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Originalarbeit
Anal Psychol 2002;33:31–56
Zur Entstellung C.G. Jungs unter
Post-Jungianern
The Distortion of C.G. Jung by Post-Jungians
Manfred Krapp 1
Schlüsselwörter
Post-Jungianer ` Psychoanalyse ` Übertragung ` Individuation ` Gruppenanalyse
Key Words
Post-Jungians ` Psychoanalysis ` Transference ` Individuation ` Group analysis
Einleitung
«Werden die Post-Jungianer überleben?» So überschreibt Andrew Samuels
[1998] einen Aufsatz, in dem er seine frühere Einteilung [Samuels 1989,
pp. 37ff] der Jungianer in eine klassische, entwicklungspsychologische und
archetypische Schule modifiziert. «Aus meiner jetzigen Sicht gibt es vier postJungianische Schulen in der Analytischen Psychologie. Die klassische und die
entwicklungspsychologische Schule sind ungefähr so geblieben, wie sie waren.
Die archetypische Schule wurde entweder integriert oder als klinisch eigenständig eliminiert, vielleicht von jedem etwas. Es gibt aber jetzt zwei neue Schulen,
die in Betracht gezogen werden müssen, jede ist eine extreme Version der beiden bisher existierenden klassischen oder entwicklungspsychologischen Schu1
Ó2002 S. Karger AG, Basel
0301–3006/02/0331–0031$18.50/0
Fax + 41 61 306 12 34
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Dr. med. Manfred Krapp
Joachim-Friedrich-Strasse 13
D–10711 Berlin (Deutschland)
Tel. +49 30 8911503
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Dr. med., Promotion bei Prof. Benedetti, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Psychiatrie, analytische Ausbildung am C.G. Jung-Institut Zürich. Psychotherapeutische Praxis in Berlin. Dozent am C.G. Jung-Institut Zürich und an der Akademie für Psychotherapeutische Medizin (APM). Veröffentlichungen zur Psychosenpsychotherapie, jungianischen Bildinterpretationsmethodik und zu (inter-)
kulturellen Themen.
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le. Ich bezeichne diese beiden extremen Versionen als jungianischen Fundamentalismus einerseits und jungianische Fusion mit der Psychoanalyse anderseits» [Samuels, 1998, p. 21, Übersetzung von Samuels, 1997, und 1998, durch
den Autor].
Samuels [1997, p. 167] beschreibt diese vier Schulen folgendermassen:
1. Die Fundamentalisten, welche Jung nicht betrauert haben und bei ihm
stecken geblieben sind.
2. Die klassische Schule, welche sich innerhalb der jungianischen Traditionen weiter vorwärts bewegt.
3. Die entwicklungspsychologische Schule, deren Vertreter die Psychoanalyse in einem kritischen Geist gebrauchen, aber selbstbewusst und erkennbar
Jungianer geblieben sind.
4. Die psychoanalytische Schule, welche in den wichtigsten Bezügen wirklich aufgehört hat, jungianisch zu sein, aber in ihrer institutionellen Angliederung an die analytische Psychologie zurückgeblieben ist.
Ausgehend davon, dass «einige von uns nicht kritisch genug der Psychoanalyse gegenüber sind und viele von uns Jung nicht wirklich betrauert haben»
[Samuels, 1997, p. 166], ist die «Verunglimpfung Jungs ... genauso ein Zeichen
unvollständigen Trauerns wie jegliche Idealisierung von ihm» [p. 162]. Der nur
inoffiziell diskutierte Sachverhalt einer zu grossen Nähe zur Psychoanalyse
erfordere weiterhin «die Klärung unserer Gefühle über Jungs Bruch mit Freud
und über unser heutiges Verhältnis zur Psychoanalyse» [p. 166].
«Die jungianische Fusion mit der Psychoanalyse könne ... auf Ärger und
auf einer Idealisierung der Psychoanalyse als in bestimmter Hinsicht klinisch
überlegen beruhen, die ausgezeichnete und überlegenere klinische Fähigkeiten
im Vergleich zu den unseren besitzt» [Samuels, 1998, p. 22]. Es geht um «eine
klinische Ehrerbietung gegenüber den Psychoanalytikern, ... die manchmal auf
Jungs Tendenz zum sexuellen acting out beruht, welches verständlicherweise
beunruhigend für Jungianer ist. Aber Freuds eigene Technik war nach heutigem Standard erstaunlich unklar. Hier ist deshalb etwas unlogisch. Sicherlich
könnten wir, würden wir unseren klinischen Minderwertigkeitskomplex diskutieren, bestimmte traditionelle jungianische Techniken identifizieren, welche
weiter entwickelt werden könnten, z.B. die Amplifikation und die aktive Imagination. Mich beunruhigt, dass wir lieber Psychoanalyse en gros importieren
als diese kritisch anzuwenden. Dies ist eine weltweiter Trend» [Samuels,
1997, p. 166].
Im folgenden soll anhand deutschsprachiger Veröffentlichungen [Höhfeld,
1997; Springer, 1998, 2000; von der Tann, 1998] dieser jungianischen Fusion
mit der Psychoanalyse nachgegangen werden, in die vor allem in «Deutschland,
Grossbritannien, USA ... zu viele Analytiker involviert sind» [Samuels, 1998,
p. 23]. Sie ist durch eine Geringschätzung zentraler Inhalte der jungianischen
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Theorie und Praxis in Verbindung mit dem Import psychoanalytischer Auffassungen charakterisiert. Dabei fällt auf, «dass gerade die Jungianer aus der psychoanalytischen Schule bestimmte Ideen von uns nicht beachten, die unser Geburtsrecht und unser Erbe sind. Ich denke an die Bedeutung der realen Beziehung in der Analyse, das therapeutische Bündnis und die unvermeidliche interaktionelle Natur der analytischen Arbeit» [Samuels, 1998, p. 22].
Für Höhfeld [1997, p. 200] z.B. ist die Analytische Psychologie, «losgelöst von Freud und seinen Nachfolgern ..., kein vollständiges, kein komplettes therapeutisches Verfahren». Er beklagt «das Fehlen einer ausreichenden
Theorie der Technik» [p. 200] bei Jung, dessen Formulierungen ihm «zugleich
grossartig und dann unbrauchbar [erscheinen], wenn man eine lehr- und lernbare Theorie der Technik als Methodologie fördern will» [p. 200]. Grundsätzlich
steht aber diesem klinischen Minderwertigkeitskomplex entgegen, dass nach
Samuels [1989, p. 35] heute «Analyse und Psychotherapie ... in weiten Bereichen eine ausgesprochene jungianische Nuancierung aufweisen». Dieser spricht
von «Jungianer wider Wissen» [pp. 35–37] und präsentiert eine beeindruckende
Zusammenstellung der Inhalte dieser «jungianischen Umorientierung» [p. 36].
So könne manchmal «ein Gedanke, der der Analytischen Psychologie entstammt, zur Lösung eines vertrackten Problems in der psychoanalytischen Theorie beitragen ... und umgekehrt» [p. 36].
Die Verbindung zwischen dem Import psychoanalytischer Auffassungen
und der Geringschätzung wichtiger Schriften Jungs geht z.B. aus einer statistischen Untersuchung von der Tanns [1998] über das Zitierverhalten in Examensarbeiten am C.G. Jung-Institut Berlin hervor. Er kommt zu dem Ergebnis,
dass «das Jungsche Hauptwerk zur Behandungstechnik [die ‹Psychologie der
Übertragung›, MK] kaum zur Kenntnis genommen wird und für behandlungstechnische Fragen psychoanalytische Arbeiten unterschiedlichster Provenienz
rezipiert werden» [p. 31]. Folgt man dieser Untersuchung, zeichnet sich am
C.G. Jung-Institut Berlin etwa ab Ende der 80er Jahre eine Entwicklung in
Richtung psychoanalytische Schule ab. Dabei «scheinen einige ‹klassische›
jungianische Konzepte (Schatten, Persona, Individuation, Märchen) ihre frühere Bedeutung ebenso deutlich eingebüsst zu haben wie verschiedene Werke von
Jung oder post-jungianischen Autoren, die vorher teilweise fast zum Standard
gehört haben» [von der Tann, 1998, p. 26].
Die Entstehung einer psychoanalytischen und einer fundamentalistischen
Schule unter den Post-Jungianern bedroht die Fähigkeit der jungianischen
Analytiker, sich auf jede der drei Schulen beziehen zu können. «Die verschiedenen Schulen der Analytischen Psychologie kannten sich untereinander und
machten Gebrauch von allen Inhalten und der ganzen Praxis, die unter dem
Überbegriff der jungianischen Psychologie zur Verfügung standen» [Samuels,
1998, p. 19]. Wenn die Fundamentalisten bei Jung stecken geblieben und nicht
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mehr offen sind für neuere Entwicklungen im Bereich der Analytischen Psychologie und der Psychotherapie insgesamt, und die psychoanalytische Schule
den Bezug zum eigentlich Jungianischen weitgehend verloren hat, dann ist die
kommunikative Vermittlung differenter Positionen unter den Post-Jungianern
gefährdet.
Textanalysen werden im folgenden aufzeigen, wie sich diese Einengung
der Kommunizierbarkeit unterschiedlicher Positionen in der Analytischen Psychologie schon in einer Voreingenommenheit Jungs Texten gegenüber manifestiert. Ich gehe dabei von dem zentralen «Gedanken der Universalhermeneutik»
aus, wie ihn Schulz-Klein [1997, p. 47] veranschaulicht hat, «nicht zuletzt weil
Jung ganz in der Tradition der Hermeneutik stand, was allenthalben in seinem
Werk zum Ausdruck kommt».
