
5sStellung das Jod, ganz auflerordentlich gut vertraglich ist.
0
I
C H,. COINa
I
CH3
Und diese gute Vertraglichkeit, diese geringe Giftigkeit blieben
auch bestehen, als die Autoren in Stellung 5 statt des Jodes den
Arsensaurerest einfuhrten. Die Erklarung dafur konnte nur darin
186
J. H e r z o g
bestchen, dat3 bei dieser Konfiguration die Substituenten (also Jod
und Arsensjiurcrest) ganz besonders fest gebundcn, ganz besonders
schwer abspaltbar sind. - Aber diese ungiftige Jodverbindung
Selectan (I) geniigte fiir gewisse Zwecke noch nicht, schon wegen
ihrer geringen Loslichkeit in Wasser. Es wurden deshalb noch einige
Veranderungen vorgenommen, vor allem der Essigsaurerest an den
Stickstoff gebundcn und das Natriumsalz gebildet. So also entstand
das Natriumsalz der 5sJod:2:pyridonsNsessigsaure (11). Und diese
neue Verbindung ist nicht nur leichter in Wasser loslich, sondcrn
noch weit weniger giftig als das Selectan, weil das Jod noch vie1
fester gebunden ist. Selbst beim Kochen der wasserigen Losung wird
das Halogen nicht abgespalten. Damit - sagen die Autoren -war der
Bann gebrochen. Man hatte jetzt ein Jodpraparat, das in der not$
wendigen Menge ohne Schadigung oder Gefahrdung dem Patienten
intravenos eingespritzt werden konnte. Deshalb wurde nach
klinischer Priifung dieses Praparat (11) unter dem Namen Uroselectan
von der Firma ScheringsKahlbaum als wertvolles Kontrastmittel fur
Nierenr und Harnwegc in den Handel gebracht.
Sodann suchten dic Chemiker der darstellenden Fabrik das Mittel
noch weiterhin zu vcrbessern. Es wird jetzt als Uroselectan B das
Dinatriumsalz dcr 3,5:Dijodr4spyridoxylaN:methylr2,6:dikarbonsaure
(111) in den Handel gebracht. Dieses Uroselectan B soll den wesentr
lichen Vorteil haben, dat3 es in weit kleinerer Substanzmenge wirkt
und dafi es bei seiner leichten Loslichkeit in Wasser in einem Bruchs
teil des Losungsmittels angewendet werden kann.
Das Interessanteste in der Geschichte dieser Synthese ist wohl
die Tatsache, da13 die Autoren ein Mittel der Chemotherapie suchten,
in Wirklichkeit aber fanden sie ein wertvolles Kontrastmittel. SO
ist es wohl schon manchcm Forscher der organischen Chemie ger
gangen. Er suchte gewissermaBen den nachsten Weg nach Indien und gelangte dabei nach Amerika. Aber das soll gewii3 keine Herabr
setzung der Leistung s i n . Im Gt genteil, wir sahen gerade bei diesem
Beispicl, welch grol3es chemisches Konnen hier zum Ziele fiihrte
und welche schier unglaubliche Geduld.
Ferner hat die I. G. Farbenindustrie ein Kontrastmittel fur dens
selben Zweck herausgebracht, das Abrodil. Es ist ebenfalls ein jods
haltiges Produkt und verdankt seine Verwendung wiederum der
schweren Abspaltbarkeit des Halogens. Das Jod ist hier so fest ges
bunden, da13 es nicht mit Silbernitrat und Salpetersaure reagiert und
daR es auch durch Schwefelsaure und Nitrit nicht in Freiheit gesetzt
wird. Die Konstitution des Abrodils ist eine einfache, es ist ein
monosjodmethansulfosaures Natrium (J .CH2 .SOaNa).
Wir haben in der vorletzten Sitzung unserer Gesellschaft Ausi
fuhrliches und Erschopfendes iiber die modernen Ersatzmittel des
Kokains gehort. Ich will deshalb (nur der Vollstandigkeit wegen
und fur die heutigen Zuhorer, die damals nicht zugegen waren) die
beiden letzten wertvollen Ersatzprodukte besprechen, die das Jahr
1M1 uns gebracht hat.
Neue Arzneimittel des Jahres 1931
187
Zur Klarlegung der Konstitution dieser beiden Mittel mu8 ich
freilich zweckmaRig wieder zuruckgehen bis zu dem oft erwahnten
Anasthesin, dem prAminobenzoesaureathylester (I). Es wurde in der
betreff enden Sitzung bereits erwahnt, da8 dieses Mittel wohl recht
wertvoll ware, da8 aber seiner weiteren Anwendung doch die gel
ringe Loslichkeit in Wasser im Wege stande. Wohl sind die Salze
leicht loslich, z. B. das salzsaure Salz. Aber das Anasthesin ist eine
so schwache Base, da8 das Salz, in Wasser gelost, weitgehend hydro5
lytisch gespalten ist, entsprechend stark sauer reagiert und ents
sprechend stark reizend wirkt. Diese Verhaltnisse fuhrten E i n h o r n
zu dem groi3en Erfolge: Er fuhrte in die Seitenkette eine zweite
(ubrigens substituierte) Aminogruppe ein und vcrstarkte somit die
Basiz.tat des Stoffes, der nunmchr, in Salzform und in Wasser gelost,
nur noch schwach sauer reagiert und nicht mehr reizend wirkt. So
entstand also der prAminobenzoesaurerdiathylaminoathylester, die
Base des Novokains (11):
Dieses Novokain hat das Kokain aus wichtigen Anwendungsr
gebieten der TiefensAnasthesie vollig verdrangen konnen; es ist aber
dem Kokain weitgehend unterlegen in der Schleimhautanasthesie.
Es ist daher um so wertvoller, dal3 jetzt zwei Mittel erschienen sind,
die den Anspruch erheben und nach der Literatur auch erheben
durfen, das Kokain vollig zu ersetzen.
