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Feministische Methoden- und
Wissenschaftskritik: Kontroversen,
Entwicklungen und
Forschungsperspektiven in der
Geschlechterforschung
Maria Norkus und Nina Baur
Zusammenfassung
Ausgehend von der Beobachtung, dass sich Epistemologie, Theorie und Methoden nicht trennen lassen, zeigt der Beitrag, welche Auswirkungen historisch
gewachsene feministische theoretische und politische Debatten – namentlich
die Frage nach Geschlecht als Ungleichheitskategorie, die Frage der Konstruktion
und Dekonstruktion von Geschlecht sowie die Frage nach der Perspektivität der
Forschenden und dem Subjekt-Objekt-Verhältnis – auf die Methoden- und Wissenschaftskritik haben. Es wird gezeigt, dass aufgrund ihres Theorieverständnisses die sehr heterogene feministische Forschung bis heute interpretative Verfahren, insbesondere die Ethnografie und qualitative Interviews, präferiert, aber sich
auch anderer Instrumente etwa aus der standardisierten Forschung bedient, um
etwa gesellschaftliche Strukturen aufzudecken. Diese Ansätze werden zunehmend in Mixed-Methods-Studien kombiniert. Da feministische Forschung von
Anfang an gesellschaftliche Macht- und Hierarchieverhältnisse nicht nur analysieren, sondern auch politisch verändern will, gehören Ansätze wie die Aktionsund Evaluationsforschung zum bewährten methodologischen Programm.
Schlüsselwörter
Feministische Theorie • Epistemologie • Intersektionalität • Subjekt-Objekt-Verhältnis • Mixed Methods
Inhalt
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Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Ausgangspunkt und Grundzüge feministischer Forschung und Kritik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Konstruktion und Dekonstruktion von Geschlecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Situierung und Positionierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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M. Norkus (*) • N. Baur
Institut für Soziologie, Technische Universität Berlin, Berlin, Deutschland
E-Mail: maria.norkus@tu-berlin.de; nina.baur@tu-berlin.de
# Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017
B. Kortendiek et al. (Hrsg.), Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung,
Geschlecht und Gesellschaft, https://doi.org/10.1007/978-3-658-12500-4_44-1
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M. Norkus und N. Baur
5 Ausblick und offene Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
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Einleitung
Die in den 1970er-Jahren entstehende feministische Forschung in Deutschland war
mit einer Kritik an den Begriffen, Methoden, Erkenntnisweisen und Strukturen der
Wissenschaft verbunden. Zentraler Dreh- und Angelpunkt feministischer Kritik war
die als androzentrisch kritisierte Perspektivität der Forschenden und damit verbundene Fehlleistungen wissenschaftlicher Diagnosen und Ergebnisse (Althoff et al.
2017). Aufgrund der Ausgrenzung von Frauen aus der Wissenschaft (Hofmeister
2016) bildete die feministische Forschung allein schon wegen ihres Forschungsgegenstands eine kritische Position gegenüber der etablierten Wissenschaft. Die
Frauen- und Geschlechterforschung grenzte sich aber nicht nur thematisch, sondern
auch methodologisch vom wissenschaftlichen Mainstream ab. Viele feministisch
Forschende (nicht nur in Deutschland) plädierten für eine qualitativ orientierte
Sozialforschung (Behnke und Meuser 1999, S. 11), die beispielsweise Ethnografie
(Pillow und Mayo 2012; Buch und Staller 2014) oder offene Befragungen, wie etwa
narrative, Leitfaden-, Expert_inneninterviews (Doucet und Mauthner 2008) oder
Gruppendiskussionen (Munday 2014), als Hauptinstrumente der Datenerhebung
verwendet. Daneben kann es aber durchaus angebracht sein, quantitative Verfahren
wie standardisierte Befragungen (Miner und Jayaratne 2014) anzuwenden, da man
etwa Informationen über die Struktur von Geschlechterungleichheit nur über quantitative Indikatoren erhält. Um solche Informationen zu eruieren und dennoch den
Mängeln standardisierter Verfahren zu entgehen, werden in jüngster Zeit MixedMethods-Ansätze immer populärer (Cole und Stewart 2012; Hesse-Biber und Griffin
2015). Zentrale Prämisse jeder feministischen Forschung ist dabei, dass Epistemologie, Theorie und Methoden untrennbar miteinander verwoben sind (Hesse-Biber
und Piatelli 2012), weshalb die feministische Methoden- und Wissenschaftskritik
nur mit Bezug auf die theoretischen und politischen Debatten des jeweiligen soziohistorischen Kontextes verstanden werden kann.