«Bei jeder interpretativen Suchbewegung, bei der es um das Verstehen
eines anderen, eines anders Gearteten geht, das man selbst nicht ist, kommt es
auf die Beziehung dessen, der verstehen will, zum zu Verstehenden an. Von
dieser hängt es ab, inwieweit sich Verständnis einstellen kann. Das gilt ... nicht
nur für die Psychologie. Einen Text, ein Kunstwerk kann man nicht verstehen,
wenn man z.B. eine eindimensionale Beziehung zu ihnen hat, sie wie ein
menschliches Gegenüber nicht zu Wort kommen lässt, sie nicht gelten, sie nicht
zur Geltung bringen lässt, sie nicht befragt und anstatt die ‹Antworten› abzuwarten, ihnen vorschnell subjektiv entstandene Beurteilungen und Meinungen
überstülpt. Verstehen ist, sofern es nicht Stückwerk bleiben will, auch ohne
menschliches Gegenüber, ein quasi dialogisches Geschehen, vor allem im Bereich der Geisteswissenschaften» [p. 47].
Inhaltlich geht es Höhfeld, Springer und von der Tann vor allem darum,
Jung eine Minderung der Bedeutung des Übertragungskonzeptes und eine Relativierung der zwischenmenschlichen Beziehung nachzuweisen, die im Individuationsprozess nur noch eine Hilfsfunktion innehabe. Höhfeld [1997, p. 192]
versucht zudem, ein mögliches «positives Gegenstück» zur Individuation zu
konzeptualisieren, welches die gruppendynamische Konzeption von Foulkes
repräsentiere. Auf diese beruft sich auch Springer in ihrer gruppendynamischen
Anmerkungen zum Berliner Jung-Institut.
Einzelne Textausschnitte dieser Autoren werden auf ihre Argumentationsmethodik und mögliche Auslassungen und Entstellungen des Originaltextes bei
Jung untersucht, ob wissenschaftlich korrekt oder dahingehend tendenziös zitiert wird, dass der inhaltlich relevante Kontext eines Zitates unterschlagen
wird. Die Eingrenzung auf diesen unmittelbaren Kontext begegnet dem möglichen Einwand, dass sich bei Jung oft gegenteilige Äusserungen zu einer von
ihm aufgestellten These irgendwo in den Gesammelten Werken auffinden lassen. Methodisch nicht korrekt abgeleitete Gedankengänge, die oft den Vorwand
für den Import psychoanalytischer Auffassungen bilden, werden den Texten
Jungs gegenübergestellt, so dass die Leser(innen) sich ihr eigenes Urteil bilden
können.
Eigene Kommentare sollen die Problematik des abwertenden Umgangs mit
der Analytischen Psychologie weiter erhellen. In meiner hermeneutischen Umkreisung zentraler Gedanken Jungs beziehe ich mich neben verschiedenen
(post-)jungianischen Positionen auf den Daseinsanalytiker Dieter Wyss, den ich
aufgrund seines philosophischen Hintergrunds für einen Vermittler im Disput
der tiefenpsychologischen Schulen zwischen Jung und Freud halte. Auch postfreudianische Positionen kommen zu Wort, die sich bestimmten (post-)
jungianischen Auffassungen angenähert haben.
Beziehung und Individuation
Die folgende Textanalyse untersucht Höhfelds [1997, p. 190] Argumentation bezüglich einer Relativierung des Wertes der äusseren Beziehung bei Jung.
Im Kontext seiner beiden Zitate von Jung übergeht Höhfeld entscheidende Äusserungen Jungs über den Stellenwert des Beziehungsgeschehens im Individuationsprozess.
Textanalyse 1
[Höhfeld/Jung bedeutet, dass der Text bei beiden identisch ist. Höhfeld (Fortsetzung) oder Jung (Fortsetzung) bedeutet, dass das folgende Zitat direkt an das vorhergehende dieses Autors anschliesst. Der Übersichtlichkeit halber zitiere ich in meinen anschliessenden Kommentaren nur die Zeilennummer der entsprechenden Texte von Höhfeld oder Jung, ohne diese in Anführungszeichen zu setzen].
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Jung (1946)
Der bewusste Vollzug der inneren Einigung hält an der menschlichen Beziehung als an einer unerlässlichen Bedingung fest, denn ohne bewusst anerkannte und akzeptierte Bezogenheit auf den
Nebenmenschen gibt es überhaupt keine Synthese der Persönlichkeit. Jenes Etwas nämlich, in
welchem sich die innere Einigung vollzieht, ist nichts Persönliches oder Ichhaftes, sondern ein
diesem Übergeordnetes, denn es bedeutet, als Selbst eine Synthese des Ich mit dem überpersönlichen Unbewussten. Die innere Verfestigung ... begreift den Mitmenschen ein. ...
Die Verwandtschaftslibido ... will den menschlichen Zusammenhang [Hervorhebung von Jung].
Das ist der nicht wegzudenkende Kern des Übertragungsphänomens, denn die Beziehung zum
Selbst ist zugleich die Beziehung zum Mitmenschen, und keiner hat einen Zusammenhang mit
diesem, er habe ihn denn zuvor mit sich selbst» [pp. 247, 248].
Höhfeld/Jung (1946)
011 Der Individuationsprozess hat zwei prinzipielle Aspekte: einerseits ist er ein interner, subjektiver
012 Integrationsvorgang, andererseits aber ein ebenso unerlässlicher, objektiver Beziehungsvorgang.
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>
Jung (Fortsetzung)
Das eine kann ohne das andere nicht sein, wennschon bald das eine, bald das andere im Vordergrund steht. Diesem Doppelaspekt entsprechen zwei typische Gefahren: die eine besteht darin,
dass das Subjekt die durch die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten gebotenen geistigen
Entwicklungsmöglichkeiten dazu benützt, sich gewissen tieferen menschlichen Verpflichtungen zu
entziehen und eine «Geistigkeit» zu affektieren, welche der moralischen Kritik nicht standhält; die
andere besteht darin, dass die atavistischen Neigungen zu sehr überwiegen und die Beziehung auf
ein primitives Niveau hinunterdrücken [p. 249].
Höhfeld (Fortsetzung)
020 Diesen Gedanken verbindet Jung [1976, p. 260]
021 mit der Idee der «Ganzheit», und dadurch ent022 steht eine andere Gewichtung:
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Jung 1946
... damit das Ich mit seinem Schatten nicht
mehr in der Zweiheit oder Gespaltenheit verharrt, sondern zu einer, wenn auch konflikthaften Einheit zusammengesetzt wird. Mit diesem
Fortschritt tritt aber das Anderssein des Gegenüber umso deutlicher hervor [p. 255] ...
Die zugrundeliegende Vorstellung der Psyche
ist ... ein gegensatzvereinigendes, hermaphroditisches Wesen, welches im Individuum
nie vollständig ist ohne die Beziehung auf den
anderen Menschen [pp. 259, 260].
Höhfeld (Fortsetzung) / Jung (Fortsetzung)
Der unbezogene Mensch hat keine Ganzheit, denn er erreicht diese nur über die Seele, die
ihrerseits nicht sein kann ohne ihre andere Seite, welche sich stets im «Du» findet. Die Ganzheit
besteht aus einer Zusammensetzung von Ich und Du, welche als Teile einer transzendenten
Einheit erscheinen [Jung, p. 260].
Höhfeld (Fortsetzung)
Durch die Einführung der «Ganzheit» relativiert
Jung aber den Wert der äusseren Beziehung,
und diese Relativierung, die im allgemeinen
nicht zitiert wird, steht in der zum genannten
Zitat gehörigen Fussnote.
«Es handelt sich ... um die bewusste Verbindung
des Ich mit all dem, was sich als Projektion im
‹Du› verbirgt. Das heisst also, dass die Herstellung der Ganzheit ein intrapsychischer Vorgang
ist, welcher essentiell vom Bezogensein des
Individuums auf einen anderen Menschen abhängt. Das Bezogensein ist an sich eine Vorstufe und Möglichkeit der Individuation, beweist
aber kein Vorhandensein der Ganzheit.»
Jung 1946
Es handelt sich selbstverständlich nicht
um die Synthese, resp. Identifikation zweier
Individuen, sondern um die bewusste Verbindung des Ich mit all dem, was sich als Projektion im «Du» birgt. Das heisst also, dass die
Herstellung der Ganzheit ein intrapsychischer
Vorgang ist, welcher essentiell vom Bezogensein des Individuums auf einen anderen Menschen abhängt. Das Bezogensein ist an sich
eine Vorstufe und Möglichkeit der Individuation, beweist aber kein Vorhandensein der
Ganzheit. Die Projektion auf das weibliche
Gegenüber enthält die Anima und gegebenenfalls auch das Selbst. [Anmerkung 19, p. 260]
Höhfeld (Fortsetzung)
Damit erscheint die Beziehung zum anderen, das Bezogensein auf ihn, bei Jung nicht als Ziel an
sich, sondern nur als Hilfsfunktion und Voraussetzung für «die bewusste Verbindung des Ich mit
allem dem, was sich als Projektion im «Du» verbirgt. Das Hereinholen der eigenen Projektion ist
also das Entscheidende, nicht primär die Beziehungsfähigkeit und -möglichkeit.