Zunachst hat die I. G. Farbenindustrie das Pantocain herauss
gegeben. Es lehnt sich in seiner Konstitution nahe an das Novokain
an; es ist wieder ein prAminobenzoesaureester. Nur ist in die Aminor
gruppe am Kern ein Butylrest eingetreten und in der Seitenkette ist
die D’athylaminogruppe umgewandelt in eine Dimethylaminogruppe.
Das Ganze bildet also den prButylaminobenzoesaurerdimethylamino~
athylester (111). bzw. das salzsaure Salz dieses Esters.
Trotz dieser nicht zu groBen Abweichungen zeigt das Pantocain
wichtigste Vorteile vor dem Novokain, vor allem deshalb, weil es
in a 11 e n Formen der Lokalanasthesie voll wirksam ist, also auch in
der Oberflachenaniisthesie, und deshalb das Kokain vollig zu ersetzen
188
J. H e r z o g
imstande ist. Wohl ist es giftiger als das Kokain; da es aber in
betrachtlich geringerer Konzentration angewendet wird, ist es p r a k 9
t i s c h wen.ger giftig. Die wasserige Losung ist fast neutral: Die
Losung 1 : 100 zeigt PH = 6.7, die Losung 1 : loo0 zeigt PH = 7.0.
Fur die Praxis sei noch bemerkt, da8 das salzsaure Salz einigermanen
alkaliempfindlich ist. Man darf es deshalb in Losungen nicht etwa
mit Substanzen wie Borax zusammenbringen, man mu8 vor allem
darauf achten, daB die fur dieses Mittel verwendeten Glaser und
Spritzen sorgfaltig von den letzten Resten Alkali befreit sind.
Das zweite hier zu erwahnende Anasthetikum ist das Larocain,
das Professor M a n n i c h synthetisiert hat und das von der Firma
H o f f m a n n s L a R o c h e in den Handel gebracht wird. Dieses
Larocain ist wieder nahe verwandt mit dem Anasthesin bzw. dem
Novokain; es ist wiedcr ein psAminobenzoesaureester. Die Amino#
gruppe am Kern ist frei wie beim Novokain; das Entscheidende
liegt in der Seitenkette. Die Benzoesaure ist hier namlich nicht vers
estert mit einem substituierten Athylalkohol, sondern mit einem
substituierten Propylalkohol, und zwar mit einem solchen, dessen
mittleres C statt der zwei H tragt: 2 Methylgruppen. Das Ganze
bildet also einen p~Aminobenzoesauresdimethyl~diatliylamino~propyls
ester (IV).
Auch dieses Larocain ist aunerordentlich wirksam in bezug auf
Oberflachenl und Leitungsanasthesie. Es ist weit weniger giftig als
das Kokain und scheint dieses Mittel entbehrlich zu machen. Ich
will dafur nur eine Literaturstelle anfiihren. I. K Oc h schreibt in
dcr Dtsch. med. Wchschr. 1931, S. 678: ,,Das Larocain erwies sich
als reizloses, schnell und sicher wirkendcs Oberflachenanasthetikum.
In dcr 10%igen Konzentration vermag dieses Praparat sogar eine
20%ige Kokainlosung voll zu ersetzen." - Vorher war schon in der
Arbeit gesagt, da8 die 5%igc Larocainlosung in ihrer Wirkung der
10%igen Kokainlosung entspricht.
Zum SchluB sei bemerkt, dal3 beide Mittel, also das Pantocain
wie das Larocain, keine Sucht hervorrufen.
Neben diesen beiden Mitteln tritt aber noch einmal gegen das
Kokain das altc Novokain in die Schranken. I. B e r b e r i c h ' )
fuhrt namlich folgendes aus: Die Novokainhydrochloridlosungen
reagieren schwach saucr. Es ist bckannt, daB dicse Losungen phys
siologisch starker wirken, wenn sie alkalisiert werden, z. B. durch
Natr:umbikarbonat. Die Verstarkung der Wirkung wird darauf
zuruckgefuhrt, da8 aus dem Novokainsalz Base in Freiheit gesetzt
wird und eben als Base starker wirkt. Freilich hat eine so
alkalisierte Losung den Nachteil, da8 sich darin das Novokain all;
mahlich verseift und in die unwirksamen Spaltprodukte psAminos
benzoesaure und Diathylaminoathanol zerfallt. Dcshalb versuchte
der Autor, die schwach sauren Losungen nicht durch Bikarbonat zu
,,puffern", sondern durch freie Novokainbase. Dcr Versuch gelang;
die Base, die sonst wasserunloslich ist, lost sich genugend in der
Losung des Novokainhydrochlorids. Und diese ,,gepufferten"
4)
Dtsch. med. Wchschr. 1931, 1579.
Neue Arzneimittel des Jahrea 1931
189
Losungen sollcn zunachst in der ublichen Konzentration doppelt so
wirksam sein wie das Novokainhydrochlorid. aber in gewisser Anr
wendung erst den vierten Teil der Wirkung des Kokains besitzen.
Nun kann man aber diese ,,gepufferten" Losungen des so wenig
giftigen Novokainhydrochlorids ohne Gefahr vie1 konzentrierter anr
wenden. Und eine solche ,,gepufferte" 15%ige Novokainlosung soll
auf das Kaninchenauge ebenso stark wirken wie cine 20%ige Kokains
losung.
Daraufhin hat sich die I. G. Farbenindustrie entschlossen. ein
solckes ,,gepuffertes" Novokain unter der Bezeichnung ,,Novokain I?'
in den Handel zu bringen. Es bildet Tabletten, die im ganzen je
0.5 g wirksame Substanz besitzen, davon rund 3% Novokainbase,
das ubrige Hydrochlorid. Diese Tabletten sollen zu 15%iger Losung
aufgelost werden.
Fur die Praxis sei noch bemerkt, da8 diesen Tabletten eine
Spur Methylenblau zugesetzt ist, damit die verfertigten Losungen
sich von den ublichen durch ihre Farbe unterscheiden. Die konzeng
trierten Losungen sind ubrigens doeh nur wenige Tage haltbar.
