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Serologie unter besonderer BerUcksichtigung der Serodiagnostik und Serotherapie der Infektionskrankheiten.

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Serologie der Infektionskrankheiten
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Neuere Forschungsergebaisse.
51. Hellmut Anton:
Serologie unter besonderer Beriicksichtigung der Serodiagaostik
und Serotherapie der Infektionskrankheiten.
Eingegangen am 22. August 1935.
Im folgenden SOU versucht werden, dem Pharmazeuten auf gedrangtem Raum einen Uberblick uber die Forschungsergebnisse der
letzten funf Jahre auf dem Gebiete der Serologie zu geben. Dieser
Bericht schlieBt sich einetn fruherl) hier fur den gleichen Zeitraum
gegebenen Uberblick uber die Forschungsergebnisse der Bakteriologie unter besonderer Berucksichtigung experimentell-therapeutisch wichtiger Fragestellungen eng an.
Das Gebiet der Serologie zerfallt in die Serologie in engstem
Sinne, worunter wir mit H. S c h m i d t die eigentlichen ,,Reagenzglasphanomene" verstehen, und das grone Gebiet der Irnmunitatsforschung.
Das Studium der Reagenzglasphanomene liefert die Bausteine zu
den serodiagnostischen Verfahren.
In dem bakteriologischen Referat wurde bereits darauf hingewiesen,
da8 die Zufuhrung sog. Antigene im Blute eines immunisierungsfahigen
Organismus die Bildung von Antikorpern ausliist. Die Antigene
konnen in den Krankheitserregern selbst oder in deren Stoffwechselprodukten (Toxinen) bestehen. Es ist nun eine der kennzeichnenden
Eigenschaften der Antigene, mit den homologen Antikorpern sog.
Antigen-Antikorperreaktionen einzugehen, die auf spezifischer Bindung von Antigen an Antikorper beruhen. Hierher gehoren die
Erscheinung der Prazipitation und Agglutination, der Komplementbindung, der Giftneutralisation, Zellauflosung, Phagozytose und Anaphylaxie-Erzeugung. Das eingehende Studium der Antigen-Antikorperreaktionen fuhrte zur Entwicklung der Methoden der Serodiagnostik.
Zu den Antigen-Antikorperreaktionen gehort auch die Erscheinung der Hamagglutination. Man versteht hierunter die Fahigkeit der
im normalen Blutserum vorhandenen Agglutinine, artfremde Blutzellen zur Zusammenballung zu bring en. Neben diesen gegen artfremde Blutzellen gerichteten Heteroaggfutininen finden sich im
menschlichen Blutserum und im Blutserum vieler Tiere auch noch
sog. Isoagglutinine, die arteigene Blutzellen zu agglutinieren vermogen. Auf ihrer Erforschung griindet sich die forensisch au8erordentlich wichtige Methode der Blutgruppenbestimmung, die seit
1927 durch die Auffindung weiterer bisher unbekannter serologischer
Eigenschaften des Blutes durch L a n d s t e i n e r und L e v i n e noch
erheblich an Bedeutung gewonnen hat.
Hier sol1 uber die Ergebnisse der Serologie in engstem Sinne,
also die eigentlichen Reagenzglasphanomene, nur so weit berichtet
1) Arch. Pharmaz. Ber. Dtsch. Pharmaz. Ges. 273, 239 (1935).
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Hellmut Anton
werden, als ihre Kenntnis zum Verstandnis der neueren Methoden der
Serodiagnostik und der Blutgruppenforschung crforderlich ist. Daneben sol1 eine kurze Ubcrsicht gegeben werden uber die neuen Erkenntnisse und Methoden auf dem Gebiet der Serumprophylaxe und
Sero t he rap ie.
Die chemische Natur der Antigene ist auch durch die neueren
Forschungen keinesfalls geklart. Dic bisher in der Regel vertretene
Annahme, da13 ein Anfigen unbedingf Eiwei/.? enthalten mu& kann
heute nicht mchr aufrechterhalfen wcrden. Es gelang namlich
Z o z o y a durch Bindung von stickstoffreien Polysacchariden an
K.ollodiumteilchen, dieselben so wcit antigen wirksam zu machen, d a 8
nach Einverlcibung in den tierischen Organismus Antikorper gcbildet
wurden, die im Reagenzglas mittels Prazipitation nachweisbar
waren. Im Vordergrund der serodiagnostischen Verfahren stehen diejenigcn Methodcn, die auf dem Prinzip der Komplementbindung beruhen. Eine seit langem bekannte derartige Reaktion ist die
W a s s e r m a n n sche Reaktion zurn Nachweis der Syphilis. Das ihr
zugrundeliegende Prinzip ist das folgende: Im Serum von Kaninchen,
dencn rote Blutkorperchen vom Hammel in jiziert wurden, bildet sich
ein Antikorper (hamolytischer Ambozeptor), der bei Gegenwart eines
weiteren im normalen Kaninchenserum vorhandenen Stoffes, des sog.
Komplemenfes, in der Lage ist, rote Blutkorperchen vom Hammel
zur Losung zu bringen (Hamolyse), wobei das Komplemenf verbrauchf
wird. Dieser Vorgang la& sich im Reagenzglas demonstrieren. Das
Komplemenf wird im Gejiensatz zum hamolytischen Ambozeptor
durch Erhifzen des Serumts auf 56O zerstort. Auf 56O erhitztes Kaninchenscrum vermag also, auch wenn es den hamolytischen Ambozeptor
enthalt, nicht mehr, rote Blutkorperchen vom Hammel zu losen: es
ist ,,inaktiviert". Setzt man jedoch diesem inaktivierten Serum
normales Kaninchcn- oder Meerschweinchenserum hinzu, so wird es
wieder ,,akfivierf". Das Komplement ist also auch im normalen Serum
vorhanden.
Im Serum dcs Syphilitikcrs entsteht nun ganz entsprechend eine
Substanz (syphilifischer Ambozepfor), die antigen wirkt, d. h. die
Bildung von Antikorpern anregt. Dieser gleichfalls hitzebestandige
syphilitische Ambozeptor vermag in Gegenwart seines Antikorpers,
genau wie der hamolytische Ambozeptor, Komplement zu binden.
Bringt man nun abcr inaktiviertes Patientenserum mit dem
syphilitischen Ambozeptor und normalem Meerschweinchenserum
(Komplement) im Reagenzglas zusammen und fiigt nach einer gewissen Zeit noch das sog. hamolytische System, das aus dem hamolytischen Ambozeptor und roten Blutkorperchen vom Hammel
besteht, hinzu, so tritt nur dann Auflosung der roten Blutkorperchen
ein, wenn das Patientenserum keine syphiliiischen Anfikorper enthlilt.
Im entgegengesctzten Fall ist das Komplement bereits gebunden und
die Hamolyse unterbleibt.