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Im ersten Zitat Höhfelds (011–012) hebt Jung die Gleichwertigkeit (zwei
prinzipielle Aspekte) von subjektivem Integrationsvorgang und objektivem
Beziehungsvorgang im Individuationsprozess hervor. Zuvor fasst Jung hier am
Ende des Kapitels «König und Königin» in der «Psychologie der Übertragung»
den Beziehungsaspekt des alchemistischen Opus in seiner Bedeutung für Übertragung und Individuation zusammen. Die menschliche Beziehung ist die unerlässliche Bedingung der inneren Einigung (001–003), für die nicht das Ich,
sondern das Selbst die Matrix bildet (004–006). Der zur Ganzheit führende
Prozess, der Zusammenhang mit sich selbst, wirkt damit wieder auf die Beziehung zum Mitmenschen zurück, denn die Beziehung zum Selbst ist zugleich
die Beziehung zum Mitmenschen (008–010). Jung verbindet das äussere Beziehungsgeschehen mit dem inneren Integrationsprozess im Sinne einer dialektischen Korrespondenz, die Höhfeld übergeht, die aber die von Höhfeld ausgelassene Fortsetzung des Zitates weiter verdeutlicht (013–019). Jung macht hier
auch auf die Gefahren einer jeweiligen Überbetonung des einen Aspektes anhand deren Auswirkungen auf das Beziehungsgeschehen aufmerksam (014–
019). Kast [1990] führt die Problematik dieser beiden «Verfallsformen» des
Individuationsprozesses weiter aus:
«Es gibt Menschen, die individuieren sozusagen nur innerhalb ihrer Beziehungen; sie können eine ungeheure Hingabe leben, ganz aufgehen für einen
anderen Menschen, ihr Ich zurückstellen. ... Wenn ‹Frauen zu sehr lieben›
heisst, dass der Individuationsimpuls, der Individuationsdrang, der von Jung ja
auch als Trieb beschrieben wird, auf die Beziehung projiziert ist, die nur im
Beziehungsaspekt gelebt wird, der Integrationsaspekt fehlt. ... Die andere Verfallsform ist die Individuation im Elfenbeinturm: Der Individuationsprozess
bekommt hier etwas rein Innerliches, alles wird mit sich selbst abgemacht ...
Ideal wäre, wenn die Spannung zwischen dem internen Integrationsvorgang
und den Beziehungsvorgängen erhalten bliebe, wenn eine wechselseitige Belebung von innen nach aussen und von aussen nach innen möglich sein könnte»
[pp. 142, 143].
Höhfeld, Springer [1998, p. 13] und von der Tann [1998, p. 19] unterstellen Jung eine Verfallsform des Individuationsprozesses, ohne eine Textreferenz
bei Jung benennen zu können, nämlich die Überbewertung des subjektiven Integrationsprozesses bzw. die Minderbewertung des Beziehungsgeschehens. Es
scheint diese Autoren nicht zu beeindrucken, dass Jung sich ausdrücklich gegen
diese Verfallsform abgrenzt (014–017). Dabei überbewerten sie die andere Verfallsform des Individuationsprozesses, die einseitig den Beziehungsvorgang
akzentuiert.
Höhfeld versucht weiter aufzuzeigen, dass mit der Idee der Ganzheit eine
andere Gewichtung entstehe (020–022), die den Beziehungsaspekt relativiere
(035–039). Auch dafür benennt Höhfeld keine Textreferenz, übergeht aber wie-
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derum zwei Hinweise Jungs auf den Stellenwert der Beziehung im Prozess der
inneren Einigung (023–025, 026–030). Höhfeld ignoriert Jungs Auffassung des
Doppelaspekts (014) des Individuationsprozesses, wo die Herstellung der
Ganzheit dem subjektiven Integrationsprozess subsumiert ist, der wiederum
dialektisch mit dem Beziehungsvorgang korrespondiert. Höhfeld wie auch von
der Tann [1998, p. 19], der von «der relativen Bedeutungslosigkeit von persönlicher Beziehung» bei Jung spricht, blenden auch den Beziehungsaspekt des
Selbst bei Jung aus und gründen ihre Argumentation einzig auf Jungs Beschreibung der Herstellung der Ganzheit als intrapsychischen Vorgang (043–044).
Auch der Terminus «intrapsychisch» berechtigt nicht zur Schlussfolgerung
einer Relativierung des Wertes der äusseren Beziehung, macht aber auf ein
grundsätzliches erkenntnistheoretisches Problem der Psychoanalyse aufmerksam aufgrund deren cartesianischen Voraussetzungen. Jung versuchte einerseits
«Freuds Positivismus zu überwinden», andererseits blieb er «in entscheidenden
Bezügen von ihm abhängig» [Wyss, 1977, p. 399]. «Das zentrale Missverständnis des cartesischen Weltbilds liegt im Primat des ‹Ich denke› über das ‹Ich
bin›, wobei das Ich von vornherein als abstraktes Selbstbewusstsein gefasst
wird, dem formal dann ein Gegenstand – das Objekt der psychoanalytischen
‹Besetzungen› – gegenübergestellt wird. Die Welt und damit auch der Partner,
das Du, wird folgerichtig in dieser Konzeption zum Objekt, letzten Endes zum
Objekt der naturwissenschaftlichen Interessen und zum Werkzeug technischer
Bemächtigungen» [p. 298]. Folglich kann dann «die libidinöse Objektbesetzung, mit der Freud eine menschliche Beziehung charakterisiert, ... nicht zu
dem Personenverständnis vordringen, das doch für das Gelingen einer Therapie
notwendig ist» [p. 309].
Wie die Projektion und andere Abwehrmechanismen «von der cartesischen
Position ausgehen» [pp. 358ff], kann hier nicht näher ausgeführt werden. Höhfeld und von der Tann stossen sich hier an einem erkenntnistheoretischen Problem der Psychoanalyse, dass «in der Projektion der Andere [Hervorhebungen
durch den Autor] durch das als Objekt gedachte Subjekt» [p. 361] ausgelöscht
wird. Vielleicht koppelt Höhfeld deshalb das Zurücknehmen der Projektion von
der Zunahme der Beziehungsfähigkeit ab (054–055), wenn er Jung unterstellt,
dass das Hereinholen der eigenen Projektion das Entscheidende ist, nicht primär die Beziehungsfähigkeit und Beziehungsmöglichkeit. Grundsätzlich erweitert aber das Zurücknehmen der eigenen Projektion die Beziehungsfähigkeit.
Für Jung kann sich die Beziehung zum Selbst, die zugleich die Beziehung zum
Mitmenschen ist (009–010), erst nach der Integration der Projektionen vollständig entfalten. Der nicht wegzudenkende Kern des Übertragungsphänomens, der
menschliche Zusammenhang (007–008), bricht deshalb «auch durch die Auflösung der Projektion nicht ab[bricht]» [Jung, 1946, p. 248].
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Jung versucht hier das cartesianische Dilemma in Richtung der anthropozentrischen Auffassung der Daseinsanalyse zu transzendieren. Entgegen Höhfelds Behauptung (037–039), dass die Fussnote bei Jung kaum zitiert wird, war
im gleichen Jahrgang der «Analytischen Psychologie» zu lesen: «Die Individuation, die Herstellung der Ganzheit, ist zwar an und für sich ‹ein intrapsychischer Vorgang›, aber die Analytische Psychologie sieht deren Bezogenheitsaspekt nicht ichbezogen, nicht egozentrisch, sondern selbst-bezogen, was auch
‹anthropozentrisch› bedeutet» [Schulz-Klein, 1997, p. 53]. In seiner Sicht der
Herstellung der Ganzheit als intrapsychischen Vorgang ist Jung noch dem
cartesianischen Weltbild verhaftet. Dabei grenzt er die bewusste Verbindung
mit all dem, was sich als Projektion im «Du» birgt (040–042), von einer Synthese bzw. Identifikation zweier Individuen ab, in welcher der andere introjiziert oder oral inkorporiert wird. In dem von Höhfeld ausgelassenen Halbsatz
betont Jung (038–040) zu Recht, dass diese ichbezogene Form von Bezogensein noch kein Vorhandensein der Ganzheit beweist (046–049). Erst die bewusste Verbindung des Ichs mit dem, was sich als Projektion im Du birgt (040–
042), kann zur nur symbolisch erfassbaren transzendenten Einheit im Selbst
(033–034) führen. Denn als Projektion birgt das Du auch Animus/Anima und
das Selbst (049–051) in sich und verbirgt diese nicht, wie Höhfeld das «Du» in
einer Fehlleistung entstellt (042).
Höhfeld, Springer und von der Tann scheint aber dieser prinzipielle Beziehungsaspekt des Selbst bei Jung tatsächlich verborgen geblieben zu sein und
das damit verbundene neue Verständnis der zwischenmenschlichen Beziehung
in der «Psychologie der Übertragung». Jung war seine intensive Beschäftigung
mit alchemistischen Bildern, wie dem Hierosgamos, der mystischen Hochzeit
und der coniunctio deswegen so wichtig, weil deren bedeutende historische
Rolle «der zentralen Bedeutung der Übertragung im psychotherapeutischen
Prozess einerseits und in den normalen Beziehungen anderseits» [Jung, 1946,
p. 343] entspricht. Er legt deshalb seinem Schlusswort die Bilderserie des
«mutus liber» bei, in der «das opus als von Adept und soror mystica zusammen
ausgeführt dargestellt» wird [Jung, 1946, p. 341, Anmerkung 1]. Mit diesem
Hinweis auf die reale Beziehung des Alchemistenpaars unterstreicht Jung die
Bedeutung der alchemistischen Bilder zur amplifizierenden Darstellung der
zwischenmenschlichen Beziehung und erweitert diese um eine wertvolle kulturanthropologische Dimension:
«Vermöge seiner kollektiven Inhalte und Symbole greift es [das Übertragungsphänomen, MK] weit über die Person hinaus in die Sphäre des Sozialen
und erinnert an jene höheren menschlichen Zusammenhänge, welche unsere
Gesellschaftsordnung oder besser -unordnung aufs schmerzlichste vermissen
lässt. Die für den Individuationsprozess so charakteristischen Symbole des
Kreises und der Quaternität weisen einerseits zurück auf eine ursprüngliche
Abb. 1. Dialektisches Vorgehen nach Jung [nach Bishop, 1996, p. 168].
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primitive Ordnung der menschlichen Gesellschaft, andererseits vorwärts zu
einer inneren Ordnung der Seele, wie wenn diese das unerlässliche Instrument
zur Reorganisation der kulturellen Gemeinschaft wäre im Gegensatz zu den
heute so beliebten Kollektivorganisationen, welche unfertige Massenmenschen
zusammenhäufen» [Jung, 1946, p. 345].
