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Spektrum
Überlegungen zum Organismusmodell der Homöopathie
ZUSAMMENFA SS UN G
SU MM ARY
Das Organismusmodell der Homöopathie ist zentraler Bestandteil
ihres wissenschaftlichen Paradigmas und wesentliche Grundlage
für ihre Heilerfolge. Die Differenzbestimmungen zum schulmedizinischen Paradigma sind in ihm niedergelegt, darunter insbesondere das Konzept der Lebenskraft. Der Organismusbegriff
Hahnemanns stellt einen Grenzbegriff zur konventionellen Medizin dar und markiert die Inkompatibilität der beiden Medizinen.
The model of organism is crucial for the scientific paradigm of
homoeopathy and necessary for therapeutic success. Fundamental differences to conventional medicine refer to this concept, not
at least the hypothesis of a vital force. The homoeopathic model
of organism remarks an insurmountable border to conventional
medicine and reveals once again the incompatibility of the two
paradigms.
Schlüsselwörter
Organismus, Lebenskraft, Paradigma, Unterdrückung,
Wissenschaft.
Keywords
Organism, paradigm, vital force, repression, science.
Hinführung zur Problematik
Der Beruf des Mediziners besteht darin, Krankheiten und
Leiden zu heilen, oder, wo dies nicht möglich ist, wenigstens
Linderung zu bringen. Um diese Obliegenheiten erfolgreich
durchführen zu können, muss der Therapeut über angemessene Vorstellungen des Geschehens im Organismus verfügen, sowohl über seine gesunden wie über seine kranken
Vorgänge.
Differenzierte Diagnosestellung Liegt eine Gesundheitsstörung vor, so muss der Therapeut in der Lage sein, eine
zutreffende Diagnose in einem erweiterten Sinn zu stellen.
Unter einer solchen Diagnose ist dabei – aus homöopathischer Sicht – nicht nur eine abstrakte Krankheitsbezeichnung zu verstehen, sondern ein umfassendes Verständnis
der krankmachenden Abläufe im Organismus überhaupt,
ihrer Ursachen, Auswirkungen sowie ihrer Entwicklungstendenzen.
In der homöopathischen Medizin schlägt sich diese Art der
differenzierten Diagnosestellung häufig nieder in der Zusammenstellung der Totalität der Symptome eines jeweiligen Patienten. Dabei handelt es sich sowohl um objektive, dem Beobachter zugängliche Symptome, wie auch um
subjektive, die sich aus der unmittelbaren Leiberfahrung
des Patienten ergeben.
Therapiewahl In einem zweiten Schritt muss der Therapeut, auf der Grundlage dieser Diagnose, zu einem angemessenen medizinischen Handeln gelangen. Er steht vor
der Aufgabe, passende Arzneien auszuwählen und in korrekter Weise einzusetzen, um auf das Krankheitsgeschehen gezielt Einfluss zu nehmen und die gewünschte Heilung oder Linderung der Beschwerden zu erreichen.
10
Modell des Organismus Um diese komplexe Arbeit zu leisten – Diagnosestellung und Therapiewahl unter Maßgabe
einer entwickelten Urteilskraft –, muss er auf ein Modell des
Organismus rekurrieren, durch welches er sich die im Organismus ablaufenden Prozesse als Lebensprozesse veranschaulichen und begreiflich machen kann. Man könnte auch sagen,
das medizinische Modell versucht, die Aktions- und Reaktionsmuster des Organismus in einem adäquaten Annähru­
ngsmodus abzubilden. Je genauer ein solches Modell
­aus­fällt, das heißt, je näher es der Wirklichkeit des zu begreifenden Organismus kommt, desto größer dürfte auch die
Chance werden, denselben durch Behandlungen so zu beeinflussen, dass die angestrebten Ziele erreicht werden können.
Ein möglichst realitätsnahes Organismusmodell bietet
eine wesentliche Voraussetzung für erfolgreiche
praktische medizinische Tätigkeit.
Organismusmodelle
Organismusmodelle gehören, insofern jedes medizinische
Handeln auf Wirkungsmodellen fußt, zu den Kernbereichen
der medizinischen Paradigmata. Sie sind alles andere als
müßige theoretische Spielereien, die mit der praktischen
Tätigkeit des Mediziners wenig zu tun haben, sondern stellen vielmehr das spezifische Medium dar, in welchem sich
die tagtäglichen Überlegungen, Urteilsbildungen und
Handlungsentscheidungen der Therapeuten vollziehen. Im
Prinzip müsste jeder praktisch tätige Mediziner imstande
sein, seine Handlungsentscheidungen im Rückgriff auf das
Organismusmodell, mit welchem er im Rahmen seines PaWürger W. Überlegungen zum Organismusmodell ... AHZ 2017; 262: 10–16
Heruntergeladen von: Vanderbilt University. Urheberrechtlich geschützt.