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Ausgangspunkt und Grundzüge feministischer Forschung
und Kritik
Das primäre Ziel der frühen feministischen Forschung war es, weibliche Lebensrealitäten, Vergesellschaftung und Erlebnisse sichtbar zu machen, den Beitrag von
Frauen für Gesellschaft, Politik, Kultur und Wissenschaft aufzuzeigen sowie aufzudecken, dass und wie das Geschlechterverhältnis machtvoll und hierarchisch strukturiert ist. Diese Fokussierung erweiterte nicht nur bestehende Perspektiven auf das
Soziale, sondern war auch verbunden mit einer Kritik an der bisherigen wissenschaftlichen Wissensproduktion. Die frühe feministische Methodenkritik entmystifizierte in diesem Kontext die sich bis dato als ‚universell‘ und ‚objektiv‘ konstruie-
Feministische Methoden- und Wissenschaftskritik . . .
3
rende Wissenschaft und verwies darauf, dass etablierte Erkenntnisweisen androzentrisch seien, weil sie nicht nur das Weibliche systematisch aussparen, sondern durch
diese Auslassung auch den Blick für gesellschaftliche Strukturen verstellen. Am
damaligen Mainstream der soziologischen Forschung kritisierten Frauenforscherinnen, dass er Forschungsmethoden als atheoretische Werkzeuge betrachte und die
Rolle der Theorie für den Forschungsprozess vernachlässige (Müller 1979, 1984).
Entsprechend war ein frühes Ziel feministischer Forschung, diese theoretische
Verengung zu beseitigen (Müller 1984; Vogel 2006). Dies war verbunden mit dem
politischen und emanzipatorischen Ziel, Frauen eine Stimme zu geben und ihre
soziale und politische Lage zu verbessern (Müller 1984; Behnke und Meuser
1999, S. 13–21; Vogel 2006), das heißt, feministische Forschung ist bewusst parteilich, weshalb Aktionsforschung (Lykes und Crosby 2014) und Evaluationsforschung (Mertens und Stewart 2014) von Anfang an zum feministischen methodologischen Programm gehörten.
Im Zuge der allmählichen Teilhabe von Frauen an der Wissenschaft kritisierte die
feministische Forschung in allen Disziplinen – einschließlich der Soziologie – die
Perspektive, das Männliche als das ‚Normale‘ in den Mittelpunkt zu rücken und das
Weibliche als etwas ‚Abgeleitetes‘, ‚Abweichendes‘ oder ‚Randständiges‘ zu konstruieren (Bock 1984; Krüger 1999; Buchen 2004; Baur und Luedtke 2008). Diese
Perspektive war u. a. eine Folge der Industrialisierung, in deren Zuge Erwerbsarbeit
und private Reproduktionsarbeit getrennt und geschlechtsspezifisch zugewiesen
wurden sowie unterschiedliche gesellschaftliche Bewertungen erfuhren. Legitimiert
und unterfüttert wurde die gesamtgesellschaftliche Arbeitsteilung mit der Ideologie
der Sphärentrennung, das heißt der dichotomen Wesenszuschreibungen der
Geschlechter (Beer 1984). Die moderne Wissenschaft trug dazu bei, diese gesellschaftlichen Konstruktionen zu legitimieren und zu reproduzieren, indem sie sie zu
biologischen bzw. in der Natur begründeten Tatsachen erklärte (Hofmeister 2016).
Besonders gravierend schlagen sich solche theoretischen Verengungen in standardisierten Befragungen nieder, da Fragen und mögliche Antworten vorgegeben sind
und damit das theoretische Vorwissen wesentlich die Frage(bogen)konstruktion
bestimmt (Müller 1984). Aber auch in der qualitativen Sozialforschung hatten die
blinden Flecken der Mainstream-Forschung Folgen, etwa indem beim Sampling
meist nur Männer berücksichtigt und damit weibliche Lebensläufe und Probleme
nur unzureichend oder gar nicht empirisch erfasst wurden (Müller 1984, 1994;
Doucet und Mauthner 2008).