Gibt es in der Individuation wieder einen Weg zurück zur Welt? Jung beantwortete diese Frage wie folgt: «Er liess mich wissen, dass für das Selbst, zu
dem die Individuation im Sinne seiner Lehre hinführe, kein Weg mehr zur Welt
gesucht werden müsse, weil in diesem Begriff des Selbst die Beziehung zur
Welt schon eingeschlossen sei» [Trüb, 1949, zitiert nach Wyss, 1977, p. 302].
Ein Vergleich der Darstellung Trübs vom dialektischen Vorgehen Jungs
(Abb. 1) mit dessen Heiratsquaternio (Abb. 2) macht den veränderten Stellenwert der zwischenmenschlichen Beziehung deutlich. Findet früher die Kommunikation zwischen Arzt und Patient nur auf der Ebene des Ichs statt, während
beide ansonsten unverbunden um ihre innere Auseinandersetzung mit dem
Selbst und dem Schatten kreisen, so wird in der «Psychologie der Übertragung»
der zwischenmenschliche Austausch (hier des Alchemistenpaares) von Bewusst – Bewusst um die Ebene Unbewusst – Unbewusst und Bewusstsein (des
einen) – Unbewussten (des anderen) erweitert.
Jung scheint aus den kritischen Anmerkungen von Buber und Trüb zum
Beziehungsgeschehen im Individuationsprozess entsprechende Konsequenzen
gezogen zu haben. Im Gegensatz zu einem extremen Individualismus «bringt
der natürliche Individuationsprozess eine Bewusstheit menschlicher Gemeinschaft hervor, weil er eben das alle Menschen verbindende und allen Menschen
gemeinsame Unbewusste zur Bewusstheit führt. Die Individuation ist Einswer-
Abb. 2. Heiratsquaternio [nach Jung, 1946, p. 234].
den mit sich selbst und zugleich mit der Menschheit, die man ja auch ist»
[Jung, 1945b, p. 115]. Im therapeutischen Prozess führt die Übertragung
«unvermeidlich zur Diskussion und Auseinandersetzung und damit zu höherer
Bewusstwerdung, welche ein Gradmesser der Persönlichkeitsintegration ist. In
dieser Diskussion jenseits der verhüllenden Konvention kommt der wirkliche
Mensch an den Tag. Er wird recht eigentlich aus der psychischen Beziehung
geboren» [Jung, 1946, p. 232]. Deutlicher kann man den Wert der menschlichen Beziehung nicht mehr zum Ausdruck bringen.
Übertragung
In der folgenden Textanalyse werden Höhfelds «Kritische Reflexionen»
[1997, pp. 198, 199] über Jungs Konzeption der Übertragung untersucht.
Textanalyse 2
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Höhfeld
Jung beschränkte in der Zeit nach 1929 die neue «Methode» nicht wirklich nur auf den von ihm
genannten Patientenkreis, nämlich ältere Menschen jenseits der vierzig, die vor allem an der
Sinnfrage leiden. Das ist die zentrale Aussage meines Referats. Vielmehr entwickelte er, ausgehend von den 1929 formulierten Ansätzen, zusammen mit seinen Erweiterungen des Individuationskonzepts eine Sicht, die nicht mehr nur eine Modifikation der «klassischen Technik»
war, sondern insgesamt die Analytische Psychologie der Gegenwart geprägt hat. Diese Entwicklung ist durch das Konzept der Rücknahme der Projektion begründet.
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Höhfeld (Fortsetzung)
Ausgehend davon, dass
«jede Verlängerung der Vater- und Mutterwelt
über die herkömmliche Zeit hinaus schwer
bezahlt werden muss (sei es geboten), die
Projektion der Elternimago aus der äusseren
Wirklichkeit zu entfernen» [Jung, 1976, p. 102].
Der Vorgang der Übertragung ist nach Jung
hierbei nur ein «Zwischenstadium» in der
Neurosenbehandlung.
Höhfeld (Fortsetzung)
Die «Rücknahme der Projektion» basiert als
Vorschlag erkennbar auf Jungs Vorgaben
einer aktiven Technik von 1929. Während es
dort um die Freisetzung der bis dahin
unerschliessbaren Inhalte des Unbewussten
durch eine neuartige «aktive» Technik ging,
geht es hier um die «Rücknahme der
Projektion» der Elternimago.
Jung (1945)
Dabei wird eins überwältigend klar, dass nämlich jede Verlängerung der Vater- und Mutterwelt über die herkömmliche Zeit hinaus schwer
bezahlt werden muss. Alle Versuche zur Übertragung der persönlichen Infantilwelt in die
grosse Welt schlagen schliesslich fehl, und
selbst die Übertragung in der Neurosenbehandlung ist bestenfalls ein Zwischenstadium,
in welchem Gelegenheit geboten ist, alle Eierschalen, die dem Individuum von der Kindheit
her noch anhaften, abzustreifen und die Projektion der Elternimago aus der äusseren Wirklichkeit zu entfernen» [p. 102].
Die Ablösung der Elternimagines von gewissenpersönlichen Projektionsträgern ist zweifellos
möglich und gehört sozusagen zum eisernen
Bestand unserer therapeutischen Erfolge.
Schwieriger hingegen wird das Problem im
Falle der Übertragung der Imagines auf den
Arzt. Hier kann die Ablösung sogar zu einem
entscheidenden Drama werden. Denn was soll
mit den Imagines geschehen, wenn sie nicht
mehr an einem Menschen haften? [p. 105]
Jung (p. 107)
Alle anderen Fälle – insofern es nicht zu gewaltsamen und nicht selten schädigenden Lösungen
kommt – werden im Übertragungsverhältnis, wie man zu sagen pflegt, «stecken bleiben» und
dadurch sich selber und dem Arzte eine Geduldsprobe ersten Ranges auferlegen. Darum ist
wohl nicht herumzukommen, denn ein plötzliches Hinunterfallen in den verwaisten elternlosen
Zustand kann wegen der damit verbundenen ebenso plötzlichen Aktivierung des Unbewussten
unter Umständen, d.h. bei psychotischer Belastung, gefährliche Folgen haben. Die Zurücknahme der Projektion kann und soll deshalb nur stufenweise erfolgen. Die Integrierung der in den
Elternimagines abgespaltenen Inhalte hat auf das Unbewusste einen aktivierenden Einfluss,
denn diese Imagines sind mit jener Energie aufgeladen, die sie schon anfänglich in der Kindheit
besassen und mit der sie auch im erwachsenen Alter stets schicksalbestimmend wirken.
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Höhfeld (Fortsetzung)
Jung geht davon aus, dass die in den Projektionen enthaltenen und bis dahin «abgespaltenen» Inhalte dem Unbewussten wieder zugänglich werden. Das Unbewusste werde durch ihre
Energie aufgeladen und «das Bewusstsein
stark durch unbewusste Inhalte determiniert».
[Jung, 1976, p. 107]. Genau an dieser Stelle,
der Herauslösung des Ich aus der Projektionsbindung, kommt es nach der gültigen
Auffassung der Psychoanalyse zur Aktualisierung der Übertragung und gegebenenfalls
zum Übertragungskonflikt. Jung mindert dessen Bedeutung ab, denn er meint,
Jung (Fortsetzung)
Durch die Integrierung erhält das Unbewusste
daher einen erheblichen Energiezuwachs, der
sich bald dadurch bemerkbar macht, dass das
Bewusstsein stark durch unbewusste Inhalte
determiniert wird. ...
Aus diesem Grund ist die Situation nicht ungefährlich, denn die Herauslösung des Ich aus
den Projektionsbindungen, unter denen zuletzt
die Übertragung auf den Arzt die Hauptrolle
spielt, hat zur Folge, dass das Ich, das früher in
den Beziehungen zur persönlichen Umwelt
aufgelöst war, nunmehr Gefahr läuft, sich in
den Inhalt des kollektiven Unbewussten aufzulösen [pp. 107, 108].
Höhfeld (Fortsetzung) / Jung (1946)
Ich persönlich bin jedes mal froh, wenn die Übertragung milde verläuft und praktisch sich nicht
bemerkbar macht. Man ist dann viel weniger in Anspruch genommen und kann sich mit anderen therapeutisch wirksamen Faktoren begnügen. Unter diesen spielt die Einsicht des Patienten eine bedeutende Rolle, ebenso dessen guter Wille, die ärztliche Autorität, der gute Rat,
das Verständnis, die Anteilnahme, die Aufmunterung usw.
Jung (Fortsetzung):
119 «Natürlich gehören letztere Fälle nicht zu den schweren» [p. 184].
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Jung (identisch mit 106–113)
denn die Herauslösung des Ich aus den Projektionsbindungen, unter denen zuletzt die
Statt der Arbeit an der ÜberÜbertragung auf den Arzt die Hauptrolle spielt,
tragung beschreibt Jung aber einen anderen
Ablauf. Dem Ich, hier wiederum gleichgesetzt hat zur Folge, dass das Ich, das früher in den
mit Bewusstsein, drohe durch die Rücknahme Beziehungen zur persönlichen Umwelt aufgelöst war, nunmehr Gefahr läuft, sich in den
der Projektion die Gefahr, sich «in den Inhalt
Inhalt des kollektiven Unbewussten aufzulösen.
des kollektiven Unbewussten aufzulösen».