Knrz hinweisen mochte ich noch auf zwei Praparate: I. Das
Perparin der ChemischSPharmazeutischen A. G. Bad Homburg, das
nach dem Bericht im Tierversuch etwa dreimal so stark wirkt wie
Papaverin, diesem gegeniiber aber zweir bis dreimal ungiftiger ist.
11. Das Prostigmin der Firma HoffmannrLa Roche, ein neucs die
Peristaltik anregendes Mittel. - Eine ausfuhrliche Besprcchung dieser
beiden Mittel wird zweckmaflig spatcr erfolgen, da die Hauptarbeiten
wohl noch zu erwarten sind.
Von Arzneistoffen, die aus Pflanzen isoliert sind, ist noch einmal
das Pandigal zu nennen. Bisher wurde unter diesem Namen ein
Praparat abgegcben, das als ein Digita1is;Vollpraparat anzusehen war.
Dieses Vollpraparat ist nun zuruckgezogen, und unter dem alten
Namen Pandigal wird nunmehr ein chemisch einheitlicher Stof f
herausgegeben, das Lanadigin, eines der vier Glykoside, die Professor
M a n n i c h aus der Digitalis lanata isoliert hat. Von diesem Lanar
digin, also dem jetzigen Pandigal, wird in der arztlichen Literatur
berichtet, da8 es als chemisch einheitlicher Korper naturgema8 einen
konstanten Wirkungswert zeigt und somit den Vorteil der exakten
Dosierbarkeit besitzt. Die Wirkung soll besonders rasch eintreten,
kumulative Wirkung wurde bisher nicht beobachtet. Wieweit noch
weitere Vorteile vor der iiblichen DigitalisSTherapie vorliegen, sollen
kiinftige Versuche erweisen.
Wir kommen jetzt zu den Mitteln der Chemotherapie. Auf
diesem Gebiet ist entschieden eine gewisse Ruhe eingetreten, die
um so bemerkbarer wird, als sie den sturmischen Zeiten E h r 1 i c h s
und seiner Schule folgt. Ich will mich deshalb darauf beschranken,
das Urteil anzufuhren, das R. S e h n i t z e r 6, fur 1930 fallte und
das wohl auch fur 1931 gilt: ,,Will man die Fortschritte auf dem
6)
Dtsch. med. Wchschr. 1931, 1239.
190
J. H e r z o g
Gebiet der Chemotherapie der Infcktionskrankheiten innerhalb der
Berichtszeit mit einem Wort charakterisicren, so kann man sie . . . .
als eine Zeit bezeichnen, die vorwiegend der Erweiterung und Ver:
tiefung des bisher Errungencn gewidmet war. Es fehlen auf diesem
Gebiete die eigcntlich uberraschenden Entdeckungen, die die letzten
Jahre gebracht hatten . . . ."
Hier also herrscht verhaltnismaflig Ruhe. U m so sturmischer
geht es auf dem Gebiet der Vitamine zu. Ja, man kann sagen, da13
sich hier geradezu die Ereignisse, die Veroffentlichungen ubersturzcn.
Das liegt wohl vor allem daran: Hier liegt noch vie1 Neuland vor,
ein Neuland, das zugleich von verschiedenen Forschern bearbeitet
wird. Und diese Forscher wollen naturgemafi, zum Teil schon nahe
dem Ziele, den Siegcsprcis nicht den Mitbewerbern iiberlassen. Da:
her ein formlicher Kampf, in Eile und ohne Weile.
Auf diesem Gebiet der Vitamine wurde am lebhaftesten be$
arbeitet das kiinstliche Vitamin D, das bestrahlte Ergosterin: Be:
kanntlich war es im Jahre 1930 noch nicht gelungen, das Vitamin
rein darzustellen. Bei der Bestrahlung mit Ultraviolctt geht nur zum
Teil das Provitamin Ergosterin in das eigentliche Vitamin D uber;
ja bei weiterer Bestrahlung wird sogar ein Teil des bereits gebildcten
Vitamins wieder zersetzt. Und vor allem: Das kunstliche Produkt
zeigt nicht allein die antirachitische Wirkung, sondern bei sehr gro8er
Uberdosierung auch toxische Eigenschaftcn. Deshalb erhob sich die
immer wieder erorterte Frage: Welcher Art ist die toxisch wirkende
Substanz, ist sie i d e n t i s c h mit der antirachitisch wirkenden?
Liegt also bei der Schadigung durch Uberdosierung wirklich einc
Hypervitaminose vor? Oder entstehen hier vielmehr nebeneinandcr
zwei verschiedene Substanzen, eine heilkraftige und eine andere
schadliche? Oder endlich, ist die toxisch wirkende Substanz vielleicht
ein Produkt der Uberbestrahlung, also ein Zersetzungsprodukt?
Inmitten dieser Erorterungen erschienen Arbeiten von K i s c h
und R e i t e r O)). Die Autoren teilten mit, es sei ihnen gelungen, ein
einheitliches Produkt herzustellen, das sich als hochst wirksam er:
weise und keinerlei schadliche Wirkungen hervorrufe. Da s hatten
sie dadurch erreicht, d a8 sie nicht Strahlcn unter einer bestimmtcn
Wellenlange anwendcten. - Diese Veroffentlichungen riefen eine
Diskussion hervor, die zum Teil recht heftige Formen annahm. Um
so angenehmer beriihrte die wissenschaftlich zuriickhaltende Art, in
der W i n d a u s hierzu Stellung nahm'). Windaus fuhrte aus, es sei
auch nach seiner Erfahrung sicher, d a8 bei Verwendung versehies
dener Strahlenquellen und verschiedener Filter die Zusammensetzung
der Bestrahlungsprodukte wechsle. Aber er habe andererseits fest:
gestellt, dafl in diesen verschiedenen Produkten das Verhaltnis von
der antirachitischen zur toxischen Grenzdosis stets das ungefahr
gleiche ware. Er sei deshalb der Ansicht, daf3 der toxische Faktor zus
gleich mit dem antirachitischen entstande.