Die Frage nach der Nafur des syphilitischen Arnbozepfors ist
noch nicht endgiiltig gekliirt. W a s s e r m a n n neigte anfangs zu der
Serologie der Infektionskrankheiten
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Annahme, daR das Antigen fur den im Luetikerscrum entstehenden
Antikorper im Spirochateneiweifi zu suchen sei, eine Annahme, die
in dieser Eindeutigkeit fallengelassen werden muRte, als sich herausste!lte, dais auch alkoholische Exfrakfe aus normalen Organen als
Ambozepfor dienen konnen. Man nahm dann an, dafi die Bildung
des nachweisbaren Antikorpers auf das Vorhandensein solcher
Antigenc zuriickzufiihren sei, die im Verlauf des pathologischen Geschehens im Korper des Syphilitikers selbst entstunden, insbesondere
auf durch Zellzerfall frei werdende korpereigene Lipoide. Diese Erklarung stief3 aber auf die Schwierigkeit, da13 keine Beweise dafur
erbracht werden konnten, daR auch Lipoide antigen wirken konnen.
Ferner gelang es nicht, durch Injektion alkoholischer Organextrakte
bei Nichtsyphilitischen Antikorperbildung und damit positive
Komplementbindungsreaktion zu erzielen. Diese Schwierigkeit wurde
durch die Entdeckung von L a n d s t e i n e r und S i m s behoben,
nach der e s gelingt, Lipoiden durch Kombination mit Proteinen
antigene Funktionen zu verleihen. Nur in Verbindung mit artfremdem
Eiwei8, dem sog. Schlepperantigen (S a c h s) sollen ,,Hapfene" antigen
wirken konnen. Wenn auch in neuerer Zeit u. a. H. S c h m i d t
darauf aufmerksam gemacht hat, d a8 die Hapten-Schleppertheorie
in dieser strengen Form nichf halfbar ist, weil, wie bercits oben
angefuhrt, durch die Untersuchungen von Z o z o y a u. a. gezeigt
wurde, daR die Annahme, nur Eiweifl konnfe ein Hapfen kompleffieren, falsch ist, so kommt doch auch K 1 o p s t o c k erst kiirzlich wieder auf Grund einer kritischen Wiirdigung 'der gesamten
einschlagigen Literatur zu der Auffassung, daR alles dafiir spricht,
daD das W e s e n des serologischen Luesnachweises in einer Reak fion
zwischen Lipoidhapfenen und Lipoidantikorpern des Pafientenserums
zu suchen sei. Das Schlepperantigen nach S a c h s , das artfremd sein
muR, konnte in den Organ besfandfeilen der Spirochafen qefunden
werden. Nicht geklart ist aber immer noch die Frage nach der Herkunff des Lipoidhapfens. In jiingster Zeit hat nun die Auffassung,
da4 auch das Lipoidhapten von der Spirochate stammen konnte und
damit, allerdings von andern Gesichtspunkten aus, die alte Wassermannsche Theorie von der Antigennatur der Spirochate, neue Stiitzen
gefunden. Es hat sich namlich gezeigt, da13 nicht nur durch Immunisierung mit Kulturspirochaten Antisera zu erhalten sind, die mit den
Luesleberextrakten, wenn auch nur schwach, reagieren, was schon
seit einiger Zeit bekannt ist, sondern da8 daruber hinaus sich auch
im Serum des Syphilifikers (spezifische) Spirochatenan fikorper nachwcisen lassen. G a e t h g e n s hat hicrauf eine von der Wassermannschen Reaktion prinzipiell zu trennende Methode des Luesnachweises
aufbauen konnen, die er als ,,Pallidareakfion" bezeichnet und als
Erganzung der Wassermannschen Renktion empfiehlt.
Die Originalmefhode von W a s s e r m a n n ist seit ihrer Bekanntgabe auf mannigfache Weise variiert worden. Dabei ging das Bestreben darauf hinaus, die Empfindlichkeif der Methode zu steigern,
ohne groRere Unspezififdfenin Kauf nehmen zu miissen, ein Ziel,
das nach S a c h s durchaus erreicht wurde. Auf genauere Angaben
hierzu muR a n dieser Stelle leider verzichtet werden.
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Hellmut Anton
C. L a n g e hat vor kurzem wieder einldringlichst darauf hingewiesen, da8 die Luesreagine bei niedrigem Titer durch die Hitzeeinwirkung bei der lnaktivierung restlos zerstort werden konnen
und die Moglichkeit einer Komplementbindungsreaktion mit
aktivem Serum erneut zur Diskussion gestellt. Jedoch sind die
Schwierigkeiten einer solchen Methode, gegen die auch prinzipielle
Erwagungen geltend gemacht wurden, so grol3, da8 sie sich keineswegs fur Massenuntersuchungen eignet.
Neben der eigentlichen Wassermannschen Reaktion, die ja cine
zweizeitige Reaktion ist, und ihren zahlreichen Modifikationen sind
im Laufe der Jahre auch vicle direkte Methoden zum Nachweis der
syphilitischen Blutveranderung angegeben worden, die sog. Flockungs-,
l’riibungs- und Ballungsreaktionen ( M e i n i c k e , S a c h s G e o r g i , S a c h s - W i t e b s k y , M u l l e r , K a h n u. a.). Ihre
Zahl ist in standiger Zunahme begriffen. In neuerer Zeit scheint
die M e i n i c k e - K 1 a r u n g s r e a k t i o n 11 besondere Beachtung
zu finden.
Von aUen Flockungsreaktionen hat sich insbesondere die K a h n sche Reaktion als scharf anzeigend einfach und zuverlassig bewahrt. Sie beruht im Prinzip auf der Beobachtung, daR beim
Zusammcnbringen von syphilitischem Serum und cholesteriniertem
Rinderherzextrakt in optimaler Konzentration eine direkt wahrnehmbare Flockung auftritt.
Bei einem Vergleich der Leisfungsfahigkeit der verschiedenen
Methoden, wie er z. B. auf den von der Hygienckommission des
Volkerbundes veranstaltetcn Serumkonferenzen, von denen die letzte
1931 stattfand, ermoglicht wurde, hat sich nun ergeben, da8, wahrend
die alte Wassermannsche Reaktion besonders bei Lues 1 und Lues
congenita leicht uberlegen zu sein scheint, die Flockungsreaktionen
fur die Erkennung latenter Falle nach Behandlung weit mehr Beisten.
Es empfiehlt sich daher stets, gleichzeitig neben der Wassermannschen
Reaktion eine oder inehrere Flockungsreaktionen auszufuhren. Als
die zur Zeit einfachste und beste Kombination empfiehlt 0 t t o die
gleichzeitige Ausfiihrung der Wassermannschen Reaktion und der
Kahnschen Reaktion.
Auf Grund einer im Reichsgesundheitsamt bearbeiteten Ministcrialverordnung ist nunmehr fur die Durchfuhrung der Untersuchung
in Deutschland neben der Ausfiihrung der Wassermannschen Reaktion
die Vornahme zweier Flockungsreaktionen vorgeschrieben.