Höhfeld (Fortsetzung)
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Höhfeld (Fortsetzung)
127 Diese Gefahr werde häufig durch einen Vorgang entschärft, den Jung [1976, p. 108] sehr bild128 haft so beschreibt:
Höhfeld (Fortsetzung) / Jung
129 Hier tritt nun aber ein heilsamer, kompensierender Effekt hervor, den ich immer wieder wie ein
130 Wunder bestaunen muss. Gegenüber der gefährlichen Auflösungstendenz erhebt sich aus dem
131 kollektiven Unbewussten eine Gegenwirkung in Form eines durch eindeutige Symbole gekenn132 zeichneten Zentrierungsvorganges. Dieser Prozess schafft nichts Geringeres als ein neues Per133 sönlichkeitszentrum, welches zunächst durch Symbole als dem Ich überlegen gekennzeichnet ist
134 und sich später auch als empirisch überlegen erweist ... ich es als Selbst bezeichnet habe.
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Höhfeld versucht zunächst, Jungs neue therapeutische Methode auf das
Konzept der Rücknahme der Projektion zu reduzieren (058–064). Der Vorgang
der Übertragung sei dabei nur ein Zwischenstadium in der Neurosebehandlung
(Höhfeld 071–073). Bei Jung ist aber die Übertragung in der Neurosenbehandlung ein Zwischenstadium im grösseren Kontext der Übertragung der persönlichen Infantilwelt in die grosse Welt (Jung 068–077). Höhfeld zitiert nur das
Wort «Zwischenstadium» (072), verdreht dann die Wortstellung bei Jung und
vermittelt so den Eindruck, dass die Übertragung nur ein Zwischenstadium in
der Neurosenbehandlung sei.
In 078–085 hebt Höhfeld erneut bei Jung die Rücknahme der Projektion
hervor, ohne die Bedeutung, die Jung der Übertragung gibt, zu erwähnen. Jung
betont hier (079–098) im Kontext der Höhfeldschen Zitate die Schwierigkeit
bei der Ablösung der auf den Arzt übertragenen Elternimagines und weist damit auf den Übertragungskonflikt hin. Noch deutlicher beschreibt Jung diesen
in 089ff. Wegen der Gefahr einer Krise soll deshalb die Zurücknahme der Projektion (094–095) im Übertragungsprozess nur stufenweise erfolgen.
Aus den nächsten beiden Zitatbruchstücken konstruiert Höhfeld (099–104)
eine inhaltliche Entstellung, dass bei Jung abgespaltene Inhalte dem Unbewussten wieder zugänglich werden. Dies entbehrt jeglicher psychoanalytischen Logik, denn abgespaltene Projektionen befinden sich bereits im Unbewussten und
werden auch bei Jung ins Bewusstsein integriert, der selbst einige Seiten später
von «der Erweiterung des Bewusstseins durch Zurücknahme der Projektionen»
[Jung, 1945b, p. 113] spricht. Jeder Integrationsprozess zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten belebt beide Systeme durch die integrierende
Energie des Selbst.
Höhfeld (105–111) weist nun auf die gültigen Auffassungen der Psychoanalyse zur Aktualisierung der Übertragung und gegebenenfalls zum Übertragungskonflikt hin und unterschlägt Jungs Hinweise darauf. Dabei übernimmt er
die Formulierung Jungs (106–107) von der Herauslösung des Ich aus den Projektionsbindungen, ohne dies als Zitat kenntlich zu machen (Höhfeld 106–107).
Den Kontext dieser Formulierung übergeht Höhfeld aber, dass bei der Herauslösung des Ich aus den Projektionsbindungen die Übertragung auf den Arzt
zuletzt die Hauptrolle spielt (Jung 107–109). Anstatt Jungs Auffassung der
Übertragung inhaltlich korrekt zu zitieren, weist Höhfeld auf die gültigen Auffassungen der Psychoanalyse hin. Immerhin scheint ihm das Jungsche Œuvre
als Steinbruch für Formulierungen noch gut genug zu sein. Höhfeld macht hier
deutlich, wie sich die Geringschätzung und Ausblendung zentraler Inhalte in
den Texten Jungs mit dem Import von psychoanalytischen Auffassungen verbindet.
Die angebliche Minderung der Bedeutung von Übertragung und Übertragungskonflikt entnimmt Höhfeld einem Zitat aus der «Psychologie der Übertra-
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gung» (114–118). Dem Leser wird so der Eindruck vermittelt, dass Jung generell froh sei, wenn die Übertragung milde verläuft bzw. sich nicht bemerkbar
macht. Dass Jung dies nicht auf die schweren Fälle bezieht (119), übergeht
Höhfeld. Erneut unterstellt er Jung, statt der Arbeit an der Übertragung einen
anderen Ablauf zu beschreiben (121–122) und führt dafür ein kurzes Zitat
(125–126) an aus dem Kontext der schon erwähnten Äusserung Jungs (105–113
identisch mit 120–126) über die Bedeutung der Übertragung bei der Herauslösung des Ich aus der Projektionsbindung. Dabei ist für Jung die Gefahr für das
Ich gerade bei der Auflösung der Übertragung am stärksten, sich in den Inhalten des kollektiven Unbewussten aufzulösen.
Höhfelds inkorrektes methodisches Vorgehen verdeutlicht eine weitere
Abwertung von Jungs therapeutischem Ansatz, dass dieser «ein korrigierender
ist, weit entfernt vom Übertragungs- und Konfliktmodell der Freudschen Psychoanalyse» [Höhfeld, 1997, p. 194]. Höhfeld belegt dies mit einem hier nicht
nochmals wiedergegebenen Zitat von Jung, welches einen Exkurs in einer weit
angelegten Falldarstellung darstellt. Dabei übergeht Höhfeld wiederum den
inhaltlichen Kontext bei Jung. Dessen Falldarstellung wird von verschiedenen
Exkursen unterbrochen, in denen Jung unter anderem die Freudsche und die
Adlersche Sicht dazu wiedergibt. Kaum mehr als zwei Seiten nach Höhfelds
Zitat beschreibt Jung genau dieses Übertragungs- und Konfliktmodell der Psychoanalyse, welches Höhfeld ihm abspricht, als Teil seines therapeutischen
Vorgehens in der Behandlung dieser jungen Frau.
«Wir machen nämlich die Entdeckung, dass die Phantasien der Patientin ...
sich nunmehr auf den Arzt übertragen haben ... Will die Kranke unter keinen
Umständen die Tatsache der Übertragung anerkennen, oder versteht der Arzt
das Phänomen nicht oder falsch, so treten heftige Widerstände ein, welche darauf zielen, die Beziehung zum Arzt in jeder Hinsicht unmöglich zu machen ...
Tritt aber die Übertragung auf den Arzt ein und wird sie angenommen, dann ist
damit auch eine natürliche Form gefunden, welche sowohl die frühere Form
ersetzt, als auch einen relativ konfliktfreien Ablauf des energetischen Prozesses ermöglicht. ... In der Übertragung werden zunächst alle möglichen infantilen Phantasien projiziert, welche geätzt, d.h. reduktiv aufgelöst werden
müssen. Man nannte dies die Auflösung der Übertragung» [Jung, 1916/1943,
pp. 67, 68].
Jung betont hier die Arbeit an der Übertragung und am Widerstand. Höhfeld dagegen polarisiert und lobt die «veränderte Form der Supervision in den
letzten Jahren in Berlin»: «Statt der Suche nach dem Archetyp steht die Arbeit
an der Übertragung und am Widerstand im Vordergrund» [Höhfeld, 1997,
p. 200]. Dabei übersieht er, was Jung auch Freud vorwirft, «die für das Wesen
der Übertragung charakteristischen kollektiven Inhalte archetypischer Natur.
Dies erklärt sich aus seiner [Freuds, MK] sattsam bekannten negativen Einstel-
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lung zur psychischen Wirklichkeit archetypischer Gebilde, die er als ‹Illusion›
verwirft» [Jung, 1946, pp. 197/198, Anm. 34]. In zwischenmenschlichen Beziehungen einschliesslich der Übertragung manifestiert sich der Archetypus der
Coniunctio. Doch selbst in «Mysterium Coniunctionis» rekurriert Jung auf die
Freudschen Konzeptionen von Verdrängung und Übertragung in Zusammenhang mit dem alchemistischen «solve et coagula»:
«Die offenkundige Analogie dieser Gegensatzproblematik ist im psychischen Gebiet die Dissoziation der Persönlichkeit ... Die in solchen Fällen geübte ‹Verdrängung› des Gegensatzes (Freud) führt ... zur Neurose: Die Therapie
konfrontiert daher die Gegensätze und zielt auf eine dauernde Vereinigung derselben hin. Die Bilder des Zieles, die dabei in den Träumen auftreten, gehen
vielfach mit den entsprechenden alchemistischen Symbolen parallel. Ein Beispiel im Grossen ist das dem Arzt wohlbekannte Phänomen der ‹Übertragung›
(Freud), welches dem Motiv der ‹chymischen Hochzeit› entspricht» [Jung,
1955/56, p. XIII].
Für Jung ist der «Unterscheidungsprozess zwischen dem Ich und dem Unbewussten ... gar nicht möglich ohne Beziehung zu einem menschlichen Gegenüber. Eine allgemeine, akademische ‹Einsicht in seine Fehler› ist wirkungslos,
denn dabei treten die Fehler gar nicht wirklich auf, sondern nur deren Vorstellung. Sie werden aber akut, wo sie in der Beziehung zum Mitmenschen wirklich hervortreten und einem selbst wie auch dem anderen merkbar werden. Da
erst können sie wirklich empfunden und in ihrer wahren Natur erkannt werden»
[Jung, 1946, p. 313]. Auch in aktuellen psychoanalytischen Übertragungskonzeptionen hat dieser «interaktionelle Anteil eine immer stärkere Berücksichtigung gefunden» [Mertens, 1991, p. 166].