:I
Dtsch. med. Wchschr. 1930, Nr. 48; 1931, Nr. 6.
Dtsch. med. Wchschr. 1931, 679.
Neue Arzneimittel des Jahres 1931
191
Diese Ansicht hat sich offenbar bewahrheitet. In L i e b i g s
Annal e d) namlich erschien eine vie1 gelesene Arbcit von W i n d a u S ,
A. L u t t r i n g h a u s und M. D e p p e . In dieser Arbeit setzte
W i n d a u s auseinandcr, da8 es ihm und seincn Mitarbeitern end:
lich nach vierjahriger Arbeit gelungen sei, das Vitamin D in reinem,
kristallisiertem Zustande zu gewinnen. Das sei auf chemischem
Wege gelungen. hauptsachlich dadurch. da8 aus dem bisherigen
Mischprodukt die nicht wirksamen Anteile durch Binden an Malein.
saureanhydrid bzw. Citrakonsaureanhydrid abgetrennt wurden. Z U ~
gleich aber berichtete W i n d a u s , da8 es englischen Forschern gel
lungen sei, eine neue hochst wirksame Substanz mit anderen Konr
stanten zu gewinnen, die sie ,.Calciferol" nannten. Dieses Produkt
war auf physikalischem Wege isoliert, durch vorsichtige Fraktionierung
im Hochvakuum. - Dicse Arbeit war aber noch nicht veroffcntlicht.
Da muate W i n d a u s in einer FuBnote hinzufugen, da8 sein friis
herer Mitarbeiter, Dr. L i n s e r t , im Elberfelder Laboratorium der
1. G. Farbenindustrie ein drittes Vitamin D mit wieder abweichen.
den Konstanten hergestellt habe. So schienen drei verschiedene
kristallisierte Vitamine D zu bestehen: 1. Das Calciferol der Engs
lander. 2. Das Vitamin Di von W i n d a u s . 3. Das Vitamin Ds
von L i n s e r t .
Das war im September 1931. Und schon im Dezember faBte
L u t t r i n g h a u s neue Ergebnisse in der Ch emik e r iZ e it~ n g ~etwa
)
so zusammen: Es lag von vornherein die Annahme vor, dalS in den
drei genannten Produkten eine einzige Komponente vorhanden sei,
die allein die Wirksamkeit bedinge. Diese Hoffnung scheint sich
erfullt zu haben. Die Englander haben erklart. daR ihr Calciferol
ein Gemisch sei von Vitamin D2 mit einem Uberhitzungsprodukt
dieses Vitamins. Bezuglich des Vitamins Di hat W i n d a u s auss
gesagt, da 8 eine Additionsverbindung vorlage des Vitamins D3 und
eines unwirksamen Bestrahlungsproduktes. Der eigentlich wirksame,
einheitliche Stoff ist hiernach das Vitamin D2 von L i n s c r t.
Dieses Vitamin Dt ist eine schon kristallisierte Substanz, isomer
dem Ergosterin und luftbestandig, wenigstens so luftbestandig wie
das Ergosterin. Die vicl beklagte Autoxydation kommt den bis:
herigen Begleitstoffen zu, die dann durch Sauerstoffubertragung das
anwesende Vitamin allmahlich zerstorten. Schmelzpunkt 116O. Die
Wirksamkeit ist eine auaerordentlich grof3e. Die antirachitische
Grenzdosis (an Ratten bestimmt) betragt 0.00002 mg = ~ u 2o o 6 g!
0 ~
Jetzt, an diesem kristallisierten Produkt konnte auch mit gro8erer
Sicherheit gepruft werden, ob die toxische Wirkung dem Vitamin selbst
zukommt. Tatsachlich ist das antirachitisch hijchstwirksame Vita.
min Dt auch das giftigstc. Doch betragt die toxische Grenzdosis (an
der Maus gemessen) 0.05 bis 0.075 mg. Das ist etwa das Viers bis
Fiinftausendfache der an der groeeren Ratte ermittelten antis
rachitisehen Grenzdosis. Diese Spanne und damit die Unschadlichs
8)
0)
Band 489, 252.
Chem.:Ztg. 1931, 956.
192
J. H e r z o g
keit des Mittels ist also eine ungemein groBe (falls man die ein:
schlagige Empfindlichkeit der Nagetiere ohne weiteres auf die der
Menschen ubertragen kann). Zur Vermeidung von Miherstandnissen
sei noch hinzugefiigt : Die maBgebenden Forscher behaupten nicht
mit Bestimmtheit, dai3 das kiinstliche Vitamin D identisch ist mit
dem natiirlichen, sie halten es aber aus vielen Griinden fur sehr
wahrscheinlich.
Ich mochte diesen Abschnitt nicht schlienen, ohne die nachs
denklichen Worte hinzuzufiigen, die W i n d a u s seiner Septembers
arbeit vorangcsetzt hat: ,,Ah wir im Januar 1927 fanden, daR das
Ergosterin bei der Ultraviolcttbestrahlung in einen hochst wirksamen
Stoff, ein Vitamin D, iiberging, glaubten wir mit Bestimmtheit, dan
es uns bald gelingen wiirde, dieses Vitamin selbst in reinem kristalli:
sierten Zustand zu fassen. Diese Hoffnung hat getiiuscht, es hat
uber vier Jahre gedauert, bis dieses Ziel erreicht worden ist. Wenn
ich jetzt auf die Arbeit dicser vier Jahre zuruckblicke, sehe ich ein,
wieviel unnotige Umwege meine Mitarbeitcr und ich gemacht haben,
bis wir zum Erfolge gekommen sind. Aber so ist cs wohl meistens."