Von auRerordentlichem Interesse ist ein .in neuerer Zeit von
W i t e b s k y ausgearbeitetes Verfahren, nach dem es moglich sein
soll, die beim serologischen Luesnachweis mittels Flockungsreaktion
gebundenen Antikorper aus der Antigen-Antikorperverbindung
wieder z u gewinnen. Es wird hiermit ein altes, zuerst von. W a s s e r m a n n erkanntes Problem, die Schaffung einer sog. Bestiitigrrngsreaktion, wieder aufgegriffen.
Das der W i t e b s k y schen Reaktion zugrundeliegende Prinzip
ist das f olgende: Die bei einer Flockungsreaktion, zweckmanig der
Citocholreaktion (nach S a c h s - G e o r g i) gewonnenen AntigenAntikorperflocken werden nach mehrfachem Waschen und Zentri-
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Serologie der Infektionskrankheiten
fugieren im Rohrchen mit physiologischer Kochsalzlosung eine halbe
Stunde in ein Wasserbad v-on 5 6 O gestellt. Dabei kommt es zu einer
teilweisen Wiederabsprengung der Antikorper, einer sog. Elution.
Sodann wird heiB zentrifugiert. Die klare iiberstehende Fliissigkeit
stellt die ,,Absprengungsfliissigkeit" dar, die auf Antikorperwirkung
untersucht wird, und zwar mit der Wassermannschen Reaktion, ev.
such mit einer Flockungsreaktion.
Bei positivem Ausfall der Bestatigungsreaktion mu8 die Absprengungsfliissigkeit positiv reagieren, das letzte Waschwasser jedoch
negativ sein. Handelte es sich dagegen um unspezifische Flockung,
so mifilingt der Versuch der Absprengung eines Antikorpers.
Das Verfahren hat sich nach K l o p s t o c k in der Hand von
W i t e b s k y durchaus bewahrt und ist noch entwicklungsfahig.
Wahrend die serologische Diagnostik der Lues mit Hilfe der
Wassermannschen Reaktion oder einer der Fllockungsreaktionen in
der ganzen medizinischen Welt anerkannt ist, haben sich die verschiedenen zur Serodiagnose der Gonorrhoe angegebenen Verfahren,
die in der Mehrzahl ebenialls auf dem Prinzip der Komplementbindung beruhen, bisher nicht so eindeutig behaupten konnen. Die
Hauptursache dafiir liegt wohl in der Schwierigkeit der Beschaffung
geeigneter Antigens. In den letzten Jahren nun hat sich ein von
W o 1 f e n s t e i n und P i e p e r angegebenes Gonokokkentoxin, das
unter dem Namen ,,Compligon" von der Firma S c h e r i n g - K a h 1 b a u m in den Handel gebracht wird, offenbar recht gut bewahrt
(R e t z 1 a f f , B u d 1o v s k y u. a.). Es herrscht heute, insbesondere
auf Grund der kritischen Untersuchungen von K r i s t j a n s e n , in
Fachkreisen fast Einstimmigkeit dariiber, da8 die Komplementbindungsrcaktion auf Gonorrhoe eine brauchbare und wertvolle Erganzung der klinischen und bakteriologischen Untersuchungsmethoden ist. J o h n insbesondere hat erst in neuerer Zeit wieder
darauf hingewiesen, daf3 der Spezifitatsgrad der Gonokokkenkomplerizentbindungsreaktion den der Wassermannschen Reaktion bei Lues
sogar iibersteigt.
Auch fur die Diagnostik der Tuberkulose hat sich die Komplementbindungsreaktion in gewissem Grade als brauchbar erwiesen.
Es gelang mit einigcn spezifischen Antigenen, wie denen von B e s r e d k a , von B l u m e n t h a l , von N e u b e r g und K l o p s t o c k ,
yon W i t e b s k y , K l i n g e n s t e i n und K u h n , in bis zu 91% der
exsudativen Formen der Lungentuberkulose, in weit geringerem Grade
allerdings bei den produktiven Formen, positive Resultate zu erzielen.
H a m e 1 und H o r s t e r kommen auf Grund vergleichender Untersuchungen zu dem Ergebnis. daR insbesondere die Reaktion von
W i t e b s k y , K u h n und K I i n g e n s t e i n sehr empfindlich ist,
betonen aber dabei, dd3 die bei jcder Serumreaktion zu stellenden
Hauptforderungen: Einfachheit, Spezifitat und groRe Reichweite,
noch nicht restlos erfiillt sind.
1933 berichtete N a g e l l , d a 8 es ihm gelungen sei, mit 'Hilfe der
M e i ni c ke s c he n Klarungsreaktion und des Antigens von W i t e b s k y ,
K u h n und K l i n g e n s t e i n eine fur die Praxis brauchbare und
leicht ausfiihrbare Tuberkulosereaktion aufzubauen. M e i n i c k e
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Archiv und Berichte 1935
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Hellmut Anton
griff diese Anregung auf und verbesserte die von N a g e 11 angegebene Verfahrensweise. Insbesondere gelang e s ihm of fenbar, wesentlich leistungsfahigere und spezifischer wirkende Antigene aus
Tuberkelbazillen herzustellen. Die praktische Bedeutung seiner
Reaktion sieht er auf verschiedenen Gebieten: sie sol1 einmal - unter
gewissenKautelen - differentialdiagnostisch verwandt werden konnen,
insbesondere aber fur die Beurteilung des Krankheitsverlaufes brauchbar sein, wenn man sie wahrend langcrer Zeitraume immer wieder
anstellt. Ausreichende Erfahrungen zur Beurteilung der neuen
Mcthode liegen noch nicht vor. S a c h s glaubt auf Grund vorlaufiger
Orientierung, d a 8 bei ihr unspezifische Reaktionen haufiger auftreten
als bei der Komplementbindung, betont aber andererseits, dal3 vielleicht die gleichzeitige Heranziehung von Komplementbindung und
der neuen Meinickeschen Reaktion zu einer erwunschten Verfeinerung
der Serodiagnostik der Tuberkulose fiihren kann.
Die Kombination von Flockung und Komplementbindung hat sich
nach P o p p e u. a. auch bei der Diagnostik der B a n g schen Krsnkheit aufs beste bewahrt.
Ausgezeichnete Ergebnisse erzielte G a e t h g e n s mit der Komplementbindungsreaktion zum Nslchweis der W e i 1 schen Krankheit,
wobei er sich eines aus Weil-Spirochaten hergestellten Antigens bediente. Im iibrigen verwendet man hierzu die Bestimmung des
Agglutinations-Lysis-Titers im Patientenserum (vgl. auch spater).
Nach T u 11 o c h hat sich die Methode der K.omplementbindung
bei der Diagnose der Variola als sehr brauchbar erwicsen. nach
M o n t e i r o auch bei derjenigen des Gelbfiebers.
In jungster Zeit schliefilich berichten G u n d e 1 und S c h 1 ii t e r
iiber die hervorragende Eignung der Komplementbindungsreaktion
zur Sicherung der Keuchhustendiagnose und zur Differentialdiagnose
von Keuchhusten- und Influenzabazillen, wobei sich ihnen eine
Jezithinisierte Alkoholvakzine" als Antigen bewahrte. Die zur
Antigengewinnung verwendeten Stamme wurden sorgfaltig auf Grund
des hautbiologischen Verfahrens ausgewahlt. Die Ergebnisse bestatigen
erneut die Annahme, dal3 der Bazillus B o r d e t - G e n g o u in der
T a t der Erreger des Keuchhustens ist.