Wolfgang Würger
Als integrale Elemente medizinischer Paradigmata werden
die jeweiligen Organismusmodelle der Praxis stets schon
vorausgesetzt. Sie fundieren auf diese Weise die Alltagsarbeit und treten kaum in Erscheinung. Es besteht dabei
in aller Regel auch keine Notwendigkeit, ausdrücklich auf
das eigene Modell zu reflektieren.
Konkurrierende Organismusmodelle Im Zeichen der Paradigmenkonkurrenz allerdings sieht dies anders aus. Hier
muss ein Organismusmodell den Nachweis erbringen können, dass es konkurrierenden Medizinen überlegen ist, weil
es ein besseres Verständnis der Arbeitsweise des Organismus, der Krankheits- und Gesundheitsprozesse, bereitzustellen vermag, auf dessen Grundlage die medizinische
Praxis stattfindet. Die kontroverse Diskussion zwischen der
Homöopathie und der Schulmedizin ist deswegen vor
allem auch auf der Ebene der jeweiligen Organi­s ­
musmodelle und ihrer Geltungsansprüche zu führen. Es
dürfte nicht schwer fallen zu begründen, welches der beiden konkurrierenden Modelle – das vitalistische der Homöopathie oder das mechanisch-technische der konventionellen Medizin – den Gegebenheiten eines lebendigen
Organismus besser entspricht.
Das homöopathische
Organismusmodell
Hahnemann schreibt dem homöopathischen Paradigma
ein vitalistisches Organismusmodell ein, das heißt, er versucht, anhand eines Modells des Lebendigen dessen Arbeitsweise zu verstehen ([13], S. 274ff; [14]).
Lebenskraft Um die Besonderheit des lebendigen Organismus zu erfassen, verwendet er den Begriff der Lebenskraft. Es ist diese Lebenskraft, die im Organismus waltet
und für seine geregelten Abläufe sorgt, deren Summe wir
als Gesundheit sowohl bezeichnen wie auch erleben können. Treten Erkrankungen auf, so interpretiert Hahnemann
dies als eine „Verstimmung“ der Lebenskraft, die es mittels Arzneien, die nach dem Ähnlichkeitsprinzip ausgewählt werden, zu beheben gilt, indem sie den Organismus
instand setzen, den „harmonischen Lebensgang“ wiederherzustellen. Zu gewissen Irritationen in den Diskussionen
um die Lebenskraft trägt mitunter die Terminologie
Hahnemanns bei, in der die Lebenskraft als „geistartig“
(ORG §9, §11) beschrieben wird. Diese Begriffswahl bedeutet jedoch kein Abgleiten in vorwissenschaftliches
Denken, wie manche Kritiker mutmaßen, sondern sie dient
dazu, sein Konzept des Organismus von den grob-materialistischen Entwürfen der cartesianisch geprägten Wissenschaftstradition in der Medizin wirkungsvoll abzugrenzen
Würger W. Überlegungen zum Organismusmodell ... AHZ 2017; 262: 10–16
und zugleich zu betonen, dass materieller Körper und
­Lebenskraft in ihrer Unterscheidbarkeit dennoch eine untrennbare Einheit bilden. Insofern sind auch sein Organismusbegriff und sein Konzept einer Lebenskraft nicht voneinander zu trennen.
Rekonstruktion von Hahnemanns Modell
In seinen Schriften hat Hahnemann, soweit ich erkennen
kann, keine kritisch-systematische Ausführung seines
­Organismusbegriffs vorgenommen. In Form einer Rekonstruktion lässt sich das von ihm in seinen Texten Gemeinte und Bedeutete, das die Praxis der Homöopathie bis auf
den heutigen Tag prägt, jedoch anhand von sechs Leitbegriffen erschließen und zusammenfassen ([13], S. 283ff).
Individualität Im Zentrum des Hahnemann‘schen Organismusmodells steht der Begriff der Individualität, der alle
anderen Bestimmungen umgreift und miteinander verbindet. Zwar ist es möglich, besondere Krankheiten aufgrund gemeinsamer objektivierbarer Merkmale unter
einem dia­gnostischen Allgemeinbegriff zusammenzufassen, doch stoßen solche Objektivierungsversuche, bedingt
durch die Qualität des Gegenstands der Medizin, den erkrankten Menschen, an unüberwindliche Grenzen. Wenn
man versucht, den kranken Körper in naturwissenschaftlicher Weise zu beschreiben, wird nur ein Teil seiner Realität begriffen, nämlich derjenige, der äußerer Beobachtung
und Erfassung zugänglich ist, der sich also objektivieren
lässt. Daneben steht aber, von dieser methodischen Zugangsweise nicht erreicht und auch nicht erreichbar, die
Realität des Leibes, das heißt die subjektive Erfahrung der
Jemeinigkeit des Leidens und seiner Ausdrucksformen
(Schmerz, Missempfindungen, Beeinträchtigungen usw.).