- Diese Worte sind wohl besonders bezeichnend fur Forscherarbeit
im allgemeinen und fur diesen Forscher im speziellen. Sie sind
zudem gesprochen, als das erschnte Ziel noch nicht ganz erreicht war.
A n das kiinstliche Vitamin D schlicBen sich aber noch Fragen,
die das praktische Interesse des Apothekers wachrufen. Es fragt
sich namlich: Welcher Arzneistoff wird in der Therapie die Oberhand
behalten, der altgewohnte Lebertran oder das bestrahlte Ergosterin?
Hierzu hat zunachst dcr bekannte norwcgische Pharmakologe
P o u 1 s s e n lo),
Oslo, das Wort genommen. Er fuhrt zwei Arbeiten
von amerikanischen Forschern an. In der ersten Arbeit (von B a r n e s,
B r a d y und J a m e s) berichten die Autoren, sie hiitten zur Prufung
216 Kinder herangezogen, die sie in vier Gruppen teilten. Die erste
Gruppe erhielt eine bestimmte Menge bestrahltes Ergosterin (offen:
bar ameriknnischen Ursprungs), die zweite Gruppe eine a n rachii
tischen Ratten bemessene, etwa gleichwertige Menge Lebertran; die
dritte Gruppe erhielt zu diesem Lcbertran noch eine wesentliche
Menge bestrahltes Ergosterin, wahrend die vierte Gruppe ohne antis
rachitischc Behandlung blieb, also gewissermaBcn den blinden Ver:
such bildete. Die angegebenen Resultate lauten recht auffallend:
Das bestrahlte Ergosterin verhinderte oder heilte Rachitis nur in 44%
der untersuchten Falle. Die Ergebnissc in dieser Gruppe waren nicht
deutlich besser als die in der Kontrollgruppe 4. Dagegen verhinderte
oder heilte der Lebertran in 95% der untersuchten Falle die Rachitis.
Endlich lien sich durch Zusatz von bestrahltem Ergosterin zum Leber:
tran eine Uberlegenheit des Gemisches nicht feststellen.
Die zweite amerikanische Arbeit, bei der das amerikanische Pras
parat ,,Viosterol" verwendet wurde, kam zu ahnlichen Ergebnissen.
Wir konnen dariiber hinweggehen. Bedeutsamer aber erscheint, mit
welchen Grunden P o u 1 s s e n diese Ergebnisse zu erklaren sucht.
P o u 1s s e n sagt, die Begriindung lage nahe: Die Rattenrachitis
10)
Dtsch. med. Wchschr. 1931, 664.
193
Neue Arzneimittel des Jahres 1931
werde so erzeugt, da8 man in der Nahrung vor allem das Vitamin D
fehlen lasse. Es bestande also cine reine DsAvitaminose, die ents
sprechend durch das fehlende Vitamin D (eben das bestrahlte
Er osterin) geheilt werde. Dagegen lagen beim Menschen die Vers
ha tnisse verwickelter. Hier kamen zwei Vitamine in Betracht, das
Vitamin D fur die Verknocherung des Skeletts und das Vitamin A
fur die normale Entwicklung des Korpers. Diese b e i d e n
Vitamine seien im Lebertran cnthalten, die Behandlung mit bestrahls
tem Ergosterin ware nur cine unvollstandige Therapie.
Diese Ausfuhrungen sind aber durchaus nicht unwidersprochen
geblieben. Zuerst au8erte sich der Kinderarzt S. B ii c h n e r ")
dahin, da8 er den gro8en Wert des Lebertrans durchaus nicht in
Abredo stellen wolle. Aber Einspruch musse er erheben gegen die
viillige Aufierachtlassung der nicht minder vorzuglichen Erfahrungen
mit den d e u t s c h e n Ergostcrinpraparaten. Erst mit Hilfe dieser
Praparate sei es moglich geworden, Friihgeburten, jungen Sauglingen
und empfindlichen gro8ercn Kindern hinreichende Mengen von
DsVitamin zuzufuhren.- Noch weit scharfer geht W. St o e 1 t z n e r")
vor. Das beweist schon die Uberschrift seines Artikels: ,,Lebertrans
handel und Wissenschaft." Der Autor erkennt zwar P o u 1 s s e n
als ,,hervorragenden Pharmakologen" an, meint aber, die betref fenden
Versuche waren anscheinend mit unwirksamen Praparaten ausgefuhrt.
Auch ware die Behauptung, bei der Rachitis bzw. ihrer Behandlung
ware nicht nur DsVitamin erforderlich, sondern auch Asvitamin,
durchaus unbewiesen, eine Hypothese. In der Arbeit seien die
,,millionenhaften Erfahrungen, die die auflerordentliche Uberlegenheit
des bestrahlten Ergosterins so klar erwiesen" hatten, unberucksichtigt
geblieben. Vor allem aber beklagt es der Autor, da8 der Aufsatz
von P o u 1 s s e n in Broschurenform von norwegischen Lebertrans
firmen zu Propagandazwecken in Deutschland versendet wiirde,
ebenso ein Druckheft von einem ,,Amtlichen Komitee zur Forderung
des Gebrauchs von norwegischem Medizinaltran". - Also vorlaufig
Behauptungen gegen Behauptungen.
Auch auf dem Gebiet der anderen Vitamine herrscht reges Leben:
Professor E u 1 e r hat kurzlich vor der Kaiser~WilhelmsGesellschaft
uber Entdeckungen berichtet, die er gemeinsam mit Prof. K a r r e r
auf dem Gebiet des WachstumssVitamins A gemacht hat. Es wurden
hier zunachst die Zusammenhange zwischen Carotin und dem
Vitamin A besprochen, auf die ich leider hicr nicht naher eingehen
kann. Erwahnen will ich nur, da8 es den Forsehern gelang, einen
Stoff herzustellen, der tausendfach starker ist als die bisherigen. Auch
die Konstitution dieses Vitamins A scheint aufgeklart zu sein. Es
erscheint daher nicht unmoglich, da8 einmal ein kunstlichcr ,,Lebers
tran" erscheinen wird, der kiinstliches Vitamin A und kunstliches
Vitamin D enthalt.