Die von G r u b e r und W i d a I angegebene Agglutinationsdiagnose
des Typhus hat von jeher mit Versagern rechnen miissen. Auf
Grund neuerer Untersuchungen und Erkenntnisse hat das Verfahren
in letzter Zeit sehr an Sicherheit gewonnen. Den Ausgangspunkt
dieser neuen Entwicklung bilden die bekannten Arbeiten von W e i 1
und F e 1 i x uber das 0- und H-Antigen der bcpeiRelten Bakterien.
Die Typhusbazillen setzen sich - ahnlich wie die Proteusbazillen immunbiologisch aus zwei antigen wirkenden Substanzen zusammen,
einer hitzebestandigen, die durch die Bakterienleiber dargestellt und
als 0-Antigen bezeichnet wird, und einer hitzeunbestandigen, die von
den Geineln gebildet und H-Antigen benannt wird. Der Organismus
reagiert nun, wie sich herausgestellt hat, auf diese beiden verschiedenen Antigene mit der Bildung verschiedener Agglutinine. D a das
H-Antigen a n den Geaelapparat gebunden ist, haben solche Typhusstamme. die aus irgendeinem Grunde ihre GeiDeln verloren hahen,
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nur 0-Antigene. Andererseits konnen aber auch die Typhusstamme ihr
0-Antigen verandern, und zwar so, daD es bei Agglutinationen nicht
mehr rnit dem 0-Agglutinin reagieren kann. Auch beobachtet man
unter den Patientenseren reine 0-und reine H-Antisera.
Auf Grund dieser und andcrer Tatsachen hat das Untersuchungsamt des Institutes R o b e r t K o c h einen besonders zuverlassigen
Standardwidal ausgearbeitet, bei dem u. a. auf 0-und H-Agglutination
gepruft wird und nur vollwertige Wiidalstamme zur Verwendung
gelangen.
Die von H e n r y im Jahre 1927 angegebene Flockungsreaktion
zur Serodiagnose der Malaria hat sich aufierordentlich gut bewahrt,
besonders bei solchen Fdlen von Erstinfektion, wo man keine
Parasiten findet und die Leukozytenformel eine Polynukleose zeigt.
Auch fur das Studium der Epidemiologie und die Beurteilung der
Therapie der Malaria hat sich die Henrysche Reaktion, wie L a c o u r
in einer monographischen Darstdlung im einzelnen begrundet, als
hervorragend geeignet erwiesen.
0 t t o und Mitarbeitern gelang es, die bisher noch ungeklarte
merkwurdige Tatsache aufzuklaren, daB Proteus-X 19-Bazillen mit
Seren von Fleckfieberkranken spezifische Agglutination geben. Aus
den Proteus-X 19-Kulturen sowohl als auch aus den Rickettsien
konnte das gleiche spezifische Polysaccharid gewonnen und damit
die antigene Verwandtschaft der Proteus-X 19-Bazillen mit den
Rickettsien erwiesen werden. Diese Ansicht erhalt eine wesentliche
Stutze durch Befunde von C a s t a ii e d a. 1927 gelang L a n d s t e i n e r und L e v i n e die Auffinldung
neuer bisher unbekannter agglutinabler Substanzen in den roten
Blutkorperchen des Menschen, die sie als Faktoren M , N und p
bezeichneten. Dadurch, da8 die Konstanz und die Vererbbarkeit
der Faktoren M und N in der Folgezeit sichergestedlt wurden,
konnten die Aussichten, durch eine Blutgruppenuntersuchung zweifelhafte Vaterschaftsverhaltnisse u. a. aufklaren zu konnen, bei Heranziehung neuer Methoden zur Prufung auf das Vorhandensein
dieser Faktoren nahezu verdoppelt werden.
Im Gegensatz zu den vorher allein bekannten gruppenspezifischen Substanzen A und B sind im menschlichen Blutserum normalerweise keine Agglutinine fur die Faktoren M und N vorhanden.
Ihre Auffindung war daher nur durch kunstlich hergestellte Immunsera moglich, wobei sich die Entdecker des von E h r l i c h und
M o r g e n r o t h angegebenen Verfahrens der selektiven Absorption
bedienten.
Immunisiert man beispielsweise Kaninchen mit roten Blutkorperchen der Gruppe 0 vom Menschen, die den Faktor M enthalten, so
bildet sich in ihrem Serum neben Hamolysinen und Agglutininen, die
artspezifisch sind, d. h. auf die roten Blutkorperchen aller Menschen
hamolysierend bzw. agglutinierend wirken, ein Agglutinin Anti-M.
Setzt man diesem Kaninchenserum im Reagenzglas nun Blutkorperchen der Gruppe 0, die den Faktor M nicht enthalten, im Uberschul3 hinzu, so gelingt es, die artspezifischen Hamolysine und Agglutinine aus dem Serum zu entfernen, wahrend das Anti-M-Agglu96.
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Hellmut Anton
tinin darin enthalten bleibt. Das so vorbehandelte klar zentrifugierte
Serum agglutiniert daher nun noch die Blutkorperchen derjenigen
Personen, die den Faktor M enthalten.
Ganz entsprechendes ergibt sich bei Immunisierung mit Blutkorperchen der Gruppe 0, die den Faktor N enthalten. Nach Absorption mit Blutkorperchen der Gruppe 0, die N nicht enthalten,
ist das Serum geeignet zum Nachweis von N.
Enthalt das zur Immunisicrung verwandte Blut daneben noch
das Agglutinogen A oder B oder auch beide gleichzeitig, so kann
man auch die gegen diese gerichteten Agglutinine auf entsprechendem
Weg entfernen, ebenso wie es auch moglich ist, bei gleichzeitigem
Vorliandensein von M und N, Anti-M bzw. Anti-N einzeln durch
selektivc Absorption aus dem Immunserum zu entfernen.
Uber das Vorkommen der Faktoren M und N und ihre Verteilung beim Menschen laat sich auf Grund dcr bisherigen Forschungsergcbnisse mit Sicherheit sagen, dai3 alle Menschcn den Faktor M
oder N oder beide gemeinsam besitzen. Bezuglich der Vererbung dieser
beiden Faktoren haben sich folgende zwei Regcln als zutreffend erwiesen: 1. Der Faktor M sowohl als auch der Faktor N kann bei
einem Kind nicht vorkommen, wenn er nicht wenigstens bei einem
Elternteil vorhanden ist. 2. Ein Kind, dessen ciner Elternteil ein
reines M hat, kann nicht ein reines N haben und umgekehrt. Diese
beiden Rcgeln haben sich bisher ausnahmdos a!s gultig erwiesen.