Die Vorstellungen vom Organismus, die das schulmedizinische Paradigma prägen und ihre Therapieformen bestimmen, heben ausschließlich auf das Verallgemeinerbare ab,
das sich bei den jeweiligen zu behandelnden Krankheiten
erheben lässt. Dieses Allgemeine findet seinen Ausdruck
schließlich in einer Diagnose, in der das komplexe Krankheitsgeschehen auf einen abstrakten Allgemeinbegriff reduziert wird [11]. Die meisten Besonderheiten des leidenden Menschen, des erkrankten Organismus, gehen bei
einer solchen Art der Diagnosestellung jedoch nicht nur
verloren, sondern sie werden ganz bewusst als unwichtige,
ja stö­rende Faktoren aus der Wahrnehmung ausgeblendet.
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radigmas arbeitet, rechtfertigen zu können. Jede Medizin,
die den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt, muss
bereit sein, sich der Möglichkeit einer solchen an sie ergehenden Forderung zu stellen.
So kommt es, dass die Schulmedizin auf der Basis eines
abstrahierten Krankheitsbegriffs, in welchem der
leidende Mensch weitgehend verschwunden ist,
Behandlungsweisen einsetzt, die auf diesen Abstraktionsbegriff ausgerichtet sind, und zwar unter weitgehender Herausnahme der subjektiven Seite der
Realität des Kranken, das heißt unter Vernachlässigung
der individuellen Züge seines spezifischen Leidens.
11
Spektrum
Demgegenüber zielt der homöopathische Organismusbegriff auf die ungeschmälerte Erfassung der Individualität des erkrankten Organismus, denn eben diesen in seiner konkreten Befindlichkeit gilt es zu heilen und nicht
einer abstrakten Durchschnittsmenge von Kranken einen
abstrakten Durchschnittsnutzen zugutekommen zu lassen. Der Organismus ist immer als Subjekt zu fassen, auch
und gerade in der Medizin. Entkleidet man ihn dieser seiner Subjekthaftigkeit in der Theorie, so wird man ihn auch
in der Praxis verfehlen und ihm kaum in angemessener
und gewiss nicht in bestmöglicher Weise helfen können.
Prozessualität Der zweite Leitbegriff des homöopathischen Organismusmodells ist die Prozessualität. Mit ihm
wird beschrieben, dass sämtliche Abläufe im Organismus
weniger in ihrer Zuständlichkeit als in ihrer Bewegung zu
begreifen sind. Auf den ersten Blick mag dies banal klingen. Zieht man jedoch den Hauptaspekt der Individualität
hinzu, so wird schnell klar, welche Bedeutung dem Gesichtspunkt der Prozessualität zukommt. Eine wichtige
Aufgabe der homöopathischen Medizin besteht darin, sich
einen möglichst exakten Einblick zu verschaffen, wo auf
ihrem Wege sich die jeweilige Krankheitsentwicklung augenblicklich befindet, mit welcher Dynamik sie voranschreitet, welche Phänomene sie vermutlich hervorbringen wird, wenn sie dabei nicht gestoppt oder gewendet
werden kann usw. Dieses Begreifen der Prozessualität des
Organismus im individuellen Krankheitsfalle hat somit
sehr weitreichende Auswirkungen sowohl auf die differenzierte homöopathische Diagnose wie auch auf den Bereich
der Therapie, also auf Arzneiwahl, Behandlungsführung
und Überprüfung der eigenen Prognosen. Das Wissen um
die Prozessualität des Organismus nötigt den Homöopathen, so nahe wie möglich am Krankheitsgeschehen zu
bleiben, um mit größtmöglicher Effektivität eingreifen zu
können. Diese Notwendigkeit besteht im Prinzip immer,
gibt sich jedoch insbesondere bei den schweren und rasch
voranschreitenden Erkrankungen deutlich zu erkennen.
Teleologie Sprechen wir von der Prozessualität des Organismus, so berühren wir damit auch gleich den dritten Leitbegriff des homöopathischen Organismusmodells, die Teleologie. Die Prozessualität des Organismus, die in ihm ablaufenden Lebensprozesse (Krankheits-, Heilungs- wie
Gesundheitsprozesse) folgen einer Zielrichtung. Ist ein
Verhältnis im Organismus gegeben, das man als „Gesundheit“ bezeichnen kann, so wäre es terminologisch falsch,
hierfür von einem „Zustand“ zu reden, denn das, was uns
als „zuständlich“ oder statisch erscheint, ist ein permanentes, stilles und für den Leib in aller Regel kaum spürbares
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Prozessgeschehen, in welchem Gesundheit unablässig erzeugt und in dieser Erzeugtheit stabil gehalten wird. Eben
dafür sorgt im ­homöopathischen Modell die Lebenskraft,
die gedacht ist, diesen Organismus in einem „bewundernswürdig harmonischem Lebensgange“ (ORG §9) zu erhalten. Der Lebenskraft ist somit eine Zielrichtung eingeschrieben, denn sie ist ausgerichtet auf die Erhaltung dessen, was wir Gesundheit nennen. Haben sich Krankheiten
im Organismus erst einmal etablieren können, dann wird
dies in Hahnemanns Modell als Verstimmung der Lebenskraft gedeutet. Durch diese Verstimmung der Lebenskraft
erfolgt eine Richtungsänderung der Lebensprozesse im
Organismus.