Auch das Vitamin B ist naher erkannt, das sogenannte ,,Antis
neuritin", dessen Anwesenheit in der Nahrung das Auftreten von
f
11)
12)
Med. Welt 1931, 1084.
Munch. med. Wchschr. 1931, 1290.
Archiv und Berichte 1932.
Is
194
J. H e r z o g
vorwiegend nervosen Storungen verhindert, dessen Fehlen z. B. die
Beriberikrankheit herbeifiihrt. Nach den neuesten Arbeiten, bei
denen wieder W i n d a u s tatig ist (s. Dtsch. med. Wchschr. 1932,S.65),
enthalt dieses Vitamin auBer Stickstoff auch Schwefel.
Das alles ist hochst erstaunlich. Das Erstaunlichste aber ist die
Kunde, die vom Vitamin C, dem AntiskorbutrVitamin, kommt. Nach
der ChernsZtg. 1931, S.965, hat 0. R y g h , auch ein friiherer MitS
arbeiter von W i n d a u s , vor der Norwegischen Akademie der
Wissenschaften in Oslo einen Vortrag iiber eine Arbeit gehalten,
die er gemeinsam rnit seiner Frau und einem weiteren Mitarbeiter
durchgefiihrt hat: Es lag nahe, das Vitamin C im Saft der Citrus.
friichte, 2.B. der Apfelsinen, zu suchen, die neben Zitronen den
Seefahrern schon seit langem als Mittel gegen Skorbut bekannt
sind. Die Forscher haben zunachst den Saft bei moglichst niedriger
Temperatur im Vakuum eingedampft und den Ruckstand mittels
Ausschiitteln mit Ather von ,,Ultropfchen" befreit. Dann sind die
Autoren so vorgegangen, wie es etwa bei Isolierung der Alkaloide
geschieht. Das heifit, sie haben die klare Losung auBerst schwach
mit Natronlauge alkalisiert und wieder mit Ather ausgeschiittelt.
Nach Verdunsten des Athers verblieben wenige Kristalle und ein Ul,
das sich als kraftig antiskorbutisch erwies. Als sodann die Forscher
unreife Friichte verarbeiteten, erhielten sie wenig 01, aber die Krii
stalle in grokrer Menge und stellten zu ihrem Erstaunen fest, dafi
diese Kristalle identisch sind mit Narkotin, dem Alkaloid des
Opiums! Da das Narkotin selbst nicht antiskorbutiseh wirkt und
in den reifen Friichten kaum mehr vorhanden war, drangte sich den
Forschern der Gedanke auf: Das Narkotin in den unreifen Friichten
ist das Provitamin und geht beim Reifen der Friiehte in das eiqents
liehe Vitamin C uber. Und tatsaehlich soll eine willkiirliche tfbers
fiihrung bereits nach zwei Verfahren gelungen sein. Erstens auf
physikalischem Wege, durch Ultraviolettbestrahlung. Diese Ubers
fiihrung findet nur in geringem MaBe statt. Immerhin ware das ein
Analogon zur Uberfiihrung von Ergosterin in das Vitamin D. Aber
auch auf chemischem Wege soll die Umwandlung gelungen sein.
Wenn man im Narkotin (das bekanntlich drei Methoxylgruppen
besitzt) in den beiden benachbarten Methoxylgruppen das Methyl
abspaltet, so soll das entstandene osDipheno1 gegen starken Skorbut
der Meerschweinchen hochst wirksam sein, und zwar schon in TagesS
dosen von 20 bis 30 y, d. h. 0.000.020bis 0.O00.030 8.
Also nach den bisherigen Behauptungen: Narkotin ist im Saft
von Apfelsinen enthalten, hauptsachlich im Saft u n r e i f e r Apfels
sinen. Es ist als das Provitamin zu betrachten, das beim Reifen der
Fruchte, beim Bestrahlen mit Ultraviolett, durch Abspaltung zweier
CHsSGruppen in das Vitamin C iibergeht!
Wir kommen schliefilich zur Klasse der Hormone. Diese Klasse
ist gewil3 nicht unserer Interessensphare entriickt, wohl aber (mehr
noch als die Vitamine) unserer Arbeitssphare. Ich mu8 es mir
&her versagen, allgemeiner auf die wichtigen Errungenschaften dieses
Gebietes einzugehen, mochte vielmehr nur auf eine Arbeit eingehen,
I95
Neue Arzneimittel des Jahres 1931
die gerade vom Standpunkt der Chcmie ein ganz besonderes Interesse
bietet. A. B u t e n a n d t Is) fiihrte namlich etwa folgendes aus: Man
mu8 annehmen, da8 die Hypophyse und die Keimdriisen gemeinsam
die Sexualhormone im weiteren Sinne erzeugen. Und zwar hat es
den Anschein, als ob dern Vorderlappen der Hypophyse die Aufgabe
zufallt, ein unspezifisches Geschlechtshormon zu erzeugen; dadurch
aber werden die Keimdrusen erst in den Stand gesetzt, die spezifischen
Geschlechtshormone zu produzieren, also vor allem: Einerseits das
weibliche Sexualhormon, das Follikelhormon,, andererseits das mannr
liche Sexualhormon, das Testikelhormon.
B u t e n a n d t hat es sich nun mit seinen Mitarbeitern und
zugleich neben andereii Forschern zur Aufgabe gemacht, die wirkr
samen Stoffe zu isolieren, um genauer ihr Vorhandensein, ihre physior
logischen Aufgaben zu erkennen und womoglich ihre chemische
Konstitution zu erkennen.