Schon altere Untersuchungen von H i r s z f e 1 d und D u n g e r n
machten es wahrscheinlich, dnR die als A bezeichnete BhfgrUppe
nicht einheitlicher Natur ist. Diese Befunde wurden durch weitere
Forschungen von T h o m s e n , S c h i f f u. a. weiter gestiitzt, sodaR
es heute als sicher gelten kann, d a8 zwei Untergruppen des T y p u s A ,
namlich At und A? bestehen, die nicht nur quantitativ, sondern auch
qualitativ vcrschieden sind und ebenfalls nach den Mendelschen
Regeln vererbt werden. Es scheint At uber A2 zu dominieren, was
nllerdings erst noch durch gropere Untersuchungsreihen sichergestellt
werden mun.
Man hat geglaubt, Zusammenhiinge zivischen serologischer Konstitution, d. h. Blutgruppenzugehtjrigkeit bzw. Blutfaktoren, und
Krankheitsdisposition auffinden zu konnen. Bisher hat jedoch keine
dieser Annahmen einer Kritik standgehalten. Vor nunniehr ungefiihr 25 Jahren haben I.' r e u n d und K a m i n e r festgcstellt, d a8 im Blutseriim G e s m d e r Krebszellen aufgelosf werden, wahrend das Blutserum Krebskranker diese Fahigkeit
verloren hat. Durch einen zielbewunten Ausbau dieser F r e u n d K B m i n e r schen Reaktion, wobei insbesondere die zahlreichen
Fehlerquellen ausgeschaltet werden muljten, haben K 1 e i n und seine
Mitarbeiter eine Methode zi:r Friihdiag1;ose des Krebses geschaffen,
die der Wassermannschen Reaktion an Sicherheit nicht nachstehen soll. A n Hand eines Materials von uber 2W untcrsuchten
Fallen bercchnen sie die Treffsicherheit ihrer Methode auf annahernd
95% und weisen darauf hin, da13 sie in crster Linie zur Klarung der
Frage nach der Notwendigkeit einer Opcration herangezogen werden mufS.
Serologie der Infektionskrankheiten
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Die Beobachtung des krebszellosenden Vorganges geschieht in
der Weise, daD Krebszellen mit dem zu untersuchenden Serum in
einer T h o m a s schen Zahlkammer zusammengebracht webden. Nach
24stundigem Verweilen bei Korpertemperatur wird durch eine Auszahlung der noch vorhandenen, nicht angel6sten Zellen festgestellt,
ob eine Zerstorung von Krebszellen eingetreten ist oder nicht. Nach
einer besonderen Berechnungsmethode wird die auflosende Kraft des
zu untersuchenden Serums zahlenmafiig festgelegt, sodaf3 damit ein
MaPstab fur das jeweilige Abwehrvermogen des Organismus gewonnen wird.
Ein verlafiliches Urteil uber das K l e i n s c h e Verfahren ist zur
Zeit noch nicht moglich, da die Nachuntersuchungen noch nicht abgeschlossen sind.
In dem bakteriologischen Referat') wurde bereits darauf hingewiesen, dai3 Serumprophylaxe und Serotherapie auf der Zufuhrung
des Serums aktiv immunisierter, d. h. mit dem Antigen behandelter,
Tiere bcruht.
Man unterscheidet grundsatzlich zweierlei verschiedene Typen
von Heilseren, und zwar sog. antitoxische und antiinfektidse Sera.
Durch die antitoxischen Sera erstrebt man im wesentlichen die
Neutralisation der von den Krankheitserregern im Organismus des Erkrankten gebildeten Toxine. Diese Wirkung laDt sich im Tierversuch i. a. einwandfrei demonstrieren. Auch ermoglicht der Tierversuch in der Regel zuverlassige Verfahren der Wertbestimmung sdcher
Sera, durch die dann erst eine zielbewuBte Leitung der Fabrikation
im Sinne einer Steigerung des Antitoxingehaltes moglich ist.
Weniger klar ist bisher die Wirkungsweise der antiinfektiosen
Sera. Diese werden vorwiegend gegen solche Krankheitserreger empfohlen und angewandt, die keine ausgesprochenen Toxinbildner sind.
Man hofft durch sie den Organismus in spezifischer Weise von den
in ihm kreisenden Infektionserregern und deren giftigen Leibessubstanzen zu entlasten.
Fur eine groBe Zahl von Infektionskrankheiten ist die Gewinnung
im Tierversuch sicher wirksamer 'Heilsera gelungen.
Die Fabrikation besonders hochwertiger Sera ist insofern anzustreben, als das Entscheidende fur dieBeurteilung des Wertes eines Heilserums sein Gehalt an Antikorpern ist. ErfahrungsgemaD wird beispielsweise mit der halben Menge eines bestimmten Serums der gleiche therapeutische Effekt erzielt wie mit einem anderen, das nur den halben
Gehalt an Antikorpern pro Kubikzentimeter aufweist. Andererseits
ist es aber erwunscht, die zu verabreichende Menge an Antikorpern
dem Organismus mit einer mbglichst kleinen Menge artfremden Eiweipes einzuverleiben, um dadurch unangenehme Nebenwirkungen,
die gelegentlich bei der Serumtherapie auftreten (Serumkrankheit
u. a.) und bei der Behandlung in Kauf genommen werden miissen,
nach Moglichkeit zu' vermeiden.
Man hat besonders im Ausland versucht, niedrigwertige Sera dadurch zu verbessern, daD man sie eingeengt hat, 2. B. indem man die
4) a. a. 0.
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Hellmut Anton
wirksame EiweiDfraktion des Serums ausfallte und konzentriert
wiedcr loste. Dadurch wurde aber in Wahrheit keine Verbesserung
erzielt, denn in dem gleichen MaBe, wie der Antitoxingehalt vergroDert wurde, wurde auch der EiweiDgehalt durch die Einengung
kiinstlich erhoht.
Nun sind aber die Antikorper des Serums nicht an alle Eiweifikorper der Blutfliissigkeit gleichmafiig gebunden; so finden sich z . B.
die Antitoxine besonders in den Pscudoglobulinen. Man kann daher
nach B i e l i n g und M e y e r durch sog. fraktionierte Fallung der
Pseudoglobuline und Losung in der Ausgangsmenge besonders
,,eiweifiarme Sera" erhalten, ohne durch diese Reinigung einen erheblichen Verlust an Antitoxin in Kauf nehmen zu mussen. Es ist
aber noch nicht endgultig klargestellt, ob den durch dieses Verfahren
entfernten Eiweififraktionen nicht vielleicht doch eine Bedeutung fur
die therapeutische Wirksamkeit des Serums zukommt.
Seit der vor etwa 40 Jahren durch B e h r i n g erfolgten Einiiihrung des antitoxischen Diphtherieserums in die Behandlung der
Diphtherie sind von Zeit zu Zeit immer wieder Arbeiten erschienen,
die jeglichen Nutzen der Serumbehandlung in Abrede stellen wollten.
Auch aus der Berichtszeit liegen wieder umfangreiche derartige Veroffentlichungen vor ( Z i s c h i n s k y , H o t t i n g e r u. a.), die im
wesentlichen die alten langst widerlegten Argumente enthalten. Sie
haben indessen experimentell durch K o 1 1 e und S c h 1 o D b e r g e r
sowie gerade auch von seiten der Klinik erneut scharfste Ablehnung
gefunden ( K 1 e i n s c h m i d t , R i e t s c h e 1 u. a.).