Wenn diese Verstimmung stark genug ist, lange genug
anhält und der Organismus sich als nicht mehr in der
Lage erweist, sie selbsttätig zu beheben, kann man im
Sinne Hahnemanns den Begriff der chronischen Krankheiten verwenden: Pathologische und pathologisierende Prozesse haben hierbei gesunde und Gesundheit herstellen wollende Prozesse überlagert und dominieren
nun die Zielrichtung des Geschehens im Organismus.
Diese Feststellung gilt für alle chronischen Krankheiten,
aber besonders bei sehr schweren chronischen Krankheiten, wie z.B. dem Krebs, wird diese veränderte Zielrichtung des Geschehens im Organismus immer unübersehbarer, je weiter sie voranschreitet. Eine andere Rationalität als diejenige, die Gesundheit erzeugen kann und
will, hat damit in ihm die Oberhand gewonnen, nämlich
eine Rationalität, die die Abläufe im Organismus nach
destruktiven Grundsätzen erfolgen lässt und somit dem
Tode vor seiner eigentlichen biologischen Zeit zusteuert
([12], S. 324ff).
Kohärenz Aufgrund der bisherigen Bestimmungen des
Organismus als einer Individualität, die sich innerhalb einer
zielgerichteten Prozessualität bewegt, kann als vierter Leitbegriff seine Kohärenz benannt werden. Dadurch wird der
Umstand ausgedrückt ist, dass der Organismus als eine in
sich sinnvoll aufgebaute Einheit zu betrachten ist, die man
theoretisch nicht folgenlos in isolierte Kompartimente zerlegen und praktisch gesondert therapieren kann, wie dies
die konventionelle Medizin gemäß ihrer paradigmatischen
Axiome tut.
Historizität Mit dem fünften Leitbegriff, dem der Historizität, ist die schlichte Tatsache beschrieben, dass sich der
Organismus in einem zeitlichen Spektrum bewegt, dass er
einer Lebensgeschichte unterliegt, für die solche Kriterien
wie Irreversibilität der von ihm durchlaufenen Prozesse (z.
B. Altern) und Sterblichkeit eine herausragende Rolle spielen, welche ihn von allem Maschinellen und Artifiziellen
unterscheiden.
Spontaneität Nicht zuletzt gehört zu einem Modell des lebendigen Organismus auch noch der sechste ­Leitbegriff
hinzu, nämlich die Spontaneität, mit dem ­ausgedrückt wird,
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Dass eine solches Vorgehen, das schon von seinem theo­
retisch-paradigmatischen Ansatz her nicht imstande ist,
den Organismus in adäquater Weise zu präsentieren, mit
seinen Therapiekonzepten in ganz erhebliche Schwierigkeiten geraten muss, dürfte niemanden ernstlich verwundern.
Sämtliche Beschreibungselemente des vitalistischen
Organismusmodells der Homöopathie fügen sich im
Leibbegriff zusammen. Alles Leiden ist zunächst und
primär immer subjektives Leiden, weshalb es dem
Mediziner aufgegeben ist, den Körper des Patienten
nicht nur als objektivierbares Etwas anzusehen,
sondern ihn vordringlich in seiner Subjekthaftigkeit
zum Gegenstand seiner Wahrnehmung zu machen,
eben als leidenden Leib. Gerade diese Selbstwahrnehmungen und Empfindungen des erkrankten
Menschen stellen für die homöopathische Medizin die
Ermöglichungsbedingungen überhaupt dar, um dem
Patienten wirksame therapeutische Hilfe zukommen
lassen zu können. Die Einlösung dieser Chance ist an
die Akzeptanz des vitalistischen Organismusmodells
Hahnemanns geknüpft.
Organismusmodell und chronische
Krankheiten
Eine besondere Rolle in der homöopathischen Medizin
kommt den Behandlungen der chronischen Krankheiten
zu, und nicht zuletzt in diesem Feld muss sich ihr Organismusmodell gegenüber konkurrierenden Modellen bewähren. Während die Schulmedizin alle Krankheiten als „chronisch“ betrachtet, die entweder nicht von alleine („natura
sanat“) ausheilen oder deren Symptome durch den Einsatz
ihrer Maßnahmen nicht zum Verschwinden gebracht werden können, findet sich in der Homöopathie ein grundsätzlich differenzierteres Verständnis, was die chronische Dimension von Krankheiten angeht. Hahnemann versteht
unter einer chronischen Krankheit eine solche, die imstande ist, den Organismus derart „dynamisch [zu] verstimmen“, dass die „zur Erhaltung der Gesundheit bestimmte
[…] Lebenskraft […] sie […] durch eigne Kraft nicht in sich
selbst auslöschen kann, sondern unmächtig dieselbe fortwuchern und sich selbst immer innormaler umstimmen
lassen muß bis zur endlichen Zerstörung des Organismus“
(ORG §72).