Im Jahre 1929 berichtete der Forscher, da8 es gelungen sei, aus
dem Harn schwangerer Frauen ein Kristallisat (Fp. 2 5 6 O ) zu gewinnen.
das nach seiner jetzigen Uberzeugung mit voller Bestimmtheit als
das reine Follikelhormon anzusehen ist. Erfreulicherweise ist es
auch B u t e n a n d t und seinen Mitarbeitern gelungen, wichtige
Aufkliirungen in chemischer Beziehung durchzusetzen, trotz grol3er
Schwierigkeiten. Diese Schwierigkeiten bestanden darin, dal3 naturs
gemal3 nur eine sehr kleine Substanzmenge zur Verfiigung stand,
und daB ferner sowohl das Hormon wie seine Derivate sich nur
auBerst schwer verbrennen lieBen.
Zunachst ist fur dieses Follikelhormon die Formel CisHz101
weitgehend sichergestellt. Vor allem aber gelang es, die Funktion der
beiden 0 aufzuklaren: Das eine liegt vor in Form einer Karbonyls
ru pe, erwiesen durch Darstellung eines Oxims und eines Semis
fargazons; das andere ist enthalten in Form eines Hydroxyls, nachr
ewiesen durch Bildung eines Azetates, eines Benzoates und eines
ethylathers. - Als ganz besonders wichtig hebt der Autor noch
folgende zwei Punkte hervor: 1. Das Follikelhormon zeigt schwach
sauren Charakter. Denn es laBt sich durch schwache Alkalilosung
herauslosen, daraus freilich durch Xther wieder extrahieren. 2. Das
Hormon zeigt ungesattigten Charakter. So wurde z. B. ein Dihydros
desoxyrDerivat hergestellt.
Weiterhin berichtet nun B u t e n a n d t, da8 es ihm auch gelungen
sei, aus Mannerharn ein Kristallisat herzustellen, das die Eigenschaften
des mannlichen Sexualhormons zeigt, z. B. bei jungen Kapaunen den
Kamm wachsen lafit. Ein ,,Rohol", aus dem Harn hergestellt, wurde
von der Firma ScheringsKahlbaum geliefert und daraus durch Herausr
losen mit AlkohoI, durch Fallen usw. ein ,,gereinigtes UI" hergestellt.
Jetzt nahmen die Forscher die Erfahrungen zu Hilfe, die sie bei
Erforschung des Follikelhormons gesammelt hatten, d. h. sie be;
handelten das gereinigte 01 einerseits mit KetonG, andrerseits mit
HydroxyCReagenzien. Un,d tatsachlich gelang die Herstellung eines
kristallisierten Oxims. Aber damit waren die Schwierigkeiten noch
R
la)
Ztschr. angew. Chem. 1931, 905.
13.
106
J. H e r z o g
bei weitem nicht iiberwunden. Denn als die Forscher das Oxim mit
verdiinnten Sauren spalteten, stellte es sich heraus, da8 sowohl beim
Oxim wie bei dem Spaltprodukt Mischkristalle vorlagen. Durch fraks
tionierte Sublimation im Hochvakuum lie8 sich das Produkt trennen
in einen weit groBeren unwirksamen Teil und einen kleinen wirks
samen Teil. ' Uber letzteren sagt dann B u t e n a n d t wortlich: ,,Trot2
aller Vorsicht, die bei der Reindarstellung eines physiologischen
Stoffes geboten erscheint, mochten wir glauben, das miinnliche
Sexualhormon in kristallisierter Form bcreitet zu haben; ob cine voll:
standige Reindarstellung erfolgt ist, .. . mu8 durch weitere sorgfaltige
chemische und physiologische Versuchsreihen gepriift werden."
Es wurden insgesamt 15 mg an kristallisiertem Hormon ges
wonnen, die nach Schatzung auf Grund der physiologischen Wirks
samkeit als Inhaltssubstanz von etwa 25 O00 1 Mannerharn anzm
sehen sind. Trotz dieser unendlich kleinen Menge werden wieder
wichtige Einzelheiten gemeldet: Der Schmelzpunkt liegt bei 178O; die
Analyse spricht gutstimmend fur die Formel CisHzsO~. Ferner
scheinen wieder die Funktionen der beiden 0 aufgeklart. Das eine 0
war bereits in der Form des Ketons (durch Bildung des Oxims)
erwiesen; das andere 0 scheint wieder einer Hydroxylgruppe anzus
gehoren, wenigstens wurde eine solche Gruppe ,,qualitativ" durch
Behandlung rnit Essigsaureanhydrid nachgewiesen. In der Funktion
der beiden 0 scheint also Ubereinstimmung bei den beiden Hormonen
vorzuliegen. Zeigt aber das Follikelhormon schwachssauren und unges
sattigten Charakter, so erweist das Testikelhormon neutrale und ges
siittigte Natur; wenigstens konnte bei der kleinen zur Verfugung
stehenden Menge kein Bromverbrauch nachgewiesen werden. Es
herrschen also zwischen den beiden Hormonen ebenso hochinters
essante Ubereinstimmungen wie Gegensatze.
Und nun gestatten Sie mir zum SchluB noch eine kleinc Abs
schweifung. Eine Frage, die schon seit langem unseren Stand sorgens
voll beschaftigt, ist die: Wird die Spezialitatenflut noch immer
weiter ansteigen, wird sie das eigentliche Arbeitsgebiet der Apotheker,
die eigene Herstellung von Arzneimitteln, noch weiter zerstorend
iiberfluten? Und wie ist heute iiberhaupt der Stand der Dinge?
Ich wei8 wohl, da8 eine auch nur einigermakn erschopfende
Beantwortung dieser Frage eine sehr breite Grundlage, ein aul3er:
ordentlich g r o k s Material erfordert. Schon die Besprechung einer
solchen Frage konnte einen ganzen Abend fur sich beanspruchen.
Aber ich mochte einen bescheidenen Anfang machen und auf
statistischer Grundlage festzustellen suchen, wie diese Bewegung
wenigstens bei einigen der wichtigsten Mittel verlauft.