Ebenso klar erwiesen wie das Vorkommen von Fallen maligner
Diphtherie, bei denen jede Serumbehandlung zu spat kommt, ist auf
der anderen Seite die Tatsache, da8 die Serumbehandlung in ungezahlten Fallen von Diphtherieerkrankungen ungeheuren Nutzen gebracht hat.
Von M n d s e n und S. S c h m i d t wurde vor einigen Jahren die
Behauptung aufgestellt, da8 diejenigen Diphtheriesera, die mit Diphtherietoxin im Reagenzglas sehr rasch eine Bindung eingehen, also
sog. hochavide Sera, im Heilversuch am Kaninchen bei gleichem
Antitoxingehalt besser wirken sollten als schwachavide Sera. Zur
Behandlung schwerer Diphtheriefalle wurde daher von ihnen die
Verwcndung von Seren mit hoher Aviditat gefordert. K o 11e und
P r i g g e kamen in sorgfaltigen Nachuntersuchungen jedoch zu
der Erkenntnis, da8 die Aviditat der Diphtheriesera von keinem erkennbaren Einflufi auf die Heilwirkung ist. Die Erfolge der Diphtherieserumtherapie stehen vielmehr auch nach diesen Versuchen
dominant in Zusammenhang mit dem Zeitpunkt, in dem das Diphtherieserum zur Anwendung gelangt. Je friihzeitiger das Serum nach
dem Beginn der Infektion injiziert wird, desto groRer ist die Aussicht zu heilen.
Nicht so eindeutig wie die Beurteilungsmoglichkeit der therapeutischen Wirksamkeit des Diphtherieheilserums ist diejenige der zahlreichen im Handel befindlichen Scharlachsera.
Wie an anderer Stelale ausgefiihrt wurde. kommt den sog.
,,Scharlachstreptokokkcn" offenbar eine weitgehende Bedeutung im
Serologie der Infektionskrankheiten
551
Krankheitsgeschehen des Schnrlachs zu. Schon vor langen Jahren
hat M o s e r versucht, durcli Immunisierung von Pferden mit Scharlachstreptokokken ein antiinfektioses Serum zu gewinnen. Dieses war
jedoch in seiner Wirkung vollig unzuverlassig.
Erst als durch die groaangelegten Untersuchungen des amerikanischen Ehepaares D i c k die Blicke erneut auf diese Prob!eme gelenkt wurden und von ihnen ein spezifisches Scharlachstreptokokkentoxin dargestellt wurde, mit dem D o c h e z die Immunisicrung von
Pferden gelang, trat ein Umschwung in der Beurteilung der Serumtherapie des Scharlachs ein. Viele Autoren konnten seitdem uber ausgezeichnete Erfolge mit dem D o c h e z - Serum berichten, und es darf
auf Grund der Untersuchungen der letzten Jahre heute als gesichert
gelten, da13 ihm eine unbestreifbare Wirkung auf das erste lntoxikationsstadiurn der Scharlacherkrankung zukommt. Umstritten ist
dagegen noch immer dic Frage, ob das Serum auch die Komplikafionen wirksam bekampfen bzw. verhuten kann.
Da Grund fur die Annahme vorhanden ist, daB die Drusen-,
Ohr- und Mandelaffekte im Verlauf der Scharlacherkrankung nichts
anderes sind als Infektionen mit dem gewohnlichen Streptokokkus
pyogenes aureus, lag es nahe, das Scharlachantitoxin mit einem hochwertigen antiinfektiosen Streptokokkenserum zu kombinieren. Ein
solches kornbiniertes Serum ist das Scarla-Streptoserin der I. G. Ein
eindeutiger Beweis fur die Uberlegenheit dieses kombinierten Serums
hat sich bis heute nicht erbringen Inssen.
In den letzten Jahren hat sich neben der Behandlung der Infektionskrankheiten mit industricll hergestellten vom Tier gewonnenen Heilseren fur manche Krankheiten eine andere spezifische Therapie sehr stark durchgesetzt: die Behandlung mit vom Menschen gewonnenen Rekonvaleszentenseren. Ein solche Therapie ist u. a.
versucht worden bei spinaler Kinderlahmung, Masern, Veilscher
Krankheit. vor allem aber beim Scharlach. So wurden u. a. von
C a n t a c u z k n e ausgezeichnete Erfolge beim malignen hypertoxischen
Scharlach erdelt. Es gelang ihm, durch intravenose Verabreichung
von etwa 50 ccm Mischserum von Scharlachrekonvaleszenten voin
18. bis 25. Krankheitstag 80% der schwersten Falle zu retten, welche
sonst erfahrungsgemaB innerhalb 24 bis 48 Stunden fast restlos todlich verliefen. C a n t a c u z k n e zieht daher das Rekonvaleszentenserum dem antitoxischen Scharlachstreptokokkenserumbei weitem vor.
B i e 1 i n g und M e y e r sind neuerdings wieder stark fur die Anwenidung antitoxischer Streptokokkensera bei Streptokokkenerkrankungen eingetreten. Sie halten sie fur a b o l u t indiziert, wenn bei schwerem Krankheitsbild Streptokokken im Primarherd oder im Blut durch
Ausstrich auf der Blutplatte nachgewiesen sind. Besonders gunstig
so1,len die Ergebnisse bei Erysipel und Puerperalsepsis sein. Eine Bestatigung bleibt abzuwarten.
Gegen die Masernerkrankung ist bisher die Gewinnung eines
sicher wirkenden Heilserums vom Tier nicht gelungen, zumal auch
die Erregerfrage noch nicht geklart ist. Auch durch Verabreichung
von Rekonvaleszentenserum laBt sich die bereits ausgebildete Erkran-
552
Hellmut Anton
kung nur unzureichend bekampf en; immerhin ist diese Therapie von
S a v i t z in den letzten -Jahren wieder empfohlen worden.
Hervorragend bewahrt hat sich jcdoch die Verwendung von Rekonvaleszentenserum zur Masernprophylaxe. Es liegen hierzu auch
aus jungstcr Zeit wieder zahlreiche zustimmende Ergebnisse vor.
Der W e r t der passiven Immunisicrung beruht auch hier auf dem
Vorhandensein von Masernschutzstoffen im Blut der Rekonvaleszentcn, wo sie am 7. bis 9. Tage der Rekonvaleszenz ihren hochsten
Titer erreichcn. Selbst wenn das Serum erst funf Tage nach der Jnfektion verabfolgt wird, gelingt cs noch, cinen zuverlassigen Masernschutz zu crzielen. Setzt die Behandlung erst in der zweiten Halfte
der Inkubation ein, d. h. etwa vom 6. Tage ab, so kommt es zur Ausbildung der sog. mitigierten Masern, einer bedeutend gemilderten
Form der Erkrankung.