Miasmentheorie Was Ursachen und Entstehung chronischer Krankheiten betrifft, so ging Hahnemann davon
aus, dass diese Krankheiten aus einer dynamischen „Ansteckung“ durch ein „chronisches Miasma“ hervorgehen. Diese Miasmentheorie ist bis heute Gegenstand
heftiger Kontroversen geblieben, die die Homöopathenschaft tiefgreifend spaltet, dabei zugleich von so komWürger W. Überlegungen zum Organismusmodell ... AHZ 2017; 262: 10–16
plexer Natur ist, dass einfache Ant wor ten auf die
­e ntstandenen Fragen nicht möglich scheinen. Als problematisch erweist sich in diesen Debatten der zumeist
ahistorische Umgang mit der historischen Terminologie
Hahnemanns, welche man nicht in einem Zeitsprung
über zwei Jahrhunderte hinweg eins zu eins in unsere
naturwissenschaftlich geprägte Medizinsprache übersetzen darf.
Ansteckung Will man Hahnemanns Begriff der „Ansteckung“ im Sinne der Sprache unserer modernen Infektionslehre verstehen – und eben so gehen die meisten Gegner seiner Theorie der chronischen Krankheiten vor –, dann
müsste sich ein ansteckendes Agens, das diese chronischen Krankheiten verursacht, durch entsprechende Methoden identifizieren lassen. Da dies jedoch nicht möglich
ist, erscheint – so wird von der Seite der Kritiker aus argumentiert – die Miasmentheorie als überholt.
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dass seine Reaktionen niemals endgültig berechenbar und
vorhersehbar sein können. Damit wird der ­Organismus ein
weiteres Mal als grundsätzlich verschieden gefasst von allen
Gegenständen, mit denen sich mathe­matisch-physikalischchemische Theorien beschäftigen.
Es ist aber sicher davon auszugehen, dass Hahnemann seinen Begriff der „Ansteckung“ nicht in dieser engen Weise
verwendet hat, wie die heutige Infektologie dies tut, sondern
dass – auf dem Stand heutigen Wissens – darunter durchaus
auch genetische und epigenetische Belastungen verstanden
werden können, die über die Generationenkette weitergegeben wurden und werden. Daneben vielleicht auch anderes, was sich derzeit in naturwissenschaftlicher Sprache noch
nicht beschreiben lässt. Dabei mag offen bleiben, ob und von
welcher Art eine ursprüngliche „Ansteckung“ stattgefunden
hat, deren Ergebnisse unter dem Einfluss interner wie externer Faktoren weiter prozessieren. Kaum von der Hand zu weisen dürfte allerdings sein, dass durch diese – wann und wie
auch immer erworbenen – Belastungen die Individualität der
Aktions- und Reaktionsweisen des Organismus in nachhaltiger Weise beeinflusst und bestimmt wird.
Definition des Miasmenbegriffs In einer möglichst
allgemein gehaltenen Definition könnte man ein Miasma gemäß Hahnemann beschreiben als ein Etwas, das
durch einen Vorgang, den man bildhaft als „Ansteckung“ bezeichnen kann, die Integrität des Organismus
erheblich und nachhaltig zu beeinträchtigen vermag.
Die Lebenskraft erfährt dadurch eine so schwerwiegende Verstimmung, dass Krankheitsprozesse initiiert werden, die der Organismus aus eigener Kraft nicht mehr
zu korrigieren imstande ist, weshalb im Endeffekt chronische Krankheiten auftreten, die in einer vom Organismus selbst nicht mehr kontrollierbaren Eigendynamik
voranschreiten.
Unverzichtbarkeit der Miasmentheorie Aller Schwierigkeiten und ungelöster Probleme zum Trotz können
Überlegungen im Rahmen von Hahnemanns Miasmenkonzeption Behandlungsansätze bei Krankheiten unterstützen, die ansonsten entweder therapeutisch aufgegeben werden müssen oder eben nur noch „verwaltet“ werden können.
13
Spektrum
Mit dem pauschalen Verwerfen der Miasmentheorie, für
welche bis dato, soweit ich sehen kann, kein vergleichbarer Ersatz bereitsteht, würde sich die Homöopathie selbst
einer ihrer wichtigsten therapeutischen Möglichkeiten berauben. Insofern stellt die Theorie chronischer Krankheiten, die Hahnemann entworfen hat, einen wichtigen – einige würden sagen: unverzichtbaren – Bezugspunkt des
homöopathischen Organismusmodells dar, der mit den
genannten sechs Leitbegriffen in intrinsischem Zusammenhang steht.
Illustrierung des Organismusmodells:
„Unterdrückung“ und
„Metaschematismus“
Am Konzept der Unterdrückung bzw. der Vorstellung vom
Gestaltwandel der Krankheiten, den „Metaschematismen“
(ORG S. 25, 36, 40), lässt sich das Potenzial des homöopathischen Organismusbegriffs und der in ihm liegenden Möglichkeiten – nicht zuletzt in Abgrenzung von schulmedizinischen Organismusmodellen – überzeugend aufzeigen.
