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Stiglat, K.: Bücher sind Brücken –
Ein Streifzug durch 300 Jahre Bau­
ingenieurliteratur. Berlin: Ernst &
Sohn 2017, 144 S., 23 Abb., Br.
ISBN: 978-3-433-03203-9, 19,90 €
Klaus Stiglat, der uns schon mit etlichen
Publikationen über „Randbereiche“ des
Bauingenieurwesens: seine Karikaturen,
seine Reden und Aufsätze zu berufsbezogenen Problemen, zur Konstruktionskritik (bzw. zu deren Mangel) etc. erfreut und nachdenklich gemacht hat,
legt in seinem Verlag Ernst & Sohn
noch einmal ein Bändchen zur Fachliteratur, zum Büchersammeln und letztlich
zum Aufbau einer eigenen Bibliothek
aus dem beruflichen Umfeld des (eines)
Bauingenieurs vor, das gleichermaßen
seinen Abschied des von ihm über ein
ganzes Berufsleben gesammelten Konvoluts bedeutet.
946
Stahlbau 86 (2017), Heft 10
Das heißt, Stiglat trennt sich von dieser seiner Bibliothek – indem er sie an
ein einschlägiges Archiv übergibt, einen
Ort, an dem sie kompetent aufbewahrt,
verwaltet und dennoch der interessierten Community zugänglich gemacht
wird. In seinem Fall ist dies das „Südwestdeutsche Archiv für Architektur
und Ingenieurbau“ (saai) am KIT in
Karlsruhe.
Das saai sieht sich als architektur­
historisches Gedächtnis des Landes; es
sammelt, archiviert und erforscht nach
eigener Darstellung alles, „was die Baukultur bereicherte, auch die Bestände
(fast) vergessener Ingenieure …“. Der
Ruf des saai ist so gut, dass selbst lebende Baumeister ihre Sammlungen
dem Archiv anvertraut haben, genannt
wird hier u. a. Günter Behnisch, nun gehört auch Klaus Stiglat dazu.
Es sei jedoch erwähnt, dass der Nachlass unseres großen Vordenkers des Ingenieur- und Brückenbaus Fritz Leonhardt
zu dessen Lebzeiten nicht a
­ rchiviert
­worden war. Das führte dazu, dass die
Sammlung zum Verkauf angeboten
wurde, was vor allem in den einschlägigen Kreisen des Vereinigten ­Königsreichs
auf Interesse stieß. Stiglat erwarb diesen
Nachlass, um ihn vor ­allem „im Lande“
zu behalten, womit besondere, interessante Druckwerke aus dem 18. und
19. Jh., aber auch ganz persönliche Erfahrungen Leonhardts mit der (Brücken-)
Bau­geschichte des „Dritten Reichs“
­Stiglats Sammlung ergänzten und nunmehr Teil des Archivbestands sind.
Die Archive, einige davon tragen
­neben der beherrschenden Architektur
auch das Bauingenieurwesen im Namen,
(saai, M:ai, SAI etc.), sind ganz auf die
Bestände zur historischen oder sonstigen
Architekturentwicklung ausgerichtet, die
Ingenieure sind eher – wenn auch wichtiges – „Anhängsel“. Die meist personenbezogenen Archive schmücken sich mit
klangvollen Namen aus der Branche:
Frei Otto (der generell als Architekt vereinnahmt wird, obwohl er stets auch in
Kräften und Konstruktion dachte), eben
Leonhardt, der große ­Brückenbauer, Jörg
Schlaich, Protagonist des Leichtbaus,
Stefan Polónyi, vielseitiger Ingenieur
und Philosoph, etc. pp.
Nun also die Bibliothek von Klaus
Stiglat. Sorgfältig aufbereitet, beginnend
mit einem Werk von Daniel Specklin
zum „Vestungs- und Bollwerkbau“ von
1599 über Perronet aus 1782/83, Coignet 1861 und Stüler 1862 … Gottfried
Semper und Gustave Eiffel (auch noch
19. Jh.) bis hin zu den berufsprägenden
Gestalten des 20. Jh. wie Mehrtens,
­Melan, Emperger, Mörsch, Maillart,
Klöppel, Freyssinet, Leonhardt, Finsterwalder und natürlich Schlaich, Nervi,
Max Herzog und Christian Menn etc.
zeigt die Bibliografie einen Überblick
über das Baugeschehen, eben einen
„Streifzug“, durch ca. 300, fast 400 Jahre
Bauingenieurliteratur. Auffällig ist, dass
Stiglat auch die „Selbstdarstellungen“
der erfolgreichen Baufirmen, die sich in
aufwendig gestalteten Jubiläumsschriften, Chroniken etc. präsentierten (Holzmann, Dyckerhoff & Widmann, Bilfinger & Berger, Hochtief …, um nur
­einige zu nennen), als sammelnswert
empfand – eine „Ehrenrettung der oft
gescholtenen Firmenfestschriften“, wie
Karl-Eugen Kurrer in seinem schönen
Geleitwort betont, Aktivitäten, die heute
leider weitgehend dem Kostendenken
geopfert werden.