In Ermangelung von Rekonvaleszcntenserum kann selbst durch
Serum bzw. Blut von Erwachsenen ein durchaus zuverlassiger Masernschutz erreicht werden. Diese auffallende Tatsache beruht wohl
darauf, dal3 praktisch jeder Mensch in seiner Jugend Masern durchgemacht hat. A m besten eignet sich erfahrungsgemao das Serum
junger durchinascrter Menschcn, dcsscn Gchalt an Immunstoffen
noch relativ hoch 1st.
Schon 1910 versuchten N e t t e r und Mitarbeiter, sowie F 1 c x n e r
und L e v a d i t i menschliches Rekonvoleszentenserum fur die Therapie der spinalen Kinderlahniung zu verwcnden, nachdem sich gezeigt hatte, dao es im Reagenzglas das Poliomyelitisvirus zu neutralisieren vermag. Wegen der Schwierigkciten, die mit der Beschaffung
genugender Mengen von ,Rekonvaleszcntenserum verbunden sind. hat
es auch nicht an Versuchcn gefehlt, Tiere mit dem Poliomyelitisvirus
zu immunisieren. Die Gewinnung hochwertiger Sera gelingt nach
P e t i t durch intradermale oder intraspinalc Infektion von Affen rnit
steigenden Virusmengen. D a aber Affcn fur die Gewinnung groi3er
Serummengen nicht in Fr-age kommen, wurde auch vcrsucht, Pferde
durch Behandlung rnit virushaltigem Material zu immunisiercn. Die
Heilwirkung der P e t i t schen Sera ist aber immer noch urnstritten.
In den Jahren 1928 und 1529 wurdcn bei cinigen grol3en Epidemien in Kanada, in den Vercinigtcn Staaten von Nordamerika unci
Australien wicder giinstige Erfahrungcn mit der Verwendung von
Rekonvaleszentcnserum, besondcrs im praparalytischen Stadium, gcmacht. Obwohl diesen gunstigen Berichten i n dcr Folgezeit (1931)
ungunstige Ergcbnissc von einer Poliomye!itisepidemie in Brooklyn
gegenubertraten, wurde 1932 auch in Deutschland ein groflerer Versuch mit Rekonvaleszentenserum durchgefuhrt. Nach dem Ergebnis
einer im AnschluB daran vom Reichsgesundheitsamt veranstalteten Umfragc wurden 227 Kranke, davon 26 in1 praparalytischen Stadium, rnit
Rekonvaleszentenserum, zu dessen Beschaffung und Bcreitstellung
die I. G. F a r b e n i n d u s t r i e und die S a c h s i s c h c n S e r u m w e r k e ihre Erfahrungen und technischen Einrichtungen zur Verfugung stellten, behandclt. Bei 24 dcr in der Fruhperiode behandelten
Patienten war eine vollkommene Ausheilung und nur bei den restlichen zwei das Auftreten von Lahmungcn festzustcllen. Eine sichere
Serologie der Infektionskrankheiten
553
Wirkung des Poliomyelitisserums nach Auftrefen der Lihmungen
konnte dagegen nicht festgestellt werden. Hiernach stellt das Rekonvaleszentenserum im praparalytischen Stadium das Mittel der
Wahl dar und es wurde demgema8 durch das Reichsgesundheitsamt
fur die Bereitstellung von Rekonvaleszentenserum Sorge getragen
( S c h l o 8 b e r g e r und K r u m e i c h ).
H a m b u r g e r empfiehlt, den Kindern bei Verdacht auf Poliomyelitis zunachst einmal sofort Elternblut zu spritzen. Er geht
dabei von folgenden Erwagungen aus: Immunstoffe konnen, besonders
zu Zeiten einer Epidemie, bei den meisten Erwachsenen vorausgesetzt werden, vor allem bei den Eltern und besonders bei der
Mutter, die ja ungefahr denselben Verkehr hat wie das Kind, also
mit einiger Wahrscheinlichkeit denselben latenten Infelitionen ausgesetzt war wie das Kind, nur daf3 sie eben nicht erkrankte wegen
ihrer schon fruher erworbenen ,,stillen Feiung". Sobald Rekonvaleszentenserum zur Verfugung steht, kann dann die Verabreichung von
solchem angeschlossen werden.
In iihnliche Richtung weist uuch der Vorschlag S c h o t t m ii 11 c r s , bei beginnender Erkranliung sofort eine Ubertragung von
Blut (Transfusion) solcher Mcnschen zu machen, die in letzter Zeit
cine spinale Kinderlahmung durchgemacht haben.
Im bakteriologischen Referat wurde bereits kurz erwahnt, da8
Heilsera sowohl gegen den T y p I als nuch gegen den TW I1 der
Pneumokokken hergestellt werden konnten. Die Ergebnisse der
Behandlung besonders der durch den T ~ JIPbedingten Erkrankung
erscheinen aussichtsreich.
Sobald ein typenspczifisches Pncumokokkenserum gespritzt wird,
verschwinden die Pneumokokken aus dem Blut des Kranken. Allerdings kommt damit die Lungenerkrankung noch nicht zur Ruckbildung und es kommt auch nicht immer zur Krise, sondern haufiger zu
einem lytischen Temperaturabfall. Die Serummengen, die benotigt
wcrdcn, urn einen sichtbaren Erfolg zu erzielen, sind aber so gro8
(150 bis 200 ccm Serum) und die Schwierigkeiten der Herbeischaffung
hzw. der Herstellung so erheblich, da13 es sich in jedem Fall um eine
anljerordentlich teure Therapie handelt ( M a r t i n i. )
S c h u n t e r ni a n n kommt auf Grund einer kritischen Sichtung
des gesamten einschlagigen Schrifttums zu der wcnig ermutigenden
Feststcllung: ,,Man kann aus allen ciiesen Mitteilungen uber die Serumtherapie der krupposen Pneumonie ersehen, da8 diese Methode noch
kaineswegs so weit geklart, fundiert und gesichert ist, daB sie fur
die Praxis empfohlen werden konnte, abgesehen davon, da13 sich in
der allgemcinen arztlichen Praxis die erforderliche Typisierung gar
nicht durchfuhren Ia8t."
Vielleicht ist fur die Pneumoniebehandlung in der Verwendung
zentral gesammelter typenspezifischer Rekonvaleszentensera, wie sie
S c h o t t m u 1 1e r angercgt hat, ein Weg gegeben. Die Typisierung
ist iibrigens wcsentlich erleichtert worden durch die von N e u f e 1 d
und S a b i n kurzlich angegebene Quellungsreaktion, .die es ermoglicht,
die Typendiagnose in wenigen Augen blicken unter dem Mikroskop
zu stellen.
554
Hellmut Anton
Auf die Bedeutung der Gasbranderkrankungen in Krieg und
Frieden ( 2 e i l3 1 e r ) wurde an anderer Stelle bereits hingewiesen.
Nach U h 1e n h u t h hat die Herstellung hochwertiger spezifischer
Gasbrandsera nach dem Kriege bereits bedeutsame Fortschritte gemacht. Besonders die B e h r i n g w e r k e haben sich durch Anwendung verbesserter Methoden der Anaerobenziichtung, der Toxingewinnung und der Immunisierungsverfahren um die Vervollkommnung polyvalenter Sera, vor allem durch Erhohung der antitoxischen
Frankelquote, Verdienste erworben.