Abwehrmaßnahmen gegen Störungen Hahnemann
geht aufgrund seiner Beobachtungen davon aus, dass die
Lebenskraft, wenn sie durch eine chronische Krankheit verstimmt ist, die sie aus eigenem Vermögen nicht zu überwinden vermag, versucht, die verloren gegangene Integr­
ität des Organismus dennoch auf möglichst hohem Niveau erneut zu stabilisieren und zu diesem Zweck
„stellvertretende Local-Uebel“ (ORG §185ff) hervorzubringen. Durch diese Art von Nothilfe bemüht sich die Lebenskraft, das eigentliche, tiefsitzende Leiden zu „beschwichtigen“ (ORG §201). Das heißt, wenn die Annahme Hahnemanns zutrifft, dass der Organismus über Fähigkeiten
verfügt, Abwehrmaßnahmen gegen Störungen zu ergreifen, die seine Gesundheit und sein Leben ernsthaft zu gefährden drohen, und dabei diese Störungen in entschärfender Weise „gleichsam abzuleiten“. Diese Ableitung
stellt, wenn wir es mit einer chronischen Krankheit im
Sinne Hahnemanns zu tun haben, also eine vorübergehende Schutzmaßnahme dar, dort, wo die Lebenskraft es nicht
mehr schafft, die einmal eingebüßte Gesundheit wiederherzustellen. Durch diesen Notbehelf vermag es der Organismus zwar, in gewisser Weise die Ausbildung größerer
Schäden zu blockieren, aber eben doch nur graduell und
zeitlich befristet, denn das Fortschreiten der chronischen
Krankheit, welches irgendwann zu Siechtum und vorzeitigem Tod führt, kann dadurch höchstens verzögert, keinesfalls jedoch grundsätzlich aufgehalten werden.
14
Diese Fähigkeit des Organismus, Einwirkungen, die
seinen Bestand nachhaltig zu gefährden imstande sind
und die er nicht mehr ausgleichen kann, teilweise
aufzufangen und in ihrer schlimmen Wirkung abzumildern, kann, wie ich denke, durchaus als evolutionäre
Errungenschaft angesehen werden.
Interpretation des „Local-Uebels“ Die grundlegende
Differenz zwischen dem homöopathischen und dem
schulmedizinischen Paradigma zeigt sich nun darin, dass
die Wahrnehmungen und Interpretationen eines solchen
Phänomens wie des „Local-Uebels“ vollständig auseinanderklaffen. Während für den Schulmediziner dieses
„Übel“ ganz für sich alleine steht und eben das zu Beseitigende darstellt, nach dessen Befreiung der Patient wieder gesünder oder gesund – je nach angewandter
­D efinition – geworden ist, sieht dies die Homöopathie
­bekanntlich ganz anders. Für Hahnemann ist das „LocalUebel“ nichts anderes als ein „Theil der Gesammtkrankheit“. Wird es einer isolierten Behandlung unterzogen,
so führt dies unter der Hand zu einer Verschlimmerung
dieser „Gesammtkrankheit“ und kann zum Ausgangspunkt aller möglichen „chronischen Leiden“ werden.
(ORG §§202–205). Dort, wo die Lebenskraft des Organismus die negativen Konsequenzen einer erfolgreichen Unterdrückung lokaler Symptome nicht mehr auf andere
Weise ausgleichen kann, resultiert die „Erweckung des
innern Leidens“: Alte, zeitweise beruhigte Symptome
können wieder verstärkt in Erscheinung treten, neue
Symptome hinzukommen, das Gesamtgeschehen der
Krankheit verschlimmert sich und erfasst dabei immer
lebenswichtigere Bereiche, was sich in der leiblichen Erfahrung des Patienten in Form einer spürbar sinkenden
Vitalität niederschlägt.
Unterdrückung und Metaschematismus Ich teile im Übrigen nicht die Einschätzung, Hahnemann habe in der 6.
Auflage des Organons den Unterdrückungsbegriff, der seit
seiner Abhandlung über den „Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen“
(1796) sein Schrifttum durchzieht ([5], S. 212ff), zugunsten
der Vorstellung vom Gestaltwechsel („Metaschematismus“) der Krankheiten aufgegeben ([1], S. 250f). Obgleich
beide Begriffe eng miteinander zusammenhängen, beschreiben sie doch durchaus Verschiedenes. Während der
Begriff der Unterdrückung die ungeeignete medizinische
Umgangsweise mit einem Symptom oder Zeichen einer
Krankheit zum Ausdruck bringt, bezieht sich der Begriff des
Metaschematismus auf die Folgen für den Organismus, die
aus dieser Handlung hervorgehen. Mit seiner Formulierung,
es sei „unrichtig“ zu sagen, „das Local-Uebel sey durch die
äußern Mittel zurück in den Körper oder auf die Nerven getrieben worden“ (ORG §202), wendet sich Hahnemann m.E.
nicht gegen den Begriff der Unterdrückung, sondern wohl
eher gegen eine ihm allzu umgangssprachlich ­erscheinende
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Die Praxis der erfolgreichen Behandlung chronischer
Krankheiten in der Homöopathie seit 200 Jahren belegt,
dass dem Miasmenkonzept Substanz zu eigen sein
muss, wie schwer diese auch immer zu fassen sein mag.