Das Buch enthält also auf ca. 90 S.,
das sind etwa zwei Drittel des Umfangs,
die Bibliografie dieser beeindruckenden
Bibliothek und zeigt die Absicht, die damit verbunden ist, nämlich das Bekenntnis zu Druckwerken mit haptischen
Qualitäten und besonderen, zeitgenössischen Erkenntnissen und damit – lassen
Sie mich noch unseren alten Goethe zitieren, zu dem, „was man schwarz auf
weiß besitzt, getrost nach Hause …“ getragen werden soll. (Stiglats eigene Publikationen sind hier ausgespart, aber sie
werden sich im Gesamtkonvolut der
Sammlung an anderer Stelle prominent
wiederfinden.)
In der Einleitung bedauert Stiglat,
dass – entgegen der zunehmend inten­
siven Zusammenarbeit von Architekten
und Ingenieuren besonders bei wichtigen Projekten – diese Auseinandersetzung, diese „Philosophie“, in vielen Architekten-Publikationen, aber nur in wenigen Ingenieurarbeiten verbreitet und
verdeutlicht wird. Am Ende des Essays
bedauert er noch einmal den Umstand,
dass „Architekten Kunst ausüben“, bei
deren Realisierung sich die Ingenieure
als Fachleute und Berater nützlich machen. Diese unangemessene Zweiteilung
ist von den Ingenieuren nie mit der erforderlichen rhetorischen Verve beantwortet oder diskutiert worden. Hier gibt
es Nachholbedarf – Stiglats Text ist eindeutig ein Aufruf.
Dieser Teil des Buches thematisiert
auch den Weg des Studenten des Bau­
ingenieurwesens Klaus Stiglat zur berufsbezogenen Literatur, das Interesse
des jungen Assistenten an der TH Karlsruhe am dortigen Buchbestand und die
Festigung der „literarischen Basis“ nach
seinem Wechsel in die Selbständigkeit,
wo er für diverse knifflige Aufgaben des
Büros aus dem Bereich der Instandsetzung, Sanierung und Ertüchtigung von
Bauwerken die Erkenntnisse und Erfahrungen der „Altvorderen“ schätzen
lernte. Interessant seine Aussage: „Es
war rentabler, ein Fachbuch zu kaufen,
als den Zeitaufwand und damit Kosten
Rezensionen/Persönliches
für den Gang in die Hochschul- oder Institutsbibliotheken in Kauf zu nehmen“
– eine wahrhaft bemerkenswerte Einstellung!
Seine Affinität zur Kerndisziplin der
Bauingenieure – dem Brückenbau – spiegelt sich in der Sammlung auffällig wider; auch in dem vorgeschalteten Essay
über „300 Jahre Bauingenieurliteratur“
(s. den Untertitel des Buches) nehmen
die Brücken naturgemäß einen breiten
Raum ein – vor allem in früheren Zeiten
als Gegenstand einer künstlerischen
Darstellung mit illustrierenden Kupferstichen und Holzschnitten, die durch großartige, mit großformatigen Fotos ausgestattete, sorgfältig edierte Bände über
Brückenbauwerke Ende des 19. Jh. abgelöst wurden. Aber auch auf die rasante
Entwicklung der Wolkenkratzer vor allem in den USA oder die Entstehung des
Suez-Kanals (Ferdinand Lesseps 1888)
und auf die späteren künstlerischen Leistungen, z. B. Zeichnungen und Aquarelle
von Max Eyth, wird hingewiesen.
Summa summarum: Diese „Literaturbilanz“ ist ein ambitioniertes Plädoyer
eines wahren Literaturfreundes, für den
(Fach-)Bücher immer mehr waren als
Hobby. Das Haptische, der Kunstgenuss, die Bewunderung der Leistungen,
die weit vor unserer Zeit erbracht wurden etc. und deren Dokumentation sind
für Stiglat ein generelles Anliegen mit
nunmehr archivgerechter „Unterkunft“.
Noch so schlaue Dateien, noch so
einfach nachzuschlagende Informationen per Mouseclick bis ins Detail, unbestritten ihrer Wichtigkeit und Nützlichkeit, – sie ersetzen keine Bücher, denn:
Bücher sind Brücken.
Doris Greiner-Mai, Berlin
Stahlbau 86 (2017), Heft 10
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