Auch die Gewinnung sicher wirksamer Heilsera gegen die verschiedenen Erreger des Gasbrandes ist aufs engste verknupft mit der
Moglichkeit einer exakten Wertbemessung. Die Wertbestimmung der
F r n k e 1 sera kann nunmehr zuverliissig durchgefiihrt werden. U m
die Ausarbeitung eincs Prufungsverfahrens fur das Pararauschbrandserum haben sich H a r t l e y . P r i g g e , W a l b u m und R e y m a n n
verdient gemacht. um die Wertbemessung des Oedematiensserums
W a l b u m und R e y m a n n . Fur die Wertbemessung des Histolyticusserums liegen crst Vorarbciten vor. Die spezifische Therapie
und Prophylaxe der Gasodemerkrankungen ist also zur Zeit in starkstem Ausbau begriffen.
In neuerer Zeit wird auch cin Mischserum aus Tetanus- und Gasbrandantitoxin unter der Bezeichnung ,,Anadrobenserum" in den
Handel gebracht, das sich bei Unfallverletzungen der Extremitaten,
des Darmes und des Bauches und bei allen toxischen Appendizitiden
vor der Operation sehr gut bewahrt hat (B i e 1 i n g und M e y e r u. a.).
Aunerordentliche Beachtung verdienen schlienlich die Untersuchungen der letzten Jahre, die sich rnit der Frage der Moglichkeit
einer spezifischen Therapie und Prophylaxe der Perifonitis befassen.
Die ersten Erfolge erzielte K a t z e n s t e i n 1927 bei Verwendung
eines monovalenten Koliserums. Spater wurde auf Anregung von
L o h r und R a 13 f e 1 d das ,,Peritonitisserum" in der Therapie eingefiihrt, das ein Gemisch von Koli- und Gasbrandserum darstellt.
In jiingster Zeit haben sich G u n d e 1, P a g e 1 und S ii 13 b r i c h
wieder eingehend mit der Erregerfrage der Appendizitis und der
postappendikularen Peritonitis befafit. Sie konnten die Angaben von
A s c h o f f u. a. bestatigen, wonach als Erreger der Appendizitis vorwiegend Enterokokken, als Erreger der postappendikularen Peritonitis
vorwiegend Koli- und Gasbrandbazillen in Frage kommen. Auf Grund
klinischer Untersuchungen mit verschieden zusammengesetzten Versuchsseren empfehlen G u n d e 1 und S ii 13 b r i c h ein Mischserum aus
antitoxischem Kolibazillenserum, aus Enterokokkenserum und hochwertigem Gasbrandserum, das bei allen an Magen- bzw. Darmdurchbriichen sich anschlienenden Bauchfellentziindungen wirksam sein soll.
Die bisherigen Erfahrungen mit den verschiedenen Peritonitisseren lauten fast iibereinstimmend gunstig, die Ansichten uber die
zweckentsprechendste Zusammensetzung sind jedoch noch geteilt.
Nach neueren Erfahrungen von U h 1 e n h u t h und 2 i m m e r m a n n u. a. kommen Einzelfalle W e i 1 scher Krankheit in Deutschland wesentlich haufiger vor, als friiher angenommen wurde. Die
Pathogenese dieser durch Ratten ubertragenen Erkrankung wurde
Serologie der Infektionskrankheiten
555
im Felde durch U h l e n h u t h und F r o m m e aufgekiart. Aucli
w r d e von ihnen schon damals ein Serum hergestellt, das sich bei der
Bekampfung bestens bewahrte. (Die Wertbestimmung dieser Sera
erfolgt durch die Ermittlung des Agglutinations-Lysis-Titers.)
Neuerdings hat U h 1e n h u t h anlafilich einer Mitteilung uber
eine Laboratoriumsinfektion auch die Anwendung von Rekonvaleszentenserum zur Behandlung der Weilschen Krankheit bestens
empfohlen. Da Rekonvaleszentensera jedoch nicht immer verfugbar sind, wurde von ihm in groRerem MaRstab d a m ubergegangen, tierisches Immunserum zu gewinnen, wobei sich besonders
Kaninchen als Serumspendcr bewahrten. Es zeigte sich, daR die
Kaninchensera dieselbe Schutzwirkung aufweisen wie die Rekonvaleszentensera. (Die Wertbestimmung dieser Sera erfolgt durch die Ermittlung des Agglutinations-Lysis-Titers.) Auch S c h u f f n e r ist erst
kurzlich wieder mit Nachdruck fur die Serumtherapie der Erkrankung
eingetreten.
Uber gunstige Erfolge der Flecktyphusbehandlung mit dem von
C a s t a ii e d a und Z i n s s e r von Pferden - durch Injektion formalinbehandelten rickettsienhaltigen Peritonealmaterials von Ratten gewonnenen Serum berichtet B o n a v i d e s.
Zur Bekampfung der durch Botulismustoxine verursachten
Fleischvergiftung wird in groBeren Krankenhausern das im Staatsauftrag hergestellte Botulismusserum vorratig gehalten. Uber seine
ausgezeichnete Wirkung in zwei aufiergewohnlich schweren Fallen
von Botulismusintoxikation hat neuerlich K o e h 1 e r berichtet.
Das zur Behandlung der Lungentuberkulose empfohlene Thanatophthisin, ein Serum von Pferden, die mit tuberkulosem Kase subkutan
vorbehandelt sind, hat sich nicht in die Therapie einzufuhren vermocht. H a g e r und B e h r e n d t sowie K o e n i g s f e l d halten
indessen auf Grund gunstiger Erfahrungen eine klinische Prufung
auf breiterer Basis fur berechtigt. Viele Infektionen lassen sich weder durch Vakzination noch durch
passive Immunisierung beeinflussen. In solchen Fallen empfiehlt
L i n s e r auf Grund 20jahriger Erfahrungen die Vakzination gesunder
Menschen mit den entsprechenden Krankheitserregern und die Obertragung des antikorperhaltigen Serums auf den Kranken.
Gute Erfolge mit diesem Verfahren wurden gesehen in Fallen von
Gonokokkensepsis, Epididymitis gon. und in einem Fall von Viridansinfektion. Die Methode dieser passiven Immunisierung von Mensch
zu Mensch besteht darin, daR man den gesunden Serumspender mit
einer Vakzine aus den betr. Krankheitserregern impft und nach zwei
bis vier Wochen bis mehrere 100 ccm seines Serums auf den Kranken
ubertragt.
J u n d e 11 hat, ausgehend von ahnlichen Erwagungen, a n Keuchhusten erkrankte Kinder mit Serum von Erwachsenen gespritzt, die
zuvor mit zwei bis 'drei intramuskularen Einspritzungen von Keuchhustenvakzine in Abstanden von funf bis sechs Tagen behandelt
waren; er erzielte dabei ebenfalls sehr gute Resultate, die zur Fortsetzung derartiger Versuche ermutigen.
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