Unterdrückung – Definition In einer allgemein gehaltenen Definition ist der Begriff Unterdrückung geeignet, ein
therapeutisches Vorgehen zu beschreiben, das analytisch
isolierbare Krankheitszeichen und Symptome als für sich
stehend betrachtet, also sich der Erfahrung verweigert,
dass diese Phänomene „untrennbarer Theil des Ganzen“
(ORG §193) sind, und zum Verschwinden bringt. Dadurch
bewirkt die unterdrückende Therapie einen Metaschematismus der Krankheit, w
­ odurch das fortbestehende Grundleiden eine wesentliche Verschlimmerung erfährt.
Beispielhafte Darstellung der Leitbegriffe Anhand dieser beiden für die homöopathische Medizin zentralen Konzepte von Unterdrückung und Metaschematismus lassen
sich nun die Leitbegriffe des homöopathischen Organismusbegriffs noch einmal exemplifizieren. Ausgehend von
der Vorstellung der Kohärenz des Organismus, des ursprünglichen Zusammenhängens aller seiner Wirkungsweisen und Lebensäußerungen, die hier mit Blick auf Unterdrückung und Gestaltwechsel deutlich zutage treten,
erschließt sich auch dessen Prozessualität, also die Per­
spektive, wie über Eingriffe, welche Symptome unterdrücken, Abläufe und Befindlichkeiten nachhaltig verändert
werden. Der Aspekt der Teleologie bringt sich dadurch ins
Bewusstsein, wenn man sich klarmacht, dass durch derlei
unterdrückende Eingriffe die ursprünglich auf Herstellung
und Erhaltung von Gesundheit ausgerichteten Prozesse
in ihrer Zielkompetenz schwer beeinträchtigt werden und
Lebensprozesse eine Umorientierung ins Pathologische
erfahren können. Der Begriff der Historizität des Organismus zeigt seine Relevanz schließlich dort, wo aufgrund
der Kenntnis von erfolgten Unterdrückungen kausale Tiefendimensionen in den individuellen Lebensgeschichten
als Krankheitsgeschichten fassbar werden. Die Homöopathie als verstehende Medizin ist besonders aufgerufen,
diese unterdrückenden Maßnahmen anamnestisch zu erfassen und ihre möglichen Folgen, derentwegen Patienten uns um Hilfe aufsuchen, in diesem ­Zusammenhang zu
begreifen. Und die Spontaneität, der Sachverhalt der
let zthinnigen Unberechenbarkeit und Unvor­h er­
sehbarkeit, der allen Prozessen des Lebendigen eignet,
gilt auch für Unterdrückungen und ihre Folgen, so sehr
manches davon, nämlich die Verschlimmerung des Grundleidens, für uns antizipierbar ist. Alle diese Aspekte des
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­ omöopathischen Organismusbegriffs laufen ­zusammen
h
im Leitbegriff der Individualität, der Vorstellung von der
Einmaligkeit des jeweiligen Organismus, der sich für eine
erfolgreiche, heilen sollende Therapie gegen alle diese Individualität vernichtenden ­begrifflichen Verallgemeinerungen sperren muss.
Das Organismusmodell der
Homöopathie als Grenzkonzept
Vitalistisches Organismusmodell Fassen wir die bisherigen Ausführungen zusammen, so kann man feststellen,
dass ein wesentlicher Grundzug, der das homöopathische
Organismusmodell von den technisch-mechanischen der
konventionellen Medizin trennt, in seinem Subjektcharakter zu sehen ist. Der Organismus wird hierbei als kompetenter Akteur angesehen, der es auf der Grundlage seiner
eigenen Rationalität versteht, sich gesund und am Leben
zu erhalten. Die Aufgabe des Homöopathen, der nach den
Prinzipien Hahnemanns arbeitet, besteht darin, dem erkrankten Organismus, der sich, wie im chronischen Falle,
nicht mehr selbst heilen kann, auf eine Art und Weise beizustehen, dass dieser instand gesetzt wird, eben diese ihm
eigenen und durch „Verstimmung der Lebenskraft“ abhanden gekommenen Kompetenzen zurückzugewinnen. Hierzu ist ein sehr genaues Verständnis der Wirk- und Arbeitsweise des Organismus unverzichtbar. Nur auf dieser Basis,
eben auf der eines vitalistischen Modells, kann der Homöopath imstande sein, dem erkrankten Menschen erfolgversprechende Hilfe zu leisten. Gibt man das Konzept der Lebenskraft in der Homöopathie auf, wofür heute manche
plädieren, dann geht der homöopathischen Medizin zusammen mit ihrem Organismusmodell ihre ganz eigene
Behandlungsart verloren.