Vor dem Hintergrund dieser spezifischen historischen Konstellation bestand die
erste Prämisse der frühen feministischen Forschung darin, kritisch zu hinterfragen,
ob es sich bei Geschlechterunterschieden um unumkehrbare Tatbestände oder nicht
vielmehr um soziale Konstrukte handelt, die es aufzudecken und dekonstruieren gilt.
In diesem Zusammenhang wurde insbesondere die geschlechtsspezifische Sozialisation kritisiert, was Simone de Beauvoir (1951) mit dem Satz „Man wird nicht als
Frau geboren, man wird es“ auf den Punkt brachte. Dies ist methodologisch und
wissenschaftspolitisch relevant. Denn wenn nicht die biologischen Differenzen,
sondern soziale Prozesse Ungleichheiten schaffen, die sich dann in institutionellen
Arrangements und gesellschaftlichen Hierarchieverhältnissen verfestigen, erfordert
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M. Norkus und N. Baur
dies eine Verlagerung von naturwissenschaftlich-biologischer zu sozialwissenschaftlicher Forschung, um Geschlechterdifferenzen zu ergründen.
Bereits frühe feministische Studien verdeutlichten, dass Frauen keine homogene
Gruppe bilden, sondern selbst durch vielfältige soziale Unterschiede gekennzeichnet
sind. Daher beschränkte sich feministische Forschung nicht nur auf Unterschiede
zwischen Männern und Frauen, sondern adressiert auch stets Macht- und Hierarchieverhältnisse innerhalb der Gruppe der Frauen. Dies ging mit einer Selbstreflexion der
eigenen akademischen Praxis einher, in deren Zuge feministische Forschung selbst
immer wieder Ziel von Kritik wurde: Sie wurde als mittelschichtszentriert kritisiert,
weil viele Überlegungen zum Weiblichen und zur Verschiedenheit der Geschlechter
auf andere soziale Schichten nicht übertragbar seien (Becker-Schmidt 1980). In den
USA wurde insbesondere die Verknüpfung von ‚race‘ und ‚gender‘ reflektiert. Hier
kritisierten schwarze Frauen den weißen mittelschichtsorientierten Feminismus, der
die Lebensrealität von afroamerikanischen Frauen nicht in die Analyse mitaufnahm
(Davis 1982; hooks 1981, 1984). In der Folgezeit wurden Analysen der Geschlechterverhältnisse zunehmend zusammen mit Klassenanalysen und Analysen ethnischer
Ungleichheiten zusammengebracht (Knapp 2005). Nach wie vor stehen jedoch die
Forderungen nach einer geeigneten Analyseform zur Beschreibung vielfältiger
Ungleichheits- und Diskriminierungsformen vor theoretischen und forschungspraktischen Problemen. Diese Fragen und Probleme kulminieren seit geraumer Zeit in
der Debatte um Intersektionalität (Crenshaw 1989). Wie die Differenzkategorien
gesellschaftstheoretisch (Degele und Winker 2009) und methodologisch zu bestimmen sind, sich zueinander verhalten und für eine empirische Analyse zugänglich
sein könnten (Baur und Wagner 2013), ist allerdings noch weitgehend unklar.
3
Konstruktion und Dekonstruktion von Geschlecht
Mit der Erfassung von Differenzen zwischen Frauen und der Erkundung der unterschiedlichen kulturhistorischen Vorstellungen von Weiblichkeit entwickelte sich
eine Denktradition innerhalb der feministischen Forschung, die insbesondere die
Konstruktionsweisen von Geschlecht in den Mittelpunkt der Forschung rückte
(Garfinkel 1967; Kessler und McKenna 1978). Ausgangspunkt waren u. a. die
Transgender-Bewegung und Queer-Bewegung sowie historische und ethnologische
Studien, die zeigen konnten, dass die uns als selbstverständlich scheinende Welt der
Zweigeschlechtlichkeit historisch und sozial durchaus variabel ist und zudem entscheidend durch die modernen Wissenschaften begründet wurde (Kessler und
McKenna 1978). Der Unterschied zu der bis dahin dominierenden Forschung zur
Geschlechterdifferenz lag damit insbesondere darin, auch die binäre Aufteilung von
(scheinbar natürlichen) Geschlechtskörpern als Konstruktion zu entlarven. Das Auftreten der Zweigeschlechtlichkeit in alltäglichen Handlungen und durch gesellschaftliche
Diskurse wird ins Zentrum gestellt – weniger dagegen strukturelle Ungleichheitsverhältnisse. Nun sind nicht mehr nur Fragen unterschiedlicher Sozialisationsweisen
angesprochen, sondern das Geschlecht in seiner biologischen ‚Natur‘ sowie das Verhältnis von biologischem und sozialem Geschlecht.