Mertens [1991, p. 167] sieht folgendes «erkenntnistheoretische[s] Dilemma» in der psychoanalytischen Übertragungskonzeption: «Geht man von
dem ... Prinzip der selektiven Wahrnehmung aus, so hat ein Patient immer eine
teilweise zutreffende Beeigenschaftung [des Therapeuten, MK] vorgenommen,
aber eben unter Vernachlässigung des gesamten Wahrnehmungsfeldes ... Daraus folgt, dass weder der Therapeut noch der Patient entscheiden können, was
wirklich ist und was Übertragung ist. Und wenn man es genau nimmt, dann
lässt sich diese Frage auch nicht entscheiden ... Dieser erkenntnistheoretische
Schluss, der für manche vielleicht eine bittere Pille darstellt, bedeutet aber
nicht das endgültige Aus für eine qualifizierte Übertragungsanalyse. Im Gegenteil: Diese fängt jetzt erst richtig an. Und sie wird damit ... interessanter, spannender und letztlich auch befriedigender. Psychoanalyse wird zu einem gemeinsamen Ringen um die Wahrheit, wo nicht der eine schon immer alles besser weiss oder fühlt als der andere, sondern wo Analytiker und Analysand
gleichberechtigt in einen Diskurs treten und sich auf die Definition der Beziehungssituation immer wieder verständigen müssen. Die Übertragungswahrneh-
mungen des Patienten von seinem Therapeuten sind weder richtig noch falsch,
aber sie sind der Ausgangspunkt für eine interaktionell orientierte Erforschung
der vielfältigen Nuancen einer jeweils einmaligen Beziehungsdynamik, die sich
zwischen zwei Akteuren herstellt und dabei doch auf Früheres verweist»
[Mertens, 1991, pp. 226, 227].
Individuationsprozess und Gruppe
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«Wer immer sich auf dem Weg der Ganzheit befindet, kann jener eigentümlichen Suspension, welche die Kreuzigung darstellt, nicht entgehen. Denn
er wird unfehlbar dem begegnen, was ihn durchkreuzt, nämlich erstens dem,
was er nicht sein möchte (Schatten), zweitens dem, was nicht er, sondern der
andere ist (individuelle Wirklichkeit des Du), und drittens dem, was sein psychisches Nicht-Ich, nämlich das kollektive Unbewusste ist» [Jung, 1946,
p. 280]. Höhfeld [1997, p. 192] kommentiert dies folgendermassen: «Jungs
Beschreibung ist sicher idealtypisch. Der Schatten, den man ‹durchkreuzt›, soll
integriert, also bewusst oder mindestens bewusstseinsfähig gemacht werden.»
Höhfeld wertet die als Kreuzigung und Aufhängung erlebte Begegnung
mit dem Schatten, mit dem Du und mit dem kollektiven Unbewussten, ein philosophisches Bild, in dem Jung die Grenzen der cartesianischen deterministischen Weltsicht transzendiert, als idealtypisch ab. Dabei widerfährt ihm eine
Verwechslung von aktiv und passiv, von Durchkreuzung und dem Durchkreuztwerden. Höhfeld durchkreuzt den Schatten, die Begegnung mit dem, was ihn
durchkreuzt – neben dem Schatten ist dies auch das Du und das kollektive Unbewusste –, fällt unter den Tisch. Warum aber könnte sich jemand dem Durchkreuztwerden durch den Schatten entziehen wollen? Höhfeld [1997, p. 199].
sieht den «Vorgang, der zur Individuation führen kann», nur als «eine Notfallreaktion». Dieser Vorgang beinhaltet die gefährliche Auflösungstendenz in der
Ablösungskrise aus der Übertragung (s. Textanalyse 127–134). Jung beschreibt
hier die klinische Bedeutung des Individuationsgeschehens im Sinne von prophylaktisch wirkenden Selbstheilungskräften. Eine Auflösungstendenz ist aber
kein Fakt. Erst bei einer wirklichen Auflösung des Ichs, wie z.B in der Psychose, könnte man berechtigterweise von einer Notfallreaktion sprechen. Bei Jung
verhindert die Emergierung des Individuationsprozesses einen Notfall.
Höhfelds Abschreckungsstrategie vor dem Individuationsprozess geht weiter. Die Individuation werde «begrenzt durch die Abwehrtendenzen eines über
die Entwicklungsansprüche des Selbst erschrockenen und sich deshalb dagegen
sperrenden Ichs» [Höhfeld 1997, p. 197]. Nun ist die Erfahrung eines Archetypus durchaus ein «mysterium tremendum et fascinosum», was Jung öfter unter
Berufung auf Walter Otto betont. Höhfeld übersieht aber die «Interdependenz»
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[Samuels, 1989, p. 116] zwischen dem Ich und dem Selbst. Dabei nimmt das
Selbst als «unbewusste Präfiguration des Ich ... den höchsten Rang ein, während Aufgabe und Schicksal des Ichbewusstseins darin besteht, diese Vorrangigkeit fortwährend in Frage zu stellen ... Parallel zum Vordringen des Selbst
gerät das Ich ins Hintertreffen, ohne die Etablierung des Ich ist aber eine Erfahrung des Selbst nicht möglich. Formation und Transformation des Ich erstrecken sich über die ganze Lebenspanne, und der Erkenntnis der zwischen Selbst
und Ich bestehenden Interdependenz und der schliesslichen ‹Kapitulation› des
Ich kommt in der Analytischen Psychologie eine zentrale Stellung zu» [p. 116].
In Höhfelds Interpretation sperrt sich das Ich gegen eine Kapitulation vor
dem Selbst im Sinne eines Aufgebenkönnens egozentrischer Bedürfnisse. Zusätzlich schwächt er noch das Ich, indem er dessen unbewusste Basis bei Jung
übersieht, der angeblich «durchgängig Ich und Bewusstsein gleichsetzt, entsprechend der Formel: Ich-Bewusstsein + Unbewusstes = Psyche» [Höhfeld,
1997, p. 197]. Jung hat aber schon im «Aion» eine Abgrenzung zwischen Ich
und dem Bewusstsein vollzogen:
«Wenn ich oben sage, das Ich beruhe auf dem gesamten Bewusstseinsfeld,
so meine ich damit nicht, dass es daraus bestehe. Wäre das letztere der Fall, so
könnte es von dem Bewusstseinsfeld überhaupt nicht unterschieden werden. Es
ist nur der Bezugspunkt desselben, begründet und begrenzt durch den oben
beschriebenen somatischen Faktor» [Jung, 1951, p. 13]. Damit ist der Körper
«als Basis des Ich-Komplexes» [Kast, 1990, p. 68] gemeint. Dieser ist «dem
Kind zunächst unbewusst» und wird «über das Erleben des Körperichs – welches auch als Körperselbst bezeichnet wird» [p. 74], bewusster.
Nach Dieckmann [1979, pp. 66ff] werden in «Mysterium Coniunctionis»
«auch unbewusste und vorbewusste Anteile des Ich-Komplexes von Jung miteinbezogen». Für die Reduzierung der Stundenfrequenz in der analytischen Therapie ist die Fähigkeit des Ichs, «kontrollierenden und organisierenden Funktionen zu entsagen, die wichtigste ... Das bewusste Ich muss es lernen, auch andere
Kräfte durchzulassen und zu akzeptieren, die aus dem Selbst stammen und durch
archetypische Bildvorstellungen repräsentiert sind.» Es geht um die «Fähigkeit
des Ich-Komplexes, vorübergehend auf die Kontrolle einer stabilen Grenze zwischen Bewusstsein und Unbewussten zu verzichten, unbewusste Inhalte zuzulassen und aufzunehmen, indem die festgelegte Organisation des Ichs aufgelockert
und infrage gestellt wird» [Dieckmann, 1979, pp. 67, 68].
Höhfeld hat zudem erneut den Originaltext Jungs entstellt. Denn dieser
bezieht sich in «Mit der Einführung des Begriffes des Unbewussten erweitert
sich der Seelenbegriff zu der Formel: Psyche = Ich-Bewusstsein und Unbewusstes» [1945b, p. 97] auf die Philosophie des Unbewussten von G.G. Carus
und dessen Erweiterung des Begriffs der Psyche. Höhfeld hat auch noch die
Formel Jungs einfach umgestellt und das Ich-Bewusstsein an erster Stelle ge-
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setzt. Mit ein bisschen Einfühlungsvermögen müsste es doch klar sein, dass bei
Jung, salopp gesprochen, nichts läuft ohne das Selbst, vor allem wenn er die
Psyche als Ganzes meint.
Nur ein Ich ohne Bezug zur körperlichen Basis muss sich nach Jung wirklich hilflos den Entwicklungsansprüchen des Selbst ausgeliefert fühlen, denn
der Körper ist «unerlässlich, soll das Unbewusste keine destruktiven Wirkungen auf das Ichbewusstsein haben. Der Körper gibt nämlich der Person Beschränkung. Die Integration des Unbewussten ist aber nur möglich, wenn das
Ich standhält» [Jung, 1946, zitiert nach Höhfeld, 1997, p. 197]. Höhfelds Ausweg für das auf den Weg der Ganzheit erschrockene Ich verkörpert die angeblich «das Individuum erst ermöglichende[n] Matrix» [Höhfeld, 1997, p. 192]
einer Gruppe, in der er «ein positive[s] Gegenstück» zur Individuation sieht.
Höhfeld, dem der Beziehungsaspekt der Analytische Psychologie in ihren
Vorstellungen vom Selbst und der Individuation verborgen bleibt, sieht diesen
dafür in Foulkes’ gruppenanalytischer Konzeption – die Geringschätzung und
Ausblendung zentraler jungianischer Inhalte führt wiederum zum Import psychoanalytischer Vorstellungen: «Foulkes geht weniger vom Individuum aus als
vielmehr von der das Individuum erst ermöglichenden Matrix, die er als ein
‹Netzwerk› beschreibt» [Höhfeld, 1997, p. 192]. Foulkes aber verwendet den
Begriff «Matrix» nicht für die Konzeptualisierung der «Bedingungen der Verflechtung des Individuums mit dem Kollektiv», wie dies Höhfeld [1997, p. 192]
vorgibt, sondern spezifisch für «das hypothetische Gewebe von Kommunikation und Beziehung in einer gegebenen Gruppe». Die Matrix wird dabei von den
Individuen gebildet und nicht umgekehrt. «Die Interaktions-Matrix in der therapeutischen Gruppe bietet das Beispiel eines Netzwerkes. Das Individuum
nimmt teil an seiner Bildung und errichtet dabei wiederum die Bedingungen
des Netzwerkes seiner eigenen Primärgruppe, wie es sie erfahren hat» [Foulkes,
1974, p. 33].