Die Zahlen, die ich als den Verbrauch bestimmter Arzneimittel
angebe, entnehme ich den Abgabeziffern der Hageda und glaube
sagen zu konnen, d a 8 sie als Durchschnittszahlen gelten konnen. Absolute Zahlen kann ich natiirlich nicht nennen; das wiirde unsere
Interessen wie die unserer Lieferanten verletzen. Deshalb gilt 1 als
der Verbrauch des Mittels im ersten Jahr. Beim doppelten Verbrauch
wurde dann die Zahl 2 resultieren, beim halben Verbrauch die
Neue Arzneimittel des Jahres 1931
197
%ah1 ill. - E i n e n Fehler aus dieser Rechnung kann ich freilich
nicht ausschalten: Wir leben in einer Zeit hoher wirtschaftlicher Not,
die naturlich auch auf den Verbrauch an Arzneimitteln stark eins
wirkt. Wiirde dieser Druck IeichmaBig auf allen Arten der Mittel
lasten, so wurde das Vergleic sbild dadurch nicht verandert wcrden.
Aber die grol3te Einschrankung wird naturlich bei den teuersten
Mitteln eintreten. Diesen Fehler kann ich - wie gesagt - nicht
vermeiden.
R
is
, 14b31.2
(ni 1.1
LO
010
18
L7
10
,I5
14
13
::
LO
I
,
I
I
Wir sprachen vorher von den wirtschaftlichen Antagonisten:
Einerseits Lebertran, andrerseits ,,bestrahltes Ergosterin". Ich habe
daher in der Kurve I den Verbrauch an Lebertran in den letzten
funf Jahren geschildert. Sie sehen bis Ende 1929 einen leichten
Anstieg. Dann erfolgt wohI ein Abstieg, aber in so geringem Mafie,
da8 er mehr auf die Not und die Notverordnungen hinweist, als auf
ein Zuruckgehen des Mittels. Ich fuge hinzu, dal3 ich auch eine Kurve
des Verbrauchs an Praparaten des bestrahlten Ergosterins entworfen
198
Neuc Atzncimittel des Jahres 1931
habe; ich mochte aber das Bild nicht vorfuhren, da die Herausgabe
dieses MitteIs das Reservat zweier bekannter Firmen ist. Es mu8
uns genugen, da8 der Lebertran offenbar seine Stellung bisher ges
wahrt hat.
Zu den wichtigsten Mitteln gehoren Jod und seine Praparate.
Ich habe deshalb den Verbrauch an den vier wichtigsten jodhaltigen
Spezialitaten zusammen efa8t und in der Kurve 11 geschildert. Sie
sehen hier nach einem sc on sehr groRen Verbrauch im Jahre 1929einell
jahen Anstieg im Jahre 1930 auf das Einundeinhalbfache. Diesen
Anstieg fuhre ich auf die jetzt so ausgebildete Propaganda zuriick,
den leichten Abstieg wieder auf die Not. - Demgegenuber ist aber
hervorzuheben, daI3 sich (nach Kurve I11 und IV) der Verbrauch an
Jod in Apotheken zufriedenstellend gehalten, der Verbrauch an
Kaliumjodid sich sogar noch etwas gehoben hat. Ich kann dem
hinzufugen, daB auch die absolute Menge dieser und ahnlicher Mittel,
die in deutschen Apotheken verarbeitet oder dispensiert wird, sich
im Verhaltnis zu den Spezialitaten noch auf zufriedenstellender 'Hohe
halt. Das pharmazeutische ,,Pol.en" ist noch nicht verloren.
Endlich interessierte mich die Frage, welchen Platz sich eine
Klasse neuester und wertvollster Praparate, die Klasse der Leberpraparate, erworben hat. Es sind hier zu den Trockenpraparaten und
Extrakten auch die zuletzt heraus ebrachten injizierbaren Mittel
hinzugezahlt. Der Verbrauch im Ja re 1929 war sicher recht groB,
er stieg im Jahre 1930 auf das l$fache. Wie nicht anders zu erwarten,
brachte dann das trube Jahr 1931 wiederum einen kleinen Abstieg.
Das war wohl der erste Versuch, diese vie1 erorterten und doch
so schlecht faBbaren Verhaltnisse etwas zu klaren. Ich weiB wohl,
der Kampf zwischen den in den Apotheken hergestellten Arzneimitteln und den Spezialitaten ist noch lange nicht ausgefochten. Ich
ware deshalb wohl begierig, zu sehen, wie etwa nach funf Jahren
cliese Kurven fallen und wie sie steigen.
R
t
Bucherschau.
Handbuch des Deutechen ApothekersVerelas, 21. Jahrgang, 1931. Berlin
1931. Verlag des Deutschen ApothekerpVereins. 234 Seiten. Preis 5 Mark. Berichterstatter: P. S i e d 1 e r , BerliniZehlendorf.
Auch der vorliegende 21. Jahrgang des seine Aufgabe stets in gewissens
hafter Weise erfiillenden Handbuchs bringt zuniichst die fachlich inters
essierenden Gesetze und Verordnungen des Deutschen Reiches und der
Lander. Hieran schlieaen sich Berichte iiber Rechtsprechung. iiber Verkehr
mit Arzneimitteln, Warenzeichen, Statistiken iiber Apothekenzahl, Ap robas
tionen, Drogenhandlungen, Konzessionen, Prufungen, Studierende u n 8 iiber
Umsatzgliederun
Es folgen Berichte uber innere AngeIe enheiten des
Deutschen A ot ekervereins sowie uber Tarife. endlich Anga en uber Ges
halteabziige. &,ern,
Versicherungen und eingezogene Heilsera.
Aus dieser kurzen Inhaltsangabe diirfte der Wert des Handbuchs als
zuverliissiges Auskunftsmittel hinreichend hervorgehen.
8.
f
Документ
Категория
Без категории
Просмотров
4
Размер файла
1 005 Кб
Теги
arzneimittel, jahre, 1931, des, neues
1/--страниц
Пожаловаться на содержимое документа