Feministische Methoden- und Wissenschaftskritik . . .
5
Zentrale Einsicht dieser Forschungstradition ist, dass gerade die Rückführung auf
etwas quasi ‚Natürliches‘ ursprünglich für Ungleichbehandlung und Ungleichbewertung ist. Die wissenschaftliche Dekonstruktion ist damit schon an sich politische
Praxis, denn sie offenbart, dass selbstverständliche Unterschiede keine sind.
Im Zuge dieser Denktradition wurden aber auch Verfahrensweisen der wissenschaftlichen Wissensproduktion kritisiert. Die Folge ist ein Wissenschaftsverständnis, das nach dem Werden, dem Konstruktionsprozess fragt. Dabei fokussiert die
ethnomethodologische Ausrichtung dieser Debatten, wie biologisches und soziales
Geschlecht in den alltäglichen Interaktionsprozessen hergestellt werden. Analysiert
wird das Doing Gender; es werden die Zuschreibungsweisen und Darstellungsprozesse fokussiert und in ihrer alltäglichen (Re-)Produktion untersucht (West und
Zimmerman 1987). Aus dieser theoretischen Perspektive sind quantitative Verfahren
grundsätzlich problematisch, weil bereits vor der Datenerhebung Menschen klassifiziert werden. So reproduziert die übliche Praxis der standardisierten Erfassung von
Geschlecht in Form des Dualismus ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ binäre Zweigeschlechtlichkeit und kann die Vielfältigkeit sozialer Wirklichkeit nicht angemessen
darstellen (Müller 1994, S. 33–34). Außerdem kann die quantitative Forschung nur
bereits existierende Hypothesen und Theorien testen (Reinharz 1992, S. 80–82).
Wenn aber Theorien erst generiert und weibliche Lebensrealitäten sichtbar
gemacht werden müssen, eignen sich offene Verfahren wesentlich besser (Müller
1984; Behnke und Meuser 1999, S. 9–14), weshalb es bis heute eine Affinität
zwischen feministischen Methoden und qualitativen interpretativen Verfahren (Akremi et al. 2018) gibt, insbesondere der Ethnografie (Pillow und Mayo 2012; Buch
und Staller 2014): Sozialkonstruktivistische, wissenssoziologische, eher mikrosoziologisch und methodisch qualitativ angelegte Studien nehmen alltägliche Praktiken in den Blick und fokussieren insbesondere Interaktionsprozesse und die darin
liegenden Konstruktionsweisen von Geschlechtlichkeit, die sich in Körpern, Gesten,
aber auch Räumen gesellschaftlichen Feldern zeigen (West und Zimmerman 1987;
Hagemann-White 1993). Für Forschungsansätze, die von einer diskursiven Konstruktionsweise von Geschlecht ausgehen, sind eher diskursanalytische Verfahren
geeignet (Hark 2011).
4
Situierung und Positionierung
Mit dem Verständnis, dass Wissenschaft keine bloß realitätsabbildende Funktion
besitzt, sondern vielmehr Realitäten mitproduziert und damit auch an der Reproduktion von Macht- und Herrschaftsverhältnissen beteiligt ist, entwickelt sich in den
1990er-Jahren eine Form der feministischen Wissenschaftskritik, die eine radikale
Positionierung von Forschung und der Forschenden einfordert. Die Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway (1995) entwirft mit dem Konzept des „situierten
Wissens“ eine Form wissenschaftlicher Praxis, die sich sowohl von standpunktfeministischen Forschungsansätzen, die die Objektivität ihrer Position aus ihrer gesellschaftlichen Stellung ableiten, als auch von konventionellen Wissenschaftskonzep-
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M. Norkus und N. Baur
ten abgrenzt, die ihre spezifische Verortung verkennen und von einer Werturteilsfreiheit ausgehen.