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konkretistische ­Beschreibung des Sachverhalts und favorisiert d
­ emgegenüber die wissenschaftlicher klingende Ausdrucksweise eines Gestaltwandels, wobei er in der 6. Auflage des Organons den Begriff der Metastase gleichbedeutend mit dem des Metaschematismus verwendet, den er in
der 5. Auflage noch dafür bevorzugt hat (ORG §205). Ich
sehe keinerlei Grund zu der Annahme, Hahnemann habe
mit diesem Sprachgebrauch seine Vorstellung von „Unterdrückung“ aufgeben oder in den Hintergrund rücken wollen. Beide Begriffe sind unentbehrlich für das Verständnis
der Abläufe im Organismus und insofern in berechtigter
Verwendung zu halten.
Technizistisches Organismusmodell Auf der anderen
Seite entkleiden die technisch gefassten Organismusmodelle, die im Paradigma der Schulmedizin den Ton angeben, den Organismus seiner entscheidenden Subjektqualitäten, darunter auch seiner Lebendigkeit, und ignorieren dessen Lebensbekundungen und seine ihm inhärente
Vernünftigkeit, in deren Rahmen er prozessiert. In der
Konsequenz davon reduzieren sie ihn zu einem Objekt
von mehr oder minder gewaltsamen praktischen Manipulationen. Anstatt dem Organismus dort beizuspringen,
wo er in seiner vernehmbaren Sprache Schwächen zu erkennen gibt, versucht man, ihm Konzepte von Normalität aufzuzwingen, die seiner organischen Logik eklatant
widersprechen.
Die Folgen solcher oft ausgesprochen inadäquater Handlungsweisen zu geißeln, wurde Hahnemann nicht müde,
und seine Kritik hat bis heute nichts von ihrer Aktualität
eingebüßt. Von dorther eröffnen sich auch Fragen nach
dem Zusammenhang zwischen medizinischem Paradigma
und der spezifischen Form von Humanität, die eine jede
15
Spektrum
Inkompatibilität der differierenden Modelle Es ist, so
lautet das Fazit, unübersehbar, dass auch bezüglich der Organismusmodelle – und gerade bei diesen wird das besonders greifbar – eine unüberbrückbare Kluft zwischen dem
Paradigma der Homöopathie und dem der konventionellen Medizin besteht. Trotz der offensichtlichen Inkompatibilität der beiden Medizinen heißt das selbstverständlich
nicht, dass eine für den Patienten nutzbringende Zusammenarbeit nicht möglich ist. Pragmatische ­Bedingungen
für eine solche Kooperation sind herauszuarbeiten, die jedoch keinesfalls dazu führen dürfen, zentrale Bestandteile
unseres Paradigmas aufzugeben, zu denen auch das Organismusmodell und die mit ihm unlösbar verbundene Konzeption der Lebenskraft gehören.
Kein Mediziner, auch kein Homöopath, kann gleichzeitig auf der Basis von zwei miteinander unvereinbaren
Modellen des Organismus arbeiten. Insofern muss ein
jeder für sich entscheiden, welchem Paradigma er sich
letztlich zugehörig fühlt und welchem er für seine
Arbeit mit und am Patienten die Federführung
zugestehen will.
Über den Autor
Dr. phil. Wolfgang Würger
Beschäftigung mit dem Krebsphänomen seit
Mitte der 1980er-Jahre. Seit 1997 als Heilpraktiker in eigener Praxis mit Behandlungsschwerpunkt Onkologie. Forschungen und
Publikationen in Philosophie, Medizin und
Wissenschaftstheorie.
Korrespondenzadresse
Dr. phil. Wolfgang Würger
Prinz-Eugen-Str. 1
79102 Freiburg
E-Mail: info@praxis-dr-wuerger.de
16
Literatur
[1] Genneper T; Wegener A, Hrsg. Lehrbuch der Homöopathie.
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[3] Hahnemann S. Organon-Synopse. Die 6 Auflagen von
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[4] Hahnemann S. Theorie der Chronischen Krankheiten, ihre
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[5] Hahnemann S. Gesammelte kleine Schriften. Herausgegeben
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[6] Jahr HG. Die Lehren und Grundsätze der gesamten
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[11] Wieland W. Diagnose. Überlegungen zur Medizintheorie.
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[12] Würger[-Donitza] W. Rationalitätsmodelle und ihr
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[13] Würger W. Die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der
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[14] Würger W. Randomisierte Kontrollierte Studien und das
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[15] Würger W. Das Konzept der Lebenskraft im Wissenschaftsparadigma der Homöopathie. AHZ 2016; 261(5): 11–17
[Weitere Literatur ebd.]
Bibliografie
DOI https://doi.org/10.1055/s-0043-115925
AHZ 2017; 262: 10–16
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York
ISSN 1438-2563
Würger W. Überlegungen zum Organismusmodell ... AHZ 2017; 262: 10–16
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Medizin aus sich heraus zu entbinden vermag, eine Frage,
die, obgleich von größter Brisanz für die Menschen, in den
Paradigmendiskussionen der letzten Jahre und Jahrzehnte
kaum jemals überhaupt nur angerissen wurde.
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