Auch Springer legt in ihrer Darstellung der gruppendynamischen Prozesse
am C.G. Jung-Institut Berlin zuviel in die Foulkessche Konzeption einer Gruppenmatrix hinein und entstellt dessen inhaltliche Bedeutung: «Die gemeinsame
Matrix einer Gruppe ist erst einmal das Leben selbst, das uns allen gemeinsam
ist, die Matrix konstituiert sich aber wesentlich aus Grunderfahrungen, die alle
Mitglieder in der Gruppe – hier in die Gruppe Jung-Institut – mitbringen»
[Springer, 1998, p. 8]. Nach Foulkes beinhaltet aber die Gruppenmatrix nicht
das Leben selbst oder Grunderfahrungen, sondern die Kommunikation und Interaktion darüber in der Gruppe und die damit verbundenen neuen Erfahrungen.
Hier liegt bei Springer ein konkretistisches Missverständnis vor, wenn sie zuviel, die Sache selbst, das Leben oder Grunderfahrungen, in den Begriff der
Gruppenmatrix hineinverlegt, kompensatorisch zur Abgrenzung zu Jung wird
der Begriff der Gruppenmatrix überbewertet und entstellt.
Springer übernimmt in leicht veränderter Form Foulkes’ [1974, pp. 170,
171] Einteilung der verschiedenen Gruppenebenen, ohne den akademischwissenschaftlichen Gepflogenheiten entsprechend zu zitieren. Ein Vergleich
der beiden Texte macht dies deutlich:
Textanalyse 3
Springer [1998, p. 9] Die Gruppe operiert
dabei
1) auf der aktuellen, bewussten Ebene: Wir
1) Aktuelle Ebene. Gruppe = Gemeinschaft, Gesellsind ein Jung-Institut ...,
(1) schaft, öffentliche Meinung usw.
2) Übertragungsebene. Reife Objektbeziehungen. 2) auf der Übertragungsebene, auf der wir
versuchen, unsere jeweilige Genese und
(1) Gruppe = Familie, Vater, Mutter, Geschwister.
Teile unserer inneren Welt zu inszenieren,
3) Projektive Ebene. Primitive, narzisstische, «innere»
(1) Objektbeziehungen. Die anderen Mitglieder perso- 3) auf der psychoiden Ebene: Hier drängen
Körperimagines ... und archetypische Bilder
(1) nifizieren:
und Strukturierungsbereitschaften auf Insze(1) a) Teile des Selbst (psychische Imagines).
nierung.
(1) b) Teile des Körpers (Körperimagines).
4) Primordiale Ebene (kollektive Imagines).
Foulkes [1974, p. 171]
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Auffallend ist, dass Springer die projektive Ebene, die Foulkes [1971,
pp. 18, 19] später als eigenständige Ebene von der Körperebene abgrenzt, nicht
als solche benennt. Sollte sich das «positive Gegenstück» zur Individuation in
Gestalt der Berliner Gruppe dadurch auszeichnen, dass dort projektive Mechanismen keine wesentliche Rolle mehr spielen? Bei allem Respekt vor den Bemühungen der Berliner Kolleginnen und Kollegen erscheint mir dies nicht ganz
glaubhaft. Wenn Springer [1998, p. 13] bei der Diskussion «der Frage der Präferenz von Beziehung, also des Arbeitens in der Übertragung vor der Individuation» [vgl. hierzu vor allem Höhfeld, 1997] in der Berliner Gruppe auf Höhfeld
verweist, dann geben dessen methodisch inkorrekt abgeleitete Auffassungen
die Meinung zumindest eines relevanten Teils der Berliner Gruppe wieder. Anstatt sich gegenseitig etwas über Jung vorzumachen, was sich nicht anhand
seiner Texte belegen lässt, sollte man sich vielleicht doch erst einmal die projektive Ebene untereinander mehr bewusst machen.
Bei Foulkes [1971, p. 19] enthält die Projektionsebene auch «das Intrapsychische, an dem alle in der ‹Matrix› Anteil haben». In seinem Versuch der Lösung des cartesianischen Dilemmas mit der Kategorie «intrapsychisch» kommt
Foulkes zum gleichen Ergebnis wie Jung. Das Intrapsychische ist untrennbar
mit dem Beziehungsgeschehen verbunden, ähnlich wie bei Jung der subjektive
Integrationsprozess und mit objektiven Beziehungsgeschehen. Für Foulkes
[p. 20] ist deshalb in der gruppenanalytischen Theorie die Unterscheidung zwischen intrapsychischen, interpersonellen und gruppendynamischen Prozessen
hinfällig. Bei Jung ist die (intrapsychische) Beziehung zum Selbst zugleich die
Beziehung zum Mitmenschen. In ihrer Vermittlung zwischen innen und aussen,
zwischen intrapsychischen Prozessen und Beziehungsgeschehen besteht zwischen den Konzeptionen der Gruppenmatrix und des Selbst eine strukturelle
Entsprechung. Auf der Suche nach einem positiven Gegenstück zur Individuation kommt Höhfeld wieder bei Jung an, anscheinend ohne es zu bemerken, denn
weder er noch Springer beziehen sich auf diesen eminent «jungianischen» Aspekt bei Foulkes, dessen Aufsatz in Deutschland schon seit 1971 vorliegt. Auch
zu Foulkes gelingt es diesen Autoren folglich nicht, eine unvoreingenommene
hermeneutische Beziehung aufzubauen.
Foulkes, der übrigens «eine ganze Anzahl von Jungianern unter der jüngeren Generation [traf], die ein besonders gutes Verständnis für die gruppendynamische Methodik zeigten» [Foulkes, 1974, p. 15], sieht in der primordialen
Ebene der Gruppenprozesse Jungs kollektives Unbewusstes repräsentiert, wo
sich «universelle Symbole» und «Archetypen (z.B. Mutter)» [Foulkes 1971,
p. 19] konstellieren. Wie diese zum gemeinsamen Eigentum der Gruppe werden, lässt sich besonders gut in der gestaltungstherapeutischen Gruppe mit Hilfe der jungianischen Bildinterpretationsmethode beobachten [Krapp, 1989,
pp. 32–58]. Die Kommunikation und Interaktion in der Gruppe über die bildnerischen Symbole kann Individuationsprozesse anregen und auch bei akut psychotisch Kranken die Ich-Selbst-Achse stabilisieren.
In der jungianischen Gruppenkonzeption ist die Interdependenz zwischen
dem Ich und dem Selbst von grosser Bedeutung. Einerseits erhöht die Gruppe
«das Ich, das heisst, man wird mutiger, anmassender, sicherer, frecher und unvorsichtiger, das Selbst aber wird vermindert und zugunsten des Durchschnitts
in den Hintergrund gedrängt» [Jung, zitiert nach von Franz, 1996, p. 239]. Oder
das Ich kann vor dem Selbst in Gestalt des überweltlichen Anthropos kapitulieren, in dem «Freiheit und Würde des individuellen Menschen verankert» sind.
Denn nur «über das Selbst allein kann sich ... der Mensch ohne egoistische Nebenmotive auf den Mitmenschen beziehen, während seine Ichgefühle fast immer von allerhand bewussten oder unbewussten egozentrischen Motivationen
verdunkelt sind» [von Franz, 1996 p. 238].
Schlussfolgerungen
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Die aufgezeigten Entstellungen der Texte und Konzeptionen Jungs wie
auch Foulkes durch Höhfeld, Springer und von der Tann sind meines Erachtens
keine bewussten, beabsichtigten Textmanipulationen oder Fälschungen, sondern unbewusste Entstellungen. Dies dürfte zunächst an einer ambivalenten
Haltung dieser Autoren Jung gegenüber liegen, wozu gerade in Deutschland
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auch Grund vorhanden ist. Darüber hinaus hat Jungs Diskurs selbst etwas
Zwiespältiges. Indem ich darauf noch etwas eingehe, möchte ich gleichzeitig
verdeutlichen, dass meine Ausführungen aus einer kritischen Haltung Jung gegenüber hervorgehen und nicht aus einer Jung idealisierenden fundamentalistischen Gesinnung.
Jungs Diskurs kann mit einem kubistischen Bild verglichen werden, wo
unvereinbare Teilansichten in teils gewollter Widersprüchlichkeit aufeinanderprallen [Krapp, 1997, pp. 426ff]. Die Vielschichtigkeit von Bild- und Textebenen, von logischer und bildhafter Darstellungsweise, und ausgedehnte Exkurse,
die philosophische Gedanken, zeitgenössische Bemerkungen genauso wie
Jungs Empfindlichkeiten seinen Kritikern gegenüber reflektieren, brechen immer wieder den rationalen Diskurs auf und konfrontieren den Leser hautnah mit
dem Unbewussten in Jungs persönlicher Auslegung. «Die Sprache, die ich
spreche, muss zweideutig bzw. doppelsinnig sein, um der psychischen Natur
mit ihrem Doppelaspekt gerecht zu werden» [Jung, 1989/1990, p. 283]. In seiner Darstellung des Unbewussten kann Jung natürlich nicht auf den rationalen
sprachlichen Diskurs verzichten, versucht aber dessen einseitige Ausrichtung
wieder aufzuheben. Durch seine vielfältige Verweisstruktur – in «Mysterium
Coniunctionis» können durchaus drei Anmerkungen in einer Zeile enthalten
sein – ähneln Jungs Texte eher einem Hypertext, wo mehrere Betrachtungsebenen simultan zueinander stehen. Damit befindet sich Jung näher an der Multiperspektivität des Unbewussten, macht aber dem Leser die Orientierung schwer
und aktiviert dessen eigenes Unbewusstes. Probleme in der jungianischen Identität oder Voreingenommenheiten können daher schnell Entstellungen provozieren.