Grundsätzlich geht diese Wissenschaftsauffassung davon aus, dass jede Form der
Erzeugung wissenschaftlichen Wissens aus einer bestimmten Position heraus
geschieht: Forschende nehmen einen spezifischen Blick ein, sie nutzen bestimmte
Methoden zur Wahrheitsfindung, bestimmte theoretische Konzepte, Begriffe und
Kategorien. Die Positionalität erklärt auch, was erforscht wird und mit welchem
Erkenntnisinteresse dies geschieht. Ähnlich wie die frühe deutsche Soziologie (Baur
2008), die interpretative Sozialforschung (Akremi et al. 2018) oder die Ökonomie
der Konventionen (Diaz-Bone 2015) erachtet auch Haraway (1995) die Leugnung
der eigenen Perspektivität der Forschung als hochgradig problematisch. Der „göttliche Trick“ (Haraway 1995, S. 81), der behauptet, nirgendwo zu sein und daher
‚Objektivität‘ zu erreichen, reproduziert Herrschaftsstrukturen. Umgekehrt macht
dies aber feministische Theorien nicht zwangsläufig objektiv: Zwar geht mit dem
Einbezug der Sichtweisen der Marginalisierten in die Analyse zumeist die eigene
Verortung einher, denn sie ist Ausgangspunkt der Erkenntnisse und Forderungen.
Dennoch ist auch sie nicht von Kritik und Dekonstruktion ausgenommen (Haraway
1995, S. 84–85). Die Problematik liegt gerade in der Form der Vereinnahmung
sowie einem Wahrheits- und Objektivitätsanspruch, der dann wiederum die partielle
Perspektive aufgibt (Haraway 1995, S. 85).
Haraway (1995, S. 82) hält aber am Ideal der Wahrheitsfindung und Objektivität
fest, denn ein kompletter Relativismus ist aus ihrer Sicht nur die andere Seite
universeller Objektivität: Ihre Vision ist eine Form der Wissenschaft, in der eine
Vielzahl partieller, begrenzter, verorteter und verantwortungsvoller Perspektiven zur
Sprache kommen, die sich dann netzwerkartig verbinden können. Diese Perspektiven sind kritisierbar, veränderbar, unterliegen Konstruktionspraxen, die sie offenlegen. Die unterschiedlichen partiellen Positionen dürfen also ihren Anspruch auf
Wahrheit nicht verlieren, dieser muss allerdings in der eigenen Lokalität und Perspektivität verortet werden. Die Erkenntnis der eigenen Position ist auch immer
schon mit einer Kritik an der eigenen Subjektposition verbunden, die als kontingent
und nicht als eine feste Entität gedacht ist. Das ‚Subjekt‘ ist als Figur vorzustellen,
die nie fertig ist, ständig neu zusammengestellt wird, sich verändert, situiert ist
(Haraway 1995, S. 94). Haraway spricht von heterogener Vielfalt, womit der wissenschaftliche Blick auch heterogen und vielfältig wird. Die Möglichkeit zur
Erkenntnis liegt gerade in dieser Unabgeschlossenheit des Erkenntnissubjekts und
seiner Erkenntnisweisen, die zum Suchen nach den „partiellen Verbindungen“
zwischen den Sichtweisen zwingt (Haraway 1995, S. 95). Damit verändert sich
auch das Verhältnis zwischen erkennendem Subjekt und Untersuchungsobjekt,
wobei ‚Objekte‘ nicht mehr nur bloße Erkenntnisgegenstände sondern auch Akteure
meint, die den Forschungsprozess mitgestalten (Haraway 1995, S. 90). Haraways
Verständnis ist damit eng an Theorien wie die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT)
(Schulz-Schaeffer 2000) geknüpft, in denen Dichotomien wie zwischen Subjekten
und Objekten, Materiellem und Diskursivem, Natur und Kultur zunehmend aufgelöst werden.