Neben dieser Heterogenität und Ambiguität von Jungs Diskurs ist die
«Aufblähung der Begriffe» [Wyss, 1977, p. XXIX] ein weiteres Problem der
Analytischen Psychologie. Jungs «Neigung, präzisere Definitionen zu vermeiden», sei eine seiner Schwächen, er übertreffe hier «bei weitem seinen von ihm
kritisierten Lehrer [Freud, MK] in der Fähigkeit, Begriffe zur Wesenlosigkeit
zu generalisieren. Selbst der Antilogik, dem irrationalen Charakter der Psyche
eingedenk, ist dieses Verfahren nicht geeignet, den irrationalen Charakter der
Seele zu verdeutlichen, weil es Ungeklärtes und Widersprüchliches in den Begriff aufnimmt. Irrationales wird erfasst, wenn es gelingt, den antilogischen
Charakter psychischer Prozesse im einzelnen und konkret aufzuzeigen»
[pp. 401, 402, Hervorhebungen vom Autor].
Bekanntlich hat auch die wissenschaftliche Reputation Jungs Schaden erlitten. Seine Dissertation ist durch seine persönliche Verbindung zum Medium
seines Versuches, seine Cousine Helly Preiswerk, belastet. Hajek [1994] hat
Jungs Manipulationen eines Traumtextes nachgewiesen, den dieser damit zu
seiner Traumtheorie kompatibel machen wollte. Samuels führt unter anderem
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an, dass Miss Miller «das mythologische und kulturelle Material kannte, welches damals die Grundlage für ‹Wandlungen und Symbole der Libido› und damit für Jungs Version des kollektiven Unbewussten war» [Samuels, 1998,
p. 18].
Wenn Höhfeld, Springer und von der Tann in ihrer Abgrenzung zu Jung
bestimmte akademisch-wissenschaftliche Spielregeln zu wenig beachten, passt
auf sie der auf die Machthypothese Adlers anspielende Ausspruch Jungs:
«Adler hatte, wie viele Söhne, vom ‹Vater› nicht das gelernt, was dieser sagte,
sondern was er tat» [Jaffé, 1971, p. 157, Hervorhebungen vom Autor]. In der
Aufblähung von Foulkes’ Begriff der Gruppenmatrix, den sie willkürlich ihren
eigenen Vorstellungen anpassen, inszenieren Höhfeld und Springer eine Schattenseite Jungs, anstatt eine eigene Begrifflichkeit zu entwickeln. Die Schwierigkeiten dieser Autoren, zu Jung eine hermeneutische Beziehung aufzubauen,
setzt sich in einer weiteren Arbeit von Springer fort, wo diese erneut aus Entstellungen des Originaltexts einen angeblichen «Hinweis auf die Massivität der
Vorurteilsstruktur» [Springer, 2000, p. 35] Jungs hinsichtlich Homosexualität
ableitet. Endlich hat hier ein Herausgeber der «Analytischen Psychologie» Stellung bezogen: «Ernsthaft gesprochen: Hier muss dem Text ein Missgeschick
widerfahren sein, eine Fehlleistung, die der m.E. nachträglichen Aufklärung
bedarf» [Wilke, 2001, p. 64].
Springer [1998] offenbart zudem den Verlust der Fähigkeit, unterschiedliche Positionen in der Analytischen Psychologie zu kommunizieren, wenn sie
keinerlei Dialog mit der Forschungsgruppe am Berliner Jung-Institut herstellt.
In deren Sichtweise hat z.B. «die empirische Psychotherapieforschung inzwischen Jungs dialektische Auffassung der therapeutischen Beziehung weitgehend bestätigt», dass in der Analyse «zwischen den beiden Personen in beiden
Richtungen Interaktionen stattfinden und beide Beteiligte als einander ebenbürtig angesehen werden müssen» [Keller, 1995, p. 299]. Springer dagegen missachtet dieses jungianische Erbe (s Samuels) und verharrt in der orthodoxen
psychoanalytischen Auffassung: «In der Übertragung zu arbeiten, das heisst zu
deuten» [Springer, 1998, p. 15, Hervorhebung von Springer].
Könnte vielleicht auch das Machtvakuum in der Auseinandersetzung mit
dem Irrationalen schwer erträglich sein, welches die Behandlungstechnik der
Analytischen Psychologie auszeichnet? Nach Wyss bringt die Einsicht, «das
‹Aha-Erlebnis› in der Psychotherapie ... irrationales Erleben unter die Herrschaft der Ratio». Dabei «enthält die amplifikatorische Methode auch die
Möglichkeit, die Ratio mehr dem Irrationalen anzunähern als die reduktive
Methode Freuds. Die letztere ist ‹technisch› orientiert, will sie dem Patienten
rationale Macht über Irrationales geben, stammt sie doch aus dem gleichen
Geist, der Technik und auch die Ausbeutung der Natur gebar. Jungs Methode
ist nicht nach Technik, nicht nach Beherrschung, Wille, Zweck und Macht
ausgerichtet und mag aus diesem Grund dem Gegenwartsmenschen in seinem
naiven Glauben an die Wunder des Positivismus weniger imponieren. Dafür
rührt sie an jene Seiten der Psyche, die die Selbstwerdung, die Individuation
und Reifung eher zu fördern vermag als die reduktive Methode Freuds»
[Wyss, 1977, pp. 414, 415, Hervorhebung durch den Autor]. Ein Machtvakuum muss also keineswegs «ein behandlungstechnisches Vakuum» [Höhfeld,
1997, p. 200] sein.
Die psychotherapeutischen Prozessforschung betont die Notwendigkeit
einer Vielfalt von theoretischen Hintergrundannahmen im therapeutischen Prozess. «Wenn ein Analytiker nur rudimentäre theoretische Konzepte für das Verständnis unbewusster Konflikte zur Verfügung hat, dann kann er im komplexen System der Information, welches aus einer aktuellen Übertragungs-Gegenübertragungs-Situation hervorgeht, welche das klinische Material seines Patienten darstellt, auch nur in Übereinstimmung mit denselben rudimentären Konzepten wahrnehmen und interpretieren» [Leuzinger-Bohleber et al., 1992, p. 6,
Übersetzung durch den Autor]. Die Fähigkeit der Kommunizierbarkeit verschiedener Positionen untereinander wie auch der intuitiven Antizipation und
theoretischen Integration aktueller psychotherapeutischer Entwicklungen anderer Schulen ist gerade heute bei den Bemühungen um eine integrative Psychotherapie essentiell. Die hermeneutische Offenheit und Vermittelbarkeit der
Analytischen Psychologie könnte durch das Aufarbeiten der Problematik im
Diskurs Jungs weiter gefördert werden, vor allem wenn das Vorliegen der Gesammelten Werke auf digitalen Speichermedien neue Zugangsmöglichkeiten
dazu eröffnet.
Zusammenfassung
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In seiner neuen Einteilung der Post-Jungianer geht Samuels von vier Schulen aus:
der fundamentalistischen, klassischen, entwicklungspsychologischen und der psychoanalytischen. Die psychoanalytische Schule (oder jungianische Fusion mit Psychoanalyse) ist durch die Verunglimpfung Jungs, die Geringschätzung zentraler jungianischer
Inhalte und den massenhaften Import psychoanalytischer Auffassungen geprägt. Auf
diese Merkmale werden einige Arbeiten deutscher Jungianer untersucht, die sich kritisch mit Jungs Vorstellungen zur zwischenmenschlichen Beziehung, Übertragung und
Individuation auseinandersetzen. Anhand von vergleichenden Textanalysen wird die
Ableitung dieser Thesen untersucht. Die hermeneutische Voreingenommenheit der
untersuchten Arbeiten zeigt sich besonders in Entstellungen der Originaltexte Jungs
durch tendenziöses Zitieren, welche oft den Vorwand für den Import psychoanalytischer Auffassungen bilden. Auch der Versuch, in Foulkes' Begriff der Gruppenmatrix
ein positives Gegenstücks zur Individuation zu konzeptualisieren, offenbart Schwierigkeiten im Aufbau einer hermeneutischen Beziehung zu dieser Konzeption. Die Entstellung der Texte Jungs reflektiert auch eine Schattenseite Jungs, zugunsten seiner Theo-
rien die wissenschaftliche Objektivität nicht immer genau einzuhalten, und die
Schwierigkeiten seines sprachlichen Diskurses aufgrund dessen Heterogenität und
Ambiguität.
Summary
In his new classification of the post-jungians A. Samuels presents four schools of
thought: fundamentalist, classical, developmental, and psychoanalytic. The psychoanalytic school (or Jungian merger with psychoanalysis) is characterised by the denigration
of Jung by not paying attention to specific Jungian ideas and the wholesale import of
psychoanalytic concepts. This article investigates these characteristics in some publications by German Jungians with a critical attitude to Jung which is focussed on human
relationship, transference and individuation. By means of a comparative text analysis,
the mode of deriving these statements is studied. The distortion of Jung’s original texts
by arbitrary quotation reveals hermeneutic prejudices against Jung by these authors and
provides the pretext for the import of psychoanalytic concepts. Even the attempt at conceptualising a positive counterpart to the individuation process in Foulkes’ group matrix
reveals problems in building up a real hermeneutic relationship to this concept. The
distortion of Jung’s texts also reflects his darker side by sometimes neglecting scientific
objectivity in favour of his theories and the difficulties of his literal discourse because
of its heterogeneity and ambiguity.
Literatur
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