Feministische Methoden- und Wissenschaftskritik . . .
7
Diese eher philosophischen Arbeiten finden sich auch in der feministischen
Methodenforschung wieder: So sollte „[d]er Standpunkt der Befragten [. . .] von
diesen selbst und nicht von den Forscherinnen formuliert werden“ (Müller 1984,
S. 7). Insbesondere bei geschlossenen Befragungen ist das Machtverhältnis zwischen Forscherin und Beforschter relativ einseitig (Oakley 1981; Behnke und
Meuser 1999, S. 12). Doch auch wenn offene Verfahren diese Einseitigkeit der
Forschung, das Subjekt-Objekt-Verhältnis von Forscherin und Beforschter sowie
das Machtverhältnis abschwächen können, lösen sie es nicht vollständig auf, da etwa
die Forscherin das Interviewthema bestimmt und die Ergebnisse später für einen
vorher bestimmten Zweck (wissenschaftliche Diskussion) verwendet. Seit etwa
dreißig Jahren versucht die Geschlechterforschung, Methoden zu entwickeln, in
denen diese Machtbeziehungen aufgelöst werden (Oakley 1981; Müller 1994;
Behnke und Meuser 1999, S. 20–26). Das Fazit dieser Forschung lautet: Das ist
unmöglich, denn Forschung ist immer machtdurchdrungen (Müller 1984; Behnke
und Meuser 1999, S. 16–17; Doucet und Mauthner 2008). Die feministische Methodenforschung fokussiert damit eher die Frage, wie diese Herrschaftsverhältnisse
minimiert werden können (Doucet und Mauthner 2008).
5
Ausblick und offene Fragen
Feministische Wissenschafts- und Methodenkritik ist weder eine einheitliche Strömung noch gibt es für die verschiedenen Fragen, Problemstellungen und Kritikpunkte
eine allumfassende Antwort. Im Zuge der Institutionalisierung der Frauen- und
Geschlechterforschung in der Wissenschaft haben sich unterschiedliche Strömungen
entwickelt, die wiederum unterschiedliche Antworten auf unterschiedliche Fragen
geben. Dabei ist die feministische Wissenschafts- und Methodenkritik immer auch
der Selbstkritik verpflichtet geblieben und hat stets die für sie zentralen Ausgangskategorien auf den Prüfstand gestellt.
Demgegenüber haben sich aber auch der Mainstream der Wissenschaft und
insbesondere die Methodenforschung weiterentwickelt und diese Kritikpunkte in
ihre Modelle und Konzepte aufgenommen. In Auseinandersetzung mit der methodologischen Kritik am quantitativen Paradigma (u. a. auch aus der Frauen- und
Geschlechterforschung) bewegen sich die Methodenforschung und Forschungspraxis spätestens seit den 1990er-Jahren hin zu Mixed-Methods-Ansätzen (Baur et al.
2017). Diese Entwicklung innerhalb der Methodenforschung kann auch für die
Frauen- und Geschlechterforschung produktiv genutzt werden (Baur 2012).
Nichtsdestotrotz artikuliert die feministische Forschung teilweise Kritik an der
Wissenschaft und ihren Methoden, die methodologisch kaum lösbar sind. Diese
Kritikformen sind eher als kritische Folie zu sehen, die bei der Forschung mitgedacht
und reflektiert werden sollte. Außerdem treten auch innerhalb der feministischen
Forschung Schwerpunkte auseinander, was zu unterschiedlichen Auffassungen über
die jeweils geeignete Forschungspraxis führt. So können für eine Forschungsfrage
qualitative Verfahren zur Analyse von Geschlechterkonstruktionen angemessen sein,
8
M. Norkus und N. Baur
für andere aber quantitative Studien, die Auskunft über gesellschaftliche Verteilungen unterschiedlicher Merkmale geben.
Offene Fragen für die künftige Analyse sind insbesondere, wie Materialität,
Körper und Körperlichkeit adäquat analysiert werden können, ohne in einen naiven
Positivismus zu verfallen; wie kulturvergleichende feministische Forschung gestaltet werden kann, ohne koloniale Machtverhältnisse zu replizieren, und wie Intersektionalität methodologisch erfasst werden kann.
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